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Full text of "Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 12"

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ZEITSCHRIFT 



DES 



AACHENER GESCHICHTSVEREINS. 



IM AUFTRAG DER WISSENSCHAFTLICHEN KOMMISSION 

HERAUSGEGEBEN 
VON 

RICHARD PICK, 

ARCHIVAB. DER STADT AACHEN. 



ZWOLFTER BAND. 




AACHEN. 

VERLAG DER CREMER'SCHEN BUCHHANDLUNG (C. CAZIN). 



1890. 



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HARVARD COM FfiE LIBRARY 
DEC 6 1905 

M0HEN20LLERN COLLECTION 
GIFT OF A. C. COOLJDGE 



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Inhalf. 

1. Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. Von P. Clemen. 

III. Das spatere literarische Portrat 1 

A. Kirchliche Ueberlieferung 3 

B. Volksthtimliche Ueberlieferung. 

1. Frankreich 16 

2. Deutschland 25 

3. Niederlande 34 

4. Italien 35 

IV. Das spatere kiinstlerische Portrat. 
I. Deutschland. 

A. Darstellungsgruppen unter lokaler Ueberlieferung. 

1. Aachen 44 

2. Fulda 65 

3. Mtinster in Graubtinden 66 

4. Zurich. (Mit Abbildung.) 68 

5. Frankfurt am Main 72 

B. Darstellungsgruppen ohne lokale Ueberlieferung. 

1. Die Rheinlande. (Mit zwei Abbildungen.) 74 

2. Norddeutschland. (Mit Abbildung.) 78 

3. Siiddeutschland. (Mit drei Abbildungen.) 86 

II. Frankreich. (Mit zwei Abbildungen.) 94 

III. Italien. (Mit Abbildung.) 117 

Zusammenfassung und Schluss 122 

Exkurs. Die Anfange der Chronikenillust ration \ 133 

Nachtrage und Berichtigungen 142 

2. Romerstrassen im Regierungsbezirk Aachen. II. Von J. Schneider 148 

3. Beitrage zur Geschichte der Grafen von Julich. Von W. Graf von 

Mirbach. 
VII. Walram Graf von Julich 1283—1297. 

1. Der Limburgische Erbfolgestreit 163 

2. Die Worringer Schlacht 168 

3. Die Suhne 173 

4. Walrams Heirath 179 

5. Sonstige Nachrichten iiber Walrams Regierungszeit . . . 183 



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VIII. Gerhard IX. Graf von Jtilich 1297—1328. 

1. Vasallen und Erwerbungen des Grafen Gerhard IX. . . . 191 

2. Die Kinder des Grafen Gerhard IX 207 

3. Wilhelm von Jtilich, Herr zu Grcvenbroich 211 

4. Gottfried von Jtilich, Herr zu Bergheim und Munstereifel 221 

4. Die St. Sebastianus- und Antonius-Schutzenbruderschaft in Geilen- 

kirchen. Von M. Schollen 227 

5. Kleinere Mittheilungen. 

1. Die Schreibkunstler der karolingischen Hofschule zu Aachen. 
Von St. Beissel S. J 315 

2. Die WOlfin des Aachener Mtinsters. Von St. Beissel S. J. . 317 

3. Zur Geschichte der Burgen und Rittergttter in der Aachener 
Gegend. I. Von R. Pick 320 

4. Schutteltag? Von B. M. Lersch 328 

5. Zu dem Aufsatz „Albrecht Diirer in Aachen 1520 a . Von 

A. Curtius 332 

6. ZumLeben des Schulmanns Leonhard Schmitz. Von F. Oppen- 
hoff 332 

6. Literatur. 

1. H. H. Koch, Die Karmelitenkloster der Niederdeutschen Pro- 
vinz. 13. bis 16. Jahrhundert. Angezeigt von E. Pauls . . 334 

2. J. M. Curicque, Me*moire historique sur le culte ecclGsiastique 
du bienheureux empereur Charlemagne depuis les temps les 
plus recules jusqu'a nos jours. Angezeigt von H. Loersch 336 

3. Aus Zeitschriften. Von H. Loersch und R. Pick . . . . 337 

7. Fragen 344 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 

Von P. Clemen. 

III. Das spatere literarische PortrJit. 

Die poetische Ueberlieferung hatte sich der Person Karls 
mit ungewohnlicher Schnelligkeit bemachtigt: die poetische Ge- 
schiehte des Kaisers beginnt schon bei seinen Lebzeiten. Schon 
wahrend seiner letzten Jahre erklangen die Gesange seiner 
Waffengenossen, die zuerst der Astronom erwahnt \ die in den 
Erzahlungen des Monclies von St. Gallen leben. Unter Ermoldus 
Nigellus waren sie bereits im ganzen Umfang des karolingischen 
Eeiches verbreitet 2 , und dass sie nicht erst unter Ludwig d. Fr. 
entstanden, bezeugt der Poeta Saxo 3 und eine Notiz am Ende 
einer Pariser Handschrift des Einhard (Bibl. nat. lat. 5354) 4 . 
Die altesten Triimmer dieser Gedichte, die uns erhalten, die 
Reste eines Gedichts vom Sarazenenkampf im Cod. lat. 921 
der konigl. Bibliothek im Haag 5 , gehen freilich nur bis ins 10. 



*) Vita Hludowici, SS. II, p. 608: Quorum, quia vulgata sunt, nomina 
dicere supersedi. 

*) Ermoldus Nigellus II, p. 191: 

Haec canit orbis ovans late, vulgoque resultant; 

Plus populo resonant, quam canat arte melos. 

3 ) Poeta Saxo V, 115, SS. I, p. 268: 

Est quoque iam notum: vulgaria carmina magnis 
Laudibus eius avos et proavos celebrant, 
Pippinos, Carolos, Hludovicos et Theodricos 
Et Carlomannos Hlothariosque canunt. 
Vgl. audi V, 377, SS. I, p. 273. 

4 ) Reliqua actuum eius gesta, seu ea quae in carminibus vulgo canuntur 
de co, non hie pleniter descripta, sod require in vita qua.n Alchuinus de eo 
scribit. 

6 ) Pertz fand die Reste eines Gedichts von einem Sarazenenkampf, das 
er aiif die Belagerung von Pampelona bezog (SS. Ill, p. 708—710, not.); 
Gaston Paris, Histoire poetique de Charlemagne p. 85 bezeichnete es als 
die Nachahmung eines der Gedichte aus dem Cyklus des Aimeri de Narbonue, 



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2 P. Clemen 

Jahrhundert zuriick. Aber die Chanson de Eoland und ilire 
Schwestern beziehen sich wiederholt auf altere verloren ge- 
gangene Gesange 1 . 

Diese erste poetisehe Ueberlieferung schon verfuhr aber 
sehr frei mit ihrem Stoffe : nicht der geschichtliche Karl ist es, 
von dem die Kantilenen berichten, sondern der Karl, wie er sich 
den Herzen der Zeitgenossen eingepragt. Die verschiedenen 
Lander, in denen Karl als Sieger erschienen, bildeten seine 
Gestalt weiter aus, zunachst nach dem individuellen Bilde, das 
gerade ihren Landsgenosse^i von Karl geworden, nach der Seite, 
in der er sich ihnen gezeigt, nach dem Mehr oder Minder der 
poetischen Gestaltungskraft, und dann nach dem Heldenideal, 
das ihnen vorschwebte, nach den Lieblingsgestalten der Sage, 
die im Volksboden fruher Wurzel geschlagen, die neue Sagen- 
gestalt diesen annahernd, einzelne Ztige von ihnen entleihend. 
Phantastische Traditionen, die jetzt wieder aufleben, werden 
mit dem neuen Helden verkniipft, die Ahnen Karls verschwinden 
in ihm, aber auch altere Ztige, selbst mythische, werden ein- 
gereiht; daneben dringt eine Fulle jungerer Anschauungen, zumal 
der Kreuzzugsgedanken ein. Wie die einzelnen Lander nach 
der Auflosung des alten frankischen Reiches die durch Karl in 
sie gepflanzten Staatsgedanken unabhangig und oft im Gegensatz 
zu einander weiter entwickeln, so bilden sie auch die Tradition 
von dem Schopfer dieses Gedankens selbstandig aus. 

So entwickelten sich in den einzelnen Landern, zunachst 
in Frankreich, dann in Deutschland, den Niederlanden, Italien, 
Spanien ganz eigenthumliche, durch wesentliche Ztige verschiedene 
Bilder des Kaisers, die dann durch den tibermachtigen Einfluss 
der franzosischen Ueberlieferung auf kurze Zeit in den Hinter- 
grund gedrangt werden, urn sich endlich mit dieser zu einer 
Reihe neuer Typen zusammenzuschliessen. Diese verschieden- 
artige Charakteristik des Sagenhelden Karl spiegelt sich nach 

und zwar eines Theils der Belagerung von Girone. Ein Gedicht von Aimeri 
de Narbonne kann aber im 10. Jh. nicht existirt haben, da dessen Held erst 
um 1105— 1134 lebte (Histoire litteraire de France XXII, p. 467). Hofmann, 
Das Haager Fragment, in den Miinchener Sitzungsberichten d. Akademie 1871, 
S. 328 nimmt an, dass es ein in Prosa umgesetztes Bruchstiick eines hoclist 
wahrscheinlich epischen Gedichts sei, das einem Cyklus von GuiUaume d'Orango 
angehort habe. 

J ) Chanson de Roland, ed. Leon Gautier p. 134, CXXI, 1443; CXXIV, 
1446; CCXCVIII, 3742. 



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Die PortrStdarstellungen Karls des Grossen. 3 

dem in der Einleitung erlauterten Prozess nun wieder in der 
gleichzeitig veranderten physischen Charakteristik des Kaisers. 
Dass dies schlagend nachzuweisen moglich ist, ist zumal 
dem Umstand zu danken, dass in Anlehnung an Einhards 
Charakteristik fast alle geschlossenen sagenhaften Ueberliefe- 
rungen eine ausfiihrliche Beschreibung des Aeussern Karls, dieses 
mit seinen geistigen Eigenschaften verquickend und in Beziehung 
setzend, bringen. Die kunstlerische Darstellung muss naturlich, 
soweit sie nicht auf fruhere Vorbilder zurlickgeht, dieselbe 
Entwicklung zeigen — denn das kunstlerische Portrat ist nicht 
allein durch das literarische beeinflusst oder hervorgerufen : 
beide sind zunachst Niederschlage derselben gestaltenden Ein- 
bildungskraft in zwei verschiedenen Ausdrucksformen — soweit 
die Phantasie frei schafft, muss die Entwicklung in der bildenden 
Kunst der der literarischen Ueberlieferung parallel laufen. 

Neben diesen lokalen profanen Ueberlieferungen steht als 
international die kirchliche, nirgends rein zu Tage tretend, aber 
das verkniipfende Band und theilweise die gemeinsame Basis 
fur die Einzelausgestaltung der Sage abgebend. Sie ist darum 
audi aus dem lokalen Rahmen ausgesondert im Voraus zu 
betrachten. 

A. Kirchliche Ueberlieferung. 

Schon in den ersten erhaltenen Gesangen mischt sich volks- 
thtimliche Tradition mit kirchlicher Ueberlieferung *, beim Monch 
von St. Gallen liberwiegt noch die erstere — waren doch seine 
Quellen lediglich die Erzahlungen alter Waffenbriider Karls, 
Adalberts, des Kriegers in Gerolds Heer, und Werimberts. Bei 
ihm schon finden sich einzelne Ztige, die von den franzosischen 
Liedern vor alien aufgegriffen wurden, angedeutet, aber noch 



2 ) Doch ward das Bild des Kaisers durchaus noch nicht von seinen 
Schattenseiten gereinigt: wie hatte sonst Walafrid bei seinen engcn Be- 
ziehungen zum Hof Ludwigs d. Fr. es wagen konnen, die visio Wettini, die 
Karl zur Strafe fiir seine Ausschweifungen im Hollenfeuer braten lasst, in 
Verse zu bringen (Poet. lat. II, p. 301—334; C. P. Bock in den Jahrbiichern 
des Ver. v. Alterthumsfreunden L, S. 5; Haagen, Karls des Grossen Grab 
S. 25; Simson, Jahrbiicher d. frank. Rciches unter Ludwig d. Fr. I, S. 13). 
Vgl. He it on is visio Wettini: Poet. lat. II, p. 271. Ganz ahnlich schaut eine 
Fran Karl in Hollenqualen : Visio cuiusdam pauperculac mulieris, abgedruckt 
Wattenbach a. a. 0. I, S. 260, Anm. 3. 



X 

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4 P. Clemen 

maBvoll, die Schilderung Einhards nur erweiternd. Die „uber- 
grossen, lebhaften" Augen des Hofbiographen strahlen bei ihm 
feurige Blitze aus, so dass ein Bischof, den er anblickt, wie 
vom Donner geriihrt, zuriicksinkt \ die byzantinischen Gesandten, 
denen er herrlich wie die Sonne bei ihrem Aufgang erscheint, 
von seinem Anblick fast entseelt, mit stockendem Athem in den 
Staub niederstiirzen 2 — denselben Eindruck bringt die Er- 
scheinung des von Eisen starrenden Kaisers bei Desiderius und 
Otkar vor den Mauern Pavias hervor 3 . 

Die rein kirchliche Ueberlieferung 4 findet sicli zunachst in 
der den Sarazenenkampfen den Ursprung dankenden Sage von 
einem Kreuzzug Karls, die zuerst beim Moncli vom Berge Soracte 
auftaucht 5 , um sodann in der Histoire du voyage de Charlemagne 
& Jerusalem mit den Erzahlungen von den morgenlandischen 
Eeliquien, die Karl nach Aachen gefiihrt 6 , in Verbindung ge- 
bracht zu werden. Es findet sich dies Marchen in alien spatern 



*) Mon. Sangall. I, c. 19, SS. II, p. 739, 1. 30: Ad quod improbissimum 
responsum fulmineas in eum acies imperator intorquens, attonitum terrae 
prostravit. C. 26, SS. II, p. 743, 1. 26: terribilis Karolus. II, c. 12, 17. 

2 ) Mon. Sangall. II, c. 6, SS. II, p. 750, 1. 31: Stabat autem glorio- 
sissimus regum Karolus iuxta fenestram lucidissimam, radians sicut sol in 
ortu suo (vgl. Theodulfi carni., Poet. lat. I, p. 485, 68: sol ut in arce solet), 
gemmis et auro conspicuus. L. 41 : Tunc consternati inissi Graecorum, deficiente 
spiritu et consilio perdito, muti et exanimes in pavimentum deciderunt. Den 
Gesandten der Perser (II, c. 8, SS. II, p. 751, 1. 25) erscheint excellentissimus 
Karolus ita terrificus prae omnibus, quasi numquam regem vel iniperatorcm 
prius vidissent. Immer wieder zum Kaiser zurtickkehrend, machen sie ihrer 
Freude in Lachen Luft, die Hande zusammenschlagend rufen sie aus: Prius 
tcrreos tantum homines vidimus, nunc autem aureum. 

8 ) Mon. Sangall. II, c. 17, SS. II, p. 759, 1. 40. 

4 ) Ein erster Anklang schon in der Weissagung des h. Willibrord auf 
Karl in dem Cod. lat. 167 saec. XI der Stadtbibliothek zu Trier. (Archiv 
VII, S. 517; Kraus, Ein Fragment Trierscher Geschichtschreibung, in den 
Jahrbuchern d. Ver. v. Alterthumsfreunden XLII, S. 122.) 

6 ) Chronicon Benedicti sancti Andreae monachi, SS. Ill, p. 708, c. 23. 
Dazu Pertz im Archiv V, S. 149. Aus der Chronik Benedikts freilich floss 
die Ueberlieferung nicht in die spatere Literatur; sein Werk ist unter seinen 
Nachfolgern nur benutzt von Martinus Polonus: Weiland im Archiv XII, S. 33. 

6 ) Descriptio qualiter Carolus Magnus clavum et coronam Domini a 
Constantinopoli attulerit qualiterque Carolus Calvus haec ad sanctum Diony- 
sium retulerit (dies der al teste Titel). Vgl. Lebeuf , Histoire de Pacademie 
des inscriptions XXI, p. 126. Die alteste Handschrift ist Cod. lat. St. Germ. 
1085 der Bibl. nat. zu Paris (entstanden zwischen 1060 und 1080). Die Er- 
zahlung zuerst von Petrus Comcstor (f 1180) aufgenommen, nach ihm die 



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Die Portr&tdarstellungen Karls des Grossen. 5 

Kompilationen von Gui de Bazoehes bis auf des Robert Gaguin 
Grandes chroniques de France 1 . 

Die grosste Verbreitung erhielt die kirchliche Legende aber 
durch die Chronik des falschen Turpin, die, seit sie im Jahre 
1122 von Papst Kalixt II. fur authentisch erklart worden 2 , 
in ungezahlte Chroniken Aufnahme fand 8 . Das Buch besteht aus 



Krone von Karl d. Gr. nach Aachen gebracht, von Karl dem Kahlen nach 
St. Sauveur in Charroux. Die Reliquienuberftthrung nach Charroux kann 
jedoch nicht vor dem 11. Jahrhundert stattgefunden haben (nach Mabillon, 
Annal. Ben. II, p. 271, Abrege* de l'ordre de St. Benoit II, p. 253, 397 von 
Roger von Limoges gegriindet, unrichtig die Notiz liber die Griindung in der 
Chronique de Maillezais: Nova biblioth. libror. manuscr. II, p. 194. Vgl. de 
ChergS, Notice sur Pabbaye de Charroux, in den M6moires de la soci6t6 
des antiquaires de POuest I, p. 233; Foncemagne, Histoire de Pacademie 
des inscriptions XXI, p. 151). Die gleiche Reliquie haben tibrigens fiinf 
andere Kirchen (G. Paris, Histoire poStique de Charlemagne p. 57), wozu 
noch nach dem Ceremonial vom Jahre 1697, p. 197 Metz kommt. Andere 
Ueberlieferungen im Cod. 1173 (Y. 11) saec. XII der Bibl. zu Rouen auf 
fol. 147 (vgl. H. Omont, Catal. des man. I, p. 294) und im Cod. 280 der 
Ecole de mGdecine zu MontpelKer (Rigor di relatio, quomodo Carolus Magnus 
attulerit Christi clavum et coronam). Die Erzahlung findet dann Aufnahme 
in d. Chron. nobiliss. ducum Lothar. et Brabant, lib. II, c. 26 (ed. Fr. X. de 
Ram I, p. 186), in etwas anderer Lesart im Cod. 3805 saec. XV der kgl. 
Bibl. zu Brtlssel auf fol. 253 b . 

*) Die Geschichte von dem Zug Karls nach Jerusalem findet sich zun&chst 
in der vita Caroli des Anonymus Aquensis (in der altesten Pariser Hand- 
schrift, Cod. lat. 17656 Bibl. nat. auf fol. 11 und 14) vbllig ausgebildet. 
Kurz vorher erwahnt Wilhelm von Malmesburi mit Bezug auf Jerusalem: 
Legi ego in scripto Bernardi monachi (vgl. iiber ihn Hist. litt. de France V, 
p. 375), quod hospitatus fuerit in xenodochio, quod . . . gloriosissimus Carolus 
Magnus construi iusserat. Vgl. Hist, de Pacad. des inscriptions XXI, p. 154. 
In Li livres dou tresor des Brunetto Latini (ed. P. Chabaille: Collection 
des docum. in6dits sur Phist. de France p. 85) ist nur im AUgemeinen von 
den Kampfen Karls mit den Feinden der Kirche die Rede, dafiir hndet sich 
die Sage ausflihrlich in La geste de Liege, v. 13497, II, p. 670 und in De 
Brabantsche Yeesten von Jean de Klerk, 1. II, c. 8 (ed. J. F. Willems 
I, p. 124). Die plattdeutsche Legende von 1404 (s. u.), die Gaston Paris 
1. c. p. 57, not. 1 als Uebersetzung der genannten Sage anfuhrt — ohne sie 
zu kennen — geht auf eine spatere, zum grossen Theil auf Turpin beruhende 
Kompilation zuriick. 

2 ) Acta Sanctorum Januarii II, p. 875. 

8 ) Vgl. die grundlegende kritische Untersuchung von Gaston Paris, 
De Pseudo Turpino; Ders., Histoire poetique p. 58; Grimm, Ruolantcs Liet. 
Einl. S. XXXIV; Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung I, S. 360; 
Anzeige von G. Paris durch S. Abel in den Gbttinger Gelehrten Anzeigen 1866, 
S. 1295. 



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6 P. Clemen 

zwei gesonderten Theilen: an ein Heftchen, das urn die Mitte 
des 11. Jalirliunderts ein Moncli von Kompostella zum Ruhme 
der Kirche St. Jakob schrieb \ schliesst sicli ein zweiter Theil, 
der zwischen 1109 und 1119 von einem Moncli in St. Andreas 
zu Vienne verfasst wurde 2 , papstliche Schreiben bilden den 
Schluss. Nur der zweite Theil kommt hier in Betracht. Dass 
Turpin nicht Quelle der epischen Poesie sei, sondern im Gegen- 
theil aus den carmina vulgaria entstanden, ist langst anerkannt 3 . 
In eigenthiimlicher Weise mischt sich ein kirchlicher Zug hier 
mit lokalfranzosischen Sagenelementen : wir haben in der Schilde- 
rung Karls bei Turpin die letzte Vorstufe zu der Art, wie ihn 
die Chanson de Roland fasst. Zeigte der Monch von St. Gallen 
bei seiner Schilderung Karls nur die menschlichen Eigenschaften 
auf das hochste MaC angestrengt, so ist bei Turpin Alles in 
das Uebermenschliche gesteigert. Eine Phantasie, die allem 
Unbestimmten abhold, stets ein vollendetes, abgeschlossenes Bild 
schaut, malt in behaglicher Breite die ganze Gestalt aus. 
Realistisch freilich ist diese Schilderung bei aller Ausfiihrlichkeit 
nicht zu nennen — dazu fehlt die Ausstattung mit kleinen 
individuellen Ziigen ; nur der allgemeine Eindruck der ungeheuren 



*) Cap. I— V. Zweifel an der Einheit der Chronik bereits bei V. Le 
Clerc, Histoire litteraire de France XXI, p. 273. Der Autor des ersten 
Theils, geschrieben vor Entstehung der Historia Compostellana, fiihrt Turpin 
nie an. Paris 1. c. p. 21. Dagegen E. Dozy, Recherches sur l'Espagnc II, 
p. 328. Auf eine friihe Abzweigung dieses Theils geht zurtick die Er- 
zahlung „De Carolo Magno et de fnndatione monasterii Campodum" mit 
Aufzahlung der 29 dort geschehenen Wunder auf fol. 7 des Cod. lat. 27239 
der Staatsbibliothek zu Mtinchen. 

2 ) Cap. VI— XXXII. Der Autor fiihrt sich ein als ego Turpinus 
(Castets, cap. XI, p. 17). Ueber die geschichtliche und sagenhafte Gestalt 
Turpins s. Gautier, Chanson de Roland p. 21, not. und Epopees franchises 
I, p. 70. Diese Ueberlieferung zuerst erwahnt 1166 von dem Aachener 
Kleriker in der vita Caroli: Acta SS. Jan. II, p. 875. In der 1225 ent- 
standenen Chronik von St. Denys als bekannt vorausgesetzt; prol.: „a quadam 
historia, quae nomine Turpini intitulatur". Vgl. Natal is de Wailly, Examen 
de quelques questions relatives a Torigine des chroniques de Saint-Denys, in 
den Memoires de TacadSmie des inscriptions et belles-lettres XVII, 1, 379. 

8 ) Turpin sagt selbst cap. XI: de hoc canitur in cantilena usque in 
hodiernum diem. Vgl. Fauriel, Revue des deux mondes VIII, 271. Zuerst 
bemerkt von Oihenart, Notitia utriusque Vasconiae p. 397. Ausfuhrlich 
Paulin Paris, Les manuscrits frangais de la biblioth6que du roi. I. Berte 
aux grans pi6s p. 211. Vgl. auch Neue Jahrbucher fttr Philologie mid 
Padagogik, Jahrg. Ill, Bd. VII, Heft 2, S. 204. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 7 

Personlichkeit wird wiedergegeben, bei der Anfulirung der ein- 
zelnen Korpertheile wiederholt und dadurch gesteigert. Wir 
sehen den Monch von St. Andreas tiberzeugt von der Grosse 
seines Helden und sein Ringen, dieser gerecht zu werden 1 . 



J ) Trotz wiederholter Ausgaben ist kein ausreichender Text hergestellt, 
da die Herausgeber sich begniigt, die ihnen zunachst zu Gebot stehenden 
Handschriften heranzuziehen, so Castets nur 7 Hs. in Montpellier. Ich lege 
zu Grunde den Text von Ferd. Castets (Turpini historia Caroli Magni et 
Rotholandi, in den Publications sp6ciales de la societe" pour l'Stude des langues 
Romanes 1880) und gebe dazu die Lesarten von Seb. Ciampi (De vita 
Caroli Magni et Rolandi historia) und von einer Reihe von mir kollationirter 
deutscher Handschriften, Cod. 126 der Bihliothek des Domgymnasiums zu 
Halberstadt (bez. H), Cod. lat. 44 der Dombibliothek zu Magdeburg (bez. 
Ma), Cod. lat. 11319 Polling 19 (bez. Ml), Cod. lat. 22246 Windberg 46 
(bez. M2), Cod. lat. 14617 Emmeran G. 1 (bez. M3) der Staatsbibliothek zu 
Milnchen, Cod. lat. Dd. I. 17 der Univ.-Bibl. zu Cambridge (bez. C), Cod. 
lat. D. V. 15 (E. III. 3) der Univ.-Bibl. zu Basel (bez. B). Cap. XX (Castets 
p. 39, Ciampi, cap. XXI, p. 56): Et erat (M2: hie) rex Karolus capillis 
(C: capillosus capillis brunis, Ciampi: fehlt) brunis (Montpellier, Bibl. Cod. 
H. 281 saec. XIV: birris, Ma, H: Beatus Carolus rex a proavis regibus 
oriundus erat capillis brunis), facie rubeus (Ml: rubea, Ma: rotundus), corpore 
decorus (Ma: decens) et venustus (Ma: fehlt) sed visu efferus. Statura vero 
eius erat in longitudine (B : longitudinem, Ma : fehlt) octo pedum (M2 : pedibus) 
suorum (M2: fehlt), scilicet qui erant longissimi, amplissimis renibus (Ciampi: 
humeris erat amplissimis, renibus aptis, M2, Ma: aptus), ventre congruus, 
(Ciampi: congruo) brachiis et (B: fehlt) cruribus grossus, omnibus artibus 
fortissimus (Ciampi: formosissimus), certamine doctissimus (Ciampi: fortissimus, 
M2: citrocissimus, Ma : velox), miles (Ml: milite) acerrimus. (Ma: ... miles 
acerrimus, oculis inspiciebat, donis largissimus, iudiciis rectus. Locucionibus 
loculentus multas terras ac diversas acquisivit et Christi nomini subiugavit. 
Quam plurimas ecclesias cathedrales et abbacias per mundum instituit et 
sglemniter ditavit.) Habebat in longitudine facies eius unum palmum et 
dimidium, et barba unum, et nasus circiter dimidium, et frons eius erat unius 
pedis et oculi leonini (Ciampi: oculi eius similes oculis leonis) scintillantes 
ut carbunculus (H: scintttlantibus ut carbunculus, Ml: carbunculi). Supercilia 
oculorum eius dimidium palmum habebant : omnis homo (B : statim) perterritus 
erat (H: statim), quern ipse (H: beatus Karolus) ira commotus apertis oculis 
respiciebat (Ml: aspiciebat). Cingulum (M2: cingulus) namque (M2: itaque), 
quo ipse cingebatur, octo palmis extensum (Ciampi: extensus) habebatur (B: 
extendebatur), praeter illud, quod dependebat (M2: praeter corrigias, quae 

pendebant) Tantae fortitudinis erat (Ciampi: Hie fortitudine tanta 

erat), quod militem armatum (Ml: unum et armatum, M2: armatum et ini- 
micum), scilicet iniinicum suum, sedentem super equum a vertice capitis usque 
ad bases simul cum equo uno (M2: solo) ictu spata propria secabat (M2: 
trucidabat); quattuor ferraturas equorum (Ciampi: quattuor equoruin ferros 
similiter [sic]) simul manibus facile (M2 : leviter) extendebat ; inclitem armatum, 



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8 P. Clemen 

„Lichtbraunes Haar, rothliche Gesichtsfarbe hatte Karl, 
sein Korper war herrlich anzusehen und wohlgebaut, nur seine 
Ztige wild. Acht seiner Fiisse — und diese waren iibergross — 
maJS seine Gestalt, seine Schultern waren sehr breit, Htiften 
und Bauch seiner Grosse angemessen, Arme und Beine sehr 
dick, alle seine Gliedmafien tiberaus stark gebaut, er selbst 
schon von Ausselien, gewandt im Kampfe, ein gewaltiger Kriegs- 
mann. Sein Antlitz mafi anderthalb Spannen, sein Bart eine, 
seine Nase eine halbe, seine Stirn hatte die Lange eines halben 
Fusses, seine Augen glichen denen des Lowen und funkelten 
gleich gliihenden Kohlen. Seine Augenbrauen mafien eine halbe 
Spanne: jedweder entsetzte sich, den er zornig mit offenen 
Augen ansah. Sein Gtlrtel mafi, die nicht gekntipften Enden 
abgerechnet, acht Spannen/ 

Unglaubliches wird von seiner Tapferkeit berichtet, von 
ihm zuerst der Schwabenstreich erzahlt, der Reiter und Eoss 
mit einem Hieb spaltet 1 , er ist freigebig, gerecht, fromm, der 
Sarazenenzug ist schon zum Kreuzzug geworden. 

recte (Ml: rectum) stantem super palmam suam, a terra usque ad caput 
suum sola manu velociter elevabat. Et erat donis largissimus, iudiciis rec- 
tissimus, locutionibus luculentus. 

In der poetischen Bearbeitung des Turpin, dem Karolellus, nach 1. VII, 
c. 6, v. 92, wo gemeldet wird, der Leib des Turpin sei in das Kloster des Autors 
uberfiihrt, wahrscheinlich von dem Monch von St. Andreas selbst verfasst 
(vgl. Michel, Chanson de Roland, Archiv VII, S. 77), entspricht dem c. 20 
des Prosaturpin 1. IV, c. 5, v. 302—319 (ed. Merzdorf p. 43): 

Sed quod nos Karoli partim descripsimus actus, 

Eius personam volumus depingere, crinis 

Huius erat rubeus, facie speciosus, honesto 

Membrorum ductu, visu ferus et metuendus, 9 

Corpore levis erat, pariter mensura venusta 
i Corporis octo pedes compleret et insuper unura; 

Renibus amplus erat, mediocriter congruus alvo, 

Bracchia grossa gerens, et curva per omnia membra 

Magnifica virtute potens in turbine belli. 

Palmo pollebat facies sua, dimidioque 

Nasus cum barba replebat circiter unum. 

Frons erat unius pedis et feritate leonis 

Candebant oculi rutilantes fulgur et ignis, 

Longa supercilia sub magna nube latentes 

Velabant oculos: statim perterritus esset 

Si quern prospiceret oculis iratus apertis. 
*) Vgl. auch cap. VIII, Castets p. 12: TuncCarolus stans pedibus cum 
duobus millibus Christianorum peditum in medio belli Sarracenorum evaginavit 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 9 

Die umfassende poetische Bewegung, die sich in Frankreich 
zunachst an den Namen Karls kntipfte, konnte'auch die Geschicht- 
schreibung nicht unbeeinflusst lassen. Turpin schloss sich in 
Stil und aussern Formen den Historikern am meisten und engsten 
an : durch seine Vermittlung haben die epischen Stoffe mehr oder 
minder vollstandig in alle Chroniken Aufnahme gefunden, durch 
seine Vermittlung auch ist die sagenhafte Gestalt Karls in die 
Auffassung der Geschichtschreiber iibergegangen — fur die 
Legendenschreiber bildete Vincenz von Beauvais *, fur die Chro- 
nisten Alberich von Trois-Fontaines die Mittelsperson 2 . Ekkehard 
von Aura verwahrt sich noch ausdrticklich gegen die fabelhaften 
Ueberlieferungen tiber Karl d. Gr. ; in der gleichzeitigen Francorum 
imperatorum historia brevissima dagegen hat die karolingische 
Sage schon vollen Eintritt gefunden. In dem Pantheon des 
Gottfried von Viterbo findet sich die Erzahlung von Karls 
Kreuzzug bereits in die historische Ueberlieferung vollig ein- 
gereiht. Die Marbacher Annalen benutzen noch Einhard und 
Turpin nebeneinander, in der Poehlder Chronik, der Chronik von 
Gandersheim, der Braunschweigischen Keimchronik, vor Allem 
aber bei Martin von Troppau behaupten dagegen die sagenhaften 
Ueberlieferungen das Feld. 

Die eigentlich kirchliche Legende ward geschaffen von 
Friedrich Barbarossa, einem der grossten Bewunderer Karls 3 , 
der, unterstiitzt von Heinrich II. von England, am 28. Dezember 
1165 durch Erzbischof Keinald von Koln unter Zustimmung des 
Papstes Paschalis III. seine Kanonisation aussprechen liess 4 . In 
dem Diplom Friedrichs, das die Eechtstitel herzahlt, auf Grund 



spatam suam nomine Gaudiosam et trucidavit multos Sarracenos per medium. 
Aehnlich Charlemagne, an anglo-norman poem of the twelfth century, cap. 59, 
Spater dies Motiv iibertragen auf Roland: Gautier, Chanson de Roland 
CXXXVII, 1601—1606, p. 150. 

*) Vincentii Bellovacensis speculum historiale, lib. XXIV, 1. 

2 ) Alberici Trium Fontium chronicon, SS. XIII, p. 718. 

3 ) Vita Caroli: Acta SS. Jan. II, p. 875 (Ausgabe Antwerpen 1643): Vere 
enim speramus, eum huius canonizationis auctorem a Deo ad id praelectum, 
quem a primo illo iustissimo Carolo Magno alteram Carolum Magnum mundo 
credimus illuxisse. 

4 ) Acta SS. Jan. II, p. 888 : De translatione s. Caroli Impcratoris Magni. 
Migne, SS. Carolini II (Patrologia, ser. II, torn. 98), p. 1360, 1367. Vgl. Walch, 
Historia canonizationis Caroli Magni variis observationibus illustrata p. 8, 



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10 P. Clemen 

deren Karl zum Heiligen erwahlt 1 , ersclieint er durchaus als 
Glaubensheld und B N eschtitzer der Kirche, als fortis athleta et 
verus apostolus 2 . Endlich liess Friedrich durch einen Aachener 
Kleriker im Jahre 1166 eine neue vita Caroli verfassen, in 
welcher mit Benutzung des Turpinschen Berichts das Bild des 
Glaubensstreiters endgtiltig mit dem des sagenhaften Kriegshelden 
verschmolzen ward 3 . 

Auf Turpin und die im Anschluss daran entstandene vita 
gehen alle die in den folgenden Jahrhunderten fur den kirch- 
lichen Gebrauch geschaffenen prosaischen und poetischen Be- 
arbeitungen zuriick, die Legenden, Wundersammlungen und 
Lebensabrisse in den Cod. lat. 903, 27239, 19487 der Staats- 
bibliothek zu Miinchen 4 , im Cod. lat. H. 55 der Stadtbibliothek 



*) Diploma Frederici I. imperatoris de elevatione et canonizatione 
s. Caroli: Acta SS. II, p. 888; Migne II, p. 1360. 

2 ) Migne II, p. 1391 : In fide quoque Christi dilatanda, et in conversione 
gentis barbaricae fortis athleta fuit et verus apostolus. Derselbe Ausdruck 
in den Miracula b. Caroli: Acta SS. II, p. 891. 

8 ) Miracula b. Caroli ab auctore anonymo, tempore Frederici I. imp.: 
Acta SS. Jan. II, p. 890. Zu den Handschriften II, p. 875 b Migne II, p. 1362. 
Qedruckt sind nur der Prolog und die Kapiteliiberschriften. Vollstandig 
erhalten unter dem Titel: Brevis historia de sanctitate meritorum et gloria 
miraculorum Caroli M. im Cod. lat. 17656 saec. XII (aus der Kirche zu Paris), 
im Cod. lat. 6187 saec. XIII (nach Eintragung auf fol. 220 a in Kbln ge- 
schrieben), und Cod. lat. 4895 a saec. XIV der Bibl. nat. zu Paris, im Cod. 
lat. 4372 (theol. 258) und 13402 (suppl. 1389) der k. k. Bibl. zu Wien (vgl. 
Tabulae cod. man. palat. Vindob. Ill, p. 253, VII, p. 218), im Cod. lat. 14279 
zu Miinchen (vgl. Coloman Sanftl, Catal. vet. cod. ms. ad s. Emmeram. 
Katisbon. II, p. 828 im Cod. Monac. bav. cat. 14). Analyse der Wiener 
Codices bei Lambecius, Commentarii de augustissima bibl. Caesar. II, p. 
329; Kollar, Analecta monumentorum omnis aevi I, p. 468. Ausziige bei 
Reiffenberg, Philippe Mouskes I, p. 625. Spate Abschrift im Archiv der 
Mtmsterkirche zu Aachen, Auszug im Cod. G. 73 der Stadtbibl. zu Metz 
(nur 11 cap. enthaltend, davon 9 aus der vita des Anonymus, die beiden 
letzten aus Turpin und Einhard), vgl. Mone, Zur karolingischen Sage, im 
Anzeiger fur Kunde d. deutschen Vorzeit V, S. 313. Die Bollandisten geben 
den Inhalt an nach der Hs. des Klosters Corsendonk in Belgien, die Hs. aus 
der Abtei St. Ived de Braine bei Soissons saec. XIV (Martene et Durand, 
Voyage II, p. 25) genau beschrieben von Curne de Sainte-Palaye, Notice 
d'un manuscrit intitule Vita Caroli Magni : Acadtfmie des inscriptions, s6r. I, 
torn. VII, p. 280. Schlecht edirt von Kant z el er in den Publications de la soc.hist. 
et archSolog. dans le duche de Limbourg XI, eine genaue Ausgabe von 
G. Rauschen in Vorbereitung. 

4 ) Cod. lat. 903 monasterii s. Jacobi Scotorum Ratisbonae fol. 104 b : De 
iustitia regis Karoli Magni. Cod. lat. 27239 (Stift Kempen 44) fol. 7: De 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 11 

zu Metz 1 , in den Cod. lat. 192 und 214 der Gymnasialbibliothek 
zu Koln 2 , im Cod. lat. 126 der Domgymnasialbibliothek zu Halber- 
stadt 3 , im Cod. 44 der Bibliothek zu Magdeburg 4 , im Cod. 8 
der Bibliothek zu Epinal 5 , im Cod. 1173 (Y. 11) der Bibliothek 
zu Rouen 6 , im Cod. 3 der Bibliothek zu Verdun 7 , im Cod. 987 
regin.Christin. der Vatikana 8 . Eine schmeichelnde Schonf&rberei, 
die aller geschichtlichen Ueberlieferung zuwider, auch die Flecken 
des Helden als Lichtseiten erscheinen lasst, macht sich breit 9 . 

Carolo Magno et de fundatione monasterii Campodum. Cod. lat. 19487 fol. 
112: Vita Karoli Magni e greco in latinum per Donatum Accaiolum translata. 

J ) Archiv XI, S. 329. Die Beschreibung Karls abgedruckt bei Mone, 
Zur karolingischen Sage, im Anzeiger ftir Kunde der deutschen Vorzeit V, 
S. 313. 

2 ) Dlintzer, Archiv XI, S. 741. Cod. 192: De vita Caroli M. et miri- 
ficis eius gestis erga ecclesiam, de ehristianitate et despicientia contra Do- 
minum. Cod. 214: De origine Caroli Magni. 

8 ) Vitae Sanctorum saec. XV. 

4 ) Cod. 44, fol. 228 b . Vgl. Dittmar, Die Handschriften des Dom- 
gymnasiums S. 28. 

5 ) Catal. g6n. des mss. d. bibl. publ. des departements III, p. 398. 

6 ) Catal. I, p. 294. 

7 ) Catal. V, p. 428. 

8 ) Migne, Patrologia XLI, p. 1170; Montfaucon, Bibl. I, p. 14. 
Desgleichen im Catalogus episcoporum Leodiensium fratris Joannis Bruesthcmii 
(Reiffenberg, Philippe Mouskes I, p. 562, 572) und in einer Hs. der Exposit. 
Gregor. sup. cant, canticor. zu Arras (Haenel, Catal. cod. mss. p. 38). 

Fur die Verbreitung der Ueberlieferung des Turpin in Frankreich und 
England wurden von durchschlagender Bedeutung die Uebersetzungen in die 
Volkssprachen, bes. die franzosische des Michel de Harnes 1207 (Hist. litt. 
de France XVI, p. 153) im Cod. lat. 722 der Bibl. zu St. Omer (Catal. Ill, 
p. 321), im Cod.Fonds de Thott 571 fol. der kgl.Bibl. zu Copenhagen (N. C. 
L. Abrahams, Description des mss. fr. de la bibl. r. de Copenhague p. 103. 
Dieselbe Fassung im Sammelband Anc. fonds royal 487 fol.), im Cod. fr. 
3516 und 2995 der Bibl. des Arsenals zu Paris (H. Martin, Les mss. de la 
bibl. Ill, p. 402). Ueber den Karolinus vgl. Gaston Paris 1. c. Eine 
unbekannte Hs. desselben Brit. Mus. Addit. 22, 399, fol. 4 b . Zu nennen sind 
ferner die prov^ncalischen Ueberarbeitungen im Cod. Addit. 21, 218, die 
irische Uebersetzung im Cod. Egerton 1781 des Brit. Mus., die walische im 
Cod. Coll. Jesu CXI zu Oxford, im beruhmten Llfyr Coch o Hergest (History 
of Charlemagne, translated from the latin into Welch by Madawg Selyf at 
the request of Gruffydd vab Maredud ab Owen ab Gruffyd vab Rhys p. 381. 
Catal. Oxford. II, p. 37). 

9 ) In dem Elogium s. Caroli ex Martyrol. Gallicano : Acta SS. II, p. 876, 
§ 13. P. 877, 18: Clementia in victos hostcs incomparabili visus est: neminem 
enim illorum extra aciem umquam occidit: in coniuratione deprehensos levi 
multa castigavit. Saxoni to ties rebellanti, toties perduelli, victoque aliam 



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12 P. Clemen 

Fur die Umwandlung, die aus einem raulien Kriegsmann 
einen frommen Beter machte, die frohliche Sinnlichkeit Karls in 
Asketenthum umschuf, sind am bezeichnendsten die Hymnen 
und Sequenzen in der Missa und dem Officium beati Karoli. 
Der alteste Hymnus findet sich schon in einem Graduale des 
Aachener Mtinsterstifts aus der ersten Halfte des 13. Jahr- 
hunderts, wird ferner schon benutzt in einer Inschrift der Aachener 
Curia vom Jahre 1267 K Das Officium ist am vollstandigsten 



ferre legem non tulit, quam ut Christum serio eiurata idolorum impietate 
coleret. Ein ahnliches Elogium aus dem Martyrologium Bedae in der Wassen- 
berger Hs. der Annales Aquenses jm Staatsarchiv zu Dusseldorf mitgetheilt 
von Kcssel in der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins II, S. 328. 
*) Die alteste Messe bei Canisius, Lectiones antiquae, ed. Basnage 
(1725) III, pars 2, p. 205 mitgetheilt. Danach bei Migne, SS. Carolini II, 
p. 1366 (hier falsch als Officium bezeichnet). Die offenbar in Aachen ent- 
standene Sequenz hat den Eingangsvers : 

Urbs Aquensis, urbs regalis, 

Kegni sedes principalis, 

Prima regum curia. 

Regi regum pange laudes 

Quae de magni regis gaudes 

Karoli praesencia. 
Vgl. M o n e , Lat. Hymnen des Mittelalters III, S. 348, Anm. ; Schlosser, 
Die Kirche in ihren Liedern. Erlaut. zu Bd. I, S. 438; Kantzeler, 
Das kirchl. Loblied auf Karl aus dem 13. Jh. Dieser Vers auch in der 
Miinchener Handschrift. Die bei J. C. Orellius, Helperici Karolus Magnus 
et Leo papa p. 42 edirte Sequenz, ubereinstimmend mit der bei Pertz, 
Einhardi vita p. 43, zeigt nur wenige Abweichungen. Der Eingangsvers ist 
in der oben angefiihrten Messe schon auf Zurich umgedichtet. Vgl. unten 
Abschnitt „Ziirich a . Der Hymnus auch bei Walch, Historia canonizationis 
Caroli Magni p. 101 und G. von Wyss, Neujahrsblatt der Stadtbibliothek 
zu Zurich 1861, S. 14. Am Ende nur der stereotype Anruf an Christus 
und Maria angeftigt. Wichtig der Lobruf Karls: 

Hie est Christi miles fortis, 

Hie invictae dux cohortis 
Decern sternit millia. 

Terram purgata lolio 

Atque metit cum gladio 
Ex messe zizania. 

Hie est magnus imperator, 

Boni fructus bonus fator, 
Et prudens agricola. 

Infidelcs hie convertit, 

Fana, deos, hie evertit 
Et confringit idola. 



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Die PortrS-tdarstellungen Karls des Grossen. 13 

erhalten im Cod. lat. A. V. 39 der Universitatsbibliothek zu Basel \ 
14279 der Staatsbibliothek zu Munchen 2 und im Cod. lat. 14511 
der Nationalbibliothek zu Paris 3 . Da wird in der Baseler 
Handschrift vom Kaiser Karl gesungen: 

Kegali natus de stirpe deoque probatus 
Karolus illicitae sprevit contagia vitae. Evovae. 



Das alteste Zeugniss fur das Bestehen des Hymnus auf Karl d. Gr. 
bildet das im Archiv des Aachener Miinsterstifts befindliche Lutticher Gra- 
duate aus der ersten Halfte des 13. Jh. (nach Bockeler, Gregorius-Blatt 
VII, S. 15 vor 1246 geschrieben), das zweitalteste die an der jetzt zum 
Stadtarchiv umgebauten Kurie Konig Richards von Kornwailis zu Aachen 
befindliche Inschrift in friihgothischen Majuskeln (neuerdings nach den Er- 
ganzungen von R. Piok wiederhergestelit), des Inhalts, dass unter Richard 
ein magister Henricus im Jahre 1267. den Bau errichtet habe. Vgl. auch 
A. di Miranda in den Annalen d. hist. Vereins f. d. Niederrhein XXXV, 
S. 83 und Scheins in der Aachener Volkszeitung 1886, Nr. 205. Die Inschrift 
beginnt mit den ersten drei Versen des Hymnus : Urbs Aquensis, urbs regalis. 
Vgl. Kessel, Der kirchliche Hymnus auf Karl den Grossen: Der Friedensbote, 
Beil. z. Aach. Volkszeitung 1888, Nr. 5; Bockeler, Urbs aquensis und 
Kessel, Erwiderung hierauf: Aachener Volkszeitung 1888, Nr. 34 und 37. 

*) Archiv VII, S. 175. Der Text der Hs. sehr verderbt. Bezeichnend der 
Anruf an den Heiligen: 

rex orbis triumphator, Cuius prece mors fugatur, 

Terrae regum imperator, Langor cedit, vita datur, 

* Tui gregis nostri cetus Qui de pctra ducis undas 

Pios audi piae fletus. Et baptismo gentes mundas. 

Arte duros et natura 

Frangis muros prece pura 

Devotosque Christo dicas 

Et rebellos ense necas. 
2 ) Officium de b. Carolo Magno imp. cum notis musicis, fol. 43—52, 
saec. XV. Eingestreut Prosastiicke zum Verlesen mit Bcnutzung Einhards. 
8 ) Die Pariser Hs., nach einer Eintraguug auf fol. 172 und nach dcm 
Heiligenverzeichniss von fol. 173 fur den Gebrauch der Kirche St. Viktor in 
Paris eingorichtet, ist die vollstandigste von alien, enthalt das Loblied auf 
Aachen und zum Theil den Text dor Baseler und Munchener Handschrift. 
Das Officium am Ende der einen Wiener vita Caroli habe ich nicht einsehen 
konnen. Den Text der Pariser und Baseler Handschriften gibt theilweise 
wieder das Officium mit Antiphon und acht Lektionen in der Espaiia sagrada 
XLII, p. 512—515 (bei Migne 1. c. II, p. 1365). Zwei Officia auf Karl von 
Ascelin Roine, dem Schatzmeister von St. Hilaire in Poitiers, 1404 in der 
Bibliothek des Due de Berry erwahnt. (L. De lisle, Cabinet des manuscrits 
III, p. 178.) Meister Edmund de Dynter in dem Chron. nobiliss. ducum 
Lothar. et Brabant. 1. II, c. 48 (ed. de Ram I, p. 210) gibt auch die Collecta 
de beato Carolo wieder. 



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14 P. Clemen 

Angelici cultus dulcedine miles adultus 

Dum sublimatur, celesti pane cibatur. Evovae. 

Sacros effectus virtutis Caesar adeptus 

Huniani fastus populares respuit hastus. Evovae. 

Justiciae parma fidei securus ad arma 

Mentibus in festum superavit criminis estum. Evovae. 

In der Miinchener Handschrift: 

Kex confessor iusticiae pelle noctem perfidiae, 
Tuis fulti suffragiis eruamur ab irapiis, 
Ne demonis illusio sit soporis abusio. 

Percinctus fortitudine et potitus victoria 
Donatur sanctitudine rex Karolus in gloria. 
Jubilemus altissimo in athleta sanctissimo, 
Cui missa per spiritum cerna duxit exercitum. 

Und in der Pariser Handschrift: 

Dissolutus in corpore x 

Gaudet cum Christo vivere 

Christi confessor Carolus, 

Xluius celi consortio 

Nos commendet oratio. 
In einem weitern Officium wird Karl gepriesen als spes 
afflictis, timor hostibus, hostia victis, regula virtutis, iuris via, 
forma salutis \ mit derselben Fiille ahnlicher Bezeichnungen, die 
sammtlich der hagiologischen Terminologie angehoren, in dem 
lateinischen Gedicht De bello Runcevalle 2 , ahnlich endlich lauten 
auch die Inschriften auf Griebel und Vorderseite des Karlsschreins 
zu Aachen 3 . Der gleichen Phraseologie bedient sich noch im 
14. Jahrhundert Aimeri de Peyrat, Abt von Moissac, in seinem 
Stromatheus tragicus de gestis Caroli Magni im Cod. lat. 5945 der 
Bibl. nat. zu Paris 4 . 



J ) Migne 1. c. II, p. 1365. 
» 2 ) Mitgetheilt bei Fr. Michel, La chanson de Roland p. 228. 

3 ) S. u. 

4 ) Geschriehen Mr Jean due de Berry. Das Elogiura Karls auf fol. 36 b : 

Carmina letitie 
Concinamus hodie 
Festiva sollempnia 
Karoli preconia 
Exultautes nimie 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 15 

Die Verehrung Karls war zuerst auf Deutschland beschrankt, 
aber auch hier ward der neue Heilige nicht uberall anerkannt, 
da des Gegenpapstes Paschalis Anordnungen von seinem Nach- 
folger widerrufen wurden 1 . Italien liess den Kultus nie zu 2 , 
in Frankreich endlich ward er erst im 15. Jahrhundert durch 
Karls Bewunderer Ludwig XI. eingefuhrt, der bei Todesstrafe 
den neuen Heiligen verehren hiess 3 . 



Felicis memorie 

Facultates ecclesie 

Auxit et catholice 

Martir desiderio 

Prongs fuit altissimo 

In orbe fuit unicus 

Et aliis principibus 

Floruit Christo deditus. 
*) Karls Verehrung hatte in Deutschland vor Allem in Aachen, Hildes- 
heim, Mainz, Frankfurt, Metz, Zurich, Halberstadt, Bremen, Basel, Minden, 
Osnabriick, Mtinster, Paderborn Platz gefunden. Vgl. Cahier, Caracteristiques 
des saints II, p. 610, 636, 641, 650, 651, 652, 658, 660; Acta SS. Jan. II, 
p. 874; Canisius, Lectiones antiquae (1725)111, pars 2, p. 205. Mabillon 
bei Bouquet, Recueil des hist. V, p. 399 „id quod postea Alexander ratum 
habuit" ist im Irrthum: dieBulle Alexanders III. bei Pis to rius, Rer. Germ. 
SS. I, p. 1095 war gerade dagegen gerichtet: . . ut nullus haberetur in 
sanctorum numero, nisi auctoritate ecclesiae Romanae. Vgl. Wale h I.e. p. 43. 
Dagegen auch Acta SS. II, p. 888. Moser, Osnabriickische Geschichte I, 
S. 320 macht darauf aufmerksam, dass Karl wie Wittekind ihres Besitzes 
als Heilige nach der Bulle Urbans VIII. vom 13. Marz 1625 gentfssen. Durch 
diese Bulle ward zwar die Verehrung von Heiligen, die nicht vom aposto- 
lischen Stuhl kanonisirt oder beatisirt worden, verboten, jedoch mit Ausnahme 
derer, qui aut per communem ecclesiae consensum vel immemorabilem tem- 
poris cursum aut per patrum virorumque sanctorum scripta, vel longissimi 
temporis scientia ac tolerantia sedis apostolicae coluntur. Genaue Nachrichten 
iiber die Verehrung Karls in Mainz gibt das Prasenzregister des Doms von 
1534. Vgl. Das Festum s. Karoli Magni im St. Mauritiusstifte zu Mainz, in den 
Geschichtsblattern f. d. mittelrhein. Bisthumer II, S. 260. 
*) Walch 1. c. p. 84. 

3 ) du Boulay, Historia universitatis Parisiensis II, p. 344. Karls 
Verehrung kam in Paris hauptsachlich dadurch in Aufnahme, dass die eng- 
lische und deutsche Nation ihn 1487 durch die nuncii quos vocant magni 
der faculte des arts zum praeses und tutor, d. h. zum Patron w&hlten. Schon 
damals ward ihm eine Statue errichtet, ebenso 1554 in fano Cosmae et 
Damiani, an deren Gedenktag (27. Sept.) auch in Zurich Karls Fest gefeiert 
ward. Der Rektor Le Maistre erklarte ihn zum Protektor der Univcrsitat. 
G. Bredow, Karl der Grosse S. 197; Saussaeus in Martyrolog. Gallic. 
I, p. 79 ; J. B. Rousseau, Purpurviolen der Heiligen bei Migne 1. c. II, 
p. 1367. Im Jahre 1661 liess Egasse du Boulay die Carlomagnalia erneuern: 



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16 P. Clemen 

Die starke, scharf ausgepragte Korperlichkeit, welche durch 
die bedeutende Mischung mit epischen Elementen noch die Chronik 
des Turpin besessen, geht diesen Legenden ganzlich ab. Nicht 
mehr eine individuelle Personlichkeit, sondern den gewohnlichen 
Heiligentypus fiihren sie vor. Anstatt eines Menschen von 
Fleisch und Blut erscheint ein korperloses Schemen — damit ver- 
schwindet das Anziehende einer Schilderung fur den Autor selbst. 

B. Volksthumliche TJeberlieferung. 

1. Frankreich. 

In der altesten und zugleich h&rvorragendsten aller fran- 
zosischen Ueberlieferungen, der Chanson de Roland, haben sich 
die urspriinglichen Kantilenen bereits um einen Mittelpunkt zu 
einer poetischen Einheit gruppirt. Alles, was weiter zurucklag, 
ist verloren gegangen. Dadurch eben wird die national-franzo- 
sische TJeberlieferung, die sich im Turpin birgt, zu einer un- 
ersetzlichen Zwischenstufe : sie zeigt den Konig der Chanson 
de Roland im Werden. Dem Vienner Monch fehlt die Kraft, 
die Personlichkeit Karls voll zu fassen, er hilft sich damit, dass 
er seine Gestalt wie eine Statue ausmisst. Ihn hemmte wohl 
auch die Unmoglichkeit, die kurze, blitzartige Charakteristik 
des Volksepos in die langathmige Breite des lateinischen Prosa- 
stils umzusetzen. Anders im Rolandslied. Hier ist Alles rasch 
und wuchtig; einfach, gross, ohne Effekthascherei wie der Stil 



du Boulay, Carlomagnalia, seu feriae conceptivae Caroli Magni in scholis 
observandae, 1662. Die Verehrung der franzosischen Herrscher fiir ihren 
grossen Vorganger dauerte in gleicher Starke bis auf Napoleon I. Starb ein 
franzosischer Konig, so ward das Leichentuch, das bei dem Begangniss ge- 
dient, nach Aachen gesandt, um liber dem Grabe Karls ausgebreitet zu 
werden. W. A. Arendt, Des recherches faites dans la cathedrale d'Aix-la- 
Chapelle, im Bull, de Tacademie royale de Belgique, ser. II, torn. XII, p. 337. 
Dieser Brauch erst 1775 aufgehoben. Vgl. Quix, Bescbreibung d. Munstcr- 
kirclie S. 116, 210. Fiir die Geschichte der Weiterbildung der kircblichen 
Legende sci der Kuriositat halber bemerkt, dass im 17. Jb. Nifanius den 
Beweis zu fiibren suchte, dass Karl lutnerisch gewesen, als ihm der Jesuit 
Schaten cntgegentrat, wiederbolte er diese Behauptung in „Carolus vcritatis 
evangelicae confessor denuo restitutus", 1679. Gleicbzeitig zahlte Courtin 
Karls christliche Tugenden auf in „Charlemagnc ou le retablissement de 
Pempire romaiu et Charlemagne p6nitent a , 1668. Heidegger endlich, Disser- 
tationes selectae 1675, II: De Carolo Magno teste veritatis, suchte zu 
beweisen, dass der Kaiser Kalvinist gewesen! 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 17 

sind audi die Helden. Nur wenige, stark betonte Ziige gentigen 
zu ihrer Charakteristik, die meisten der Helden stellen nur ein 
Gefuhl, eine Kraft der menschlichen Seele dar, der alle andern 
untergeordnet sind: Koland den wilden, stolzen Muth, Olivier 
die iiberlegene, sichere Kraft, in Nimes ist das bedachtige Alter, 
in Turpin der Typus des feudalen Bischofs gezeichnet. Karl 
aber ist mehr, in ihm vereint sich eine ganze Fulle von grossen 
Zugen : Roland, Ninies, Turpin sind gleichsam Personifikationen 
seiner Haupteigenschafteti. Denn das Rolandslied arbeitet* mit 
wenigen Typen, es sind deren eigentlich nur ftinf: der greise 
Heldenkonig, der jUnge, ungesttime Held, der kluge Rathgeber, 
der streitbare Geistliche, der Verrather — die es in einem 
gewissen Parallelismus einander gegeniiberstellt ; wie Pinabel 
und Roland, Blancandrin und Nimes, Marsilies und Ganelun, so 
entsprechen sich Baligant und Karl 1 . Der Widerspruch in der 
in einigen Punkten nicht ganz einheitlich durchgeftihrten Cha- 
rakteristik wird gelost durch die Annahme verschiedener Dichter. 
An Stelle der Empflndungen treten die stets wiederkehrenden 
und so typischen, fast symbolisehen Handlungen, in denen die 
poetische Sprache des Mittelalters alle Zustande des Seelenlebens 
auszudrticken pflegt. Bei dieser Ausdrucksform war fur die 
Schilderung feinerer Nuancen der Empfindung kein Raum, da 
sich zur Darstellung des an Abstufungen iiberreichen Gebiets 
einer Empfindung eben nur eine Handlung darbot. Dabei fuhrt 
aber der Dichter selbst uns fast nie in das Innere seiner Helden 
ein oder gibt ihre Stimmung, ihre Gedanken an: aus Worten 
und Thaten selbst lasst er die Horer zuruckschliessen. Denn 
die epische Technik gab einer behaglicheii Schilderung der 
Personen, einer Kleinmalerei keinen Raum; neben den kurzen, 
nie die Personlichkeit nach ihren innern und aussern Eigen- 
schaften ganz erfassenden Beschreibungen steht als besonderer 
Kunstgriff des Rolandslieds, dass es andere Personen sich liber 
die Helden aussern lasst, und dass es im Auftreten der Helden 
selbst ihre physischen und psychischen Eigenschaften errathen 



*) Zuerst klar ausgesprochen in der trefflichen Abhandlung von Graevell, 
Die Charakteristik der Personen im Kolandsliede S. 15. Vgl. zum Folgenden 
S. 29, 32, 48, 59. Vgl. noch L6on Gautier, Le style des chansons de geste, 
in der Revue du monde catholique 1877, 25. mai; Eoux, Transformation 
epique du Charlemagne de Phistoire, in den Actes de Pacad. de Bordeaux 
I, p. 73—108; F. Autie, Le caractere frangais dans la chanson de Roland. 



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18 P. Clemen 

lasst. Fast dramatisch, den Handlungen beigesellt, werden die 
einzelnen Zuge eingezeichnet — so gibt der epische Dichter 
kein vollendetes Gem&lde, sondern setzt einen Farbenflecken 
nach dem andern auf. Die Paladine sind bis auf die ungeheure 
Tapferkeit, die aber das Volksepos als typischen Zug aller 
Helden hinstellt, gewohnliche Menschen. Der Konig ist fast 
iibernaturlich gezeichnet. Zweihundert Jahre alt und daruber 1 , 
ein Patriarch voll jugendlicher Kraft, ist aus dem Konig ge- 
worden, der, als er die Baskenzuge unternahm, 36 Jahre zahlte ; 
sein langer Bart mit starkem Schnurrbart 2 , weiss 3 und leuchtend 4 
wie eine Blume im April 5 , der tief iiber die Briinne herabwallt 6 , 
den er im Zorn und Schmerz rauft 7 , den er im Groll ergreift 8 , 
bei dem er zu schworen pflegt 9 , ist sein charakteristisches 
Merkmal geworden — er heisst der Alte 10 , der Alte mit dem 
weissen Bart n , der Konig mit dem weissen Bart 12 . Unter dem 

*) Ich citire nach dem Abdruck der altestcn Oxforder Hs. Digb}' 23 
bci Fr. Michel, La chanson de Roland. 

XXXIX, 4. II est mult vielz, si ad sun tens uset; 
Men escient, dous cenz anz ad passet; 
Par tantes teres ad sun cors demcned, 
Tanz ad pris sur sun escut bucler, 
Tanz riches reis cunduit a mendisted, 
Quant est-il mais recreanz d'osteier? 

2 ) XV, 2. Li emperere en tint sun chef enbrunc, 

Si duist sa barbe, afaitad sun gernun. Ebenso XVII, 6. 

3 ) VIII, 22. Blanche ad la barbe e tut flurit le chef. Ebenso XVIII, 
10; CLXIX, 23. 

4 ) LXXV, 16. Carles li velz, a la barbe flurie. Ebenso CLXX, 16; 
CLXXXIV, 14. Daneben auch wiederholt die Bezeichnung canue: CLXVIII, 12 ; 
CCLXVII, 7 ; CCXC, 8. 

6 ) CCLV, 22. Blanc ad la barbe cume flur en averill. 

6 ) CXXXVII, 1. Par grant irur chevalchet li reis Charles; 

Desur sa brunie li gist sa blanche barbe. 
Ebenso CCXXVI, 1. 

7 ) CCVI, 15. Sa barbe blanche cumencet a detraire. Dieser Zug auch 
im KaroleUus, 1. VI, v. 45, ed. Merzdorf p. 61. CCVII, 11; CCLXX, 8. 

8 ) CLXXIII, 40. Tiret sa barbe cum horn ki est iret. Ebenso XV, 2 ; 
CCVI, 15; CCXII, 1; CCXCIII, 14. 

9 ) XVII, 6. Par ceste barbe e par cest men gernun. CCXC, 8. Par 
ceste barbe, dunt li peil sunt canut. Ebenso XVIII, 10. 

,0 ) Li vielz: LXX, 12; LXXII, 14; CXCVI, 18; CXXXII, 11. 

») LXXV, 16. 

12 ) CCLXVII, 7. Fiers est li reis a la barbe canue. 



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Die Portr&tdarstellungen Karls des Grossen. 19 

weissen Haupthaar \ in einem majestatischen und stolzen Antlitz 2 , 
brennen machtige, leuchtende Augen 3 , deren durchdringenden 
Blick Niemand ertragen kann, seine Gestalt ist kraftig und 
hochgewachsen 4 , er ist als Herrscher vor alien Andern erkennt- 
lich 5 , der erste im Kampfe 6 , ein gewandter Eeiter 7 , todesktihn 
und uniiberwindlich 8 , weise, nachdenklich im Rathe 9 , bedeutend, 
hoheitsvoll in jeder Bewegung. 

Seine moralische Grosse entspricht seiner &ussern Erscheinung. 
In seiner Gerechtigkeit und Milde, seiner unerschiitterlichen Treue, 
der iibergrossen, alle Seelenregungen bestimmenden Frommig- 
keit — intolerant wie der Geist der Kreuzziige — ist er noch 
der Karl der nationalen Ueberlieferung im Turpin ; die &usserliche 
Z&rtlichkeit, das zartftihlende, leicht riihrbare Herz — wieder- 
holt vergiesst der Kaiser offentlich Thr&nen — gehort schon der 
gesteigerten Sentimentalitat des normannischen Ritterideals an. 

Im Rolandslied erscheint Karl zuerst in der Gestalt, die 
die Phantasie des ganzen Mittelalters beherrschte. In den 
cyklischen Gesangen, die niclit mehr wie die alten Lieder die 
Einigung Frankreichs unter dem grossen Konig schildern, sondern 
dem gegentiber die Erhebung der einheimischen Barone gegen 
die Konigsmacht zeichnen, musste nothwendiger Weise auch die 
Person Karls wieder in den Hintergrund treten. War er nicht 
mehr die vom Dichter begunstigte Person, so durfte er auch 
nicht mehr mit den ersten Tugenden ausgestattet sein 10 . Zunachst 
ist die Zeichnung noch von der majestatischen Personlichkeit 
der altera Chansons de geste beherrscht. So erscheint der Konig 
in dem Voyage de Charlemagne & Jerusalem et & Constantinople 



J ) VIII, 22. 

*) VIII, 23. Gent ad le cors e la cuntenance fier. CCXXV, 7. Cler 
le visage et de bon cuntenant. 

8 ) X, 4. Avant se redrecet, mult par out fier lu vis. Aehnlich LVII, 
9; CCXII, 3. 

4 ) Vm, 22. CCXXV, 6. Gent ad le cors, gaillart c ben seant. CCLV, 
21. Granz ad le cors, ben resenblet marchis. 

6 ) VIII, 24; CCLV, 20. 

6 ) CCXIII, 1. 

7 ) CCXXV, 6, 8; CCXXVI, 1; CCXLI, 15. 

8 ) XLI, 13; CXCII, 16; CXCII, 14; CCXXV, 9. 
e ) XV, 1. 

10 ) Diese eigenthiimliche Stellung tritt schon in einer angczweifelten 
Stelle im letzten Theil des Rolandslieds zu Tage. Vengeance Kollant v. 
3815—18. 



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20 P. Clemen 

mit starken Gliedern, wildstolzem Ausdruck, funkelnden Augen 
und so uberwaltigender Wirkung der aussern Erscheinung, dass 
ein Jude in Karl und seinen Paladinen Christus und die Apostel 
zu sehen vermeint und stracks die Taufe begehrt K So auch in 
dem anglo-normannischen Charlemagne 2 , in des Clericus von 
Bar-sur-Aube Aimeri de Narbonne 8 , im Richer 4 . Im Renaus de 



J ) The travels of Charlemagne to Jerusalem and Constantinople. In 
Charlemagne, an anglo-norman poem of the twelfth century by Fr. Michel 
p. 6, v. 128. 

Karles out fer le vis, si out le chef levez 
Uns Judeus i entrat, ki ben Tout esgardet; 
Cum il vit Karle, cummencat a trembler. 
Tant out fer le visage, n'el osat esgarder; 
A poi que il ne chet, fuant s'en est turnet 
E si muntet d'elais tuz les marbrins degrez, 
Vint al patriarche, prist Ten a parler: 
Alez, sire, al muster pur les funz aprester. 
Orendreit me frai baptizer e lever. 
Duze cuntes vi ore en eel muster entrer 
Oveoc euls le trezime. Unc ne vi si formet. 
Par le men escientre! co est meimes Deus. 
II e li duze apostle vus venent visiter. 
Anderer Text in der Ystoria Chyarlys im Llfyr Coch o Hcrgest, Cod. Colleg. 
Jesu CXI zu Oxford. P. 13, v. 303. 

Li reis Hugun regardet Carle, veit le contenant fer, 
Les braz ad gros e quarrez, le cors greile et deiget. V. 623, 780. 
2 ) Charlemagne, ed. Fr. Michel p. 8, 25, 30. 

8 ) Louis Demaison, Aymeri de Narbonne: Soci6te* des anciens textcs 
francais II, IV, p. 92. 

Preudom fu Charles a la barbe florie; 
Grans vertuz fist Dex por lui en sa vie, 
Dont vos avez mainte chancon oie. 
Ne trova home de si grant seignorie, 
Ne amirant ne roi de paiennie 
S'il ot vers lui ne guerre ne anvie, 
Qu'il n'essillast sans nule gar antic 
Ou oceist en bataille fornie. 
IX, 320. Charles li rois fu molt de grant coraje. 
IX, 330. Charles au fier visage. 
XIV, 421. Iriez fu Charles a la fiere personne. 
XXV, 670. Nostre emperere qui tant a de fiertez. 
XLII, 1391. Charlon de France a la barbe meUee. 

4 ) Verloren gegangen, nur erhalten im Ms. fr. 5003 der Bibl. nat. zu 
Paris (Gaston Paris 1. c. p. 324): Mais quant ilz approcherent de Fem- 
pereur et ils regardercnt sa face qui estoit moult grant et fiere et espouvan- 



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Die Portr&tdarstcUungen Karls des Grossen. 21 

Montauban liegen die alte und neue Auffassung mit einander im 
Streit: die Ueberzeugung von der k6niglichen Ohnmacht kampft 
an gegen den Glanz der Krone Karls — die Charakteristik 
iibertrifft die des Rolandslieds an Scharfe, ihre koloristische 
Wirkung besteht in der Wiederholung stehender Bezeichnungen l . 
Auch die Provengalen empfingen ihre Stoffe von Frankreich, 
fast alle ihre Sagen knupfen sich an Gesange, die sie wohl nur 
in der langue (Toil kannten 2 : in der altesten, der zweiten Halfte 
des 13. Jahrhunderts angehorigen provengalischen Erz&hlung 
aus dem karolingischen Sagenkreis, den Thaten Karls vor 
Carcassonne und Narbonne, ist die Zeichnung schon uberaus 
matt und flau, neben der Tapferkeit wird nur die grosse 
Frommigkeit des der Kirche unterwiirfigen, leicht zu Thranen 
geriihrten Konigs geriihrnt 3 . 



table, ilz orent tel paour qu'ilz ne luy oserent adeser. Et les coulteaux dont 
ilz le vouloient occire bouterent on feurre de la couche ou gisoit Richer, et 
s'en aUerent. 

*) Renaus de Montauban, hrsgg. von H. Michelant: Bibliothek des 
litterarischen Vereins zu Stuttgart LXVIL Die Charakteristik geht auf das 
Rolandslied und auf Turpin zuriick. Karls Antlitz athmet hohen Stolz: 
8, 33. Et Dreves li a dit: Enperere al fier vos. 

13, 16. Ja saves vos mult bien que Karles au vis fier. 

19, 31. Que tramist Karllesmaines, Pemperere au vis fier. 20, 30; 51, 5; 
53, 21; es ist von eisgrauem Haar und langem Bart umrahmt: 

2, 27. Baron, dist Karlesmaines, par mon grenon ferrant. 

3, 6. Par Pamor de Doon, o le grenon ferrant. 

14, 15. Que li fiux Charlemaine a la barbe meslee. Ebenso 21, 23; 29, 21; 
84, 25; 92, 93. 

Karl ist mit aUen Herrschertugenden geschmttckt, tapfer, mild, hofisck, 
weichherzig: 1, 25; 23, 37; 117, 37; 330, 5. 

Seine Augen leuchten wie gliihende Kohlen, er spricht so laut, dass 
700 Mann ihn verstehen konnen: 

3, 19. Et quant U rois l'o'i, si en a mal talant, 
Si mua et rogi com charbons fiamboiant 
Et a parle" en haut que Toirent VII cent. 
148, 10. Quant Karlesmaines Pot, s'a tot sane mu6; 
Si rougi et mua com carbon alume\ 
Vgl. zur Charakteristik der kbniglichen SteUung Karls : Leon Gautier, 
L'idee politique dans les chansons de geste, in der Revue des questions 
historiques VII, p. 79—114. 

*) Fauriel, Histoire de la po6sie provencale III, p. 453. 

3 ) Nach Gaston Paris p. 89 aus der ersten Halfte des 13. Jh. Histoire 
litteraire IV, p. 211 behauptet, dass der Stoff bereits dem 10. Jh. angehore. 
Nach Rochegude, Glossaire occitanien p. Lin, saec. XIV. Vgl. F. Diez, 



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22 P. Clemen 

Als man versuclite, die verschiedenen Gesange, deren Mittel- 
punkt Karl d. Gr. ist, zu vereinigen, sein Leben zu schreiben 
nach den Chansons und Legenden, erhielt Karl mit seiner Stellung 
im Mittelpunkt der Begebenheiten auch den Vorzug reichster 
und wtirdevollster Charakteristik wieder. 

Bedeutsam war hier das Vorgehen des Verfassers der 
Grandes chroniques de Saint-Denis. Aus den Berichten Ein- 
hards und Turpins, welch letzterm er sogar die grossere Glaub- 
wurdigkeit beimisst comme celluy, qui toujours fu avecques luy, 
schmiedete er eine neue Charakteristik seines Helden, in die er 
viel Eigenes verwob und die er allenthalben mit Zugen des 
franzosischen Konigsideals versetzte 1 . 



Die Poesie der Troubadours S. 217. Bekannt in der lat. Uebersetzung Gesta 
Caroli Magni ad Carcassonam et Narbonam et de aedificatione monasterii 
Crasscnsis, ed. Ciampi. Fur seine Tapferkeit vgl. V, 33, X, 62, XII, 83, 
XIV, 101, XV, 120, seine FrOmmigkeit III, 11, 14, VI, 39, VIII, 49, XIV, 99, 
XVI, 123, 127. Eine Keihe anderer Zusamnienstellungen ergeben die von 
Ciampi leider nicht beriicksichtigten Cod. lat. 12090 und 18332 der Bibl. nat. 
zu Paris. 

*) Les grandes chroniques de France selon qu'elles sont conserves en 
l'eglise de Saint-Denis, ed. Paulin Paris. Sie enthalten zwei Charakteristiken 
an zwei verschiedenen Stellen der umfangreichen Kompilation. Die erste lib. 
Ill, cap. II (P. Paris II, p. 162), die zweite lib. V, cap. X (P. Paris II, p. 252), 
die erste aus Einhard und Turpin zusammengesetzt und mit franz5sischen 
Zugen verbr&mt, die zweite nur Ueberarbeitung des Turpin: Homme fu de 
grant corps et de fort estature et non mie trop grant. Sept pi6s avoit de 
long, a la mesure de son pie; le chief avoit reond, les yeux grans et gros 
et si clers que quant il estoit courroucie, ils resplandissoient comme escar- 
boucle, les n6s avoit grant et droit et un pou hault par le milieu. Brune 
chevelure r la face vermeille lie et alegre; de si grant force estoit qu'il 
estendoit trois fers de cheval tous ensemble legierement, et levoit un chevalier 
arm6 sus sa paume, de terre jusques a mont. De Joieuse, son espee coupoit 
un chevalier tout arme; de tout nombre estoit bien taillie\ Six espans avoit 
de ceint sans ce qui pendoit dehors la boucle de sa courroye. 

En estant et en seant, estoit personne de grant authority jasoit ce 
qu'il eust le chief un pou mendre que droit et le ventre plus gros; mais la 
droite mesure et la bonne disposicion des autres membres celoit ce qui la 
messeant estoit. Fier estoit en alant; bien sembloit grant homme et noble 
en toutes manieres; clere voix avoit et plus clere ce sembloit qu'il n'appar- 
tenoit a son corsage. 162, 1. Homme fu plain de grant charitG vers estranges 
gens et vers pterins meismement. 157, 1. Si fier et si puissant come vous 
avez o'i estoit l'empereur en acroistre son royaume. 165, 3. En loquence 
6toit paisible et abundant et appertement dSlivroit et manifestoit par paroles 
quanques il voulloit. 



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Die Portratdarstellunge.il Karls des Grossen. 23 

„Er war ein Mann von machtigen Gliedern, von starker 
und iibergrosser Statur. Sieben seiner Fiisse maC er, sein Haupt 
war rund, die Augen gross und weit offen und von solch scharfem 
Blick, dass sie, wann er erziirnt war, wie gliihende Kohlen 
leuchteten. Seine Nase war gross und gerade, nur auf dem 
Eiicken ein wenig erhoht. Braun war sein Haar und sein An- 
gesicht rothlich, dabei von mildem und freundlichem Ausdruck, 
und so stark war er, dass er einen gewappneten Eitter auf der 
flachen Hand von der Erde in die Hohe heben konnte. Er 
erschien immer, mochte er stehen oder sitzen, als eine Person- 
lichkeit von ausserordentlicher Wiirde; und mochte sein Kopf 
auch etwas zu klein, sein Bauch etwas zu dick sein, so ver- 
deckten dies doch das gute Mafi und die richtigen Verhaltnisse 
der iibrigen Glieder. Sein Gang war stolz, in alien Bewegungen 
zeigte er sich als ein bedeutender und vornehmer Mann. Er 
hatte eine helle Stimme, die urn so heller schien, als sie nicht 
zu seinem Korper passte." 

Philipp Mouskes, der denselben Versuch wagte wie der 
Verfasser der grossen Chroniken, gelang es nicht, alle berichteten 
Ziige zu einem einheitlichen Bilde zu verschmelzen : in seiner 
widerspruchsvollen Schilderung suchte er den entgegengesetzten 
Quellen gerecht zu werden — so erfahren wir nicht viel mehr 
als seine gewaltige Bewunderung fiir seinen Helden 1 . Mit 
Turpins Augen sieht auch Girard d'Amiens den grossen Karl, 



*) Chronique de Philippe Mousket, ed. Reiffenberg I, p. 449, v. 11666: 
Charlemainne estoit bien taUiSs, 
De cors, de jambes et de pi6s, 
Gros par le pis, gens par cainture 
VII pi6s fu Ions en sa mesure 
Lie ciere ot, s'iert de bonnaire 
Et bien savoit grant ounor faire. 

V. 11683: Et chevaliers moult ounouroit, 
Mescines, pucieles et dames 
Destornoit volentiers de blames; 
Si amoit bourgeois et vilains, 
Quant il les sot d'aucun bien plains ; 

V. 11696. Et s'ot a non, ce m'est avis, 
Pour itant, Karles au fier vis, 
Qu'il ot fiere regard^ure, 
Mais moult avoit sens et meseure; 



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24 P. Clemen 

sein drittes Buch schliesst sich jenem vollkommen an, nur 
Figuren und Sitten dem Zeitgeschmack anpassend 1 . Wohl 
erscheint auch hier Karl als tapfer und muthvoll, aber die rohe 
Kraft ist gebandigt durch das hofische Ritterideal: der Konig 
zeigt eine zierliche, gedrechselte Hoflichkeit, erzahlt Anekdoten, 
huldigt den Frauen und Tafelfreuden. Und diese Umwandlung 
des rauhen Kriegers zum gesitteten Modeherrn wird fortgesetzt 
und gesteigert in der letzten dieser cyklischen Keimchroniken, 
den Conquestes de Charlemaine, die David Aubert auf Philipps 
des Guten Wunsch niederschrieb. 

In der volksthumlichen Sagengestalt aber schwindet das 
Ansehen Karls immer mehr. Die Wandlung seiner Personlichkeit 
bildet eine Illustration zur franzosischen Verfassungsgeschichte, 
wie sie deutlicher nicht gedacht werden kann : der ohnmachtige 
Karl ist der Konig nach dem Herzen der selbstherrlichen fran- 
zosischen Seigneurs. Und die nationalen Dichtungen gehen 
noch einen Schritt weiter: sie lassen uns einen Einblick thun 
in die geheimsten Wunsche der Vasallen, von denen die Ge- 
schichte nicht redet — sie zeigen das Konigthum auf einer 
Stufe der Verkommenheit, der theatralisch aufgeputzten Macht- 
losigkeit, die im Weltenlauf selbst nie erreicht ward. Karl ist 
nichts als ein Zuschauer, der, selbst unthatig, seine Helden 
aufmuntert, ein Krieger ohne Kraft, ein zitternder Greis, den 
die Furcht vor seinen Baronen nicht schlafen lasst. So erscheint 
er schon im Lieuvre du roy Charlemaine 2 . Auch seine ethischen 



Pour les biens dont il fu dontes 

Si estoit il partout doutes, 

Comme rois et com empereres, 

Buens justiciers, bons conquer eres. 
Zur Charakteristik kommen vor Allem noch in Betracht v. 3477—3527, 
3564—3586, die Aufzahlung seiner grossen Eigenschaften, v. 4082—4121, die 
Ableitung seines Beinamens „der Grosse", endlich v. 8054—8061, das Lob, 
das ihm gespendet wird. 

J ) Ungedruckt. Erhalten im Ms. fr. 778 (anc. 7188) der Bibl. nat. zu 
Paris. Diirftige Analyse in der Bibliotheque universelle des romans (1777) 
X, besser G. Paris, Histoire po6tique. Appendice IV, p. 471. 

2 ) Ausziige aus Ms. Bibl. reg. 15 E des Brit. Mus. gibt Fr. Michel, 
Charlemagne. Preface XLIV. Im Allgemeinen ist die Charakteristik noch 
die alte: LXIII, 16. Charlemaine en menra a la barbe flourie. 

CV, 13. Charlemaine le roy, le fier emperour. 
Aber schon in dem neu hinzugekommenen Beinamen driickt sich der Spott aus : 



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Die Portratdarstellungcn Karls des Grossen. 25 

Eigeuschaften schwinden: er ist leidenschaftlich aufbrausend, 
ohne Weisheit handelnd, ein blinder Eichter. So wird er der 
Spott der Dichter. Wie Agamemnon von Achill gescholten wird, 
so muss er im Gui de Bourgogne von Ogier von Danemark sich 
offentlich verspotten und der Untuchtigkeit anklagen lassen. 

2. Deutschland. 

Wie in Frankreich, so hatten sich auch in Deutschland 
aus vereinzelten Niederschlagen zunachst Legenden, meist an 
bestimmte Orte gekniipft, gebildet. Aber diese wurden nicht 
wie in Frankreich zu einem poetischen Ganzen verwoben — 
ganz andere Sagenstoffe traten im Volksepos ubermachtig in 
den Vordergrund. Den breiten Massen der Bevolkerung ist 
Karl bei weitem nicht so bekannt wie in Frankreich — dafiir 
aber ward seine Gestalt friih zum Herrschervorbild umgeschaffen : 
Otto III., Friedrich L, Karl IV. widmeten ihm eine schwarmerische 
Verehrung. Die gemeinsamen Unterlagen, an welche sich die 
zerstreuten Legenden angliederten, bildeten franzosische Ueber- 
lieferungen: mehr noch als in Frankreich ward der Turpin in 
Deutschland heimisch — er vermittelt Deutschland audi jene 
kiinstlerische Auffassung von Karls Erscheinung, wie sie sich 
im siidlichen Frankreich gebildet hatte. Durch die starke 
Verbreitung des Turpin und das Fehlen einheimischer epischer 



LXIV, 4. Fors seullement roy Karles, ung fol viel radot& 
LXIV, 13. Mandez a Karle, ce viel roy radotk 
Und seine Kolle ist die denkbar traurigste: 

LXV, 14. Nostre emperiere Karle n'est pas de grant ayr. 
XCIX, 16. Mais tant est vieil et frelle, ne se puet mes tcnir, 
Sur destrier n'en tournay, ne chevalier ferir. 
CX, 12. La trova Charlesmainc lou riche roy de France 
Qui de ses XII pers mcnoit si grant morance, 
Por son neveu EoUand tire sa barbe blanche; 
Quant nouveles en oit, moult en grand pesance. 
Vgl. auch Fr. Michel, La chanson des Saxons I, p. XXVII; Biblioth6que 
des romans 1777, Oct. I, p. 134; Paulin Paris, Manuscrits francais de la 
bibl. du roi in, p. 112. 

Aimeri de Peyrat spricht in seiner Chronik im Cod. lat. 4991 der Bibl. nat. 
zu Paris nur von Karls grossem Appetit und seiner Starke (de Br6quigny, 
Notice et extraits des man. de la bibl. nat. VI, p. 81). Auch die beiden 
Anekdoten am Ende der Hs. der vita Caroli in Braine gehoren hierher (Curne 
de Sainte-Palaye, Academie des inscriptions, ser. I, torn. VII, p. 280), 



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26 P. Clemen 

Traditionen erklart sick das eigenthiimliche Bild, das sich 
deutschen Herzen einpragte: seine Gestalt ward vorwiegend 
mit den kirchlichen Farben ausgemalt — der frankische Volks- 
konig tritt vor dem frommen Glaubenshelden weit zuruck. 

Schon die Kaiserchronik, die erste zusammenMngende Ge- 
schichtsauffassung in deutscher Sprache, nur zwei oder drei 
Jahrzelinte nach der Entstehung des Turpin in Bayern zusammen- 
gefugt 1 , zeigt dieses Bild ausgefiihrt: Karls Mannestugenden 
werden vollig erdriickt von dem Lobpreis seiner Froinmigkeit 2 — 
wo er tapfer dreinschlagt, thut er es nur als gotis wigant. 

Es ward bestimmend fur die ganze weitere Ausbildung der 
Kerlingersage auf deutscher Erde, dass das erste und grossere 
Werk, das seinen Vorwurf diesem Sagenkreis entnahm, eine 
Nachdichtung des altfranzftsischen Rolandslieds war — damit 
erobert sich die franzosische Gestalt Karls sofort auch den 
deutschen Boden. War schon im altfranzosischen Eolandslied 
die Frommigkeit die eigentlich charakteristische Eigenschaft 
des Kaisers, so wird sie in des Pfaffen Konrad deutschem 
Eolandslied fast die ausschliessliche. Aber das heldenhafte 
Element, das dort in dem Gottesstreiterthum des Kaisers, in 
seinem ungestiimen Bekehrungseifer, seinem freudigen Heiden- 
hass noch wohnte, ist hier schon stark geschwunden. Diese 
Entwicklung haben mit Karl alle seine Paladine durchgemacht 3 . 



*) Vgl.W. S cher er in der Zeitschrift fur deutsches Alterthum XVIII, 
S. 298; H. Welzhofer, Untersuchungen fiber die deutsche Kaiserchronik 
des 12. Jh. ; Giesebrecht, Geschichte der deutschen Kaiserzeit IV, S. 399. 
2 )Massmann, Die Kaiserchronik: Bibliothek d. ges. deutschen National- 
literaturlV, Abth.III, 2, S. 341, 14301— 15106 Kaiser Karl. Fur seine Frbmmig- 
keit V. 14357, 14364, 14382, 14725, 14763, fur sein Mitleid 14510, 14532, 
15089. Karl was em warer gotis wigant. 

die heiden er zuo der Kristenheite getwanc. 
Karl was kuone. 
Karl was sc6ne. 
Karl was gnaedic. 
Karl was saelic. 
Karl was demuote. 

Karl was staete unde hete iedoch die guote. 
Karl was lobelich. 
Karl was vorhtlih. 
3 ) Euolandes Liet von W. Grimm I, 130—132, 225—242. 
thie wile sie hie lebeten 
an there martire sie beliben. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 27 

„Die Helden dieser Dichtung", sagt Wilhelm Grimm 1 , „sind 
Glaubenshelden, Werkzeuge in der Hand Gottes, dem sie als 
Martyrer sich zu opfern schuldig sind; sie wollen nicht anders 
als mit dem Schwerte sich das Himmelreich erwerben. Was 
sonst die menschliche Seele bewegt, Geftihle, Begierden und 
Leidenschaften, die andern Gedichten eine so reiche Fiille 
poetischen Lebens verleihen, ist hier vor der Uebermaclit jener 
Idee verschwunden oder erscheint, wo es sich regt, nur in 
blasser Farbe." 

Fiir plaudernde Schilderung hat Konrad mehr Eaum als 
der franzosische Dichter, damit auch fiir breitere Charakteristik 2 . 
Das Bild Karls ist von alien Flecken gelautert, das Majestatische 
des franzosischen Vorbilds noch gesteigert, das Menschliche 
verblichen. In der physischen Charakteristik treten nur wenige 
Ziige hervor, und diese stark, gewaltsam betont. Ein langer 
grauer Bart 3 , nicht weiss wie in der Chanson de Eoland, den 
er in heftiger Aufregung zu streichen pflegt 4 , schmuckt ihn, 
wonnesam und lieblich ist sein Antlitz, und seine Augen leuchten 
wie die Morgensterne oder wie die Sonne um Mittag, so dass 
man ihn von fern daran erkennen kann 5 . Neben dem 



ze himele sint sie gestigen: 
nu mugen sie vroliche leben; 
tha sint sie gotes ratgeben. 
>) W. Grimm a. a. 0. S. CXXV. 

2 ) Bezeichnend fiir die poetische Technik Konrads sind die eine rein 
ausserliche Freude an buntem Prunk verrathenden Beschreibungen der Kleider, 
der Kustungen, so Ganeluns II, 1568—1580, 1587—1596, 1611—1628 (vgl. 
Kugler, Kleine Schriften I, S. 2), 1628—1634, 1648—1650, III, 2491—2513, 
2520—2534, 2543—2550, VIII, 6119, Kolands V, 3986, Karls X, 7735—7756. 
8 ) VII, 5208. Karl mit sineme grawen parte. 

4 ) II, 1154. Ther Keiser zurnete harte 

mit gestreichetem barte 
mit ftf gewundenen granen. 
X, 7651. Ther Keiser begonde then bart streichen. Die Bewegung 
wiedergegeben in den Illustrationen der Pfalzer Handschrift. Die gleiche 
Geste iibrigens in einer Hs. der Histoire de J6sus-Christ, Sammlung des 
Grafen Bastard (Bastard VIII, pi. 250). 

Als Zeichen der Trauer IX, 6965 ther Keiser brah uz sinen bart. Aehn- 
liche Charakteristik fiir Bischof Johann: II, 1252. 

5 ) I, 682. Sin antluzze was wunnesam 

thie boten harte wole gezam 
thaz sie in mousen scouwen. 
ja luthen sin ougen 



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28 P. Clemen 

Muth 1 nehmen docli die geistlichen Tugenden 2 in dem ausfiihr- 
lichen Charaktergemalde des Pfaffen Konrad den Hauptraum ein, 
Engel bewachen seinen Schlaf, erscheinen ihm und reden mit ihm 3 . 
Der demtithige, zwischen Asketenthum und Fanatismus 
schwankende Geist des Rolandslieds lebte weiter im Karl des 
Strickers. Nach dem Gesclimack der Zeitgenossen formt er seine 
Helden urn, nimmt ihnen das letzte Erbtheil der alten frischen 
Rauhheit, die fruhere Knappheit der Charakteristik durch weit- 
schweifige Aneinanderreihung ersetzend. Ganz im Gegensatz zu 
der Weise der Chanson de Roland, die fast nie das Seelenleben 
malte, erschopft sick der Strieker, wie schon Konrad vor ihm 
versucht, in langer Aufzahlung der innerlichen Vorzlige seines 
Helden. Wieder ist Karls charakteristische Eigenthiimlichkeit 
der lange Bart und das lange Haar 4 , vor dem Kampfe zieht er 
den Bart durch die Ringe des Halsperges, und da seine Mannen 
sehen, wie wohl ihm dies stehe, folgen sie insgesammt seinem 



sam ther morgensterre. 

man erkantc in vile verre: 

niemen no thorfte vragen 

wer ther Keiser ware: 

niemen ne was ime gelih: 

sin antluzze was zierlih: 

mit voUehlichen ougen 

ne mohten sie in niht bescouwen. 

thin liehte gab in then wither slah 

sam thin sunne umbe mitten tah. 

*) IX, 7313, 7317; X, 8555—8562. 

2 ) I, 697. in volcwige was er sigesalih, 

wither ubel was er genahtlih. 

ze gote was er geware. 

er was reht rihtare, 

er lerte nns thie phahte: 

ther engel sie imo vore tihte. 

er enkunde elliu reht. 

zuo theme sverte was er guot kneht. 

aller tugende was er uz erkoren. 

milter herre enwart in thie werlt nie geboren. 

3 ) Wie im Rolandslied auf seinen Wunsch die Sonne ihrcn Lauf hemint, 
so hort auf sein Gebet der Mond nicht auf zu scheinen in der Sage von 
Karl und Elcgast: Germania IX, S. 320. Dieselbe Sage im Karl Mcinet, 
V. 575—606. 

4 ) Karl der Grosse von dem Strieker, ed. K. Bartsch: Bibliothek d. ges. 
deutschen Nationalliteratur XXXV, 166, 6280; 188, 7117; 237, 8980. 



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Die Portratdarstellungen Karls dcs Grossen. 29 

Beispiel 1 . Die hohe Leibesschonheit seines Helden zu riihmen 
wird der Strieker nicht miide: als die Boten der Heiden sich 
Karl nahen, 

do erschractens s&re da von. 

sin waren niender gewon 

deheines man so wunneclich. 

er was der rosen gelich 

an dem antliitze sin. 

sin varwe gap den widerschin, 

alsam der sunnen schin tuot. 

im was besezzen sin muot 

mit des heiligen geistes kraft. 

got hate sine meisterschaft 

an Karles libe schin getan: 

er ist ouch heilic ane wan 2 . 
Der Kaiser thut nichts aus eigener Kraft, Alles geschieht 
durch Gottes unmittelbares Eingreifen, er ist sein Werkzeug, 
kein gewohnlicher Mensch, ein Heiliger 3 . 



J ) 248, 9383.. Karl hiez im ziehen sinen bart 

durch des halsperges ringe 

und fragte die kerlinge, 

wie im daz zeichen zaeme. 

do duhte siz so genaeme 

daz si allesamt also tat en 

und ez dar nach site haten. 
*) 34, 1251. 

*) Die Frommigkeit Karls 94, 3537, 3610; 96, 3649; 56, 2086; 2, 63; 
2, 7; 24, 885; 62, 2311. 

Nur an einigen Stellen zeigt der Strieker Bekanntschaft mit der Karls- 
sage, wo ihm Konrad nichts hot — aber was er aufnimmt, verandert er im 
Geiste des Rolandslieds, so vor Allem die ganze Jugendgeschichte Karls, 
124—274, und die mit der Kaiserkronung in Rom schliessende Episode, 
400—478. Vgl. W. F. Hey die r, Vergleichung des Rolandsliedes des Pfaffen 
Konrad und des Karl vom Strieker; C. vonJaecklin, Zu des Strickers 
Karl, in der Germania XXII, S. 151. Warum aber soil der Strieker diese 
Parthien nicht aus franzosischen Gedichten gescho'pft haben ? Die Kenntniss 
franzosischer Sprache ist dem Strieker unbedingt beizulegen; im Eingang 
zum Daniel von Blumenthal sagt er ausdrticklich, er habe ihn aus dem 
Welschen ubertragen. Freilich heisst es Kaiserchronik, V. 15106: Karl hat 
ouch anderiu liet. G. Paris 1. c. p. 123 sieht die Zusatze des Strickers als 
rein deutsch an. Dagegen spricht, dass in Deutschland noch keine poetischc 
oder prosaische Bearbeitung der Jugendgeschichte Karls existirte. Schon 
im 12. Jh. aber besassen die Provencalen Lieder, die ausschliesslich die 



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30 P. Clemen 

Bilden Konrad und der Strieker nur die franzosische epische 
Ueberlieferung weiter, so zeigt die grosse unter dem Namen 
Karl Meinet bekannte Kompilation nur eine poetische Ueber- 
arbeitung der Schilderung Karls bei Turpin, die der Verfasser 
dieses Abschnitts aus Vincenz von Beauvais kannte 1 . 



Jugendgeschichte Karls behandelten : Fauriel, Hist, de la po6sie provencale 
III, p. 464. Dass die Sage schon friiher ausgebildet, beweist Turpin c. XX, 
Albericus II, 121. Die erste vollstandige abgeschlossene Bearbeitung der 
Jugendgeschichte freilich erst bei Girard d'Amiens, dem in Deutschland die 
Weihenstephaner Chronik gegeniibersteht. 

Das Bild von dem Gottcsstreiter Karl schweift bis hinauf in den 
Norden. Die Chronik im Cod. 56 saec. XV der Bibliothek zu Stockholm 
begimit fol. 1 : 

Annen var Karl magnus koning aff frandsz, 
Thet vil ick sege eder til sandsz, 
Mod hieden mend for kristen ath stridhe 
War ingen frommere i the tide, 
End bode thesse herrer, iec seyer eder fra, 
The hawe thiere tromhet bewiist saa, 
Ath ower alle werden gonger there loff, 
Hvare herrer oc fryster soge hoff. 
Koninge sonner s6kte ther hiem, 
Hertuger oc grewer thiente them. 
Aehnlich der Beginn von Cod. 59 saec. XV. 

*) Karl Meinet, ed. Keller: Bibliothek d. litter. Ver. zu Stuttgart XLV, 
S. 831. Vgl. K. Bartsch, Ueber Karlmeinet. Ein Beitrag zur Karlssage 
S. 214; Ders., Zum Karlmeinet, in der Germania VI, S. 28; Kantzeler in 
den Annalen d. hist. Ver. f. d. Niederrhein XII, S. 86. Die Beschreibung 
findct sich 539, 13—540, 30: 

Karl, der koninge gen6z, 
was van live schdne ind gr6z 
ind brun van sinre hude. 
he hadde lenger vdze dan ander Hide, 
der voze was he* echte lane, 
rechte ind hS in sinen ganc 
ind umb de siden breit ind grof 
ind lede gr6z na sime behof, 
gr6z van annen ind van beinen. 
man envant in den ziden engeincn 
ritter zo wapen als6 got, 
noch s6 vrom noch so vrot. 

50. sin braen waren dar z6 

einre halven spannen lane do, 
ind wanne h6 was zornich, 
so was sin gesu ne vreislich, 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 31 

Eine Ueberarbeitung des Strickers aus dem 15. Jahrhundert, 
die einzelne Stellen vollstandig heriibernimmt, in der Kindheits- 
geschichte aber wesentliche Aenderungen zeigt, enthalt die Hs. 
S. 500 (79 A) der Universitatsbibliothek zu Bonn \ Noch weiter 
gehend als der Strieker zeichnet sie Karl durchgehends als den 
hailigen, seldenrichen Mann — und nur blitzartig brechen noch 
einzelne Zuge der franzosischen Sagengestalt durch. Ganelun 
preist den Kaiser: 

Karle der hat tugende also vil, 

er ist biderbe und gewere, 

also wise schribere 

wollen schriben nymer mere 

die tugent und die ere, 

der hette an sinem libe. 

ich weiss wol das von wibe 

nie wart noch nymer werden sol 

ein man so maniger tugende vol 2 . 
Die Mare von der Kindheit Karls d. Gr. findet sich noch 
mehr erweitert in der Weihenstephaner Chronik 3 , auf des 



ind s6 wanne dat gesehach, 
ind w6 en dan ane sach, 
so enwas s6 stolz engein man, 
he enschede verv6rt van dan. 

*) Aus Seon. Papier. 1469. 2°. 126 Bl. „Hie fahet sich an des buches 
cappittel das do heisset Reiser Karles buck und gemalet mit figuren und 
ist das erste cappittel von des mannes synnen und vernunft." Vgl. zur 
Charakteristik bes. fol. 4 a , 6% 6 b , 7% 15% 19 a . Die Hauptscene 19% wie 
Karl mit Gerold beim Schachzabel sitzt und die Gesandten empfangt, genau 
nach dem Strieker. 

2 ) Fol. 41 a der Hs. 

8 ) Cod. lat. Monacensis 21558. Vgl. Weech, Kaiser Ludwig der Bayer 
und KOnig Johann von Bohmen S. 61. Ueber den deutschen Roman „Von 
Kunig Pipinus von Franckreich und auch von der purk Weychensteven, ge- 
legen auf dem perg bei Freising, darauf ytzund ain Kloster Sand Benedicten 
ordens liegt" vgl. Gaston Paris, Un ms. inconnu de la chronique de 
Weihenstephan, in der Eomania XI, p. 110, 409. Die bekannteste „K6stliche 
Historie von Koenig Pipinus von Frankreich und von jenem Suhn den man 
nennt den grossen Kaiser Karl" gedruckt bei von Are tin, Aelteste Sage 
von der Geburt und Jugend Karls des Grossen. Vgl. auch Hahn, Deutsche 
Staats-, Reichs- und Kriegsgeschichte I, S. 16. Benutzt von dem Luzerner 
Pfarrer Horolanus, Bettbuch Caroli Magni sampt angehengter kurtzer Be- 
schreibung hochstgenannten Caroli Magni Lebens. Ingolstatt 1584. Dieselbe 
Sage in Henrici Wolteri chronica Bremensis de s. Carolo et s. Willehado: 



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32 P. Clemen 

Adenez le roi Roman Berte au grand pie * oder die daraus 
gefertigte Prosauberlieferung 2 zuriickgehend, im Cod. germ. 
Monacens. 259 3 , einer der wenigen deutschen Ueberlieferungen, 
die lokal zu fixiren sind — die Sage verdankt der Umgebung 
Miinchens den Ursprung 4 — endlich in des Ulrich Piietrer 
„Historie von den edlen Fursten des loblichen Hauses von 
Bay era a 5 . 

Im Uebrigen aber herrscht noch bis weit in das 16. Jahr- 
hundert hinein in der Volksphantasie Kaiser Karl in der Gestalt, 
wie sie die Ueberlieferung Turpins geschaffen, freilich mannig- 
fach ver&ndert und mit einheimischen Ziigen durchflochten, alle 
Eigenschaften, alle MaBe tibermafiig, bis zur Karrikatur ge- 
steigert. Sie ist am deutlichsten ausgepragt in der nieder- 
rheinischen Lebensbeschreibung Karls im Cod. A. 121 III 
der Zuricher Stadtbibliothek 6 , in einer ungedruckten siid- 
deutschen Legende von Karl d. Gr. und St. Hildegard im Cod. 



Meibom, SS. rer. Germanic. II, p. 20, in den Reali di Francia VI, c. 1—17, 
in den Noches de Invierno des Antonio de Esklava I, c. 10 (auch bei 
Antonius, Bibl. Hispan. nova I, p. 91). Cod. germ. 2795 der Hofbibl. zu Wien 
enthalt ein Gedicht saec. XV „diu guote frouwe" liber das Geschlecht Karls. 
Vgl. Catal. II, p. 33. 

*) „Berte au grand pie\ tt Vgl. Reiffenberg, Archiv. hist, des Pays- 
Bas III, p. 156; Paulin Paris, Li romans de Berte aux grans pi6s. Dazu 
Fr. Michel, Examen crit. du roman de Berte. f 

2 ) Auszug bei Val. Schmidt, Rolands Abcnteuer III, S. 3—42. 

8 ) 01. 283. Aus Seon. 1469. 2°. fol. 39—106 Roman von der Geburt 
und den Kriegen Karls. Von Aventin nicht nach dieser Hs., sondern nach 
der schlcchtern, Cod. germ. 315, fol. 1—93, von 1472 herausgegeben. 

4 ) Dies geht hervor aus der wiederholten, genaue Einzelkenntniss ver- 
rathenden Erwahnung Mttnchener Oertlichkeiten. So vor Allem die Er- 
wahnung der Reismuhle bei Mtinchen als des angeblichen Geburtsorts Karls, 
aufgenommen von Aventin (lib. Ill, 294, IV, 318) und Filetrer a. a. 0. 
Vgl. Die Reismuhle, angebliche Geburtsstatte Karls des Grossen, in der 
Illustrirten (Leipziger) Zeitung 1868, Nr. 1281. 

6 ) Cod. germ. Monacens. 43. Ausgewahlte Stellen mitgetheilt von Fr. 
Wiirthmann im Oberbayrischen Archiv V, S. 48—86. Vgl. A. Kluckhohu 
in den Forschungen zur deutschen Geschichte VII, S. 202; R. Spiller, 
Studien liber Ulrich Fuetrer, in der Zeitschrift fur deutsches Alterthum 
XXVII, S. 262. 

6 ) Die Sage von der Grundung Aachens in der Zuricher Hs. entspricht 
der Schilderung im Ms. Lat. Voss. 77, fol. 744. Archiv VII, S. 136, 374; 
Serapeum IV, S. 47. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 33 

germ. Monacens. 735 * und in der plattdeutschen Legende von 
1494 2 , die beide fur diese Abschnitte ihre Quelle in des Vincenz 
von Beauvais Speculum historiale haben 8 . Die Personalbeschrei- 
bung in der Munchener Handschrift lautet: „Und was ain 
Christen und hett gott liab und was ains herliche laybes und 
aines wilden gesichtes und was seiner schuh achter lang die 
aller langst warent, und hett gross arm und pain und was ain 
scharpffer wolgeleretter rittere. Und was stark und hatt ain 
antlitz, das was anderthalb spann lang und ain parett, der 
was ains schuchs lang, und sein styrn was ains schuchs peraitt 
und seine augen schynen ym als der carfunckel und scharpff 
als einem strauss. Und wen er ernstlichen ansah, der must 
erschreckn und sein nas was ains halben schuchs lang 4 ." 

Aehnlich in der plattdeutschen Legende, die ausdriicklich 
als Uebertragung aus dem Latein angefuhrt wird — Karl, der 
„strydforste a , der Streitfiirst des Herrn, wird geschildert als 
„ eynes ehrliken levendes unde eynes wilden gesichtes, unde 
was eyn schone, lang, stark mann, und eyn scharp bloek ridder. 
He hadde starke arme und beine. Seyn antlath was andert- 
halve spanne lang, syn bart was eynes fotes breed. Syne 
ogen schyneden em sere klaer: wene he ernstliken ansah, de 
moste sik vorschrekken. Syne nese was bynah eynes halven 
fotes lang. Syn gordel was acht fote lang, dar he sik mede 
gordelde, und dat henk vor em dale. He was milde und recht- 
fertig in den ordelen, unde was wiis unde reddelick 5 ." 



x ) Die Hs. enthalt die Kaiserchronik im Auszug mit eingestreuten 
Legenden, so fol. 56—76 Von Carolo dem grossen kayser zu Eom, der be- 
hailigt ist wordn. Die Hs. weist auf das Stift Kemp ten : in Kempten wird St. 
Hildegard (fol. 61—76) begraben, ihr Leichnam wirkt allerlei Wunder. 

2 ) Von Keyser Karolo. Ut der hylligen Levent und Lydcnt, ut deme 
Latine in det Dudesk gebracht. Lubeck, gedrucht durch Stcffani Arndes 1494. 
Abgedruckt bei G. G. Bredow, Karl der Grosse. 

8 ) Vineentius Bellovacensis XXIV, 1; Floss, Aachener Heilig- 
thumer S. 201. 

4 ) Fol. 56—57 der Hs. 

6 ) Bredow a. a. 0. S. 99. Es folgt die Geschichte vom Kreuzzug: 
Konstantin bittet tiefbektimmert Gott um Hiilfe, da erscheint ihm ein Engel 
im Traum und weist ihm einen „wapenden ridder, de hadde twe stralen an 
synen beenen, unde eyne plate, unde eynen roden schild, unde by syner 
siden eyn swert, unde eyn groet speer in syner hand, unde eynen gulden 
helm unde eynen langen bart, und was graw a . Ganz ahnlich heisst es 
Marini Sanuti secret, fidel. cruris, lib. Ill, pars III, c. 6, 7: et ostcudit 



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34 P. Clemen 

3. Niederlande. 

Durchaus unter franzosischem Einfluss steht die Ausbildung 
der Legende in den Niederlanden. Das literarische Portrat 
Karls folgt in den altesten dieser Nachahmungen, die dem 
13. Jahrhundert entstammen, den Fragmenten des Sangs von 
Konceval 1 , dem Vorbild des Kolandslieds, und schliesst sich 
erst in den spatern Ueberlieferungen, von dem von Theodor von 
Karajan publizirten Bruchstuck 2 bis zu dem Volksbuch von 
1576 3 dem Turpin an, der durch seine Aufnahme in die zelt- 
genossischen Chroniken langere Dauer und durch die Verquickung 
mit realistischen Ztigen starkere Wirkung erhielt. Nach zwei 
Seiten entwickelten sich die alten Volksepen weiter — auf der 
einen Seite spalteten sich die zierlich abgeschliffenen hofischen 
Gedichte ab, auf der andern stand die volksmaCige rohe 
Ueberlieferung, die jetzt nicht mehr durch die Theilnahme der 
bessern Schichten gemildert ward. Diese letztere Seite vertritt 
der niederlandische Eenaud de Montauban 4 . War schon sein 



mihi quendam militem armatum, ense praecinctum, cuius hasta altissima et 
cuspis saepe flammas emittebat : et ipse senex et prolixa barba, vultu decorus, 
statura procerus, cuiusque oculi fulgebant ut stella. 

*) Bormans,La chanson de Koncevaux, fragments d'anciennes redactions 
thioises: Mem. couronnGs publ. par l'acad. roy. de Belgique XVI. Dazu 
G. Paris, Bibl. de PScole des chartes, sCr. VI, torn. I, p. 384—92. 

2 ) Haupts Zeitschrift fur deutsches Alterthum I, S. 97. Nach Vincenz 
24, 5, Albericus 2, 139, was Karajan entgangen. 
V. 81. Desen prince salmen louen 

Voer enen prince alles te boue, 

Die so vrome was en so stout 

En dien god mede was so hout. 

Hine dede met ere in sinen tide 

Sinen lande allene met stride. 
8 ) Hier beghint den droefligken strijt opten berch . van den Roncevale 
in Spaengien gheschiet daer Eolant ende Olivier metten fleur van Kerstcnrijk 
verslagen waren. Gheprint Antwerpen bei Jan van Gheleu. 1576. Vgl. Fr. 
Jos. Mone, Uebersicht der niederland. Volksliteratur alt. Zeit S. 37. 

4 ) Nieuwe taal- en dichtkundige Verscheidenheden I, p. 113—198, IV, 
p. 153—176; Horae Belgicae von Hoffmann von Fallersleben V, p. 45. 
Ueber den Charakter vgl. Jonckbloet, Geschiedenis der middelnederlandschen 
Dichtkunst II, p. 355. Vgl. Heidelbergische Jahrbiicher fur Literatur I, 
S. 409, wo in einer Anzeige von GSrres, Die deutschen Volksbiicher 1807, 
Ausziige aus einer Hs. der Vaticana „Poema regis Barleti et aliorum Prin- 
cipum" gegeben wcrden. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 35 

franzosisches Vorbild eines der heftigsten, gewaltsamsten des 
ganzen Cyklus, so iibertrifft diese Eauhheit noch der Ueber- 
arbeiter: unter seinen groben Handen erhalten die edelsten 
Charaktere eine Beimischung von Rohheit und Grausamkeit, 
und dem entspricht auch ihre grell gezeichnete physische 
Charakteristik. Die Krieger sind zu ubernatiirlichen Riesen 
geworden, handeln wie physische Krafte, sind brutal, riipelhaft 
im Auftreten, edlerer Regungen fast unfahig. Und wie Karl 
in der Sage vom Elegast auf den Pferdediebstahl ausgeht \ so 
wird er im Renaud zu einem derben, fast tappischen, riicksichts- 
losen, aber schwachen Hauptling, dem es nicht gelingt, die 
uberschaumende Wildheit seiner Vasallen zu zugeln. 

4. Italien. 

Schon friih hatten die Italiener die franzosischen Elemente 
des karolingischen Sagenkreises aufgenommen, lange bevor sie 
in irgend einer Weise aufgezeichnet wurden. In der Chronik 
von Novalese 2 , dann in des Donizo Leben der Mathilde tauchen 
sie zuerst auf 3 . Im Jahre 1131 schliessen Ritter und Konsuln 



Jean de Klerk, De Brabantsche Yeesten (ed. F. Willems I, p. 131) 
1. II, c. 20, v. 1768 schildert Karl uach Turpin: 
Karle was scone ende groet 
Maer sijn opsien dat was wreet. 
Hi seghet ons voerwaer ghereet 
Dat hi die voete lane hadde sere; 
Nochtan was dese grote here 
Sijns selfs acht voete lane, 
Reht, ende hoech in sinen ganc, 
Ende omme sine siden breet ende grof, 
Den lichame wel na sijn behoef, 
Grof van armen ende van beenen. 
V. 1784. Sijn baert, die hem manlic stoet, 
Was hem eens voets lane ghereet. 
Zu beaehten die Anklange an Karl Meinet. Die Schilderungen Einhards 
und Turpins nebeneinander bietet Edmund de Dynter, Chron. nobiliss. 
due. Lothar. et Brabant. 1. II, c, 23, ed. de Ram I, p. 183. 

J ) Karl unde Elegast. Een schone unde ghenoechlike historie van den 
grotcn konink Karcl unde den ridder Elegast. Delft 1480. 

2 ) Vgl. diese Zeitschrift XI, S. 205, Anm. 1; Wattenbach, Deutsch- 
lands Geschichtsquellen, 5. Aufl. II, S. 213; Gaston Paris 1. c. p. 159. 
*) Donizo, De vita Mathildis: 

Francorum prosa sunt cdita bella sonora. 

3* 
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36 P. Clemen 

von Nepi ein Biindniss, in dem sie jedem, der den Schwnr 
brechen sollte, wunschen das Schicksal des Judas und den 
schmachvollen Tod des Ganelun 1 . Am Ende des 12. Jahrhunderts 
schon schmiicken das Portal der Kathedrale zu Verona die 
Statuen Eolands und Oliviers 2 , liess Pantaleon zu Brindisi in 
einer Mosaik den Kampf zu Eonceval darstellen 3 . Dante versetzt 
Karl wie seinen Neffen unter die Streiter Christi in die fiinfte 
Stufe des Paradieses: 

Cosi per Carlo Magno, e per Orlando 
Due ne segui lo mio attento sguardo, 
Come occhio segue suo falcon volando 4 . 
Petrarea endlich sucht selbst das Grab des grossen Kaisers 
auf; in seinem bekannten Briefe „Gallias ego nuper" gibt der 
neunundzwanzigjahrige Aretiner seinem Gonner, dem Kardinal 
Giovanni Colonna, von seiner Wanderung Kunde und erzahlt ihm 
die Sage vom Fastradenring 5 . 

Eine Reihe der Erzahlungen der venetianischen Hand- 
schriften 6 , die in franzosischer Sprache franzosische Stoffe be- 
handeln, bildet die Zwischenstufe zu den spatern italienischen 
Aufzeichnungen. Ftir die Charakteristik Karls kommen hier in 



Vgl. A. F. Ozanam, Documents inGdits pour servir a Phistoire litteraire 
de l'ltalie p. 141. Vgl. Oculus pastoralis pascens officia (Muratori, Antiqui- 
tates Ital. IV, p. 120): Sicut poStarum manifestant historiae, et Francigenarum 
commendatorum vulgaris idioma describit in diversa. volumina diutius diffusa 
per orbem. 

*) Romania XI, p. 487. In einemStatut von Bologna 1288: Ut cantatores 
Francigenarum in plateis ad cantandum morari non possint. Ozanam 
1. c. p. 142. 

2 ) Magasin pittoresque VII, p. 269. 

8 ) Schulz, Denkmaler der Kunst des Mittelalters in Unteritalien I, 
S. 302, Taf. XLV; Mttntz, Mosaiques chretiennes de Tltalie III, p. 2; 
Ders., Etudes iconographiques et archeologiques p. 120. 

4 ) Parad. XVUI, 43. Vgl. Inferno XXXI, 16: 
Dopo la dolorosa rotta, quando 
Carlo Magno perde la santa gesta, 
Non son6 si terribilmente Orlando. 
Ganelun neben Judas gestellt auch bei Philippe Mous.kes, ed. Reiffenberg 
I, p. 268, v. 6772. 

6 ) Epistolae de rebus familiaribus, . lib. I, 3, ed. Fracassetti I, p. 49 ; 
de Sade, Memoires pour la vie de Petrarque I, p. 206; von Reumont in 
der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins I, S. 210. 

6 ) P. Lacroix, Dissertations sur quelques points curieux de Phistoire 
de France et de Phistoire litteraire p. 147; Ad. Keller, Romvart. Beitrage 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 37 

Betracht Doon de Mayence 1 , Karleto, Macaire 2 und Prise de 
Pampelune 3 . Folgen die erstern der altera franzosischen Ueber- 
lieferung — noch ist Karl der tapfere Konig mit dem majesta- 
tischen Gesicht, dem feurigen Blick, dem wehenden Bart — so 
durchdringt in den beiden letzten die Individuality des Ver- 
fassers die Wiedergabe des Stoffes, der mit bliihender Einbildungs- 
kraft uberkommene Situationen wie Gestalten ausbaut und ausmalt. 
Die zweite Stufe in der Wandlung der karolingischen 
Sagenstoffe auf italischem Boden vertreten die ersten Aufzeich- 
nungen in einheimischer Sprache, die Eeali di Francia, wohl 
ura 1350 in der Lombardei entstanden 4 . Karls historisclie Um- 
risse sind hier bis zur Unkenntlichkeit von der Phantasie uber- 
malt, aber auch seine Gestalt verschwimmt im Laufe der Er- 
zahlung immer mehr, nur einzelne Ziige, von dem grossen 
Gesammtbild des franzosischen Epos losgetrennt, haben sich 
erhalten: la fierezza di Mainetto, die todtkiihne Wildheit, mit 
der Karl gegen Afrikaner und Sarazenen, gegen Agolante und 
Almonte wiithet, erwirbt ihm noch immer hochsten Euhm, Ge- 
sicht und Augen sind so wild und stolz, dass selbst der Konig 
Bramante den schrecklichen Blitz, der unter Karls Brauen 
hervorbricht, nicht aushalten kann, sondern den Blick zur Erde 



zur Kunde mittelalterlicher Dichtung in italienischen Bibliotheken S. 1—97; 
L. Gautier, Bibl. de l'Scole des chartes IV, p. 2, 217; insbesondere A. 
Mussafia, Handschriftliche Studien II zu den altfranzos. Handschriften in 
der Markusbibl. zu Venedig. 

2 ) Vgl. Val. Schmidt in den Wiener Jahrbuchern XXXI, S. 125. 
Herausgegeben von A. Pey: Anciens poetes de la France II, 7417. Karls 
Verkleidung zeigt ihn in seiner spatern Gestalt: 

Les cheveux canuir et la barbe mesler, 
Et la chiere fronchir, les espaules combrer, 
Et la barbe canue a son menton gluer. 

2 ) A. Mussafia, Macaire. Fiir die Charakteristik bes. v. 2937, 2946. 

3 ) A. Mussafia, Altfranzos. Gedichte aus Venetian. Handschriften I. 
La Prise de Pampelune. Fiir d. Charakteristik bes. v. 28, 118, 153, 900, 
2334, 2969, 3564. 

4 ) Vgl. Val. Schmidt, Ueber die italien. Heldengedichte aus dem 
Sagenkreise Karls des Grossen, in Eolands Abenteuer III, S. 61, 67; Dors., 
Wiener Jahrbiicher XXXI, S. 105. Die erste Ausgabe Modena 1491, doch 
miissen sie schon vor 1348 existirt haben, da sie Villani in der Storia 
Fiorentina erwahnt. 



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38 P. Clemen 

senken muss 1 . Noch im 16. Jalirhundert lieisst es in der Draga 
d'Orlando : 

Ognuno ha scritto e Turpino il conferma, 
Che Carlo ebbe tal grazia da natura, 
Ch'a qualunqu' huom tenea sua vista ferma, 
Sli generava nel petto paura, 
E la faccia apparia pallida e inferma, 
Quando la sua mostrava turba e oscura; 
Ma quando poi mostrava il viso umano, 
Allacciava ogni cuor feroce e strano 2 . 
Noch einmal tritt in La Spagna des Sostegno di Zanobi 
das alte Heldenideal hellaufleuchtend in den Vordergrund in 
der Person Karls. Alle gigantischen Tugenden des Helden sind 
unverkummert aufgefasst, weise im Rathe der Alten, der Erste 
in der Feldschlacht, legt er in der Hitze des Kampfes Krone 
und Scepter ab, zieht einen gemeinen Waffenrock an, lasst den 
weissen Bart im Sturmwind flattern und rast in Berserkerwuth 
wie ein Bar gegen die Hunde wider die Sarazenen. Nicht mit 
psychologischer Feinheit, aber einfach und mit derber Grosse 
ist der Konig gezeichnet 3 . 

Aber schon in den folgenden Prosawerken spielt Karl nur 
noch eine traurige und zuriickstehende Rolle: Roland tritt als 
eigentlicher Held in den Vordergrund. In dem Renaud de 
Montauban des Luigi Pulci ist der Kaiser ein Greis geworden, 
der beinahe kindisch ist, eigensinnig, ein Spielball der Verrather 
und Feind seiner Anhanger, dabei heimtiickisch und rachsiichtig. 
Fast schwachsinnig wird der boshafte und phantastische Tyrann 
von Allen verspottet. Die ubernaturlichen Eigenschaften ver- 



*) Li Reali di Francia, cominciando da Costantino imperatore sino ad 
Orlando Conte d'Anglantc VI, c. 17, p. 321: Costui era nella faccia e negli 
occhi tanto fiere, che niuno lo poteva guardare fisso, che non abbassasse le 
ciglia. VI, c. 32, p. 333: Bramante guardava Carlo fisso nella faccia, e 
Carlo guardava lui, ma finalmente per forza convenne al re Bramante 
abbassare gli occhi; tanto avea Carlo terribile la guardatura. — la fierezza 
di Mainetto. VI, c. 34, p. 336: guardavano Tun Paltro nella faccia estavano 
saldi, e finalmente il re Gualfrediano non pote sostenere che non abbassasse 
gli occhi. 

2 ) G. Ferrario, Storia ed analisi degli antichi romanzi di cavalleria 
e dei poemi romanzechi d'ltalia III, p. 192. 

") G. Ferrario 1. c. in, p. 17; Ginguene, Hist. litt. d'ltalie IV, p. 
1 86, 199; P. A. Tosi, Notizia di una ediz. sconov. d. poem. Spagna. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 39 

mag die nuchterne Zeit nicht mehr zu fassen — mit realistischer 
Kritik zieht man die Konsequenzen von einem Alter von 200 
Jahren und schildert mit iibermiithigem Spott einen am Rande 
des Grabes stehenden zitternden Greis 1 . Wie im Morgante 
Maggiore schwankt der Dichter zwischen tibertriebenem Pathos 
und beissender Satire: seine Helden, jammerlich entstellte und 
verzerrte Figuren, zanken sich wie die Hockerweiber, ihre Sprache 
ist iiberladen mit Ausdrucken des niedrigsten Florentiner Pobels. 
Und gibt auch der Orlando innamorato des Bojardo dem Konig 
eine gewisse Wiirde und seinen Stolz zuriick, so bleibt seine 
Rolle doch die unwurdigste und traurigste zugleich, leichtglaubig 
und urtheilsschwach hat Karl nicht viel mehr zu thun als die 
Feste zu ordnen, bei den Turnieren zuzuschauen, und wenn der 
Larm zu arg wird, mit Prugeln darein zu fahren. $ein Fort- 
setzer, Lodovico Ariosto, der den Ruhm des ganzen Werkes 
davontrug, passte die gross angelegten Charaktere Bojardos dem 
Geschmack der hohern Stande an, bildete das aus den Artus- 
romanen entlehnte Motiv der galanten Liebe weiter und setzte 
an die Stelle des getragenen Ernstes einen graziosen Humor. 
Wohl schlossen sich beiden bis auf Fortiguera herab eine Reihe 
von Nachtretern an, aber mit der Bedeutung der Karolingersage 
fur die italienische Romantik ging es zu Ende, seit zuerst 
Francesco Berni mit der Travestirung des Rolandslieds das 
Signal zur Zerstorung der ritterlichen Ideale gegeben. Es ist 
bezeichnend, dass nun auch der einst hochgeehrte Turpin, der 
das ganze Mittelalter und ganz Europa beherrscht, dem von 
den Italienern noch Zanobi folgt, der Zielpunkt des Spottes 
wird. Wenn Pulci, Bojardo, Ariosto sich auf ihn berufen, so 
geschieht dies nur im Scherz, Bojardo selbst entsendet zuletzt 
seine Pfeile direkt gegen Turpins Chronik 2 , und der blinde 
Dichter von Ferrara nennt ihn mit feiner Ironie 3 : 
Scrittor famoso, il quale non scriveria 
Per tutto Tor del mondo una menzogna, 
E chi'l contrario tien, vaneggia e sogna. 

2 ) In den Reali di Francia ist dies das Schicksal Pippins, ebenso in den 
Noches de Invierno. 

2 ) Bojardo, Orlando innamorato I, 4, 59, II, 21, 4, 24, 7, III, 1, 4, 
2, 54. Vgl. E. Ruth, Geschichte der italienischen Poesie II, S. 190. 

3 ) Libro darme dainore nomato Mambriano composto par Francisco Cieco 
da Ferrara; Ferrario, Storia ed analisi I, p. 30. 



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40 P. Clemen 

Beim Ueberblick liber diese literarische Stromung in ganz 
Mitteleuropa zeigt es sich, dass der Ausbau der Sage in Frank- 
reicli beeinflussend einwirkte auf die Ueberlieferung aller be- 
nachbarten Lander: der Rahmen der franzosisch-karolingischen 
Sage ist es, der die gemeinsame Verbindung fur die zerstreuten 
lokalen Traditionen gibt. Frankreich schuf zuerst das volks- 
thiimliche Bild des Konigs, Frankreich gab auch den ersten 
Anlass zur Zerstorung: es entsprach dem Charakter der zu 
kritischem Spott und zur Satire am meisten neigenden italienischen 
Poesie, dass hier das Zerstorungswerk vollendet ward. Hatte 
aber Deutschland den neu gewonnenen Typus mit offenen Armen 
aufgenommen, so verschloss es sich dem Zersetzungsprozess im 
14. Jahrhundert vollstandig. Die erste Periode franzosischer 
Beeinflussung auf die politische, wissenschaftliche, kiinstlerische 
Denkungsweise Deutschlands war zu Ende, und Italien hatte 
fiir das Gebiet der Poesie noch keine Bedeutung erlangt. 
Bis der eindringende franzosische Einfluss das heimische Bild 
in Deutschland erstickt, vergehen naturlich Jahrzehnte, — so 
ist es begreiflich, dass in Frankreich ein von der Phantasie neu 
geschaffener Typus sich eher Geltung erwirbt als im Ausland — 
dass hier auch dieser Typus eher in die kiinstlerische Dar- 
stellungsform iiberging. In der That finden wir den Konig 
a la barbe fleurie auf franzosischem Boden wohl fiinfzig Jahre 
friiher als in Deutschland, und die ersten Darstellungen auf 
deutscher Erde liegen auf jenem breiten Grenzgebiet am Rhein. 
Dass dieser K5nig mit dem weissen Bart durch gglnz Europa 
herrscht, ist nicht allein dem Einfluss Turpins und der Chanson 
de Roland zu danken : die Grundziige zur Bildung dieses Greisen- 
ideals ruhten wohl schon lange vorher im Volksboden. Die 
leuchtenden Augen, der wallende Bart, die majestatische Ruhe — 
das sind die Ziige, mit der die Phantasie den obersten Schlachten- 
gott ausgestattet hatte. Moglich, dass die sagenhaften Franken- 
konige Merovaus und Chlodio schon lange vor Karls Tagen so 
gezeichnet waren K An eine direkte Uebertragung ist in beiden 
Fallen nicht zu denken : man bediente sich unbewusst der gleichen 
kiinstlerischen Hiilfsmittel fiir gleiche Zwecke. Wohl aber ist 
bei einer andern Gruppe eine Uebertragung zu verzeichnen: 
die nachsten Vorfahren Karls: Pippin, Arnulf, vor Allem der 

x ) Diese Vermuthung ausgesprochen von Graevell, Die Charakteristik 
der Personen im Rolandslicde S. 103. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 41 

heldenhafte Karl Martell, der mit dem Enkel audi den Namen 
theilte, verschmolzen mit Karl zu einer Gestalt, die an sie ge- 
kniipften Sagen und Traditionen gingen auf Karl liber 1 . Auch 
nicht mit einem Mai wird die physische Charakteristik fixirt. 
Der Bart Karls braucht Jahrhunderte zum Wachsthum. Erst 
der letzten Periode der Entwicklung ist Karl jener ungeschlachte 
Riese mit dem bis zum Giirtel Mngenden zottigen Bart, den man 
im Bibbelstein auf dem Ochsenfeld im Elsass wachsen horen 
konnte 2 , der nach einer spanischen Legende nie geschoren ward : 

Y cuando llego k la puerta 

de aquella tienda real, 

viera estar a don Carlos, 

aquel alto emperante, 

conociolo Guiomar 

segun deb tenia senial: 

con aquellas barbas blancas 

que tenia por la sua faz, 

que jamas pelo en su vida 

de la barba fuera & cortar 3 . 
Wir konnen nur den Finger legen auf die schriftlich auf- 
gezeichneten und festgehaltenen Ueberlieferungen : was wir 
nicht verfolgen konnen, sind die losen Gesange der Fahrenden, 
aus denen erst jene geschlossenen Dichtungen zusammengefugt 
wurden, die Volkslieder, die hier und da hn Lande erklangen. 

*) Was in den Reali di Francia, in den Noches de Invierno (Brusselas 
1610, cap. X. Se cuenta el nacimiento de Carlo Magno, p. 349) von Pippin 
gilt, die Umgestaltung zum zitternden Greis, ist bei Pulci auf Karl tiber- 
tragen. In ahnlicher Weise iibertragt die Historia de la reyna Sebilla (ge- 
druckt 1532, Analyse bei F. Wolf, Die neuesten Leistungen d. Franzosen 
fur d. Herausgabe ihrer nationalen Heldengedichte) das Motiv von der Ver- 
stossung der Gattin im Roman von Berte toux grans pi6s, in der Chronik 
von Weihenstephan, in der Chronik Ulrich Ftietrers, in Henrici Wolteri 
chronica Bremensis (bei Meibom, SS. rer. Germ. II, p. 20) auf Pippin und 
Karl bezogen, ihrerseits auf Karl und Ludwig. Schon bei Ermoldus, 
Elegia ad Pipp. reg. II, 131 Karl MarteU Carolus Magnus genannt, was 
seine Identifizirung mit Karl d. Gr. nur beschleunigen musste. Aehnlich 
Mabillon, Iter Germanicum p. 80: liber ad Karolum Magnum, i. e. Calvum, 
qui Magnus non semel appellatur. 

2 ) Aug. Stoeber, Anzeiger fur Kunde der deutschen Vorzeit, N. F. 
n, S. 320. 

8 ) Romances de Montesinos V bei F. J. Wolf und C. Hofraann, 
Primavera y flor de romances II, p. 300. 



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42 P. Clemen 

Sie wiirden uns viel unmittelbarer einfuhren in die Anschauung 

und Verehrung der grossen Menge — unmittelbarer, weil hier 

das personliche Element des Dichters fast vollig in Wegfall 

kommt. Von den alten Liedern sind nur Bruclistiicke erhalten, 

aber noch lebt Kaiser Karl in den Bergen der Escualdunacs 

in dem Gesang von Altabigar: 

Escapa, escapa, indar et a zaldi ditucuienac. 

Escapa hadi, Carlomano errege, hire luma beltcekin eta hire 

capa goriarekin. 
Ire iloba maitia Rolan gangarrha hantchet hila dago. 
Bere cangarthasuna ieretaco ez tuigan. 
Eta hordi, Escualdunac, utzdigag un arrhoca horiec. 
Jausgiten fite igordetgagun gure dardac escapatcendiren contoa \ 
In Frankreich iiberwog in der Person Karls stets das 
hofische Element: aus Karl, Artus, Gottfried ward hier die 
herrschende Trinitat des ritterlichen Glaubensbekenntnisses ge- 
schaffen. Auf deutschem Boden aber wuchs Karl zum Vertreter 
des Kaisergedankens und des deutschen Staatsgedankens aus — 
seine wirthschaftlichen und Verfassungsreformen, mit denen er 
seiner Zeit in praktischer Erkenntniss um Jahrhunderte voraus- 
geeilt war, wahrten ihm nicht weniger ein Angedenken als seine 
ruhmreichen Siege : denn je triiber die Zeiten, je kraftloser die 
jeweiligen Herrscher waren, je weniger das Eeich dem Ideal- 
staat glich, der Karls Reich durch den Schleier der Jahrhunderte 
schien, um so mehr wuchs die Verehrung fur den grossen 
Karolinger. Karls Recht wird noch heute beim Haberfeldtreiben 
in den bayrischen Bergen verlesen, Karls Schwert lag unter 
der Linde bei Dortmund, wenn die Vehme tagte, „Karles lot" 
hiess bis in das spate Mittelalter das Normalgewicht 2 . „Erst 

*) Altabicaren cantua. Mitgetheilt v.on E. de Monglave im Journal 
de Tinstitut historique I, p. 176. Fr. Michel, La chanson de Roland p. 
225. Zu deutsch: Flieht, flieht, ihr, denen die Kraft und ein Ross bleibt. 
Flieh, grosser Konig Karl, mit deinen schwarzen Federn und deinem rothcn 
Mantel! Dein Neffe, der tapfere, dein theurer Roland liegt todt. Zu nichts 
nutzte ihm sein Muth. Jetzt aber, Escualdunacs, verlasst die Felsen, steigt 
herab und schleudert die Pfeile auf die Fliehenden. 

2 ) Arnold i chronica Slavorum III, 2, SS. XXI, p. 143: Hec enim pactio 
desponsationis fuerat inter imperatorem et regem Dacie, ut quatuor milia 
marcarum cum filia pcrsolveret, librata pondere publico, quod Karolus Magnus 
instituerat. Vgl. Sims on, Jahrbiicher d. frank. Reiches unter Karl d. Gr. II, S. 
565; von Jnama-Sternegg, Deutsche Wirthschaftsgeschichte I, S. 456. 
Vgl. Wigalois, ed. G. Fr. Benecke I, S. 351, V. 9553: 



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Die Portr&tdarstellungen Karls des Grossen. 43 

im 14. und 15. Jahrhundert", sagt Karl Lamprecht, „reiften 
die aus dem Boden des alten Karolingerreiches entsprossenen \ 
Nationen einer spontanen und naturgemassen Renaissance ent- 
gegen; es ist kein Zufall, wenn Karl der Grosse eben bis ins 
16. Jahrhundert als das unerreichbare Ideal monarchischer 
Thatigkeit gait 1 ." Wie man in ihm noch lange den Heifer 
aus alien Missstanden und Schaden im Lande, den Reformator fur 
alle Kreise und alle Gebiete, den ersten Feldherrn der Kultur 
zu erblicken gewohnt war, zeigt am deutlichsten ein rlieinisches 
Gedicht 2 : 

dan stilte Karle lange gelebet han 

er hette viel niitzes dinges getan 

alle richtiim wolt er deylen gelyche 

alle unfruchtbare wiistunge machen buwelich 

alle unfertich wassfer machen brucken 

alle godes huess laissen smucken 

alle martstede uberdecken reyne 

alle lantstraissen understeynen 

alle gerichte uss der schrieft erniiwen 

alle lantfrede sloise bawen 

alle rauppgesesse zu brechen 

alle boyssheyt laissen rechen 

alle wolldait thiin ergetzen 

alle schedelich gewalt entsetzen 

Karl us dutzschen landen 

wolte hane daz bestanden 

dar umb alle crysten synen namen 

billich ewigliche sollen loben amen. 

Do gebot er den fursten sa, 

daz si behielten Karls reht, 

Und die gerihte mahten sleht 

Uber allez sin riche. 
Gottfried von Strassburg, ed. von der Hagen II, S. 275, 389. Fortsctzung 
von Ulrich von Tiirheim zu Tristan und Isolt, V. 2273. Fortsetzung von 
Heinrich von Freiberg, V. 1675 (von der Hagen II, S. 27): 

hin uf daz wunnekliche velt 

da man der aventiuwer gelt 

mit Karles lote wider wak. 
2 ) K. Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter I, S. 668. 
2 ) Aus Hs. 3597 der graflich Walderdorffschen Fideikommissbibliothek 
zu Molsberg. A. Wyss im Neuen Archiv VII, S. 571, 582; Zeitschrift f. 
deutsches Alterthum XXX, S. 70, V. 350—367. 



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/ 



44 P. Clemen 

IV. Das spatere kunstlerische Portrat. 

I. Deutschland. 
A. Darstellungsgruppen unter lokaler Ueberlieferung* 

1. Aachen. 

Von den deutschen Monumenten betrachten wir zunachst 
die in Aachen befindlichen im Zusammenhang, weil in Aachen 
in erster Linie eine lokale Tradition als gesichert anzunehmen 
ist, der Art, dass in jedem einzelnen Falle der spatere Kiinstler 
ein fruher gefertigtes Portrat vor Augen haben konnte. Das 
von Einhard bezeugte Bild iiber dem Grabmal verschwand wohl 
schon im Jahre 881 K Mogen nun in der Pfalzkapelle unter den 
Karolingern Gewolbe und Fensterlaibungen einen malerischen 
oder musivischen Schmuck erhalten haben oder nicht, ein Portrat 
Karls befand sich schwerlich darunter — wohl aber diirften unter 
Otto III., der, wahrscheinlich bei seiner Anwesenheit in Aachen im 
Herbst 997, die verursachten Schaden ausbessern und was noch 
mangelte, an malerischem Schmuck hinzufugen liess 2 , die Figuren 



*) Vgl. diese Zeitschrift XI, S. 212. 

2 ) Vita Balderici episc. Leodiensis, cap. XIII, SS. IV, p. 729 : vir erat 
venerabilis, Johannes nomine, natione et lingua Italus, episcopus officio, qui 
sui gratiam nominis moribus illustrabat candidatis et pietatis studio ....'. 
Peribatur etiam satis egregie in arte picturae illius temporibus claruisse. 
Cuius rei experimentum : si quis exigit, Aquis eum dirigimus, ubi palmam 
adhuc optinet tanti artificis opus, licet vetustate temporis ut res cetere ex 
magna parte decorem suum amiserit. Quis autem imperator eundem a patriae 
sustulerit gremio, brevi in eadem pictura declaravit hoc versiculo : A patriae 
nido rapuit me tertius Otto. Alter etiam versus ibidem appositus, breviter 
huius artificis pandit titulum; qui se habet in hunc modum: Claret Aquis 
sane, tua quae valeat manus arte .... Otto tercius imperator, de quo 
dubium fuit, justicia an validis armis foret potentior, quodam tempore in 
partes deveniens Galliarum mansionem accepit in Aquensi ut in regia sede 
et publicae rei domicilio. Ubi aliquamdiu commoratus, eiusdem loci capellam 
studio devocionis regiis muneribus et bonis honoravit et quod deerat ad de- 
corem ipsius capellae supplere animum intendit. Necdum enim color alicuius 
picturae eandem decorabat. Unde praedictum Johannem praeciosum artificem 
missa legacione ab Italia accersivit et ut doctas manus hinc applicarct negotio 
oravit et imperavit. Paruit ille regali imperio et quid valeret in hac arte 
declaravit magnifice. Zuerst beachtet von Fiorillo a. a. O.I, S. 75; daselbst 
auch die Grabschrift. Th. Frimmel im Repertorium X, S. 320 (Be- 
sprechung von C. Rhoen, Die Kapelle der karol. Pfalz, in der Zeitschrift des 
Aach. GeschichtsvereinsVIII, S. 15) macht aufmerksam auf zwei Aufs&tze von 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 45 

des Papstes Leo und des Kaisers Karl eingesetzt worden sein, auf 
deren Vorhandensein ein von P. a Beeck mitgetheilter titulus 
mit Sicherheit schliessen lasst 1 . Es entsprach dies ganz der 
ungemessenen Verehrung, die der jugendliche Romantiker seinem 
grossen Vorbild widmete. Die einzige ausfiihrlichere Nachricht 
iiber die Ausschmiickung des Miinsters geben bekanntlich die 
Verfasser des Turpin und Karolellus und ihre Nachtreter, ins- 
besondere Helinandus und Albericus. Der Monch von Vienne 
mochte genaue Kunde haben von dem Vorhandensein eines 
malerischen Schmucks in der Pfalzkapelle, er verwechselte nur 
den Gegenstand dieser Wand- oder Deckengem&lde mit dem 
Vorwurf des Ingelheimer Cyklus 2 . Denn dass zur Zeit, als 
der Turpin zusammengeschweisst wurde, in der That das 
Minister mit malerischen Darstellungen geziert war, geht mit 
Bestimmtheit hervor aus dem Bericht der vita Balderici 3 — 
und dass diese erst nach der Mitte des 17. Jahrhunderts unter- 
gegangen 4 , beweist ihre Erwahnung noch bei P. a Beeck 5 und 

B6thune d'Ydewalle, Restauration de la mosa'ique carlovingienne dans 
la coupole du d6me d'Aix-la-ChapeUe, im Bulletin de la Gilde de Saint- 
Thomas et Saint-Luc, s6r. II, torn. I und im Messager des sciences historiques 
de Belgique 1876. 

*) P. a Beeck, Aquisgranum p. 41 : Versus ad occiduam templi plagam 
qua datur ingressus ad laevam supra uno e saceUis ... in fastigio muri 
subtus Salvatoris faciem et protensum brachium indice manus commonstrante 
auratis vocabulis inscripti: 

Ecce Leo papa, cuius benedictio sancta 
Templum sacravit quod Karolus aedificavit. 

2 ) Nachgewiesen von Janitschek, Geschichte d. deutschcn Malerei 
S. 20, Anm. 1. Aber wenn auch die Annahme von Wandgemalden dieses 
spezieUen Inhalts dadurch widerlegt worden, so erscheint doch das Vorhanden- 
sein von Wandgemalden tiberhaupt nicht als unmOglich. 

3 ) Vita Balderici 1. c, SS. IV, p. 730. 

4 ) Wahrscheinlich bei dem Brand im Jahre 1656. 

5 ) P. a Beeck 1. c. p. 93. Recte . . . Magnus Karolus picturis musiaci 
operis . . . circumvestivit basilicam; recte Otto tertius imp., dum quodam 
tempore mansionem in Aquensi palatio, veluti in regia sede ac rei publicae 
domicilio, accepisset advertissetque eiusdem loci capeUam sufficientibus necdum 
decoratam picturis, zelo decoris domus Dei excitus venerabilem virum 
Joannem natione et lingua Italum, artis picturae quam scientissimum, ab 
Italia accersivit et ut doctas manus huic negotio applicaret, imperavit. 
Paruit is et singulare artificium Aquis expressit, licet vetusta tetemporis uti 
res caeterae interierit. (Nach dem Text der vita Balderici.) Im hSchsten 
Grade bemerkenswerth ist es, dass der sonst gewissenhafte Aachener Chronist 
in der Anfuhrung des Gcgenstands der Wandgemalde sich offcnbar den Turpin 



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46 P. Clemen 

Noppius 1 . Der Aacliener Anonymus in der auf Friedrichs I. 
Wunscli geschriebenen vita Caroli spricht bei seiner ausfiihr- 
lichen Beschreibung der Pfalzkapelle nur von dem musivum opus 2 . 

zum Vorbild nimmt. P. 50: picturis in musivo seu musiaco operc diversis 
typicis coloribus variegato, repraesentante veteris ac novae legis acta quon- 
dam undequaque obvestitum incrustatuinque fuisse. Es bieten sich hier 
zwei Mogliehkeiten dar : entweder waren diese Malcreien wirklich noch vor- 
handen: dann sind sie unter Otto III. oder seinen Nachfolgern entstanden 
und der Umstand, dass Beeck dem Turpin sich anschliesst in der Schilderung 
des vor seinen Augen befindlichen Schmucks ware ein Beweis fur die Kichtig- 
keit der Angabe Turpins — oder sie waren bereits untergegangen, und Beeck 
folgt nur aus diesera Grunde der, wie er meint, historischen Angabe des 
Turpin. Dass der Aachener Chronist, der das Minister taglich vor Augen 
hatte, wider besseres Wissen dieser Nachricht folgte, ist nicht anzunehmcn, 
obgleich er, wie auch seine Benutzung der vita Balderici zeigt, gem ganze 
Stellen wortlich entlehnt. Ftir den letztern Fall spricht, dass auch Ciampini 
von jenen Parallelscenen nichts anzugeben weiss. 

In der sagenhaften Literatur, die sich an Turpin anschliesst, findet 
sich keine weitere Ausfuhrung. Nur Philippe Mouskes (ed. Reiffenberg I, 
p. 377, v. 9690) erwahnt kurz: 

Et si fist paindre voirement 

Trestout le Nouviel Testament 

Et les Vies Testament apriSs. 

Moult en furent li mestre en gri6s. 
Eme*ric-David, Discours historiques sur la peinture modcrne p. 132 bezieht 
Verse des Walafrid Strabus auf Engels- und Heiligenfiguren auf Darstellungen 
in der Aachener Pfalzkapelle. Bei diesen titulis (Canisius, Lectiones anti- 
quae, ed. Basnage (1725) II, p. 256—262) — . es sind Verse auf St. 
Michael, St. Fortunat, Maria, Paulus und die z wolf Apostel — ist jedoch weder 
von malerischer Ausfuhrung noch von einem Bezug auf Aachen die Rede. 
Die Abbildung der Kuppelmosaik bei Ciampini, Monumenta Vetera II, pi. XLI. 
Danach bei Seroux d'Agincourt, Histoire des arts. Peinture, pi. XVII, 1; 
von Quast, Sammlung von Denkmalen der Architektur, Skulptur und 
Malerei II, Taf. XVII. Fur apokryph, wie Dohme, Geschichte der deutschen 
Baukunst S. 432, Nachtrag zu S. 8 meint, kann ich die Abbildung nicht 
halten. Das Motiv ist auch nach der Ottonischen Zeit nicht mehr nachzu- 
weisen. Fur eine Erfindung Ciampinis ist die Zeichnung viel zu gut im 
Charakter der Ottonischen Kunst gehalten, trotz aller Stilisirung — und 
woher sollte der Italiener das Vorbild genommen haben. Den Versuch eincr 
Wiederherstellung der zerstorten Inschrift machte Barbier de Moutault, 
La mosa'ique du d6me d'Aix-la-Chapelle, in den Annales archtSologiques XXVI, 
p. 285, 308. Vgl. auch: Die Mosaik der Kuppel des Aachener Miinsters, in der 
Augsburger Allg. Zeitung 1881, B. 263; Die neuen Mosaiken im Aachener 
Mttnster, im Centralblatt der Bauverwaltung 1881, S. 27. 
*) Noppius, Aacher Chronick (1632), Th. I, S. 25. 
2 ) Die Beschreibung, welche fur die Geschichte und Ausschmuckung 
des Miinsters verschiedene wichtige Nachrichtcn beibringt, findet sich in der 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 47 

In der untern Apsis der Doppelkapelle, die sich innerhalb 
des im 14. Jahrhundert errichteten Chors befand, existirte nocli 
im Jahre 1632 * eine Darstellung Karls mit dem Kirchenmodell 
neben der Madonna; mit der Doppelkapelle ist dies Bildniss 
im Laufe des vorigen Jahrhunderts zu Grunde gegangen 2 . 

Als Friedrich Barbarossa vom Papst Paschalis III. die 
Kanonisation seines erhabenen Vorbilds erlangt hatte, war es 
seine erste Sorge, den Gebeinen des Heiligen eine wurdige 
Ruhestatte zu bereiten. Die aufgefundenen Eeste wurden zu- 
nachst in einem holzernen Katafalk in der Mitte der Kirche 
aufgestellt 3 , bis am 27. Juli 1215 die endgiiltige Uebertragung 
der Reliquien stattfand 4 . An der kostbaren, mit Gold und Edel- 
steinen geschmiickten Tumba, in welche der Heilige damals ge- 
bettet ward, vollfiihrte Friedrich II. den letzten Hammerschlag 5 . 
Der Reliquienschrein befindet sich jetzt noch in der Schatzkammer 
des Ministers zu Aachen, ein Meisterwerk der deutschen Gold- 
schmiedekunst, das unter den rheinischen Arbeiten nur noch in 

altesten Handschrift, Cod. lat. 17656 saec. XII der Bibl. nat. zu Paris iin 
cap. 16: De excellencia Aquensis ecclesiae: . . . Quis non stupeat, cum illius 
• basilicam materiam .... attendat et musivum opus oculis advertat? Cod. 
lat. 14279 saec. XIV der Staatsbibl. zu Miinchen redet nur von inusitatum 
opus. Vgl. P. Clemen, Studien zur Geschichte der karolingischen Kunst I. 
Die Beschreibung des Aachener Miinsters durch den Anonymus Aquensis, im 
Repertorium fiir Kunstwiss. 1890, Heft 3. 

*) Noppius, Aacher Chronick, Th. I, S. 22. In dem von Quix 
herausgegebenen Necrologium p. 21 ein Beitrag „ad picturam sacrarii" erwahnt, 
der sich vielleicht hierauf bezieht. 

2 ) Quix, Hist. Beschreibung der Miinsterkirche S. 16; Mertensin 
Ftfrsters Wiener Bauzeitung V, S. 140; E. aus'mWeerth, Kunstdenkmaler 
II, S. 61, Anm. 41. 

8 )Sigeberti continuatio Aquicinctina, SS. VI, p. 411: Fredericus 
imperator natale Domini in palatio suo celebravit Aquis, ad cuius curiam 
omnes optimates tocius regni, sive ecclesiastici seu seculares, ab ipso sub- 
moniti convenerunt, et corpus domini Karoli Magni imperatoris, qui in basilica 
beatae Mariae semper virginis quiescebat, de tumulo marmoreo levant es, in 
locello ligneo in medio eiusdem basilicae reposuerunt. 

4 ) Acta SS. Jan. II, p. 887; Bohmer-Ficker, Reg. v. 1198—1272, 
Nr. 810d. 

6 ) Reineri monachi s. Jacobi Leodiensis continuatio chronici Lamberti 
parvi, SS. XVI, p. 651 : Feria secunda missa solemniter celebrata idem rex 
corpus beati Carlomanni, quod avus suus Fridericus imperator de terra levaverat, 
in sarcofagum nobilissimum, quod Aquenscs fecerant, auro argon to contextum 
reponi fecit, et accepto martello deposi toque pallio, cum artifice machinam ascen- 
dit et videntibus cunctis, cum magistro clavos infixos vasi firmiter clausit. 



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48 P. Clemen 

dem Schrein der vier grossen Reliquien zu Aachen und dem 
Schrein der heiligen drei Konige zu Koln seines Gleichen hat K 
Die Grundform ist die des Mittelschiffs einer Basilika mit 
geradlinig auslaufenden Kopftheilen. An dem einen derselben 
befindet sich in getriehener Arbeit die Madonna mit dem Kinde, 
umgeben von den Erzengeln Michael und Gabriel, am andern 
Karl d. Gr. zwischen Bischof Turpin und Leo III., dariiber 
an dem Ziergiebel in leoninischen Versen die Inschrift: 
Ecclesie Christi tu lux, tu gemma fuisti, 
Karole, flos regum, decus orbis, orbita legum, 
die ihre Fortsetzung tiber den Konigsstatuetten der Vorderseite 
findet : 

Exemplar regum, fons iuris, regula legum, 
Gloria Francorum, pia suscipe vota tuorum. 
Der Kaiser ist en face sitzend dargestellt, die Kniee ausein- 
andergebogen, in langer, uber den Gliedern fest angeschnurter 
Tunika, geschmtickt mit reichverziertem, auf der rechten Schulter 
durch eine Spange zusammengehaltenem Mantel. Die Linke, 
tiber die der Mantel fallt, halt das Scepter, die Rechte das 
Modell des Ministers. Das aufgerichtete, runde Haupt zeigt 
ein starkes und weiches Kinn, einen festgeschlossenen Mund 
mit stark betonter, etwas vorgeschobener Unterlippe, unter der 
geraden, grossen Nase einen straffen, vollen Schnurrbart, kurzes, 
in leicht angedeutete Lockenstrahne gelegtes Haar, weit offene 
Augen unter hochgeschwungenen Brauen. Unzweifelhaft liegt 



J ) E. aus'm Weerth, Kunstdenkmaler d. christi. Mittelalters in den 
Rheinlanden, Taf. XXXVII, Text II, S. 108; F. Bock, Karls des Grossen 
Pfalzkapelle S. 98; Ders., Reliquienschatz des Liebfrauenmiinsters S. 43; 
C. G. Schervier, Die Munsterkirche zu Aachen und deren Reliquien S. 19. 
Quix, Historische Beschreibung der Miinsterkirche S. 73 bezeichnet die 
tumba noch falschlich als den Schrein des h. Leopardus. Lab arte, Recherches 
sur la peinture en email p. 34; C. Daly, Revue generate de Tarchitecture IV. 
Die genaue Aufzahlung der in den Schrein tibertragenen Reliquien bei D idr on, 
Annates archeologiques XVIII, p. 274; Kessel, Geschichtliche Mittheilungen 
uber die Heiligthiinier der Stiftskirche zu Aachen S. 52; Der Siegbote 1888, 
Nr. 79, 81; E. aus'm Weerth, Karls des Grossen ehemals und jetzt in 
Aachen befindliche Reliquien und Reliquiare, in den Jahrbuchern d. Ver. v. 
Alterthumsfreunden XL, S. 265. Ueber die an Napoleon I. abgegebenen 
Reliquien vgl. den Moniteur vom 19. und 25. Aug. 1804. Dazu Aachener 
Anzeiger vom 12. Jan. 1849. Ein Kasten mit dem Arm St. Karoli im 
Louvre: Lab arte, Histoire II, p. 228; de Laborde, Notice des emaux dn 
Louvre p. "43. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 49 

hier eine Anlehnung an den alten historischen Typus vor, ver- 
mittelt durch irgend eines der verloren gegangenen in Aachen 
befindlichen Bildnisse — das ist kein Profil, wie es die Phantasie- 
thatigkeit schafft. Die voile Ausbildung der Portratzuge Mnderte 
die noch unfertige Technik: die breiten, glatten Flachen von 
den Wangen zum Hals herab, die starren, unbelebten Augen 
mit den sorgsam rund gezogenen Brauen verrathen die unaus- 
gebildete, mit dem sproden Material ringende Technik ebenso 
sehr wie die steifen Parallelfalten der schweren Prachtgewandung 
und die mangelhaft geformten Fusse. Aber doch ist die Absicht 
des Kiinstlers unverkennbar : die Absicht, ein Portrat zu schaffen 
und diesem den Stempel majestatischer Hoheit aufzudrucken l . 
Die obern Flachen desselben Reliquienschreins tragen aus 
dtinnera, stark im Feuer vergoldetem Rothkupfer getrieben, je 
vier Reliefdarstellungen, die als der erste ktinstlerische Nieder- 
schlag des urn Karls Namen gebildeten Sagenkreises in Deutsch- 
land von holier Bedeutung sind 2 . Fiinf derselben nehmen ihren 
Gegenstand aus der Geschichte des spanischen Feldzugs Karls, 
eine aus dem Kreuzzug, eine fiihrt die Erzahlung von Karls 
Beichte vor, die letzte endlich die Widmung des Aachener 
Miinsters. Das erste Relief gibt zwei Scenen: links erscheint 
dem nackt unter einer Decke schlummernden Karl der h. Jakobus 
und fordert ihn auf zum Zuge gegen die Sarazenen, zur Rechten 
erblickt Karl vom Fenster aus die Sonnenstrasse 3 . Auf dem 



*) An SteUe der zwolf Apostel, wie sie an den iibrigen gleichzeitigen 
Reliquienschreinen der Erzdiozese K5ln die Bogennischen fullen, sind hier 
anf jeder Seite acht der deutschen Konige angebracht, die im Laufe von 
vier Jakrhunderten in Aachen gekrQnt wurden (F. Bock, Pfalzkapelle S. 98; 
Schervier a. a. 0. S. 9; Quix a. a. 0. S. 121), bekleidet mit denKronungs- 
pontifikalien, mit Lilienkronen, Sceptern und Reichsapfeln. Der Konig, bei 
dem die InschritT fehlt, wohl sicher Friedrieh I., so schon P. a Beeck, 
Aquisgranum p. 79; nach Kiintzeler, Karls des Grossen Schrein S. 17 
Philipp von Schwaben. 

2 ) Eine Erklarung der acht Felder gab zuerst Kantzeler, Der die 
Gebcine Karls des Grossen enthaltende im Mtinsterschatz zu Aachen befind- 
liche Behalter. 1859; Ders. in der Aachener Zeitung 1856, Nr. 206, 1859,Nr.216. 
Dazu Annalen des hist. Vereins f. d. Niederrhein VIII, S. 257. Femer: 
E. aus'm Weerth, Kunstdenkmaler II, S. 114; E. Miintz, Etudes icono- 
graphiques et arch6ologiques p. 109. 

8 ) Auf der Schriftrollc des h. Jakobus die Inschrift : Karole surge, veni, 
tibi Galeciam dare, veni, nicht umgestellt wie bei aus'm Weerth II, S. 115. 
Die Umschrift: 



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50 P. Clemen 

zweiten Relief stiirzen auf die Furbitte des im Vordergrund 
knieenden Karls die Mauern von Pampelun ein, von dessen 
Thurm ein Wachter umsonst den Hulferuf blast *. Die nachste 

Apparet Jacobus in sompnis ante duobus, 
Denique stellata perhebetur in ethere strata, 
Occiduum mundum per se perhibens adeundum. 
Die Darstellung nach Turpin, N cap. II. Von einem Engel, dcr vom Himmel 
herabsteigend Karl aufsucht, schon die Rede in Alcuini versus ad Carolum 
imp., Poet. lat. I, p. 259, v. 76: 

Angelus aetheria veniens caelestis ab arce, 
Qui tecum maneat nocte dieque simul. 
Der MOnch von St. Gallen betont wiederholt Gottes wunderbares Eingrcifen: 
Mon. Sangall. 1. I, c. 28, 29, ebenso Chionicon Novaliciense III, c. 6, 21, 
SS. VII, p. 106, wo Karl durch eine Vision die Unterwerfung Italiens an- 
befohlen wird. Die Chanson de Roland (ed. Gautier LVII, LVIII, CLXXXVII, 
CCVI, CCLXVII, CCXCVIII) ftihrt statt des Jakobus den Engel Gabriel 
ein, ebenso Ogier de Danemarche (ed. J. Barrois V, v. 1150), dem Turpin 
folgend die vita Caroli Magni des Cod. lat. Paris. 17656: Qualiter s. 
Jacobus beato Karolo Magno apparuit, Vincentius Bellovacensis XXIV, c. 5, 
die Grandes chroniques de France, ed. P. Paris, lib. IV, c. I, II, p. 208; 
die Chronique de Philippe Mousket, ed. Reiffenberg I, v. 3395, p. 135, 
v. 2468, p. 101, v. 4725, p. 190, die Kaiscrchronik, ed. Massmann II, S. 
362, V. 14607, der Karl Meinet, vgl. K. Bartsch, Ueber Karlmeinet S. 49, 
das Breviarium Halberstadense, ed. Migne, Patrologia, libri Carol. II, p. 
1338, die plattdeutsche Legende von 1499 (Br e do w, Karl derGrosse S. 106), 
ahnlich auch das von Th. von Karajan edirte Bruchstuck eines niederlandischen 
Gedichts (Haupts Zeitschrift fur deutsches Alterthum I, S. 107, V. 173), 
ferner Ly Mireur des histoirs, die Chronik des Jean des Preis, dit d'Ou- 
tremeuse (ed. Borgnet II, p. 498, in den Coll. de chroniques Beiges), das Chron. 
nobil. due. Lothar. et Brabant. 1. II, c. 27 (ed. Fr. X. de Ram I, p. 186), 
das Speculum morale regium des Bischofs Robert von Senez (unedirt, ge- 
schrieben fur die Erziehung Karls VII., erhalten im Cod. lat. 532 der Bibl. 
nat. zu Paris auf fol. 53). Vgl. auch Karl d. Gr. und der h. Jakobus, im 
Miinchener Sonntagsblatt 1864, Nr. 14. Dieselbe Scene dargesteUt auf einem 
Fenster der Kathedrale zu Chartres, auf einem Basrelief am Scepter Karls V. 
im Louvre (Molinier, Notice des emaux et de l'orfevrerie. Sup pi. p. 570), 
auf einer goldenen Flasche, die Karl IV. im J. 1377 vom franzosischen Konig 
Karl V. geschenkt erhalt: Christine de Pisa, Vie de Charles V. 1. Ill, 
c. 46; Val. Schmidt, Rolands Abenteuer III, S. 55, Anin.; Barbet de 
Jouy (Notice du mus6e des souverains p. 79), in einer Miniatur der Hs. Bibl. 
nat. fr. 8395 der Chroniques de St. Denys (Lacroix et Ser6, Le moyen age 
et la renaissance. II. Belles-lettres. Romans), im Cod. gall. 4 Monacens., im 
Cod. Bruxellens. 14563, fol. 118 b , fol. 120 a . 
*) Die Umschrift: 

In Pampilone persistens obsidione 
Karolus oravit: me sicut ad ista vocavit 
Jacobus — et vere cadit urbs, muri cecidere. 



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Die Portratdarstellungen Karls dcs Grosscn. 51 

Tafel zeigt Karl, zwisclien zwei Kriegergruppen knieend, vom 
Himmel empfangt er die Weisung, dass die rait einem rothen 
Kreuz bezeichneten Kampen in der nachsten Schlacht fallen 
wtirden — er schliesst sie in eine Kapelle ein 1 . Das vierte 
Relief stellt in der Mitte eine Abschiedsscene dar: Karl, in 
einem geoffneten kaiserlichen Zelt sitzend, umarmt zwei jugend- 
liche Personen; zur Linken ziehen die zum Tode bestimmten 
Krieger ihre Lanzen bliihend aus dem Boden, zur Rechten 
stlirmen sie da von 2 . Auf dem funften Relief findet Karl, sieg- 
reich mit den Seinen heimkehrend, die in der Kapelle von ihm 
Eingeschlossenen todt und beklagt sie 8 . Auf der folgenden 
Tafel beichtet der Kaiser knieend dem Egidius seine Schuld, 
wahrend dieser das Messopfer verrichtet 4 . Das siebente Relief 
illustrirt die Schlussscene des Kreuzzugs: der Kaiser, der von 
Konstantin zum Dank fiir die Befreiung des heiligen Grabes 
nur Reliquien annehmen will, empfangt vom Himmel die Be- 
statigung ihrer Echtlieit — zur Rechten reitet er mit dem 



Nach Turpin, cap. II, ed. Castets p. 4 : Dc muris Pampiloniac per semetipsos 
lapsis. 

*) Die Umschrift: 

Rex cruce premonitus, bello quis sit moriturus, 

Claudit in ecclesia signatos, tendit ad arma. 
Nach Turpin, cap. XVI, p. 26. 

2 ) Die Umschrift (erganzt bei aus'm Weerth a. a. 0. S. 118): 

(Audet quaerendi sortem, qui sint) perimendi. 

Ne dubitanda foret hec questio, lancea floret 

Tempore nocturno morituris marte diurno. 
Nach Turpin, c. VIII, p. 11 oder c. X, p. 15. Die weichen KOrperformen 
der um Karl Versammelten scheinen aber vielmehr auf Jungfrauen zu deuten, 
vielleicht nach Kaiserchronik V. 14947—15004, ed. Massmann II, S. 386. 

3 ) Die Umschrift: 

(Mortem non ausi moriuntur) tempore clausi. 

Victor ab hoste redit, clausorum funera plangit. 
Nach Turpin, c. XVI, p. 26. Es ist nicht, wie Miintz 1. c. p. 113 meint, 
eine Schlacht dargestellt. Die Platte ist verstellt, sie geh5rt offenbar direkt 
h inter die dritte. 

4 ) Die Umschrift: 

Egidio Karolum crimen pudet edere solum; 
Illud enim tanti gravat. Egidio celebranti 
Angelus occultum perhibet reseratque sepultum. 

Nach Kaiserchronik V. 15031— 15084, ed. Massmann III, S. 107; Chronique 

de Philippe Mousket, v. 3974. 

4* 

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52 P. Clemen 

Bischof davon 1 . Die Widmung des Miinsters ist der Inhalt 
der letzten Tafel: der thronenden Madonna weiht Karl, der 
sich auf ein Knie niederlasst, das in beiden Handen empor- 
gehaltene Modell der Pfalzkirclie — der Mittelgruppe reihen 
sich zur Linken ein Bischof, zur Eechten ein Engel an 2 . 

Karl tragt stets halblanges, unten leicht gelocktes Haar, 
das liber die Ohren herabfallt, einen kurzen, durch parallel 
eingeritzte Striche angegebenen Vollbart mit in die Hohe ge- 
drehtem Schnurrbart. Der Ausdruck des Gesichts ist ein starr 
typischer, die Augen sind weit aufgerissen. 

Am selben Kunstwerk neben einander der alte und der 
neue Typus : bemiihte sich hier der erfahrenere Kiinstler angst- 
lich, ein vorhandenes historisches Portrat nachzubilden, so ward 
der jtingere in Technik und Auffassung dem Schopfer der Voll- 
figuren nachstehende Reliefbildner bei der Darstellung des 
Sagenstoffs auch zur Darstellung der Sagengestalt Karls fort- 
gerissen. In dem thronenden Imperator an der Giebelseite des 
Karlsschreins ist zum letzten Mai der alte historische Typus 
in Aachen zur Anwendung gekommen. 

Die folgenden Schopfungen bedienen sich sammtlich der 
Sagengestalt Karls. Der Schrein der vier grossen Reliquien 
oder der allerseligsten Jungfrau, die Nachbildung einer Kirche 
mit schwach vorspringendem Transept in der Mitte und gerad- 
linigem Abschluss der Kopfflachen 3 ward kurz nach Vollendung 



*) Die Umschrift: 

Mittuntur dona Karolo, Christique corona 
Spinea, flos de qua novus exit, quo ciroteca 
Turgens (duin traditur in) aere stans reperitur. 
Nach Karlmeinet, ed. Keller S. 513. 
2 ) Die Umschrift: 

(Huic) par et exemplum (praecelso culniine) templum 
Karole rex, a te matri datur inviolate, 
Hie, ubi semper aquis ferventibus afiiuit, Aquis. 
Abb. auch bei 0. Jager, Deutsche Geschichte II, S. 82; Henne am Rhyn, 
Deutsche Kulturgeschichte I, S. 105. Das MunstermodeU bei A. de Surigny, 
Huit jours a Aix-la-Chapelle, im Bulletin monumental XXXV, p. 779, 793. 
Dazu Jahrbucher des Ver. v. Alterthumsfreunden XVI, S. 136. 

8 ) Vgl. P. a Beeck, Aquisgranum p. 170, 171; K. F. Meyer, Histor. 
Abhandlung iiber d. grossen Reliquien in der chemaligen Stiftskirche zu 
Aachen. 1804; Ch. Cahicr et A. Martin, Melanges d'archSologie I, pi. 
1—4; E. aus'm Weerth, Kunstdenkmaler, Taf. XXXVI, Text II, S. 103; 
F. Bock, Pfalzkapelle I, S. 132, Abb. 136, Fig. 56; F. Bock, Reliquien- 



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Die Portratdarstelluiigen Karls dcs Grossen. 53 

des Karlsschreins in Angriff genommen, und war nacli einer 
Urkunde Friedrichs II. * noch 1220 in der Ausfuhrung begriffen. 
An einem der Ziergiebel befindet sich unter der verstiimmelten 
Inschrift : 

Karolus hie magnus, magni qui regna gubernans 
Mundi rex meruit super omnes magnus haberi 
die vortrefflich gearbeitete Statuette Karls d. Gr. Der Kaiser 
ist sitzend dargestellt, die Rechte halt das Scepter, auf der 
flachen Linken ruht das Modell des Munsters. Das machtige 
Haupt ist leicht nach vorn geneigt. Ein kurzer Bart, nicht 
kraus wie bei Papst Leo auf der entgegengesetzten Seite, son- 
dern mit schlichten Langseinschnitten versehen, bedeckt das 
starke Kinn, die leicht gelockten, ein wenig die Stirn verdecken- 
den Haare sind iiber den Ohren zuriickgestrichen, der kurze 
Schnurrbart lasst die Mitte der Oberlippe frei, die Unterlippe 
ist heruntergebogen, die Nase gross, etwas iiberhangend, die 
AugenbrauenTiochgezogen, die innern Augenwinkel etwas gesenkt. 
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass an dem Marienschrein 
dieselben Kiinstler thatig waren, wie an dem Karlsschrein. Die 
vordere Seite mit dem Bildniss Karls in der Mitte, ist im 
Faltenwurf alterthiimlicher und starrer, in der Filigranarbeit 
armlicher als die frei und reich behandelte Euckseite — diese 
vordere Seite diirfte den Ktinstlern des Karlsschreins zuzuweisen 
sein 2 . Es waren dies sicher Aachener Kiinstler, wie der Liitticher 
Monch Reinerus ausdriicklich bemerkt, vielleicht die Genossen 
jenes Wibert, der den Kronleuchter Barbarossas nach einer 
Notiz des Aachener Necrologiums schuf 3 . Wir sehen in der 

schatz des Liebfrauenmtinsters S. 56, Taf. 4; K&ntzeler, Der Marienschrein, 
in den Erganzungsblattern zum Echo der Gegenwart 1860, Nr. 1; Kessel, 
Geschichtliche Mittheilungen S. 1 0. Die besten Abb. beiStephanBeissel, Der 
Marienschrein des Aachener Mtinsters, in der Zeitschrift des Aachener Ge- 
schichtsvereins V, S. 1—36, Taf. I, II. Vgl. auch Kessel: Der Friedens- 
bote, Beil. zur Aachener Volkszeitung 1888, Nr. 17—21. 

J ) Lacomblet, Urkundenbuch II, Nr. 84: ecclesia memo rata quartam 
partem oblationum trunci ante paradisum locati, quamdiu capsa ad laudem 
beate virginis fabricatur, percipiat ; qua perfecta medietas preposito, reliqua 
vero medietas ecclesie cedat ex integro. Datum Frankenvurt a. d. 1220, 13. kal. 
Maii. Vgl. Quix, Codex dipl. Aquensis p. 95; Bohmer-Ficker, Reg. v. 
1198—1272, Nr. 1106. 

2 ) So schon St. Beissel a. a. 0. S. 14. 

3 ) Quix, Necrologium ecclesiae B. M. V. Aquensis, 24. April: Item 
Wibertus frater eiusdem Stephani s. dei genetrici duas ampullas argenteas 



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54 P. Clemen 

Folgezeit in der Nachbarschaft eine Eeihe von Reliquienbehaltern 
entstehen, die zumal mit dem Marienschrein die grosste Ver- 
wandtschaft aufzuweisen haben, so dass die Arbeiten entweder 
Aacliener Kiinstlern zuzuschreiben oder doch auf den Aachener 
Schrein als maCgebendes Vorbild zuruckzufuhren sind. Es sind 
dies vor Allem der Schrein der h. Julie in der Kirche zu 
Jouarre \ der des h. Eleutherus in der Kathedrale zu Tournay 2 , 
wohl im Jahre 1247 vollendet, mit zwei Keihen von Figuren 
libereinander, von ausserordentlicher Feinheit der Durchbildung, 
endlich der durch die trefflichen Kopfe und den freien Falten- 
wurf der sitzenden Heiligenfiguren ausgezeichnete Schrein der 
Kirche zu Moissat-Bar 8 und der Schrein des h. Eemaklus in 
der Abteikirche zu Stablo 4 . Von Arbeiten auf deutschem Boden 

donavit, et duas domos, quae adherent eccl. s. Foillani; insuper maximam* 
operam et maximum laborem ad opus corone, ad tectum totius ecclesie, ad 
crucem deauratam in turri, ad campanas adhibuit et omnia feliciter con- 
sumpsit. Vgl. Quix, Geschichte der Stadt Aachen I, S. 65; F. Bock, 
Der Kronleuchter Barbarossas im Minister zu Aachen; Ders., Pfalzkapelle 
S. 127. E. aus'm Weerth, Jahrbucher d. Ver. v. Alterthumsfreunden XL VI, 
S. 155 bringt hiermit in Verbindung zwei der bedeutendsten Emailbilder in 
Sigmaringen und die Emails am Reliquiar des h. Godulf in der Servatius- 
kirche zu Mastricht (Messager de la Belg. 1849, p. 152). 

*) Chasse de sainte Julie a Jouarre (Seine-et-Marne), in den Annal. 
archeol. VIII, p. 136, 250; Didron, Bronzes et orfevrerie du moyen age, 
in den Annal. archeol. XIX, p. 15; Am. Aufauvre et Ch. Fichot, Les 
monuments de Seine-et-Marne p. 193. Ueber die Entstehungszeit vgl. 
Camusat, Promptuarium und Desguerrois, Sainctete* chrestienne. 

2 ) Le Maitre d'Anstaing, Chasse de Saint-Eleuthere, in den Annal. 
archeol. XIII, p. 57, 113; Texier, Orfevrerie des XII e et XIIP siecles, 
in den Annal. archeol. XIV, p. 114 — 121; L6on Gaucherel et le Maitre 
d'Anstaing, La chasse de Saint-Eleuthere. Tournay 1854; Ch. Cahier, 
Caracteristiques des saints I, p. 336. 

8 ) R. de Lasteyrie, Chasse en cuivre dore, conserv^e dans Peglise 
de Moissat-Bar (Puy-de-Dome), in der Gazette archeologique VIII, p. 357, 
pi. 59, 60. 

4 ) F. Bock, Pfalzkapelle a. a. 0. erwahnt als gleichzeitig den Schrein des 
h. Remaklus zu Stablo, obgleich derselbe schon 1131—1158 gefertigt ward. 
Vgl. Barsch, Nachrichten iiber Malmedy und Stablo, in den Annalen d. 
hist. Ver. f. d. Niederrhein VIII, S. 29; A. de Notie, Etudes historiques 
sur l'ancien pays de Stavelot et Malmedy p. 52; Ders., La chasse de saint 
Remade a Stavelot, in den Publ. de l'acad. d'arche'ol. de Belg. 1866. Vgl. 
hieriiber endlich Harless und aus'm Weerth, Der Reliquien- und Orna- 
mentenschatz der Abteikirche zu Stablo, in den Jahrb. d. Ver. v. Alterthumsfr. 
XLVI, S. 135, 155, Abb. Taf. XL Vgl. iiber die Schreine Nordfrankreichs 
und Belgiens L. J. Guenebault, Dictionnaire iconographique des monuments 



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Die Portratdarstcllungen Karls des Grossen. 55 

stehen nur die Konige und Propheten an den Seitcnwandungen 
des Dreikonigenschreins zu Koln iiber den Aachener Schopfungen, 
in dem Daniel und Salomon der Kolner Tumba erreicht die 
rheinische Goldsclimiedekunst ihren Hohepunkt. 

Zur Zeit der ersten Hohenstaufen entstand unzweifelhaft 
audi das Schwert des h. Mauritius, von maurischen Goldschmiede- 
arbeitern in Sizilien gefertigt, jetzt unter den Reichskleinodien 
ira Schatze der Hofburg zu Wien bewahrt : das kleine Portrat 
Karls auf der Scheide des Schwerts stimrat tiberein mit den 
Darstellungen auf den Eelieftafeln des Karlsschreins K 

Friedricli Barbarossa begntigte sich aber nicht damit, die 
Gebeine des neuen Heiligen in kostbarem Behalter zu bergen; 
er bezeichnete auch den Ort, wo er die sterblichen Reste des 
grossen Karl gefunden, mit einem Denkstein, der uns nur in 
einer schlechten Zeiclinung des Herrn von Peiresc durch Mont- 
faucon aufbewahrt ist 2 , — er zeigt eine auffallend kurze und 
gedrungene Gestalt, mit langer, edelsteinbesetzter Tunika be- 
kleidet, die Fiisse auf einen liegenden Hund gestellt. Der dicke 
Kopf mit kurzem Hals, mit langgelocktem Haar und langem 
Vollbart ruht auf einem von zwei Engeln getragenen Kissen. 
Die Verwendung des Turpinschen Typus fur Karl an diesem 
Orte ist urn so auffallender, als in der Miinsterkirche selbst, 
an dem Gewolbe der Doppelkapelle oder in den Fensterlaibungen 
eines der historischen Bilder des Kaisers sich fand, das, wenn 
auch nicht auf Otto III., so doch auf eine Zeit zuruckging, in 
der sich das neue Schema fur die Gestalt des Kaisers noch gar 
nicht ausgepragt hatte. Dieser Stein mochte es sein, den man 
im Jahre 1333 dem wandernden Petrarca wies 3 , der noch zu 

I, p. 258; de Caumont, Cours d'antiquites monumentales VI, p. 568 und 
den Sammelband Bannieres et chasses im Cabinet des estampes zu Paris. 

*) F. Bock, Pfalzkapelle I, S. 105; Mittheilungen der K. K. Central- 
commission 1857; F. Bock, Das heilige Koln. Domschatze S. 51; Ders., 
Kleinodien d. h. rom. Keichs V. Die Gestalten einzeln abgeb. bei Villemin, 
Monuments francais ine*dits I, pi. 17. 

2 ) Montfaucon 1. c. I, pi. XXIII, fig. 4, p. 276. Vgl. C. P. Bock, 
Karls des Grossen Grabmal S. 24. Der Stein tragt keine Inschrift. Fur ein 
Bild des in der Bliithe der Jahre verstorbenen Otto III. diese Greisengestalt 
zu halten, geht nicht an, und an Desiderius, das einzige gekrbnte Haupt, 
das noch in Aachen begraben, ist nicht zu denken, weil fur eine Erneuerung 
seines Gedachtnisses im 12. Jahrhundert kein Interesse mehr vorhanden war. 

8 ) Petrarcae epistolae de rebus familiaribus I, 3, ed. J. Fracassetti I, 
p. 49: Vidi Aquensein Caroli sedem et in templo marmoreo verendum bar- 



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56 P. Clemen 

Zeiten Aventins gezeigt ward 1 , — in der Mitte des 17. Jahr- 
hunderts ist er wahrscheinlich verschwunden 2 . Moglicherweise 
geht auch die Erzahlung im Cod. lat. Monacens. 14279, cap. 58, 
die einen Aachener Kleriker vor der veneranda effigies vene- 
rabilis Karoli zu Boden sturzen lasst, auf dieses Steinbild zurtick. 

Das al teste Stadtsiegel von Aachen, dem Ende des 12. 
Jahrhunderts angehorig und schon in einer Urkunde vom Jahre 
1200 erwahnt 3 , stellt Karl auf dem Thron sitzend dar mit 
Scepter und Apfel, urn den rechten Arm ein mehrfach gewundener 
Reif, der Kopf von langlichem Oval, das Kinn bedeckt von 
mafiig langem Vollbart, unter dem mit einfachem Dreiblatt 
geschmuckten Thronreif fallen kleine Lockchen in die Stirn 
hinein 4 . Ein wei teres Siegel aus der zweiten Halfte des 13. 
Jahrhunderts zeigt das Bild der thronenden Maria mit dem 
Kinde, zur Rechten kniet Kaiser Karl, der Patronin das Modell 
seiner Miinsterkirche darbietend 5 . 

Untergegangen sind die Kaiserbilder an dem von Ritter 
Gerhard Chorus 1353 begonnenen Rathhaus, die nach einem 
erhaltenen Vertrag von Peter von der Capellen, der Stadt 
Steinmetz, gefertigt worden waren 6 . Aeneas Sylvius widmet 



baris gentibus illius principis sepulcrum. Ubi fabellam audivi, non inamoenam 
cognitu, a quibusdam templi sacerdotibus et postea apud modernos scriptores 
accuratius etiam tractatam legi, quam tibi quoque ut referam incidit animus. 
Vgl. Korting, Petrarcas Leben und Werke S. 95. 

J ) A ven tin, Annal. Bojorum, lib. IV, p. 221. 

2 ) Der jetzt in der Mitte des Oktogons liegende Denkstein ist erst 
1804 durch Bischof Berdolet gesetzt: E. aus'mWeerth in den Jahrbiicheni 
d. Ver. v. Alterthumsfreundeh XXXIX, S. 267. 

- 3 ) Mittheilung des Stadtarchivars R. Pick zu Aachen. 

4 ) Original im Stadtarchiv zu Aachen. Umschrift (mit Auflbsung der 
Abkiirzungen) : Karolus Magnus Romanorum Imperator Augustus. Durchmcsser 
88 mm. Mangelhafte Abbildungen: Quix, Codex diplomat. Aquens. II, p. 
144; Endrulat, Niederrheinische Stadtesiegel, Taf. I, Nr. 1 und von 
Ledebur, Archiv fur deutsche Adelsgeschichte II, Taf. Ill, Nr. 2. 

6 ) Original im Stadtarchiv zu Aachen. Vgl. von Ledebur a. a. 0. II, 
S. 182; G. Dem ay, Inventaire des sceaux de la Flamande I, p. 420, no. 
3840, setzt das Siegel, das schon 1327 an einer Urkunde vorkommt, unrichtig 
in den Ausgang des 14. Jh. Abbildungen: Endrulat a. a. 0. Taf. I, Nr. 3; 
von Ledebur a. a. 0. II, Taf. Ill, Nr. 7; Demay 1. c. 

6 ) Zeitschrift des Aach. Geschichtsvereins VIII, S. 252. Meister Peter 
von der Capellen, „de unser stat werkman is van steynwerke", soil alle 
Bildnisse, „dye an dat huys gcboeren", schneiden. Vgl. Laurent, Aach. 
Stadtrechnungen S. 35;- Haagcn, Geschichte Achens I, S. 302, 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 57 

ihnen eine kurze Erwahnung \ — die Zeichnung Diirers in der 
Sammlung des Herzogs von Aumale 2 und die Abbildungen bei 
Noppius 3 und Merian 4 zeigen fiber dem Portal die Statue Karls 
mit Scepter und Reichsapfel, eine hoheitsvolle, bartige Greisen- 
gestalt. Die Figuren gingen wahrscheinlich beim Brand des 
Eathhauses am 2. Mai 1656 zu Grunde. 

Die folgenden Portrats in Aachen werden durch eine Keihe 
von Tafelbildern vertreten. An erster Stelle steht hier das 
frfiher in der Nikolauskapelle befindliche 5 Triptychon mit der 
thronenden Madonna im Chor des Aachener Ministers, ein Werk 
aus der Schule Meister Wilhelms 6 , dessen rechter Fliigel auf 
der Aussenseite ein Bildniss Karls tragt. Auf rothem, gold- 
gemustertem Grunde eine schmalschulterige Greisengestalt mit 
zierlich gezeichneten Extremitaten, in reichem, goldgesterntem 
Gewand, in der Rechten den Apfel haltend, die Linke auf den 
Thurm des Munstermodells legend. Reiches voiles Haar quillt 
in braunen Ringellocken unter der Krone hervor, die leicht ge- 
schwungenen rothen Lippen werden fast ganz durch den weichen 
braunen Vollbart verdeckt, die Nase ist lang und schlank, nur 
vorn sich verdickend, der Gesammteindruck eher lieblich und 
milde als majestatisch und schreckenerregend. 

Unter den Einzelfiguren an den Thurfliigeln der Schranke, 
in denen der Munsterschatz aufbewahrt wird, zeigt sich vier- 
mal Karl 7 . Auf einer der Tafeln kniet er mit dem Munster- 



x ) AeneasSylvius,De ritu, moribus et conditione Germaniae descriptio, 
ed. Ad. Menzel VII, p. 244. 

2 ) A. Curtius, A. Dtirer in Aachen, in der Zeitschrift des Aachener 
Geschichtsvereins IX, S. 144. Nachbildung bei Durer-Quantin p. 285, Taf. 
zu p. 282. Vgl. Thausing, Durer II, S. 188. Auf der Kuckseite das 
Portrat des Kaspar Sturm (Gazette des beaux-arts XIX, I, p. 350; Narrey, 
Albert Dtirer. 1866). Ueber die Aachener Zeichnung Ephrussi, Albert 
Durer et ses dessins p. 282. Die Beurtheilung der Richtigkeit der Zeichnung — 
eine herbe Verurtheilung — bei C. Rhoen in der Aachener Volkszeitung 
1883, Nr. 284. 

8 ) Noppius, Aacher Chronick. 1632. Danach bei Haagen a. a. 0. 
II, Taf. 2. 

4 ) Merian, Geographie des westphalischen Kreises 1646. 

6 ) C. P. Bock, Karls des Grossen Grabmal S. 19, 27. 

6 ) Waagen, Nachtrage zur 2. Auflage von Kuglers Geschichte der 
Malerei, im Deutschen Kunstblatt 1850, S. 307; Lotz, Kunsttopographie 
Deutschlands I, S. 33. 

7 ) Die Bemalnng der Fliigelthiiren der Armoires mit den Einzelfigureu 



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58 P. Clemen 

inodell in den Handen in langem, braunem Gewand mit 
Pelzkragen, auf den langen, leiclit ergrauten Locken die 
Krone, mit langem, weisslichem Bart, rait grosser, dicker Nase 
und hervortretender Unterlippe — ein Werkstattbild des Meisters 
vom Mimchener Marienleben \ In der Mitte des obern Feldes 
auf der Innenseite des Schranks der Keliquien Karls steht der 
Kaiser nach vom gewendet, in der Linken das Scepter, in der 
Eecbten das Munstermodell haltend, auf der Brust den getheilten 
Scliild mit Adler und Lilien, in rothera Mantel, mit grauem 
Lockenschmuck und langem, doppelspitzigem Bart — das Werk 
eines unbekannten Kolner Meisters, der gleichen Schule ange- 
horend wie das ebengenannte, aber dem Mittelpunkt ferner 
stebend. Demselben Kiinstlerkreis entstammt die Einzelfigur 
Karls, auf einem Lowen stehend, mit starker Nase und doppel- 
spitzigem Bart, an einem der Thiirflugel des das Brustbild des 
Kaisers bergenden Schranks. Die Zusammenstellung Karls auf 
den Innenfliigeln des nachsten Schranks mit Ludwig d. Fr. und 
Heinrich II. benutzte der Kiinstler, urn in drei Typen das 
menschliche Lebensalter vorzufiihren: in Heinrich den schonen 
Jiingling, in Ludwig den in der Bluthe der Jahre stehenden 
Mann, in Karl den weissbartigen ehrfurchtgebietenden Greis. 
Ein handwerksmafiiges Tafelbild in der Sakristei, den grau- 
bartigen Kaiser mit Scepter und Munstermodell zeigend, bildet den 
Schluss. Stufenweise wird hier im Laufe des 15. Jahrhunderts 
die Kunst einer Wiedergabe des Hoheitsvollen und Majestatischen 
wiedererworben, die gerade den altesten rheinischen Tafelmalern 
aus der Schule Meister Wilhelms bei ihrer fast ausschliesslichen 
Vorliebe fiir die Schilderung einer innigen, gefiihlsseligen Demuth 
fast vollstandig verschlossen sein musste. 



der Heiligen, deren Keliquien in ihnen aufbewahrt wurden, war schon langst 
iiblich. Der Schrank in der Schatzkammer der Kathedrale zu Bayeux (Revue 
de Parchitecture de M. Daly X, p. 130) und in der Schatzkammer der 
Kathedrale zu Noyon (Didron, Armoire de Noyon, in den Annal. archeol. IV, 
p. 369, pi. VI, VII; Viollet-le-Duc, Dictionnaire raisonne* du mobilier 
francais I, p. 9, pi. I) gehoren beide den ersten Jahrzehnten des 14. Jh. an. 
2 ) In den Formen des Korpers, den Gelenkcn, den Formen des Gesichts, 
besonders der Nase, den Stil des Meisters vergrobernd. Von J. Burck- 
hardt, Kunstwerke der belgischen Stadte S. 65 bezeichnet als Hugo van 
der Goes, von L. A. Scheibler, Die hervorragendsten anonymen Meister 
und Werke der Kolner Malerscliule S. 21 zuerst als Schulbild des Lyvers- 
berger Meisters angesprocheu. 



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Die Portraidarstellungen Karls des Grossen. 59 

Eine eigentliiimliche Verkorperung erhielt das Idealbild 
Karls in der ersten Halfte des 14. Jahrhunderts in der tiber- 
lebensgrossen, prachtvollen Biiste der Aachener Scliatzkammer \ 
die den Schadel des Kaisers birgt 2 . Das Haupt ist in Silber 
getrieben, die nackten Fleisehtheile sind matt gehalten und mit 
kraftig fleischfarbenem emailartigen Ueberzug bedeckt, die Haare 
stark im Feuer vergoldet. Der Kopf ein wenig aufgerichtet, N 
die starke, gerade Nase mit den feinen Flugeln, die grossen 
Augen mit den richtig geformten gesenkten Lidern, besonders 
aber- die Wangen sind individuell und mit trefflichem Verstand- 
niss des anatomischen Baus gebildet und stechen etwas ab gegen 
den starren Mund mit den dicken Lippen, die ein stolzes, aber 
hartes Lacheln zu krauseln scheint, und den unnattirlich runden 
Hals. Ein kurzer, weicher Bart bedeckt das Kinn, ein dtinner, 
geringelter Schnurrbart die schmale Oberlippe, die anliegenden 
Locken sind mit grosster technischer Gewandtheit behandelt 
und sorgsam, aber ohne kleinliche Motive ausgeftihrt. Der gauze 
Eindruck des Konigs al vis fier ist der des selbstbewussten, 
fast hochmuthigen Stolzes 3 . 

Die Grosse der Auffassung, die hohe Vortrefflichkeit der 
Arbeit erklart sich vor Allem dadurch, dass fiir die Anfertigung 
in Metall getriebener lebensgrosser Biisten eine wohlgepflegte 



*) E. aus'm Weerth, Kunstdenkmaler, Taf. XXXIX, 3, Text II, S. 133 ; 
F. Bock, Pfalzkapelle II, S. 58, Fig. XXVI; F. Bock, Das ungarische 
Nationalmuseum zu Pest, in den Mittheilungen der K. K. Centralcommission 
XII, S. 81; BarbierdeMontault, Le tresor du dome d'Aix-la-Chapelle, 
im Bulletin monumental XLIII, p. 209, 239, 403. In den Urkunden erwahnt 
als herma, caput pectorale, pectorale. Vgl. Migne, Libri Carolini II, p. 1367; 
Kessel, Geschichtliche Nachrichten S. 56. 

2 ) Er ist in das mit deckelfonniger Klappe versehene Haupt einge- 
schlossen. Um das Cranium zieht sich ein aufgenieteter, reich ornamen- 
tirter Bandstreifen von 23 cm Umfang. Nach sp^terer Sage ist das Haupt 
nach Osnabruck uberfuhrt, wo es zusammen mit den Reliquien der hh. Krispin 
und Krispinian aufbewahrt worden. Werner Rolevinck, Liber de moribus 
Westphal. Ill, c. 8; Acta SS. Jan. II, p. 888; Gr. Paris, Histoire poe*tique 
p. 62, not. 2. 

s ) Die Brust ist bekleidet mit dem kaiserlichen Pallium, das mit kleinen 
Adlern besetzt ist, das Haupt schmuckt eine Reifenkrone mit hohem Biigel, 
nach Bocks abschliessender Untersuchung die Krone Richards von Kornwallis. 
Vgl. noch Korrespondenzblatt des Gesammtvereins der deutschen Geschichts- 
und Alterthumsvereine VII, S. 68 ; Jahrbucher d f Ver. v. Alterthumsfrcunden 
II, S. 72. 



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60 P. Clemen 

Tradition bestand. Vom 10. Jahrhundert an lasst sich — was 
noch Otte bezweifelte 1 — eine ununterbrochene Reihe soldier 
pectoralia aufstellen. Dem 10. Jahrhundert spatestens gehort 
das Haupt des h. Mauritius in der Kathedrale zu Vienne in 
dem Dauphine 2 , das Haupt des h. Kandidus im Stiftsschatz von 
St. Maurice in Wallis an 3 ; dem 11. Jahrhundert ein Kopf im 
Kloster Fischbeck an der Weser 4 , ein aus dem Baseler Munster 
an das Britische Museum gelangter Kopf 5 , das Haupt des h. 
Cyriakus zu Altdorf bei Molsheim 6 ; dem 12. Jahrhundert der 
Kopf aus St. Lamberti in Munster in der Kunstkammer zu 
Sigmaringen 7 , die Biiste Friedrichs I. zu Cappenberg 8 , das 
Haupt des Papstes Alexander aus der Kirche von Chendelesse 
im Mus6e des antiquites zu Briissel; dem 13. Jahrhundert das 
Haupt des h. Oswald zu Hildesheim 9 , das Brustbild des h. 
Antonius aus St. Kunibert in Koln 10 , das Haupt St. Ludwigs 
in der heiligen Kapelle zu Paris n , das St. Bernhards im Schatz 



') H. Otte, Handbuch d. kirchl. Kunstarchaologie, 5. Aufl. I, S. 199. 

2 ) B<5rodi, Histoire de saint Sigismond p. 364; Viollet-le-Duc, 
Dictionnaire du mobilier francais I, p. 217. 

3 ) Blavignac, Histoire de Parchitecture sacrSe dans les anciens evech6s 
de Geneve, Lansanne et Sion, pi. XVIII, p. 7, Atlas, pi. 29; Ed. Aubert, 
TrSsor de l'abbaye de S. Maurice d'Agaume, pi. XXIII; Louis Courajod 
im Bulletin monumental XLII, p. 97; J. R. Rahn, Geschichte der bildenden 
Ktinste in der Schweiz S. 284. Nach Ed. Auberts Aufsatz in den Memoires 
de la soci6te" des antiquaires de France, se>. IV, torn. II, p. 83 erst dem 
11. Jh. angehorend. 

4 ) Lotz, Kunsttopographie I, S. 208. 

5 ) Liibke, Vorschule zum Studium der kirchlichen Kunst 1873, S. 159, 
Fig. 168. 

6 ) Straub im Bulletin de la soc. pour la conservation d. mon. hist. 
d'Alsace II, p. 162. 

7 ) von Hefner-Alteneck, Die Kunstkammer zu Sigmaringen, Taf. 38. 

8 ) F. Philippi, Die Cappenberger Portratbtiste Kaiser Friedrichs I., 
in der (Westfalischen) Zeitschrift f. vaterl. Gesch, u. Alterthumskunde XLIV, 
S. 150. 

e ) J.M. Kratz, Der Dom zu Hildesheim II, S. 144, Taf. IX; Korrespon- 
denzbl. des Gesammtvereins der deutschen Alterthumsvereine V, Boil, zu Nr. 4. 
Viollet-le-Duc 1. c. p. 218, pi. VII fuhrt es irrthumlich an als in der 
Sammlung von Louis Fould bcfindlich. Nachbildung in einer holzernen 
Hosticnbiichse (vonLehner, Catal. S. 51, Nr. 197) der ftirstl. Hohenzollernschen 
Sammlung zu Sigmaringen. 

10 ) Jetzt im erzbischBflichen Diozesanmuseum. F. Bock, Das heilige 
Koln. St. Cunibert S. 9, Taf. XIII. 

n ) Viollet-le-Duc 1. c. p. 218, fig. 3. Abb. im Recucil de Gaignieres 



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Die Portratdarstcllungen Karls des Grossen. 61 

der Abteikirche zu Clairvaux \ das des h. Firmin zu Abbeville 2 . 
Im 14. und 15. Jalirhundert endlich bergen alle grossern Kirchen- 
schatze Reliquiare in Form der Pektoralien s . 



(Paris, Bibl. nat., Cabinet des estampes) II. Vgl. Mme de Witt, Les 
chroniqueurs de l'histoire de France II, p. 562. 

J ) Lalore, Le tremor de Clairvaux du XIP au XVII e siecle p. 120. 

2 ) A. Danicourt, Reliquiaire representant la tete de saint Firmin, 
im Cabinet hist, de l'Artois et de la Picarde 1886, juillet. 

8 ) Einige der bedeutendsten seien hier genannt. In Frankreich die 
Bilder der hh. Maximin und Bonifacius in Moyenmoutier (abb6 J. F. Deblaye, 
Reliques de Moyenmoutier, 1857), das des Saint-Dumine im Schatz von 
Braguse (Bull, monum. XLI, p. 540, pi. V), das Haupt der h. Valerie in der 
Kirche von Chambon-sur-Voueyze (Gr. Callier im Bull, monum. XL VI, p. 510), 
das der h. Liberata im Schatz zu Conques (Annal. arch£ol. XXI, p. 120, 
pi. 2), das Haupt des Saint-Loup im Schatz von Troyes, ein Werk des 
Nikolas Frejot (Martene et Durand, Voyage de deux benedictins I, p. 92), 
das Haupt des h. Dionysius in St. Denys (FGlibi en , Hist, de Pabbaye royale de 
Saint-Denis III, p. 540), die Biiste des h. Viktor in St. Maurice d'Agaume, 
das Haupt des h. Martin in der Kirche zu Soudeilles (Correze) (Bulletin de 
la comm. arch6ol. de la Correze IV, p. 435, pi.), das des h. Adrian in der 
Kathedrale zu Tours (Leon Palustre, Melanges d'art et d'archeologie. 
Objets exposes a Tours en 1887 p. 3; Noel Champoiseau in den Annales 
de la soci6t6 d'agriculture d'Indre-et-Loire 1829), das Haupt des h. Tugual 
in Chartres (F. de M61y im Bulletin monumental LI, 1885), die Biiste des 
h. Omer in St. Omer (Bailly, Vie de St. Omer p. 29; Piers in den M6- 
moires de la society des antiquaires de la Morinie III, p. 161), die Bttste 
des Saint-Dumine in der Kirche zu Gimel (abbe* Poulbriere im Bull. mon. 
s6r. V, torn. HI, pi.; Bull, de la Correze IX, p. 518; Gazette des beaux-arts, 
per. 2, XXXVI, p. 149), die der Sainte-Fortunade in der gleichnamigen Kirche 
(Correze) (Gaz. des beaux-arts, p6r. 2, XXXVI, p. 153), das Haupt der 
Sainte-Essence in der Kirche St. Martin de Brive (Correze) (Texier, Dic- 
tionnaire d'orfevrcrie p. 894), die letztern 1889 im Trocadero auf der 
Pariser Weltausstellung, unbenannte Btisten im Schatze der Kirche zu 
Conques, im Musee des antiquity zu Kouen, in der Sammlung des Mr. Legrand 
aine* zu Fecamp (Seine-inftrieure), (bez. E. 28), im Mus6e Cluny zu Paris 
(Inv. 745, 746), das Brustbild des h. Ferreol, ein Werk des Aymeric de 
Chretien in der Sakristei von Nexon (F. de Verneilh, Les emaux francais 
et les Gmaux etrangers, im Bull, monum. XXIX, p. Ill, 223, 247), das 
Haupt der h. Martha in der Kirche St. Marthe zu Tarascon, 1463 durch 
Andr6 Mangot von Tours gearbeitet (Oelgemalde von Couche 1628 danach 
im MusSe Cluny zu Paris, Inv. 1761). In dem urn 1360 geschriebenen Inventaire 
des joyaux de Louis le France, due d'Anjou (bei de Laborde, Notice des 
emaux du Louvre II, p. 1—114) no. 6, 17, 20, 21, 40, 41, 43, 46. In dem 
Schatzverzeichniss von Bourges vom Jahre 1405 (de Girardot, Tresor de 
la Sainte-Chapelle de Bourges, in den Annal. archeol. X, p. 35, 209) no. 15, 
18, sechs Exemplare in dem Inventar der Kathedrale von Reims von 1669 



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62 P. Clemen 

Ein Reliquiar in Kapellenform, augeblich ein Geschenk 

(Prosper Tarb6, Triors des «5glises de Keims p. 49, 55). Das Inventar 
der Kirche Notre Dame de Chelles in der Seminarbibliothek zu Meaux erwahnt 
ein Haupt des Saint-Eloi (Mem. de la soc. des antiquaires de France, ser. 
Ill, vol. VII, p. 214), das des h. Etienne von Muret das Inventar der Kirche 
von Grandmont (Aug. du Boys im Bulletin de la soc. archeol. et histor. du 
Limousin VI, p. 29), ein caput reginae das Inventar des Schatzes der 
Kathedrale zu Amiens (J. Gamier in den Memoires de la soci6t6 des 
antiquaires de France X, p. 229, 260). In Deutschland die Haupter des 
Gregorius Spoletanus und Sebastian imK6lnerDomschatz(F.Bock,'Dashcilige 
KSln, Taf. X, 42, S. 19), das Haupt des h. Petrus im Aachener Miinsterschatz, 
das Haupt des h. Kornelius zu Kornelimunster (aus'm Weerth, Kunstdenk- 
maler, Taf. LI, Fig. 1), das Kopfreliquiar zu Melk (Messmer, Zur Form 
der Reliquiare, in den Mittheil. d. K. K. Centralcommission XIII, p. CXV, 
CXX, Fig. 7; Karl Lind, Die osterreich. kunsthistor. Abtheil. d. Wiener 
Weltausstellung, in den Mittheil. XVIII, S. 185; von Sacken in den Mittheil. 
d. Wiener Alterthumsvereins XVII, S. 153, Fig. 91 ; Oesterreichischer Atlas, 
Taf. LXXXVni, 1). Das Brustbild eines h. Bischofs in der mittelalt. Sainm- 
lung zu Basel, eines im stadt. Museum zu Mainz, zwei in d. Schlosskapelle 
zu Trausnitz bei Landshut, 21 (aus Kolner Kirchen) in d. Sammlung Schntitgen 
zu Koln, das Brustbild des h. Laurentius in d. Abteikirche zu Seligenstadt 
(Schafer, Hess. Kunstdenkmaler. Kreis Offenbach S. 186, Taf., Fig. 56), 
Ntirnberg, Germ. Museum, Nr. 816. Die Brustbilder der hh. Veit und Lud- 
milla zu Prag (F. Bock, Der Schatz von St. Veit inPrag, in den Mittheil. d. 
K. K. Centralcomm. XIV, S. 11; Grueber, Die Kunst in Bohmen III, S. 
140), die Haupter der hh. Bernward, Cacilia, Jakobus im Domschatz zu 
Hildesheim (Neues vaterlandisches Archiv od. Beitrage zur Kenntniss des 
Kbnigr. Hannover, ed. Spangenberg I, S. 307), das Reliquiar der Samm- 
lung Milani zu Frankfurt a. M. (vonHefner-Alteneck, Kunstwerke und 
Gerathschaften III, S. 25), eine Reihe weiblicher Bttsten auf dem Altar zu 
Marienstatt, auf einem Seitenaltar der Severikirche zu Erfurt (Mtinzen- 
berger, Zur Kenntniss und Wiirdigung d. mittelalt. Altare Deutschlands, 
Lief. 2), die grosste Anzahl in St. Ursula und St. Gereon zu Koln (Photogr. 
Anselm Schmitz). Im Jahre 1376 legt Bischof Theodorich V. von Metz das 
Haupt des h. Stephan in einer kostbar verzierten Btiste auf den Altar seiner 
Kathedrale nieder (Kraus, Elsass und Lothringen S. 495; E. B6gin, Hist, 
et descr. pitt. de la cath. de Metz II, p. 300). In Ulrich von Richentals 
Constanzer Konzilschronik (so Karlsruhe, Grossh. Bibl. Cod. v. St. Georgen, 
fol. 35a, Cod. von Ettenheim, fol. 28a) halt der Erzbischof vor dem Altar 
eine Reliquienbiiste in der Hand. Ein Reliquiar in Fulda erwahnt Brower, 
Antiquit. Fuldens. II, p. 130, c. VIII. In dem Schatzverzeichniss von St. Veit 
in Prag, 1387 durch Bohulaus und Sinilo angefertigt (Mittheil. d. K. K. 
Centralcommission II, S. 238), acht angeftthrt, in der Schlosskirche zu Witten- 
berg 1509 vicr, im Baseler Domschatz 1511 vier, im Dom zu Halle acht 
(Otte, Kunstarchaologie I, S. 199). Vgl. die Schatzverzeichnissc von St. 
Pierre zu Genf (Blavignac, Notice sur les fouilles pratiques de Pegl. de 
St. Pierre p. 19) und der Kathedrale von Lausanne (Dcvant, Recueil des 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 63 

Karls IV., aus der Mitte des 14. Jahrhunderts \ das unter 
zierlich gothischeni Aufbau aus vergoldetem Silber die Figuren 
der Maria mit dem Kinde, der h. Katharina mit Ead und Schwert 
und Kaiser Karls mit dem Miinstermodell enthalt, schliesst sicli 
in der Darstellung der kaiserlichen Gestalt an die Biiste an: 
reich und schon gelockt, mit zierlich gedrehtem Bart, die Augen 
weit auseinanderstehend, die linke Hiifte eingebogen, so halt 
der Kaiser auf beiden Armen das silberne Kirchenmodell. Das 
letzte Glied in dieser JJeihe von Darstellungen Karls bildet die 
stehende gekronte Figur vom Fuss des Lotharkreuzes 2 und die 
vergoldete Gestalt vom Adlerstab im Munsterschatz. 

Den langbartigen, ehrfurchtgebietenden Kaiser fuhrt dann 
wiederum vor die Statue im Hochchor des Aachener Miinsters 3 . 
Eine starkgebaute Gestalt, in der Linken das Scepter, in der 
Rechten das Kirchenmodell, mit machtigem Kopf, breitwallendem, 
lockigem Bart und reichem, in dicken Lockenbiischeln unter der 



pieces servant a l'histoire de la ville de Lausanne 1723; Du canton deVaud 
et de la ville de Berne p. 128). Abbildungen von 15 Brustbildern auf den 
344 Einzelblattern der Schlossbibl. zu Aschaffenburg, den Domschatz zu Mainz 
darstellend (J. Merkel, Die Min. und Manuscripte d. Hofbibl. zu Aschaffen- 
burg S. 11). Nach diesen Miniaturen, nicht nach den Originalen abgeb. auch 
in „Vorzeichnus und Zceigung des hochlobwirdigen Heiligthumbs der Stifft- 
kirchen der h. Moritz und Marien Magdalenen zu Halle" 1520. (Vgl. Drey- 
haupt, Beschreibung des Saalkreises I, S. 853—876, 232 Fig. auf Taf. 1—15. 
Genaues Verzeichniss bei C. Becker, Das Mainzer Domschatzbuch, in Nau- 
manns Archiv f. d. zeich. Kiinste III, S. 1 ; Waagen, Kunstwerke undKunstler 
in Deutschland I, S. 388; Heller, Lucas Kranach S. 49, 145, 199; Watten- 
bach II, S. 373.) Zum stilistischen Vergleich der altcrn Eeliquiare heran- 
zuziehen die Aquamanilien und Urceoli in Kopfform : besonders das Aachener 
(Mitth. d. K. K. Centralcommission XII, S. 91), die beiden im ungarischen 
Nationalmuseum zu Pest befindlichen (Mitth. d. K. K. Centralcommission XII, 
S. 81, 84), ein viertes im Mus6e de Cluny zu Paris (Viollet-le-Duc, 
Dictionnaire du mobilier II, p. 12). Vgl. F. Bock, Ueber den Gebrauch 
und die Gestaltung der liturgischen vasa vinaria, in den Mitth. d. K. K. 
Centralcommission IX, S. 1; Du Cange, Glossarium s. v. aquamanile. 

2 ) Abb.E.aus'mWeerth, Kunstdenkmaler, Taf. XXXVIII, 1, Text II, 
S. 126; F. Bock, Pfalzkapelle II, S. 26, Fig. 14. Nach der Inschrift auf 
einer der Leisten des Untersatzes enthalt das Reliquiar einen Arm Karls. 
Der Verfertiger dieser Inschrift war aber in der Anatomie schlecht bewandert, 
dcnn der „Arm a ist ein Schienbein von 0,443 m Lange. 

2 ) F. Bock a. a. 0. II, S. 126, Taf. V, Fig. 2. 

3 ) Nach Lotz, Kunsttopographie I, S. 31 vom Jahrc 1430; 1849 von 
Wings und Thomas polychrom. erneuert. Quix, Histor. Beschreibung S. 18; 
Schervier, Munsterkirche S. 13, 



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64 P. Clemen 

Krone hervorquellendem Haupthaar : das scharfgeschnittene Ge- 
sicht schmtickt eine starke Hakennase 1 . 

Die Brunnenfigur vor dem Rathhaus, urn 1620 zu Dinant an 
der Maas gegossen, schliesst sich eng an das oben genannte 
Werk an: durchaus in Eisen gekleidet, den linken Fuss vor- 
gesetzt, in kuhner, fast theatralischer Haltung, mit Apfel und 
Scepter, mit hoher Krone auf dem bartigen Haupt, so vereinigt 
diese Gestalt die Ziige des Stadtheiligen mit denen des ritter- 
lichen Zeitideals 2 . Ein lebensgrosses Oelgemalde im Sitzungs- 
saal des Eathhauses suchte das Bild des greisen Gesetzgebers 
fur die Vater der Stadt festzuhalten. Schon dem Anfang des 
17. Jahrliunderts gehort das Mittelfeld des Ambo im Minister 
an : in Reliefarbeit aus getriebenem Goldblech zeigt es den lang- 
bartigen Kaiser in kraftvoller, ungemein stiirmischer Bewegung, 
mit dem Aachener Kirchenmodell auf den Armen 3 . Wieder- 
holungen dieser Darstellungen linden sich im Medaillon eines 
Glasgemaldes im Suermondt-Museum zu Aachen und auf einer 
ebendaselbst befindlichen gusseisepien Platte. Aus dem Jahre 
1615 stammt ein grosser Stich mit dem Bild des Kaisers, der 
aufrecht im Kronungsmantel, in der Linken das Scepter, in der 
Rechten das Munstermodell haltend, nach vorn schreitet, im 
Hintergrund erscheinen Oliverus und Rolandus: Gerhard Altzen- 
bach, Burger von Koln, hat den Stich Schoffen und Rath von Aachen 
gewidmet 4 . Ganz am Ende der Aachener Portratreihe steht 
das Oelbild Karls im Sekretariat des Rathhauses, im Jahre 1730 
von dem Aachener Maler Johann Chrysanth Bollenrath ausge- 
fiihrt, ein Widmungsbild der Werkmeister und Geschworenen 
der Stadt an Kaiser Karl als den Patron des Werkmeistergerichts 5 . 

J ) Ein kupfernes Bild im Hochchor des Munsters ist verschwunden ; 
Noppius, Aacher Chronick (1632), Th. I, S. 23: Und aber oben auff hats 
einen Kupfferen Keyser Carll, und ringsumbher zwiilff Leuchtern mit zwey 
versatz. Ist dermassen ein subtilich Werk u. s. w. 

2 ) Abb. bei Noppius a. a. 0. Danach bei Haagen, Geschichte Achens 
II, Taf. 2; vgl. II, S. 240. S. auch Damert: Aachen, seine geolog. Vcr- 
haltnissc und Thermalquellen, Bauwerkc u. s. w., hrsg. vom Aach. Bezirks- 
verein deutscher Ingenieure S. 102; He in en, Der Begleiter auf Keisen durch 
Deutschland I, S. 95. 

3 ) Abb. bei E. aus'm Wecrth a. a. 0. Taf. XXXIII, 3, Text II, S. 81. 

4 ) Stichgrbsse 18,2 X 26,2 cm. Ein gutes Exemplar im Cabinet des 
estampes der Bibl. nat. zu Paris (Charlemagne 3604). 

5 ) Vgl. ausftthrlich 11. Pick, Der Maler Johann Chrysanth Bollenrath, 
in der Aachener Volkszeitung 1885, Nr. 250 und 252. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 65 

2. Fulda. 

Wie in Aachen, so vermogen wir noch in Fulda den Ueber- 
gang vom alten zum neuen Typus zu beobachten. Durch die 
Miniaturen des in der Klosterbibliothek bewahrten Codex der 
Volksrechte des Lupus war wohl die Erinnerung an das histo- 
risclie Portrat wachgehalten. In der siidwestlichen Aussen- 
mauer der Klosterkirche auf dem Petersberg sind zwei Basreliefs 
aus weissem Sandstein eingemauert. In bogenformig geschlossenen 
Nischen sitzen auf mit Thierkopfen geschmiickten Faltestiihlen 
zwei Konige en face, bartlos, mit rundem, dickem Gesicht, 
einfacher Eeifenkrone, auf der Brust zusammengeheftetem Mantel 
mit schwerem Saum, in der einen Hand den Eeichsapfel, in der 
andern das kurze Lilienscepter emporhaltend \ Zusammen mit 
den Reliefs Christi und Maria im Innern der Kirche gehoren 
diese Skulpturen der Wende des 11. oder dem Beginn des 12. 
Jahrhunderts an. Aber die Haltung der sitzenden Figuren und 
vor Allem die Eigenthumlichkeiten der Tracht, die Eeifenkrone, 
der Faltestuhl, insbesondere das nur auf karolingischen Minia- 
turen neben dem langen Stabscepter zu beobachtende kurze 
plumpe Scepter weisen auf Nachbildungen eines altern Vorbilds 2 . 
Damit stimmt audi die Portratiiberlieferung. Wir haben in den 
dargestellten Personlichkeiten Pippin und Karl zu erblicken 3 . 
Das nachstfolgende Bildniss, von dem wir in Fulda Kunde 
haben, liegt allerdings weit spater. In der ersten Halfte des 
15. Jahrhunderts ward am Haupteingang des Doms neben dem 



*) F. B. Schlereth, Reliefbildnisse von Karlmann, Pippin und Karl 
dem Grossen in Fulda, in der Zeitschrift d. Ver. f. hessische Geschichte und 
Landeskunde III, S. 363, Taf. II; Otte, Kunstarchaologie II, S.558; L'Univcrs 
pittoresque. France. Atlas I, pi. 166. Ueber das Fortleben der karolingischen 
Traditionen in Fulda vgl. P. Clemen, Studien zur Geschichte der karo- 
lingischen Kunst I. Die Schreibschule von Fulda, im Repertorium fur Kunstwiss. 
1890, Heft 1; Ders., Die verlorene Fuldaer Handschrift der Volksrechte, 
im Jahrbuch des hist. Vereins Rother Lowe 1890. 

2 ) Chormauern und Triumphhogen riihren aus den ersten Jahrzehnten 
des 12. Jahrhunderts her. Derselben Zeit mochte ich die Reliefs zuschreiben, 
die alsdann in die 1479 erneuerten Mauern des Schiffes eingefttgt wurden. 
Das entsprechende Relief des Bonifacius ist spatere Arbeit. Vgl. J. E. Lange, 
Baudenkmale und Alter thttmer Fuldas. 1847. Petersberg. 

8 ) Brower, Antiquitates Fuldenses p. 168;Schannat, Dioeces. Fuldens. 
p. 135, danach Montfaucon, Monuments de la monarchic franQaise I, p. 272, 
pi. XX nennen Karlmann und Pippin als die Dargestellten und fuhren eine 
Unterschrift an, die heute nicht mehr sichtbar. 



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66 P. Clemen 

Unterbau der Orgelbiihne — am ersten Pfeiler rechts vom 
Eingang — eine Rundsaule mit dem bemalten Relief des Kaisers 
eingesetzt: eine Inschrift nennt den grossen Karl. Im langen, 
faltenreichen Mantel, in der Linken den Apfel, in der Rechten 
das Schwert aufrecht haltend, mit halblangem lockigen Bart 
und kurzgelocktem Haar, so setzt der Kaiser seine Ftisse auf 
einen zusammengekrummten Lowen, den Vertreter des Heiden- 
thums 1 — audi hier war der Faden des historischen Portraits 
abgerissen. 

3. Munster in Graubiinden. 

Noch an einem dritten Ort lasst sich das Aufgeben des 
alten Typus verfolgen, in den Alpenlandern im Suden des 
deutschen Sprachbezirks. An der Mtinsterstrasse, der grossen 
Heerstrasse der deutschen Konige auf ihren Romfahrten 2 , ist 
noch heute die Sagengestalt Karls lebendig — zu Taufers reitet 
er noch in der Neujahrsnacht durch das Thai, in Mais hat er 
unter der Marktlinde Gericht gehalten, die Bewohner von 
Proveis auf dem Nonsberg lassen ihn durch ihre Hochgebirgs- 
schlucht ziehen, in Ulten, im Sulzberg, im Hospiz Cambiglio 
gan Biihel, im Pejobad knupfen sich an seine Person noch Er- 
innerungen 3 . So haben sich auch dort eine Reihe von Dar- 
stellungen erhalten. In der Kirche von St. Benedikt zu Mais 
im Vinstgau hatten sich an der einen Langmauer durftige Reste 
einer sitzenden Figur erhalten, von der Tradition als Bildniss 
Karls d. Gr. bezeichnet. Es gelang mir im Sommer 1887, einen 
grossen Theil der Mauer von der Tiinche zu befreien. Die 
Inschrift auf dem dreifachen Rundbogenrahmen, der von Saulen 
mit Thierkapitalen getragen wird, ist nicht mehr zu erkennen, 
iiber die Darstellung selbst kann kein Zweifel herrschen. In 

l ) Abb. bei Schlereth a. a. 0. Taf. I. Bericht an die Mitglieder des 
sachs. Ver. zur Erforschung vatcrlandischer Sprache und Alterthumer in 
Leipzig 1833, S. 28. 

*) Im Chron. Benedict., Mon. Germ. SS. IX, p. 228 heisst es von der Strasse 
an der Etsch: via satis dura, quae semita Karoli dicitur. Vgl. Archiv fiir 
Geschiehte und Landeskunde Tirols I, S. 325. 

8 ) Hans Leek, Deutsche Sprachinscln in Walschtirol. Dazu Lotz in 
den Jahrbttchern d. Ver. v. Alterthumsfreunden LXXX, S. 209—222; Atz 
in den Mittheilungen d. K. K. Ccntralcommissiou IV, S. 39; Hormann, 
Geschiehte Tirols II, Urk. 231. Schriftliche Mittheilungen des Pfarrers 
Hufinatscha in Taufers. 



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Die Portratdarstellungen Karls dcs Grossen. 67 

der Mitte thront eine mit einfachem Stirnreif gekronte bartlose 
Gestalt mit rundem Kopf, in blauer Tunika und rothem Mantel, 
die Rechte auf ein Buch gestiitzt, ihr zur Seite ein Geistlicher 
mit der Tonsur, vor ihr ein zweiter, der sich tief verneigt. 
Die Kopfe sind gut entworfen, nur die Augen starr, ohne An- 
gabe der Lider, die Kothelvorzeichnung tritt iiberall hervor 1 . 
Nur wenige Stunden weiter aufwarts, in Miinster, flndet sich ein 
zweites Bild des Kaisers 2 . Die Sage schreibt ihm selbst die 
Grlindung des Klosters zu : zur Erinnerung an seine Alpenfahrt 
habe er sein Bild der Kirche St. Johannes Baptist hinterlassen — 
es tragt darum auch stolz die Inschrift 801 8 . Die Statue, die 
jetzt rechter Hand am Eingang des Hochchors steht, in ihrer 
farbigen Uebermalung plump erneuert, gehort der ersten Halfte 
des 12. Jahrhunderts an. Wie der Bilderkreis zu Mais fiir die 
Tiroler Kunstgeschichte, so ist unsere Statue fur die Schweizer 
von besonderer Bedeutung: ist das Wandgemalde zu St. Benedikt 
das Slteste erhaltene in den osterreichischen Alpenlandern iiber- 
haupt — es gehort mit Sicherheit noch den ersten Jahrzehnten 
des 12. Jahrhunderts an — so ist die Statue zu Miinster das 
alteste Werk romanischer Plastik in Graubiinden. Wie die 
Figuren an der Gallenpforte des Baseler Munsters 4 nur in 
halber Rundung aus dem Stein herausgearbeitet, zeigt sie den 
Kaiser stehend, im vollen Ornat, mit Scepter und Reichsapfel, in 
hohen Stiefeln, bis zum Knie reichender Tunika und breitge- 
saumtem Mantel, die Falten durch schematische dreieckige Bruche 
angegeben — eine hagere Gestalt in gezwungener Haltung, das 
starre, in den Ziigen harte Gesicht von starkem, spitzem Bart 
eingerahmt. Steifer Realismus und geringe technische Schulung 
sprechen aus dem Bild: das Betonen der geraden Flachen im 
Gesicht, das Vorherrschen der eckigen Falten verrath den 
Holzschneider, der im ungewohnten Material der altgewohnten 
Technik sich bediente. Will man der Tradition Glauben schenken 
und in dem Malser Konig den grossen Karl sehen, so ward 
hier innerhalb weniger Jahrzehnte der Typus geandert. 

*) Vgl. P. Clemen, Beitrage zur Kenntniss alterer Wandmalereien in 
Tirol I, in den Mitth. der K. K. Centralcommission 1889, Heft 2. 

2 ) Rahn, Geschichtc d. bildenden Kunste in d. Sehweiz S. 270, 559. 

8 ) Nach der Urkunde im Archiv zu Miinster indessen erst 1087 geweiht. 
Nttscheler, Die Gotteshauser der Sehweiz I, S. 133; Rahn, Geschichte der 
bildenden Ktinste in der Sehweiz S. 251, Anm. 

4 ) For ster , Denkmale deutscher Kunst. Baukunst I; Rahn a. a. 0. S. 263. 



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j68 P. Clemen 

4. Zurich. 

Eine grossere Anzahl von Bildnissen findet sich sodann in 
Zurich. Gleich Aachen und Frankfurt preist es Karl als seinen 
Griinder. Noch ist der Hymnus erhalten, der alljahrlich zum 
Todestag Karls in den Ziiricher Kirchen erklang: 

Urbs Thuregum, urbs famosa, 
Quam decorant gloriosa 

Sanctorum suffragia, 
Regi regum pange laudes, 
Quae de magni regis gaudes 

Karoli memoria 1 . 

Die Sprengersche Chronik, die altesten deutschen Jahrbucher 
von Zurich, melden: „Des ersten ist Zurich gestiftet worden 
von zw&n Cristen, da hiez der ain der groz Karolus und was 
ain kaiser 2 ." Eine in der verlorenen sachsischen Kaiserchronik 
auf Otto d. Gr. bezogene Erzahlung von Karls Gerechtigkeit 
ist im Cod. A. 121 III der Ziiricher Stadtbibliothek 3 und im 
Cod. lat. 903 der Miinchener Staatsbibliothek 4 auf Zurich loka- 
lisirt; die Erbauung des Hauses „zum Loch" wird Karl selbst 
zugeschrieben 5 . Bischof Heinrich von Constanz befahl 1233 die 
Verehrung Karls dem Chorherrenstift, Bischof Eberhard 1272 audi 



*) Canisius, Lectiones antiquae, ed. Basnage (1725) III, pars 2, p. 
205; Neujahrsblatt der Stadtbibliothek zu Zurich 1861, S. 14. Vgl. oben 
S. 12, Anm. 1. 

2 ) L. Ettmiiller, Die altesten deutschen Jahrbucher der Stadt Zurich, 
in den Mittheilungen d. antiquar. Gesellschaft zu Zurich II, S. 41. Ebenso 
auch in der Oberrheinischen Chronik von Grieshaber, Ausgabe Kastatt 
1850, S. 19. 

8 ) Die Miinchener Hs., in der die Sage von der Schlange noch nicht 
mit der vom Fastradenring vereint ist, gibt indessen eine friihere Form der 
Sage wieder als die dem 14. Jh. entstammende Ziiricher Hs. Dieselbe Er- 
zahlung iibrigens auch in der ungedruckten Chronik des Heinrich Brenn- 
wald (Zurich, Stadtbibl. A. 56). 

4 ) Geschrieben vom Priester Andreas zu Regensburg. Vgl. Weil and 
im Neuen Archiv IX, S. 211. 

6 ) F. Keller, Mittheil. d. antiquar. Gesellschaft III, 2, Heft 1. In 
GebhardDachers Constanzer Chronik, Cod. lat. 646 der Stiftsb. zu St. Gallen 
p. 22 ist das Wappen Karls abgebildet mit der Unterschrift: Kaisser Karolus 
Stiffter zu Ziirich. Vgl. auch Osenbrttggen, Karl derGrosse in der Schweiz, 
in der Zeitschr. f. deutsche Kulturgeschichte, N. F. IV, S. 174. 



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Die Portratdarstellungcn Karls des Grossen. 69 

jler gesammten weltlichen und regularen Geistlichkeit, doch ward 
erst seit 1444 das Fest in alien Kirchen der Stadt gefeiert, 
;weil der Sieg der Schweizer bei St. Jakob unfern Basel Karl d. Gr. 
zugeschrieben ward \ So fand sich schon in den altesten von der 
Abtissin Mechtild gegrlindeten Theilen des Fraumiinsters sein 
Bild : aber die Reliefs im Kreuzgang, die an den breiten Wan- 
dungen der Zwischenpfeiler angebracht waren und, die Geschichte 
des Stifts illustrirend, Konig Karl mit der Abtissin Bertha und 
dem Priester Berold, Konig Ludwig mit der Abtissin Hildegard, 
endlich Mechtild, vor der h. Fides knieend, darstellten, sind 
im Jahre 1617 bei der Erneuerung des Kreuzgangs zerstort 
worden 2 . Schon in der zweiten Halfte des 13. Jahrhunderts 
linden wir Karls Portrat auf Zliricher Brakteaten: zwei links- 
gewandte unbartige Profilkopfe von kraftigem Ausdruck 3 . Und 
seit Propst Heinrich Maness 1259 zuerst in sein Siegel die 
Gestalt Karls hatte eingraben lassen, auf dem Haupt die drei- 
zackige Krone, mit wallendem Haar und Bart, auf den Knieen 
das Schwert haltend, mit der Rechten den Griff, mit der Linken 
die Scheide fassend — bleibt das Bild des Kaisers auf den 
Zuricher Siegeln Jahrhunderte lang bestehen 4 . Dieses Siegel- 
bild — denn es ist ohne Zweifel ein statuarisches Motiv — 
gibt uns aller Wahrscheinlichkeit nach eine Kopie des alten 
Zuricher Wahrzeichens, der sitzenden Figur Karls vom siidlichen 
Thurm des Grossmiinsters, die im Jahre 1490, als der westliche 
Thurm „von Kaiser Karls Bild hinaufgemauert" ward, als 
baufallig heruntergenommen und durch eine neue Statue ersetzt 
wurde, die sich aber, wie die Aehnlichkeit zwischen ihr und den 



*) G. von Wyss: Neujahrsblatt der Stadtbibl. zu Zurich 1850, S. 41. 

*) Rahn a. a. 0. S. 263; Voegelin, Das alte Zurich S. 281, Nr. 292. 
Nur zwei der Reliefs erhalten, abgebildet bei G. von Wyss, Geschichte d. 
Abtei Ztiricb, Taf. 2. Mechtild von Tirol war Abtissin 1145—1153, danach 
bestimmt sich die Zeit der Entstehung der Reliefs. 

8 ) H. Meyer, Die altesten Miinzen von Zurich, in den Mittheilungen 
d. antiquar. Gesellschaft I, S. 19, Taf. 36, 37, 38. Dieselbe Darstellung noch 
zu vermuthen in einigen gekronten, aber nicht bezeichneten Kbpfen weiterer 
Brakteaten (Mittheilungen III, VI, Taf. 1—3). 

4 ) G. von Wyss, Karls des Grossen Bild amMtlnster zu Zurich: Neu- 
jahrsblatt der Stadtbibliothek zu Zurich 1861; Miintz, Etudes iconogra- 
phiques p. 90. Johannes von Wildegg lasst 1293 die begleitenden Bilder der 
Stiftspatrone weg und fuhrt Karls Bild allein weiter mit dem Nimbus. Erst 
im 15. Jh. kommt das Scepter hinzu. 



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70 



P. Clemen 



propstlicken Siegeln zeigt, in den Motiven an die altere anschloss \ 
Noch einmal am Ausgang des Mittelalters ist hier Karls Bild 
in einer Idealschopfung verkorpert worden. Ruhig zuriickgelehnt, 




Statue vom Thurm des Grossmttnsters zu Zurich. 



den machtigen Oberkorper von dem Harnisch umkleidet, den 
Unterkorper von dem faltigen Mantel verhiillt, halt der Kaiser 
das gewaltige, breite Schwert kampfbereit auf den Knieen, das 
majestatische, grosse Haupt von einer milden, fast weiclien 



*) F. Keller, Nachtragliche Bemerkungen iiber die Bauart des Gross- 
nilinsters zu Zurich, in den Mittheil. der antiquar. Gesellschaft in Zurich II, 
S. Ill; Voegelin, Das alte Zurich S. 182. 



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Die Portratdarstcllungcn Karls des Grossen. 71 

Schonheit, mit dem gelockten Bart, den wallendou Haarlockeii, 
mit vergoldeter dreigezackter Krone geschmuckt, ist ein wenig 
aufgerichtet, der Blick erhoben: so thront der grosse Kaiser 
voll ruhiger, starrer Wiirde iiber der seinem Schutz befohlenen 
Stadt 1 . 

Zurich hat noch fiinf weitere Darstellungen Karls in dem 
gewohnlichen Typus aufbewahrt, zwei Tafelgemalde in der 
Propstei, das eine den knieenden Kaiser mit dem Modell des 
Grossmiinsters vorfiihrend, das andere ihn auf dem Thron zeigend, 
eine Glasmalerei vom Jahre 1534 in der Sammlung der anti- 
quarischen Gesellschaft im Helmhaus, Karl unter einer Re- 
naissancearkade darstellend im kaiserlichen Schmuck mit dem 
Modell der Kirche, eine Arbeit, die in einem Glasgemalde von 1578 

*) F. H. von der Hagen, Brief e in die Heimath aus Deutschland, der 
Schweiz, Italien I, S. 173 erwahnt Karls „Steinbild zu Rosse" am nbrdlichen 
Thurm des Grossmiinsters auf der Seite des Haupteingangs. Nach den Ztiricher 
Chroniken stellt dies Steinbild Herzog Rupert von Alamannien, nach F. Keller 
(Nachtragl. Bemerkungen, in den Mittheil. d. ant. Ges. II, S. 7) Herzog Burkard 
dar, der auch im Innern mit Guido kampfend auf einem Relief erscheint 
(Voegelin in den Mittheil. d. ant. Ges. I, Heft 4, Taf. II, 1). 

In ahnlicher Weise war wahrscheinlich Karl d. Gr. in dem Kbnigsbild auf 
den Graten (gradus) am Strassburger Mfinster dargestellt, das mit dem ubrigen 
Schmuck des Portals am Ende des vorigen Jahrhunderts zu Grunde gegangen 
ist. Die moderne, nach Abbildungen des alten Originals gearbeitete Statue von 
Fallastre, am Sockel die Darstellung des Urtheils zwischen den beiden Mttttern 
zeigend, will die Gestalt Konig Salomos vorfiihren. (Aug. Hart el, Archi- 
tekton. Details d. Mittelalters I, Taf. 5.) In der Kl. Miinsterchronik ad ann. 
1483: Eodem anno ward Kaiser Karol zwischen den zwoen Miinster-thieren 
uff der Grathen gegen dem Fronhoff durch Meister Lienhart den Maler er- 
neuwert und gemalet. Actum ipsa vigilia penthecostes anno ut supra. 
L. Schneegans, Das Kbnigsbild auf den Graten, in Alsatia, Zeitschrift f. 
elsass. Gesch. u. Sage 1856, S. 146, 182, Revue d' Alsace 1850, p. 255, 1851, 
p. 97 vermuthet grundlos eine Darstellung Karls IV. in Erinnerung an die 
Festfeier auf den Graten im Jahre 1347. Dies geht aber aus der angefiihrten 
Stelle durchaus nicht hervor. Sprach man am Ende des 15. Jh. von einem 
Kaiser Karl schlechthin, so konnte man nur Karl d. Gr. meinen. Sodann 
aber ist es nicht glaublich, dass der mittlere Pfeiler des Portals, der doch 
nach der ursprttnglichen Anlage des Bildercyklus fur Statuenschmuck berechnet 
war, erst im Jahre 1347 seine Zier erhalten. Kraus, Kunst und Alterthum 
in Unter-Elsass I, S. 461. Die von Schneegans (a. a. 0. S. 187) wieder 
aufgefundene alte Konigsstatue ist nicht mehr nachzuweisen. Das Schicksal des 
Konigsbilds scheint demnach folgendes gewesen zu sein: Zusammen mit den 
die Wandungen der beiden Portale fullenden Figuren ward am Mittelpfeiler 
, das Bild eines sitzenden Kbnigs angebracht, das bereits 1483 stark besdh&digt 
war und neu iibermalt werden musste (weswegen wohl auch Schneegans es 



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72 P. Clemen 

im Museum Cluny zu Paris * und einem von 1584 datirten in der 
Sammlung Hagemans zu Luttich ihre Gegenstiicke findet 2 , eine 
kleine Holztafel im Helmhaus (Jnv. 16), den stehenden Kaiser mit 
Scepter und Modell des Grossmiinsters wiedergebend, mit langem, 
bis zum Giirtel wallendem weissen Bart, endlich das Wand- 
gemalde am Haus „zum Hofli", der alten Pfisterei, die Stiftung 
der „Simmeln a am Tage der hh. Felix und Regula durch Karl 
darstellend 3 . 

5. Frankfurt am Main. 

Von alien deutschen Reichsstadten bietet nach Aachen 
Frankfurt a. M. die grosste Anzahl von Bildnissen Karls. An 
Stelle seines Sohnes Ludwig ward Karl als der Griinder des 
Kaiserpalastes am Mainufer, des Saalhofs, genannt — vom Saal- 
hof ward sein Name auch auf den Dom iibertragen. Die alteste 
Darstellung findet sich unter den Skulpturen am Portal des 
nordlichen Domkreuzschiffs, wohl zugleich mit jenem in den 
Jahren 1346 — 1351 entstanden 4 . Neben St. Bartholomews, dem 
Patron der Kirche, steht der Kaiser, in der Rechten das Schwert 
als Schutzherr der Stadt, in der Linken das Dommodell als 
Stifter der Kathedrale. Der Typus des langbartigen, streitbaren 
Heiligen, der nichts weniger als demuthig dreinschaut, ist hier 
schon vollig ausgebildet. Urn die Mitte des 15. Jahrhunderts 



zunachst fur eine Arbeit des 16. Jh. hielt), erst in den Stttrmen der Revolution 
ging es zu Grande. Die Annahme, dass in der sitzenden Figur KOnig Salomo, 
dessen Bild sich ja auch schon in dem durchbrochenen Giebel liber dem 
Hauptportal der Westfront fand, dargestellt sei, ist urn so weniger zwingend, 
als der Sockel, dessen Schmuck, der allerdings auf den jiidischen Konig weisen 
wiirde, erst durch Fallastre hinzugefiigt worden, auf dem Stich von Isaak 
Brunn bei S chad, Summum Argentoratensium templum, 1617 nur eine einzige 
Engelsfigur tragt. Bei der grossen Aehnlichkeit mit der Ziiricher Figur — 
das Motiv kommt nirgends wieder vor — ist eine direkte Anlehnung nicht 
unmoglich; die Beziehungen zwischen den beiden Stadten waren ja eng 
genug — man braucht nicht gerade an den Hirsemusstopf zu erinnern — 
dass auch das Ztiricher Thurmbild der Strassburger Steinmetzen Wohlgefallen 
erregen konnte. 

2 ) Mtintz, Etudes iconographiques p. 90. 

2 ) L^vy et Capronnier, Histoire de la peinture sur verre, pi. XXIX. 

8 ) Renovirt 1606 und 1710. Abbildung: Merkwlirdige Ueberbleibseln 
von Alterthumern von Joh. Mtiller. Zurich 1773—1783. 

4 ) Romer-Btichner, Wahl- und Krcmungskirche zu Frankfurt a. M.; 
Lotz-Schneider, Die Baudenkmaler im Regierungsbezirk Wiesbaden S. 131. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 73 

entstanden auch die in halber Lebensgrosse ausgeflihrten Sand- 
steinstatuen an der ehemaligen Galgenpforte K Karl im kurzen 
Rock, mit anliegenden Beinlingen, langem, auf der Brust durch 
eine Spange zusammengehaltenem Mantel, tr&gt Scepter und 
Dommodell; die Nase ist stark und gross, der Vollbart in sorg- 
sam ausgefiihrte Ringellocken gelegt, das Haar hinten flach 
abgeschnitten und auf jeder Seite zu vier Knoten aufgerollt — 
Modetracht und Modefrisur ertodten hier das volksthfimliche 
Heiligenbild. Ein Dreisitz in der stidlichen Chorwand mit einem 
Wandgem&lde, Karl und Bartholomaus darstellend, gehSrt 
der ersten Halfte des 15. Jahrliunderts an 2 . Im Jahre 1467 
endlich goss der Thtiringer Martin Moll die Bartholomausglocke 
im zweiten Thurmgeschoss mit den Bildern des Kaisers und des 
Patrons 8 . 

Das Relief an den Wangenstucken der von Kuno von Falken- 
stein gestifteten Chorstuhle im Dom zeigt ein etwas abweichen- 
des Bild 4 . Der Kaisersaal, die obere Rathsstube im Romer, 
erhielt wohl schon im Anfang des 15. Jahrliunderts, wahr- 
scheinlich im Jahre 1410 5 , nach der Vollendung des Baus 
durch Meister Friedrich Konigshofen seinen Schmuck in 
grossen Kaisergfcstalten von Karl d. Gr. ab. Freilich verblieb 
dieser nur bis zum Jahre 1583. Als es sich darum handelte, 
den grossen Saal einem Umbau zu unterziehen, mussten die 
alten Malereien weichen, doch liess sie der Rath in weiser 
Vorsicht durch den Glasmaler Hans Vetter kopiren 6 . Die Kopie 
befindet sich jetzt im Stadtarchiv, ein zweites Exemplar, aus 
der Sammlung des Freiherrn von Aufsess, im germanischen 
Museum zu Niirnberg. Aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts 
diirfte auch die grosse, im Sommer 1888 unter der Tiinche 
entdeckte Einzelfigur an der Westwand der Kronungskapelle 



- 1 ) Jetzt im histor. Museum, Inv. 6571. Als Gegenstiick wieder St. Bartho- 
lomaus, zwischen beiden der Keiehsadler. 

2 ) Fr. Hub. Mtiller, Beitr. zur teutschen Kunst- und Geschichtskunde 
I, Taf. 1, S. 5; L. Bechsteiu, Kunstdenkmaler in Deutsehland I, S. 17. 

8 ) Lotz-Schneider a. a. 0. S. 134. 

4 ) Mittheilungen der Centralcommission 1863, S. 244. 

5 ) J. D. Passavant, Kaisersaal und Kaiserbilder, in der Oberpostamts- 
zeitung 1839, Nr. 78. 

6 ) H. Grotefend, Die Zunft d. Glasmaler u. Glaser in Frankfurt a. M., 
in den Mittheil. an d. Mitglieder d. Vereins f. Gesehichte u. Alterthumskunde 
in Frankfurt a. M. VI, Heft 1, S. 106, 119. 



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74 P. Clemen 

stammen, die den Typus der Steinfigur am Nordportal wieder- 
holt 1 . Aus dem 16. Jahrhundert endlich stamint das grau in 
grau gemalte Tafelbild Inv. 311 des historischen Museums, 
Karl als Gegenstiick zu St. Philippus mit Scepter und Dom- 
modell, in voller Riistung, mit dem Mantel, darstellend: der 
ehrwiirdige Greisenkopf mit der machtigen Nase feinmodellirt, 
besonders an den Schlafen, von langem weissen Bart und 
schlichten Locken eingerahmt. 

B. Darstellungsgruppen ohne lokale Ueberlieferung. 
1. Die Rheinlande. 

Den Darstellungen in Aachen und Frankfurt reihen sich 
einige rheinische Miniaturen an, die fur die Umgestaltung des 
Typus von holier Bedeutung sind. Den Anfang bilden Registrum 
und Cartularium Prumiense, das erste augenblicklich im Original 
des 13. Jahrhunderts im Staatsarchiv zu Coblenz (I. C. 2), 
in der Kopie des 14. Jahrhunderts in der Stadtbibliothek zu 
Trier (Cod. 76), das zweite im Original des 11. Jahrhunderts 
in Trier (Cod. 86), in der Kopie des 14. zu Coblenz aufbewahrt. 
Das Cartularium 2 enthalt nur ein grosses Widmungsbild von 
vorziiglicher Ausfuhrung, in ausserordentlich leuchtenden und 
gesattigten Farben, die Uebergabe der Griindungsurkunde durch 
Pippin an Asverus, den ersten Abt von Priim, darstellend, sowie 
vier Medaillons mit den Doppelbildern kaiserlicher Paare 3 . Von 



*) Romer-Biichner, Das Bildniss Karls des Grossen im Dom, in den 
Periodischen Blattern der Geschichts- und Alterthumsvereine zu Kassel und 
Darmstadt 1856, Nr. 9, S. 324 und nach ihm Lotz, Kunsttopographie I, 
S. 212 sehen in den Gemalden auf den Thilren des Wandschranks neben dem 
Chortabernakel Maria und St. Karolus. Es ist jedoch, wie der Kreuznimbus 
mehr noch als die segnende Rechte beweist, Christus. 

2 ) Vgl. Waitz im Archiv XI, S. 438. Fol. 1 von einer Hand des 12. 
Jh. geschrieben, fol. 2 — 56 1 von verschiedenen Handen des 10. Jh., eingelegte 
Lagen darunter von einer archaisirenden Hand, fol. 57—1 14 1 ist von ver- 
schiedenen Handen des 11.— 12. Jh. geschrieben. Nach dem 4. Quaternio ist 
ein grosses Pergamcntdoppelblatt in Folio eingelegt, auf der innern Seite die 
Genealogien der Karolinger, Sachsen und Franken enthaltend. Die letzte Seite 
tragt die oben genannte Zeichnung. 

8 ) Die dargestellten Kaiser mit ihren Frauen sind: Cuonradus impera- 
tor, Gisela imperatrix — Heinricus imperator, Agnes imperatrix — Heinricus 
imperator, Berta imperatrix — Heinricus rex. Der Platz fiir seine Gemahlin 
ist leer. Da auf der Ruckseite des Blatts (fol. 74) die Todestage der Kaiser 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 75 

grosserer Wiclitigkeit sind die Metalldeckel, zwei vergoldete 
Kupferplatten, die in gravirter Zeichnung die Schaar der Kaiser 
und Konige vorfiihren, die dem Kloster Gliter und Rechte ver- 
liehen haben 1 . Auf der Vorderseite thront der jugendliche, 
bartlose Heiland, auf dem Schofl Buch und Schriftrolle haltend, 
ihm zur Seite Pippin mit dem Modell der Klosterkirche und Karl 
d. Gr. mit einem Buch in der Hand, unter ihnen die vier 
Nachfolger Karls mit den Bestatigungsurkunden in der Hand. 
Auf der Riickseite in der obern Reihe vier Kaiser, in der 
untern vier K5nige. Karl ist in kurzer Tunika dargestellt, 
mit langem Mantel, das kurzgescliorene Haupt mit der einfachen 
Reifenkrone geschmiickt, das Kinn mit einem kurzen, spitz zu- 
laufenden Bart bedeckt. Das spatere Coblenzer Exemplar des 
Cartulars kopirt die Darstellungen der Trierer Deckel in 
buntkolorirten Zeichnungen, die die ersten Seiten der Hand- 
schrift fiillen. 

Das Registrum 2 , im Jahre 1222 vom Abt Casarius von 
Priim mit grosser Sorgfalt geschrieben, enthalt drei grosse 
Illustrationen, die Portrats Karls und Pippins, das Begrabniss 



von Pippin bis auf Heinrich IV. herab angegeben sind, so ist damit zugleich 
die Entstelmng des die Illustrationen enthaltenden Doppelblatts zeitlich fixirt 
auf die Jahre 1106—1114. 

2 ) E. aus'm Weerth, Kunstdenkmaler, Taf. LXI, 10, Text II, S. 99; 
M. Thausing und K. Foltz, Das goldene Buch von Pruni, in den Mit- 
theilungen des Instituts f. osterreich. Geschichtsforschung II, S. 93. 

2 ) Bethmann im Archiv XI, S. 767. Friiher im Geh. Staats- und 
Kabinetsarchiv zu Berlin befindlich. Die Hs. enthalt ein Verzeichniss der 
Einkiinfte und Besitzungen der Abtei Priim vom Jahre 893. Casarius selbst 
war 1222 nicht mehr Abt, sondern Monch zu Heisterbach (Vallis s. Petri). 
Zwischen rothen Senkrechten auf jeder Seite 20 Zeilen, rothe, verzierte 
Initialen. Starke Deckmalerei in glanzlosen, aber gesattigten Farben auf 
Goldgrund, die Unterschrift des Bildes Pippins und Karls lautet: Pippinus 
rex Franeorum gloriosus atque Karolus magnus eiusdem Pippini filius victorio- 
sissimus imperator Romanorum nee non et gloriosissimus rex Franeorum, 
Prumiensis ecclesiae patroni atque primi fundatores. Die Spruchbander in der 
Hand Christi tragen die Inschrift : Venite benedicti patris mei possidete id quod 
vobis paratum est ab origine mundi, und: Quod uni ex minimis meis fecistis 
mihi fecistis. Auf Pippins Spruchband steht: Domine dileximus decorem domus 
tuae et locum huius gloriae tuae ad serviendum nomini tuo ecclesiam primum 
fundavimus et earn pluribus possessionibus ac libertate dotavimus nee non 
et ipsam cum personis. Auf dem Karls : Per tempora futura heredibus nostris 
usque in finem Romani imperii protegendam ac conservandam scripto atque 
nostris privilegiis commisimus. 



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76 



P. Clemen 



Lothars, das Bildniss St. Benedikts mit den Aebten Fredericus 
und Casarius. Karl und Pippin stehen auf dem ersten Bild 







Coblenz, Staatsarchiv, Cod. I. C. 2. 

einander gegenuber, zwischen sich die Klosterkirche von Prurn 
tragend, iiber ihnen erscheint im Halbrund Christi Brustbild 
mit segnend erhobener rechter Hand. Karl, der um Hauptes 
Lange seinen Vater iiberragt, erscheint in blauem, eng anliegen- 
dem Warns, hellgelbem Ueberwurf mit rothen Langsstreifen und 
goldenem Saum, rothem, schwarzgemustertemund griingefuttertem 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 



77 



Mantel. Der grosse Kopf tragt die goldene Krone, das Gesicht 
ist langlich, von langen, schwarzen Locken umgeben, die Nase 
gross, etwas tiberhangend, darunter ein starker Schnurrbart, 
ein leiser Kinnbart ist durch verblichene blaue und weisse 
Lichter angedeutet 1 . 

Der Schreiber der Trierer Handschrift 2 , der im 14. Jahr- 
hundert das Coblenzer Original kopirte und in den Geist seiner 
Zeit iibersetzte, schuf nicht nur den romanischen Bail in den 




Trier, Stadtbibliothek, Cod. 76. 



Handen der Grander zu einer gothischen Kathedrale urn, ge- 
staltete die Bewegung lebendiger, den Faltenwurf verstandlicher, 
brachte gothische Ornamente an, wo nur immer er konnte — 



1 ) Dass schon das Original vom Jahre 893 Illustrationen enthalten, ist nicht 
anzunehmen. Eine Inschrift sagt nichts als: Francigena enim fuit, qui scripsit 
librum antiquum et multa barbara nomina in eo posuit secundum Gallicum, 
que propter antiquam dignitatem etiam in hoc libro descripsimus nee ea 
mutanda iudicavimus. 

2 ) Archiv XI, S. 446. Der Schreiber hat den drei Bildcrn des Coblenzer 
Originals noch ein viertes hmzugefugt, den Papst darstellend, der den zu 
seinen Fiissen knieeuden Abt segnet. 



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78 P. Clemen 

er anderte auch ganz bewusst das Portrat Karls: dem Bild, 
das er von dem grossen Kaiser im Herzen trug, geniigte die 
Darstellung des alten Casarius nicht mehr, an Stelle des 
schwarzhaarigen und schwarzbartigen Herrschers setzte er einen 
Greis mit langen, weissen Locken und langem, weissem, zwei- 
getheiltem Bart. Zwischen beiden Schopfungen liegt der Sieg 
des neuen Kaiserideals \ Zwei Handschriften der Chronik von 
St. Pantaleon, die eine in Wolfenbuttel, Cod. Aug. 74. 3, die 
andere in Briissel, Cod. 467, enthalten das Portrat des Kaisers. 
Beide bieten den gleiehen Typus: einen dicken Kopf mit kurzen, 
in die Mitte der Stirn leicht herabfallenden Locken, mit breitem, 
maJJig langem Bart 2 . Das Bild des Kaisers in seiner Pfalz zu 
Ingelheim ist untergegangen. Cod. II. B. 7 der Universitats- 
bibliothek zu Prag vermeldet daruber: Item in einer stuben in 
einer runden fensterscheuben kaysers Caroli magni abcontrafeit, 
ganz altveterisch in seinem kayserlichen ornat mit einem undern 
rock umbgurtet und daruber ein thalar, so fast einen nachts- 
rock anlich und gleich mit halb hangenden ermelen, in einer 
hand den scepter, in der anderen, weil sie abbricht, sieht man 
nichts, ist zu muthmassen, seye ein reichsapfel gewesen 8 . 

2. Norddeutschland. 

Die westfalischen und niedersachsischen Landstriche, denen 
die Erinnerung an den unuberwindlichen Karl unverwischbar 
eingepragt ward, waren es, die den Typus nach einer neuen 
Seite hin weiterbildeten. Ganz im Gegensatz zu den Rhein- 
gegenden erscheint hier Karl als Kriegsmann, die Formen werden 
kraftiger, der Ausdruck gewaltsamer, die Bewegmig lebendiger; 
und dem entspricht auch der Wechsel des Symbols, der hier 
am fruhesten eintritt: Karl erhalt an Stelle des Scepters ein 

J ) Kopien des 17. Jahrhunderts der drei Bilder des Registrums enthalt 
der Sammelband 6731—76 der kgl. Bibl. zu Briissel (Ms. 6762, fol. 45). 
Eine weitere Kopie des Registrums von der Hand des Archivars Beyer 1850 
im Staatsarchiv zu Coblenz. Das Registrum gedruckt bei Beyer, Mittelrhein. 
Urkundenbuch I, Nr. 135. Aus dem Cartularium gedruckt die Reihe der Trierer 
BischBfe bei Bohmer, Fontes IV, p. 458; Mon. Germ. SS. XIII, p. 299, die 
Rcihe der Priimer Aebte Bohmer 1. c. IV, p. 460; Mon. Germ. SS. XIII, 
p. 302. Vgl. auch Bohmer IV, p. 461; Mon. Germ. SS. XIII, p. 219. 

2 ) Vgl. den Exkurs am Schluss. 

8 ) J. Neuwirth, Zur Geschichtc der Bautcn in Ingelheim, in der West- 
deutschen Zeitschrift 1890. 



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Die Portratdarstellungen Karls dcs Grossen. 79 

Schwert. Und nicht nur als Streiter Christi bezeichnet ihn die 
gezogene Waffe, sondern zugleich als Schutzherrn der Stadt, 
die sein Bild aufgerichtet. Die norddeutschen Bischofssitze, 
die theils wirklich auf eine Griindung Karls zuruckgingen, theils 
zur Erhohung ihres Anseliens die Stiftung durch Karl behaup- 
teten, wolil auch, wie Bremen, zur Bestatigung dessen Privilegien 
falschten, glaubten ein besonderes Recht auf die Verehrung des 
Kaisers zu haben. Die al teste bekannte Darstellung flndet sich 
auf einem Teppich im Dom zu Halberstadt, noch aus der zweiten 
Halfte des 12. Jahrhunderts stammend: Karl sitzt in einem 
trapezf6rmigen Rahmen, der als Inschrift seinen Namen tragt, 
auf dem Thron, in der Linken das Scepter, die Rechte seitw£rts 
erhoben, in den vier Ecken sind die Kopfe romischer Philosophen 
angebracht, erhalten sind nur die Namen der beiden untern, 
Cato und Seneca *. Karl tragt die lange Tunika und den langen, 
auf der rechten Schulter gehefteten Mantel. Das Antlitz ist 
starr nach vorn gerichtet, die Augen sind weit geoffnet, eisgraue 
Locken fallen auf beiden Seiten liber den Ohren nieder, das 
Kinn schmiiekt ein weisslicher, spitz zulaufender Bart, der 
Schnurrbart ist straff heruntergezogen. Karl und Heinrich 
stellen auch die beiden Konigsfiguren dar in den Medaillons einer 
im Domschatz zu Halberstadt bewahrten Weberei (Inv. 94) 2 . 
Eine grosse Sandsteinstatue im Halberstadter Dom zeigt den 
langbartigen Kaiser, vor ihm auf den Knieen Wittekind. Eine 
Handschrift der Bibliothek des Domgymnasiums zu Halberstadt, 
Cod. lat. 69, mit einer grossen Miniatur, Kaiser Karl und Alcuin 
darstellend, scheint verschwunden zu sein 3 ; erhalten dagegen 

*) Der (geschorene) Teppich gehort zu den die Ruckladen der Chorstttble 
verkleidenden (Bechstein, Kunstdenkmaler in Franken und Thiiringen I, 
Taf. 13, 14) uud zu den Teppichen in der Stiftskirche zu Quedlinburg (H. 
Heydemann in Zs. f. bildende Kunst XVII, S. 175; Steuerwaldt und 
Virgin, Kunstschfttze im Zittergewolbe zu Quedlinburg, Taf. 36; Kugler, 
Kl. Schriften I, S. 635; Piper, Mytbologie d. cbristlichen Kunst I, S. 242; 
E. Mtintz, La tapisserie p. 89). 

2 ) Vgl. F. Bock, Geschichte d. liturg. Gewander d. Mittelalters III, S. 192. 

s ) Die Hs. enthielt auf dem ersten Blatt eine Zeichnung Karolus rex 
et Alchuuinus nebeneinander, jeder eine Bandrolle haltend mit den Inschriften 
bei Karl: Quia te venerande magister Alchuvine deus, bei Alcuin: Deus te 
domino mi rex Karole omni sapientiae lumen. Bescbrieben Archiv VIII, 
S. 655. Vgl. G. Schmidt,»Die Handschriften d. Doragymnasialbibl. zu Halber- 
stadt. Programm 1878, S. 30. Erwabnt noch von Keil, Ind. lect. Hall. 1872, V. 
Feblt seit 1872. 



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80 P. Clemen 

ist ein kleines Bildniss des Kaisers im Cod. 115 derselben 
Bibliothek, inschriftlich aus dem Jahre 1434 stammend: mit in 
der Linken erhobenem Scepter schreitet Karl daher, mit m&ch- 
tigem weissen Bart und breit zur Seite wehenden Locken. In 
St. Remold zu Dortmund befinden sich am Eingang des Hoch- 
chors unter Baldacliinen die Kolossalflguren St. Remolds und 
St. Karoli, die letztere aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts 
stammend, von machtigem Bau der Glieder, mit iibergrossem 
Kopf, steif in der Haltung, handwerksmaCig in der Ausfiihrung. 
Auch Verden nimmt Karl als Stifter fur sich in Anspruch. 
Schon im 14. Jahrhundert begann man hier ein Chronicon epis- 
coporum Verdensium zu schreiben 1 ; der langen Reihe der 
Bischofsportrats, die bis in das 16. Jahrhundert fortgefuhrt 
wurde, setzte der kunstreiche Maler das Bildniss des kaiserlichen 
Griinders voraus : auf goldenem Grunde thront in blauem Leibrock 
und purpurnem Mantel, die Linke mit dem Scepter auf das Knie 
aufgestemmt, die Rechte segnend erhoben, Kaiser Karl, das 
machtige Haupt von reichen, braunen Ringellocken umwallt, die 
sich iiber den Ohren aufbauschen; Oberlippe und Kinn bedeckt 
ein kurzer, brauner Bart. Es ist nicht unmoglich, dass nach 
den Vorbildern dieser Miniaturen die Brustbilder Karls und der 
Verdischen Bischofe gefertigt waren, die Eberhard von Holle 
1572 an der Umgangsmauer des Chors hatte malen lassen 2 . 
Die Handschrift selbst befindet sich in der kgl. Bibl. zu Dresden 
(H. 193). Auf dem Altar im Dom zu Verden, vom Ausgang 
des 14. Jahrhunderts, ist der Kaiser zweimal mit dem Modell 
dieses Doms dargestellt 3 . 



*) Vgl. Schnorr, Handschriften der kgl. Bibl. zu Dresden I, S. 577, 
50 Bl. Perg. 4°. Es ist dieselbe Handschrift, aus welcher Leibnitz die 
Chronik abgedruckt (SS. rer. Brunsvic. II, p. 211—222); Leibnitz hielt den 
Verfasser flir Gregorius Hyrte, was schwer glaublich. Eine Kollation der 
Hs. mit dem Text: Hoi stein, M. Elardii von der Hude Verdensium chroni- 
con, im Archiv d. Ver. f. Gesch. d. Herzogth. Bremen u. Verden VI. Vgl. 
Ebert, Zur Handschriftenkunde I, S. 68; Lorenz, Geschichtsquellen II, S. 148. 

2 ) Im Jahre 1609 hatte Bischof Philipp Sigismund die 50 Gemalde auf 
Leinwand iibertragen und mit Denkversen versehen lassen. Pfannkuche, 
Die alteste Geschichte des vormaligen Bisthums Verden I, S. 8. 

8 ) Mithoff, Kunstdenkmaler V, S. 114; Wiedemann, Das Tabernakel 
d. ehemaligen Hauptaltars in der Domkirche zu Verden, im Neuen yater- 
landischen (hannover.) Archiv I, S. 142. Abbildung: L. Bergmann, Der Dom 
zu Verden, Taf. II. 



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Die Portr&tdarstellungen Karls des Grosscn. 81 

Der Sclmitzaltar im Chor der St. Aegidienkirche zu Quedlin- 
burg reicht in den Anfang des 15. Jahrhunderts zuriick: sind 
die Innenseiten mit Christus und Maria das AVerk eines ober- 
sachsischen Meisters urn das Jahr 1400, so entstanden die 
Aussenseiten der Fltigel etwa um 30 Jahre spater. Auf rothem, 
goldgenmstertem Grande steht auf dem rechten Seitenfliigel 
zwischen St. Servatius und St. Benedikt St. Carlus, in der 
Rechten die Fahne mit dem Adlerwimpel fiihrend, die Linke 
auf die Tartsche mit dem einkopflgen Adler gestiitzt, in gruner 
Zaddeltracht, langen, graugefiitterten Aermeln, bis zu den 
Knocheln reichendem Gewand. Unter der holien Krone quellen 
kleine, runde, zierlich gewickelte Lockchen hervor, ein langer, 
doppelspitziger, schongedrehter grauer Bart schmlickt das Kinn, 
die leicht gebogene Nase zeigt an der Spitze eine breite 
Schwellung. Die ganze Figur gleicht weit mehr den Aachener 
Tafelbildern als den gleichzeitigen sachsischen Darstellungen. 
Das Altarwerk aus Reinhartsdorf in Sachsen, Inv. 622 im Museum 
des Alterthumsvereins zu Dresden, das Werk eines unbekannten 
Meisters C R von 1521 aus Kranachs Schule, zeigt auf den 
Aussenseiten der Flugel neben St. AVolfgang das Bild St. Karoli. 
Es ist das Bild des heiligen Greises, das der Maler dem an- 
dachtigen Beschauer vorftihren wollte. Der schlohweisse, ge- 
ringelte Bart sinkt bis zur Brust nieder, die Locken fallen in 
breiter Masse auf die Schultern herab, eine starkgekriimmte 
Nase, ein voller, rother, festgeschlossener Mund, braune, ernst 
blickende Augen — dazu das voile kaiserliche Ornat. 

Als Kaiser Karl bezeiclmet die Tradition auch die thronende, 
bartige, gekronte Figur auf dem Kronleuchter im Rathhaus zu 
Goslar: als derStadtSchutzherrn, dieVerkorperung desHerrscher- 
ideals, des heiligen romischen Reiches selbst, verkiinden ihn 
hier die Verse der Umschrift: 

Gosler du bist togeda 

de hilge romeske rike 

suder middel und wae 

nicht macstu darvan wike K 
Im Domschatz zu Hildesheim erscheint Karl an der sil- 
bernen Hierothek 2 , einer Stiftung des Domkellners Lippold von 

») Abb. Universum IV, S. 810. 

2 ) Inv. 35. Kratz, Der Dom zu Hildesheim II, S. 184, Abb. Taf. XI, 4; 
Mithoff a. a. 0. Ill, S. 111. Ueber die Stiftung: Bcrens, Geschlechts- 
Historie der von Steinsberg S. 56. 

6 



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82 P. Clemen 

Steinsberg, unter den in Silber getriebenen Figuren des obern 
Stockwerks, zur Linken der Madonna stehend, mit den kaiser- 
lichen Insignien geschmiickt, eine zierliche Gestalt mit einge- 
bogener Hufte, langen, vollen Locken, vollem Bart und breitem 
Gesicht. Ein silbernes Standbild, von dem Goldschmied Anton 
Siiring gefertigt, ist seit dem Besuck der Franzosen in Hildes- 
heim verschwunden K Doch wird noch im Hochaltar des Doms 
ein silbernes Basrelief in halber Lebensgrosse bewahrt, den 
Kaiser in voller Rtistung zeigend, das machtige Schwert liber 
der Schulter tragend, in der Linken den Reichsapfel haltend, 
das von langem Bart und vollem Lockenkranz eingerahmte 
faltige Gesicht von ehrfurchtgebietendem Ausdruck. 

Das Portrat Karls auf einem Glasgemalde der Kirche zu 
Kirchohsen (Kreis Hameln), deren Griindung die Sage auf den 
Kaiser zurtickfuhrt 2 , ist verschwunden 3 . 

Im Stammgemach des Kammereigebaudes zu Liineburg 
hatte schon im Jahre 1524 Hans Epzenaet, der Leipziger Maler, 
leinene Tapeten mit grossen Kaisergestalten bedeckt, unter 
denen sich auch Karl d. Gr. befindet 4 . Ein zweiter Cyklus 
phantastischer Kaiserbilder von Augustus bis auf Rudolf II. 
entstand im Jahre 1576 in den Deckengemalden des Fursten- 
saals im Rathhaus, dessen Mittelbau nach der Marktseite zu 
in den Jahren 1718 — 1720 dann auch mit grossen gekronten 
Steinbildern verziert ward: nebeneinander stehen Justinianus, 
Carolus Magnus, Carolus Quintus 5 . In Osnabriick entstand im 
16. Jahrhundert der Kaiserpokal, auf dessen Deckel der Kaiser 
mit Schwert und Apfel dargestellt wurde 6 . 



*) Mithoff a. a. 0. Ill, S. 112. 

2 ) von Spilcker, Geschichte der Graf en von Everstein S. 56. 

8 ) Notiz im Thurmknopf vom Jahre 1765, die Inschrift des Bilds habc 
gelautet: Koenig Carolus Magnus Fundator Ecclcsiae in Osen MCLX. Mit- 
hoff a. a. 0. I, S. 110. 

4 ) J. W. Albers, Beschreibung der Merkwttrdigkeiten des Rathhauses 
zu Liineburg S. 51 (auch Lilneburger Alterthtiraer, Lief. 3); Mithoff a. a. 
0. IV, S. 189. 

6 ) Die Abb. des Mittelbaus bei Albers a. a. 0. Taf. 2; Mithoff a. -a. 
0. IV, S. 180. 

°) Schlechte Abb. bei Th. H. King, Study-Book of mediaeval archi- 
tecture and art III, pi. 11. Nach Mittheilung von K. Brandi triigt das 
Original einen weit ausgebildetcrn Renaissance-Charakter. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 



83 



Zu Miinster i. W., das Karl als Grunder seines Doms nennt *, 

gehort die Statue Karls am Lambertithurm, sowie die Einzelflgur 

an der Slidseite des Thurms der Kirche auf dem 

Ueberwasser-Kirchhof noch den letzten Jaliren 

des 14. Jahrhunderts an 2 . Die edelste Ver- 

korperung fand aber hier das westfalisch- 

sachsische Ideal erst in der bemalten grossen 

Steinflgur im Hochchor von St. Ludgeri, inschrift- 

lich im Jahre 1602 geschaffen 3 . Die Gestalt 

ist vollstandig in Eisen gekleidet, die breiten 

Schultern von dem schweren, lang herabwallen- 

den Mantel bedeckt, die erhobene Linke tragt 

JL den Reichsapfel, die Rechte das breite, lange 

^ Schwert. Der edel gebildete Kopf mit der 

— breiten, machtigen Stirn, den tiefliegenden 

Augen unter den buschigen Brauen, dem starken 

Bart, ist in selbstbewusster Kraft etwas zuriick- 

gelehnt, das zuriickgestrichene lockige Haar 

schmiickt die hohe Reifenkrone. Etwa gleich- 

zeitig ist auch die plumpe Steinflgur am Giebel 

eines Hauses auf dem Ueberwasser-Kirchhof 4 . 

Dem 17. Jahrhundert gehort auch die ver- 

goldete Statue im Chor des Doms zu Paderborn 

an. Gewaltsam bewegt, zeigt sie einen ge- 

kronten Greis mit Schwert und Apfel: das lange, 

St t %m d r ^ternde Haar, die Strahne des zottigen Barts, 

St. Ludgerikirche vom Wind zur Seite geweht, umrahmen ein 

zu Miinster i. W. energisch geschnittenes Gesicht von drohendem 

Ausdruck. Das Greisenhafte ist ubermafiig 



J ) Topogr.-histor.-statist. Beschreibung d. Stadt Miinster S. 23. 

2 ) Vgl. liber die Entstehungszeit H. Geisberg, Der Lamberti-Thurni 
zu Miinster, in der (Westfal.) Zeitschrift fiir vaterlandische Geschichte und 
Alterthumskunde XX, S. 343. 

3 ) Am Sockel die Insehrift: Deo omnipotenti et beato Carolo imperatori 
Saxoneae gentis Apostolo Confessori qui tunc Dioecesin ferro vindicatam et 
edomitam amplissime fundavit priinum episcopuin s. Liudgerum constituit, 
rev. Nob. Herm. Buck Can. Auf dem Schwert die Buchstaben D. P. C. C. 
A. D. C. id est Decern praeceptorum custos Carolus a Deo constitutus. Auf 
der gegeniiberstehenden Figur des h. Liudgerus, voin gleichcn Meister als 
Gegenstuck errichtet, die Insehrift: Err. von Walter Hane. Barb. Caspara 
Moderson 1602. 

4 ) Nr. 9, unter den Kaisergcstalten des Giebels. 

6* 

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84 P. Clemen 

betont gegeniiber der zur Seite stehenden Gestalt Heinriclis II., 
in welcher der Kiinstler das kraftige, bluhende Mannesalter zu 
verkorpern suchte 1 . 

In den sachsischen Landern ist es Bremen, das die grosste 
Anzahl von Bildnissen Karls bewahrt. Das alteste Bildniss 
findet sicli hier auf dem grossen Stadtsiegel, das zuerst an 
einer Urkunde vom Jahre 1238 erscheint. Karl und St. Willehad 
sitzen einander gegeniiber und halten das Modell des Doms 
empor 2 . Erscheint der Kaiser auch hier ebenso wie auf dem 
zweiten, 1366 zuerst auftretenden Stadtsiegel 3 bartlos, so ist 
dies doch schwerlich auf ein Fortleben des historischen Typus, 
sondern vielmehr auf die geringe Fahigkeit zu charakterisiren 
und den Konventionalismus des Siegelschneiders zuriickzufiihren. 
Die nachste Darstellung finden wir erst zu Beginn des 15. 
Jahrhunderts. Der Kaiser, den Meister Johann und Meister „ 
Henning in den ersten Jahrzehnten an der Vorderseite des 
Bathhauses schufen 4 , ist nicht als Karl bezeichnet, aber un- 
willkiirlich drangte sich sein Bild hervor, wo es gait, einen 
Typus des kaiserlichen Gebieters zu bilden: der Kaiser vom 
Rathhaus ist einer der schonsten Vertreter des spatern Ideal- 
bildnisses Karls d. Gr. Zur gleichen Zeit entstand auch das 
Relief des Kaisers in dem Rathsstuhl im Rathhaus: unter dem 
zierlichen gothischen Aufbau erscheint der Kaiser St. Willehad 
gegeniiber mit Schwert und Reichsapfel, im vollen Lockenschmuck, 
mit reichgelocktem Bart 5 . Es folgt eines der bedeutendsten 
Werke der nordischen Steinskulptur im 15. Jahrhundert, das 
grosse Relief an der Briistung der Orgelempore im Dom, das 
in gothischen Nischen die frei und lebendig gearbeiteten Statuen 
der Griinder und Stifter zeigt . Auf dem grossen Mittelrelief, 
fast ganz frei aus dem Stein herausgearbeitet, sitzen Karl und 



*) Es sei hier noch angereiht das Medaillonportrat Karls neben den 
Bildern St. Konstantins und St. Olavs an einein nordischen Trinkhoru in d. 
offentl. Bibl. zu Lttbeck. Vgl. L. H. E. Deecke, Die freie und Hansestadt 
Liibeck S. 43. 

2 ) Denkmale der Kunst und Geschichte d. freien Hansestadt Bremen. 
Hcrausg. von der Abth. d. Kttnstlervereins f. brem. Geschichte II, S. 36, 
Taf. IX. 

8 ) Denkmale a. a. 0. II, S. 37, Taf. X. 

4 ) Deneken, Das Rathhaus zu Bremen S. 30; Denkmale I, S. 33. 

c ) Denkmale II, S. 21, Taf. XX. 

6 ) H. A. Mttller, Der Dom zu Bremen S. 36, Taf. IV. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 85 

Willehad einander gegeniiber, zwischen sich das Dommodell 
haltend. Die Gestalten sind ein wenig nach vorn gewendet, 
beide Kopfe leicht erhoben. die schwere Gewandung ist in 
grossen Massen geordnet und tief unterarbeitet. Das Haupt 
Karls ist voll edler Majestat. Ein langer, auf den Seiten leicht 
gelockter Bart bedeckt Oberlippe und Kinn und ist in eine 
Spitze zusammengedreht, die zurtickgestrichenen Locken wallen 
in den Nacken hinab und legen sich auf beide Schultern, die 
Nase ist gross und gerade, die Augen weit geoffnet; die Wirkung 
des Kopfes allein durch die vornehme Haltung und durch die 
starke Unterarbeitung, die wieder grosse Schattenmassen hervor- 
ruft, eine bedeutende. 

An der Westfront des Rathhauses, an dem alten Richtplatz, 
ward am Ende des 15. Jahrhunderts ein Bild des Beschutzers 
der irdischen Gerichtsbarkeit, Kaiser Karoli, angebracht. Es ist 
schon 1686 zu Grunde gegangen, aber doch in Merians Topo- 
graphie 1 und in Peter Kosters Chronik in einer Abbildung er- 
halten. Der Kaiser ist ganz in Eisen gehiillt, tragt Apfel und 
Schwert, sein Haupt schmucken lange Locken, die in dicken 
Strahnen auf die Schultern fallen, ein langer und breiter Bart 
fallt in derb gemeisselten Locken auf die Brust herab 2 . Im 
Jahre 1532 endlich ward die Rfickwand des grossen Rathhaus- 
saals mit einem Gemalde geschmiickt, das unter vollendet schoner 
Renaissance-Einrahmung in iiberlebensgrossen Figuren St. Karl 
und St. Willehad darstellt, beide einander gegeniiber thronend 
und schiitzend die Hand auf das zwischen ihnen stehende Dom- 
modell legend. Der Kaiser tragt den Purpurmantel, auf dem 
Haupt ein Barett mit seltsam geschwungener Reifenkrone, sein 
edles Gesicht wird von kurzen Locken und einem reichgelockten, 
vollen, braunen Bart eingerahmt, der aber nicht spitz zulauft 3 . 
Darunter aber prangt die Inschrift, die auch in Renners Bremische 
Chronik iibergegangen : 

Kaerl de grothe bin ick genandt, 
Ein weldich koning aver vele landt, 
Van dutschem blode gar hoech gebaren; 



*) Merian, Topograpkia Saxoniae inferioris p. 63. 

2 ) Denkmale, Taf. XXII, I, S. 38. Alter Stich im Cab. des estampes 
der Bibl. nat. zu Paris. 

8 ) Denkmale, Taf. V, II, S. 31. Vgl. Eiedel im Serapeum I, S. 177 
und den Exkurs am Schluss. 



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P. Clemen 

Dar tho heft mi godt utkvorkorcn, 
Sin lof tho bringen in Sassenlandt, 
Woer sin name was voer unbekandt. 



3. Siiddeutschland. 

Unter den Darstellungen auf suddeutscher Erde — mit 
Ausnahme der schon genannten Bildnisse auf eidgenossischem 
Boden — steht wiederum voran eine Reihe von Miniaturen. In 
erster Linie steht die Havelberger, jetzt Berliner Handschrift 
des Ekkehard von Aura, die in einem ihrer Stammbaume das 
Bild Karls mit dickem Kopf und breitem Vollbart zeigt. Es 
folgt dann eine Gruppe von Handschriften, welche die Karls- 
sage direkt illustriren. Zunachst kommen hier in Betracht 
die Bilder der Heidelberger Handschrift des Rolandslieds vom 
Pfaffen Konrad (Cod. palat. germ. 112) 1 . Auf den 39 Bildern 




St. Gallen, Stadtbibliothek, Cod. 302. 

erscheint Karl elfmal, nicht immer ganz gleich charakterisirt 2 , 
obgleich die Zeichnungen ohne Zweifel von ein und demselben 



*) Die Bilder sammtlich publicirt bei W. Grimm, Kuolandes Liet. 
Atlas. Vgl. Hefner-Alteneck, Trachten und Geratbschaften I, S. 45; 
Kugler, Kleine Schriften I, S. 1; Janitschek, Gesch. d. deutschen Malerei 
S. 115; Archiv V, S. 697. Am ausfuhrlichstcn von Oecbclbaeuser, Die 
Miniaturen der Heidelberger Universitatsbibliothek I, S. 56, Taf. X. 

2 ) von Oecbclbaeuser a. a. 0. I, S. 67, besonders fol. 41 b der Hs. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 87 

Kimstler herrilhren — aber immer mit langerm, nicht gelocktem, 
sondern in Strahnen herabfliessendem Bart, mit auffallend starkem 
Schnurrbart und kurzen Locken 1 . Es schliessen sich an die 
untergegangene Strassburger Handschrift, deren Miniaturen aber 
zum Theil von Schilter aufbewahrt sind 2 , und Cod. 302 der 
Stadtbibliothek zu St. Gallen, die Weltchronik des Rudolph von 
Eins und des Strickers Karl enthaltend 3 , mit 47 Bildern in 
Deckfarben auf Goldgrund, endlich, allerdings schon dem 15. 
Jahrhundert entstammend, aber in die Reihe der illustrirten 
Handschriften der Karlssage gehorig, Cod. S. 500 der Universitats- 
bibliothek zu Bonn, mit grossen ganzseitigen Illustrationen in 
kolorirter Federzeichnung. In alien drei Handschriften ist der 
Typus des langbartigen Kaisers gewahrt: erscheint er in dem 
St. Gallener Codex gemildert durch die sorgfaltige Ausfiihrung 
und die zierliche Technik und beherrscht durch das konventionelle 
hoflsche Ritterideal, so ist er in der Strassburger wie in der 
Bonner Handschrift vergrobert: bei Schilter bilden den Bart 
zwei dicke, spitz zusammengedrehte Haarwiilste, in dem Bonner 
Codex wird der Bart zu einer ungefiigen Masse, die in flott 
gezeichneten handschuhartigen oder facherformigen Lockchen das 
Kinn umstarrt. 

Die alteste plastische Wiedergabe auf siiddeutschem Boden 
ist die Figur des Kaisers vom Portal der Kirche zu Neustadt 
am Main, mit den Statuen Maria und des h. Martin zur Zeit 



*) Die Entstehung des Rolandslieds neuerdings durch E. Schroeder, 
Die Heimath d. deutschen Rolandsliedos, in der Zeitschrift f. deutsches 
Alterthum, N. F. XV, S. 70 (die Mhere Literatur bei Goedeke, Grund- 
riss) an den Hof Heinrichs d. Stolzcn nach Regensburg gewiesen. Die nicht 
seltenen niederdeutschen Wortformen der Pfalzer Hs. scheinen allerdings 
mehr nach Sachsen und Thliringen zu weisen: K. Bartsch, Rolandslied, Einl. 
S. 13. 

2 ) Schilter, Thesaurus antiqu. Teut. (1727) II. 

3 ) Vgl. J. R. Rahn, Gesch. d. bild. Ktinste i. d. Schweiz S. 643; 
Scherer, St. Gallische Handschriften S. 79; Bartsch, Karl der Grosse von 
dem Strieker S. XXXVI; C. von Jecklin, Zu des Strickers Karl, in Ger- 
mania XXII, S. 129; Vilmar, Die zwei Recensionen der Weltchronik S. 42, 59. 
Karl erscheint auf fol. 3 b , 25% 26 b , 52 b , 66 a , 77 a . Braunes Gelock legt sich 
cng an die Schlafen, ein zierlich gelockter lichter Bart bedeckt das Kinn. 
Die graziose Zeichnung und die voUkommene technische Behandlung raumen 
der Hs. einen kunstlerisch hervorragenden Platz ein. Beachtenswerth der 
Versuch, im Gesicht seelische Stimmungen zu spiegeln, weniger allerdings 
Freude als Schmerz und Trauer. 



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88 P. Clemen 

aussen am Chor eingemauert, noch aus den letzteu Jahrzehnten 
des 13. Jahrhunderts stammend 1 . Die nachste Darstellung be- 
findet sich auf dem Theokarusaltar in der Lorenzikirclie zu 
Ntirnberg, der, 1406 von Andreas Volkamer ' gestiftet, erst 1437 
vollendet ward 2 . In den Scenen aus der Legende St. Theokars 
auf den Fliigeln der Staffel ist zu zweien Malen Karl dargestellt; 
aber das herkommliche Schema des alten Herrschers ist hier 
von dem Maler, der besondern Nachdruck auf eine feine Durch- 
fiihrung der Kopfe legt, durch individuelle Ztige belebt: die 
grauen Locken umrahmen nicht vollstandig die Stirn, sondern 
fallen nur von den Schlafen reich herab, das Haupt ist kahl, 
die Nase stark gekriimmt, dick auslanfend und iiberhangend, 
der Bart breit zur Seite fallend. 

Die Sandsteinstatue des Kaisers am aussersten Strebepfeiler 
des linken Hauptthurms am Dom zu Regensburg entstand wohl 
gleichzeitig mit dem zweiten Geschoss der Thiirme unter dem 
Domwerkmeister Matthaus Eoritzer in den Jahren 1482 — 1486. 
Im Gegensatz zu der bliihenden Jugendlichkeit des h. Heinrich, 
der das Gegensttick am Siidthurm bildet, ist in Karl ein stammiges 
Greisenalter verkorpert: er steht straff aufgerichtet, mit langem, 
auf die Brust fallendem Bart, mit der Linken auf den Schild 
gestiitzt 3 . Ungefahr gleichzeitig ist die Sandsteinflgur am Thurm 
von St. Emmeram. Auf dem 1500 gestifteten 4 Wandgemalde 
iiber der Vorhalle von St. Emmeram, den Patron der Kirche 
mit Dionys und Wolfgang, Karl und Arnulf darstellend, ist die 
Darstellung des graubartigen Greises von Karl auf Arnulf iiber- 
tragen. An der wenig spatern Freske am Aussenthor von St. 
Emmeram ist Karl wiederum mit einem schonen, von lockigem 
Haar und Bart eingerahmten Greisenkopf von mildem Ausdruck 
dargestellt. Die mittelalterliche Sammlung zu Basel enthalt 
unter Inv. 128 einen grossen Teppich, eine Schweizer Arbeit des 
15. Jahrhunderts, mit dem Wappen der Baseler Familie Eberler. 



*) Bode, Geschichte der deutschen Plastik S. 69. 

2 ) Passavant, Beitrage zur Kenntniss der alten Malerschulen in 
Deutschland, in Schorns Kunstblatt 1846, S. 190; Hotho, Gcsch. der deutschen 
u. niederland. Malerschulen I, S. 483; Waagen, Kunstwerke und Kiinstler 
in Deutschland I, S. 247; Ders., Handbuch d. deutschen Malerschulen I, S. 162; 
Schnaase, Kunstgeschichte VI, S. 503. 

8 ) Th. H. King, Study -Book of mediaeval architecture and art 
II, p. 3. 

4 ) 1707 und 1886 aber fast vbllig ubermalt. 



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Die PortratdarsteUungen Karls des Grossen. 89 

Zwischen den andern Heldengestalten erscheint auch Kaiser Karl 
im Purpurmantel mit Fahne und Schwert, unter der gekriimmten 
Nase fallt ein langer schlohweisser Bart herab. Ebendort befindet 
sich eine Schweizer Thonarbeit (Inv. 97 m) mit der Darstellung 
Caroli Magni, der ganz gewappnet mit Schwert und Schild auf 
einem Sockel steht, mit langem weissen Bart und reichen Locken, 
die zur Seite unter der Krone hervorquellen. Eine entsprechende 
bemalte Topferarbeit enthalt das Nationalmuseum zu Miinchen 
unter Inv. 588 (Saal 25), nur dass hier der Kaiser im Profil 
erscheint, wahrend ihn das Baseler Werk in Vorderansicht zeigt. 
Als ein Bild Karls d. Gr. sehe ich auch die offenbar einem 
Altarschrein entlehnte Holzstatue im Hohenzollernschen Museum 
zu Sigmaringen (Nr. 142) an, ein gutes oberdeutsches Werk des 
15. Jahrhunderts, der Kopf mit auffallend niedriger Stirn, schmaler, 
gerader Nase, schmalen Jochbeinen und grossen Augen; voile, 
breit auf die Schultern fallende Locken und langer, gedrehter, 
in zwei Spitzen auslaufender Bart rahmen das Gesicht ein. Den 
gleichen Typus bringt die Handschrift der vita s. Hildegardis, 
Cod. 50 zu Sigmaringen. Auf dem Titelblatt thront der Kaiser 
neben dem Papst Hadrian, diesem eine gesiegelte Urkunde iiber- 
reichend 1 . 

Am Ende dieser Reihe stehen einige Chroniken. 

Der Constanzer Weltchronik mit Luzerner Eintragungen vom 
Jahre 1426 in der Biirgerbibliothek zu Luzern ist ein ganz- 
seitiges Bild vorangestellt, auf dem zwischen den Wappen der 
Kurfiirsten Kaiser Karl als Reprasentant des deutschen Kaiser- 
thums erscheint, auf dem Thron sitzend, in Eisenrustung und 
Zaddelwams gehullt, das machtige Haupt mit den liber den 
Ohren aufgewirbelten Locken, dem breiten, weissen, zweispitzigen 
Bart ein wenig zur Seite geneigt. Cod. germ. Monacens. 552 
enthalt auf Blatt 48 b zu Beginn des schwabischen Land- und 
Lehnrechts ein ganzseitiges Bild des „salig kaiser Karl", den 
Kaiser mit Apfel und Scepter, mit zweigetheiltem weissen Bart 
und langen fliessenden Locken auf dem Thron darstellend — 
zu seiner Linken ruht ein Lowe, die Pranken auf die Stufe 
gelegt, die des Kaisers Fussen als Stiitze dient. Es schliessen 
sich an die Nurnbergische Chronik der fiirstlich Furstenbergischen 



*) Anzeiger fiir Kunde der deutschen Vorzeit 1867, S. 235; F. A, 
von Lehner, Verzeichniss der Handschriften zu Sigmaringen S. 35. 



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90 



P. Clemen 



Bibliothek zu Donaueschingen (Cod. 678) * und sodann Cod. bavar. 
2799 (Iconogr. 372, Cimel. 183) der Staatsbibliothek zuMiinchen. 
Unter den bayrischen Herzogen erscheint Karl init Schwert und 
Apfel, vollstandig gerustet, mit langem weissen Bart und auf- 
fallendem Lockenschmuck. Unter der kolorirten Federzeichnung 
linden sich die Verse: 

Der caiser Carol der gross, 
Der aller schannden was ploss, 
Der mit den haiden maniche streit 
Gestritten hat zu seiner zeit; 
Er war der aller gerechtest man, 
Der caisers nam us gewann, 
Ward im 801. jar zu caiser cront 
Vnd im 814. jar mit got versont. 
Eine ahnliche Darstellung flndet sich audi im Cod. iconogr. 
373 (Cimel. 189) und Cod. iconogr. 369 zu Munchen. Ein Chro- 
nicum »Galliae, Cod. 73 der Stadtbibliothek zu Bern, zeigt in 
diirftiger Federskizze auf Blatt 31 den Kaiser hoch zu Eoss, in 
der Rechten das Scepter fiihrend, mit langem zottigen Haar und 




Heidelberg, Universitatsbibliothek, Cod. germ. 149. 

Bart. Endlich sind zu nennen die grossen kolorirten Feder- 
zeichnungen der Handschriften des Martinus Polonus, Cod. germ. 



') Barack, Die Handschriften d. Bibl. zu Donaueschingen S. 472. 

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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 



91 



137 und 149 der Universitatsbibliothek zu Heidelberg, beide dem 
15. Jalirhundert angehorig. Der Kaiser erscheint hier in der 
Tracht der Zeit, das machtige Haupt mit der grossen, gekriimmten 
Nase mit der Reifenkrone geziert, lange Haarstrahne und ein 
reich gelockter, bis .auf die Mitte der Brust sinkender zwei- 
getheilter Bart zeichnen ihn vor alien Andern aus 1 . Cod. Helmst. 
205 der Bibliothek zu Wolfenbuttel zeigt den Greisentypus 
gleichfalls vollig ausgebildet. Eine eigenthiimlich grossartige 
Verkorperung fand das Bild Karls noch einmal im 16. Jahr- 




Aarau, Kantonsbibliothek, Chronik Silbereysens. 

liundert in den beiden Darstellungen in der Chronik Silbereysens 
in der Kantonsbibliothek zu Aarau. Der Kaiser ist hier ganz 
en face dargestellt, das machtige Haupt schmuckt eine pelz- 
besetzte Mutze, das Gesicht ist von Fatten durchfurcht, die 
schmale Oberlippe unter der langen Nase ziert ein straffer 
Schnurrbart, Haare und Bart sind auf beiden Seiten in symme- 
trische Locken gelegt 2 . 

Schon dem 16. Jahrhundert gehort an ein Steinmedaillon 
vom Frauenhaus in Colmar, jetzt im Museum Unterlinden (Inv. 
298), mit dem Bild des thronenden Karl in Vorderansicht, in 



*) Vgl. Bartsch, Kat. d. altdeutschen Handschriften S. 33; SanMarte 
im Archiv f. d. Studium der neueren Spracheu XXIII. Im Cod. pal. germ. 
137 das Bild Karls auf fol. 77% im Cod. 149 auf fol. 184 a . 

2 ) Eine Handschrift des sog. Schwabenspiegels von 1491 zu Aarau mit 
der Darstellung Karls d. Gr. zu Gericht sitzend erwahnt Eockinger in den 
Sitzungsberichten der Wiener Akademie, Hist.-philos. Klasse, Bd. CX, Abhandl. 
X, S. 25. 



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92 P. Clemen 

der Rechtcn das Scepter, in der Linken das Kirchenmodell 
haltend: die Nase ist machtig und gerade, an der Spitze etwas 
aufgetrieben, der Bart lauft in zwei Spitzen aus, die Locken 
sind breit zur Seite gestrichen. Im Jalire 1553 endlich entstand 
der Kaiserbrunnen zu Ueberlingen am Bodensee mit dem Bild 
des Kaisers als des Schutzheiligen, auf den Schild mit dem 
Stadtwappen gelelint 1 . 

Die siiddeutschen Darstellungen zeigen einige Unterschiede 
gegeniiber den iibrigen auf deutschem Boden, geringere gegen- 
iiber den sachsisch-westfalischen, grossere gegeniiber den rhei- 
nischen. Der Ausdruck einer zarten Korperlichkeit, wie er in 
den rheinischen Bildern lebt, fehlt vollstandig. Stammig, ge- 
drungen ist der Korper, die Haltung stolz und selbstbewusst. 
Gerade auf siiddeutscher Erde — und die oben angefiihrten 
Handschriften liegen nach dem Ort ihrer Entstehung liber das 
ganze Bereich verstreut — ward das Motiv des langbartigen 
Kaisers mit sichtlicher Vorliebe bis zur Uebertreibung ausgebildet. 
Es fehlte dem Kaiserbild nur noch eines — und das gab ihm 
Diirer. 

Albrecht Diirer war es, der am Schluss des Mittelalters, 
als sich die Kunst an der Weiterbildung des Kaiserbilds schon 
erscliopft zu liaben scliien, dem Stoff noch einmal eine eigen- 
thumliche Fassung verlieh, eine Fassung, die auf die Anschauung 
aller folgenden Jahrhunderte bestimmend einwirkte. Fur die 
Heiligthumskammer im Schopperschen Haus zu Niirnberg ; wo 
seit Kaiser Sigismunds Zeiten das Kronungsornat der deutschen 
Kaiser aufbewahrt wurde, zwei grosse Bildnisse Kaiser Karls 
und Kaiser Sigismunds zu malen, ward Diirer schon 1510 vom 
Eath beauftragt. Erst 1512 waren sie vollendet 2 . Sorgsame 
Studien hatte der Kunstler zu seinem Werke gemacht. Die 
Reichskleinodien galten seit Jahrhunderten als von Karl selbst 
gestiftet: um seinem Werk die grosste Treue zu verleihen, 
fertigte er nach dem Kronungsornat genaue Federzeichnungen 
an — eine Zeichnung des ganzen Ornats wird in der Albertina 
bewahrt 3 , Wiedergaben der Kaiserkrone, des Reichsapfels, des 



*) F. X. Kraus, Kunstdenkraaler des Kreises Ooiistanz S. 641, 660. 

2 ) M. Thausing, Diirer II, S. 111. Ueber die Heiligthumskammer 
vgl. Baa der, Beitrage zur Kunstgeschichte Niirnbergs I, S. 6, II, S. 6; 
Siebenkees, Materialien zur Niirnbergischen Gescbichte I, S. 327. 

s ) Heller, Pie Werke Albrecht Diirers S. 116, Nr. 123. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 93 

Reichsschwerts befinden sich in amerikanischem Besitz 1 . Das 
vollendete Bild zeigt den Kaiser von vorn gesehen als Knie- 
stiick, im vollen Ornat, mit Schwert und Reichsapfel. Ein 
schoner Greisenkopf von langlicher Form mit einer scharfen, 
langen und gebogenen Nase, von langen Locken umwallt, die 
an den Schlafen nur leicht gewellt sind, urn in reicherm 
Gelock atif die Schultern zu sinken, mit langem und breitem 
Vollbart. Durer stellte den Kaiser an der Schwelle des 
Greisenalters dar, Bart und Haar sind nur leicht grauweiss 
gesprenkelt. Die straffe Haltung, der feurige Blick zeigen noch 
die ungeschwachte Kraft, im Gesicht aber hat schon jene Ver- 
geistigung der Ziige Platz gegriffen, die das Ehrenzeichen des 
Alters ist. Der Eindruck der unbandigen Energie, verstarkt 
durch die vorgeschobene Unterlippe, mischt sich mit dem einer 
majestatischen Milde, die aus den ernsten, aber freundlich 
blickenden Augen spricht. Es ist kein Idealkopf ; kein Zweifel, 
dass das Portrat des Johannes Stabius, des gekronten Historio- 
graphen Maximilians, Durer hier vorschwebte 2 — aber docli 
auch kein idealisirtes Portrat 3 . 

Was Durer hier geleistet, wirkte machtig ein auf die Phan- 
tasie der Zeitgenossen und der nachfolgenden Geschlechter: es 
tibte einen nivellirenden Einfluss aus und verdrangte theilweise 
die eigenartig landschaftliche Auffassung. Der langbartige Kaiser 
Karl auf der Einfassung der Kreuzigung des Johannes von 
Rosenau in Budapest, mit den bis zur Schulterbreite auf beiden 
Seiten des Hauptes ausgebreiteten weissen Locken ward wohl 



J ) Fruher beim Ritter vou Franck in Graz. Vgl. Lippinaun, Zeich- 
nungen Diirers II, S. 166, 167, 168; Ephrussi, Albert Durer et ses dessins 
p. 168, 364. 

2 ) So von Eye, Albrecht Durer S. 341 und Thausing a. a. O.II, S. 112. 

3 ) Die Unterschrift lautet (von Thausing ins Neuhochdeutsche tiber- 
tragen) wortlich: 

Dis ist der gestalt und biltnus gleich 

Kaiser Karlus der das Remisch reich 

Den Teutschen undertenig macht 

Sein kron und klaidung hoch geacht 

Zaigt man zu Nurenberg alle jar 

Mit andern haltum offenbar. 
Eine Kopie in der k. k. Ambraser Sammlung zu Wieu. Ausgezeicbueter 
Stick von A. Reindel. Vgl. d. Bespr. v. Fr. Eggers: Deutschcs Kunstblatt 
1857, S. 243. Feinsinnige Analyse des Bilds von Kuglcr, Deutsches Kunst- 
blatt 1848, S. 84; fcleine Schriften II, S. 573. 



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94 P. Clemen 

direkt durch Diirer hervorgerufen *, ebenso die beiden pracht- 
vollen grossen Federzeichnungen, die das Greisenhaupt Karls 
darstellen, im ersten Band der Chronik Christoph Silbereysens 
von 1576 in der Kantonsbibliothek zu Aarau. Und noch im 
18. Jahrhundert ward auf einem Tafelbild im linken Seitenschiff 
zu St. Emmeram in Regensburg, das Leo III., umgeben von 
Arnulf, Karl, Heinrich dem Heiligen und Herzog Theodor, dar- 
stellt, eine Kopie des Durerschen Kaisers eingeftigt. 

2. Frankreich. 

Wir kommen zu den Darstellungen Karls auf franzosischem 
Boden. Eine lokale Ueberlieferung ist hier nirgends mit Sicher- 
heit anzunehmen — reiner darum aber auch als etwa in Aachen 
sind die Bildnisse als naive kiinstlerische Niederschlage der 
jeweiligen volksthiimlichen Anschauung zu betrachten. Die alteste 
Wiedergabe, deren Datirung tins moglich ist, findet sich auf 
den Glasgemalden von St. Denys. Dort hatte im Jahre 1140 
Abt Sugerus die neu entstandene Kirche mit bunten Fenstern 
geschmiickt 2 , von denen nur diirftige Eeste die Stiirme der 
Revolution tiberdauert haben; eine Reihe von Medaillons sind 
durch die friiher gefertigten Abbildungen Montfaucons bekannt 

J ) Abgebildet in A Nagyszebeni es a SzSkesfehervari r<5gi teinplora, 
hrsg. von der magyar. Akademie zu Budapest 1883, S. 53. 

2 ) Sugeri abbat. liber de rebus administratione sua gestis bei Bouquet, 
Recueil XII, p. 96: Vitrearum etiam novarum praeclaram varietatem, ab ea 
prima quae incipit a stirpe Jesse in capite eeclesiae, usque ad earn quae 
superest principali portae in introitu eeclesiae tarn superius quam inferius, 
magistrorum multorum de diversis nationibus manu exquisita depingi fecimus. 
Vgl. Doublet, Histoire de Pabbaye de St. Denys I, p. 246; FGlibien, Hist, 
de St. Denys IV, p. 151. Ueber die kunsthistorische Bedeutung der Malereien 
vgl. M. A. Gessert, Geschickte der Glasmalerei S. 79; Fiorillo, Gesch. 
der zeichnenden Kiinste in Frankreich I, S. 42; Bruzen de la Martiniere, 
Diet, geogr.-hist. V, p. 228; Mine de Witt, Les chroniqueurs de Phistoire 
de France II, p. 144, 150; L. J. Guenebault, Dictionnaire iconographique 
des monuments en France I, p. 376. Abbildungen einzelner Theile bei 
P. Levieil, Kunst auf Glas zu malen I, S. 59; J. Lab arte, Histoire 
des arts industriels au moyen age. Album II, pi. XCIV; L6vy et 
Capronnier, Histoire de la peinture surverre, pi. 3. Ferd. de Lasteyrie, 
Histoire de la peinture sur verre p. 26 bezieht nur 2 der Medaillons bei 
Montfaucon auf Karl d. Gr., die ubrigen 10 auf den ersten Kreuzzug. Ich 
mochte alle 12 als Illustrationen der Legende von Karls Kreuzzug (s. o.) 
ansehen. Was die Notiz des Suger iiber die magistri de diversis nationibus 
betriift, so halte ich nach stilistischer und technischer Priifung der Reste und 



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Die Portratdarstcllungen Karls des Grossen. 95 

und erhalien geblieben 1 . Die wenigen Medaillons, welche die 
Eevolution uberlebt hatten, wurden von Lenoir in sein neu- 
errichtetes Musee des monuments frangais gerettet, nach dessen 
Auflosung sie der Kirche zuruckgegeben wurden 2 . Sie schmiicken 
jetzt in willkurlicher Zusammensetzung ein Fenster der Marien- 
kapelle, der mittlern des Chorumgangs. Erhalten ist vor Allem 
das Portrat des weisshaarigen, wenig individuellen Abts, der 
vor der Madonna kniet 3 . Die durch Montfaucon aufbewahrten 
Medaillons gehorten offenbar einem grossern Cyklus an, der die 
Erzahlung von dem Kreuzzug Karls zum Gegenstand hatte. 
Auf dem einen empfangt der Kaiser, nach links gewendet, mit 
dem Scepter in der Linken unter einem Rundbogen thronend, 
die drei prachtig gekleideten Gesandten Konstantins, die heftig 
gestikulirend von links heranschreiten ; auf einem andern be- 
willkommnet Konstantin, im Thor von Konstantinopel stehend, mit 
Handschlag den von links nahenden, von zwei baarhauptigen 
Kriegern geleiteten Karl. Mit schlichten Locken, kurzem, ge- 
ringeltem Bart, mild schonem Antlitz erscheint hier der Kaiser. 
Das Fenster von St. Denys ward das Vorbild fur das grosse 
Fenster Karls d. Gr. in der Katliedrale zu Chartres 4 . Ueber 



nach Vergleich mit den Glasmalereien in den Kathedralen zu Le Mans und 
Angers, die beide zeitlich frtther anzusetzeu sind, an einheimisch franzosischer 
Herstellung fest. 

*) Montfaucon, Monuments I, p. 277, pi. XXIV, 1, XXV, 1. Danach 
bei H. de Vielcastel, Collection I, pi. 43. Vgl. Zur Geschichte d. Glas- 
malerei in Europa, im Organ fttr christliche Kunst VII, S. 91, 127. 

2 ) Vgl. Al. Lenoir, Trait6 histor. de la peinture sur verre. Exkurs 
zur Descr. histor. et chronol. des monuments de sculpture reunis au musee 
des monuments francais p. 305. 

s ) Zum Vergleich heranzuziehen sein Grabmal in St. Denys (F. do 
Guilhermy, L'abbaye de St. Denys, tombeaux et figures historiques p. 26) 
und seine Bilste (Al. Lenoir, Descr. histor. et chronol. des monuments 
francais II, p. 89, no. 520). 

4 ) Vollstandig wiedergegeben bei Durand, Monographie de la cath6drale 
de Chartres p. 162 — 165. Erlauterung bei l'abbG Bulteau, Description de 
la cathSdrale de Chartres I, p. 191, 239. Vgl. Vetault, Charlemagne. Eclair- 
cissement VI, p. 545; Didron ain6, Cath6drale de Chartres. Rapport adresse* 
a M. le comte de Salvandy; CathSdrales celebres. Notre-Dame de Chartres. 
Description mon. et hist. p. 52; Baudri, Organ fur christl. Kunst VII, 
p. 113. Kleine Irrthumer in der Abbildung bei Durand verbesscrt in der 
Wiedergabe bei Didron, Charlemagne et Roland, in den Annal. archeolog, 
XXIV, p. 349. Vgl. Levy et Capronnier, Histoire de la peinture sur 
verre p. 64, pi. X; Ferd. de Last eyrie, Hist, de la peint. sur verre p. 55, 



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96 P. Clemen 

seine Entstehung liegen keinerlei urkundliche Zeugnisse vor, 
nach stilistischen Merkmalen ist es an den Ausgang des 12. 
Jahrhunderts zu setzen. In einundzwanzig Feldern schildert 
das von der Communaute des marchands-fourreurs der Kathedrale 
geschenkte Werk die Legende Karls im engen Anschluss an die 
Erzahlung von der Uebertragtmg der Reliquien durch Karl von 
Konstantinopel 1 und an die Chronik des Turpin 2 . Das vierte 
Medaillon, der Empfang Karls durch Konstantin, und das zwolfte, 
die Ersturmung Pampeluns, finden sich fast genau entsprechend 
in den betreffenden Scenen zu St. Denys wieder, an Stelle 
Pampeluns dort Nicene eingefiihrt und die Handlung durch ein- 
gefiigte Krieger erweitert. Wie in St. Denys diese stiirmische 
Scene noch ein zweites Mai flir die Flucht der Araber nach 
Ascalon benutzt war, so nahm audi die Kiinstlergruppe von 
Chartres dasselbe Motiv fur ihre Schopfungen heruber. 

Von der ubermenschlichen Natur Karls, wie sie Turpin 
schildert, ist nichts zu spiiren: der Konig bewegt sich hofisch, 
zierlich, gewandt und sitzt anmuthig zu Ross. Ein kurzer, 
runder Vollbart und kurze Locken zeichnen ihn aus 3 , derselbe 



220, 290; Gilbert, Description historique de l'gglise de Notre-Dame de 
Chartres p. 6; F. de Mely, Etude iconographique sur les vitraux de Chartres, 
in der Revue de Tart chr6tien VI, p. 4. Das Gemalde ward bereits zu Beginn 
des 14. Jahrhunderts durch einen Meister, der sich Gaufredus nannte, restaurirt 
(vgl. Cod. B. 47 der Bibliothek von Chartres, Actes capitulaires du chapitre 
von 1316). 

*) Medaillon 2—7 nach der Descriptio qualiter Carolus Magnus clavum 
et coronam Domini a Constantinopoli attulerit (s. o.). Dass die Sage in 
Chartres eine besondcre Heimstatte gefunden, beweist der Umstand, dass im 
.Tahre 1262 mestre Jehan Le Marchant ein poeme des miracles de Notre-Dame 
de Chartres, das eben diese Legende zuin Gegcnstand hatte, aus dem Latei- 
nischen ins FranzSsische iibertrug (Cod. fol. 171 der Bibliothek von Chartres). 

2 ) Medaillon 8—22 nach Turpin (1. Theil, cap. I— V: 8—13, 2. Theil: 
14 — 22). Das 1. Medaillon stellt die Uebergabe des Fensters durch einen 
Vertreter der Kaufmannschaft dar. Schwierigkeiten bereitet nur die Er- 
klarung des 22. Feldes. Nach Bulteau: Die Seele Rolands wird gen Himmel 
getragen, Turpin und Karl schauen zu. Besser aber wohl: Turpin verrichtct 
das Messopfer fur den siindhaften Karl. 

8 ) Nicht immer ist Karl mit dem Nimbus abgebildet. Dieser fehlt in 
3, 4, 5, 6, 10. Der Konig ohne Nimbus auf dem 7. Felde braucht aus dicsem 
Grunde noch nicht Karl der Kahle zu sein, glaubhaft macht dies nur die 
dargestellte Scene: in der erwahnteu lateinischen Legende geschicht die 
Niederlegung der Krone auf den Altar von St. Denys ausdriicklich durch 
Karl den Kahlen. - 



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Pie Portratdarstellungen Karls des Grossen. 97 

Herrschertypus gilt aber auch fur Konstantin. Ausser fur Karl 
besteht ein bestimmter Typus nur fiir Roland — er erscheint 
immer mit rundem, breitem, bartlosem Gesicht, weichem Kinn, 
mit halblangen Locken, deren eine in die Stirn fallt, wahrend 
Turpin ebenso bartig* wie unbartig vorkommt *. Wie die aussere 
Erscheinung den Anschauungen des ritterlichen Ideals um 1200 
angepasst erscheint, so ist auch die Tracht die der nord- 
franzosischen Bitter : Karl erscheint stets in vollstandigem Waffen- 
rock und Panzerhemd mit Maschen, Kappe, Beinlingen und Helm, 
der cylindrische Helm vorn geschlossen und mit einer Blatter- 
krone geziert. 

Den gleichen Typus zeigt endlich auch das Glasgemalde 
im linken Seitenschiff des Strassburger Miinsters, den Konig mit 
Krone, kurzem Vollbart, dunnem Schnurrbart und zierlichem 
Lockenkranz darstellend 2 . Mit Unrecht vermuthet B6gin 3 in 
einem Heiligen im Mittelschiff von St. Stephan zu Metz den 
grossen Karl. In einem dem Anfang des 14. Jahrhunderts an- 
gehorenden Gemalde der Kapelle St. Georg zu Schloss Tourbillon 
bei Sitten im Kanton Wallis ist der Kaiser dargestellt, wie er 
dem Bischof Theodulus die Herrschaft von Wallis iibergibt. Der 
Kaiser sitzt zur Linken und fasst mit beiden Handen das 
Schwert. Das nimbirte Haupt mit der langen, geraden Nase 
wird von prachtvollen, weissen Locken umrahmt, die in breiter 
Flille auf die Schultern niederfluthen, ein dichter, weissflockiger 
Bart mit starken Schnurrbartstrahnen sinkt bis zur Mitte der 
Brust herab 4 . 

Die alteste plastische Wiedergabe flndet sich auf einem 
Kapital der Unterkirche von St. Denys 5 , das aus demselben 



*) Turpin erscheint bartig im 22., unbartig im 10. Feld. 

2 ) Abbildung beiFerd. de Lasteyrie, Hist, de la peinture sur verre I, 
p. 239, 247, des Kopfes bei Didron in den Annales archeologiques I, p. 5. 
Vgl. Grandidier, Essais histor. et topogr. sur l'^glise de Strassbourg I, 
p. 139, 256. Zuletzt J. Janitsch, Die alteren Wandgemalde im Strassburger 
Mtinstcr, im Repertorium f. Kunstwiss. Ill, S. 159. Literaturnachweise bei 
Kraus, Kunst und Alterthum in Elsass-Lothringen I, S. 453. 

3 ) E. Begin, Hist, et descr. pitt. de la cathSdrale de Metz I, p. 104. 

4 ) J. D. Blavignac, Histoire de Parch. sacr6e dans les anciens ev6ches 
de Geneve, Lausanne et Sion. Atlas, pi. XXVII, 1. 

6 ) A. Lenoir, Mus6e des monuments francais I, p. 514, no. 217; 
Ders., Monuments des arts lib6raux, pi. 9; A. P. M. Gilbert, Description 
de l'eglise royale de St. Denys. 

7 



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98 P. Clemen 

Jahrzehnt wie die erwalmten Glasgemalde stammen diirfte: 
der bartige Karl sitzt Pippin gegeniiber unter einem verzierten 
Rundbogen. Auf einem Kapital in der Kathedrale von Nevers 
ist Karl auf der Eberjagd dargestellt, beschiitzt von St. Cyr, 
als Illustration zu der Erzahlung vom Traum des Kaisers nach 
der Legende des h. Hieronymus; auf einem Glasgemalde zu 
Saint-Saulge, auf dem Siegel des Kapitels zu Nevers wird 
derselbe Gegenstand wiederholt \ Neben der kurzen, unter- 
setzten, bartigen Gestalt in der Kirche St. Julien-le-Pauvre zu 
Paris 2 steht das Bildniss Karls an dem Grabmal von Ogier le 
Danois zu Saint-Paron de Meaux 3 , endlich das stark verstiimmelte 
Basrelief vom Nordportal der Kathedrale zu Paris, die Kronung 
Karls durch Leo III. vorfiihrend 4 . Aus der Schaar der bartigen 
Darstellungen hebt sich die Statue im Chor der Abteikirche 
Notre Dame de la Grasse bei Carcassone empor — eine hohe 
breitschulterige Gestalt in reich verzierter, bis zu den Knieen 
reichender Tunika, die Eechte auf die Brust legend, die Linke 
auf den Schwertgriff gestiitzt, ein runder Kopf mit holier Stirn, 
von einfachem Kronreif umwunden, das Kinn breit und unbartig, 
die Nase gerade, dazu ein starker, straffer Schnurrbart 5 . Wenn 
aber hier das Portrat Karls in dem alten historischen Typus 
erscheint, so ist ebenso wenig wie bei dem Medaillonbild an 
einem Kapital der Kirche zu Champ-le-Duc in den Vogesen 6 
an eine ununterbrochene Ueberlieferung desselben zu denken. 
Dem 13. Jahrhundert gehort die Darstellung des sitzenden 



x ) Bulletin monumental XIV, p. 284—286; Crosnier, Iconographie 
chretienne p. 286; Miintz, Etudes iconographiques p. 79. 

2 ) Lenoir, Statistique monumentale de Paris I, pi. X; Lacroix, Le 
moyen age. Vie militaire et religieuse p. 5, fig. 4. Leider vollig uberarbcitet. 

8 ) Mabillon, Annales II, p. 376, 378; Acta SS. ord. s. Bencd. IV, 
p. 664. 

4 ) Cahier, Nouveaux melanges d'archeologie. Ivoires, miniatures, 
emaux II, p. 237, pi. VIII. Andere Erklarung gibt Lebeuf, Hist, de la 
ville de Paris I, p. 12. 

6 ) Montfaucon, Monuments I, pi. XXV, p. 277; H. de Vielcastel, 
Collection I, pi. 42, no. 51. 

6 ) Digot, Notice sur l'Sglise de Champ-le-Duc, im Bulletin monumental 
XIV, p. 445. Abb. pi. 3, p. 460. Das Medaillon zeigt Karls Bild in flachem 
Relief als links gewendeten Profilkopf, bartlos, mit langer Xase und schlichtem 
Haar. Die and em beiden Felder stellen dar: Karl empfangt vom Papst den 
Kaisermautel und Roland mit dem Horn (nicht, wie Digot : Karl auf der Jagd). 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 99 

Kaisers an dem Kreuz von Altobiscar, vor der Kolandskapelle 
am Hafen von Ibayeta an 1 . 

Die gekronte Figur, langgelockt, mit wallendem Bart vom 
Portal der Kathedrale zu Amiens stellt wohl nicht Karl als 
Stifter, sondern Salomon dar 2 . Von all den gekronten Gestalten 
an den Portalen der Kathedralen zu Chartres, Le Mans, Eeims, 
Bourges, St. Denys, die nacli Montfaucons Vorgang in der altera 
Literatur als die Portratstatuen der merowingischen und karo- 
lingisclien Konige angesprochen wurden, ist nur denen von 
St. Denys mit Gewissheit dieser Rang einzuraumen. Mit einiger 
Wahrscheinlichkeit ist die zweite bemalte und vergoldete ge- 
kronte Gestalt auf der linken Seite des Portals der Kirche 
St. Germain l'Auxerrois 3 , die ilire Griindung auf Karl zuriick- 
fuhrt, als eine Portratfigur anzusehen: der Konig tragt in der 
Linken das Scepter, wahrend die Eechte auf der Brust ruht, 
der Korper in langem, straffem, gegtirtetem Leibrock, von langem 
Faltenmantel umwallt, steht ein wenig nacli hinten iibergelehnt, 
nur der Kopf ist vorgebeugt, der Mund starr lachelnd, die Lippen 
leise geoffnet, das Gesicht von schwarzem Vollbart und schwarzen 
Locken umrahmt. Die Tradition bezeichnet audi die sechs 
Konigsgestalten in der Hohe des Giebels des rechten Querschiffs 
von St. Ouen zu Rouen als Darstellungen der Karolinger. Fiir 
diese Annahme spricht allerdings der Vorzug besonderer Cha- 
rakteristik, den die zweite, eben auf Karl getaufte Gestalt vor 
den iibrigen erhalten hat: die Linke halt ein Buch, die Rechte 
ein Scepter, das machtige Haupt umwallen lange, sich breit auf 
die Schultern legend e Locken und ein dichter, in wulstige Strahne 
auslaufender, lang herabhangender Bart, der bei aller Schwer- 
falligkeit der Technik an den Moses des Michelangelo erinnert. 



! ) J. Michel, La croix de Charlemagne a Roncevaux, in den Memoires 
de la societe archeologique de Sens V, p. 10, pi. 1. 

2 ) S. Gilbert, La cath6drale d' Amiens p. 17; Jourdain et Duval, 
Le grand portail de la cath6drale d'Amiens, im Bulletin monumental XI, p. 175. 

8 ) Ueber die Benennung vgl. Duchalais in den M&noires de la societe" 
des antiquaires de France, s<5r. II, torn. VI, p. 197; Al. Lenoir, Monuments 
des arts liberaux p. 10. Die Statue Karls in der Galerie des rois an Notre 
Dame ist schon 1793 zertrummert worden. Ueber die Beihe der karolingisclien 
Konige an Notre Dame und die fruhern Abbildungen vgl. A. P. M. Gilbert, 
Description hist, de la basilique m6tropolitainc de Paris p. 105; Sab in 
Telmond, Description et explication de tons lcs basreliefs et figures sculptees 
de Notre-Darae p. 5. 



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100 P. Clemen 

In der Holie des siidlichen Querschiffs der Kathedrale zu Eeims 
erscheint Karl neben Pippin — eine holie, gekronte Gestalt, 
den Mantel urn den linken Arm geschlungen, das bartige 
Haupt von reichen, starren Locken umwallt. Untergegangen 
sind die beiden Statuen, die dem Kaiser als Patron in der 
alten Sorbonne zu Paris errichtet worden waren 1 , verloren 
auch das Bild Karls in der Eeihe der Statuen der franzo- 
sischen Herrscher im grossen Saal des Palais de justice zu 
Paris, die der Anonymus von Senlis schon im Jahre 1322 
in seinem Elogium von Paris ob ihrer tauschenden Lebens- 
ahnlichkeit preist 2 . Die beiden Kolossalstatuen Kaiser Karls 
und des Grafen Roger von Limoges am Portal der Abteikirche 
zu Charroux (Poitou) 3 , durch die jetzt im Museum zu Poitiers 
befindlichen Inschriften als Portratbilder beglaubigt, sind erst 
vor Kurzem verschwunden, ebenso die Bilder Karls und des 
h. Ludwig an dem grossen Portal von St. Etienne in Troyes, 
die nacli den Registern urn 1550 aufKosten von zwei Biirgern 
der Stadt ausgefiihrt wurden 4 . Fiir den Verlust all dieser 
Darstellungen entschadigt zum Theil die Erhaltung der bemalten 
Holzstatue in der Sammlung der Societe archeologique zu Namur: 
die ganze Gestalt ist nur 84 cm hoch, beide Arme sind ab- 
gebrochen, der weite Mantel, der den gepanzerten Korper um- 
hlillt, ist zu beiden Seiten verschnitten; aber der Kopf selbst 
mit den vornehmen Ziigen, der schlanken, gebogenen Nase, dem 



*) Vgl. obeo. Ueber die Carlomagnalia vgl. noch Prudhomme: Les 
revolutions de Paris 1793, Jan. 26 und Febr. 2, no. 186, p. 173. 

2 ) Edg. Boutaric, Recherches archSologiques sur le palais de justice 
a Paris, in den MGmoires de la soci6t6 des antiquaires de France, s6r. Ill, 
torn. VII, p. 25. Das Elogium abgedruckt von Taranne und Leroux de 
Lincy im Bulletin du comite* de la langue et de l'histoire de France III, 
p. 518: Pro inclite vero recordationis honore ydola cunctorum regum Francie, 
qui hactenus precesserunt, sunt ibidem adeo perfecte representationibus pro- 
prietate formata, ut primitus inspiciens ipsa fere iudicet quasi viva. 

s ) de Cherg6, Notice sur l'abbaye de Charroux, in den Memoires de 
la soci6t6 des antiquaires de POuest I, p. 233, X, 469. Ueber die besondere 
Verehrung Karls in Charroux vgl. Foncemagne in der Hist, de Tacademie 
des inscriptions XXI, p. 151. Die Inschrift, Inv. D. 13, im Museum zu 
Poitiers (Catalogue p. 56) stammt den Schriftcharakteren nach aus dem 13. Jh. 
Sie lautet: Bex iurislator Karolus, probitatis amator, huius fundator templi 
fuit et dominator. 

4 ) Vgl. A. F. Arnaud, Voyage archeologique et pittoresque dans le 
dSparteinent de PAube et dans Taneien diocese de Troyes p. 129. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 



101 



kleinen, kraftigen Mund, den grossen, weit offenen, aber wenig 
tiefliegenden Augen und dem machtigen, wohlgepflegten Vollbart, 
eingeralimt von dichten, wenig gegliederten Lockenmassen, 
stempelt die Figur zu einer der edelsten Verkorperungen des 
Kaisers im franzosischen Norden. 




{ GMM*f0. 



Holzstatuette in der Sammlung der SociSte* archeologique zu Namur. 



Die grossen Reiterstatuen, wie sie sich im Tympanon und 
neben dem Hauptportal einer Reihe der franzosischen Kirchen, 
vor Allem im Poitou vom Angoumois bis Bordeaux finden, zu 
Civray, St. Hilaire de Melle, Mauze, Airvault, Parthenay-le-Vieux, 
Benet, Aulnay, Penne, sodann zu St. Etienne-le-Vieux in Caen, 
zu Bocherville, Autun, Chateauneuf, Aubeterre, auf deutschem 
Boden zu Zurich, Eegensburg, Strassburg, Basel, Worms, Mainz, 
sind nicht als Bildnisse Karls d. Gr., als welche besonders die 
sudfranzosischen angesprochen werden, zu betrachten, sondern 
entweder als Versinnbildlichungen des Sieges der Kirche, des 
Christus victor und der Ecclesia triumphans, oder aber als 
Darstellungen St. Martins und St. Georgs 1 . 



! ) Durchaus unmethodisch und verfehlt erseheint jede Generalisirung, 
der Deutungsversuch ist in jedem Einzelfall besonders zu machen. Noch gehen 
die Deutungen sehr auseinander, Konstantin, Karl d. Gr., St. Martin, St. Georg, 
der Reiter der Apokalypse, der Engel des Heliodor, Christus und die Ecclesia 



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102 P. Clemen 

Ausser den Fenstern der Kathedralen erobert sicli der 
karolingische Sagenkreis noch ein anderes Darstellungsgebiet, 
das der Tapisserie. Schon Heinrich von dem Tiirlin liatte von 
Teppichen mit Darstellungen der liofischen Sagenstoffe berichtet. 
Mit grosser Vorliebe werden seit dem Ende des 14. Jahrhunderts 
besonders drei Stoffe von den Teppichwebern behandelt, das 



werden in gleicher Weise vorgebracht. Die Statuen iin Poitou sind meist 
zerstort, in Civray nur noch das Pferd erhalten. Das am besten erhaltcne 
Bild in Parthenay-le-Vieux zeigt den Reiter im rcichgcschmiickten Mantel 
iiber eine am Boden kauernde kleine Figur hinwegreitend. Das ist nicht der 
Stifter der Kirche, der liber ein Kind wegstiirmt (Bulletin monumental VI, 
335, XLII, p. 531; de Caumont, Histoire de l'architecture religieuse an 
moyen age p. 204, 207; de Caumont, Ab6c6daire p. 157), sondern St. Martin 
mit dem etwas kleiner dargesteUten Bettler. (So schon G. Kinkel, Sagcn 
aus Kunstwerken entstanden, in den Jahrbiichern d. Ver. v. Alterthumsfreundeu 
XII, S. 105; Ders., Mosaik zur Kunstgeschichte ; Didron in den Annal. 
archeol. XVII, p. 331. Vgl. auch Gitt6e, Les rites de la construction, in 
Melusine III, p. 497.) Ebenso zu deuten die Figur an der Mauer von Civray 
(Villemin, Monumens francos inSdits I, p. 47; de Caumont etMerimSe, 
Notes d'un voyage dans Touest de France p. 389; de Laborde, Monum. de 
la France classed chronolog. II, p. 171), an der Mauer von St. Etienne-le-Vieux 
zu Caen, im Kapitelsaal von St. Georges zu Bocherville, am Portal der Kirche 
zu Bazenville (de Caumont, Statistique raonumentale de Calvados III, p. 
528) und an der Kathedrale zu Autun. In Notre-Dame de la Coudre und 
in Parthenay erscheint neben dem Reiter eine weibliche Gestalt auf eiuem 
Fabelthier: hier sind Christus victor und Ecclesia triumphans die DargesteUten. 
Der erstere auch in der Krypta der Kathedrale zu Auxerre zu Ross abge- 
bildet (Viollet-le-Duc, Dictionnaire de Parch. frauQ. Ill, p. 242; Revue de 
Part chrStien 1889, p. 312). Ebenso zu Worms eine sitzende Frauengestalt 
auf einem Fabelthier mit 4 Kopfen am Tympanon des Sttdportals (die Er- 
klarung nach Ezechiel I, v. 10 bei Fr. Schneider, Die allegorischen Skulp- 
turen am Siidportal des Wormser Doms, im Anzeiger d. germ. Mus. 1870, 
S. 152; Falk, Bildwerke des Wormser Doms S. 17; Worner, Kreis Worms 
S. 184; Otte, Handbuch der Kunstarchaologie I, S. 501). Von Fiorillo, 
Gesch. d. zeichn. Kiinste I, S. 381 als Figur d. baby Ion. Hure erklart. Die 
gleiche Gestalt, auf siebenkopfigem Lowen, als babilon magna bezeichnet, 
im Hortus deliciarum (unter d. unpublic. Blattern Bastards, Universitatsbibl. 
zu Strassburg). Die Kirche ebenda bei der Kreuzigung (s. d. Erklarung bei 
Viollet-le-Duc 1. c. V, p. 159) und ganz entsprechend im Cod. lat. Mo- 
nacens. 23041. Auf einkopfigein Lowen an der Kathedrale zu Rouen (Dan. 
Ramee, Le moyen age monumental et archeol. I, p. 83), ebenso in der 
Apokalypse Cod. suppl. lat. 1075 Paris, Bibl. nat. (Louandre, Les arts 
somptuaires, pi. XI), das apokalyptische Weib auf d. siebenkopfigen Thier im 
Cod. 39 der Vatikana (Seroux d'Agincourt, Peinture, pi. CHI), im Cod. 
frang. 7013 (Revue de Parchitecture et des travaux publics I, p. 729), Cod. 
lat. 11560 der Bibl. nat. zu Paris, im Cod. A. II. 42 der Bibl. zu Bamberg, 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 103 

Leben Karls, die Sage von Regnault de Montauban und die 
Erzalilung von den zwolf Paladinen. Im Jahre 1389 verkauft 
Jean de Croisettes zu Arras zum ersten Mai dem Herzog von 
Orleans einen grossen Teppich mit der Darstellung der Histoire 



im Cod. 122 zu Valenciennes, Cod. 364 zu Cambrai und auf einem Wand- 
geinalde in Saint-Pierre-les-Eglises (Auber in den M6m. de la soc. des 
antiqu. de l'Ouest XIX, p. 275, pi. 9). 

Die Geschichte der Ecclesia militans liess noch 1420 Philipp der Gute 
auf einem Teppich zu Dijon darstellen. (Im Inventar v. Dijon bei deLaborde, 
Les dues de Bourgogne I, p. 47. Vgl. Miintz, La tapisserie p. 150.) Ein 
Bild in der Schlosskapelle zuCelle vgl. Mithoff, Kunstdenkmaler in Hannover 
IV, 40. In Kegensburg befinden sich an den vier Strebepfeilern der zwei 
Facadenthtirme auf fabelhaften Thieren mit Lbwenkopfen vier reitende Figuren, 
darunter eine mit Krone und Scepter, die andern drei weiblichen Geschlechts. 
Die Reiterfigur iiber der Krypta des Doms zu Fulda stellt wahrscheinlich 
St. Simplicius dar (Lotz, Kunsttopographie I, S. 226; J. F. Lange, Bau- 
denkmaler u. Alterthumer Fuldas, bei J. Gegenbaur, Fulda u. das Rhbn- 
gebirge S. 19). Die Reiterfigur zu Penne (Jules de Lahondes, Les eglises 
romanes de la vallee de l'Ariege, im Bull, monum. XLIII, p. 713, 714) halte 
ich fur St. Georg. Dieser mit St. Martin zusammengestellt in den schonen 
Reiterstatuen am westlichen Hauptportal des Ministers zu Basel (Hasler, 
Beschreibung d. Miinsterkirche u. ihrer Merkwiirdigkeiten zu Basel S.-8, 
Taf. I), an der Kirche von Surgeres (Viollet-le-Duc, Compositions et 
dessins 1884), wahrscheinlich auch im Innern des Doms zu Regensburg: auf 
Konsolen in 8 / 4 Lebensgrbsse rechts vom Hauptportal St. Martin, links eine 
jugendliche Gestalt in Briinne, unbartig, mit reichen Locken, in der Rechten 
die Kreuzesfahne. (Die Zusammenstellung mit St. Martin macht die Deutung 
als St. Georg gegeniiber der Auslegung als Christus victor glaubwtirdig.) 
St. Martin auch am Portal des ehemal. Kaufhauses zu Mainz vom Jahre 1312, 
jetzt in der Vorhalle des Museums daselbst. St. Georg allein an Brinsop 
church (Herefordshire) und Ruardeau church (Gloucestershire) (The archaeo- 
logical journal II, p. 27), an der Audieucia Real zu Barcelona (D. Ram6e 
1. c. I, 105), St. Martin allein am Giebel von St. Martin zu Laon (Viollet- 
le-Duc, Dictionnaire VII, p. 146), liber dem Portal von St. Martin in Colmar 
und Metz (Kraus, Elsass-Lothringen III, S. 409; Bull, de la Moselle III, 
p. 186), am Freiburger Miinster, iiber dem Mausoleum der Kinder Karls VIII. 
in der Kathedrale zu Tours (de Galembert in den Mem. de la soci6te 
archSologique de Touraine VIII, p. 133, pi. 5). Ein zertrummertes Relief 
(Inv. 441) im Museum zu Metz. Vgl. de Caumont 1. c. p. 204; de Cherg6, 
Discussion sur les statues equestres, in den Memoires de la sociSte" des anti- 
quaires de l'Ouest X, p. 467; Auber in denselben Memoires IX, p. 571, 
XXVII, p. 226; Ledain im Bulletin de la soc. d. ant, de l'Ouest IX, p. 472; 
Ch. Arnauld, Monuments des Deux-Severs p. 115; E. Sadoux, La Gatine 
historique et monumentale p. 54; Louis Andiot, Les cavaliers au portail 
des eglises, in den Comptes-rendus du congres archeologique d'Angers 1876; 
de Longuemar, Etudes sur les statues equestres qui decorent quelques 



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104 P. Clemen 

de Charlemagne *, und im folgenden Jahre webt Jacques Dourdiu 
in einen Teppich ftir die Konigin Isabeau die Geschichte vom 
Auszuge Karls 2 , die bis ins 16. Jahrhundert hinein einen Lieb- 
lingsvorwurf der nordfranzosischen Teppichweber bildet 8 . Audi 
fur die Goldschmiede des franzosischen Hofes wird die Gestalt 
Karls zu einer gem angewandten Zierfigur: Karl V. lasst auf 
seinem im Louvre bewahrten Scepter das Bildniss seines grossen 
Vorbilds und Vorfahren auf dem Konigsthron anbringen, unter 
der Statuette befinden sich drei kleine Basreliefs mitDarstellungen 
aus dem Leben des Kaisers nach der Erzahlung des Turpin, 
der Erscheinung des h. Jakobus, den bliihenden Lanzen, dem Tode 
Karls 4 . Und ebenso ward Karl mit drei seiner Namensvettern 
an einer grossen Gruppe von Jean Regnard im Stadtarchiv von 
Paris angebraclit 5 . 

Die Zahl der illustrirten Handschriften von Stoffen des 
karolingischen Sagenkreises in franzosischer Sprache ist eine 
ausserordentlich grosse. Nocli vor dem Entstehen der beriihmten 
suddeutschen Ulustratorenschulen bildeten sich im nordlichen 



eglises du Poitou, im Bulletin de la societe des antiquaires de POuest 
1854; Biais, Des statues equestres sculptees aux facades des eglises romanes. 
Angouleme 1880. Nur wenige der Statuen stellen historische Personlichkeiten 
dar. So vor Allem die drei Reiterbilder am Mtinstcr zu Strassburg: Chlodo- 
vaeus, Dagobertus, Rudolfus (M. 0. Schad, Summum Argentoratensium 
templum 1617, p. 45 nach Daniel Speckles 1870 verbrannten Kollektaneen), 
im Jahre 1291 durch den Rath der Stadt im Verein mit Bischof Konrad 
von Lichtcnberg errichtet (Kraus, Elsass-Lothringen I, S. 366, 469). Die 
Reiterstatue von Notre Dame zu Paris steUt Philipp den Schonen dar 
(Lacroix et Ser6, Le moyen age et la ren. 1, III), die Reiterstatue am 
nordlichen Thurm des Grossmunsters zu Zurich den Herzog Burkard oder 
Rupertus von Alemannien (Ferd. Keller in den Mittheil. d. antiquar. 
Gesellsch. zu Zurich IT, S. Ill, Taf. V; J. R. Rahn, Gesch. d. bild. Kiinsto 
in der Schweiz S. 261). 

*) F. Michel, Recherches sur les etoffes do soie II, p. 391; Pinchart 
in L'art 1876, IV, p. 179. 

2 ) Hist. gen. de la tapisserie. Tap. franc, p. 18; E. Miintz, La 
tapisserie p. 119. 

8 ) E. Mttntz, Etudes iconographiques p. 126, 132, 134 hat die sammt- 
lichen diesbeziiglichen Angaben zusammengetragen. Vgl. noch E. vanDrival, 
Les tapisseries d' Arras. 

4 ) Barbet de Jouy, Notice des antiquites composant lo mus6e des 
souverains p. 69— 72; Molinier, Notice des emaux et de Torfevrerie. Supple- 
ment du catalogue de M. Darcel p. 570—571; L'univers. Le Bas, Allemagne, 
pi. 31; Felibien, Hist, de Paris, pi. 3. 

5 ) Lacroix, Les arts au moyen age p. 150. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 105 

Frankreich, namentlich in Paris grosse, mit besondern Privi- 
legien begabte, rechtlich geschlossene Werkstatten von Illunii- 
natoren, deren Aufgabe es vor Allem war, die Lieblingsromane 
des bucherkaufenden, d. h. begtiterten und hofisch gebildeten 
Publikums zu verzieren. Wie die grobe und kecke Federzeichen- 
technik keinen Eingang fand, durch die in Deutschland den 
biirgerlichen Kreisen Dichtungen, Chroniken und Rechtshand- 
schriften in illustrirten Aiisgaben zuganglich wurden, so mangelte 
den franzosischen Schopfungen auch die derbere Charakteristik 
jener Arbeiten. 

Die alteste mir bekannte Handschrift gehort noch dem 12. 
Jahrhundert an. Es ist die Conquete de PEspagne, mit einer 
Reihe von grob gezeichneten Illustrationen in der Bibliothek 
von San Marco in Venedig (Cod. fr. 21) *. Aus dem Beginn des 
13. Jahrhunderts stammt Cod. 115 der Stadtbibliothek zu Bern, 
enthaltend die Histoire de la destruction de Jerusalem und die 
franzosische Uebersetzung des Turpin. Ein einziges Bild gelit 
ihr voraus, die Eroberung von Pampelona, in kolorirter Feder- 
zeichnung auf Goldgrund. Dajm erscheint zu Beginn des Textes 
Karl d. Gr., gewappnet, mit kurzem, straffem Vollbart und auf- 
gewickelten Seitenlocken 2 . Den franzosischen Turpin enthalt 
Cod. fr. 2995 saec. XIII der Bibliothek zu Toulouse, den latei- 
nischen und altfranzosischen Turpin Cod. fr. 6795 saec. XIII der 
Nationalbibliothek zu Paris 8 : in dem voraufgehenden Titelbild 
ist Karl in einem Schiff abgebildet. Die franzosische Ueber- 
setzung des Turpin von Michel de Harnes bieten Cod. fr. 3516 
und 2995 der Arsenalbibliothek zu Paris, die letztere mit 81 
grossen Miniaturen — auch diese beiden Handschriften noch 
dem 13. Jahrhundert angehorig. Anzureihen ist hier Cod. 14563 
der konigl. Bibliothek zu Briissel, eine Chronik von Frank- 
reich bis zum Jahre 1259 enthaltend: die Illustrationen auf 
Bl. 103\ 109 b , 119 b , 124 a , 127 b zeigen den bekannten Typus 
des Kaisers in sauberer Miniatur auf Goldgrund. Am Schluss 
dieser Handschriftengruppe steht Cod. lat. 14511 der Pariser 
Nationalbibliothek: zu Beginn des Officiums erscheint der Kaiser 



J ) Paul Lacroix, Notice des ms. d'ltalie, in den Documents et rapports 
de la coll. du min. de Pinstr. publ. IV; Migne, Patrologia XLI, p. 1407, 1442. 
2 ) Hagen, Catalog S. 172. Auf fol. 73 a . Im Initial V. 
8 ) Paulin Paris, Les ms. franc, ais de la bibliotheque du roi I, p. 211. 



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106 



P. Clemen 



mit Scepter und Reichsapfel, in blauem, liliengeschmucktem 
Mantel, mit langem, weissem Bart. 

Naturgemass wandten sich die ersten Illuminatoren dem 
Turpin zu. Drei Handschriftengruppen sind es, die ihn in der 
Folge ablosen. Mit besonderer Vorliebe werden die Handschriften 
des Aimeri von Narbonne illustrirt, so zeigt Cod. Harl. 1321 
des Britischen Museums den in feierliclier Haltung thronenden 
Karl, umgeben von Aimeri und Hernaut de Beaulande 1 , Cod. 
Roy. 20. D. XI des Britischen Museums den Kaiser vor den 
Thoren von Narbonne 2 , ebenso Cod. fr. 24369 der National- 
bibliothek zu Paris Karl auf einem prachtig geschirrten Ross, 
von seinen Paladinen umgeben, vor den Thoren von Narbonne, 
beide Handschriften wohl auf dieselbe Vorlage zuruckgehend 3 . 

Die illustrirten Grandes chroniques de 
France eroffnet Cod. 590 der Stadtbibliothek 
zu Bern, noch dem 13. Jahrhundert ange- 
horend, mit winzigen, nur 1 — 2 cm hohen 
Konigsfiguren. Erst im 14. und 15. Jahr- 
hundert taucht hier die handwerksmaBige 
Fabrikation auf. Cod. 512 der Bibliothek 
zu Toulouse ist eine der fruhesten Pracht- 
handschriften, mit umfangreichen viel- 
figurigen Darstellungen. Das 15. Jahr- 
hundert vertreten Cod. 513 zu Toulouse, 
Cod. fr. 6746 4 , 1462 5 und 8395 6 der 
Nationalbibliothek zu Paris, Cod. Add. 
15269, Slo. 2433, Nero. E. II des Britischen 
Munchen,Staatsbibliothek 7 Museums, Cod. 5 der Bibliothek von Char 
Cod. gall. 4. teauroux, der Codex der Bibliothek Durazzo 




J ) Auf fol. 35. Demaison, Aimeri de Narbonne p. XXVIII. 

2 ) Auf fol. 63. David Casley, A catalogue of the manuscripts of 
the Kings library p. 306. 

8 ) Ward, Catalogue of romances in the departement of manuscripts in 
the British Museum I, p. 643 glaubt, dass der Schreiber von Cod. 24369 die 
Hs. 20. D. XI vor Augen hatte. 

4 ) Paulin Paris 1. c. I, p. 94. Ein Initial B mit dem sitzenden Karl 
saec. XIV ohne njihere Angabe bei Ch. Cahier, Caracteristiqucs des saints 
I, p. 340. 

6 ) Guenebault, Diet, iconogr. I, p. 248. 

6 ) Lacroix et Sere, Le moyen age ct la renaissance. II. Belles 
lettres; Silvestre, Palaeogr. universelle III. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 107 

ill Genua *, endlich die grosse Miinchener Prachthandschrift, Cod. 
gall. 4. 

Renaud de Montauban stellt die dritte Hauptgruppe der 
illustrirten Handschriften des karolingischen Sagenkreises dar. 
Cod. fr. 2990 der Arsenalbibliothek zu Paris, Cod. fr. 144 der 
Nationalbibliothek 2 daselbst und Cod. gall. 7 der Miinchener 
Staatsbibliothek bezeichnen den Hohepunkt der kiinstlerischen 
Leistungen. Noch Loyset Leyder illustrirte einen Renaud mit 51 
grossen Abbildungen 3 . 

Zwei der burgundisclien Prachthandschriften der konigl. 
Bibliothek zu Briissel fiihren gleiclifalls den bekannten Typus 
vor. Beide gehoren dem 15. Jahrhundert an und enthalten Werke 
des David Aubert, die erste, Cod. 6 — 9, den Roman de Charles 
Kartell, die zweite, ein Werk des Jacques le Tavernier 
d'Audenarde, Cod. 9066 — 9068, die Conquestes de Charlemagne, 
die Aubert 1458 fiir Herzog Philipp den Guten vollendet 
hatte. Die prachtigen, grau in grau mit Feder und Pinsel 
ausgefiihrten Bilder, mit feinen aufgesetzten weissen Lichtern, 
nur ganz leiser rother und blauer Tonung, fiihren alle Scenen 
in flandrischer Umgebung, in flandrischer Volkstracht vor: 
Karl d. Gr. ist von Anfang an dargestellt mit doppelspitzigem 
Vollbart und reichlich zur Seite flatterndem, gelocktem Haar, 
wodurch er sich vor alien andern Personen auszeichnet. Cod. 
12187 zu Briissel zeigt auf Bl. 27 a , Cod. 12188 auf Bl. lll a 
in kolorirter Federzeichnung ein grobes Bild des Kaisers von 
derber Charakteristik: der Bart wallt bis zum Giirtel nieder, 
das machtige Haupt ist ein wenig nach vorn geneigt, die 
Rechte halt das Schwert, die Linke den Apfel. Die Chronik 
der Herzoge von Brabant, Cod. 12190, bringt auf Bl. 325 a 
eine ahnliche Darstellung: hier ruht der Schild dem Kaiser 
zu Fiissen, die Linke fasst das Scepter, die Rechte ist mit 
einer freien Bewegung zur Seite gestreckt. Auf dem grossen 
Stammbaum auf Pergament, der aus dem Schlafzimmer Karls V. 
nach dem Brand des Schlosses in die konigl. Bibliothek zu 
Briissel gelangte, ist Karls d. Gr. Brustbild in einem grossen 



*) Neues Archiv X, S. 602. Weitere Abb. bei Lacroix, Les arts an 
moyen age. Moeurs, usages p. 8, fig. 8, p. 18, fig. 17, p. 517, fig. 386. 

2 ) du Sommerard, Les arts au inoyen age. Album III, pi. XXXIX. 

3 ) de Laborde, Histoire des dues de Bourgogne II, part. I, p. 501. 
Vgl. Serapoum XIT, S. 293; Lab arte, Hist, des arts industriels III, p. 195. 



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108 P. Clemen 

Medaillon eingefugt. Der breite, scliwarze Bart fallt bis zur 
Mitte der Brust herab, das Haar legt sich in breiten Massen 
auf den Mantelkragen; die gepanzerte Brust umwallt ein blauer 
Mantel mit goldenen Lilien, die Rechte halt das Schwert, die 
Linke den getheilten Schild mit Adler und Lilien. Dem Ende 
des 15. Jahrhunderts gehort ein Miniaturbild der Sammlung 
Maciet in Paris an, Karl VIII. und Anna von Bretagne mit 
ihren Schutzheiligen darstellend: Karl d. Gr. tragt einen blauen 
Mantel, ein Barett mit dem Kronreif, das feine Gesicht umrahmt 
ein kurzer Vollbart, die Haare fallen lang auf den weissen 
Kragen herab 1 . 

Aber audi ausserhalb der Karlsromane fand die Gestalt 
des Kaisers in den Handschriften Verwendung. Die Register 
der Pariser Universitat, die ihn zu ihrem Tutor erwahlt, schmiickt 
sein Bild 2 , aber auch in den Horen- und Officiensammlungen 
fand es Aufnahme, so in dem fur den Gebrauch der Pariser 
Kirche eingerichteten Missale, Cod. 102 der Bibliothek zu Tou- 
louse, in der fiir Rene von Anjou 1480 hergestellten Handschrift, 
die dann dem Konig Heinrich VII. von England prasentirt ward 
(Brit. Mus. Egerton Ms. 1070), und in der Handschrift des 
Charles le Clerc (Brit. Mus. Additional Ms. 19416) 3 , ausserdem 
im Cod. Faust. B. VII und Cod. Harl. 2952 des Britischen 
Museums 4 . 

Fiir die „grant chambre" des Palais de justice zu Paris 
hatte schon im Jahre 1405 Jehan Virelay ein grosses Bild der 
Kreuzigung mit Maria und Johannes gemalt 5 . Das Bild ging 



*) Im Jahre 1889 in der retrospektiven Abtheilung der Weltausstellung 
im Trocadero. Seitdem im Louvre. 

2 ) Jetzt im Archiv der Universitat (Minist. de Pinstr. publ.). Karl ist 
dargestellt mit Schwert und Keichsapfel; auf einer Bandrolle, die sich um 
das Schwert windet, stehen dieWorte: In scelus exurgo, sceleris discrimina 
purgo. Vgl. Lacroix, Moeurs, usages p. 371, fig. 297; P. Louisy, Le 
livre et les arts qui s'y rattachent p. 62. 

3 ) In der ersten Hs. auf fol. 86 b , in der zweiten auf fol. 178*. Die 
zweite in Flandern von zwei Handen geschrieben, mit Portrats und Wappen 
von Charles le Clerc und seinen drei Weibern. Vgl. Catalogue of additions 
to the manuscrits in the British Museum IV. 

4 ) Vgl. Walter de Gray Birch and Henry Jenner, Early drawings 
and illuminations in the British Museum p. 80. 

5 ) Das Bild erwahnt im Cod. Dupuy 266 des Nicolas von Baye, 
Bibl. nat. zu Paris; in den Kechnungen von 1406 heisst es: un tableau de 
bois d'lllande, pour la facon d'icellui, pour unc peau de parchemin collee 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 109 

bald zu Grunde, nicht ganz ftinfzig Jahre spater beauftragte 
das Parlament den Hugo van der Goes mit der Ausfiihrung 
eines neuen Tafelbilds, das das gleiche Sujet darzustellen hatte : 
doch fugte der Genter Meister zu beiden Seiten nocli je zwei 
Heilige hinzu: St. Ludwig, St. Dionysius, St. Johannes Baptista 
und St. Karl \ Karl steht ganz zur Recliten im Kronungskostiim, 
in der Linken den Reichsapfel, in der Eechten das Schwert 
haltend, ein langer Bart schmiickt sein Antlitz, das von flattern- 
den, gleich lohenden Flammen zur Seite gewehten Locken ein- 
gerahmt wird, der Blick ist starr, durchbohrend — offenbar 
schwebten dem Kiinstler hier die Schilderungen der franzosischen 
Epen vor. Dem Werk des Hugo van der Goes reiht sich der 
Eetable d'Anchin in Notre Dame zu Douai an, im Jahre 1520 
von Jean Bellegambe, dem maitre des couleurs von Douai, aus- 
gefuhrt 2 . Der geoffnete Schrein zeigt die triumphirende Kirche 
und die h. Dreifaltigkeit, der linke Aussenfliigel fiihrt Christus 
auf dem Thron vor, dem St. Benedikt die Kanoniker von Anchin 
empfiehlt, wahrend der knieende Donator St. Karolum zu seinem 
Fursprecher hat. Karl tragt einen reichen Leibrock mit Doppel- 
adler, einen blauen Mantel mit goldenen Lilien, in der Linken 
den Apfel mit sehr hohem Kreuz, urn den sich ein Spruchband 
windet, in der Rechten das Schwert. Das schmale Gesicht mit 
der langen Nase ist von langem, braunem Vollbart eingerahmt, 



dcssus le dit tableau, en laquelle est escript l'evangile saint Jehan, un crucifix, 
Nostre-Dame et saint Jehan. Nur erscheint der Preis zu gering. Vgl. Edg. 
Boutaric, Recherches arch6ologiques sur le palais de justice de Paris, in 
den M6moires de la soci6t6 des antiquaires de France, s6r. Ill, vol. VII, p. 40. 

J ) A. Taillandier, Notice sur un tableau attribuS a Jean van Eyck, 
dit Jean de Bruges, in den Memoires de la sociGte des antiquaires de France, 
ser. II, torn. V, ser. Ill, torn. VII, p. 169. Offenbar idcntisch mit dem 1612 
von du Breul im Theatre des antiquites de Paris crwahnten Bild : un riche 
tableau contenant le crucifix de Nostre-Seigneur. Die darauf bezilglichen 
Auszuge aus den Registern des Pariser Parlaments bei Lagrange in der 
Gazette des beaux-arts XXI, p. 502 und bei Crowe und Cavalcaselle, 
Geschichte der altniederlandischen Malerei (deutsche Ausgabe von Springer) 
S. 171, Anm. 3. Einstmals unter dem Namen Diirers im Louvre. Unter 
dieser Bezeichnung noch bei Dulaure, Hist, de Paris III, p. 128 erwahnt. 
Als ein Werk des Hugo van der Goes zuerst von Passavant bezeichnet. 

2 ) Aug. Cahier, Notice des ouvrages de peinture exposes dans les 
galeries du musee de Douai p. 9. Vgl. Souvenirs de la Flandrc Wallonne III, 
p. 162. Die Aufzahlung seiner Werkc im Chronicon Duacenominoriticum 
von Emmanuel Lepreux, Cod. lat. 9931 der Bibl. nat. zu Paris. 



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110 P. Clemen 

lange, schlichte Haarstrahne fallen auf die Schultern herab. 
Wenig spater entstand in der Kapelle des Schlosses zu Fon- 
tainebleau zur Linken des Hauptaltars die Marmorfigur Kaiser 
Karls, das Werk eines Schiilers von Jean Goujon. 

Im rechten Seitenschiff zu St. Sauveur in Brugge hangt 
ein kleines Triptychon von einem flandrischen Meister aus der 
zweitenHalfte des 15. Jahrhunderts. Auf der Aussenseite des linken 
Fliigels erscheint, grau in grau genialt, St. Karolus, in statua- 
rischer Haltung, vollig geriistet, mit hoher Krone, Schwert und 
Reichsapfel. Der Bart ist lang, dicht und wohlgepflegt, die 
Locken fallen in sorgsam gedrehten Rollchen auf den Mantel- 
kragen herab. Ein durftiges Oelbild des 16. Jahrhunderts befindet 
sich im Musee archeologique zu Ltittich, mit der Unterschrift: 
Carolus Magnus Imp. Das Bild entspricht fast vollig der oben 
abgebildeten Darstellung aus der Chronik Silbereysens in Aarau, 
das Haupt tragt dieselbe wunderliche Miitze, zur Rechten ist 
der bekannte Adlerschild hinzugefugt. Die Vermittlerrolle spielte 
ein deutscher Holzschnitt des 16. Jahrhunderts, nach dem mog- 
licher Weise auch die Aarauer Zeichnung kopirt ist. 

Ein Fenster der Kirche von St. Gudule in Briissel enthalt 
die Darstellung Karls V. und der Isabella, die vor dem Kreuz- 
altar knieen. Hinter dem Kaiser erscheint, die mittlere Nische 
fullend, die machtige Figur Karls d. Gr. mit Apfel und Schwert. 
In einzelnen starken Strahnen fallen die Locken von dem im- 
ponirenden, etwas gesenkten Haupt auf die Schulter, ein dichter, 
breiter Bart verdeckt Kinn und Hals, bis auf die Brust herab- 
fallend 1 . Ebenso ist in St. Waudru zu Mons hinter Philipp 
dem Schonen die ehrwiirdige Gestalt des langbartigen Karl als 
des Schutzheiligen zur Darstellung gekommen 2 . Zwei Medaillons 
mit Glasmalereien in der Alterthumersammlung zu Briissel (Inv. 
Ill, 99 h und III, 17 a ) stehen am Schluss dieser Reihe: auf dem 
ersten erscheint Karl en face mit Schwert und Kirchenmodell, 
auf dem zweiten mit Schwert und Reichsapfel, auf beiden mit 
langem, spitz zulaufendem weissen Vollbart und reicher, zierlich 
geringelter Lockenfiille, die den schonen Greisenkopf einrahmt. 

Dem Kreis der franzosischen Bildnisse sei hier eine eng 
zusammenhangende Gruppe von Darstellungen angereiht, die 
iiber ganz Mitteleuropa hin zerstreut ist. Es sind dies die Neuf 

J ) L6vy et Capronnier, Histoirc de la peinture sur vcrre, pi. 26. 
2 ) Levy et Caproiinier 1. c. pi. 11. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. Ill 

preux, Zusammenstellungen von je 3 Vertretern der hervor- 
ragendsten ritterlichen Tugenden, der liervorragendsten Stande 
und Nationen, die am haufigsten wieder zu drei nebeneinander- 
gereiht vorkommen. Die Ausbildung dieser Triaden liegt auf 
romanischem Boden. Nach San-Marte entstanden die ersten 
historisclien Triaden auf walsche Anregung hin; schon im 13. 
Jahrhundert finden wir so in Britannien die Neunzahl ausgebildet: 
die drei Sanger der Insel, Merddhin Emrys, Merddhin Morvwym, 
Taliesin, die drei unkeuschen Frauen, Essylt, die Gemahlin 
Markes, Penarwen, die.Gattin Owains, Bun, des Gwalchmai 
Gemahlin, die drei Gralsritter, Peredur, Bort, Galath K Und im 
13. Jahrhundert schon bemachtigte sich wahrscheinlich die 
franzosische Poesie des zeitgemaBen Stoffs, Gautier de Belleperche 
begann um 1240 einen Roman von Judas Maccabaus, von Pierre 
du Eies beendigt. Das Original ist verloren, aber der Prosa- 
roman, den Charles de St. Gelais, der Archidiakon von Luxon, 
daraus schuf, ist noch erhalten — und ausdriicklich werden hier 
die Neuf preux genannt 2 . Cod. 1 der Bibliothek der Archives 
communales zu Manosque (Basses- Alpes) enthalt auf Bl. 87 eine 
Moralite des trois rois, die gleichfalls die Anfange der Triaden 
zeigt: drei Hirten, drei Konige treten zwei Astrologen gegeniiber. 
Um 1460 findet sich bereits im Cod. frang. 1093 der Bibl. nat. 
zu Paris mitten im Boetius ein Abschnitt uber die Neuf preux 
und die Zeit, in der sie gelebt. Endlich schrieb unter Karl VIII. 
ein Anonymus ein Werk 3 , das die Gestalten der neun Helden 
am Ausgang des Mittelalters endgiiltig flxirte, „Le triumphe des 
neuf preux", der von Antonio Rodriguez dann auch ins Spanische 
iibertragen ward als Cronica llamada el triumpho de los nueue mas 
preciados barones de la fama 4 . Die erste literarische Zusammen- 



*) San-Marte (A. Schulz), Die Arthur-Sage und das Marchen des 
rothen Buches von Hergast S. 45. 

2 ) Les excellentes, magnifiques et triomphantes chroniques de tres- 
valeureux prince Judas Machabeus, un des neuf preux et aussi de ses quatre 
freres. Paris 1514. Uebcr Gautier de Belleperche vgl. de Reiffenberg, 
Chronique de Philippe Mousket I, p. CXCV. Vgl. J. G. Th. Graesse, Die 
grossen Sagenkreise des Mittelalters S. 435. 

3 ) Le triumphe des neuf preux, auquel sont contenus tous les faits et 
prouesses quilz ont acheuez durant leur vies avcc lystorie do Bertrand de 
Gucsclin. Abbeville 1487. Paris 1507. Auszug in der Bibl. des rom. 1775, 
Juillet, I, p. 141. 

4 ) Cronica llamada el triumpho de los nueue mas preciados barones 
de la fama. En la qual se contiene las vidas de cada uno y los excelentes 



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112 P. Clemen 

fassung auf deutschem Boden findet sich freilicli erst in einer platt- 
deutschen Ueberarbeitung der Alexandersage Jean Vauquelins \ 
welcher der norddeutsche Dichter einen gereimten Dialog der 
neun Helden vorausschickte 2 — daftir haben wir aber schon 
im 14. Jahrhundert klinstlerische Niederschlage zu verzeichnen. 
Die Gruppen waren fruhzeitig abgeschlossen. Man hatte drei 
Vorbilder ritterlichen Lebens aus den Helden des Alterthums, 
drei aus den Helden der jiidischen Geschichte, drei aus denen 
der christlichen Zeit zusammengestellt, Hektor, Alexander, Casar, 
dann Josua, David, Judas Maccabaus, endlich Artus, Karl d. Gr., 
Gottfried, von Bouillon. Kaiser Karl vereinigt in der Vorstellung 
des Mittelalters mit seinen, ihm von Alters eignenden Vorziigen 
die Tugenden Konig Artus' und des lothringischen Herzogs, er 
ist zugleich der gerechte und starke Konig, der erste Ritter 
und der erste Streiter Christi: in der Zusammenstellung der 
neun Helden ist ihm seine urspriingliche Bedeutung zuriick- 
gegeben. 

Schon im Jahre 1386 liess Jacques Dourdin fur den Due 
de Bourgogne auf einem Teppich die Geschichte der Neuf preux 
darstellen 3 , und aus dem Inventar iiber die Schatze Philipps 
des Guten in Dijon erfahren wir von Folgen der Neuf preux und 
Neuf preuses neben denen der sieben Weisen und der zwolf 
Pairs von Frankreich 4 . Die roh kolorirte Holzschnittfolge der 
Neuf preux, in einem einzigen Exemplar im Cod. fr. 9653,4 der 
Nationalbibliothek zu Paris erhalten 5 , nimmt auch in der Ge- 
schichte des franzosischen Holzschnitts eine der ersten Stellen 



hechos en armas y grandes proezas y hazanas en annas por ellos hechas. 
Lissabon 1530. Barcelona 1586. 

J ) Vgl. Histoire littSrairc de la France XV, p. 163. Jacobs, Merk- 
wtirdigkeiten der Gothaischen Bibliothek I, S. 379 gibt kurze Beschrcibung. 
Nur ein Theil gedruckt bei Berger de Hivrey, Traditions teratologiques 
p. 377. 

2 ) Abgedruckt bei Brun, Romantische Gedichte der plattdeutschen 
Sprachc S. 331—366. 

3 ) Histoire g6n. de la tapisserie. Tap. franc,, p. 161; Miintz, La tapis- 
serie p. 119. 

4 ) de Laborde, Les dues de Bourgogne I, p. XL VII. 

6 ) J. Renouvier, Les origines de la gravure en France, in der Gazette 
des beaux-arts 1859, II, p. 5, 12 versetzt sie in das Jahr 1420. Karl hat 
die Legende: Je fus roi des Romains, d'Alemagne et de France. Vgl. A. 
Vetault, Charlemagne p. 102, fig. VI. Lacroix et Sere, Les arts au 
moyen age p. 223, fig. 193. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 113 

ein. Sodann sind zu nennen die neun Helden auf dem holz- 
geschnitzten F Franz' des Ersten in der friihern Sammlung 
Sauvageot zu Paris \ das in vorzuglicher Schnitzerei im Mittel- 
punkt den bartigen Karl zu Ross sitzend zeigt. Die Anfertigung 
dieses sonderbaren Kunstwerks geht zuruck auf die wiederholt, 
im Karl Meinet, bei Philippe Mouskes, in der Chronik von 
Weihenstephan erwahnte Anekdote, dass Karl d. G. 23 goldene 
Buchstaben nach der Zahl des Alphabets an 23 von ihm 
gegrundete Kirchen verschenkt habe 2 . Der gleichen Sage 
verdankt das M im Louvre 3 , das A im Schatz der Kathedrale 
zu Conques seinen Ursprung 4 . 

*) A. Darcel, Collection de M. Sauvageot, in den Annalcs archGologi- 
ques XVI, p. 231. 

2 ) Die Sage geht offenbar hervor aus einem Missverstandniss der 
Theilungsgeschichte bei Einhard, cap. 38. Im Karl Meinet (ed. Keller) 
S. 540, V. 32—36. Philipp Mouskes, ed. Reiffenberg, V. 3686: 

Et taut si fist il, par son gre, 

Sour les laitres de Pa be c6; 

Si qu'el front de cascune glise 

A une laitre par devise; 

Et qui Pestorie en meskeroit, 

II il alast, ses il veroit. 
Auch im Liber mirabilis von Conques: vgl. Muntz, Etudes iconographiques 
p. 99 und in Konighofens Chronik, ed. Schilter S. 103. 

Im Cod. germ. 137 der Universitatsbibliothek zu Heidelberg fol. 78 a 
heisst es: Er machte auch also manig styfft also manig buchstabe in dem 
alphabeta stot und liess in yeglicher einen buchstaben von golde gemachet 
nach der ordenunge der buchstaben in dem alphabcten das von ordenuuge 
der zyt ycgliches mttnster bckant wurde, in der es wart gebuwen. Die buch- 
staben man noch findet in dem miinster. Aehnlich im Cod. germ. 1952, imCod. 
icouogr. 373 der Staatsbibl. zu Munchen und iin Cod. H. 55 der Stadtbiblio- 
thek zu Metz. Vgl. Moue im Anzeiger fiir Kunde der deutschen Vorzeit 
V, S. 314. 

3 ) Meraoires de Pacademie des inscriptions et belles-lettres XVIII, 1773. 

4 ) A. Darcel, Le tresor de Conques p. 14. Der Liber mirabilis von 
Conques (Paris, Bibl. nat., Cod. recueil de Doat 143) meldet: Cui monasterio 
Conchas, primo inter monasteria per ipsum fundata, tribuit litcram alphabeti 
A de auro et argento ibi relinquens et suis magnis privilegiis ditans. Abb. 
F. Dumas, Revue do Pex position universellc de 1889, p. 309. F. de 
Lasteyrie, Observations critiques sur le tresor de Conques, in den Memoires 
de la soci6te de3 autiquaires de France, ser. Ill, torn. VIII, p. 51 macht 
gelcgentlich des Begonreliquiars darauf aufmerksam, dass es nicht dem ersten 
Begon urn 880, sondern dem dritten, der 1087—1106 lebtc, zuzuschreiben sein 
diirftc. Auch das A, das nach der Inschrift: Abbas formavit Begon reli- 
quiasqnc lo(cavit) auf cinen gleichnamigen Abt zuruckgeht, mochte ich nicht 
dem 9., sondern dem 10. Jahrhundcrt zuweiscn. Begon II. lebte um 980. 

8 



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114 P. Clemen 

In der Sammlung des Vicomte de Matharel im Schloss de 
la Grange-sur-Allier befindet sich eine franzosische Tapisserie 
aus dem Beginn des 15. Jahrlmnderts, welche die ersten Gestalten 
der Reihe der neun Helden vorfiihrt ! . Im Schloss von Coucy 
trug ein Saal den Namen derNeuf preuses,ihre Statuen schmlickten 
den Kamin 2 . Ebenso war im Schloss Pierrefonds ein Thurm 
nach den Neuf preux benannt. Eine Folge von drei der Helden, 
Judas, Josua und David, gibt eine Reihe von drei Medaillonfiguren 
mit Reiterbildern, Limousiner Emails aus der Sammlung Sau- 
vageot, jetzt im Louvre befindlich (Inv. D. 408, 409, 410). 
Endlich enthalt Cod. frang. 12598 der Nationalbibliothek zu 
Paris die Geschichten der Neuf preux — einer jeden geht ein 
grosses Reiterbild des Helden voraus. Karl erscheint in goldenem 
Panzer auf einem ganz in Wappendecken gehiillten Ross, in 
der Rechten das Schwert schwingend; ein langer Vollbart 
schmiickt ihn 3 . 

Die alteste kiinstlerische Wiedergabe findet sich auf den 
Wandgemalden am Soller zu Schloss Runkelstein in Siidtirol. 
Die Folge der Neun ist hier noch nicht vollig geschlossen, der 
wackere Botzener Kiinstler, den Niklas Vintler berufen, erweiterte 
sein Thema und variirte das Motiv der Trias auch auf den 
andern Lieblingsgebieten der Heldensage, er fligte noch die 
drei besten Ritter, die drei beriihmtesten Liebespaare, die drei 
starksten Schwerter, die drei grossten Riesen und die drei ge- 
waltigsten Weiber hinzu. Schon hier erscheint die Gestalt Karls 
in einer Durchbildung, die sein Bildniss auf fast alien Dar- 
stellungen des Triadencyklus erhielt. Entsprechend dem rein 

x ) Jul. Guiffrey, Note sur une tapisserie reprGsentant Godefroy de 
Bouillon et sur les representations des preux et des preuses au XV e sicclc, 
in d. Memoires de la soc. des antiquaires de France XL. 

2 ) Viollet-le-Duc, Dictionnaire raisonne* de Parch, frang. Ill, p. 201. 

8 ) Der Text gibt die Eintheilung in die drei Gruppen: Cy apres sensicnt 
en brief listoire des neuf preux princes et seigneurs qui en leur temps ont 
maintenu vaillaminent et chevallereusement les armees, dont il en y a trois 
de la loy payenne, a savoir Ector, Alexandre et Julius Cesar, item aultres 
trois de la loy des juifs, comme Josue, le Roy David et Judas Macabeus et 
encoires aultres trois de la foy chretienne, a savoir Artur, Charlemaiue et 
Godeffroy de Buillon. Die Abtheilung iiber Karl gibt im Anfang eine kurze 
Beschrcibung: Le second princes des Chretiennes represente icy le grant 

Oharlemaine, roy de France, apres empereur de Rorame Charlemaine 

doncques estoit prince do belle et grande estature, moult religieux, saige et 
tres victorieux. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 115 

weltlichen Stoff und dem Ort, der in Betracht kam, hat der 
Runkelsteiner Kttnstler den machtigen Weltbeherrscher frei von 
aller kirchlichen Beeinflussung gebildet: in langem, doppel- 
spitzigem, braunemBart, langen, auf die Schulter fallenden Locken, 
das breite Schwert in der Linken senkrecht erhoben, die Rechte 
mit dem Reichsapfel fast auf den Schenkel gestutzt, liber den 
der weite Mantel geworfen ist, so thront Karl inmitten der 
erlesensten Helden 1 . 

Den Runkelsteiner Wandgemalden schliessen sich an die 
neun derb und lebensvoll gearbeiteten, bunt bemalten, lebens- 
grossen Statuen in den Wandtabernakeln des Hansasaals im 
Rathhaus zu Koln 2 und die neun Gestalten auf den drei altesten 
gotbischen Fenstern im Rathhaussaal zu Liineburg 3 , eine jede 
der Figuren geharnischt, mit einem Wappenschild versehen, in 
kurzem Waffenrock mit Scliellengiirtel und Schnabelschuhen. 
Gehen die Runkelsteiner, Kolner, Ltineburger Darstellungen 
zusammen mit den Figuren am Schonen Brunnen zu Nurnberg, 
die wahrscheinlich mit dem gothischen Gertist 1396 unter 
Heinrich dem Balier geschaffen wurden 4 , sammtlich noch in das 
14. Jahrhundert zuriiek, so gehorte dem 15. Jahrhundert an die 
Darstellung der Neun in der prachtvollen Vorsatzminiatur des 
Hansabuchs im Stadtarchiv zu Koln, sowie die Darstellung in 
der Amtsstube des Zunfthauses der Weber zu Augsburg 5 . Auf 
der neuen holzernen Wandbekleidung hatte dort im Jahre 1457 
Peter Kaltenhof die Brustbilder von Kaisern, Konigen und Helden 



*) J. Seelos und J. Zingcrle, Der Freskenschmuck des Schlosses 
Runkclstein. Daselbst auch farbige Abbildung. Vgl. Mittheil. d. Central- 
kommission V, S. 59, VII, S. 206; Janitschek a. a. 0. S. 199. 

2 ) Baudri, Organ fiir ehristliche Kunst 1858, Nr. 8; Forster, 
Denkmale der deutschen Kunst XII. Bildnerei, Taf. 18; Ennen, Fiihrer 
durch die Stadt Koln S. 77. Vgl. auch Wcyer, Samralung von Ansichten 
offentlicher Platze u. s. w. in KiJln S. 120; Klein, Der Wanderer durch 
KSln S. 237. 

8 ) Mithoff, Kunstdenkmaler Hannovers IV, S. 185. Umrisszeichnung 
in den VerOffentl. des Ltineburger Alterthumsvereins, Taf. III. 

4 ) Statt Artus hier Klodwig. 1821 unter Reindel erneuert. Vgl. Anz. 
d. german. Museums 1854, S. 40, 162, 1860, S. 824. J. C. Wilder, Der 
schSnc Brunnen zu Nurnberg 1824, Taf. 1; R. Bergau, Die Statuen am 
schonen Brunnen zu Ntirnberg, in der Zeitschrift fur bildende Kunst 1872, 
S. 95; Ders. im Organ fiir ehristliche Kunst 1871, Nr. 2. 

5 ) Woltmann-Woermann, Geschichtc d. Malerei II, S. 116; Janit- 
schek, Gesch. d. deutschen Malerei S. 267. 

8* 



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116 P. Clemen 

der Vorzeit angebracht. Unter ihnen erscheint auch „kaiser 
Carolus magnus ein Christ", das machtige Haupt nach vorn 
gewendet, mit grossen Augen, langen Locken, breitem Vollbart 1 . 

Die grosse Tapisserie der Baseler mittelalterlichen Sainm- 
lung zeigt nur die Gestalten des Judas Maccabaus, Konig Artus, 
Konig Karl, Gottfried von Bouillon. In der Handschrift des 
Klemens Specker de Sulgen, Cod. A. 45 der Stadtbibliothek zu 
Bern, findet sich S. 303 — 311 eingeklebt eine bislang unbekannte 
Holzschnittfolge von neun kolorirten Blattern, die neun Helden 
mit ihren Wappen darstellend, darunter je sechs vielfiissige Verse. 

Die grosste Ausdehnung erhielten die Bilderfolgen in einigen 
Wappenbuchern des 15. Jahrhunderts. Konrad von Griinenberg 
nahm sie in seine bekannte Sammlung auf, sie finden sich in 
der Miinchener (Cod. germ. 145) wie Berliner Handschrift (kgl. 
Heroldsamt), ebenso in dem gleichbedeutenden, aber fast unbe- 
achteten Wappenbuch des Hans Haggenberg von 1488, Cod. 
,1084 der Stiftsbibliothek zu St. Gallen. Den drei besten Juden, 
Heiden und Christen — die Ueberschriften entsprechen denen 
auf den Holzstocken Hans Burgkmairs — schliessen sich an die 
drei gesalbten Konige, die drei edelsten Geschlechter, die drei 
mildesten, geduldigsten, gehorsamsten Fiirsten und die drei 
bosesten Wiitheriche. In der Chronik Silbereysens in der Kantons- 
bibliothek zu Aarau sind umgekehrt die Triaden nach riickwarts 
weiter ausgedehnt. Sie beginnen (Bl. 511) mit den hh. drei 



*) An der Thtir die Inschriften: 

Anno D. 1457 war es, dass man die Stube malen liess, 

Peter Kaltenhof der Maler hiess. 

Anno D. 1538 da malt der jung Jorg Ereu 

Das alt Gemald wieder neu. 

Als man 1600 jahr 

Und noch eins dazu zahlen war, 

Man die Stuben erneuern liess, 

Johann Herzog der Maler hiess. 
Jetzt im Nationalmuseum zu Miincben. Die richtige Reihenfolge der 
falscb eingesetzten Bilder ist nach dem oben angegebenen Schema herzustellen. 
Anzufiihren ist hier noch die Holzschnittfolge der drei gutcn Manner 
und Fraucn der Juden, Heiden, Christen, eine Folge von 6 Blatt von Hans 
Burgkmair (Bartsch, Peintre-graveur C4— 69). Vgl. R. Muther, Chronolog. 
Verzeichniss der Werke Hans Burgkmairs, im Repertorium IX, S. 437. Ein 
kolorirtes Exemplar eingeklebt im Cod. iconogr. 308 Monacens. fol. 10, 
enthaltend die Wappensaramlung des Illuministen Niklas Berschin von Augs- 
burg 1526. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grosseu. 117 

Konigen, es folgen die ersten drei Wappen der Welt, die drei 
romisehen Kaiser, die drei geduldigsten und mildesten Herren 
und dann erst die drei besten Christen, Juden und Heiden. Der 
Cod. germ. Monacens. 931 enthalt auf fol. 2 a — 3 b , der dem 
Wappenbuch der Lamparter von Greifenstein entnommenen Folge, 
dieselben Triaden. Die Zusaramenstellungen der Wappen der 
Tafelrunde findet man endlich aueh im Traite du Blason von 
Houdreville in Wien und in -der Munchener Kopie (Cod. gall. 596, 
iconogr. 281). 

III. Italien. 

Gering nur ist die Zahl der Darstellungen in Italien und 
ohne jeden Einfluss auf die Ausbildung des Typus. Sie brauchen 
daher hier nur kurz erwahnt zu werden. Das erste Bildniss 
des Kaisers findet sieh in der Handsehrift des Chronicon Vul- 
turnense in der Vatikana (Cod. Barber. 871), die im Jalire 1108 
Johannes nach dem altera Original des Autpert kopirte. Am 
Anfang einer der eingefugten Urkunden ist der Kaiser dar- 
gestellt, wie er dem Abt die Urkunde in der Form eines langen 
Pergamentstreifens iiberreicht: er tragt die Krone und einen 
auf der rechten Schulter geknopften Mantel, das Gesicht ist 
von kurzem Vollbart und kurzen Locken umgeben 1 . Zeigt hier 
das Bildniss Karls noch keine irgendwie individuelle Pragung, 
— entsprechend dem Jahr des Entstehens, in dem die franzosische 
Karlssage noch nicht den Weg tiber die Alpen gefunden hatte — 
so liegt ein Beweis dafiir, in wie hohem Grade die Phantasie 
der italienischen Kiinstler durch die Vorstellung von der Gestalt 
Karls beeinflusst wurde, in dem grossen Wandgemalde, mit dem 
Ambrogio Lorenzetti in den Jahren 1338 — 1340 die Hauptwand 
des Saals der Neun im Palazzo Pubblico zu Siena bedeckte 2 . 
Der Kiinstler wollte schwerlieh in der Personifikation der 
Kommune von Siena den Kaiser selbst darstellen, wie Miintz 
meint 3 , sicherlieh aber schwebte ihm bei der Schopfung dieses 

*) Vgl. L. Bethmann im Neuen Archiv II, S. 344. Beschreibung v. 
Handschriften I. Chronicou Vulturnensc. Die Miniaturen in sehr schleehten 
Zeichnungen bci Muratori, SS. rer. Ital. II, 2, p. 349. Nach d. Bild Karls 
die Urkunde, indem er 774 dem Kloster seine Rcchte bestatigt. 

2 ) Vgl. Crowe und Cavalcaselle, Gcsehichte d. italienischen Malerei II, 
S. 308; Woitmann, Gcsehichte d. Malerei I, S. 455. Abb.: E. Forster, 
Denkmale II, 1, 2. 

8 ) E. Miintz, Etudes sur Phistoire de la peinture et de Piconographie 
chr6tienue p. 48. 



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118 P. Clemen 

in riesigem MaBstab gebildeten koniglichen Greises mit dem 
ernsten Antlitz, den leuchtenden Augeri, dem machtigen, zwei- 
getheilten Bart, den langen, auf die Schultern herabsinkenden 
Locken das Bild Karls d. Gr. vor, wie es gerade damals in 
Toskana lebendig geworden war. In Pavia hatte sich einst 
eine Inschrift gefunden zur Erinnerung an die Eroberung durch 
Karl, von Orso Hipato da Heraclia verfasst 1 — erhalten im Cod. 
Brit. Mus. Addit. 121 17 d — ahnlich war in Florenz die 
Erinnerung an Karl lebendig geblieben, die vita anonima des Bru- 
nellesco nennt ihn als den Stifter von S. Apostoli, den mythischen 
Neugrunder der Arnostadt 2 ; an der Fagade von S. Apostoli, 
wo schon die Steinfiguren Rolands und Oliviers Platz gefunden 
hatten, ward spater eine Buste des Kaisers von Giovanni Caccini 
aufgestellt 3 . In das 15. Jahrhundert gehort audi das lange 
fur ein Original des 9. Jahrhunderts gehaltene Portrat des 
Kaisers im Museum des Vatikan: es zeigt Karl mit vollen 
Locken und schlichtem Bart, gerader Nase und schmalen, etwas 
gedriickten Augen 4 . In der Weltchronik des Leonardo da 
Bissucio zu Mlinchen, etwa um 1458 gemalt, erscheint Karl mit 
gezogenem Schwert in selbstbewusster Haltung, mit gespreizten 
Beinen stehend, mit langem Vollbart 5 . Wahrend aber Diirer 
in Deutschland dem iiberlieferten Typus nur das Siegel seines 
Geistes aufdriickte, machte sich auf italienischem Boden Raphael 
ganzlich frei von jeder traditionellen Auffassung: der von ihm 
geschaffene Karl auf dem Kronungsbild in der dritten Stanze 
des Vatikan fiihrte eine ganz neue Figur in die Reihe der 
Darstellungen ein 6 . 



*) Catalogue of additions to the Brit. Mus. II, p. 42. Uebcrsetzt auf 
Veranlassung des Prokurators von.Venedig, Marino Dandolo. 

*) Burckhardt, Geschichte der Renaissance in Italien S. 24. 

s ) Richa, Notizie istoriche delle Chicse fiorentine IV, p. 46; Miintz, 
Etudes iconographiques p. 92. Die Inschrift abgedruckt bei Miintz. 

4 ) du Sommerard, Les arts au moyen age II, pi. 2, no. 3; Felix 
de Vigne, Vademecum du peintrc I, p. 58; Santelli, Oltraggio fatto a 
Leone III, p. 12. Rich tig datirt beiBarbier de Montault, La bibliothfcquc 
vaticane et ses annexes p. 130; E. Miintz, Etud. iconogr. et archeol. p. 107. 

6 ) H. Brockhaus, Leonardo da Bissucio, in den gesammelten Studicn 
zur Kunstgeschichte. Festgabe far Anton Springer S. 42; F. Gregorovius, 
Kl. Schriften zur Cultur u. Gesch.: Eine mittelalterliche Weltchronik in 
Bildern. 

6 ) Photographie Braun 66. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 119 

Die grosse Reihe der kiinstlerischen Verkorperungen Karls 
in den Holzschnittfolgen des 16. Jahrhunderts erschopfend auf- 
zuzahlen, ware ohne Zweck. Sie variiren, soweit sie auf deutschem 
Boden liegen, den von Diirer geschaffenen Typus und stellen 
Karl in voller Riistung mit Schwert und Apfel dar, selten 
ruhig in Vorderansicht, sondern schreitend, in lebhafter Be- 
wegung. So erscheint Karl unter den Heiligen von der Sippe, 
Mag- und Schwagerschaft Maximilians I. zweimal 1 , so in dem 
schon genannten Holzschnitt Burgkmairs 2 , auf einem Holzschnitt 
des Lukas Kilian 3 , des Hieronymus Wierix 4 , so endlich auf den 
beiden Aetzplatten des Andreas Pleniger im Kunstkabinet zu 
Gotha 5 . In Frankreich findet Karl auf den Spielkarten, im 
engen Anschluss an die Darstellungen der Neuf preux, wiederholt 
Platz . Zur Erheiterung des wahnsinnigen Konigs Karl VI. 
fertigte Jacquemin Gringoneur im Jahre 1392 ein vollstandiges 
Spiel an; unter den Figuren, die er auf dtinne Goldschlager- 
hautchen aufmalte, erscheint auch Karl, im Profil nach links 
gewendet, mit Scepter und Apfel, unter der scharfgezeichneten 
Adlernase mit wallendem langen Bart, zu seiner Rechten knieen 
zwei Knaben 7 . Den fur die Spielkarten zur Verwendung 

') S. Laschitzer, Die Heiligen der Sipp-, Mag- und Schwagerschaft 
des Kaisers Max I., im Jahrbuch der kunsthistorischcn Sammlungen des 
allerhochsten Kaiserhauses IV, S. 70, 73, V, S. 141. Das Original hierzu 
gibt der Miniaturen-Codex des Benediktinerstifts St. Paul in Karnthen (Cod. 
mcmbr. 75) Anfang saec. XVI. Vgl. F. X. Kraus, Die Schatze St. Blasiens 
in der Abtei St. Paul in Karnthen, in der Zeitschrift f. d. Geschichte des 
Oberrheins IV, 1, S. 51. 

2 ) Vgl. oben. 

8 ) J. E. Wessely, Ikonographie Gottes und der Heiligen S. 116. 

4 ) Bei Vetault, Charlemagne, pi. VIII, p. 150. 

5 ) A. Bube im Anzeiger fur Kunde der deutschen Vorzeit 1868, S. 146. 
In der Salle des gardes im Schloss Chaumont an der Loire findet sich ein 
grosser Stammbaum der franzosischen Konige, mit Holzstocken in Medaillon- 
form gedruckt, unter den ersten Herrschern auch Karl mit Schwert und 
Apfel. Das Schlossmuseum zu Blois enthalt eine Histoire de France mit den 
in ahnlicher Weise auf eine Tapete aufgedruckten Bildnissen der Konige. 

6 ) Vgl. R. Merlin, Origine des cartes a jouer ; B r e i t k o p f , Essai pour 
rechercher l'origine des cartes a jouer; Bullet, Recherches historiques sur 
les cartes a jouer. Ein Exemplar im Britischen Museum, F. 74. A. 2. Vgl. 
W. H. Wills hire, A descriptive catalogue of playing and other cards in 
the British Museum p. 129. 

7 ) Das Original jetzt in der Bibl. nat. zu Paris. In einer Rechnung 
von Charles Poupart findet sich die Eintragung: Donne a Jacquemin Gringo- 
neur, peintre, pour trois jcux de cartes a or, et a di verses couleurs, de 



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120 



P. Clemen 



gekommenen Typus zeichnet am besten eine Karte aus dem Cabinet 
des estampes der Bibliotli&que nationale zu Paris, die den Kaiser 
en face mit Schwert und Apfel darstellt. Ein Kartenspiel im 

Museum zu Liittich gibt den Be- 
weis, dass noch im 18. Jahrhundert 
dieselbe Gestalt mit geringen Ab- 
weiehungen wiederholt ward. 

Und von Antwerpen, wo Jan 
van Ghelen 1576 einen Titelholz- 
schnitt mit dem thronenden Karl 
vor sein niederlandisches Rolands- 
buch setzte 1 , bis Venedig, wo 
1511 die Reali di Francia mit 
Illustrationen erschienen 2 , und bis 
iiach Se villa, wo 1 532 einDeutscher, 
der Juan Cromberger, der Historia 
de la reyna Sebilla das Bild des 
thronenden Kaisers mit derKonigin 
Sibylle voranschickte 3 , werden 
jetzt die alten Romane und die 
neuen Kompilationen mit Holz- 
schnittdarstellungen der Helden 
Spielkarte im Cabinet des estampes deg karolingischen Sagenkreises 
der Nationalbibliothek zu Paris. . , 

verziert. 

plusieurs devises, pour porter devers le dit seigneur roi, pour son Sbattemcnt, 
cinquante-six sols parisis. Abb. bei A 1. Lenoir, Monuments des arts liberaux, 
pi. 42, vgl. p. 45. Ueber weiterc Kartenspiele vgl. Jeux de cartes tarocs 
et de cartes numerates du XI V e an XVIIP siecle, repr6sentes en 100 pi. 
d'apres les originaux (anonym, der Verfasser ist Jean Duchesne aine), in den 
Melanges publies par la sociSte des bibliophiles francais. Die grosste Eeihe 
von Stichen mit dem Bild Karls enthalt das Cabinet des estampes der Bibl. 
nat. zu Paris (luv. C. 2), im Ganzen 126 Stuck. Neben dem bekanntcn lang- 
bartigen Typus zeigt sich hier wiederholt fur Chroniken benutzt eine Nachbildung 
des irrthumlich fur Karls Portrat gehaltenen Kommoduskopfs vou seinem Siegel. 
J ) Hier beghint den droeflijken strijt opten berch van den Roncevale 
in Spaengien geschiet daer Rollant ende Olivier metten fleur van Kerstcnrijk 
verslagen warcn. Antwerpen 1576. 

2 ) Reali di Francia con figure novamente stampato in Venczia nel 
MCCCCCXI. Vgl. M. Maittare, Annales topograph, artis inventae origin, 
ad ann. 1557, II, 215. 

3 ) Historia de la reyna Sebilla. Fue empremido el presente libro de 
la reyna Sebilla en la muy noble ej muy leal cindat de Sevilla por Juan 
Cromberger 1532, 




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Die Portratclarstellungen Karls des Grossen. 121 

Der im 16. Jahrhundert festgesetzte Typus ward auch in 
den folgenden Jahrhunderten bewahrt. Das 17. und 18. begniigt 
sich damit, das einmal Geschaffene zu wiederholen. Das Bildniss, 
das Charles Lebrun fur das Titelblatt der Kapitularien des 
Baluze zeichnete, ging noch auf die angeblichen Portratkopfe 
Karls auf seinen Siegeln zurtick, aber das grosse allegorische 
Gemalde von Charles Nicolas Cochin, das Bronzerelief von 
Letellier, das Bild Girardons. das Marmorrelief an den Chor- 
schranken im Dom zu Minister, die Allegorie im Museum zu 
Aachen, die Statue an der Facade der St. Michaelskirche zu 
Munchen variiren nur mehr oder weniger das Portrat des lang- 
bartigen Kaisers, wie es Durer fixirte. 

Das 19. Jahrhundert, urn hier im Anhang noch kurz die 
Entwicklung zu skizziren, weist Karl in den Stoffkreisen der 
franzosischen Kunst wieder eine hervorragende Eolle an: der 
Alpenubergang Karls von Paul Delaroche im Museum zu Ver- 
sailles, Ary Scheffers daselbst beflndliche Unterwerfung Witte- 
kinds haben den Kaiser in einen pathetischen Theaterhelden 
umgewandelt, und erst die Wandgemalde Viollet-le-Ducs in der 
Kapelle des h. Ludwig in Notre Dame zu Paris, die Hippolyte 
Flandrins in der Kirche Saint-Vincent-de-Paul, der Karton 
Lameires in der Ecole des beaux-arts, die Marmorstatue Nan- 
teuils in Versailles, endlich die beiden grossen Reiterdenkmale, 
das Werk Louis Rochets vor Notre Dame zu Paris, den greisen 
Heerkonig voll majestatischer Ruhe auf dem von Olivier und 
Roland gefiihrten Ross zeigend, und das Denkmal Karls von 
Louis Jehotte zu Luttich haben einen neuen, fast unbandigen 
Stolz athmenden, gegeniiber dem Wildfeuer der literarischen 
Portrats von strenger Wurde erfiillten Typus gestaltet, ent- 
sprechend der Ruhmsucht des franzosischen Volkes, die in 
Karl zunachst den Schopfer der Grosse der eigenen Nation 
erblickt. 

Vertieft aber ward das volksthiimlich gewordene Portrat 
des Kaisers erst durch die deutsche Kunst. Die Fresken Alfred 
Rethels im Kaisersaal zu Aachen bahnten diese Entwicklung 
an, Wilhelm Kaulbachs Bild vollendete sie. Die breitschulterige 
Riesengestalt mit dem machtigen Kopf mit zweigetheiltem Bart, 
den Mund streng, fast finster geschlossen, die Brauen herab- 
gezogen, die Augen weit offen, ernst, fast drohend gerade aus 
gerichtet: das ist der Kaiser, wie ihn die Zeit geschaffen, die in 



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122 P. Clemen 

Karl die Verkorperung der deutschen Kaiseridee selbst erblickt: 
voll tiefen Ernstes, ungeheurer Thatkraft, zur Abwehr bereit, 
fortwahrend sinnend fur die Wohlfahrt seines Volkes. Diesen 
Darstellungen schliessen sich alle folgenden an: Schwinds Wand- 
gemalde in Hohenschwangau, das Bild Philipp Veits im Romer 
zu Frankfurt, des Cornelius Zeichnung zu den Aachener Glas- 
gemalden, das Glasfenster Ludwig Burgers im Dom zu Koln, 
das Bild Eduard Bendemanns im Schloss zu Dresden, das 
Medaillon Fernkorns in der Vorhalle des Speyerer Doms, die 
Statuen von Venth und Piedboeuf in Aachen, die Glasgemalde 
von Linnemann im Dom zu Mainz, die Fenster im Dom zu 
Mtinster, in St. Aposteln zu Koln — und erst das letzte Jahr- 
zehnt hat in der Statue Mohrs fur das Rathhaus zu Aachen, 
den Wandgemalden Haberlins fur den Inselhof in Constanz durch 
historische und ikonographische Studien das authentische Bild 
des schnurrbartigen Rundkopfs wiedererworben. Die sitzende 
Steinfigur vor der Bibliothek zu Orleans und das Portrat im 
neuen Archivgebaude zu Aachen kopiren ganz direkt den Kaiser 
der Reiterstatuette im Musee Carnavalet. 

Zusammenfassung und Schluss. 

Ziehen wir noch einmal das Ergebniss aus der Nebenein- 
anderstellung der einzelnen Portratreihen, so ergibt sich in 
grossen Ziigen Folgendes. 

Schon die karolingische Zeit besitzt die Fahigkeit der 
Portratirung: ohne realistisches Eingehen auf Einzelheiten weiss 
sie die Hauptziige der Gestalt doch klar wiederzugeben, bleibt 
aber bei einer ausserlichen Charakteristik stehen. Demzufolge 
ist sie bei der Zeichnung des Kostums und Schmucks viel ein- 
gehender und auch realistischer als bei der Wiedergabe des 
Korpers. Die Kunst, seelische Eigenschaften und dauernde oder 
momentane Stimmungen im Ausdruck des Gesichts zu spiegeln, 
ist ihr verschlossen. 

Fur die Personlichkeit Karls hatte sich aus der gemein- 
samen Betrachtung der literarischen und kunstlerischen Zeug- 
nisse das folgende Portrat ergeben : ein riesenhafter, starkgebauter 
Korper von 1,92 m Lange, mit weitem Brustkorb, muskulosen 
Armen und Beinen, dazu ein kleiner Hangebauch, breite Schultern 
und ein kurzer Stiernacken, der den Kopf fast direkt auf dem 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 123 

Korper aufsitzen lasst, das Haupt rund, mit kurzgeschorenem, 
braunem, leicht gelocktem Haar bedeckt, eine gesunde, derbe, 
rothe Gesichtsfarbe, ein starkes, bartloses Unterkinn, unter der 
machtigen, geraden Nase ein straffer, herabgezogener Schnurr- 
bart, grosse, flammende Augen von durchdringendem Blick. 
Dieses Portrat gilt zunachst fur die zweite Halfte seines Lebens. 

Im Cod. 142 der Ecole de mfcdecine zu Montpellier stehen 
Einbard und Turpin noch friedfertig neben einander. Im Cod. 
776 der Bibliothek zu St. Oraer hat der spatere Schreiber iiber 
den Text des Einhard wenigstens die Ueberschrift des neuen 
Biographen: vita Caroli per Turpinum gesetzt. Das Kollegiat- 
stift zu Matsee in Salzburg bewahrt einen Liber traditionum, in 
dem der Schreiber nach den zeitgenossischen Autoren in der 
dem Eegistrum vorgesetzten kurzen Salzburger Chronik auch 
Karls Lebensgeschichte behandelt hatte. Einem Interpolator, 
der die Handschrift etwa 50 Jahre spater in die Hand bekam, 
geniigte diese Beschreibung nicht mehr: er korrigirte den Text 
und fugte eine Glosse ein, in der er des Turpin Beschreibung 
von Karls Gestalt als die richtigere und der historischen Wahr- 
heit mehr entsprechende einfiihrte \ Am Karlsschrein in Aachen 
konnte der Kiinstler der Deckelreliefs das altere Bildniss nicht 
durchstreichen wie der Salzburgische Schreiber: aber er setzte 
das neue Bild daneben. Und ebenso handelte der Schreiber 
der Trierer Handschrift des Registrum Prumiense, der in seiner 
Kopie den langbartigen Greis an die Stelle des von Casarius 
geschaffenen Bildnisses setzte. Hier wie dort voll bewusste 
Aufstellung der neugeschaffenen Darstellung als der richtigern. 

Ehe der durch Turpin geschaffene Typus aufkommt, herrscht 
begreiflicher Weise iiberall da, wo eine direkte Ueberlieferung 
nicht zu erweisen ist, Unklarheit iiber das wiederzugebende 
Portrat. Am Eingang war als unumstossliches Gesetz auf- 
gestellt worden, dass jede Typenbildung auf Gedankenassoziation 
beruhe. Hatte bis in die zweite Halfte des 10. Jahrhunderts der 
frankische Schnurrbart geherrscht, so kam jetzt der Vollbart 



*) Vgl. vonKoch-Sternfeld, Ueber die Quellen der alteren deutschen 
Geschichtskunde in Salzburg, im Archiv III, S. 101, 304; Archiv X, S. 619. 
L. Hubner, Beschreibung d. Herzogthums Salzburg I, S. 253. Eine Photo- 
graphie der interpolirten SteUe verdanke icli Karl Holly. Umgekehrt ist im 
Cod. 73 der Stadtbibliothek zu Bern die Beschreibung des Turpin durch- 
strichen und die Einhards dariiber geschrieben. 



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124 P. Clemen 

auf: was von Otto d. Gr. uocli als Verstoss gegen die Sitte 
berichtet wird, biirgert sich nun rasch in den deutschen Landen 
ein — es entspricht der naturgemaBen Entwicklung, dass die 
naiv, unbewusst und ohne Vorbilder schaffenden Kiinstler dieser 
Zeit bis zum 11. Jahrhundert Karl mit kurzem, rundem Bart 
wiedergeben. 

Die sagenhafte Gestalt des Kaisers, zuerst in der Chronik 
des Turpin ausgepragt, verbreitete sich von dem franzosischen 
Mittelpunkt aus liber die angrenzenden Lander. Diesem schritt- 
weisen Vorwartsdringen entspricht genau die kiinstlerische Ent- 
wicklung: den ersten kiinstlerischen Niederschlag der Sage finden 
wir in Frankreich an den Fenstern von St. Denys 1141, in 
Deutschland in der Heidelberger Handschrift des Rolandslieds 
urn 1150, in Italien in der Mosaik von Brindisi im Jahre 1178. 
Diese Zahlen geben in der That die Bewegung genau wieder: 
denn alle hier genannten Darstellungen beziehen sich nicht auf 
Ztige aus dem Leben des Kaisers, die von der Karolingerzeit 
an dem einheimischen Sagenschatz angehftrten, sondern sind 
Illustrationen der einen in Frankreich entstandenen Ueberlieferung 
der Rolandssage. Eine literarische Schilderung musste erst im 
Volksboden Wurzel schlagen , und vielfach ausreifen, ehe sie 
kunstlerisch zu verwerthen war. So finden wir in alien drei hier 
zunachst in Betracht kommenden Landern etwa 30 Jahre vor 
der ersten kiinstlerischen Gestaltung die Sage aufleben und sich 
in literarischen Aeusserungen niederschlagen. Beide Wellen- 
bewegungen verlaufen gleichmaCig von dem franzosischen Mittel- 
punkt aus: das Gebiet der kiinstlerischen Verkorperungen wachst 
proportional der Ausbreitung der Sage. 

Wir hatten im Eingang gesehen, dass zu solcher kiinst- 
lerischer Gestaltung der erste Schritt durch den erfindenden 
Dichter geschieht, der zweite erst durch den Bildner oder 
Maler: beide sind von gleicher schopferischer Zeugungskraft. 
Dabei aber bleibt die schaffende Entwicklung nicht stehen. Das 
roh geformte Bild des Kiinstlers iibernimmt der Dichter wieder 
und haucht ihm Leben ein, und der Kiinstler sucht der von 
jenem verliehenen Seele auch ausserlich Ausdruck zu verleihen. 
Beide spielen gleichsam mit einem rohen Thonkloss Fangball, 
und die wechselnde Arbeit ihrer Hande formt allmahlich ein 
beseeltes Bild und einen vollendeten Korper. Die Beschreibung, 
die Turpin von der Leibesgestalt des Kaisers gibt — gleicht sie 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grosscn. 125 

nicht aufs Haar der Beschreibung einer Statue, bei der man 
Messkette und Zirkel in die Hand nimmtP So wird erst im 
Lauf der Jahrhunderte der Typus vollstandig ausgeprilgt. Denn 
die schopferische Kraft des 13. und 14. Jahrhunderts fur neuc 
Typen ist nur noch eine geringe — langsam schreitct darum 
audi die Entwicklung vor. 

Bei der wachsenden Verschiedenheit der Personlichkeitcn, 
denen Umbildung und Weiterbildung des Typus anvertraut ist — 
der Stand der monchischen oder durch geistliche Denkungsweise 
beeinflussten Kiinstler nimmt jetzt seine folgenschwere Ent- 
wicklung zu einem Laienkiinstlerthuni — wachst sofort auch 
die Verschiedenheit ihrer Erzeugnisse. Im 15. Jahrhundert 
finden wir in den verschiedenen Landern und Landschaften 
schon wesentlich abweichende Spielarten des einen Haupttypus. 

Auf deutschem Boden bestehen zwischen den rheinischen 
Schopfungen einerseits, den sachsischen und siiddeutschen andcrer- 
seits wesentliche Unterschiede. Den Eheinlandcn mangel te von 
je eine kraftige Plastik, das malerische Empfinden war es, das 
hier in den Vordergrund trat. Die Rheinlande waren auch am 
ehesten dem Eindringen der in Frankreich herrschenden Vorliebe 
fiir schlanke, biegsame, iiberzierliche und verzartelte Gestalten 
ausgesetzt. Dazu kommt, dass im 14. Jahrhundert hier cine 
weichliche Gefuhlsinnigkeit und schwarmerische Mystik Platz 
griff, die, indem sie laut gegen die Eechte des Fleisches pro- 
testirte und einen kraftigen Korper als das argste Hinderniss 
der Gottesgleichheit auffasste, der Ausbildung einer kraft- 
strotzenden, stammigen Korperlichkeit direkt entgegentrat. Don 
schw^chlichen, schwindsiichtigen und demiithigen Kaiscrbildern 
der Aachener Tafeln, die so geschaffen wurden, stehen ent- 
schieden gegeniiber die Bildnisse auf sachsischem Boden, dessen 
Bewohner wie kein zweiter deutscher Stamm eine hohe plastische 
Begabung empfangen hatten. Karls Figur wird gedrungener, 
kraftiger, encrgischer jede Bewegung, in der Haltung spricht 
sich ein gewisses Selbstvertrauen aus, der Kopf wird machtiger, 
wiirdevoller. Und Siiddeutschland steht, was den Gesammt- 
eindruck der dort hervorgebrachten Gestalten betrifft, zwisclicn 
beiden. 

In Frankreich bestehen neben einander der hofische Typus 
des zierlichen, kurzbartigen Hitters und der sagenhafte des 
langbartigen, riesenhaften Greises: das Aeussere der beiden 



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126 P. Clemen 

Gestalten selbst zeigt an, wess Geistes Kind sie sind: — die 
erste ward geschaffen von der feingesitteten Hofdichtung, die 
zweite von der rohern, aber ursprunglichern Volkspoesie. Dem 
normannisch-franzosischen Herrscherideal entsprach die derbe 
Kraftgestalt des struppig bartigen Kaisers wenig: die fein- 
gesittete, hofische Anschauung Nordfrankreichs schuf sich audi 
fur Karl d. Gr. ein Bild nach ihrem Ritterideal, die Gestalt 
nicht iibergross, fast zierlich, die Ziige fein geschnitten, ein 
wohlfrisirter Lockenkopf, der Vollbart kurz, gekrauselt. Es 
taucht dieser Typus zuerst in St. Denys auf, findet dann seine 
Weiterbildung in direkter Anlelmung in Chartres: ein speziell 
franzosischer Typus, beschrankt er sich aueh auf franzosischen 
Boden, franzosische Miniaturen bilden ihn weiter, die aussersten 
Endpunkte seines Gebiets nach Osten bezeichnen die Glasfenster 
im Strassburger Munster und die grosse Buste im Aachener 
Domschatz, die wohl am besten hier einzureihen ist. Wenn 
trotzdem dieser Typus, so z. B. in den Fenstern zu Chartres, 
fast gar nicht tiber die andern dargestellten Personen sich 
emporhebt, so liegt dies einmal darin, dass das franzosische 
Herrscherideal eben nur das gesteigerte Ritterideal war, der 
ritterliche Konig von den Rittern seiner Umgebung also nicht 
zu trennen war, sodann aber hemmt das im 12. Jahrhundert 
aufkommende nivellirende franzosische Darstellungsschema jede 
individuelle Durchbildung. 

In jeder Periode der kiinstlerischen Entwicklung und in 
jeder einzelnen der lokalen Gruppen sind die Fragen scharf zu 
trennen: 

Ist die Aenderung der vorliegenden Figur oder des vor- 
liegenden Motivs bedingt durch den der Zeit eigen- 
thtimlichen Formensinn? — und 

Liegt ein Fortschritt vor in geistiger Durchdringung des Vor- 
wurfs und eine Steigerung der kiinstlerischen Phantasie- 
thatigkeit? 

Danach sind Aenderungen des Formenkanons der Gestalten, 
zum Theil audi des Kostiims als nur durch den Wechsel des 
Stils bedingt, einer Abwandlung des Motivs, der Haltung gegen- 
iiberzustellen. In dem vorliegenden Falle ist die durchgreifende 
Aenderung, die das Bild Karls in der hofischen franzosischen 
Kunst erfahrt, lediglich eine Folge des neuen intoleranten Formen- 
ideals. In der Nothwendigkeit der Aufstellung dieser Fragen 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 127 

liegt zugleich ein weiterer Beweis fur die Berechtigung der 
lokalen Gruppirung gegentiber der Anordnung und Aufzahlung 
der Denkmaler nach dem Material, dem ausserliehsten aller 
Unterscheidungsmittel. Jede Zusammenfassung ohne Beriick- 
sichtigung des Orts der Entstehung bedingt das Verwischen und 
Absclileifen sammtlicher lokaler Eigenthumlichkeiten zu Gunsten 
eines gemeinsamen Ergebnisses. Ein Zusammenschweissen der 
Vorstellungen, die im 13. Jahrhundert von Karl in Obersachsen 
und in Nordfrankreich bestanden, wurde iiberhaupt kein einheit- 
liches Eesultat ergeben. Die beliebte Anordnung: Skulpturen, 
Mosaiken, Wandmalereien, Miniaturen ist nur da zu bertick- 
sichtigen, wo das Material eine Aenderung der aussern Form 
bedingt. Ein methodischer Unterschied ergibt sich hier weiter 
fur die Behandlung der Ikonographie von kirchlichen und profanen 
Gestalten. Fur beide gilt gleichmaBig, dass nur zu annahernd 
gleicher Zeit entstandene literarische und klinstlerische Ueber- 
lieferungen zu vergleichen sind. Wahrend aber die kirchliche 
Tradition, zum Theil bedingt durch die Organisation der Kirche 
selbst, in Mitteleuropa im Wesentlichen zu gleichen Zeiten gleiche 
Ztige aufweist, ist die profane Sage enger an Oertlichkeiten 
gebunden und mit dem Boden, auf dem sie entstand, verwachsen. 
Fur die Behandlung der Ikonographie von Einzelfiguren, die den 
Mittelpunkt einer zunachst lokalen profanen Sage darstellen, 
ergibt sich so die Nothwendigkeit, womoglich auf den direkten 
Nachweis der verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen lite- 
rarischen und kiinstlerischen Schopfungen am gleichen Ort den 
Nachdruck zu legen. Bei der nur sporadischen Anerkennung der 
Kanonisation Karls, wodurch seine Verehrung auf einzelne Orte und 
Gegenden beschrankt ward, war dies in dem vorliegenden Falle 
schlagend nachzuweisen. Eine Geschichte des Interesses an der 
Figur — der Verehrung bei einer kirchlichen, der Verbreitung der 
Sage bei einer profanen — grenzt dann als Vorarbeit das Gebiet 
geographisch ab, in dem zunachst nach kiinstlerischen Dar- 
stellungen zu suchen ist. Tndem aber die Schilderung dieses 
Interesses nicht statistisch aufzahlend, sondern in geschichtlicher 
Folge gegeben wird, ergeben sich zugleich die Mittelpunkte, 
von denen aus die Entwicklung ihren Ausgang genommen, und 
damit die Orte, wo am friihesten kunstlerische Verkorperungen 
entstehen konnten. 

Wie in der weltblirgerlichen Periode des 12. Jahrhunderts, 



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128 P. Clemen 

da die Volker im ungehemmten Austausch ihrer Fahigkeiten 
von alien Seiten annahmen, was sich ihnen darbot, von Frank- 
reich aus ein neugeschaffener Typus ganz Mitteleuropa sicli 
unterthanig machte, so erobert sich in der nationalen Epoche 
vom Anfang des 16. Jahrhunderts. da nur der Siiden eben 
leise einzuwirken begann, ein in Franken ausgebildeter Typus 
die Herrschaft iiber ganz Deutschland. Diirer war es, der am 
Ausgang des Mittelalters den Kaisertypus in einer endgiiltigen 
Form auspragte — es besteht kein Zweifel, dass sein in ganz 
Deutschland bekanntes Bild von da ab bis auf unsere Zeit 
beeinflussend gewirkt hat: das Motiv der leicht gewellt herab- 
fallenden und auf den Schultern in reichem Gelock aufliegenden 
weissen Haare ward seitdem iiberall angewandt. Aber auch 
hier, bei der grossten und geistig freiesten Personlichkeit der 
deutschen Renaissancekunst sehen wir die beiden Grundgesetze 
der Typenentwicklung deutlich bestatigt: einmal, dass jeder 
Kunstler bis zu einem gewissen Grade an das bereits Geschaffene 
gebunden ist, aus dem einfachen Grunde der Erkennbarkeit 
seines Werkes, dass er auf die Schultern von Genera tionen 
seiner Vorganger tritt und nicht die schopferischste, wohl aber 
die kiinstlerischste That vollbringt, das Werk der Idealgestalt 
der Phantasie am vollkommensten nahernd — und dann, dass, 
wo der Kiinstler Neues hinzutragt, dies iiberall und in jedem 
einzelnen Falle auf Gedankenassoziation beruht. Wie Diirer fiir 
sein Christusbild die Ziige des eigenen schongezeichneten Kopfes 
mit dem prachtvollen Lockenschmuck, auf den er so stolz war, 
benutzte, so ward das Modell zu seinem Kaiser Karl der gekronte 
Historiograph Johann Stabius, dessen ihm wohlbekannte Zuge 
er hier bewusst oder unbewusst verewigte. 

Wenn wir unbefangenen Auges die Reihen der literarischen 
und die der kiinstlerischen Portrats mustern und mit einander 
vergleichen, so springt gleichwohl ein nicht unbedeutender Unter- 
schied in die Augen, es scheint sich ein geringeres MaB der 
Ausdrucksfahigkeit in den kiinstlerischen Portrats zu ergeben. 

Die Grunde hierfiir sind doppelter Art. Einmal kommt 
von den beiden durch literarische Ueberlieferung geschaffenen 
Portrats der kirchlichen und volksthtimlichen Gestalt des Kaisers 
iiberwiegend nur das eine zur Sprache. Die meisten erhaltenen 
Bildnisse des Kaisers verdanken ihre Aufstellung der Initiative 
der Kirche: damit fanden sie auch zum grossen Theil an und in den 



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Die Portr&tdarstellungen Earls des Grossen. 129 

Gotteshausern selbst Platz. Obwohl nun das kirchliche Portrat 
eine grosse Zahl von volksthumlichen Seiten aufgenommen hatte, 
so kommt doch auch eine ganze Reihe von Ziigen vollig in Wegfall. 
Denn das Bild Karls ward aufgestellt zu Zwecken der Ver- 
ehrung — nach der Kanonisation rausste, wie die Legende 
seines Lebens, so auch seine Gestalt dera allgemeinen Heiligen- 
charakter angepasst werden. Und damit wurden alle leiden- 
schaftlich bewegten Ztige unmoglich gemacht, unvereinbar vor 
Allem mit seiner kirchlichen Stellung erschien der unb&ndige Stolz, 
den seine Gestalt in der Volkspoesie athmete. Das ist die Ursache, 
dass Frankreich weniger kiinstlerische Portrats als Deutschland 
besitzt, obgleich es die grossere Anzahl literarischer Portrats 
aufzuweisen hat. 

Der zweite Grund liegt in den &usserlichen Umstanden der 
Darstellung. Fast nieraals tritt Karl in einer Handlung auf, 
sondern vorwiegend als Einzelgestalt. So verlangte sein Bild 
auch die statuarische Ruhe, die zunachst das Anliegen der 
Extremitaten an den Korper und eine abgeraessene, womoglich 
syrametrische Bewegung, etwa in Contrapost, bedingte. Dadurch 
kommt eine zweite wesentliche Beschrankung hinzu: der Kunstler 
hat nicht mehr die Freiheit, durch die Handlung selbst zu 
charakterisiren, sondern ist verwiesen auf die Ausdrucksmittel 
der Attribute und der Gesichtsbildung. 

Und hier ergab sich der Widerspruch mit der literarischen 
Charakteristik. Diese war der Personalschilderung abhold, malte 
eben im Grossen und Ganzen den Charakter nur in der Hand- 
lung selbst, liess die einzelnen Eigenschaften der Helden nicht 
durch Worte, sondern durch Thaten dem Horer gleichsam greif- 
bar entgegentreten. Am konsequentesten verfahrt in dieser 
Richtung das altfranzosische Rolandslied. Die Moglichkeit, die 
hier auf dem literarischen Gebiet erworbene Fahigkeit auf dem 
rein kiinstlerischen zu verwerthen, war abgeschnitten : der Kunstler 
selbst auf ein Ausdrucksmittel verwiesen, das bei der Dicht- 
kunst nur wenig Anwendung gefunden hatte. Bei der schopferischen 
AVechselwirkung von Dichter und bildendem Kunstler zur Aus- 
bildung einer Gestalt fiel so die Wirksamkeit des einen Theils 
zur Halfte weg, musste demnach auch das Gesammtergebniss 
ein schw&cheres sein. Viel mehr als in der statuarischen 
Wiedergabe ist darum auch der Charakter des literarischen 
volksthumlichen Portrats gewahrt in den Illustrationen der Er- 

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130 P. Clemen 

zahlungen, die auf der Grenze zwischen Heiligenlegende und 
Heldenroman stehen, auf den Glasgemalden von St. Denys 
und Chartres, in den deutschen Handschriften zu Heidelberg, 
St. Gallen, Bonn und den franzosischen zu Paris, London, 
Brussel. 

Schranken wir aber die literarisclie Charakteristik auf alle 
die Ztige ein, die selbst bei der Schilderung der nicht handelnden 
Person an sich betont werden, auf diejenigen also, welche bei 
der kunstlerischen Wiedergabe in jedem Palle Verwendung finden 
konnten, so ergibt sich: die charakteristischen Ziige der Per- 
sonlichkeit sind schon in der literarischen Ueberlieferung tiber- 
setzt in die ktinstlerische Sprache, es ist Alles dem Bildner 
mundrecht gemacht, nicht die Wirkung ausgedruckt, sondern 
dasjenige bezeichnet, das die Wirkung hervorruft. Und liier 
treffen wir wiederum auf einen auffallend geringen Vorrath von 
aussern Ziigen, die fur innere Eigenschaften charakteristisch 
sein sollen: bei genauer Analyse der zu diesem Zwecke im 
dritten Theil unserer Abhandlung in grosserer Zahl aufgeflihrten 
Personalbeschreibungen finden wir wieder und wieder angewandt 
diese vier: den grossen Kopf, die langen Locken und den langen, 
weissen Bart, die machtige Nase, die grossen, leuchtenden Augen. 
Alle feinern Abstufungen kommen fur den Typus in Wegfall. 
Diese auszubilden und einzufugen ward der Individualist der 
einzelnen ktinstlerischen Bestrebungen tiberlassen. Die vier 
angegebenen Punkte bilden darum auch die gemeinsame Grund- 
lage fftr die allgemeine Auffassung Kaiser Karls d. Gr. in 
Deutschland wie Frankreich und Italien, auf der die nach Land 
und Landschaft verschiedene ktinstlerische Begabung die end- 
gultige Ausgestaltung der Personlichkeit zu erreichen suchte. 

Diese Ergebnisse beweisen die Unmoglichkeit, ohne Weiteres 
eine literarische und eine ktinstlerische Schilderung zu vergleichen. 
In der Einleitung waren beide als Niederschlage derselben 
gestaltenden Einbildungskraft in zwei verschiedenen Sprachen 
bezeichnet worden. Beide Sprachen haben aber nun die ihnen 
eigenthumlichen Ausdrucksformen. Und ihre Grenzen sind ftir 
jede Periode besonders festzusetzen. Abzuscheiden beim Vergleich 
ist also von vornherein jedes Element, woftir der andern Sprache 
die Moglichkeit des Ausdrucks mangelte. Dann ist die Frage 
aufzuwerfen, ob fur die ktinstlerische Schilderung dieselbe itussere 
Freiheit vorlag wie fur die literarisclie. Ftir Karl musste sie 



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Die Portratdarstelhmgen Karls des Grossen. 131 

aus den zwei oben angegebenen Griinden verneint werden. Es 
liegt hieran eine weitere Einschrankung des Vergleichs. Zur 
Gegeniiberstellung gehort auch die ungefahre Gleichlieit der Ge- 
staltungskraft der schaffenden Subjekte auf beiden Seiten. 

Um die Grenzen der Ausdrucksfahigkeit der literarischen 
und klinstlerischen Schilderung festsetzen zu konnen, ist in 
letzter Linie die Ausbildung der jemaligen Technik zu unter- 
suchen, sowohl die Gewandtheit des sprachlichen Ausdrucks 
wie der Zustand der technisch kiinstlerischen Mittel. Bei der 
Betrachtung der kiinstlerischen Leistungen liegt die Antwort 
nahe, dass es der Mangel an Anschauung ist, d. h. an Nicht- 1 
sehenkonnen, der das geringe Mafi des Ausdrucks in denselben 
verschuldet babe. Die vorliegende Untersuchung gibt einen Theil 
des Beweises, dass nicht in dem Mangel an Anschauung der 
Grand zu suchen ist, dass im Gegentheil die literarische Schilde- 
rung das Vorhandensein derselben in hohem Grade zeigt. Es 
ist oben angedeutet worden, durch welche gliicklichen Umstande 
es ermoglicht worden, dies gerade im vorliegenden Falle mit 
Sicherheit nachzuweisen, indem das Vorbild Einhards alle spatern 
Schilderungen zur gleichen Breite veranlasste. War aber die 
Anschauung vorhanden, das zu erreichende Ziel somit bekannt, 
so liegen nur zwei Moglichkeiten zur Erklarung yor: Mangel 
an Wollen oder an Konnen — entweder fehlte die Absicht, eine 
Darstellung zu geben, die der Wirklichkeit oder deni flir der 
Wirklichkeit entsprechend angesehenen Bild gliche, oder es 
fehlte die technische Geschicklichkeit. In dem erstern Falle — 
Mangel der Absicht — sind wieder zwei besondere Falle zu 
scheiden: einmal ein thatsachlicher Mangel an Interesse an dem 
darzustellenden Gegenstand, und zweitens ein absichtliches oder 
bewusstes Verzichten auf realistische Wiedergabe zu Gunsten 
eines gemeinsamen Typus oder eines der Wirklichkeit fur uber- 
legen erachteten Formenideals. Die Frage nach den vorhandenen 
technischen Mitteln ist von durchgreifender Wichtigkeit fur ein 
tieferes Erfassen der Kunst des Mittelalters tiberhaupt. 

Eine ikonographische Einzelbetrachtung kann die Antwort 
hierauf nicht ertheilen. Erst wenn die Ergebnisse einer ganzen 
Reihe von ikonographischen Untersuchungen neben einander 
gestellt werden konnen, wird es moglich sein, in der Forschung 
weiterzusclireiten. Aus den Resultaten auf die beiden oben auf- 
gestellten Fragen, ob die Aenderung des Vorwurfs durch den der 

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132 P. Clemen 

Zeit eigenthiimlichen Formensinn oder ein Mehr der Gestaltungs- 
kraft bedingt sei, wird mit der grossten Bestimmtheit die Antwort 
herauszulosen sein auf zwei weitere Fragen. Einmal wird die 
Kraft des jeweiligen Formenideals gegeniiber einem ihm wider- 
strebenden Typus und dann die Kraft einer Periode im Neu- 
schaffen von Typen abzumessen sein. 

Das Interesse, welches die Untersuchung iiber das Portrat 
in einer primitiven kiinstlerischen Epoche bietet, ist nicht viel 
mehr als ein antiquarisches. Auch in den zunachst liegenden 
Resultaten der ikonographischen Betrachtung, in der nackten 
Aufzahlung der Wegstationen der Ausbildung einer Figur, eines 
Motivs, einer Gruppe mochte ich nicht den Schwerpunkt erblicken. 
Dieser liegt in den Ergebnissen allgemeiner Art, in der Fest- 
stellung des Zusammenhangs zwischen literarischer und ktinst- 
lerischer Ueberlieferung und der Ermittlung der Gesetze, denen 
die Ausbildung beider unterliegt. Fur die Kunstgeschichte ist 
der Nachweis, ob sich die Karolinger rasirt oder nicht, von 
nicht eben grosser Bedeutung, von weit hoherer aber jeder 
Beitrag zu einer Antwort auf die Fragen nach den Gesetzen 
der kiinstlerischen Entwicklung. 

Die letzte Frage, welche sich hier ergibt, ist die, auf Grund 
welcher Vorgange in der Phantasiethatigkeit ausserliche Ziige 
oder Bewegungen der menschlichen Gestalt — hiernach scheiden 
sich dauernde und moraentane Charakteristik — bezeichnend 
geworden sind fur innere Empfindungen, auch soweit die erstern 
sich nicht rait Reflexbewegungen decken. Bei einer grossern 
Fiille von Resultaten wird fur jede einzelne, nicht graduelle, 
sondern essentielle Abstufung des Erapfindungslebens das typische, 
mit Handen zu greifende kunstlerische Ausdrucksmittel der 
wortlichen Bezeichnung des Abstractums gegeniiberzustellen 
sein, so dass sich damit die Geschichte der typischen Ausdrucks- 
weise der mittelalterlichen Kunst und ihre Entwicklung zur 
individuellen ergeben wird. Und damit erlangt die Ikonographie 
die Moglichkeit, mit strengster Wissenschaftlichkeit auf dem 
Wege einer induktiven Kunstpsychologie vorzudringen zur 
Geschichte des kiinstlerischen Subjekts und damit zur Geschichte 
der Personlichkeit iiberhaupt. 



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Die Portratdarstellungen Karls dea Grossen. 133 

Exkurs. 
Die Anfange der Chronikenillustration. 

Eine ganze Gruppe von Handscliriften mit Portratdar- 
stellungen der deutschen Kaiser kommt fur die Entwicklungs- 
geschichte der Einzeldarstellung nicht so in Betracht wie fur 
die Ausbildung eines gemeinsaraen Schemas. Es sind dies Hand- 
schriften historischen, und zwar annalistischen oder diplomatischen 
Inhalts, denen am Rand oder im Text die Bildnisse der Herrscher, 
von denen die Rede, oder der furstlichen Aussteller der Urkunden 
beigegeben sind. Diese Portratreihen machen eine allmahliche 
Entwicklung zu grosserer Ausdehnung und immer hoherer 
Vollendung durch: die Darstellungen der Einzelbildnisse werden 
zu historischen Scenen erweitert. Dadurch werden diese un- 
scheinbaren Zeichnungen die Keime der spater immer grdssern 
Umfang annehmenden Illustrationscyklen der Chroniken. Wir 
hatten in den Bildern der Rechtshandschriften das erste Auf- 
treten der Schilderung zeitgenossischer Ereignisse gesehen: hier 
wird der Faden wieder aufgenommen, der zur Illustration der 
gleichzeitigen geschichtlichen Vorgange heriiberleitet. Wir scheiden 
diese Handschriften vorerst nach einzelnen Gattungen, nicht 
nach lokal gesonderten Familien. Die erste Gruppe, die sich 
bis in das 15. Jahrhundert erhalt, bildet die Illustration durch 
kleine Medaillons mit den Brustbildern der Konige, meist in 
einfachster Federzeichnung auf farbigem Grunde. War schon 
die geringe Grosse des zu Gebot stehenden Raumes einer 
individuellen Gestaltung hier hinderlich, so noch mehr die grosse 
Anzahl der Bildnisse und die dadurch bedingte handwerksmaBige 
Ausfiihrung. Karl war der einzige deutsche Kaiser, fur dessen 
Darstellung sich im Mittelalter eine bestimmte Tradition gebildet: 
hatte aber wie hier der Zeichner eine ganze Reihe von Medaillons 
auszufullen, so ward das einzelne Abweichende durch die Fiille 
des Gemeinsamen erdriickt. 

Zu nennen sind aus der grossen Zahl dieser Handschriften 
als Codices diplomatischen Inhalts das Cartularium Folcuini in 
der Bibliothek zu Boulogne (Cod. 186) * und das Registrum 
Petri Diaconi in der Bibliothek zu Montecassino 2 , von Chroniken 



') Archiv VIII, S. 404. 
2 ) Archiv XII, S. 500. 



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134 P. Clemen 

die Weltchroniken der Vatikana (Bibl. regin. Christin. 507) \ 
der Nationalbibliothek zu Paris (Cod. lat. 4939) 2 , der furstlich 
Oettingen-Wallensteinschen Bibliothek zu Maihingen (Cod. 16) 8 , 
der Bibliothek zu Wolfenbuttel (Cod. Helmst. 205) 4 , der Uni- 
versitatsbibliothek zu Zurich (Cod. 40) 5 , der Vatikana (Cod. I960) 6 . 
Diese Illustrationsmanier ward bald weitergebildet. Die 
Brustbilder der Donatoren vor den Urkunden wurden erweitert 
zu Darstellungen der Ueberreichung der Urkunde durch den 
Aussteller, so in dem schon genannten Chronicon Vulturnense 
der Vatikana (Cod. Barber. 871) 7 , im Codex aureus des Klosters 
Echternach in der Bibliothek zu Gotha (Cod. lat. 71) 8 und im 
Nekrologium der Abtei St. Sophia zu Benevent 9 . Von fran- 
zosischen Denkmalern kommen vor Allem in Betracht die kurze 
Chronik der Abtei von St. Martin-des-Champs im Britischen 
Museum (Cod. Add. 11 662), schon im 1 1 . Jahrhundert entstanden, 
das Cartularium des Klosters St. Michael in der Stadtbibliothek 
zu Avranches (Cod. 80) 10 , zwischen 1150 und 1154 geschrieben, 
und das dem Ende des 12. Jahrhunderts entstammende Car- 
tularium monasterii Marchianensis im Departementsarchiv zu 



") Archiv XII, S. 266. 

2 ) Ncues Archiv VI, S. 478. 

3 ) Neues Archiv VII, S. 174. 

4 ) Heinemann, Handschriften der herz. Bibl. zu Wolfenbuttel I, S. 185. 

5 ) Archiv VII, S. 181. 
«) Archiv XII, S. 229. 

7 ) Abbildungen bei Muratori, SS. rer. Italic. II, pars II, p. 349. 

8 ) Vgl. dariiber Fr. X. Wurth-Paquet, Liber aureus de l'abbaye 
d'Echternach, in den Publications de la societe pour la recherche et la con- 
servation des mon. hist, dans le Grand-Duch6 de Luxembourg XVI, p. 2. 
Abgedruckt Martene et Durand, Amplissima collectio IV, p. 454; Mon. 
Germ. SS. XXIII, p. 11—72. Vgl. noch Publications etc. 1870, p. 303; Jacobs 
mid Uckert, Beitrage II, S. 349; Rathgeber, Pie herzogl. Gemaldegallerie 
zu Gotha S. 21; Marx, Geschichte des Erzstifts Trier III, S. 359; 
Michel, Catalogue des abbSs d'Echternach: Programme du progymn. d'Echter- 
nach 1844; Comptc-rendu des seances de la comm. royale d'hist. de Bclgique I, 
p. 78, 83, VII, p. 241, 259; Sickel, Acta Karolinorum II, p. 220; Beitrage 
zur Diplomatik V, S. 76; Archiv XI, S. 338; Lamprecht, Initialornamentik 
S. 31, Nr. 109. Die Handschrift enthalt neben denKopien nach friihottonischen 
Portratbildern eine Reihe der feinsten und zicrlichsten Federzeichnungcn der 
rheinischen Schule unter deutlich sichtbarem franzbsischen Einfluss. 

9 ) Seroux d'Agincourt, Peinture, pi. LXVIII. 
10 ) Archiv VIII, S. 381. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 135 

Lille 1 , in welchem die Bilder der Aussteller der Urkunden in 
die Initialen eingefiigt sind. Das bedeutendste Werk dieser 
Gattung ist aber das Cartularium monasterii Casauriensis in 
der Nationalbibliothek zu Paris (Cod. lat. 541 1) 2 . Die von dem 
Bruder Johannes Berardi geschriebene Haudschrift enthalt in 
feiner brauner Federzeichnung die Bildnisse sammtlicher Aebte 
und von dem Stifter Kaiser Karl an die Darstellungen der 
hauptsachlichsten weltliclien und geistlichen Herrscher, bis auf 
Papst Alexander III., die den neben ihnen abgebildeten Vor- 
stehern des Klosters die Privilegien iiberreichen. 

Eine andere Erweiterung der einfachen Illustration mittelst 
der kleinen Medaillons bot die Vereinigung derselben durch 
Bindestriclie zu Stammbaumen. Schon langst hatten sich wieder- 
holt in den Handschriften Stammbaume gefunden, bei denen 
die einzelnen Namen in kleinen roth gezeichneten Kreisen an- 
gegeben waren: jetzt setzte man an die Stelle des Namens das 
Brustbild des Namenstragers 3 . 

Die einfachste Gattung dieser Gruppe wird erst durch ein 
spateres Werk vertreten, die Handschriften von des Bernardus 

J ) Archiv XI, S. 527. Der grossere Theil im 13., 14. und 15. Jahr- 
hundcrt hinzugesetzt. 

2 ) Der Schreiber nennt sich auf fol. 272 b , wo cr sein eigenes Bildniss 
angebracht hat. Die am B-ande der Haudschrift hinlaufende Chronik von 
Casaura abgedruckt bei d 'Ac her y, Spicilegium (Ausgabe v. Baluze u. Martcue) 
II, p. 929. Vgl. Archiv XI, S. 485. 

8 ) Es finden sich diese Stainmtafeln zuerst in den Handschriften der 
Origines des Isidorus kunstlerisch verwerthet, hier aber nur fur Abstracta 
und in einem pyramidenformigen Aufbau, der nur oben durch zwei Brust- 
bilder gekront wird, so im Cod. 231 saec. X der Stiftsbibl. zu St. Gallen auf 
p. 340 und 341 und im Cod. 42 der Ministerialbibliothek zu Schaffhausen 
auf fol. 153 b . Schon urn 1130 lasst Abt Manegold in St. Gallon (Cas. s. 
Galli, c. 37, SS. II, p. 101) an der kassettirten Holzdecke einen Stammbaum 
ausfiihren. Vgl. J. Neuwirth, Die Bauthatigkeit der alamannischen Kloster, 
in den Wiener Sitzungsberichten 1884, S. 23; J. von Arx, Geschichten d. 
Kant. St. Gallen I, S. 237. Die grosste Ausdehnung linden diese Stammbaume 
fur biblische Geschichte erst im Cod. lat. 8201 (Cod. c. pict. 7) der Staats- 
bibliothek zu Miinchen. Im Cod. 171 saec. XIII der Bibl. zu Vendome finden 
die Stammbaume dem Isidor entsprecheud Anwendung fur die Abstufung der 
Tugenden wie im Cod. lat. 7211 saec. XIII der Nationalbibl. zu Paris fur 
die Disciplinen der musikalischen Wissenschaft. Die freieste kiinstlcrische 
Verwendung findet das Motiv flir die Gruppirung der Tugenden und Laster 
in den Handschriften des Speculum virginum des Konrad von Hirsau, im 
Cod. 252 zu Troyes auf fol. 29 b und 30 a , im Cod. 282 zu Arras auf fol. 
23 a und 23\ 



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136 P. Clemen 

Guido Werk De origine prima gentis Francorum. Die Stamm- 
vater der einzelnen Herrscherfamilien tragen den Stammbaum, 
aus dem organisch die Aeste und Zweige liervorwachsen, an 
welche die Medaillons mit den ganzen Figuren oder den Brust- 
bildern der einzelnen Glieder der Familie angeheftet sind. So 
ira Cod. lat. 90 der Bibliothek zu Montpellier *, im Cod. R. 4. 
23 des Trinity College zu Cambridge, im Cod. 295 der Bib- 
liothek des Bernhardsklosters zu Alcobaza in Portugal, im Cod. 
lat. F. 106 der kgl. Bibl. zu Dresden. Dem dicken Mittelstamm 
sind hier meist grossere Medaillons mit der Darstellung der 
Konige in ganzer Figur, mit Krone, Schwert und Reichsapfel, 
einverleibt, wahrend die kleinern Brustbilder seitwarts ange- 
bracht sind. 

Aber schon vor Bernardus Guido haben die illustrirten 
Handschriften der Chronik des Ekkehard von Aura einen weitern 
Schritt vorwarts gethan. Von den vier verschiedenen Text- 
redaktionen wird eine jede durch eine illustrirte Handschrift 
vertreten 2 . 

Die Weltchronik bis zum Jahre 1106 enthalt der Cod. Ms. 
Bos. 19 der Universitatsbibliothek zu Jena, aus den ersten 
Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts stammend 3 . Er bringt auf 
Bl. 152 b und 131 b zwei grosse Stammbaume des karolingisclien 
und sachsischen Hauses. Die Eltern des h. Arnulf halten eine 
Pergamentrolle empor, aus welcher sich der Stammbaum der 
Arnulfinger entwickelt, auf dem zweiten Blatt geht von der 
Hand des thronenden Ludolf der Baum aus. Beide Stammbaume 
zeigen aber in den Medaillons noch nicht die Brustbilder, sondern 
nur die Inschriften. Wahrend die eine der die zweite Text- 
redaktion — Umarbeitung der Weltchronik fur Heinrich V. und 
Erkembert fur Corvey — enthaltenden Handschriften, Cod. lat. 
4889 der Nationalbibliothek zu Paris 4 , nur den Raum fur den 
einen Stammbaum auslasst, also ofFenbar auf Illustration bestimmt 
war, zeigt die im Dom zu Havelberg entdeckte, jetzt Berliner 



*) Archiv VII, S. 688. 

2 ) Vgl. N. Reininger, Abtei Aura und Ekkehardus, im Archiv d. 
histor. Vereins fur Unterfranken XVI. Dazu Sybels histor. Zeitschrift VII, 
S. 378; Wattenbach a. a. 0. II, S. 169. 

8 ) Archiv VII, S. 471. Aus Bamberg nach einer Inschrift des 15. Jh.: 
Codex monasterii sancti Michaelis in monte prope Babenberg. 

4 ) Archiv VII, S. 483. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 137 

Handschrift die bedeutendste Ausdehnung der Stammbaunie K 
Zu den drei garizseitigen Tafeln in schwarzbrauner, leicht mit 
Roth kolorirter Federzeichnung tritt eine grossere Illustration: 
die Uebergabe der Reichsinsignien an Heinrich V. Die Medaillons 
mit den Namen sind auf dem ersten Blatt ersetzt durch ein 
machtiges, in zwolf Etagen aufsteigendes, -von drei Thiirmen 
gekrontes Gebaude, aus dessen aufgeschlagenen Fenstern die 
einzelnen Karolinger, bis zur Brust sichtbar, herausschauen, 
theilweise mit einem langen Spruchband in der Hand. In den 
obersten Rundbogen sitzen die Eltern Arnulfs in ganzer Gestalt. 
Aehnlich ist die Anordnung der zweiten Tafel. Auf der dritten 
halt Konrad II. das Medaillon seines Sohnes Heinrich III. empor, 
dem sich die der iibrigen Glieder der Familie anschliessen 2 . 
Die Redaktion der Kaiserchronik bis zum Jahre 1113 illustrirt 
Cod. 373 der Bibliothek des Corpus Christi College zu Cam- 
bridge. Derselbe ist im Jahre 1115 geschrieben und mit vier 
Zeichnungen versehen 3 , die Heinrich III. und Heinrich IV. auf 
dem Throne sitzend, die Uebergabe der Reichsinsignien an 
Heinrich V., endlich das Konigsmahl bei der Vermahlung 
Heinrichs V. mit Mathilde in einfacher Federzeichnung schildern, 
nur das letzte Bild ist leicht kolorirt. Die Weltchronik bis zum 
Jahre 1125 illustrirt endlich Cod. Hist. fol. 411 der kgl. Biblio- 
thek in Stuttgart 4 . Sie hat von dem altern Bilderkreis nur 
beibehalten die Stammbaume mit den Eltern Arnulfs und Ludolf, 
dafiir aber eine Anzahl grosserer und kleinerer Illustrationen 
eingeflochten, zwei ganzseitige Miniaturen, auf der einen eine 
ernste, thronende Sibylle, der ein kleiner Kobold ins Ohr fliistert, 
auf der andern der Schreiber bei seiner Arbeit, endlich einige 
fliichtige Illustrationen zu dem geschichtlichen Inhalt selbst, so 
Hannibal, Plautus, Antiochus. Dass wir gerade hier die reichste 



*) Riedel, Nachricht von der Auffindung einer Reihe von Handschriften 
des ehemal. Domkapitels zu Havelberg, im Serapeum I, S. 177. 

*) Cod. lat. 4889. A saec. XIII der Bibl. nat. zu Paris, der dieselbe Text- 
redaktion enthalt, gibt nur Initialen auf fol. 10, 71, 74, 75, 80, 81. 

s ) Vgl. Archiv VII, S. 493. Photographien der Hs. verdanke ich Richard 
Stettiner. 

4 ) Archiv I, S. 367, II, S. 309, VII, S. 499. Ueber dazu gehbrige 
Fragmente vgl. Holder-Egger im Neuen Archiv XIV, S. 175. Die Rathsel 
in der Geschichte des Apollonius von Tyrus fol. 23 9 a — 247 b abgedruckt bei 
Massmann, Denkmaler deutscher Sprache und Litteratur. Ueber die Text- 
zusammensetzung vgl. den handschriftlichen Katalog von He yd. 



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138 P. Clemen 

Fiille von bildlichen Darstellungen finden, darf uus uicht Wunder 
nehmen: die Handschrift stammt aus Kloster Zwifalten, aus der 
beruhmten schwabischen Schreibschule, die wie keine zweite in 
der Federzeichnungsillustration tuchtig und eifrig war 1 . 

Am vollendetsten sind die Illustrationen der Clironik von 
St. Pantaleon, welche Otto, der Schoffe zu Neuss, anfertigte, 
erlialten im Cod. 74, 3. ms. Aug. zu Wolfenbiittel 2 und im Cod. 
lat. 467 zu Briissel 3 , beide dem Anfang des 13. Jahrhunderts 
entstammend. Wie die textliche Zusammensetzung sich an die 
Chronik des Ekkehardus Uraugiensis anlehnt und zwar in der 
altera Gestalt bis 1106, so ward auch bei der Wahl des Bilder- 
sclimucks die schwabische Sammlung maBgebend. In der AVolfen- 
biitteler Handschrift sind die Stammbaume der Karolinger und 
der Sachsen, der letztere aber bis auf Friedricli II. hinabgefuhrt, 
nach der Berliner Handsclirift des Ekkehard eingefugt. In der 
Briisseler Handschrift nehmen die beiden Stammbaume auf fol. 
1 7 b und 34 a nur eine nebensachliche Bedeutung ein, den haupt- 
sachlichen Schmuck bilden die grossen Darstellungen der deutschen 
Kaiser und Konige, in sorgfaltig ausgefiihrter vornehmer Deck- 
malerei. Zwei grossere zusammenhangende Schilderungen gehen 
voraus: auf der ersten die Personifikation der Eoma zwischen 



*) Die aus Zwifalten stammenden Handschriften in Stuttgart sind zu- 
samniengcstellt von Mcrzdorf, Die Bibliothek der ehemaligcn Benediktincr- 
Abtei Zwifalten, im Serapeum XX, 1. Das Nekrologium von Zwifalten, Cod. 
Hist. fol. 420, zeigt auf fol. l a nur die Bilder des Wernherus pictor und 
Reinhardus Mundrich. Vgl. iiber die Hs. Neues Archiv VII, S. 33. Ueber 
Ktinstlernamen in dem Nekrologium vgl. Kirchenschmuck (Organ der Diocese 
Seckau) 1863, S. 64. Zur Zwifaltener Gruppe vgl. Staelin, Zur Gesehiehte 
und Beschreibung alter und neuer Buchersammlungen S. 24; Mcrzdorf im 
Serapeum 1859, Intelligenzblatt S. 77. 

2 ) Archiv VI, S. 939, VII, S. 638. Pausen der Hs. verdanke ich 
Wilhelm Voege. 

3 ) Archiv VII, S. 638. Die Ueberschrift lautct: 

Cronica dicor ego, mendacia cuncta relego, 

Mundi principio teraporis acta scio. 

Hoc perfecit opus iustus pius Otto scabinus 

Nussie precibus nostris, dilexit et hie ius. 
Das erste Blatt init den oben erwahnten Darstellungen stammt aus der 
Sammlung des Herzogs von Arenberg. Auf fol. l a findet sich die Eintragung 
von ciner Hand saec. XV: Liber ccclesiae Aquensis, auf fol. 2 a von der Hand 
des Schreibers: Liber sanctae Mariae in Aquisgrani et cronicorum ibidem 
inanentium. Qui abstulerit, anathema sit. Der Stainmbauin auf fol. 17 b publi- 
zirt im Catalogue II, p. 237. 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 139 

Casar und Augustus, auf der zweitcn Adam und Seth, mit ein- 
ander disputirend, neben ihnen Personiflkationen der Geometria 
und Astronomia 1 . 

Es schliesst sich an die Chronik von St. Pantaleon, aus 
dem Kolner Kloster selbst stammend 2 , in der Landesbibliothek 
zu Dusseldorf (Cod. A. 18). Sie enthalt auf Bl. 93 eine grosse 
Zeiclmung des h. Bruno und der Mathilde, die in wurdevoller 
Haltung einander gegeniiberstehen, sodann auf Bl. 133 ein ganz- 
seitiges Bild, ein Meisterstuck rheinischer Federzeichnung, leicht 
lavirt, auf Goldgrund. In der Mitte ein grosses Bild Bischof 
Brunos von Koln, in rother Kasula, brauner Dalmatika, blauer 
Alba, unter ihm, in die Ecke hingestreckt, mit der Fahne Kuno 
dux, iiber ihm in Halbbogen die Bildnisse Konig Heinrichs und 
der Konigin Mathilde, und auf den Langseiten vertheilt je sieben 
kaiserliche Brustbilder in Medaillons auf Goldgrund, von Otto I. 
bis auf Heinrich VII. Auf Bl. 148 1 und 150 1 folgen dann noch 
zwei, wiederum auf Ekkehard zuriickgehende Stammbaume des 
sachsisclienHausesmittheilweisevorzuglichenPortratzeichnungen. 

Es war zum Theil der Einfluss des Martin von Troppau, welcher 
der Chronikenillustration mit Portratreihen weitere Verbreitung 
schuf. Der bohmische Dominikaner hatte, was schon Hugo von 
Sankt- Viktor, .Richard von Poitiers und Gilbert von Rom begonnen, 
die Parallelkataloge der Papste und Kaiser in Parallelgeschichten 
verwandelt, der Art, dass auf je zwei Seiten immer die Papste* 
und KaiseF sich gegeniiberstanden. Das weit verbreitete Hand- 
buch, das sich in den Handen aller Theologen und Kanonisten 
fand, erhielt nur eine weitere Anziehungskraft durch die Portrats 
der Papste und Kaiser, die in kleinen Medaillons an die Spitze 
der Seiten gestellt wurden. Eine Weltchronik des Britischen 
Museums (Cod. Egerton 1500) stellt so von Petrus und Tiberius 
an die Portratmedaillons der Papste und Kaiser einander gegen- 
iiber. Das Pantheon des Gottfried von Viterbo ward erst in 



*) Adam und Seth ist oine beliebte Zusammenstellung, sie findct sich 
ebenso im Cod. lat. palat. 927 der Vatikana (Archiv XII, S. 329). Auf die 
Vorliebe fur die Illustration der antikcn Geschichte bereitct schon cine Hs. 
des Ekkehard in Miinchen (Cod. Schmeller 45) vor, die aus der Weltchronik 
ausgeschiedene vita Alexandri enthaltend, mit einer Zeichnung Alexanders 
und der Roxane mit den Konigen Darius und Poms. 

2 ) Lamprecht, Initialornamentik S. 31, Nr. 116. Ausfiihrlich B. 
Sim son, Ueber eine Handschrift d. jungern Vita Mathildis, in Lacomblets 
Archiv f. d. Gesch. d. Niederrheins VII, S. 148. 



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140 P. Clemen 

zwei der spatern Handschriften mit Bildern verziert, im Cod. lat. 
4895 und 4895. A der Nationalbibliothek zu Paris. Der erst- 
genannte Codex, ein Werk des Mailander Notars Johannes de 
Nuxigia, enthalt eine grosse Anzahl feiner Miniaturen auf Gold- 
grund: doch ist der Illuminator nur bis zu den Wundern des 
Moses gekommen, fur die iibrigen Abbildungen ist der Raum 
freigelassen. Die zweite Handschrift enthalt bloss zu Beginn 
ein Bild Kaiser Friedrichs und Urbans III., Kopien nach einem 
altera Codex. 

Neben den genannten Handschriftengruppen, die sammtlich 
zunachst die Stammbaume als Illustrationsmittel anwenden, 
steht nun eine Eeihe anderer, welclie die Illustration durch 
Einzelfiguren weiter ausbilden, die meist in statuarischer Haltung 
im Text angebracht sind. Voran steht die Handschrift der 
Acta ecclesiae s. Petri in Augia, Cod. 321 der Vadianischen 
Bibliothek zu St. Gallen, noch dem 13. Jahrhundert angehorig 1 . 
Sie enthalt am Rande in tranter Federzeichnung die Bilder des 
Stifters, der Aebte, Papste, vor Allem aber der kaiserlichen 
Gonner mit ihren Attributen. Cod. lat. 26 im Corpus Christi 
College zu Cambridge, die Historia maior des Matthaus Paris 
enthaltend, beginnt im zweiten Theil, der die Geschichte von 
1189 bis 1253 fiihrt, mit einer genealogischen Tafel, die von 
Wilhelm I. bis zu Heinrich III. reicht, beide Bande sind am 
Rand mit kleinen Illustrationen versehen. 

Die Ausbildung des Motivs der grossen Einzelfiguren der 
Konige in statuarischer Haltung bleibt der englischen Buch- 
malerei uberlassen. Cod. Cotton. Vit. A. XIII enthalt auf Bl. 
3 a — 6 b die Bildnisse der englischen Konige von Eduard dem 
Bekenner an, Cod. Cotton. Jul. E. IV die Portrats von Wilhelm 
dem Eroberer an auf Bl. 2 b — 9 a , ebenso Cod. Roy. 14. C. VII 
auf Bl. 8 b und 9 a . Das Leben des Offa endlich im Cod. Cotton. 
Nero. D. I bringt bereits 47 grosse scenische Bilder aus den 
Kriegs- und Friedensthaten des Konigs, die ersten 7 noch von 
einer Hand des 13. Jahrhunderts gezeichnet 2 . Die im Jahre 1188 
geschriebene Chronik von Cluny, Cod. lat. 17716 der National- 
bibliothek zu Paris, bringt bereits selbstandige scenische Bilder 



*) Vgl. Scherer, Katal. d. Handschriften d. Vadian. Bibl. S. 88; 
Baumann, Zeitschrift f. d. Geschichte des Oberrheins 1877. 

2 ) Abb. bei J. Strutt, Horda angel-cynnan (Ausgabe von 1775), 
pi. 36—67. 



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Die Portr&tdarstellungen Karls des Grossen. 141 

an Stelle der Einzelfiguren \ Eine hervorragende Stellung 
nimmt sodann die Chronik des Grafen Gerhard von Holstein, 
Cod. 33 der Stadtbibliothek zu Bremen, ein 2 . Der Illustrator, 
der mit handwerksmafiiger Geschwindigkeit die grosse Reihe 
der Kaiserbilder anzufertigen hatte, kiinimerte sich so wenig urn 
den Text und den Namen des Darzustellenden, dass er beispiels- 
weise Ludwig das Kind als Greis mit grauem Vollbart, Karl 
d. Gr. als bartlosen Jtingling schilderte. Es schliessen sich 
an ein Chronicum Galliae, Cod. 73 der Stadtbibliothek zu Bern, 
mit einfachen braunen Federzeichnungen der Konige, und Cod. 
1099 der koniglichen Bibliothek im Haag, die Historia Guelfica, 
die in 16 Bildern die Ahnen des welfischen Hauses sammt ihren 
koniglichen Gliedern darstellt in reichen, mit Gold verzierten 
ganzseitigen Gemalden 3 . Daneben steht die ungarische Bilder- 

*) Abbildungen bei Bastard 1. c. VIII, pi. 248, 249. Die ersten 
Chroniken, deren Bilderschmuck sich nicht an Einzelfiguren der genannten 
Art anschloss, entstanden gleichzeitig mit den illustrirten Rechtshandschriften. 
An der Spitze steht die Chronik des Fredegar, Cod. lat. 10910 der National- 
bibliothek zu Paris, noch dem 8. Jahrhundert angehorig, mit einer dttrftigen 
Federzeichnung auf fol. 23 b , Eusebius und Hieronymus mit Spruchbandern 
in den Handen darstcllend. Dem 9. Jahrhundert gelrirt das Chronicon 
FontaneUense maius in der Bibliothek zu Le Havre an (Cod. 332). Die 
Handschrift gibt nur auf fol. 78 und 119 die Bilder der hh. Ansbert 
und Wulfram. Vgl. Neues Archiv IX, S. 368. Die Chronik abgedruckt Mon. 
Germ. SS. II, p. 271. Das Chronicon minus befindet sich in der Bibliothek 
zu Rouen. Cod. 764 saec. IX der Bibl. zu St. Omer ist von picardischen 
Gelehrten als illustrirte Chronik angesehen worden. Die Zeichnungen illustrircn 
aber nicht die Geschichte von der Ankunft der Normannen in Sithiu, sondern 
die vita s. Wandrilli. Vgl. Acta SS. ord. s. Bened. Ill, 1, p. 125; Piers in den 
Memoires de la societe" des antiquaires de la Morinie III, p. 97, mit Atlas, 
pi. 1—9; Deschamps in den Memoires V, p. 173; Rigollot, Essai 
historique sur les arts du dessin en Picardie, in den Memoires de la societe 
des antiquaires de Picardie III, p. 325, pi. 8. Paulin Paris in den 
Memoires de la societe" des antiquaires de France, s6r. II, vol. Ill, p. 33 
weist die Hs. dem 10. Jh. zu, Hyacinth e Langlois, Essai hist, et descriptif 
sur Pabbayc de Fontenelle p. 158 dem 9. Jh. Cod. lat. 12117 saec. XI der 
Natioualbibl. zu Paris enthalt fol. 105—110 eine kurze Chronik von Adam 
bis auf Heinrich I. Die Abbildungen in den Bogcn der Saulenstellungen, die 
den Text einschliessen, reichen indessen nur bis zu der Anbetung der Konige 
in Bethlehem. Proben bei Bastard 1. c. VII, pi. 227, 228; Louandre, 
Les arts somptuaires. 

*) Archiv III, S. 638; Serapeura, Intelligenzbiatt XXVII, S. 164. 

8 ) Archiv III, S. 37, VIII, S. 566. Entsprechend den Weingartener 
Bildnissen, die Leibnitz den Orig. Guelf. II, p. 279, 323, 357, HI, p. 159 
beiftigte. Vgl. Fiorillo a. a. 0. I, 291. Abb. bei Hess, Mon. Guelf. II, Anh. 



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142 P. Clemen 

chronik 1 von 1358 mit ihren prachtvollen Handschriften zu 
Wien, Cod. 405, der Heidelberger und der spatern zu Donau- 
eschingen, Cod. 704. Nur 20 Jahre spater entstand im 
Xorden die meklenburgische Reimchronik Ernsts von Kirch- 
berg 2 . Wie weit diese Art der Illustration mit Einzelfiguren 
drang, beweist Karren Schranns Dansk Riimkronike der konigl. 
Bibliothek zu Stockholm 3 und Cod. 3839 der Vatikana, 
Abbreviatio figuralis historiae. Als Beispiele fur die lang- 
andauernde Vorliebe ftir Einzelbilder auf deutschem Boden mogen 
endlich die Meklenburger Chronik, Cod. lat. 23584 (Cod. c. 
pict. 45) der Staatsbibliothek zu Munchen und die Kaiserchronik 
des Jan Clees, Cod. 12186 der koniglichen Bibliothek zu Brussel, 
dienen. 



Nachtrftge und Berichtigungen. 

Bd. XI, S. 186. DcGuilhcrmyin seiner Monographic de TegJisc royale 
de St. Denys bestreitet den mcrowingischen Ursprung des Grabsteins der 
Fredegund. Bei dor schlechten Erhaltung der Platte lasst sich der Ursprung 
nicht mit unumstosslicher Sicherheit feststellen. Durch die Spiralenornamente 
und durch Verglcich mit den in gleicher Technik ausgeffthrten Metzer Grab- 
platten, die, wie mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden darf, zwischen 
dem 5. und 8. Jahrhundcrt entstauden (vgl. V. Simon, Notices sur deux 
mosaiques composees de pierres dures et d'einaux en petites plaques), wird 
indessen die Annahme des gleichzeitigen Ursprungs mehr gestutzt als die einer 
Eutstehung im 12. Jahrhundert. 

S. 201. Die genauen MaBe des im Aachcncr Mtinster bewahrtcn Sarko- 
phags verdanke ich Richard Pick. Der Stcinsarg misst im Lichten 49 cm 
in der Breite, knapp 2 m in der Lange. Dies widerlegt die oben aus- 
gesprochene, bisher allgemein festgehaltenc Annahme, dass Karl selbst in 
dem Sarkophag bestattet worden. Nach einer Mittheilung von Hermann 



*) Die Miniaturen der Wiener Handschrift herausgegeben von F. Toldy, 
Marci chronica de gestis Hungarorum. Vgl. M. Florian, Chronicon pictum 
Vindobonense, in Fontes domest, I, 2, p. 100 und A. Huber in den Mit- 
theilungen d. Instit. f. osterreich. Gesch. IV, S. 128. 

2 ) Vgl. G. F. Lisch in den Jahrbuchern d. Vercins f. meklenb. 
Geschichte XII, S. 59; Beyer, Urkundl. Gesch. d. Fttrsten Pribislaw von 
Parchim S. 4. Abb. im Anzeiger f. Kunde d. deutschen Vorzeit 1868, 
S. 377. Nur die ersten 15 Miniaturen ausgeftthrt, fur die iibrigen ist bloss 
der Baum freigelassen. 

a ) Vgl. Historik Tidskrift 1848; C. Molbech, Danische Handschriften 
a. d. kgl. Bibl. in Stockholm, im Serapeum X, S. 5. 



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Die Portratdarstellungen Karls dcs Grossen. 143 

Schaaffhausen wiirde ein Riese von Karls Korperlange eine Schulterbreite 
von mindestens 55 cm gehabt haben. Die schweren Prachtgewander, in denen 
die Merowinger und die spatern Karolinger beigesetzt wurden (vgl. Chiflet, 
Anastasis Childerici; Cochet, Le tombeau de Childeric I cr ), sind hierbei 
noch gar nicht eingerechnet. Schaaffhausen hat in den Annalen des hist. 
Vereins fill* den Niederrhein XXXVIII, S. 136 die Grosse Karls noch auf 
eine andere Weise festzustellen gesucht. Die genaue Messung des Ober- 
schenkelknochens Karls ergab eine Lange von 53,2 cm. Da diese bei einem 
normal gebauten Menschen in dem Verhaltniss von 26 zu 100 zur Korpcr- 
lange steht, so wiirde filr Karl hieraus eine Grosse von 2,04 m resultiren. 
Fiir den kurzcn Nacken und Hals wurde hier wiederum ein Geringes abzu- 
ziehen scin, so dass sich immerhin die ungefahre GrGsse von 2 m ergibt. 
Das rechte Schlusselbein zeigte sich fibrigens, wie Schaaffhausen mittheilt, 
gebrochen und wieder geheilt, in Folge eines Sturzes oder eines Schlags, fiber 
den die gleichzeitigen Geschichtschreiber schweigen. 

Es erscheint hiernach ausgeschlossen, dass Karl in dem genannten 
Sarkophag beigesetzt worden. Die Nothwendigkeit der Annahme, dass Karl 
iiberhaupt in einem Sarkophag und nicht auf irgend eine andere Weise 
bestattet worden, wird indessen hierdurch nicht gebrochen. Bei sammtlichen 
spatern vornehmen Merowingern war diese Art des Begrabnisses die gewohn- 
liche (vgl. Mabillon, Discours sur les anciennes sepultures de nos rois, in 
den Memoires de l'academic des inscriptions II, p. 684; Le Grand d'Aussy, 
Memoires sur les anciennes sepultures nationales et sur les tombcaux des 
rois francs dans Peglisc de St. Germain-des-Pres, in den Memoires de l'aca- 
deinie des sciences morales II, p. 41 1 ; Abbe C ochet, La Normandie souterraine; 
Ders., Note sur l'ensevelissement d'un jeune guerrier franc decouvert a 
Envermeu, in den Memoires de l'academie de Rouen 1857; Beauchet- 
Filleau, Notice sur les sepultures antiques et merovingiennes, in den 
Memoires de la soctete des antiquaires de l'Ouest XXIX, p. 255; Bourasse, 
Tombeaux de Tepoque mSrovingienne decouverts en Touraine, in den Memoires 
de la societe archeologique de Touraine VI, p. 237). Dieser Gebrauch erhalt 
sich auch unter den Karolingern. Es liegt nordwarts der Alpen kein Bcispicl 
vor, dass ein Todter einbalsamirt und in sitzender Haltung begraben worden ; 
alio ausfuhrlichen Berichte erz&hlon von eincr Beisetzung in Sarkophagcn 
(vgl. Bouquet, Recneil II, p. 584, 722, V, p. 427). Wandon, Abt von 
Fontanclle, wird im J. 756 more mortuorum in einem Sarkophag bestattet 
(Gallia Christiana XI, p. 171). St. Benedikt von Aniane, der 821 starb, ward 
begraben in dem vas lapideum, quod imperator paraverat (Vita s. Boned, 
abbat. Anian. bei Bouquet 1. c. VI, p. 275). Von Karls Schwiegersohn 
Angilbert heisst es: inventus C9t in eo quo quondam iacuerat sarcophago 
(Chron. Centullens. bei Bouquet 1. c. VI, p. 229). Ausfiihrlich fiber die 
Sarkophage des ersten Jahrtauscnds christlicher Zcitrcchnung handclt de Ger- 
ville, Essai sur les sarcophages, leur origine et la duree de leur usage, in 
den Memoires de la sociele des antiquaires de TOuest II, p. 175. 



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144 P. Clemen 

S. 207. Der Intaglio mit der kaiserlichen Biiste, mit dem Karl zu 
siegeln pflegte, stellt nach Bohmer-Miihlbacher, Regesten der Karolinger I, 
S. LXXXII nicht Kommodus, wie Siekel, Urkunden der Karolinger I, S. 349, 
Nr. 6 annahm, sondern Antoninus Pius dar. Vgl. auch BBhmer-Muhlbaeher 
a. a. 0. I, S. LXXX. 

S. 229. Kurz nachdem der erste Theil der vorliegenden Abhandlung 
gedruckt war, erschien eine kleine Studie von Georg Wolfram, „Die Reiter- 
statuette Karls des Grossen aus der Kathedrale zu Metz u , die den Beweis 
zu erbringen sucht, die besprochene Figur sei kein Werk der karolingischen 
Kunst, sondern erst im Jahre 1507 entstanden. Eine ausfiihrliche Wider- 
legung wird diese Behauptung im Zusammenhang mit der Behandlung 
anderer Werke karolingischer Plastik dureh die dritte meiner „Studien zur 
karolingischen Kunst a im Repertorium fiir Kunst wissenschaft linden, hier 
seien nur die Hauptpunkte des Gegenbeweises angegeben. 

Den Hauptbeweis gegen die Moglichkeit, das3 die Statuette unter den 
ersten Karolingern entstanden sei, ein Beweis, auf dem das ganze weitere 
Gebaude gegriindet ist, bildet fiir Wolfram die Behauptung, die erste Halftc 
des 9. Jahrhunderts habe den Reichsapfel nicht gekannt, eine Figur, die ihn 
fuhre, konne also nicht das gleichzeitige Portrat einer PersBnlichkeit aus 
dieser Periode sein. Ein scharfsinniger Ein wand, der aber auf ungeniigender 
Matcrialkenntniss beruht. Der Reichsapfel zeigt sich bereits im 7. Jh. auf 
einer wahrscheinlich merowingischen Elfenbeinpyxis (Abb. bei Fr. Hahn, 
Fiinf Elfenbeingefassc des friihen Mittelalters S. 14), im 8. Jh. im Utrecht- 
psalter auf Fol. ll a und in der Kopie des Britischen Museums, Cod. Harl. 603, 
auf Fol. 10 b . Das pomum ist aber zeitlich und crtlich noch viel genauer fttr 
Karls Regierungszeit und Reich zu fixiren. Cod. 364 der Bibl. comm. zu 
Cambrai ist in den letzten Jahren des 8. oder den ersten des 9. Jh. in Tours, 
also mitten im Herzen des Karolingerreichs, geschrieben worden. Die Aus- 
pragung der runden Halbunciale stellt die Hs. in eine Linie mit Cod. lat. 
9386 zu Paris und Cod. 31 zu Trier. Auf Fol. 23 a und 43 a linden sich 
KBnigsgestalten abgebildet mit Reichsapfeln in den Handen, die sie mit der 
unter dem Mantel verborgenen Hand halten, ein Motiv, wie es sich ganz 
entsprechend auf der Mosaik der Kanzel von San Vitale in Ravenna, auf der 
karolingischen Mosaik der Kapelle des h. Zeno in San Prassede zu Rom und 
auf der alten Kuppelmosaik im Aachener Mllnster wiederfindet. Auf Fol. 43 a 
zeigt der Reichsapfel eine ornamentale Verzierung in der Form von zwei 
zusammengestellten Halbbogen. Dieses durchaus eigenartige Motiv lindet sich 
ganz entsprechend auf dem Bild Karls des Kahlen in seiuem Psalter, Cod. 
lat. 1152 der Bibl. nat. Paris, auf Fol. 3 b . Das erbringt den Beweis, dass 
der Reichsapfel, und zwar in der gleichen Form wie unter Karl dem Kahlen, 
schon unter Karl d. Gr. existirt. Dass das pomum in der spatkarolingischen 
KrSnungsformel nicht genannt wird, hat seinen guten Grand. Dies geschieht 
auch in den spatern Formeln nur seltcn — es blieb zun&chst einfache Beigabe, 
ohne unter die Insignien aufgeuommen zu werden. Vgl. G. Waitz, Die 



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Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. 145 

Formeln der deutschen Konigs- mid der rom. Kaiserkronung vom 10. bis zum 
12. Jakrh. Gottingen 1872. Noch die consecratio regis im Cod. 144 (121) 
Ende saec. XII der Stadtbibliothek zu Chartres fiihrt die Kronung nur in 
den folgenden Abschnitten vor: Hie ungatur oleo. Hie detur anulus. Hie 
cingatur ei gladius. Hie coronctur. Hie detur sceptrum. Hie detur ei virga. 
Amen, und das Gedicbt auf Fol. 101 b im Cod. 115 saec. XIII zu St. Omer 
fuhrt als Insignien an: anulus, baculus, gladius und corona (Ch. Fierville, 
Notices et extraits des man. de la bibl. nat. de Paris XXXI, part. 1, p. 137). 
Ganz entsprechend finden sich im Cod. Cotton. Claud. C. 7 des Britischen 
Museums auf den Herrscherbildern abwecbselnd der Apfel, das Kreuzscepter, 
das Speerscepter, das Schwert als Insignien. 

Das Marchen des Grafen Otto von Lomello im Chron. Novalic. darf, 
nachdem Th. Lindner seine Unhaltbarkeit erwiesen, fur die Art der Bei- 
setzung Karls nicht mebr als Quelle angefuhrt werden. 

Darin macht Wolfram die Haltung des Apfels gegen die Annahme 
karolingischer frovenienz bedenklich. Alle malerischen und Basreliefdar- 
stellungen, wie sie die Siegel bieten, dlirfen aber hier nicht zum Beweis 
berangezogen werden. Fiir die Haltung der Gestaltcn auf den Siegeln kam 
zunachst das peinlicb gewabrte Gesetz der Kaumausftlllung und Symmetric 
in Betracbt. Die ganze fruhmittelalterliche Kunst kann keine Verkiirzungen 
darstellcn und bebilft sich so entweder mit Ein- oder mit Auswartsbiegen der 
betreffenden Extremitaten. Wie dieser Mangel das oben am Ende des ersteu 
Exkurses ausgefiihrte Motiv des mit gespreiztcn Knieen sitzenden Herrschers 
veranlasste, so auch das Motiv des einwarts gebogenen Ellenbogens mit dem 
abgestrcckten Unterarm. Ueberall, wo nicht eine Darstellung in einer Ebenc 
nothig war, findet sich schon vom 10. Jh. an der Arm in natiirlicher Haltung. 

Aber die Wolframsche Broschure verfahrt nicht nur negativ-kritisch, 
sondcrn sucht ein neues positives Kesultat aufzustellen. Eine Notiz im Metzer 
Kapitelarchiv lasst Wolfram die Frage zu einer „ungeahnt sicheren Lbsung" 
ftihren. Diese Notiz besagt aber weiter nichts, als dass 1507 ein Goldschmied 
Francois zu Metz einen Charlemagne geliefert habe im Auftrag des Domkapitels. 
Die „Kommission a , von der Wolfram spricht, verdankt einer ziemlich freien 
Ucbersctzung das Lebcn. Liegt einem Archivar eine Notiz vor, dass im 
16. Jh. eine vita Karoli geschrieben sei, und er hat eine Handschrift des 
gleichen Inhalts, so ist es doch das Nachstliegende, den Codex selbst uber 
sein Alter zu befragen. Wenn aber etwas in Betreff der Statuette auf den 
ersten Blick unumstosslich feststeht, so ist es dies, dass sie kein Work der 
beginnenden deutsch-franzbsischen Renaissance sein kann. Wolframs Schluss ist 
vollig unberechtigt und unmethodisch. Wahrscheinlich entstanden im 16. Jh. 
sehr viele Bilder Karls, die uns nicht erhalten sind. 

Die eiuzige Zeit, die stilistisch etwa noch in Betracbt kommen konnte, 
ware die kurze Periode um die Wende des ersten Jahrtausends — der Annahme 
einer Zugehorigkeit zur sachsisch-ottonischeu Hofkunst widersprcchen aber 
einmal das Kostum, das selbst Wolfram als gebietend auf die fruhkarolingische 

10 
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146 P. Clemen 

Periode hinweisend anerkennt, daim die individuelleu Portratztige der Figur, 
die auf keinen der Sachsenkaiser passen. Der zweite Theil unserer Untersuchuug 
zeigt, dass das Bild, welches das 16. Jh. von Karl d. Gr. hatte, ein dem 
historischen durchaus widersprechendes war — ein Kilnstler, der den Auftrag 
erhielt, einen Charlemagne zu formen, hatte ihn unzweifelhaft nach dem Bild 
dargcstellt, das seine Zeit von dem Kaiser sich gemacht. Die Figur war fur 
kirchliche Kultuszwecke bestimmt — ein reitendes Heiligenbild ist aber 
unerhort: es sind nur ganz bestimmte Heilige, denen ein Ross beigegeben 
wird. Die historische Bildung des Kiinstlers sucht Wolfram mit einer Kopie 
naeh der Vivianusbibel zu erklaren — eine durchaus unhaltbare Hypothese, 
da fiir eine derartige retrospektive Rekonstruktion wahrend des ganzen 15. 
und 16. Jh. keine einzige Parallele vorliegt. 

Endlich ist auch noch die technische Ausfuhrung jener der Renaissance 
vollig widersprechend. G. G. Adams, On bronzes, their casting and colou- 
ring, im Journal of the British archaeological association XXV, p. 145, 
hat nachgewiesen, dass die Renaissance ihre Figuren in einem .Stuck zu gicssen 
pflegte. Die Statuette Karls ist aber aus zwei Stiicken geformt und miihsam 
zusammengesetzt. Auf die Ergebnisse, zu welchen die Analyse der karo- 
lingischen Bronzelegirungen fiihrt, hoffe ich im Repertorium zuruckzukoinmen. 
Die Stellung der Reiterstatuette in der karolingischen Kunst wird durch das 
Wolframsche Schriftchen in nichts erschiittert. 

Bd. XII, S. 10. Ueber die vita Karoli des Anonymus Aquensis handelt 
ausfuhrlicher J. Hansen, Beitrage zur Geschichte von Aachen I. Zur Kritik 
sagenhafter Beziehungen Karls d. Gr. zu Aachen S. 16. Ueber die Descriptio 
qualiter Carolus Magnus clavum et coronam Domini a Constantinopoli Aquis- 
grani attulerit vgl. Hansen a. a. 0. S. 2 und Leon Gautier, Les epopees 
franchises III, p. 283. 

S. 60. Das Vorkommen der Kopfreliquiare im 9. und 10. Jh. beweist 
schlagend eine Eintragung am Ende des Cod. Harl. 2790 saec. IX des 
Britischen Museums. Auf Fol. 263 a findet sich die Aufzahlung der Schatze 
der ecclcsia sancti Cyrici, darunter an erster Stelle caput aureum cum corona. 
Zu der oben gegebenen Aufzahlung sind noch zu nennen die Bttste des h. Theo- 
fred in der Kirche von Monastier (MalegueetAymard, Album d'archeologic 
religieuse, pi. I, p. 7), die Btisten der hh. Olive und Pynose im Schatz zu 
Tongres (C. de Roddaz, L'art ancien a l'exposition nationale Beige p. 21) 
und ein Reliquiar der Sammlung Fould (A. Chabouillet, Description des 
antiquites et objets d'art composant le cabinet de M. Louis Fould, pi. XXIII, 
p. 92, no. 1668). 

S. 64. Das Oelgemalde im Sitzungssaal des Rathhauses zu Aachen 
stammt aus der Abtei Werden und wurde von Fr. C. L. Meyer nach Aachen 
geschenkt. Vgl. Meyer, Werden und Helmstadt S. 6; L. Rovenhagen, 
Das Rathhaus zu Aachen 8. 16. Es ist durch den grossen Stich von Meno 
Haas uber das Rheinland hinaus bckannt geworden. Das Titclblatt des 
Meyerschen Schriftchens gibt eine veranderte Kopie des obern Drittels in 



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Die Portrlitdarstellungen Karls des Grossen. 147 

Profilwendung. Anzureilicn sind noch das Bild des Kaisers in ganzer Figur 
in voller Riistung mit Schwert, Reichsapfel und Krone aus Matthaus Merians 
Topographia Saxoniae inferioris (Ausgabe Frankfurt 1653) nach einer Zeich- 
nung Merians und der Kupferstich bei F. Blond el, Thermae Aquisgran. et 
Porcetanae (Ausgabe von 1688) mit der Darstellung Karls zu Boss mit Helm 
und Lanze, das Haupt mit kurzgeschnittenem Vollbart. Auf dem Chorum gang 
des Aachener Munsters hangt ein tiberlebensgrosses Bild des Kaisers in 
ganzer Gestalt, mit Schwert und Scepter, mit braunem, langem Vollbart und 
reichgelocktem Haar. Die Unterschrift lautet: Adam Bommerdt me fecit 1654. 
Ueber kleine Abbildungen Karls vgl. R. Lietzmann, Die mittelalterlichen 
Munzen der Stadt Aachen, in der Zeitschrift ftir Numismatik I, Taf. 1—3; 
Meyer, Aachensche Geschichten I, Taf. I— VI. 

S. 78. Den rheinischen Darstellungen ist eine Jttlichsche Silbermunze 
vom Ende des 16. Jh. ohne Jahreszahl im Besitz von Richard Pick 
in Aachen anzureihen. Die Vorderseite zeigt das Brustbild des Kaisers mit 
hoher Krone, Scepter und Apfel im Profil nach rechts, das energisch 
geschnittene Gesicht ist von einem Vollbart eingerahmt. Umschrift: Sanctus 
Carolus Magnus, Revers: Moneta nova argent, d. I. p. 

S. 110. Ueber die Neuf preux vgl. jetzt auch F. Kttsthardt, Die 
neun guten Helden, in der Zeitschrift des Harz-Vereins ftir Geschichte und 
Altcrtumskundo XXII, S. 359 ff. 



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Romerstrassen im Regierungsbezirk Aachen. 

Von J. Schneider. 
II. 

1. Mastricht-Aachen-Dtiren-Lechenich-Urfeld- 
Troisdorf, c. 14 Meilen. 

Die Fortsetzung der Romerstrasse Mastricht-Aachen-Duren 
nach Osten ist bereits friiher angedeutet worden 1 . Die Strasse 
geht an der Nordostseite von Duren von der Kerpener Chaussee 
rechts ab nach Girbelsrath und ftihrt die Bezeichnung „alte Heer- 
strasse". Auf dem Girbelsrather Berg, neben der Strasse, wurden 
romische Sarge mit vielen Gefassen aus Thon und Glas nebst 
romischen Miinzen gefunden 2 . Von da lauft die Strasse mit der 
Chaussee iiber Norvenich und Herrig (Heerweg) nach Lechenich, 
wo zu verschiedenen Zeiten zahlreiche Alterthtimer zum Vorscliein 
kamen 3 . Von diesem Orte lassen sich die Spuren in der bis- 
herigen ostlichen Eichtung mit Unterbrechung verfolgen bis zu 
dem Hof Boschfeld. Die Strasse geht durch den Hof, schneidet 
dann die Eisenbahn bei Nr. 12,532, geht alsbald durch den 

*) Zeitschrift des Aacheiier Geschichtsvercins XI. Nahere Nachweisungen 
iiber die Strecke Aachen-Mastricht gibt ncuerdings Rhoen in der Aachener 
Zeitung 1889, Nr. 188, wozu wir bemcrken, dass uns Romerstrassen von 
40 Fuss Norinalbreite der Fahrbahn, wie Rhoen angibt, im Rheinland 
nirgends vorgekommen sind. Die antiken Strassen am Rom, die der 
Verfasser grosstentheils sclbst begangen hat, sowic die Fahrbahnen der 
romischen Strassendamme in den Rheingegcnden haben einc Rreite von nur 
c. 14 Fuss. 

2 ) Bonner Jahrbiichcr VIII, S. 180, IX, S. 154. 

3 ) Bonner Jahrbiicher II, S. 132, XXXI, XXXIX und XL, S. 359. Fttr die 
zuweilcn laut gewordene Annahme, dass zu Lechenich ein romisches Lager 
gewesen, fehlen alio Anhaltspunkte. Ob sich am Endc des Orts, wo noch 
Befestigungsreste vorhanden und eine mittelalterliche Burg stand, vielleicht 
eliedem, wie zu Aachen und Julich, ein kleines Kastell befand, miissen 
fernere Nachforschungen feststellen. 



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Romerstrassen iin Begierungsbezirk Aachen. 149 

Wald und tiber das Vorgebirge bis nach Walberberg. Von der 
Siidseite dieses Orts fiihrt sie tiber den Dickopfshof (Diekhofs-Hof ), 
durchschneidet die Strasse Roesberg -Wesseling bei einem Heiligen- 
hauschen und fiihrt siidlich an Keldenich vorbei nach dem Rhein 
bei Urfeld. Jenseits des Stroms geht die Strasse von Nieder- 
kassel iiber Uckendorf und den Rodderhof und mundet am 
Bahnhof Troisdorf in die von Mondorf tiber Sieglar nach Alten- 
rath fiihrende Strasse 1 . Hiermit ist die Mastricht-Aachen- 
Dtirener Strasse in ihrem geraden ostlichen Lauf bis zu ilirem 
Ende jenseits des Rheins festgestellt ; mochten nun die belgischen 
Forscher die Strasse audi nach Westen jenseits der Maas bis 
zu ihrem Anfang hin verfolgen. 

Es ist bereits friiher angegeben 2 , dass sich in Jiilich, wie 
in Aachen, vier alte Strassen durchschneiden, die wir nun der 
Reihe nach betrachten wollen. 

2. Ltittich- Aachen -Julich-Mtilf or t-Goch-Cleve- 
Zutphen-Campen, c. 35 Meilen. 

Die von Liittich iiber Aachen nach Jiilich laufende Strasse, 
welche bei Cleve iiber den alten Rhein setzt und zur Zuydersee 
fiihrt, ist bereits friiher beschrieben und gezeichnet 3 . 

3. Neuss-Jlilich-Rotgen-Neidingen, c. 15 Meilen. 

Die zweite durch Jiilich ziehende Strasse geht von der 
Siidostseite von Neuss dem Hohenrand des Erftthals entlang iiber 
Holzheim, Kapellen, Elsen und Garzweiler nach Jackerath, von 
da iiber Gevelsdorf und Mersch nach Jiilich. Sie hat an ver- 
schiedenen Stellen noch Theile der Kiesdecke bewahrt, ist von 
mehrern Fundstellen romischer Alterthiimer begleitet und den 
Landleuten unter dem Namen „Romerstrasse a bekannt 4 . Von 
Jiilich geht sie in siidlicher Richtung weiter, nicht mit der 
Chaussee, sondern dem rechten Ufer der Roer entlang bis in 
die Nahe von Kirchberg, wo sie den Fluss iiberschreitet. Von 

x ) Die alten Heer- und Handelswege u. s. w. Heft 5. Ein bei Walber- 
berg abgehentler, iiber Sechtem nach dem Khein laufender Seitenarm ist nicht 
weiter untersucht worden. 

2 ) Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins XI, S. 67. 

8 ) Bonner Jahrbticher LXIV, LXVI, LXXIII, LXXVI; Picks Monats- 
schrift VI, S. 256. Die alten Heer- und Handelswege, Heft 5. 

4 ) Vgl. Picks Monatsschrift VI, S. 260; Bonner Jahrbticher LXXIII. 



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150 J. Schneider 

liier lauft sie iiber die Hohe an der Kirche vorbei, wahrend 
die Chaussee ostlich unten an der Inde geht. Auf der Hoch- 
flache sind die Felder beiderseits des Wegs mit den Kiesresten 
der Strasse bedeckt, die dann nach Inden geht und bei Lamers- 
dorf, wo eine romische Wasserleitung im Boden gefunden wurde \ 
wiederum den Fluss iiberschreitet. Die Strasse geht hierauf 
nach Langerwehe, und nicht durch das Schonthal, sondern die 
Hohe hinan liber Hamich, wo romisches Mauerwerk zum Vor- 
schein kam 2 und noch viele Ziegelstiicke die Felder bedeeken. 
Dann zieht sie durch Gressenich und an Krehwinkel vorbei, 
setzt iiber das Vichtthal und lauft unter dem Namen „Kupfer- 
strasse" liber den Breiniger Berg, wo viele romische Alter- 
thiimer, namentlich Mlinzen, auch zahlreiche Schlacken gefunden 
werden, slidlich an Venwegen und westlich an Maulartzhiitte 
vorbei zum Mlinsterbildchen und nach Botgen, wo ein romisches 
Gebaude aufgedeckt wurde 3 . Nordlich von Botgen am Mlinster- 
bildchen geht die iiber Aachen und Heerlen nach der Maas 
fuhrende Strasse ab, von der bereits frliher 4 die Eede war. 
An dieser Seitenstrasse, beim Friesenrather Hof, beflnden sich 
die Trlimmer eines sehr merkwiirdigen romischen Bauwerks 5 , 
„die Maiburg" genannt, auf der Hohe des Waldgebirges. Es 
besteht aus einem viereckigen, von einem tiefen Graben urn- 
gebenen Thurm, an welchen sich ein grosserer, ebenfalls von 
einem Graben umgebener, rechteckig ummauerter Baum anschliesst . 
Es kann kein Zweifel sein, dass wir hier eine jener grossern 
Warten vor uns haben, wie wir sie frliher sowohl an den 
Heerstrassen wie an den Grenzwehren nachgewiesen, bei denen 
der Thurm als Warte, der damit verbundene Einschluss fiir die 
Wachter und die Vorrathe diente; am Niederrhein bestehen 
sie nur aus Erdwerk und Holz 6 . Der Zweck unserer An- 



x ) Bonner Jahrbucher LXXV, S. 189. Auch fand man in der Inde 
inehrcre grosse Steine, zum Theil mit Skulpturen, die wahrscheiulich einem 
Tempel angehbrten. Vgl. Bonn, Rumpel und Fischbach, Sammlung von 
Materialien zur Gcschichte Dtirens S. 8; Bonner Jahrbucher I, S. 61. 

2 ) Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins VII, S. 248. 

3 ) Bonner Jahrbticher LXXVII, S. 234. 

4 ) Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins VII, S. 174. 

5 ) Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins V, S. 311. 

6 ) Vgl. J. Schneider, Neue Beitrage zur alten Geschichte und Geo- 
graphic der Rheinlande, 3., 4., 6., 7. und 8. Folge. Wir glauben in diesem 
dem Alterthum angehorigen, bald aus Erdwerk, bald in Stein aufgefuhrten 



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Romerstrassen im Regicrungsbezirk Aachen. • 151 

lage wird Aeutlich, wenn man bemerkt, wie hier die Boiner- 
strasse durch das Thai des Folkenbachs hinabsteigt uiid durcb 
die umliegenden Hohen bedroht war 1 . In der Nake des Friesen- 
rather Hofs befinden sich noch andere Bautrummer, die einer 
genauern Untersuchung bedurfen. 

Von Eotgen lauft die Kupferstrasse weiter iiber das hohe 
Venn, ostlich von deui Hof Schwarzfeld und dem Keynarzhof, 
geht nicht durch Miitzenich, sondern schneidet die Chaussee 
von Eupen nach Montjoie bei Nummerstein 14,3 dicht neben 
der Telegraphenstange 266, fiihrt dann nach dem Vennhof, 
aber nicht nach Kalterherberg, audi nicht nach Butgenbach, 
sondern in der bisherigen siidlichen Bichtung weiter iiber den 
Kuitzhof und Klichelscheid, setzt dann iiber die Boer da, wo 
sich die kleine und grosse Boer miteinander vereinigen und noch 
jetzt eine holzerne Briicke steht. Hier fand man am „Griin- 
kloster" und auf „Allerfeld tt romische Baureste 2 . Hierauf setzt 
die Strasse liber die Warche, und lauft iiber Schoppen und Amel 
in die Eheims-Kolner Heerstrasse; im Flurdistrikt „Kahlert" 
wurden romische Graber an der Strasse gefunden 8 . Sie hat 
jedoch neuerer Untersuchung zufolge hier nicht geendet, sondern 
lauft in der bisherigen siidlichen Bichtung westlich an Walerode 
vorbei weiter, durch schneidet die Chaussee von St. Vith nach 
Schonberg und fiihrt liber Breitfeld und Neidingen, an welchen 
beiden Orten romische Baureste und sonstige Alterthlimer zum 



grossern Wacbtposten den in der Baugesckichte bisher vergeblich gesuchten 
Urtypus der spatern Ritterburgen zu erkennen, und zwar in dem Wartthurm 
den Bergfried, und in dem daneben gelegenen Wohn- und Vorrathsraum den 
Wohn- und Hofplatz der Burg. 

*) So finden wir am Niederrhein die Warte des Monterbergs zur 
Sichcrung der hier zwisehen dem Berg und dem alten Rhein eingeklemmten 
Romcrstrasse, am obern Rhein die Befestigung beim Rcinhardshof zum Schutz 
der von Heddesdorf iiber Heimbach durch ein enges Thai fiihrenden Strasse. 
Man hat die letztere Verschanzung mit Unrecht rait dem Pfahlgraben in 
Beziehung gebracht, von dem sie viel zu weit — 1500 Schritt — entfernt 
liegt. — Die Friesenrather Warte konnte der Verfasser durch das dichte 
Goblisch nur unter der bereitwilligen Fiihrung des Gutspachters und Forst- 
aufsehers Herrn Kratzenberg erreichen; es ist zu hoffen, dass sie bald zu- 
ganglieher gemacht und ein Plan davon aufgenommen werde. 

*) Esser im Kreisblatt fur den Kreis Malmedy 1881, Nr. 61. 

3 ) Ebendas. 1883, Nr. 19. In der Nahe von Ainel, zwischen Deidenbcrg 
und der Romerstrasse finden wir die Flurbezeichnung „Tummel" (tumuli). 
p]bendas. 1885, Nr. 33. 



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152 J. Schneider 

Vorschein kamen *, in der bisherigen Richtung iibur die Gebirge 
fort, wahrscheinlich bis ins Luxemburgische, was spaterer 
Untersuchung vorbehalten bleibt. 

4. Venlo- Julie h-Kreuzau-La mm ersdorf-Daun-Crov, 
c. 23 Meilen. 

Die dritte der angezeigten Strassen kommt von der Maas 
bei Venlo, geht nacli Jiilicli, tiberschreitet alsbald die Roer, 
und geht etwas sudlich von Lendersdorf, bei Kreuzau, zum 
zweiten Mai iiber den Fluss 2 . 

Sie ist in ihrem fernern Lauf, durch die Eifel, bis zur 
Mosel bei Crov bereits friiher beschrieben 3 . 

5. Mastricht-Koln-Siegen, c. 22 Meilen. 

Die vierte durch Jiilich ziehende Strasse ist die Heer- 
strasse von Koln nach Mastricht, die zuerst von Oberstlieutenant 
Schmidt 4 , hierauf von dem Verfasser 6 und dann von General 
von Veith 6 beschrieben und gezeichnet ist. 

6. Stetternich-Diiren-Munstereifel-Breisig, c. 12 Meilen. 

Von der vorigen geht eine Seitenstrasse in der Nahe von 
Jiilich bei Stetternich ab und ist iiber Duren bis jenseits des 
Rheins untersucht. Von dieser zweigt sich eine Nebenstrasse 
bei Niederzier ab, und fuhrt bei Linz iiber den Rhein. Eine 
zweite Nebenstrasse geht siidlich von Duren ab, bei Konigswinter 
iiber den Rhein und bei Oberpleis in eine andere Strasse 7 . 

7. Limburg-Kornelimunster-Dusseldorf-Elberfeld- 
Werl, c. 24 Meilen. 

Ausser den vier genannten hat noch eine fiinfte Strasse die 
Richtung auf Jiilich, geht jedoch nicht durch den Ort, sohdern 
nordlich und westlich urn ihn her. Sie kommt aus Belgien, iiber 

') Kreisblatt fur den Kreis Malmedy 1882, Nr. 25, Nr. 99 und 1883, Nr. 33. 
2 ) Bonner Jahrbticher LXXIII, S. 4. 
8 ) Bonner Jahrbttcher LXXXI, S. 1 ff. 
4 ) Bonner Jahrbttcher XXXI. 

B ) Bonner Jahrbttcher LXIV, LXXVI; Picks Monatsschrift V, VI; 
Die alten Heer- und Handelswege, Heft 5. 

6 ) Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins VIII, IX. Sie ist von dem 
Verf. bis Siegen verfolgt worden. 

7 ) Vgl. Die alten Heer- und Handelswege, Heft 5. 



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Romerstrassen im Rcgierungsbczirk Aachen. 153 

Verviers und Limburg, uiid geht in nordostlicher Richtung 
nach Kornelimiinster *. Von da fiihrt sie liber Dorf, wo romische 
Ruinen aufgegraben wurden, dann ostlich von Busbach, tiber- 
schreitet bei Bernardshammer die Vicht, wo gegentiber auf der 
Hohe die „Hunnenhugel a liegen 2 , geht an Stolberg vorbei nach 
Hastenrath, Volkenrath und Bergrath, in welclier Strecke romische 
Alterthiimer gefunden wurden 8 , zieht dann ostlich an Eschweiler 
vorbei, wo vor langerer Zeit in der Nahe ein romischer Meilen- 
stein entdeckt wurde 4 . iiber Dlirwiss und Langenberg nach 
Aldenhoven. Von da ging sie, Julich rechts lassend, durch 
Coslar und Glisten, zuletzt unter dem Namen „Casterstrasse a 
bis Xorf, wo sie sich in zwei Arme theilt: der eine geht in 
Grimlinghausen an den Rhein, und jenseits des Stroms iiber Diissel- 
dorf, Elberfeld und Hagen in den „grossen Hellweg" bei Werl, 
der andere setzt bei Machenscheid iiber den Rhein und lauft 
iiber Benrath und Hilden in den vorigen Arm bei Elberfeld 5 . 
Die Strasse kann nicht, wie angenommen wird, iiber Gressenich 
und Diiren gegangen sein, weil hier in dieser Strecke schon 
die Mastricht-Aacben-Durener Strasse lauft 6 . Audi erscheint 
es nicht erwiesen und bedenklich, dass unsere Strasse die Fort- 
setzung der Romerstrasse iiber Bavai und Dinant nach Poulseur 
sei, da die Verbindung von Poulseur iiber Louvaigne und Theux 
nocli nicht hinreichend nachgewiesen ist. Mochten uns die 
dortigen Forscher iiber diesen wichtigen Punkt bald nahere 
Auskunft geben konnen. 

8. Roermond-Erkelenz-Elsdorf-Lechenich-Rheder, 
c. 12 Meilen. 

Von der durch Aachen ziehenden Strasse Nr. 3 7 geht 
eine Seitenstrasse bei Roermond ab und fiihrt iiber Erkelenz, 



J ) von Veith, Zcitschrift des Aachener Geschichtsvereins VIII. 

2 ) Die Hiigel sind noch nicht untersucht und befinden sich zwisclien 
Binsfeldshammer und dem Einfluss der Ktissbach in die Vicht, 25 Min. vom 
Ende der Stolberger Pferdebahn. 

3 ) Koch, Geschichtc der Stadt Eschweiler I, S. 25. - 

4 ) Zangemeister, Bonner Jahrb. LXXVI, S. 235; Pick, Zeitschrift 
des Aachener Geschichtsvereins VI, S. 243. 

5 ) Picks Monatsschrift VI; Bonner Jahrbiicher LXXIII; Die alten Hecr- 
und Handelswege, Heft 5 und 7. 

6 ) Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins VII, S. 173. 

7 ) Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins a. a. 0. 



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154 J. Schneider 

Elsdorf und Lechenich bis Rheder, ihr fernerer Lauf ist un- 
bekannt *. 

9. Nattenheim-Prum-Malmedy, c. 8V2 Meilen. 

Siidostlich von Nattenheim geht von der Trier-Bonner Heer- 
strasse eine Seitenstrasse in nordwestlicher Richtung iiber Bicken- 
dorf und an Lascheid vorbei nach Winringen und Prum. Von 
da zieht sie die Hohe hinan, an Huntheim, Brandscheid und 
Bleialf vorbei, an welchen drei Orten romische Ruinen gefunden 
wurden 2 , nach Schonberg, wo eine romische Ruine liegt 3 , dann 
an Meyerode vorbei nach Amel, in welcher Strecke sie bald 
links, bald rechts von der Chaussee abweicht. Dann lauft sie 
im Allgemeinen mit der Chaussee an Montenau vorbei, wo sich 
eine romische Niederlassung befand 4 , nach dem Rohrbusch hin, 
wo sie links von der Chaussee ab an Geromont vorbei nach 
Malmedy zieht. Von da geht sie iiber die Hohe nach Francor- 
champs, und die Fortsetzung iiber Cocquaifange und Verviers 
bis Herve ist, unter dem Namen „pavais du diable", von den 
belgischen Archaologen untersucht 5 . 

10. Waxborn-Losheim-Malmedy, c. 9 Meilen. 

Von der Trier-Bonner Heerstrasse geht sudlich von Waxborn 
eine Strasse zuerst mit der Chaussee bis sudlich von Kirchberg, 
wo eine romische Ruine liegt, dann links ab zwischen Niecler- 
und Oberhersdorf nach Fleringen und Gondelsheim, und in der 
bisherigen nordlichen Richtung durch die Waldungen bis sudlich 
von Schonefeld, wo sie eine nordwestliche Richtung annimmt. 
Sie lauft dann iiber Ormont und an Hergesberg (Herwegsberg) 
vorbei nach Losheim mit der Chaussee 6 , hierauf links derselben 



*) Die alten Heer- und Handelswege, Heft 5. 

2 ) Bormann, Beitrag zur Gesehichte der Ardennen II, S. 118, 117, 125. 

3 ) Bormann II, S. 126. 

4 ) Kreisblatt f. den Kreis Malmedy 1881, Nr. 9. 

5 ) van Dessel, Topographie des voies romaines de la Belgictue p. 30. 
Oberst^ von Cohan sen hat ein sehr interessantes Profil nebst Grundriss 
dieser Strasse gegeben. Bonner Jahrbucher XLIII, S. 37. Ebendas. finden 
sich auch Langen- und Querschnitt der durch den Hcrzogenwald ziehenden 
Strasse von Eupen nach Malmedy. S. Zeitschrift des Aachener Geschichts- 
vereins XI. 

6 ) Hier kommt sie schon urkundlich im J. 801 als „saxea strata" und 
im J. 1596 als „stcinige vvegh" vor; Esser vermuthet darin richtig eine 



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Romerstrassen im Regierungsbezirk Aachen. 155 

bis Biillingen. Von hier geht sie liber Butgenbach unci mit 
tier Chaussee liber Belair, wo sie rechts abweicht, worauf sie 
sudlich an Bruyere vorbei liber Chodes nach Malmedy fUhrt. Die 
fernere Fortsetzung geht wahrsclieinlich uber Stablo weiter 
nach Belgien. 

11. Limburg-Heggen-Euchen-Hilfahrt-Linne, 
c. 9 Meilen. 

Von Limburg fiilirt eine Strasse liber Heggen, schneidet die 
Chaussee von Herbesthal nach Eupen bei Nummerstein 4,0 1 und 
geht nach Lontzen ; dann der Eisenbahn entlang an Astenet vorbei, 
wo viele romische Alterthiimer gefunden wurden 2 , und setzt 
jenseits des Orts iiber die Bahn. Die Strasse flihrt dann an 
Hauset vorbei, schneidet die Chaussee von Hergenrath nach 
Hauset bei Nr. 2,2, und geht in einzelnen Bruchstiicken durch 
den Aachener Stadtwald, fiihrt jedoch nicht nach Aachen 3 , 
sondern ostlich an Burtscheid vorbei nach Schonforst, an welchen 
beiden Orten bedeutende romische Alterthiimer zum Vorschein 
kamen, dann nach Verlautenheid und Vorweiden, hierauf an 
Euchen vorbei nach Often, in welcher Strecke ebenfalls viele 
Alterthiimer gefunden wurden, und geht bei Baesweiler in die 
Chaussee. Sie verlasst diese wiederum bei Setterich, zieht 
links von Linnich iiber Brachelen nach Hilfahrt, wo romische 
Graber entdeckt wurden 4 , und lauft dem linken Ufer der Roer 
entlang, iiberschreitet sie bei Bree und geht nach Vlodorp, 
wo sie den Fluss zum zweiten Mai iiberschreitet. Von hier 
setzt sie sich iiber Odilienberg bis zur Haas fort. Unsere Strasse 
ist demnach ein Arm der von der Maas bei Linne iiber Vlodorp 



Abzweigung der Trier-Kolner (Trier-Bonncr) Romerstrasse (Kreisblatt f. den 
Kreis Malmedy 1885, Nr. 64). 

*) Die Wallonen nennen dort die Strasse „chemin de treu bordons"; 
sonst heisst sie „der alte Limburger Weg". 

2 ) Quix, Kreis Eupen S. 66. 

3 ) Zeitsehrift des Aachener Geschiclitsvereins VIII, S. 10. Da sich 
in Aachen, ebenso wie in Jttlich, vier Strassen schneiden, so geht hier 
ebenso, wie wir es dort gesehen, die funfte Strasse nicht mehr durch den 
Ort, sondern uni denselben her; ein Fall, wo sich mehr als vier Strassen in 
demselben Ort schneiden, ist im Rheinland uberhaupt nicht bekannt. 

4 ) Zeitsehrift des Aachener Geschichtsvereins VI, S. 244, 245. 



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156 J. Schneider 

laufenden Strasse 1 , wo sich diese in zwei Arme theiit: der 
eine Arm geht liber Wegberg und Miilfort nach Neuss, der 
andere an Burtscheid vorbei nach Belgien. 

12. Roermond-Gladbacli-Neuss, c. 7 Meilen. 

Von Roermond lauft eine Strasse liber Elmpt eine kurze 
Strecke durcli den Regierungsbezirk Aachen und dann iiber 
Gladbach an den Rhein bei Neuss 2 . 

13. Goe-Astenet-Hergenrath, c. 2 Meilen. 

Ueber Goe und Membach lauft eine Strasse nach Stockem, 
wo sie die Chaussee von Limburg nach Eupen bei einem holzernen 
Kreuz durchschneidet, geht dann bei Nummerstein 1,1 iiber die 
Chaussee von Herbesthal nach Eupen, zieht bei Nummerstein 4,3 
mit der Chaussee auf Astenet und Hergenrath (Herwegenrath), 
und durchschneidet die Chaussee von Henry-Chapelle nach Aachen 
beim „Bildchen tt . Von da geht sie durch den Aachener Stadt- 
wald in nordwestlicher Richtung nach Belgien 3 . 

14. Rheims-Koln-Miinster, c. 55 Meilen. 

Die iiber Rheims und Koln nach Miinster laufende Heer- 
strasse ist von den belgischen und franzosischen Alterthums- 
forschern, von Oberstlieutenant Schmidt, General von Veith und 
dem Verfasser beschrieben und gezeichnet worden 4 . 

15. Koln-Nideggen-Simmerath-Hohes Venn, c. 10 Meilen. 

Von Koln zieht eine alte Strasse durch Kriehl und an der 
Lindenburg vorbei nach Deckstein, wird durch ein neuangelegtes 
Fort unterbrochen und geht nach Stotzheim. Bevor sie den 

*) Picks Monatsschr. VI, S. 259 ; Die alten Heer- u. Handelswege, Heft 5. 

2 ) S. Die alten Heer- und Handelswege, Heft 5. 

3 ) Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins VIII, S. 101. Die Strasse 
ging nicht nach Aachen. 

4 ) Desjardins, Geographie de la Gaule d'apres la carte de Peutinger; 
Schayes, La Belgique et les Pays-Bas avant et durant la domination 
romaine; C. van Dessel, Topographie des voies romaines de la Belgique; 
Bonner Jahrb. XXXI, S. 48; Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins VIII, 
IX; Die alten Heer- u. Handelswege, Heft 5; Bonner Jahrb. LXIV, LXXVI; 
Picks Monatsschrift VI. — Die belgischen Alterthumsforscher liegen mit den 
franzosischen iiber den Lauf der Koln-Rheimser Strasse in vollem Widerstreit, 
wie uns scheint aus dem Grunde, weil beiden unbekannt war, dass die 
Itinerarien nicht Strassen, sondern Routen enthalten. 



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Romerstrassen im Regierungsbezirk Aachen. 157 

Ort erreiclit, wird sie von dem Horbeller Weg durchschnitten, 
an dessen beiden Seiten, am Durchschnitt, romisches Mauerwerk 
mit vielen Ziegeln ausgegraben wurde. In Stotzheim wurde an 
der „Steinrausch", bei der Pastorat, die Steinstrasse im Boden 
gefunden, ausserdem kam romisches Mauerwerk mit vielen 
Ziegeln und ein Kanal zum Vorschein. Die Strasse geht dann 
nach Burbach, in welcher Strecke, bei Altstatten, an ihrer 
linken Seite vor langerer Zeit viele Altertkiimer gefunden 
wurden. Von Burbach lauft sie weiter siidlich an Berrenrath 
vorbei, dann durch den Wald, durchschneidet an Dirmerzheim 
die Chaussee bei Nummerstein 43,5, und geht in westlicher 
Richtung iiber Bohlheim, dann sudwestlich mit Unterbrechung iiber 
Binsfeld, schneidet die Chaussee Diiren-Steprath bei Nummerstein 
2,9 und endigt jenseits derselben am Walde, den sie nur als 
Pfad durchzieht, lauft hierauf unter dem Namen „Reutersweg tt 
(„Riittersweg a ) liber Burgau dem Waldrand entlang bis zu 
einem am Stockheimer Weg stehenden Heiligenhauschen ; sie 
setzt sich jenseits des Wegs als nicht mehr im Gebrauch befind- 
licher Hohlweg fort, durchschneidet die Chaussee Kreuzau-Drove 
bei Niederdrove und lauft nach Nideggen. Sie ist demnach die 
Fortsetzung der Strasse Simmerath-Nideggen, welche sich liier 
in zwei Arme theilt: der eine geht, wie angegeben, nach Koln, 
der andere iiber Lechenich nach Wesseling 1 . Von Nideggen 
lauft die Strasse gerade aus den Berg hinan, indem sie die 
Windungen der Chaussee durchschneidet. Auf der Hohe lauft 
sie mit der Chaussee iiber Schmidt, wo am „Gesief u , rechts des 
Wegs, eine romische Ruine aufgegraben wurde. Von Schmidt 
bis Simmerath gewahrt man die Reste der alten Strasse bald 
rechts, bald links der Chaussee. Von Simmerath lauft sie dann 
eine kurze Strecke rechts neben der Chaussee an der Kirche 
vorbei und in einem Bogen nach Entenpfuhl, wo sie in der „Blumen- 
gass" die Chaussee nach Eicherscheid schneidet, zieht hierauf 
iiber die Chaussee von Imgenbroich nach Rotgen bei Nummer- 
stein 28,8 und gerade aus auf die Kirche von Conzen. Von 
da geht sie in siidlicher Richtung nach Luzersief, wo noch vor 
einiger Zeit die Steinstrasse im Boden gefunden wurde 2 , schneidet 



J ) Die alten Hecr- und Handelswege, Heft 5. 

2 ) Herr Gastwirth Weishaupt in Mlitzenich hat die aus Wackensteinen 
bestehendcn Strassenrestc, die langere Zeit dem Pflug sehr hinderlich waren, 
ausgegraben. 



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158 J. Schneider 

die Miitzenicher Chaussee bei Nummerstein 17,1 und lauft ostlich 
an Eschweid vorbei ins hohe Venn. Sie ist zwar im Venn 
unkenntlicli geworden, hat aber die Richtung auf Kapelle Fisch- 
bach (Baraque Michel), und alte Leute in Kalterherberg wissen 
noch, dass sie in friiherer Zeit die Strasse am Vennhof vorbei 
auf Baraque Michel gefahren sind. Von Kapelle Fischbach 
lauft sie unter dem Namen „le Vecquee" in der bisherigen Richtung 
liber Bannheid weiter, biegt dann nach Nordwest ab, und 
ist in der Karte von van Dessel bis Louvaigne gezeichnet. 
Da nun Louvaigne von Poulseur, bis zu welchem Punkt die 
Strasse Bavay-Dinant bis jetzt aufgefunden, nur 10 km entfernt 
ist, so fragt es sich, ob nicht unsere Strasse die Fortsetzung 
der Strasse Bavay-Dinant-Poulseur ist, die dann von Poulseur 
tiber Baraque Michel nach Koln ginge. Wir wollen die Prufung 
dieses wichtigen Punkts den belgischen Archaologen angelegent- 
lichst empfehlen 1 . 

16. Koln-Diir en-Simm era th -Mont joie-Sch onberg- 
Lichtenborn, c. 15 Meilen. 

Von Koln lauft eine Strasse tiber Kerpen und Diiren, dann 
tiber Gey und Hurtgen nach Simmerath und Imgenbroich, von 
der jetzigen Chaussee nur selten abweichend; am Nordende 
des Orts verlasst sie diese und schneidet die Chaussee 
Imgenbroich-Rotgen bei Nummerstein 32,1. Sie geht dann als 
schmaler Hohhveg tiber die Miitzenicher Chaussee bei einem 
holzernen Kreuz, und an Hargard vorbei bis zur w alt en Strasse u 
am Mentzerather Wegweiser, dann mit dieser nach Montjoie 2 . 



2 ) In der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins VIII, S. 100 wird 
die Richtung von Poulseur iiber Hornay nach Louvaigne angegeben, und 
die Strasse geht dann liber Theux und Heusy nach Verviers. Wenn die 
Vcrbindung von Poulseur nach Louvaigne sicher ist, so kann die Fortsetzung 
ebensowohl von Louvaigne nach Baraque Michel als nach Verviers gegangen 
sein, um so mehr, als die Strasse von Louvaigne nach Baraque Michel fest- 
steht, aber die von Louvaigne tiber Heusy nach Verviers noch nicht sicher 
nachgcwiesen ist. 

2 ) Auf einem hohen Felskegel befindet sich hier ein viereckiger Wart- 
thurm, „der Haller" genannt, und es wird zu priifen sein, ob nicht noch ein 
Theil des Baues romischeu Ursprungs ist, da hier noch mehr als bei Friesen- 
rath eine Warte nothwendig war, um die Strasse, die sich eine Streeke durch 
das schluchtige Roerthal windcn muss, zu iiberwachen. 



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Romerstrassen im Regierungsbezirk Aachen. 159 

Hier lauft sie (lurch das Thai der Roer dem linken Ufer ent- 
lang, ist an einer Stelle durcli die Felsen gebrochen, geht dann 
bei dem Wegweiser an der Kunstwollfabrik rechts die Hohe 
hinan durch den Wald Breitscheid bis Kalterherberg. Sie zielit 
durch das Dorf mit der Chaussee, geht spater links ab an 
Elsenborn und Wirtzfeld vorbei, iiber Bullingen, Honnefeld und 
Herresbach nach Schonberg, wo, wie bemerkt, eine romische 
Ruine liegt 1 . Von hier setzt sie sich in der bisherigen sud- 
lichen Richtung fort an Winterscheid und Ober-Uettfeld vorbei, 
an welchen beiden Orten romische Ruinen sicli befinden 2 , bis 
Lichtenborn. Der fernere Lauf ist unbekannt. 

17. Kesternich-Schleiden-Schmidtheim-Wittlich- 
Zeltingen, c. 13 Meilen. 

Bei Kesternich geht eine Seitenstrasse von der vorigen ab, 
setzt bei Einruhr iiber die Roer, geht an Wollseiffen vorbei 
nach Scheuren, uberschreitet bei Schleiden die Olef, indem sie 
am Rand eines Seitenthalchens hinab und an einem andern gerade 
hinaufsteigt, wahrend die Chaussee in grossen Windungen geht, 
lauft dann an Sistig vorbei nach Schmidtheim, und iiber Feus- 
dorf nach Hillesheim, hierauf iiber Rockeskyll und Hinterweiler 
nach Bleckhausen, dann an Manderscheid vorbei nach Wittlicli, 
von wo sie in zwei Armen bei Traben und Zeltingen iiber die 
Mosel setzt. Die Strasse hat an mehrern Stellen Reste der 
alterthiimlichen Bauart bewahrt, ist von vielen Alterthiimern 
begleitet und noch neuerlich sind bei Kesternich und Sistig 
bedeutende Alterthumsreste aufgefunden worden. 

18. Dahlem-Neuhof-Sourbrodt-Kapelle Fischbach, 
c. 5 1 /* Meilen. 

Von der vorigen Strasse geht ein Seitenarm am Heidenkopf 
ab iiber Dahlem, Neuhof und Elsenborn nach Sourbrodt, wo 
ein romischer Ring von feinem Gold mit gesclinittenem Onj T x 
gefunden wurde 3 . Von diesem Orte geht die Strasse eine kurze 
Strecke durch den Wald und dann in das hohe Venn, wo sie 
meist unkenntlich wird; sie scheint nordlich von Sourbrodt die 

*) Bormann II, S. 126. 

2 ) Bormann II, S. 101, 106. 

3 ) Bonner Jahrbttcher XXI, S. 125. 



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160 J. Schneider 

Chaussee geschnitten zu haben und zieht liber Kapelle Fischbach 
nach Belgien 1 . 

19. Trier -Bitburg-Balesf eld -Blankenheim -Meckenheim- 
Bonn, c. 17 Meilen. 

Auch die Trier-Bonner Hauptstrasse fiihrt theilweise durch^ 
den Aachener Regierungsbezirk : sie geht von Trier uber Bitburg 
und Jiinkerath nach Esch, dann unter dem Namen „alte Pilger- 
strasse" nach Blankenheim, und von da uber Eicherscheid und 
Meckenheim nach Bonn 2 . 

Unter den sammtlichen vorbeschriebenen Strassen befindet 
sich kaum eine einzige, von der sich mit Sicherheit annehmen 
liesse, dass sie in Hirer ganzen Ausdehnung von Anfang bis zu Ende 
erforscht worden sei, und es bleibt der kunftigen Untersuchung 
noch ein weites Feld eroffnet. Namentlich bei der Strasse Nr. 2 
wird zu ermitteln sein, ob sie jenseits der Maas etwa eine Fort- 
setzung hat, oder ob sie nicht vielmehr nur ein Seitenarm der 
an Luttich vorbei dem rechten Maasufer entlang uber Nymegen 
ebenfalls zur Zuydersee fiihrenden Strasse ist. Von der Strasse 
Nr. 3 bleibt noch die Untersuchung ihres fernern Laufs uber 
Lommersweiler nach Siiden ubrig. Von der Strasse Nr. 4 ist 
weder Anfang noch Ende bekannt, nur so viel ist sicher, dass 
sie sich jenseits der Mosel bei Crov uber den Hunsriick weiter 
fortsetzt, was spater zu untersuchen bleibt, sowie die Er- 
forschung 'ihres Laufs jenseits der Maas von den dortigen 
Alterthumsforschern zu erwarten ist. Von der Strasse Nr. 7 
bleibt noch zu ermitteln, ob sie von Limburg aus wirklich die 
Fortsetzung der uber Bavay und Dinant bis Poulseur bekannten 
Strasse ist, was wir vorlaufig noch bezweifeln. Die Strasse 
Nr. 9 ist ein Seitenarm der Trier-Bonner Heerstrasse, und es 
bleibt ihre Fortsetzung von Hervc noch weiterhin durch Belgien 
zu untersuchen. Auch die Strasse Nr. 10 ist eine Seitenstrasse 
der Trier-Bonner Hauptstrasse und die Fortsetzung von Malmedy 
aus durch Belgien ist unbekannt. Von der Strasse Nr. 11 ist 
wpder Anfang noch Ende bekannt: sie lauft einerseits (lurch 

J ) Die Strasse fiihrt uber den hochsten Punkt des hohen Venns, das 
bei dem links neben der Chaussee crrichteteu Signal zur Landesvormessung 
eine Hohe von 714 m erreicht. 

-) Vgl. Die alten Ileer- und Handelswege, Heft 5. 



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Romerstrassen im Regierungsbezirk Aachen. 1G1 

Belgien, anderseits durch Holland und wird der Untersuchung 
der dortigen Alterthumsforscher empfohlen. Ebenso sind von 
der Strasse Nr. 13 Anfang und Ende unbekannt; sie zieht 
beiderseits durch Belgien. Die Strasse Nr. 14 ist von Eheims 
bis zu ihrera Ende bei Miinster untersucht; eine Fortsetznng 
iiber Eheims hinaus, die nicht unwahrscheinlich, bleibt noch zu 
ermitteln. Die von Koln bezw. Wesseling iiber Baraque Michel 
fiihrende Strasse Nr. 15 ist wahrscheinlich die Fortsetzung der 
Strasse Bavay-Dinant-Poulseur. Von der von Koln bis Lichten- 
born ziehenden Strasse Nr. 16 bleibt noch die siidliche Fort- 
setzung zu untersuchen. — v Audi von den frtiher bescliriebenen 
durch die Stadt Aachen 1 ziehenden Strassen ist keine einzige 
bis zu ihrem Ende sicher erforscht: von den ersten drei bleibt 
die Fortsetzung jenseits der Maas naher zu ermitteln und von 
der vierten ist es ungewiss, ob sie sich jenseits Mastricht iiber 
die Maas fortsetzt, oder ob sie, wie oben bemerkt, bloss eine 
Seitenstrasse der Maasstrasse des rechten Ufers ist. — 

Wir haben nunmehr die alten Strassen des Regierungsbezirks 
Aaclien bis zur deutschen Grenze, und theilweise dariiber hinaus, 
in Betrachtung gezogcn; das wissenschaftliche Interesse er- 
fordert es, dass nun auch die belgischen und niederlandischen 
Archaologen in ihrem Gebiet die bisher erforschten Strassen 
ebenfalls bis zur Grenze verfolgen, urn von beiden Seiten den 
richtigen Anschluss zu gewinnen, wodurch das alte Strassennetz 
in der ehemaligen gallischen Provinz erst zu seiner vollen 
Bedeutung gelangen wird. 

Es kann kein Zweifel sein, dass ein Theil dieser Strassen 
schon vor der romischen Herrschaft bestanden und bereits in 
den Feldziigen Casars in Gallien eine Rolle gespielt hat, woriiber 
bekanntlich Oberst von Cohausen und General von Veith aus- 
fiihrlich gehandelt haben. Wir glaubten uns aber bei unserer 
Darstellung aller Andeutungen tiber die geschichtlichen Beziige 
der Strassen enthalten und sie vor Allem ihrer selbst willen 
behandeln zu sollen, urn bei der Erforscliung jedem Einfluss 
vorgefasster Meinungen iiber ihre Verwendung zu begegnen. 

Wahrend ein Theil der bisher bescliriebenen alten Wege 
als Hauptstrassen (viae publicae), ein anderer als Zweigstrassen 
(diverticula) aufzufassen ist, bleibt noch die Bestimmung der 



*) Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins VII. 

11 

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162 J. Schneider, Romerstrasscn im Regierungsbezirk Aachen. 

Verbindungswege (viae vicinales) iibrig, die in einem folgenden 
Abschnitt zur Beschreibung gelangen werden, wobei nicht nur 
durch eine Uebersichtskarte das gesammte alte Strassennetz des 
Regierungsbezirks Aaclien zur Anschauung gebracht werden soil, 
sondern auch durch Eintragung aller Alterthumsreste, die haupt- 
sachlich nur den beschriebenen Strassenrichtungen entlang vor- 
kommen, diese ihre endgiiltige Beglaubigung eilialten sollen. 



Nachtrag zu I. 

(Vgl. diese Zeitschrift XI, S. 67.) 

Beziiglich eines in von Httpschs Epigrammatographic S. 61 aufge- 
fiihrten, angeblich zu Diiren gefundenen Grabsteins (worauf der Verf. durch 
Herrn Stadtarchivar Pick aufmerksam gemacht worden) ist zu bemcrken, 
dass bei der bekannten Ungenauigkeit von Hlipschs in Bezug auf Ortsangaben 
anzunehinen ist, dass der Stein bei Diiren gefunden worden, da in Diiren 
selbst nicht einmal der Fund eines Ziegel- oder Gefassstucks konstatirt ist. 
Uebrigens ist die Inschrift apogryph und daher von Brambach im Corpus 
inscript. rhenan. nicht aufgenommen. Zur weitern Begrundung fiir Ozunerica- 
Gorzunerica-Gurzenich sei noch bemerkt, dass in der Peutingerschen Tafel 
der Ausfall des Anfangsbuchstabens ura so wahrscheinlicher wird, als zwischen 
„Ozunerica" und dem vorhergehenden Wort „Meduante u ilberhaupt ein Aus- 
fall nachweislich stattgefuuden hat, indem die zwischen beiden Worten 
ursprlinglich stehende Eiitfernuiigszahl fehlt. Einen Anklang an „Lindesina fa 
bietet auch der Name des nahebei gelegenen Dorfes „Lendersdorf a , worttber 
Andere entscheiden mogen. 



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Beitrage zur G-eschichte der Grafen von Julich. 

Von W. Graf von Mirbach. 

VII. Walram Graf von Julich 1283—1297. 
1. Der Limburgische Erbfolgestreit. 

Am 26. April 1283 nennt sich Wilhelms IV. zweiter Sohn 
nur Walram von Julich. In seiner Eigenschaft als Propst zu 
Aachen hat er damals den zu einer Prabende an der Marien- 
kirche prasentirten Simon Sleyr wegen zu grosser Jugend und 
der mangelnden Weihen verworfen und die Stelle seinem Bluts- 
verwandten Wilhelm von Sponheim verliehen 1 . Am 12. Juli 1285 
sendet Konig Rudolf von Mainz aus ihm, dem Propst von Aachen 
und kaiserlichen Kaplan, ein Urtheil zu, wonach Falschmiinzer 
mit dem Leben gestraft werden sollen, ebenso der, welcher solche 
in seinen Burgen halt; wer wissentlich falsches Geld ausgibt, 
hatte die Hand verwirkt 2 . Es ist wahrscheinlich, dass Eudolf 
dem Walram als Graf en von Julich dies mittheilte. Schon im Sep- 
tember 1283 fuhrt der Propst den Grafentitel 3 , behielt aber sein 
geistliches Amt noch etwa sieben Jahre lang bei, wahrend 
welcher Erzbischof Siegfried von Koln ihn nicht als Regenten 
anerkennen wollte. Auch er hat dem Erzbischof in manchem 
Kriege gegeniiber gestanden, docli lag die Veranlassung dazu 
wenigcr in den alten Streitpunkten, sondern kam zunachst von 
aussen. 

Ich sagte schon, dass Herzog Walram von Limburg den 
Schonauer Frieden von 1280 nicht mehr erlebte. Mannliche 
Nachkommen hat er niclit hinterlassen, seine Tochter Irmgard 
war an den Grafen Reinald von Geldern vermahlt, dagegen 



*) Kremcr, Akademische Beitrage III, Nr. 148. 

2 ) Bohmer, Regesta imperii p. 128; vgl. Haagen, GescMchte Achens 
I, S. 208. 

3 ) Ernst, Histoire du Limbourg VI, p. 447. 

11* 
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164 W. Graf von Mirbach 

hatte sein Bruder Graf Adolf von Berg mit Margaretha von 
Hochstaden mehrere damals noch lebende Sohne gehabt. 
Konig Rudolf belehnte am 18. Juni 1283 die Irmgard mit dem 
Herzogthum Limburg und sicherte es dem Eeinald auf Lebens- 
zeit zu. Am folgenden Tage versprach der Konig dipsem, 
die Einlose von Nj'mwegen binnen 5 Jahren nicht beanspruchen 
und ohne Zustimmung des Grafen von Geldern, sowie der Herren 
zu Jiilich, Heinsberg und Valkenburg keine Veranderung in 
dem Provinzialgericht zwischen Maas und Rhein treffen zu 
wollen 1 . Dass Limburg ein Reichslehn sein sollte, war dem 
Grafen Adolf von Berg wohl etwas ganz Neues 2 , itbrigens starb 
Irmgard kinderlos, war vielleicht sogar, ohne dass dem Konig 
dies bekannt geworden, am 13. Juni gestorben. 

Adolf von Berg beanspruchte jetzt, als der Primogenitur- 
Erbfolge gemafi zunachst berechtigt, das Herzogthum Limburg; 
seiner Grossoheime Walram von Montjoie und Heinrich von Luxem- 
burg Nachkommen aber hielten dafiir, die Bergische Linie sei 
tiberhaupt, eben durch Uebernahme der Grafschaft Berg, aus 
dem Familienverband getreten, miisse ihnen mithin nachstehen. 
Die Pratendenten waren also Walram Herr zu Montjoie und 
Valkenburg, Heinrich Graf von Luxemburg und Walram von 
Luxemburg-Ligny. Wo sich so Viele meldeten, kam es auf 
ein Paar mehr auch nicht an, und Schaden glaubten die Kognaten 
des Hauses nicht zu haben, wenn sie Anspriiche gleichfalls er- 
lioben. So dachten Dietrich Herr zu Heinsberg und Johann 
Herr zu Lowenberg, deren Grossmutter Isalde von Limburg 
gewesen war, ferner die Enkel der Mathilde von Limburg: 
Graf Walram von Jiilich, Otto von Jiilich zu Hengebach, Gerhard 
von Jiilich, Herr zu Caster, Walram II. von Jiilich, Herr 
zu Bergheim. Nun fulilte sich der Graf von Berg wohl zu 
schwach, urn seine Anspriiche allein durchzusetzen, er trat sie 
daher schon am 13. September 1283 dem machtigen Herzog 
von Brabant ab. Die Limburgischen Kognaten waren jetzt dock 
so vorsicktig, sick am 16. September 1283 dakin zu vertragen, 
dass Dietrick von Heinsberg und Walram von Montjoie bis 
nackste Weiknackten oder Licktmess untersucken sollten, wer 
von iknen das nackste Reckt auf Limburg kabe; sie gelobten 
dem Nackstberecktigten, und sollte es auch keiner von ihnen sein, 

J ) Kreiuer a. a. 0. Ill, Nr. 147. 

2 ) Vgl. Ficker, Vom Keichsfttrstenstande I, S. 139. 



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Beitrage zur Gescliichte der Grafen von Jiilich. 165 

danii beistehen und von ihm ihre Limburgischen Lehen em- 
pfangen zu wollen K Die Untersuchung mochte wohl zu keinem 
giinstigen Ergebniss fithren. Als Adolf von Berg sie zur Hiilfe 
aufgefordert hatte gegen den Leibziichter Reinald von Geldern, 
da batten sie die Antwort gegeben, ihnen stande dann doch 
etwas von dem Erbe zu 2 . Das konnte Adolf nicht zugeben 
und er sah so, dass er von Jiilich zunachst keine Hiilfe zu 
erwarten hatte. Es fragte sich jetzt, wie man Brabant gegen- 
ftber Stellung nehmen sollte. Ira Lande von Limburg selbst 
bildeten sich zwei Parteien, von denen die eine den Grafen von 
Berg, bezw. den Herzog von Brabant, die andere den Grafen von 
Geldern begiinstigte. Erstere Fartei hatte zu Fiihrern die Herren 
von Mulrepas und Wittem, letztere die Schaefdriesche. Adolf von 
Berg hatte dem Kaiser sofort die Abtretung seiner Erbanspriiche 
angezeigt, ihn gebeten, den Herzog zu belehnen, und in gleicher 
Weise waren auch diejenigen verstandigt worden, welche sonst 
Lehnsherren oder Vasallen des Herzogs von Limburg gewesen 
waren 3 . Konig Eudolf war nun nicht gewillt, dem Gesuch 
stattzugeben, auch Erzbischof Siegfried weigerte sich, die Kol- 
nischen Lehen dem Herzog zu verleihen. 

Seit der Erwerbung von Kerpen (1282) war der Herzog 
dem Erzbischof ein geflirchteter Nachbar geworden. Johann I. 
von Brabant, tapfer und kriegskundig, in aller ritterlicher Han- 
tirung erfahren, auch als Minnesanger bekannt, wurde iiber- 
haupt den meisten seiner Nachbaren schon damals zu machtig. 
Ob er mit dem Grafen von Jiilich befreundet war, weiss ich 
nicht, ich mochte es aber bezweifeln. Zugleich mit Kerpen 
hatte er dem Wennemar von Gymnich auch Giiter in den 
Jiilichschen Dorfern PafFendorf und Glesch abgekauft mit den 
Lehnsleuten und aller Gerechtigkeit*. Ob die Giiter Lehen von 
Jiilich waren, ist mir unbekannt. Wenn der Graf etwa den 
Verkauf angefochten hat, so hat man sich doch wohl nachher 
geeinigt; von Brabantischen Eechten zu Paffendorf verlautet 
spater nichts mehr. Was der Herzog dem Grafen von Berg 
fur Limburg gezahlt, ist nicht mit Sicherheit festzustellen. 
Butkens gibt sicher die Summe viel zu gering an. Auch Kuni- 



6 



! ) Ernst 1. c. VI, p. 447. 

2 ) van Heelu, Rymkronyk, ed. Willems, p. 38 und 68. 
:) ) Butkens, Trophies I, ad. a. 1283 und preuves p. 115. 
4 ) Stallaert, Jan I. van Braband p. 315 sqq. 



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16S W. Graf von Mirbach 

gunde von Brandenburg, des Herzogs Walram Wittwe, ver- 
zichtete auf alles Recht, das sie an Limburg haben konnte, zu 
Gunsten des Johann von Brabant. Auf Anrathen des Herrn 
von Mulrepas fid dieser nun in das Land ein, aber dieser Schritt 
hatte keine erwiinschten Folgen und diente eher zur Schwachung 
seiner Partei daselbst. Man richtete mehr und mehr das Augen- 
merk auf den Grafen von Luxemburg. Dieser aber wollte dem 
Grafen Eeinald nicht entgegentreten und suclite sogar eine 
Einigung zwischen ihm und dem Erzbischof Siegfried zu befor- 
dern und zu erhalten. Schon am 22. September schliesst Eeinald 
mit Siegfried ein Biindniss 1 , erhielt von ihm die Kolnischen 
Lehen der Herzoge von Limburg und verpfandet dem Erzstift 
fiir 8000 Mark Schloss und Herrlichkeit Wassenberg, welclie 
ausser ihm auch seine Verwandten wie Heinrich Herr zu Mont- 
fort, abgesetzter Bischof von Luttich, die Grafen von Luxemburg, 
der Graf und die Herren von Jiilich, Valkenburg und Heinsberg 
einlosen konnten, „welche einstige Erben des Landes Limburg 
seien". Es scheint, dass Siegfried diese Pfandsumme nicht 
allein zahlte, vielmehr die Grafen von Luxemburg und Jiilich 
je 1200, Gerhard von Jiilich 600 Mark dazu hergaben; denn 
im J. 1289 haben Walram und Gerhard 1800 Mark an Wassen- 
berg zu fordern, und der Erzbischof nur 5000 Mark. Der 
Vertrag bestimmt, dass Siegfried dem Reinald und den iibrigen 
genannten Pratendenten gegen Brabant helfen soil, diese dagegen 
verpflichten sich, dem Erzbischof gegen den Grafen von Berg 
beizustehen. Auch das Kolnische Domkapitel stimmt diesen 
Abmachungen zu. Siegfried, Reinald und unser Graf Walram 
erwarben auch die Bundesgenossenschaft der Bischofe von Os- 
nabriick, Halberstadt, Magdeburg, sowie der sachsischen Grafen 
von Anhalt, Wernigerode, Querfurt, Blankenstein, Blankenburg 
und Reinstein (Regenstein), ferner des Grafen von Arnstein am 
Mittelrhein. Auf Brabantischer Seite standen damals die Grafen 
von Berg, Mark, Holland, der Bischof von Luttich und Heinrich 
von Berg, Herr zu Windeck 2 . Sogar Gerhard von Luxemburg- 
Durbuy vertrug sich mit dem Herzog wegen seines Erbrechts 3 . 
Jedenfalls nahmen im Jahre 1284 noch mehrere deutsche Fursten 
und Grafen Stellung -zu dem Erbfolgestreit. Gemafi van Heelu 



J ) Lacomblet, Urkundenbuch II, Nr. 782. 

*) Vgl. van Mieris, Historie der nederlandsche Vorsten I, 434. 

3 ) Butkens 1. c. I, preuves p. 118. 



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Beitrage zur Geschichte der Grafeu von Jttlich. 167 

versuchte Herzog Johann zunachst sich mit Reinald zu vertragen 
und es auf einen Sprucli des Konigs ankommen zu lassen, dies 
habe der Graf von Geldern abgewiesen. Diese Nachricht komrat 
mir unwahrscheinlich vor, eher hatte der Brabanter eine Ent- 
scheidung des Kaisers scheuen mtissen! Er hatte unterdessen 
in Limburg weitere Fortschritte gemacht und gerade das Schloss 
Limal erobert, als er auf das Heer seiner Gegner stiess. Bei 
Gulpen ordnete er seine Schaaren und erwartete den Angriif 
vereint mit dem Bischof von Luttich und Heinrich von Brabant, 
Landgrafen zu Hessen. Ihnen gegeniiber standen Siegfried von 
Koln, die Grafen von Geldern, Julich, Cleve, Sayn, Nassau, 
Solms, Sponheim, Salm und Theobald von Lothringen *. Im 
letzten Augenblick, als die Schlacht schon unvermeidlich schien, 
gelang es den niindern Brudern vom h. Pranziskus, dem Blut- 
vergiessen fur jetzt Einhalt zu thun. Die Heere verliessen das 
streitige Land und man iibertrug einen Schiedsspruch dem 
Grafen Guido von Flandern. Wie dieser lautete, ist mir nicht 
bekannt, wahrscheinlich eher zu Gunsten Reinalds, so dass er 
ausser dem Herzog audi die Grafen von Luxemburg und Julich 
nicht befriedigte. Zudem gelangte man auch deshalb zu keinem 
Ergebniss, weil der Herzog behauptete, eihige Geldrische Va- 
sallen hatten den Waffenstillstand gebrochen, und deshalb die 
Grenze von Limburg wieder besetzte. Der Erzbischof von Koln 
hatte im Friihjahr 1284 Kerpen erobert und auf sein Anrathen 
beschlossen die Verbiindeten ein gemeinsames Vorgehen wider 
Mastricht, wahrend Walram von Valkenburg auf eigene Faust 
das otfene Kempenland verwiistete. Noch standen die Uebrigen 
bei Aachen, als Herzog Johann Herve gewann. In Aachen 
selbst hielt die Brabantische Partei mit Miihe die Oberhand. 
Der dortige Meier scheint dem Grafen von Julich ergeben gewesen 
zu sein. Nachdem der Herzog noch einige franzosische Barone 
sich verbunden hatte, ruckte er von Herve aus vor und traf 
die Feinde wiederum bei Gulpen, wo jetzt Gesandte des Konigs 
von Frankreich, der seine Vermittlung antrug, einen Waffenstill- 
stand zu Stande brachten. Dem Guido von Flandern war als 
Schiedsrichter der Graf von Hennegau beigegeben worden, und 
sie erkannten die lebenslanglichen Eechte Reinalds am 18. Juli 
1284 an. Die Vorstellungen der Konige von Frankreich und 
England hatten nur das Ergebniss, dass Geldrischerseits die 
*) van Heelu 1. c. p. 69. 



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168 W. Graf von Mirbach 

Belagerung von Aachen aufgegeben und dass der Waffenstill- 
stand bis in den August hinein verlangert ward. Doch blieb 
der Friede im Ganzen ziemlich erhalten, wahrend der Zeit dass 
Herzog Johann seinem Schwager, dem K5nig von Frankreich, 
gegen Peter von Aragonien in dem Streite um Sizilien half. 
Walram von Luxemburg-Ligny verwaltete inzwischen Limburg fiir 
den Grafen von Geldern, doch waren Wittem, Kimburg und 
Lonzen, Herve und Sprimont in Brabantischer Hand. Krank 
zu Paris im Herbst 1285 zuriickgehalten, kam der Herzog erst 
1286 nach Brabant, half aber im Friihjahr 1287 wieder ausser 
Landes dem Grafen von Bar gegen den Bischof von Metz. Unter- 
dessen ging Eeinald von Geldern eine zweite Ehe mit der Tochter 
des Guido von Flandern ein, auf dessen thatige Hiilfe oder 
Vermittlung er noch immer hoffte. Seine Verbiindeten beschlossen 
wiederum einen Zug gegen Mastricht, begniigten sich aber mit 
fruchtlosen Unternehmungen gegen Wittem und Lonzen ; Wassen- 
berg, Herzogenrath und (Schloss) Limburg hielten sie jedoch 
besetzt, bis letztere Festen im Friihjahr 1287 in die Hand des 
Grafen von Flandern (als Pfand?) gestellt wurden. 

2. Die Worringer Schlacht. 

Trotz alien Geldaufwands verfolgte den Grafen Eeinald 
das Missgeschick, der Graf von Cleve hatte die Brabantische 
Partei ergriffen, im Winter 1287 auf 1288 stand Siegfried dem 
Grafen von Berg gegeniiber und der Herzog von Brabant 
bereitete sich nun zu einem Zug ins Kolnische Land vor, um 
seinem Verbiindeten beizustehen. Der Graf von Jiilich hatte 
dies vielleicht hindern konnen, aber er hatte fiir seine Neigung 
schon zu lange auf Seite des Erzbischofs gestanden. Im Anfang 
des Jahres 1288 zog der Herzog durch das Jiilicher Land und, 
wie es heisst, in der Stadt Jiilich selbst gewann er den Grafen 
und dessen Bruder fiir seine Sache \ Jetzt lagerte sich Johann 
von Brabant bei Dtiren und seine Einfalle ins Kolnische Land 
zwangen den Erzbischof, das Bergische zu verlassen. Es blieb 
aber in dem Friihjahr sehr lange kalt, so dass die Truppen im 
Freien nicht lagern konnten und Abends stets nach Diiren 
zuriick mussten. Der Erzbischof stand zu Lechenich, und da 
eine Hauptschlacht nicht moglich war, iiberflel er einst im 



*) Vgl. But kens 1. c. I, 309 nach van Heelu. 

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Beitrage zur Geschichte der Grafen von Julich. 169 

Dunkeln den Brabantischen Nachtrab und brachte ilim grosse 
Verluste bei. Audi Jiilichsche Truppen sollen schon damals an 
der Seite des Herzogs gefochten liaben. Johann aber sah sich 
auf die Nachricht bin, dass der Graf von Luxemburg und 
Walram von Valkenburg ihn von seinem Lande abschneiden 
wollten, schliesslich genothigt, schnell heira zu Ziehen. Walram 
von Bergheim war damals im Streit mit seinen Vettern von 
Julich und rief am 17. Marz 1288 des Erzbischofs Hulfe an. 
So war also im Grafenhaus selbst ein neuer Zwist ausgebrochen 
und der Herr zu Bergheim blieb von nun an der Sache Gelderns 
treu. Siegfried liess jetzt fleissig an den Befestigungen von 
Worringen weiterarbeiten, die er so oft versprochen hatte nieder- 
zulegen, wenn die dortige Jiilichsche Burg in seiner Gewalt 
sein werde. Jetzt lag diese Burg in Triimmera, Gerhard von 
Julich zu Caster hatte seinen dortigen Besitz sogar verkauft, 
aber noch immer beunruhigte der Erzbischof von Worringen 
aus die Kaufleute von Koln. Diese wandten sich um Hiilfe an 
den Herzog von Brabant, der ihnen seinen Beistand zusagte. 
Graf Walram ward beauftragt, iiber die hierzu nothwendigen 
Schritte mit der Stadt im Verein mit dem Grafen von der Mark 
zu verhandeln. Am 2. Mai stellt der Herzog dem Walram 
Vollmacht dafur aus und verspricht die Abmachungen zu ge- 
nehmigen 1 . Schon am 19. standen beide Herren in der Nahe 
von Rodenkirchen mitten im Erzstift und drangen dann bis 
Bonn vor, am 24. waren sie wieder in Briihl vereint mit den 
Grafen von Berg und Mark. Johann empfing an diesem Tage 
eine neue Gesandtschaft der Stadt Koln, die ihm Streitkrafte 
zur Verfiigung stellte. Auf Anrathen der drei Grafen ward 
der Zug gegen Worringen sofort beschlossen 2 . Der Erzbischof 
erfuhr den Plan und suchte alle Vasallen und Bundesgenossen 
heranzuziehen. Es kam aber noch einmal zu einem Waffen- 
stillstand. Am 23. Mai waren viele Brabantische Alliirte in 
Mastricht versammelt, die Freunde des Grafen von Geldern 
aber in Valkenburg. Hier hielt man es fur das Zweckmafiigste, 
den Grafen von Luxemburg, der im Lande Limburg beliebt war, 
als Pratendenten Brabant gegeniiber aufzustellen und Eeinald 



*) Ennen, Quellen zur Geschichte der Stadt Koln III, Nr. 298. 
2 ) Vgl. Ann. Agrippinenses, Mon. Germ. SS. XVI, 737, van Heelu 1. c. 
und de Klerk, Les gestes des dues de Brabant I, 407. 



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170 W. Graf von Mirbach 

von Geldern trat diesem seine Anspriiche ab 1 . Fruher ware 
dieser Schritt wohl ein recht kluger gewesen, jetzt war es zu 
spat. Die Heifer des Herzogs von Brabant erfuhren den Beschluss 
sofort und batten nichts Geringeres im Sinne, als die Haupter 
der Gegenpartei in Valkenburg aufzulieben. Audi Johann von 
Brabant kam hinzu, fand aber in Valkenburg nur mehr den 
Grafen von Flandern, seinen jetzigen Schwiegervater, dem es 
bloss gelang, den Herrn von Valkenburg mit Johann einstweilen 
zu versohnen. Erzbiscliof Siegfried war von Valkenburg nach 
Heinsberg gegangen und von dort, das Julicherland umziehend, 
nach Bergheim, wo Walram von Julich ihra Freund war. Dorthin 
zogen audi seine Bundesgenossen, urn der Feste Worringen, die 
Johann von Brabant mit seinen Helfern hart bedrangte, den 
erwiinschten Entsatz zu bringen. Am 4. Juni (1288) brachen 
sie von Bergheim auf und Siegfried ubernachtete dann im Kloster 
Brauweiler. Vor Worringen wusste man von dem Vormarsch 
der Feinde und bereitete sich zur Schlacht vor. Der Herzog hatte 
bedeutende Streitkrafte beisammen. Personlich waren von seinen 
Vasallen erschienen die Grafen von Vianden und St. Paul, die 
Herren von Gavre, Liedekerke, Antoing, Berlaer, Geldenaken, 
Berthout, Kuyck, Wesemaele, Diest, Walhain, Arkel, Asche, 
Heusden, Roezelaer und Andere, die Kontingente der nicht 
anwesenden Vasallen befehligte Wilhelm von Pipenpoy, dazu 
kamen noch die Stadttruppen von Briissel, Lowen und Tirlemont, 
sowie die Brabantisch gesinnten Limburger. Alle diese Genannten 
sollten nach des Herzogs Anordnung das Mitteltreffen bilden, 
wo er selbst den Oberbefehl fiihrte. Auf dem rechten Flugel 
kommandirten Graf Walram von Julich und Gerhard Herr zu 
Caster. Hier standen ausserdem die Grafen von Virneburg und 
Wilnau, die Herren von Reifferscheid, Wildenberg, Dollendorf, 
Tomburg, Merode und Greifenstein. Den linken Flugel bildeten 
die Grafen von Berg, Mark, Waldeck, Tecklenburg, Ziegenhain, 
sowie die stadtkolnischen Truppen. Letztere standen am aussersten 
Ende der Schlachtreihe dicht am Rhein. Der Graf von Berg 
war Befehlshaber auf dem linken Flugel. Es war wahrhaftig 
eine gute Anzahl von Landesherren mit ihren Truppen da bei- 
sammen und ich glaube, die meisten Quellen, welche den Herzog 
Johann, seine Tapferkeit und Feldherrnklugheit bis in den 
Himmel erheben, behaupten, es seien im Ganzen nur 15000 

x ) Ernst, Histoire du Limbourg IV, p. 480. 

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Beitrage zur Geschichtc der Grafen von Jiilich. 171 

Mann gewesen, andere sagen freilich 40 000, und docli will man 
die Gegner als weit zahlreicher darstellen. Vielleiclit ist die 
richtigste Angabe die, dass auf kurkolnischer Seite 1 j 5 — Vi me ' ir 
an Kriegern sich befand als auf der Brabantischen. Dem Erz- 
bischof standen bei seine Vasallen: die Grafen von Salm und 
Wied, die Hcrren von Bergheim, Heinsberg, Westerburg, Isen- 
burg, Ulmen, die Burggrafen von Rheineck, Drachenfels, Hammer- 
stein und Montabaur. Diese sollten das Mitteltreffen Widen, 
welchem auch der tapfere Graf Adolf von Nassau zugetheilt 
war, der nachherige Konig. Den rechten Fliigel hatte Eeinald 
von Geldern mit den Truppen von Sponheim, Valkenburg und 
denen des Herrn von Flandern. Heinrich Graf von Luxemburg 
kommandirte den linken Fliigel mit Lothringischen Truppen und 
den Streitern der Limburgischen Partei der Schafdriesche. Um 
6 Uhr Morgens am 5. Juni befahl Siegfried den Angriff. Umsonst 
waren die Bemuhungen der Briider vom deutschen Orden, welche 
zura Frieden mahnten. Es entbrannte eine Schlacht, wie sie 
lange nicht mehr am Niederrhein geschlagen worden war und 
deren Andenken in den betlieiligten Landern sich stets erhielt, 
die daher vielfach beschrieben und besungen ist. Ich kann mich 
deshalb hier sehr kurz fassen. Die Sicgesgewissheit der erz- 
bischoflichen Truppen und ihre personliche Wuth gegen die 
Stadtischen war Ursache, dass das Mitteltreffen Siegfrieds sicli 
auf den linken Fliigel des Feindes sturzte; auf diese Weise 
kam Eeinald von Geldern vor den Rhein zu stehen und zunachst 
ganz ausser Aktion, wahrend der Graf von Luxemburg dem 
Mitteltreffen und dem rechten Fliigel der Feinde Widerstand 
leisten musste. Hierzu war er zu schwach, seine Truppen 
wankten zuerst, die Heinsberger flohen. Tapfer kampfen Erz- 
bischof Siegfried, Heinrich von Westerburg, Adolf von Nassau, 
Salentin von Isenburg, Walram von Bergheim und Heinrich 
von Drachenfels. Auch die Schafdriesche hielten noch Stand. 
Als der Erzbischof sich verloren sah, streckte er dem Bruder 
des Herzogs, dem Gottfried von Brabant zu Arschot, die Hande 
entgegen > um nicht von den Bergischen Bauern erschlagen zu 
werden. Dieser nahm ihn gefangen und lieferte ihn dem Grafen 
Adolf aus. Mit ihm fallt der Herr zu Bergheim den Feinden 
in die Hande. Endlich hatte der rechte Fliigel der erzbischof- 
lichen Bundesgenossen sich Bahn gebrochen, nach tapferer 
Gegenwehr wird aber Eeinald von Geldern, durch wuchtige 



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172 W. Graf von Mirbach 

Hiebe auf den Kopf betaubt, gefangen genommen. Nun sucht 
Walram von Valkenburg noch einnial die Schlacht zu wenden, 
mit dem Rufe „Montjoie! Montjoie!" sammelt er urn sicli noch 
manchen bereits Entmuthigten. Eechts und links Andere ab- 
wehrend, bricht er sich Bahn zum Grafen von Jtilich. Dieser 
soil ihm zugerufen haben 1 : „Auch in meinen Adern fliesst Lim- 
burgisches Blut wie in euern, aber euch und der iibrigen Ver- 
wandtschaft ziemt es schlecht, liier gegen mich zu fechten unter 
dem Erzbischof, dem Feinde unseres Hauses, der meine Mutter 
und Geschwister mit ungerechtem Krieg iiberzog, der unsere 
Lander und Schlosser verwustet! Das konntet ihr verhindern 
und habt es nicht gethan, jetzt muss der ganze Limburger Stamm 
zwisclien Maas und Rhein es entgelten." Aber der Valkenburger 
war kein zu veraclitender Kampe, wuthend fielen die Herren 
einander an, schon fliesst das Blut aus des Grafen Halsringen 2 , 
der Gegner holt zum letzten todtlichen Streiche aus — da 
trifft ihn ein Jtilichscher Ritter so gut, dass er fiir todt weg- 
getragen werden muss. Jetzt war die Schlacht entschieden; 
mit furchtbarer Erbitterung kampfen bald nur mehr die Schaf- 
driesche gegen die Mulrepas, bis erstere fast alle erschlagen 
sind. Mehrere tausend Todte bedecken das Schlachtfeld, unter 
ihnen der Graf von Luxemburg und des Erzbischofs Bruder 
Heinrich von Westerburg; ausser Siegfried und Reinald wurden 
gefangen die Grafen von Nassau und Neuenahr, Reinhard von 
Westerburg, Luf von Cleve, Johann von Lowenburg, Salentiu 
von Isenburg, die vier Burggrafen und viele Andere. 

Nachdem die Schlacht geendet, ergab sich die Besatzung 
der Burg Worringen; stadtkolnische und Julichsche Truppen 
legten sich hinein und demnachst wurde die Feste zerstort und 
dem Erdboden gleich gemacht. Die Steine verwandte man 
vielfach zum Weiterbau der Mauern von Koln, nahe dem Eigel- 
stein ward als Siegestrophae audi die Gedenktafel eingesetzt, 
welche in Worringen einst zur Erinnerung an die dem Grafen 
Gerhard von Jiilich geleistete Huldigung angebracht worden war 3 . 

Am Abend des Schlachttags liess sich Herzog Johann auf 



! ) van Heelu 1. c. p. 251. 

2 ) Es heisst auch, Walram von Valkenburg habe ihm das Schwcrt 
durch den Hals gerannt, das ist aber wohl ubertrieben, denn wenige Tage 
spater ist der Graf wieder wohlauf. 

8 ) Lacomblet, Archiv IV, S. 1 und 126. 



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Beitrage zur Geschichte der Grafen von Jttlich. 173 

einem Nachen nach Koln fiihren, denn er war ermattet und 
hatte auch manche Schramme davongetragen. Mit ihm kam 
Walram Graf von Jiilich in die Stadt, hielt sich aber nicht sehr 
lange dort auf, sondern zog von Neuem ins Feld, urn Zulpich 
jetzt bei gelegener Zeit zu gewinnen, das durch den Pingsheimer 
Frieden verloren gegangen. Eine Zeit lang hielt die Besatzung 
Stand. Als aber die Lebensmittel zur Neige gingen, am 1. 
August, begaben sich Namens der Biirgerschaft die Richter und 
Schoffen in das Lager des Grafen, um wegen der Uebergabe 
zu unterhandeln. Es scheint, dass sie erst Bedingungen stellen 
wollten, die nicht angenommen wurden. Schliesslich ward ver- 
einbart, dass „um des lieben Friedens halber" die Stadt dem 
Grafen Walram und dem Herrn zu Caster eidlich gelobe, sie 
und ihre Nachkommen stets aufzunehmen, ihnen zu gehorsamen 
in Allem, was die Julichschen Reclite innerhalb Hires Berings 
angehe, und sich erbiete, diese Rechte im Nothfall gegen Jeder- 
mann zu vertheidigen 1 . 

3. Die Suhne. 

Nach und nach erhielten die bei Worringen gefangenen 
Herrcn ihre Freiheit wieder, nachdem sie dem Herzog, dem 
Grafen von Jiilich, der Stadt Koln und deren Helfern Urfehde 
geschworen. Die Julichschen Gebriider selbst verburgten sich, 
namentlich der Stadt Koln gegeniiber, fur die Beobachtung der 
Urfehde bei einer ganzen Reihe von entlassenen Kriegsgefangenen. 
Die Urkunden 2 nennen Folgende: Heinrich Junggrafen zu Nassau, 
Gerhard Herrn zu Dyck, Walter Herrn zu Wiltz, Heinrich Herrn 
zu Piitlingen, Philipp Herrn zu Rodemachern, Gottfried Herrn 
zu Hiils, Dietrich Vogt zu Roermond, Ludwig von Wolkenburg, 
Johann Balg von Lowenburg, Gerhard Mumm, Thibald von 
Mercueil, Wilhelm von Kinroy, Reinhard Schifflart, . Leo von 
Boedberg, Heinrich von Bourheim, Gerhard von Wylicli, Werner 
von Burbach, Arnold yon Holtheim, Thibald von Rouvroy, Walter 
von Ellen, Reinhard von Wyssheim, Hermann von Westerholt, 
Friedrich vom Riedt, Heinrich von Brienen, Wilhelm von Tylre- 
werth, Johann von Liverlo, Wilhelm Schilling von Bornheim, 
Heinrich von Ossendorf, Hermann und Seger Panzer, Mathias von 



*) Lacomblet, Urknndenbuch II, Nr. 844, vgl. Nr. 892. 
a ) Ennen a. a. 0. Ill an verschiedenen Stellen. 



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174 W. Graf von Mirbach 

Gill, Eeiner von Stocklieim, Heinrich Dewelken, Hermann von 
Luwe, also Herren aus dem Oberland, Luxemburg, Westfalen, 
Geldern und dem Erzstift Koln. 

Die Kolnische Geistlichkeit liess es sich angelegen sein, den 
Erzbischof aus der Bergischen Gefangenschaft zu losen. Nament- 
lich auf Betreiben des Scholasters Wigbold von Holte kam am 
19. Mai 1289 ein Vertrag zwischen Siegfried einerseits und den 
Grafen von Berg und Julich andererseits zu Stande, bald darauf 
audi eine Siihne mit dem Herzog von Brabant 1 , welcher nun, 
seit dem 29. Juni, in Folge eines Schiedsspruchs des franzosischen 
Konigs audi Herzog von Limburg wurde. Dieser Konig gab 
sich auch Mtihe, Keinald mit dem Herzog zu versohnen und die 
Gebruder von Julich in den Vertrag einzuschliessen, welche 
jetzt von dem Grafen von Geldern auch noch die 1800 Mark 
von der Wassenberger Pfandsumme dem Schiedsspruch gemafi 
erhalten solltcn 2 . Was das croberte Ziilpich betraf, so war am 
19. Mai bestimmt worden, dass Stadt und Burg, so lange der 
jetzt begonnene Krieg zwischen Brabant und Flandern dauere, 
in die Hand des Herzogs und des Grafen von Berg gestellt sein 
sollten. Nachher wiirden diese zwei Herren mit zwei Kolnischen 
Pralaten die Sache untersuchen und den Spruch, so bald als 
dann moglich, fallen. Entstanden unterdessen noch andere Streitig- 
keiten zwischen Koln und Julich, so sollten genannte Herren 
auch dartiber die Schiedsrichter sein. Konnten sie sicli wegen 
Ziilpich dann nicht einigen, so hatten Herzog Johann und der 
Graf von Berg das Eecht, die Stadt dem Grafen von Julich 
wieder zu iibergeben, unbeschadet der Rechte des Erzstifts. 
Alio Zinsen und Einnahmen ausserhalb Ziilpich behielt sich 
iibrigens der Erzbischof schon jetzt vor. 

Die Kunde von der Freilassung Siegfrieds gelangte erst 
sehr spat nach Eom, der Vorname des Grafen von Julich war 
dem Papst Nikolaus auch jetzt noch nicht bekannt; am 8. August 
fordert er die Grafen Adolf von Berg und „ Heinrich" von Jiilich 
(lurch Vermittlung des Bischofs von Worms auf, den Erzbischof 
und die iibrigen Gefangencn in Freiheit zu setzen 3 . 

Der vornehmste der Gefangenen, die der Graf von Julich 
bei Worringen gemacht hatte, war wohl der nunmehrige junge 

] ) Lacomblet, Urkundenbnch IT, Nr. 866. 

-) Vgl. Ernst, Histoire du Limbonrg IV, p. 554. 

3 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 872, 873. 



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Beitrage zur Geschichte der Grafen von Jttlich. 175 

Graf Heinrich von Luxemburg, der spatere Konig. Am 1. Mai 
1289 bekennt Graf Walram, von ihm 1000 Pfund Trierischer 
Denare angewiesen erhalten zu haben, davon 400 baar bezahlt, 
die 600 aber in Pfandgiitera, welche fur 600 Pfund jederzeit 
ablosbar seien *. Einige andere Gefangene Walrams wurden erst 
spater frei. 

Wegen Ziilpicli traten die Schiedsrichter am Ende des 
Jahres zusammen, anstatt der zwei Pralaten finden wir unter 
ihnen drei, namlich den Domdechanten, den Propst von St. Gereon 
und den Chorbischof ; diese, der Herzog und der Graf von Berg 
verschiebcn am 31. Dezember die Entscheidung bis zur Oster- 
oktav 1290 2 . Unterdessen war der Papst der Ansicht, die Ver- 
sprechungen Siegfrieds an Jiilich und die Sieger von Worringen 
tiberhaupt seien derart, dass der Erzbischof seine Befugnisse 
damit liberschritten habe, so dass er sie am 18. Januar 1290 
fur ungiiltig erklart, die Erzbischofe von Mainz und Trier auf- 
fordert, fur Restitution zu sorgen, mit kirchlichen Censuren 
sowohl als mit Waifengewalt im Nothfall einzuschreiten, und 
clem Grafen von Jiilich speziell am 31. Januar den Befehl an 
die Erzbischofe mittheilt, damit er die Gefiingenen entlasse und 
das ihnen Abgezwungene zuruckgebe 8 . Am 3. Februar ward 
Salentin Herr zu Isenburg vom Grafen Walram frei gegeben, 
er musste aber sein Allod in Heimbach bei Rommersdorf zum 
Jiilichschen Lehn machen und in dem Revers erklaren, dies 
freiwillig und ungezwungen zu thun 4 . Schon friiher war Ritter 
Heinrich Kock entlassen worden, hatte Urfehde geschworen und 
dem Grafen von Jiilich Einkunfte bei Hyere (?) aufgetragen 5 . 
Ebenso Ritter Dietrich Fleck, der die Halfte seines Hofes Merac 
bei Richrath dem Grafen auftragt . 

Wenn die Erzbischofe von Mainz und Trier es audi ver- 

! ) Ernst 1. c. VI, p. 458. 

-) A. D. Domstift Koln 272. 

3 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 879, 880, 881. 

<) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 882. 

6 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 855. 

°) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 877 aus dem Chart, von Jiilich. Lacom- 
blet liest Merat, c und t sind im Chart, glcich, ich lese Merac, denn Dietrich 
Fleck ist ein Stacl-Holstein, und zwar der erste Herr zu Lanquit. Im 
siebenten Gliede stammt von ihm eine Erbin Anna, vermfthlt mit Wilhelm 
von Etzbach, und diese Ehcleute besitzen 1580 den Merxhof bei Richrath, 
das ist also wohl der Hof Merac. 



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176 W. Graf von Mirbach 

mieden, mit Brabant, Berg und Jiilich anzubinden, so waren die 
papstlichen Befehle dem Siegfried doch von Nutzen. Man ging 
namlich zuerst gegen die Burger von Koln vor und mancher 
Dynast, welcher mit ihnen gegen den Erzbischof bei Worringen 
gestritten, gonnte heimlich doch den Stadtern eine kleine De- 
muthigung. Auch Graf Walram stand mit Koln gerade auf 
schlechtem Fusse. Denn Wilhelm IV. loste bekanntlich der 
Stadt das Biirgerlehn ab und versprach 1271 dafur Giiter 
anzuweisen, das war nicht geschehen und Walram wunderte 
sich, dass er das Jahrgeld nicht mehr . bekam, welches die 
Stadt zu zahlen sich naturlich weigerte. Er wandte sich des- 
halb an den Herzog von Brabant, welcher am 14. Februar 1289 
die Untersuchung der Sache verschiedenen von Walram und 
dessen Bruder Gerhard zu Schiedsrichtern angenommenen Burgern 
iibertrug 1 . Am 18. April muss der Graf bekennen, dass das 
Geld abgelost und nicht sicher gestellt worden sei bei Lebzeiten 
des Vaters, er wird aber nun von Neuem Burger der Stadt und 
weist 100 Mark Einkiinfte als Lehn an, namlich aus dem Hof 
zu Ptitz (Putzehe) mit . neun Hufen zu 80 Mark jahrlich gerechnet 
und die Halfte des Eigenthums zu Boslar zu 10 Mark. Er 
verspricht fiir sich und seine Nachfolger, die Edelbiirger werden 
sollen, wie er, der Stadt seinen Schutz und will ihr auf Erfordern 
personlich mit neun Bittern und fiinfzehn Knappen dienen gegen 
einen Monatssold von 6 Mark ftir jeden Bitter ; wird er dagegen 
wegen der Hiilfe, die er der Stadt geleistet, selbst bekriegt, 
so muss diese ihm mit 25 Mann aus den Geschlechtern auf gepan- 
zerten Streitrossen beistehen 2 . So wurde also dieser Streit 
erledigt. Nicht so gut kam die Stadt wegen der Schlacht von 
Worringen weg. Die Erzbischofe von Mainz und Trier liessen 
eine Menge von Zeugen, meist Pralaten, andere geistliche Herren 
und erzstiftliche Vasallen vernehmen, und diese sagtcn sammt- 
lich gegen die Biirgerschaft aus. So bekundet Werner, Propst 
von St. Gereon, die Stadt Koln sei Schuld an dem ganzen Krieg 
von 1288, nicht nur den Herzog von Brabant hatte sie ins Erzstift 
gerufen, sondern auch den „Propst von Aachen, der sich einen 
Grafen von Jiilich nenne", und nachher diesen beiden Herren 
bei der Belagerung von Ziilpich Htilfe geleistet 3 . Das Ergebniss 



J ) Ennen, Quellen III, Nr. 313, 314, 315. 

2 ) Ennen a. a. 0. Ill, Nr. 335. 

3 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 892. 



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Beitrage zur Gesckickte der Grafen von Julich. 177 

war, dass Interdikt und Keichsacht wider die Kolner ausge- 
sprochen wurde. 

Besser zog sich der Graf von Julich aus der Sache. Ob 
der Bergisch-Brabantische Spruch wegen Ziilpich erfolgte, weiss 
ich nicht, glaube aber, dass die Pellenzgiiter in der Stadt wieder 
an Julich kamen. Walram legte sein geistliches Amt etwa im 
Februar nieder und einigte sich zu Neuss am 29. Marz 1291 1 
als Graf von Julich aufs Neue mit dem Erzbischof von Koln. 
Er bekommt jetzt auch die Vogtei Ziilpich zuriick, wie seine 
Vorfahren sie besessen, nur wird den Biirgern dort gestattet, 
ihr Stadtchen zu ummauern und zu befestigen, wie sie wollen; 
ihre Freiheit von der Gerichtsfolge auf den Schievelsberg oder 
anderswohin bleibt bestehen, sie mussen aber in einem etwaigen 
Krieg zwischen Koln und Julich neutral bleiben und keiner der 
Paciszenten darf ohne des andern Genehmigung mehr eine Burg 
in Ziilpich bauen. Dagegen tritt Walram dem Erzstift die Vogtei 
Vilich nebst dem Gut Schnellenforst, wie es seine Vorfahren 
besessen, ganzlich ab, und ein Schutz- und Trutzbiindniss soil 
zwischen dem Erzbischof und seinen Nachfolgern und dem Grafen 
von Julich und dessen Nachkommen geschlossen sein. Deshalb wird 
Walram auch von der Festung, die er zu Kuhweid bei Uelpenich 
begonnen, abstehen und sie nicht mehr bauen, die Kolnischen 
Lehen sollen ihm verliehen und garantirt werden, und er verbiirgt 
dem Erzbischof den Besitz von Liedberg. Kommt es deshalb 
oder aus andern Grunden zu einem Krieg mit dem Grafen von 
Flandern und dessen Enkeln, den Sohnen Wilhelms von Julich, 
so wollen beide Herren gemeinschaftliche Sache machen und nur 
im Einverstandniss einen Frieden schliessen. Graf Walram hatte 
den Erzbischof, wie er glaubte, jetzt gerade nothig. Mit dem 
Vetter Walram von Bergheim war er wohl versohnt, aber auf 
den eigenen Bruder Gerhard konnte er sich nicht recht ver- 
lassen, denn der etwa funfzigjahrige ehemalige Propst von Aachen 
trug sich mit Heirathsgedanken. Der Neusser Vertrag lasst 
vermuthen, dass die schon erwahnten Abmachungen zum Theil 
gegen den Herrn von Caster gerichtet waren. Nun versprach 
Siegfried dem Grafen seine Nichte, die Tochter des bei Worringen 
gefallenen Heinrich von Westerburg, welche mit 5000 Mark 
ausgestattet werden sollte; und da fur diese Summe noch immer 
Wassenberg dem Erzbischof als Pfand haftete, indem der Graf 

*) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 907, das Datum ist unricktig aufgelost. 

12 



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178 W. Graf von Mirbach 

von Geldern es noch nicht fur Brabant hatte einlosen konnen, 
so wird es nach erfolgter Heirath dem Grafen von Julich ein- 
geraumt werden als Sicherheit fur den Brautschatz, einstweilen 
aber in des Herrn zu Eeifferscheid Hand gestellt. Der Erz- 
bischof kann dann aber Blatzheim, Burgelen (?) und Sindorf 
wieder einlosen. Die Braut erhalt das Schloss Nideggen und 
jahrlich 600 Mark Kolnischer Denare als leibziichtige Gtiter. 
Wenn es dem Grafen gelingt, Heimbach und Grevenbroich von 
den Anspriichen der Herren und Frauen zu befreien, die jetzt 
deshalb Streit erhoben haben, so soil eines der beiden Schlosser 
an die Stelle von Nideggen treten, und dieses dann von den 
Leibzuchtsrechten frei sein. Die Ansprtiche, welche der Erz- 
bischof selbst auf Grevenbroich macht, sollen untersucht und 
dariiber besonders entschieden werden. Ausser verschiedenen 
Kolnischen geistlichen Wurdentragern vermitteln diesen Ver- 
gleich die Herren von Bergheim, Merenberg, Eeifferscheid, 
Dollendorf und Greifenstein. 

Von Grevenbroich will ich noch unten sprechen, dieses 
besass damals noch Walram von Kessel, der aber der Letzte 
seines Stammes war und, wie es scheint, mit dem Grafen von 
Julich, der ihm Heimbach (Hengebach) iiberliess, einen Vertrag 
wegen der Erbfolge geschlossen hatte. Grevenbroich war aber 
an Koln aufgetragen worden und deshalb hatte der Erzbischof 
den Heimfall verlangt, sobald Walram von Kessel gestorben 
ware. Ausserdem. aber beanspruchte Lisa von Kessel, Gattin 
des Luf von Cleve, die Herrschaft. Hengebach dagegen hatte 
wohl an Gerhard von Julich zu Caster nach dem Tod des 
Bruders Otto kommen sollen, wenigstens scheint Gerhard das 
geglaubt zu haben. 

In sehr kurzer Urkunde vom 23. August 1291 erfolgte die 
Abtretung Vilichs an Kurkoln. Die Pfalzgrafen scheinen nicht 
zugestimmt zu haben; Vilich blieb zwar Kolnisch, aber bis ins 
17. Jahrhundert ward es unter den pfalzischen Lehen der 
Jiilicher aufgefiihrt 1 . 

Als es sich im Jahre 1292 urn die Konigswahl handelte, 
scheint Graf Walram noch befreundet mit dem Erzbischof 
gewesen zu sein, denn unter Mitwirkung Siegfrieds ward Adolf 
von Nassau, der einst bei Worringen gefangen worden, am 



v ) A. D. Erzstift Koln LL. Nr. 12. 

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Beitrage zur Geschichte der Graf en von Jillich. 179 

6. Mai gewahlt, er batte dem alten Schlachtgenossen schon am 
26. April verschiedene Versprechungen, darunter einige zu Gunsten 
Walrams, gemacht 1 . Adolf verspricht dem Grafen von Julich 
eventuellen Beistand gegen die Sohne des Bruders Wilhelm, 
gegen Flandern und Brabant, sowie gegen Jeden, der ihm die 
Grafschaft streitig machen wiirde, ferner will er, so lange er 
lebt, Diiren nicht einziehen, dagegen das Schultheissenamt zu 
Aachen mit alien Rechten ihm einraumen, wegen der Schuld, 
die der Graf von dem Konig Rudolf verbrieft haben will, sollen 
Adolfs und des Erzbischofs Freunde entscheiden. In Bezug auf 
Wassenberg hat Siegfried koniglichen Schutz zu erwarten gegen 
Flandern und Brabant. Walram war bei der Konigskronung 
zu Aachen 2 und am 29. Mai am Hoflager zu Boppard, wo Adolf 
das dem Erzbischof Siegfried Versprochene treu zu erfiillen 
gelobte 3 . Er ist spater in Besitz der Meierei von Aachen 
gekommen, die an Brabant verpfandet gewesen war. 

4. Walrams Heirath. 

Des Grafen Walram Stellung zu dem Herzog Johann blieb 
indessen cine freundliche. Schon im Friihjahr 1292 ist er unter 
den Garanten des Vertrags genannt, den der Brabanter mit 
seinen Stadten und Vasallen geschlossen hatte 4 . Als 1294 die 
ersten Zwistigkeiten zwischen dem Konig von Frankreich und 
dem Grafen von Flandern durch den Papst gliicklich beigelegt 
worden waren, soil Walram schon im Begriff gewesen sein, 
nach Flandern zu ziehen 5 . Ob dem so sei, will ich dahingestellt 
sein lassen, dass aber der Graf am 6. Marz 1296 bei Wesseling 
auf Seite des Grafen von Berg gegen Erzbischof Siegfried 
gefochten G , mochte ich bezweifeln. Wie es scheint, hielt er mit 
Koln Frieden, und nachdem Siegfried gestorben, ist er im Mai 
1297 zu Neuss fiir die Wahl seines Nachfolgers Wigbold von 
Holte thatig 7 . Am 16. Oktober 1296 nennt Gottfried von Brabant, 

1 ) Ennen a. a. 0. Ill, Nr. 367. 

2 ) Laeomblet a. a. 0. II, Nr. 680, Anm. 1. 

3 ) Ennen a. a. 0. Ill, Nr. 368. 

4 ) Butkcns 1. c. I, preuvcs p. 131. 
6 ) Brosii, Annales I, p. 49. 

6 ) Knapp, Regenten- und Volks-Geschichte der Lander Cleve, Mark, 
Julich u. s. w. II, S. 443. 

7 ) L. von Northof, Chronik der Grafen von der Mark, ed. Tross, S. 126. 

12* 



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180 W. Graf von Mirbach 

des damals verstorbenen Herzogs Johann I. Bruder, den Grafen 
Walram seinen Schwiegersohn, der ihm ein Bundniss mit dem 
Erzbischof Siegfried zu Stande gebracht 1 . Es war also die 
Westerburgische Heirath nicht zu Stande gekommen und der 
Graf hatte, ohne sich mit Siegfried zu verfeinden, eine Tochter 
von Brabant zur Frau genommen. Wahrscheinlich ist dies 
spatestens 1294 geschehen. Im folgenden Jahre hatte Walram 
schon Erbstreitigkeiten mit dem jungen Herzog Johann II., sie 
berufen sich deshalb 1296 auf Schiedsrichter 2 . Die Frau hiess 
Maria und war das alteste Kind des Gottfried Herrn zu Arschot 
und Sichem und der Johanna von Vierzon, Erbin daselbst wie 
zu Mezi&res und Lury. Urkuudlich kommt sie freilich als 
Gemahlin Walrams nicht vor, aber Maria von Brabant, „Grafin tt 
von Julich, wie sie sich selbst und wie sie der nachfolgende 
Graf auch nennt, kann doch nur Walrams Gemahlin gewesen 
sein, auch wenn das Zeugniss der Urkunde Gottfrieds nicht 
vorhanden ware. Die Ehe hat ubrigens nicht lange gedauert, 
denn Walram ist zwischen dem Juli und 24. Dezember 1297 3 
gestorben. Er hinterliess wenigstens ein en Sohn. Dieser, Wilhelm 
genannt, konnte nicht in Besitz der Grafschaft Julich kommen, 
der Oheim Gerhard riss die Regierung um so leichter an sich, 
als die Brabantische Verwandtschaft kein Interesse daran haben 
konnte, dies zu wehren, denn Qerhard war mit einer Schwester 
der Maria verheirathet. Der Sohn Walrams hatte jedoch Anwart- 
schaft auf den grossten Theil des Vermogens der miitterlichen 
Grosseltern, nachdem Gottfried von Brabant und sein Sohn 
Johann ohne mannliche Erben 1302 bei Kortryk gefallen waren. 
Hatte Maria auch noch ftinf Schwestern, so war sie doch die 
alteste. Eine Urkunde der Grafln Maria vom 20. Januar 1308, 
worin sie ihren Erstgeborenen Wilhelm nennt, theilt Butkens 4 
leider nur im Auszug mit, es ist wohl ein Vertrag mit dem 
Kloster Averbode in der Herrschaft Sichem. „Die Grafln Maria 
von Julich, Frau zu Arschot und Vierzon, verbiirgt sich daftir, 
dass ihr Erstgeborener, wenn er zu den Unterscheidungsjahren 



J ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 965. 

2 ) Butkens 1. c. I, preuves p. 135. 

3 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 973, Anweisung des Konigs, die noch 
zur Ausfiihrung gekommen ist, verglichen mit A. D. Chart. Nr. 56, Urk. 
vom 24. Dezember 1297, wo schon Gerhard Graf von Julich ist. 

4 ) Butkens 1. c. I, p. 209. 



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Beitrage zur Geschichte der Grafen von Julich. 181 

gekommen, den Kauf und Verkauf genehmigen werde. u Die 
Chronik des Klosters St. Trond 1 meldet, im Jahre 1311 seien 
in Italien beim Heer des Kaisers Heinrich VII. „Graf Wilhelm 
von Julich", Gerhard von Cassel und Johann von Agimont dein 
ungewohnten Klima erlegen. Dass hier der Titel „Graf" nicht 
genau ist, unterliegt keinem Zweifel. Dies Pradikat ist auch 
ausgelassen bei emem Wilhelm von Julich, der Kanonikus zu 
Aachen war und am 31. Oktober 1311 starb. Man darf wohl 
annehmen, dass der in Italien verstorbene Wilhelm mit dem 
Kanonikus identisch ist 2 . Aber wer war dieser Wilhelm? Ist 
es Walrams Sohn oder der alteste Sohn Wilhelms des Erst- 
geborenen? Ersterer musste noch sehr jung gewesen sein im 
Jahre 1311, etwa 16 Jahre alt, weil urn 1295 geboren, was 
freilich kein Hinderniss fur die Aunahme ware, dass er den 
Zug tiber die Alpen mitgemacht habe; ebenso wenig hatte die 
Kanonikerstelle in Aachen allein ihn von der Nachfolge in Julich 
ausschliessen konnen; letzterer kommt zuletzt sonst im Jahre 1304 
vor. Nach 1311 erscheint keines der Kinder Wilhelms von Liedberg 
oder des Grafen Walram mehr und Graf Gerhard besass das Land 
Julich ganz unbestritten. Maria von Brabant soil, gemass 
Butkens, in den Jahren 1303 und 1304 mit Johann Berthout 
Herrn zu Mecheln in zweiter Ehe gestanden haben. Dass sie 
sich 1308 noch Grafin nennt, widerspricht dieser Angabe nicht 
gerade, dass dann aber ihren Titeln nicht auch der einer Frau 
zu Mecheln beigefiigt ist, macht sie sehr unwahrscheinlich. Noch 
spater heisst sie Grafin von Julich und ist auch als solche in 
dem Wohlthaterverzeichniss der Abtei Averbode zum Jahre 
1307 (1308) aufgefiihrt 3 . Der oben erwahnte Vertrag, den ihr Sohn 
genehmigen sollte, ist daher wohl als eine Schenkung anzusehen. 
Es scheint aber doch, dass Butkens Recht hat, wenn er die 
Maria nach 1308 eine andere Ehe eingehen lasst. Im Nekro- 
logium von Averbode heisst es namlich: IV Kal. Octob. (29. 
September) obiit nobilis dominus Robertus de Bellomonte, dominus 
Poenci, maritus nobilis domine domine de Arschot, pro cuius 



*) Gesta abbatum Trudonenens., Mon. Germ. SS. X, 412. 

2 ) Quix, Necrologium p. 60. Die hier in der Anra. 6 beigeftigte, 
eigentlich in den Text gehorige Bemerkung „iuxta Brisce in Lumbardia 
apud H. Romanorum imperatorem VII. a erhebt diese Annahme zur Gewissheit. 

8 ) Wolters, Notice hist, sur l'ancienne abbaye d'Averboden p. 69. 



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182 W. Graf von Mirbach 

anima habuimus V libras et pitantiam 1 . Wer sollte nun die 
Gattin Koberts von Beaumont zu Poenci, die Frau zu Arschot, 
anders sein als die schon bekannte Wohlthaterin des Klosters, 
die Grafin Maria von Jiilich? Sicher keine ihrer Schwestern, 
denn von diesen lebte Elisabeth bis 1328 als Frau und bis 1351 
etwa als Wittwe des Grafen Gerhard von Jiilich, die andere 
starb vor ihrem Manne, Johann von Harcourt, die dritte hatte 
schon zwei Manner und starb vor dem zweiten, die iibrigen 
Schwestern waren Nonnen. Auch an die Schwiegertochter Gott- 
frieds zu Arschot ist nicht zu denken, da sie Frau zu Mortaigne 
und nicht zu Arschot war. Butkens setzt die Vermahlung des 
Herrn von Beaumont in das Jahr 1323, er wird noch vor seiner 
Frau gestorben sein. Maria starb vor 1331, denn damals erscheint 
Elisabeth als Erbin. In dem Vasallenbuch des Herzogs Johann III. 
von Brabant (seit 1312) steht Maria als Lehnstragerin von 
Arschot, Vaelbecke, Achtenrode und iiberhaupt der Giiter ange- 
fuhrt, welche Gottfried von Brabant vom Herzog als Lehn zu 
tragen pflegte 2 . Dass nachher wegen ihrer Erbschaft noch Streit 
entstand, werden wir unten sehen. 

An der Urkunde von 1308 hing auch der Grafin Siegel, 
das Butkens abbilden liess 3 . Es ist von langlicher Form und 
zeigt eine in einer Art Vierpass auf gepflastertem Boden stehende 
weibliche Figur, die linke Hand auf die Brust legend, in der 
rechten eine Tulpe haltend. Zu beiden Seiten hat sie ein Wappen- 
schildchen mit dem Jlilichschen, bezw. dem Brabantischen Lowen. 
Letzterer ist mit einem Turnirkragen beladen. Die Umschrift 
lautet: Sigillum Mariae comitisse Juliacensis. Das Eiicksiegel ist 
rund und zeigt in einem Dreipass den Lowenschild von Jiilich, 
kantonnirt innerhalb eines Vierpasses von 4 ganz kleinen quadrirten 
Wappen, welche das Vierzonsche (miitterliche) bedeuten. Das 
Eeitersiegel des Grafen Walram habe ich gut erhalten an keiner 
Urkunde gefunden, soweit es kenntlich, sieht es dem seines Bruders 
Gerhard sehr ahnlich, das Pferd tragt schon die lange Wappen- 
decke, auf welcher der Jiilichsche Lowe am Hals und riickwarts 
erscheint. Das Eiicksiegel zeigt das kleine Wappenschildchen 
und hat die Umschrift: Sigillum Walrami comitis .... Besser 



J ) Butkens 1. c. I, p. 209. 

2 ) Livre des feud. ed. Galesloot, p. 199. 

:l ) So hangt das Siegel an der Urkunde A. D. Quirinsstift 7, 



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Beit rage zur Geschichte der Graf en von Jiilich. 183 

erhalten ist Walrams kleineres Siegel an einigen Urkunden 1 . 
In einem unten zugespitzten Schild erscheint der Jiilichsche 
Lowe rechtsschreitend, daruber wird das Schildband sichtbar, 
seitwarts zwei vergissmeinnichtartige Bliimchen. Urn den Vier- 
pass mit Zwischenzacken, der das Wappen umgibt, und der 
Kreislinie, welche diesen tangirt, liest man nur noch: . . . lum 
Wal .... Juliaco. 

Man schrieb frliher dem Grafen Walram auch Mtinzen zu, 
und zwar Turnosen nach dem gewohnlichen franzosischen Muster 
mit „Walramus comes". Diese fallen aber offenbar ins 14. Jahr- 
hundert und gehoren, wie Grote 2 vermuthet, einem Grafen von 
Nassau an. Grafin Maria soil urn 1305 zu Vierzon die Miinz- 
gerechtigkeit ausgeiibt haben. 

5. Sonstige Nachrichten tiber Walrams Eegierungszeit. 

Ich habe schon erwahnt, dass am 17. Marz 1279 Gerlach 
Herr zu Dollendorf den Walram bereits „Graf" titulirt und 
Jiilichscher Vasall wird. Er tragt namlich ein Viertel seiner 
Giiter zu Gladbach (spater Unterherrschaft), die Besitzungen zu 
Gowe (?), Waldorf und Heimberg (?) dem Walram zu Erblehen 
auf. Ein Irrthum in der Datirung ware moglich, die Urkunde. 
nur nach dem Kartular bei Lacomblet gedruckt 3 und verbessert, 
ist uberhaupt nicht korrekt abgefasst. Sonst ist Walram vor 
1283 nicht Graf genannt. Ira Jahre 1284 besiegelt der Graf 
und Propst zu Aachen in Ameln einen Schenkungsbrief der 
Beguine Adelheid, Tochter des verstorbenen Eitters Sietz (Zachaus) 
von Ameln, welche vor Schultheiss und Schoffen von Eodingen 
ihren Nichten Jutta und Adelheid von Hiichelhoven den Hof in 
Ameln zuwendet 4 . Am 30. April 1285 bekundet Burggraf Johann 
von Eheineck, dass Graf Walram, Propst zu Aachen, ihm zur 
Vermehrung seiner alten Lehen 50 Mark versprochen und einst- 
weilen daftir 3 Fuder Wein zu Leudesdorf angewiesen hat 5 . 

Am 28. Januar 1286 wird ein Vergleich zwischen der 
Abtei Kornelimunster und dem Vogt Walter von Kastenholz 



J ) z. B. A. D. Erzstift Koln 346. 
a ) Grote, Miinzstudien, Nr. XXI. 
8 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 722. 

4 ) Quix, Cod. dipl. Aquens. no. 254. 

5 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 803. 



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184 W. Graf von Mirbach 

geschlossen, den der Graf Walram als Lehnsherr der Vogtoi 
Kastenholz mit besiegelt hat 1 . 

Das Kloster Fussenich hatte damals den Hof Essenfeld von 
dem Jiilichschen Vasallen Christian Wale gekauft. Die Halfte 
dieses Guts war Burglehn von Nideggen und der Verkaufer 
gab dem Grafen 40 Mark und trug den Hof zu Eschweiler, 
der einst dem Schultheissen Eudolf von Nideggen gehorte, als 
Lehn auf. Am 13. Mai 1287 hat nun Walram den Verkauf 
bestatigt und Essenfeld zu Gunsten des Klosters gefreit. Wilhelm 
Schenk von Nideggen, Adolf von Blidenstein, Hermann Wale, 
Hermann von Lupenau und Konrad von Fussenich sind Zeugen 
nebst dem Notar des Grafen, Namens Christian Pinscher 2 . 

Am 7. Januar 1288 bekennt Bitter Engelber/t von Disternich, 
dass er sein gleichnamiges Schloss dem Grafen Walram flir 40 
Mark Kolnischer Denare als Lehn und Offenhaus gestellt 3 ; 
Heinrich von Boedfierg, Ritter, verspricht am 26. Juli, fiir 
empfangene 20 Mark 2 Mark Einkiinfte zu Julichschem Lehn 
zu machen 4 . Johann Herr zu Lowenberg, Verwandter des 
Grafen, stellt ihm am 25. Oktober (feria secunda post festum b. 
Severini episcopi) Schloss Reitersdorf 5 flir empfangene 50 Mark 
zu Mann- und Weiberlehn. Der Revers ist ausgestellt in Zulpich. 
Ebendort (in castro) hat am ll.Dezember Ritter Everhard von 
Haier, Burgmann des Herrn Kracht von Greifenstein, 5 Mark 
Einkiinfte von einem Hofe als Julichsches Lehn erklart*. Das 
Jahresdatum der Urkunde ist 1208, es unterliegt schon der 
Zeugen wegen keinem Zweifel, dass 1288 gemeint ist. Der Hof 
des Everhard ist Umenouwe geschrieben, am Rande des Kartu- 
lars steht Vinenouwe. Ist das Veynau oder ist Onnau bei Kerpen 
gemeint? Ich denke eher an Aumenau im Nassauischen, in der 
Gegend, wo der Herr zu Greifenstein wohnte. 

*) A. D. Kornelimiinster 26. 

2 ) Kremer, Akad. Beitrage III, Nr. 155. 

8 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 832. 

4 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 843. 

5 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 850. Kremer a. a. 0. Ill, Nr. 170 
datirt die Urkunde irrig vom 29. Oktober (feria sexta post festum b. 
Severini episcopi). Ueber Reitersdorf vgl. Harless, Die Grafen von Bonn 
und die Vogtei des Cassiusstifts, in der Kongress-Festschrift: Bonn. Beitrage 
zu seiner Gescbichte und seinen Denkmalern IV, S. 3, Anm. 7; Unkel in 
den Annalen des hist. Vereins f. d. Niederrhein XLI, S. 142. Vgl. auch 
Loersch in den genannten Annalen XXXVII, S. 192. 

6 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 852. 



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Beitrago zur Geschichte der Grafen von Jiilich. 185 

Am 26. Februar 1289 bekennt Walram dem Joharm von 
Reifferscheid 625 Mark Manngeld schuldig zu seiu, dafur ver- 
pfandet er die jahrlich zu 62 Mark und 6 Schillingen veranschlagte 
Accise in der Stadt Diiren vom nachsten Marz ab. Wenn damit 
die Schuld getilgt ist, soil Joliann noch ein Lehn von 200 Mark 
mehr anweisen. Ist die Verpfandung unmoglich, oder wird 
Johann darin gestort, so wird Walram ihm gleich hohe Gefalle 
naher bei Bedburg zur Sicherheit stellen, wo nicht, kann letzterer 
sich beliebig in der Grafschaft Jiilich schadlos halten 1 . Am 
19. Marz gelobt er dem Hermann von Tomburg ein Lehngut 
in Odendorf 2 ; Kraft von <jreifenstein wird urn dieselbe Zeit 
Jiilichsclier Vasall wegen Leudersdorfer Guter 3 , der Vogt von 
Leudesdorf wegen Besitzungen zu Hammerstein 4 . 

Im Jahre 1289 uberliess Walram dem Norbertinerstift zu 
Heinsberg die von ihm lehnriihrigen Gliter zu Baesweiler, indem 
Heinrich von Schonau, der schon Jiilichsclier Vasall war, dem 
Kloster den Hof zu Baesweiler mit dem Patronat zu Oidtweiler 
verkauft und Walram auf die Oberherrlichkeit gegen Stellung 
des Allods zu Schinnen verzichtet hatte. Zu dieser Lehnsanderung 
hatte Heinrich sich schon am 21. September bereit erklart. 
Sein Allod zu Schinnen bestand in 53 Morgen Landes nebst 
einer Jahresrente, drei Ministerialen, namlich Johann von Schinnen, 
Wilhelm von Minentheim und Wilhelm von Streithagen 5 , sowie 
einigen kurmodigen Giitern. Den Verzicht Walrams bekundet 
Heinrich am nachsten Dreikonigentag 6 (6. Januar 1290). 

In diese Zeit mag eine undatirte Urkunde fallen, durch 
welche Winnemar, Solm des Giso von Berka, vor dem Vogt und 
den SchofFen zu Erkelenz bezeugt, von Walram Giiter bei Kiick- 
hoven und Matzerath zu Lehn zu tragen 7 . Als Stellvertreter 
des Grafen war am 29. Juni 1290 Dietrich von Coppingen, 
Landvogt der Grafschaft Jiilich, bei dem Verzicht des Ritters 
Heinrich von Hurengen zu Gunsten der Kommende in Siersdorf 
gegenwartig 8 . 

J ) Fahne, Salm II, 51. 

2 ) Lacomblet, Urkundcnbuch II, Nr. 861. 

3 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 954. 

4 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 967. 

5 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 876 und Anm. 1. 
°) A. D. Norbertinerstift Heinsberg 61. 

7 ) A. D. Chart. 89. 

8 ) Ritz, Urkunden und Abhandlungen I, S. 107. 



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186 W. Graf von Mirbach 

Damals schwebte auch zwischen Walram und dem Grafen 
von Geldern ein Streit wegen Guter zu Cietere 1 und Brerapt, 
sowie wegen einer alten Geldschuld. Die Sache war schon einmal 
vor Schiedsrichter gebracht worden, und diese hatten dem Walram 
alien Anspruch aberkannt, nur habe Graf Wilhelm IV. einst 
fiir obige Besitzungen dem Edelherrn Dietrich von Brempt 250 
Mark Manngeld gegeben. Da es sich nun herausgestellt, dass 
sie schon Geldrisches Lehn gewesen seien, habe Walram Anspruch 
auf die Eiickerstattung der Summe. Die alte Schuld wird 
Friedens halber auf 950 Mark festgesetzt und fiir die 1200 
Mark soil Walram auf Brempt verzichten und Cietere als Pfand 
nehmen. Den Inhalt dieses einst zu Erkelenz erfolgten Spruchs 
bescheinigt Goswin von Born, da die alten Schiedsrichter Heinrich 
von Montfort und Heinrich von Luxemburg inzwischen gestorben 
waren, am 16. Dezember 1290 2 . 

Als Bitter Wilhelm von Froitzheim, der Schenk zu Nideggen, 
dem Kloster Steinfeld seine Giiter zu Scheitweiler verkaufte, 
hingen am 18. Januar 1290 (1291), ausser andern Herren, auch 
Gerhard von Caster und Walram, Graf von Julich und Propst 
zu Aachen, ihre Siegel an die Urkunde 3 . In Folge des fruhern 
Vertrags vom 9. Marz 1290 hat dann Graf Walram am 23. August 
1291 dem Erzbischof von Koln die Vogtei Vilich definitiv ab- 
getreten 4 . Am 20. Oktober ist Walram Zeuge bei Ausstellung 
des Lehnsreverses des Gottschalk von Siliheym (Schlickum ?) fiir 
den Grafen von Luxemburg 5 . Damals legte der Graf seine 
Stelle als Propst zu Aachen nieder, am 29. Juni 1292 wird 
Heinrich von Klingenberg als sein Nachfolger erwahnt 6 . Am 
27. Dezember 1292, als Eitter Arnold Spee von Bolheim (Speda 
de Bullinheim) bei einem Erbtausch von 6 Morgen Wiesen Walrams 
Besiegelung begehrte, nennt dieser sich einfach Graf von Julich 7 . 
Am 10. Dezember 1293 besiegelt er als Vogt des Neusser Stifts- 



J ) Nijhoff meint, Cietere lage an der Mosel, Ernst halt es fiir Sittard. 
Es mag wohl bei Brempt gelegen haben, scheint aber nicht Dietern zu sein. 

2 ) Nijhoff, Gedenkwaardigheden I, p. 35. 

3 ) Annalen des hist. Vereins f. d. Nicderrhein XXIII, S. 185. 

4 ) A. D. Erzstift Nr. 346. 

5 ) Publications de la soc. pour la recherche et la conserv. des mon. 
hist, dans le Grand-Duche de Luxembourg XVII, p. 57. 

°) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 680, Anm. 1. 

7 ) Annalen des hist. Vereins f. d. Niederrhein XXIII, S. 187. 



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Beitrage zur Geschichtc der Graf en von Jiilich. 187 

hofs zu Kelz einen Pachtbrief. Nacli ihm siegelt Walram (von 
Kessel, Herr zu Grevenbroich und) Herr zu Hengebach 1 . 

Graf Walram war bei der Kronung des Konigs Adolf in 
Aachen gegenwartig 2 . Am 29. Mai 1292 ist er mit demselben 
zu Boppard, wo der Konig dem Erzbischof von Koln alles vor 
der Wahl Versprochene treu zu halten gelobt 8 . Nun war unter 
diesen Versprechungen auch die Ueberlassung von Wassenberg. 
Man kann sich denken, welche Verwirrung liierdurch hervor- 
gerufen werden musste. Graf Walram, dessen Ehe mit der 
Nichte des Erzbischofs damals wohl noch niclit aufgegeben war, 
wurde von letzterm ebenfalls in die Wahlbedingungen ein- 
geschlossen, denn Adolf versprach, ihn im Besitz der Graf- 
schaft zu vertheidigen gegen die Sohne des erschlagenen Wilhelm 
des Erstgeborenen und ihre Heifer, namentlich gegen den Herzog 
von Brabant und den Graf en von Flandern, auch dem Grafen 
Diiren auf Lebenszeit in Pfandnutzung zu lassen und das 
Schultheissenamt von Aachen nur einem solchen Herrn zii geben, 
der dem Erzbischof angenehm und so lange er ihm genehm sein 
werde. Sinzig jedoch ward dem Erzbischof versprochen. Ueber 
die Schuld, welche Adolf bei Wilhelm IV. gemacht, sollte 
ausserdem noch der Erzbischof mitentscheiclen. Zum Uebertrag 
des Schultheissenamts an den Grafen von Jiilich gab der Erz- 
bischof seine Genehmigung und bis zur Einlose erhielt jener es 
fur eine Schuld von 1500 Mark. Dem Magistrat von Aachen 
zeigt der Konig dies namlich am 12. September 1292 an 4 . 
Bereute der Erzbischof spater die gegebene Erlaubniss? Oder 
erfolgte die Einlose so bald? Das Schultheissenamt befindet 
sich schon am 8. Januar 1295 wieder in der Hand Walrams 
von Valkenburg, der es bereits 1286 gehabt hatte 5 . Auch das 
Meieramt 6 war damals noch dem letztern verpfandet. Wahrend 

*) A. D. Quirinsstift zu Neuss I. 

2 ) Laconiblet a. a. 0. II, Nr. 680, Anm. 1. 

3 ) Ennen, Quellen III, Nr. 326 und 331. 

4 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 924. 

5 ) Quix, Bernsberg S. 97, Nr. 17. 

6 ) 1295 coram nobili viro domino Walramo, domino de Monyoye et de 
Falkenburg, ex parte imperii provisore et sculteto civitatis Aquensis, nee non 
coram Reynardo dicto Schiflart, villico eiusdem domini, et coram Gerardo de 
Lugnene, viceadvocato (wahrscheinlich des Grafen von Jiilich), iudicibus vide- 
licet Aquensibus (Quix, Bernsberg S. 97, Nr. 17). Also alle drei, Vogt, 
Meier und Schultheiss, wareu urspriinglieh richterliche Beamten. Auch 1310 



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188 W. Graf von Mirbach 

er aber noch 1310 als Schultheissverweser genannt ist 1 , hatte 
er sich der Meierei schon 1296 begeben, die nun der Herzog 
von Brabant als Reichspfand besass. 

War es mit dem Schultheissenamt dem Grafen von Jiilich 
einstweilen fehlgegangen, so erlangte er doch 1297 wenigstens 
die Meierei in Aachen. Am 13. Juni 2 ermachtigt ihn Konig 
Adolf, dieselbe fur die Summe, far welche $ie dem Brabantischen 
Herzog zu Pfand steht, zu seinen Handen wegen der vielen 
dem Konig geleisteten Dienste einzulosen und sie seiner Zeit 
nur an das Reich zuriickzugeben. Letzteres ist nun nie mehr 
geschehen! 

Aus Walrams Regierungszeit, jedenfalls aus dem Ende des 
13. Jahrhunderts, stammt ein altes Weisthum der Waldgraf- 
schaft, das interessante Aufschlusse iiber ihren Bezirk und die 
Holzberechtigten gibt 3 . Die Grenzen des Wildbanns sind durch 
folgende Punkte bezeichnet: die Weisweiler Briicke, Langerwehe 
(damals Rimmelsberg), Stutgerloch, das „Glockenhaus tf von 
Merken, die Elle, Jakobwiillesheim, das „Glockenliaus tt von 
Soller, weiter Froitzheim, Embken, Wollersheim, Vlatten, Noltz- 
burne (?) und Heimbach; von dort machte die Roer die Grenze 
bis zum Einfluss der Call, die Call darauf bis zum Einfluss des 
Tiefenbachs, der Tiefenbach bis zur Miindung des Busselbachs 4 ; 
von da lief die Grenze bis zur Germuyde 5 , folgte dann dem 



ist Walram von Valkenburg Sehultheiss. Im Jahre 1313 ist der Vogt Arnold 
(von Palant) gerens vices villici sive sculteti. Ein Sehultheiss kommt 
dann nicht mehr vor. Spater, seit dem Anfang des 14. Jahrhunderts, tritt 
iiberhaupt nur noch ein Richter auf. Neben ihm oder iiber ihm vielmehr in 
gewissen Beziehungen erscheint der Vogt, nachher Vogt und Meier oder 
Vogtmeier in spatester Zeit. Die Richterstelle scheint, so sagt Loersch, 
Achener Rechtsdenkmaler S. 272, von dem Pfandinhaber der Vogtei und 
Meierei, dem Grafen von Jiilich, einem Mitglied einer der zum Schbffenstuhl 
berechtigten Familien iibertragen worden zu sein. Nach langerer oder kurzerer 
Amtsdauer gelangte der Richter durch Kooptation ins Schoffcnkollegium, wo 
er dann die Richterstelle niederlegte und meist sogleich ein Anderer damit 
betraut wurde. 

J ) Loersch, Achener Rechtsdenkmaler S. 259. 

2 ) Lacomblet, Urkundenbuch II, Nr. 973. 

8 ) Ritz, Urkunden und Abhandlungen I, S. 130. 

4 ) Daran liegt jetzt das einzelne Haus Bosselbach, Burgermeisterei 
Schmidt, Kreis Montjoie. 

5 ) Jetzt liegt hier der Hof Germeter, Burgermeisterei Schmidt, Kreis 
Montjoie, 



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Beitrage zur Geschichte der Grafen von Jiilich. 189 

Steinmiihlenbach bis in die Huhnerbruche * (Hoinrebroeke) und 
ging von da bis zu den „stehenden Steinen", dann die Vrenke 
abwarts in die Hasselbach ; von da bilden die Vicht, Mausbach 
und Scherpenseel, dann die Dumel 2 und Inde die Grenze bis 
Weisweiler. In diesera Bezirk waren die Distrikte Witscheidt, 
Schonhardt und Hasselhardt die Kammerforste der Waldgrafen. 
In den ubrigen waren verschiedene Dorfer und Hofe wald- 
berechtigt, namentlich die Hofe zu Diiren, Echtz, Kreuzau, 
Lendersdorf, Giirzenich, Derichsweiler, Gressenich, Frauwiilles- 
heim, Meisheim 3 , Pier, Merken, Weisweiter, Siersdorf, Hausen, 
Pattern, Nothberg 4 , sowie der Herr zu Frenz. Der Hof zu 
Dtiren bekam, ausser dem durren Holz wie die ubrigen, noch 
Eichenbauholz, der Hof zu Inden auch Buchenbrennholz, so hoch 
ein auf der Erde stehender Mann es uberschauen konnte. Der Hof 
zu Inden wie der Herr von Frenz erhielten im Nothfall auch 
Eichenbauholz, mussten sich deshalb aber jedenfalls an den Wald- 
grafen wenden, der ihnen den Bedarf anweisen liess. Dabei 
erhielt dann jeder Forster einen Sester Wein. Diesen kam von den 
Anerben gewohnlich etwas Bestimmtes im Jahre zu, so z. B. von 



*) 1st hier der Ort Honrebrot oder Honrebroc im JiUichschen, wo im 
Reineke Fuchs 

Die Otter gab ihm eine Ente jung 
and sprach: 

Ich that danach manchen Sprung, 

Eh ich sie einem Vogler nahm, 

Bei Honrebroc dort an dem Damm? 
Hoenderberg, ein Jtilich-Kolnisches Gericht im Kottenforst, ferner ein Hoener- 
bcrg bei Morken. Latendorf meint, Honrebroc sei ein proverbiell gebildeter 
Ortsname (Picks Monatsschrift IV, S. 115). Schroder liest Vers 6238 
Honrebrot, Grimm Honrebroc und denkt an unsern Ort, wahrend Schroder 
den Ort zwischen Damme und Sluis sucht, wo ein Hoeckenbrock vorkommt. 
Teh crwahne das nur, sollte die niederlandische Umarbeitung des 15. Jahr- 
hunderts, die z. B. erst aus Vermandois das Jttlicher Land macht und einen 
argcu Streich des Reineke dort erzahlt, wirklich die unbekannten Hlihncr- 
briiche im Auge gehabt haben? 

2 ) Jetzt Omerbach genannt; vgl. Kaltenbach, Der Regierungsbezirk 
Aachen S. 214. 

s ) Ein jetzt verschwundenes Dorf im ehemaligen Gerichtsbezirk von 
Merzenich (Kreis Diiren); vgl. Pick in der Zeitschrift des Aach. Geschichts- 
vereins VT, S. 115, Anm. 1. 

4 ) Ritz a. a. 0. I, S. 137 verlegt irrig den „hoff van Berghen" nach 
Bergheim, Biirgermeisterei Stockheim, Kreis Dttrcn. Vgl. iiber die frtthere 
Benennung von Nothberg Pick in der Zeitschrift des Aach. Geschichts- 
vereins VI, S. 114, Anm. 4. 



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190 W. Graf von Mirbach 

Inden und Diiren 1 Mark, von Siersdorf 6, von Pattern 3 Pfennige. 
Ferner hatten die Erbforster Beholzungsrecht und Mitjagd. 
Ohne die Erlaubniss des Waldgrafen darf in dem Bezirk Niemand 
jagen, flschen, schiirfen, Vieh treiben, Miihlen, Briicken oder 
Burgen bauen. Von alien mit Erlaubniss gewonnenen Metallen 
hatte der Waldgraf den Zehnten, ihm kam ferner Alles zu, was 
in der Hochfluth der Eoer gefunden wurde. Die Strafen be- 
standen nur in Geldstrafen, korperliche sind nicht erwahnt. Die 
Civilgerichtsbarkeit hegt auch der Wehrmeister und die Forster 
weisen als Schoffen was Rechtens. Die Malstatt ist im Freien 
unter einer hohen Heister. 

Zu des Grafen Walrams Zeit war gerade Streit wegen der 
Grenzen der Kornelimunsterschen Herrlichkeit und der Vogtei 
Gressenich. Die Einsassen der erstern gaben sie dem Wehrmeister 
also an: Von der Pfaffenfurth iiber Wildenfeld nach den Siefen 
des Wurzelbaehs * und von da nach der Quelle der Vrenke und 
zu den „stehenden Steinen"; dann die Vrenke hinab bis in die 
Hasselbach, in die ostliche und in die andere Vicht, dann liber 
Kaldenborn und den Bogenstrank nach der Pfaffenfurth zuriick. 
Diese Angaben scheint der Wehrmeister fur unrichtig gehalten 
zu haben; wie die Forster urtheilten, ist nicht bekannt. Der 
Hof zu Inden hatte damals sein Waldrecht verscherzt, da die 
Eingehorigen dreimal nicht zum Forstgeding gekommen waren, 
die Forster verweisen sie jetzt noch an die Gnade des Wald- 
grafen. 

Ein Weisthum uber die Fischereigerechtsame in der Roer 
ist nicht viel jiinger 2 . Der Waldgraf hat hier auf jeden Fall 
den Vorstrich. Die Berechtigten diirfen mit Hahmen und 
Weidenkorben (Reusen) fischen, aber den Strom nicht ableiten 
und keine Pfahle schlagen 3 , auch nicht mit dem Hauptgarn 
flschen, endlich ohne Erlaubniss keinen „Hauptfisch tt fangen. 

*) Ein Gehofte Wurzel in der Btirgermeisterei Strass, Krois Diiren. 

2 ) Lacomblet, Archiv VII, S. 3. 

8 ) Dies geschah hauptsachlich des Lachsfangs wegen. Man schlug 
namlich zwei Reihen Pfahle quer durch den Fluss in der Weise, dass die 
einzelnen Stamrae nur oben dem Wasser Durchlass gestatteten. Die Pfahl- 
rcihe stromabwarts war niedriger, so dass sie von den stromaufwarts steigen- 
den Fischen ttbersprungen wcrden konnte. Die zweite hohere Keihe aber bot 
ein nicht zu nehmendes Hinderniss dar und die in die Enge getriebenen Fische 
konnten so leicht gefangen werden, zumal da ihnen spitze Stacheln an der 
innern Seite der untern Pfahlreihe den Riickzug abschnitten. 



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Boitrage zur Geschichte der Graf en von Jiilich. 191 

Dann fahrt das Weisthum also fort: Und der Waldgraf soil 
sitzen auf einem einaugigen weissen Pferd, das habe einen 
strohenen Sattel und einen Lindenzaum, er soil tragen Sporen 
von Hagedorn und einen weissen Stab, so soil er reiten vom 
Ursprung der Koer, bis sie in die Maas fallt, und dann mag er 
alle unrechten Pfalile und Wehre fortschaffen und von jedem 
Pfahl einen goldenen Pfennig als Busse haben; und wenn er 
Widerstand findet, so soil ihm der Herr von Montjoie helfen 
mit aller seiner Maclit; und konnen es beide nicht wehren, so 
soil der Erzbischof von Koln ihnen beistehen oder endlich der 
Pfalzgraf 1 . 

Ungefahr aus derselben Zeit mag audi das Weisthum iiber 
die Rechte des Grafen von Jiilich im Conzener Walde stammen 2 . 
Es ist eine nahere Bestimmung des Vergleichs vom Jahre 1237 
und handelt zunachst von der Anstellung der Forstmeister und 
Forster und deren Freiheit von sonstigen Diensten ausser denen 
zur Landesvertheidigung. Der Graf von Jiilich und der Herr 
von Montjoie brauchen nur im Einverstandniss miteinander aus 
dem Wald irgend Jemand Holz zu geben und ohne Zuziehung 
des Forstmeisters darf aueh keiner der beiden Herren etwas 
selbst nehmen. Forstmeister war zur Zeit der Abfassung 
des Weisthums Johann von Cuyck genannt Spreis. Mit den 
Briichten bleibt es, wie die Vereinigung von 1237 es festgestellt 
hat, das Geld, welches der Graf von Jiilich jahrlich aus der 
Conzener Vogtei erhalt, findet sich jetzt aber auf 9 Mark 
erhoht. Wenn viele Eicheln sind, konnen beide Herren die 
schriftliche Erlaubniss geben, deren zu sammeln, aber nur unter 
Aufsicht der Forster und von Remigius bis St. Andreastag. 

VIII. Gerhard IX. Graf von Jiilich 1297—1328. 
1. Vasallen und Erwerbungen des Grafen Gerhard IX. 

Auch bei dem Grafen Gerhard will ich sammtliche an ihn 
geschehene Lehnsauftragungen, die mir bekannt geworden sind, 
erwahnen. Viele sind von familiengeschichtlichem und lokalem 
Interesse. Zugleich sind in diesen Abschnitt auch einige andere 
Nachrichten iiber den Grafen aufgenommen, welche ich der 
moglichsten Vollstandigkeit wegen nicht iibergehen wollte, die 

J ) Der Lehnsherr der Waldgrafsehaft. 
2 ) Lacomblet, Archiv VII, S. 100. 



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192 W. Graf von Mirbach 

aber den Zusammenhang der Kriegs- und Regierungsgeschichte 
storen wiirden 1 . 

Der Lehnsrevers des Herrn zu Dollendorf ftir unsern Grafen 
aus dem Jahre 1298 ist schon friiher erwahnt worden. Am 
18. Marz 1299 hat Gerhard durch einen zu Heimbach gegebenen 
Schenkungsbrief der Abtei Steinfeld seine Eottzehnten in den 
Gemarkungen von Rovenich und Disternich iiberlassen 2 . 

Am 13. Februar 1300 hat Graf Heinrich von Wilnau fur 
empfangene 100 Mark dem Grafen Gerhard zu Lehn aufgetragen 
sein im Gebiet von Wied-Runkel gelegenes Schloss Dehren 3 . In 
demselben Jahre ist der Vogt Johann von Staudernheim wegen 
Guter zu Staudernheim Jiilichscher Vasall geworden 4 ; ferner 
stellt Mathias von Meisenburg dem Grafen sein Schloss Ritters- 
dorf am 19. Oktober als Lehn 5 . 

Im Jahre 1301 hat Gerhard von Alfter das Burghaus 
Kirspenich far empfangene 80 Mark als Julichsches Mann- und 
Weiberlehn erklart 6 , und Arnold von dem Bongart verstattete 
zu derselben Zeit dem Grafen das Oeffnungsrecht an seinem 
Haus Heiden. Am 1. Juli ist dann durch Gottfried von dem 
Bongart dessen gleichnamiges, in dem Territorium von Weisweiler 
gelegenes Haus zum Julichschen Lehn gemacht worden 7 . 

Schon am 14. Marz 1301 bestatigt der Graf den Akt, 
durch welchen Reinhard Rost einen Zehnten von flinf Hufen Lands 
der Abtei St. Martin in Koln verkauft hat. Dies geschah vor 
dem Julichschen Amtmann, sowie den Schoffen und Einwohnern 
von Oberzier auf der offentlichen Strasse. Als spater wegen 
dieses Uebertrags ein Streit entstand, hat Gerhard einen neuen 
Vergleich dariiber am 24. Juli 1317 untersiegelt 8 . 

In demselben Jahre 1301 gab der Graf seinen Unterthanen, 



') Der die Kriege und die Regierung des Grafen Gerhard IX. behan- 
delnde Abschnitt liegt nicht vor. Red. 

2 ) Annalen des hist. Vereins f. d. Niederrhein XXIV, S. 295. Die 
Jahrcszahl 1398 ist natiirlich unrichtig. 

3 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 1018. 

4 ) A. D. Chart. Nr. 146. 

8 ) A. D. Jiilich-Berg U&j 2 . 

6 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 9. 

7 ) A. D. Chart. Nr. 99; Strange, Genealogie der Hcrrcn und Frei- 
herren von Bongart S. 2. 

8 ) K ess el, Antiquitates monasterii s. Martini p. 283. 



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Beitrage zur Gesciiichte der Grafen von Jfilich: 193 

den Einwohnern von Niederzier, einen Wald fiir 25 Malter Hafer 
in Erbpacht 1 . 

Damals ist auch Wolter von Hedern genannt Buch Julich- 
scher Lehnstrager geworden. Zeugen dabei waren Gerhards 
Vasallen Heinrich Stael, Ry Tytche und der grafliche Kaplan 
Arnold 2 . Als Herr Friedrich von der Schleiden im Jahre 1301 
von Arnold Herrn zu Reuland die Herrschaft Muringen sammt 
dem sogenannten Dreiherrenwald kaufte, werden ersterm diese 
Objekte als allodial und namentlich von alien Verpflichtungen 
dem Grafen von Jiilich gegenuber frei garantirt. Gerhard 
erlasst deshalb noch eine besondere Erkl&rung 3 . 

In dem Archiv dcs Eitterguts Froitzheim 4 befindet sich 
eine alte Nachricht, welche besagt, Graf Gerhard habe die 
Erbvogtei (zu Froitzheim?) im Jahre 1301 von Johann vonBirgel 
wieder eingelost, und seien bei dem dariiber aufgenommenen 
Akt folgende Herren als Zeugen gewesen: Gerhard Rost, Christian 
Schenk von Nideggen, Heinrich Luning und der Marschall 
Engelbert Nyt von Birgel, sammtlich Ritter. Am Pfingstabend 
(20. Mai) des Jahres 1301 macht Johann, Bruder des Grafen 
von Neuenahr, eine Hufe bei Hygendorf zum Jiilichschen Lehn 5 . 

Am Sonntag Judica (8. April) des Jahres 1302 hat der 
Graf verstattet, dass Gottfried von dem Bongart Weinguter 
im Julicher Land zu Lehen des Grafen von Luxemburg machte; 
dieselben lagen bei Ouwen, was wohl Kreuzau sein soil G . Urn 
dieselbe Zeit bekennt Gerhard, dass Ritter Edmund von Franken- 
burg Guter zu Langenbroich und Weringsborn in seiner Gegen- 
wart als Luxemburgische Lehen erklart habe 7 . 

Am 17. Juni ist der Graf Biirge fur Rudolf von Reiffer- 
scheid zu Milendonk wegen der an den Herrn zu Heinsberg 
verkauften Guter bei Wiirm 8 . 

Ludwig Burggraf von Hammerstein und Katharina, seine 
Frau, haben am Gregoriustag (12. Marz) 1302 ihren zwischen 



*) A. D. Hambacher Kellnerei-Kechmingen. 

2 ) A. D. Chart. Nr. 162. 

3 ) Barsck, Eiflia illustrata I, 2, S. 1014. 

4 ) Jetzt zu Harff. 

5 ) A. D. Chart. Nr. 62. 

6 ) Publications dc la soc. pour la recherche et la conservation des mon. 
hist, dans le Grand-Duche de Luxembourg &VII, p. 97. 

7 ) Ebendas. XVII, p. 102. 

8 ) A. D. Heinsberger Lehnsregister I. 

13 



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194 * W. Graf von Mirbach 

Kempenich und Ahrweiler gelegenen Hof Hauswinkel zum Jiilich- 
schen Lehn gemacht 1 ; im folgenden Jahre stellt Herbold von 
Hilden wegen des Hofs Windhausen bei Soest dem Grafen einen 
Lehnsrevers aus. Im Juli 1303 hat Gerhard den Lehnsauftrag 
des Dietrich von Dreimollen untersiegelt, welcher Vasall seines 
Verwandten, des Herrn zu Blankenheim, wurde 2 . 

Julichscher Vasall wird dann im Jahre 1304 Heinrich 
Rumblian wegen seiner Gtiter zu Stratheim 3 . Zeuge hierbei ist 
Dietrich von Wischel, Drost zu Linn, und Heinrich wird wohl 
ein Ahne der Herren von Calcum sein. Am 15. Mai 1304 hat 
Graf Gerhard der Abtei Altenberg ein bei Meer im Amt Caster 
gelegenes Maar geschenkt 4 . Jakob Vogt zu Frauenfeld, Hof- 
meister des Konigs Albrecht, erklart zu Mainz am 23. Marz 
1305, dass er wegen des Hofs Herten bei Frauenfeld Julichscher 
Vasall geworden 5 . 

Am 1. Mai 1305 wird Gervasius von Weiler bei Hasselt 
an Stelle des Otto von Bell Vasall des Grafen wegen einer 
Hufe zu Berg, unweit Grevenbroich G . Unter Berg wird wohl 
ein Theil des jetzigen Dorfs Furth zu verstehen sein, Hasselt 
und Weiler bilden jetzt ein Dorf, namlich Hasselsweiler. Dann 
hat Gerlach Herr zu Breuberg fiir empfangene 50 Mark die 
Dorfer Bertheim, Steinbach und Isendorn zu Lehen von Jiilich 
gemacht 7 . 

Arnold von dem Bongart vermehrt seine Lehen durch eine 
halbe Hufe bei Haaren, die in den Hof zu Manheim gehorte 8 . 

Am 13. Mai 1306 bekennen Gerhard von Nievenheim und 
Alverade, seine Frau, dass der deutsche Orden durch den Bruder 
Johann von Odendorf sie wegen einer Forderung und Biirgschaft 
nebst Zinsen befriedigt habe. Sie hatten namlich fiir Zehrung 
und Expedition des Gefolges zu Elsen Auslagen gemacht, als 
der Graf von Jiilich, wahrscheinlich urn im Jahre 1305 die 
Huldigung zu empfangen, in Grevenbroich gewesen 9 . Einige 



A. D. Chart. Nr. 145. 

2 ) Barsch a. a. 0. II, 1, S. 87. 

3 ) A. D. Chart. Nr. 163. 
*) A. D. Altenberg 234. 

5 ) A. D. Chart. Nr. 128. 

6 ) A. D. Katharinen-Kommende Nr. 135. 

7 ) A. D. Chart. Nr. 72. 

8 ) A. D. Chart. Nr. 141. 

9 ) Kopiar von Elsen Nr. 7. 



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Beitrage zur Geschichte der Grafeu von Jiilich. 195 

Tage spater zeigt Reinhard Herr zu Montjoie und Valkenburg 
seinen Forstern in Conzen an, dass er seinem Oheim, dem Grafen 
von Jiilich, da es in einem altern Vertrag nicht genau bestimmt 
war, eine Rente von 33 Scheffel Hafer und 12 Kapaunen jahrlieh 
aus der Miihle zu Eicherscheid nach Nideggen zu liefern habe 1 . 

Ritter Gottfried von Vernieh hat fur eine gewisse Sum me 
Geldes am 9. September 1306 die Burg bei Nieder-Elvenich 
oder Sevenich dem Grafen als Lehn gestellt 2 , Johann von 
Fraucnfeld tragt demselben Herterhoven auf 3 . Am 9. Oktober 
hat Adam von Niel zu Koln den Hof Schmithausen als Jiilich- 
sches Lehn erklart und diesem Objekt audi einen Mansus zu 
Cleverham als anklebig bezeichnet 4 . 

Am 2. Dezember ist Graf Gerhard Schiedsrichter in einem 
Streit, der zwischen den Erben Heinrichs von Gevenich und 
dem Mariengradenstift zu Koln wegen einiger Guter zu Vernieh 
obgewaltet hatte 5 . 

In demselben Jahre quittirt Ritter Reinhard Hoengen von 
Miihlenark und Drove dem Grafen iiber 100 Mark Denare, wofiir 
von Reinhard bereits untervergebene 145 Morgen Land bei Drove 
als Burglehn von Nideggen Julichsches Obereigenthum geworden 
sind°. . 

Als Herr zu Grevenbroich hat der Graf, dem die Yerhalt- 
nisse der neu erworbenen Herrschaft wohl noch nicht vollstandig 
bekannt waren, am 6. Marz 1307 einen Erbtausch zwischen der 
Abtei Altenberg "und der Druda von Radputz bestatigt, indem 
das von dem Kloster nunmehr erworbene Gut zu Nettesheim 
vielleicht Lehn von Grevenbroich sein konnte 7 . 

Als Richard von Daun am 12. Juni seinen halben Hof zu 
Endenich dem Grafen von Geldern auftrug, ist Graf Gerhard 
Zeuge gewesen 8 . 

Um diese Zeit war der alte Ritter Christian von Diirfen- 
thal gestorben, der den Rottzehnten im Kirchspiel Soller als 
Julichsches Lehn besessen. Seine Wittwe Mathilde hat indessen 

') A. D. Chart. Nr. 29. 

2 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 49. 

8 ) A. D. Chart. Nr. 127. 

4 ) A. D. Lehnsregister f. 160 und Chart. Nr. 112. 

5 ) A. D. Mariengraden 74. 

°) Kopie im Archiv zu Harff. 

7 ) A. D. Altenberg 236. 

8 ) A. D. Geldr. Kopiar B. 22, Nr. 35. 

13* 



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196 W. Graf von Mirbach 

diesen Zehnten, den die geistlichen Grundherren jedenfalls schon 
friiher beansprucbten, nunmebr der Abtei St. Martin in Koln 
gegen eine Jahresrente uberlassen. Am 30. Juli 1307 verburgen 
sich versehiedene Verwandte des Verstorbenen dafiir, dass dessen 
Kinder das Geschaft spater genehmigen wiirden 1 . Was der 
Lehnsherr dazu sagte, ist nicht bekannt. 

Am 28. August des Jalires hat Graf Gerhard mit seiner 
Gemahlin den Hof Rosellen, der dem Neusser Quirinsstift gehorte, 
aus der von Grevenbroich riihrenden Vogtei entlassen, und zwar 
auf die Bitte des Untervogts Hermann Voss von Embt, der 
gegen eine Sumine Geldes auf die Vogtei Verziclit geleistet. 
Der Graf bedingt sich aber in Bezug auf den Hof eventuell 
das Vorkaufsrecht aus 2 und will, dass fur ihn und seine Gattin 
j&hrlich eine Messe im Stift gelesen und nachher ein Jahr- 
gedachtniss gehalten werde fur das grafliche Ehepaar und fur 
Wilhelm und Rikarda, die Eltern des Grafen. Als Zeugen der 
betreffenden Urkunde -werden genannt die Julichschen Vasallen 
Wilhelm Graf von Neuenahr, Kraft von Greifenstein, Rudolf 
von Reifferscheid, Arnold von Bachem und Ritter Reinhard von 
dem Bongart. Gegen Ende des Jahres 1307, am 22. Dezember, 
verspricht Florenz Berthout, Herr zu Berlaer, dem. Grafen, 
dessen Vasall er geworden, fur 60 Pfund Turnosen ein Allodium 
jenseits der Maas als Lehn zu stellen 3 . 

Im Jahre 1308 hat Graf Gerhard als prasumtiver Erbe 
seines Vetters Walram dessen Auftrag der Heriiichkeit Ripsdorf 
an den Grafen von Luxemburg am 9. September durch Mit- - 
besiegelung des Lehnsbekenntnisses gutgeheissen 4 . Damals warb 
er auch zwei Vasallen in den Niederlanden, namlich Heinrich 
von Uplewe (Opleuw), Burggrafen zu Callemond, fiir 50 Mark 
und Heinrich von Lunchi (Lonchin) fiir 100 Mark. Karl von 
Oberingelheim erklart zu derselben Zeit seinen Hof zu Ober- 
ingelheim als Jiilichsches Lehn 5 . 

Aus dem Jahre 1309 kennen wir nur den Lehnsauftrag de&~ 



J ) Kessel, Antiquitates monasterii s. Martini p. 285. 
2 ) A. D. Quirinsstift 11. 
8 ) A. D. Chart. Nr. 61. 

4 ) Publ. de la soc. pour la recherche et la conservation des mon. hist, 
dans le Grand-Duche de Luxembourg XVII, p. 126. 

5 ) A. D. Chart. Nr. 129, 142, 161. 



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Beitrage zur Geschichte der Grafen von Jiilich. 197 

Vogts zu Leudesdorf, Werner von Merode, in Bezug auf die 
Weingarten bei Schenkenberg 1 . 

Im folgenden Jahre warb der Graf eine Menge Vasallen 
am Oberrhein und in Schwaben, so den Herrn Dietrich von 
Runkel fur 150 Mark, zu Niirnberg den Eitter Otto von Ehres- 
burg wegen Reicharzhausen, den Albert Judmann wegen Roder- 
murtingen bei Holzfahr, den Johann Bitz von St. Goar fur 200 
Mark wegen Giiter zu Eltville und Weilheim, den Hermann 
von Boppard fur 5 Pfund. Heller wegen Weinberge zu Salzig, 
den Ritter Werner Knebel von Katzenellenbogen, Landvogt im 
Speiergau, fur 5 Mark wegen des Hofs Heppenheft bei Caub, 
den Dodo von Echtzell far 40 Mark wegen Weinberge bei 
Steeg, den Ritter Peter von Saulheim fur 100 Pfund Heller 
wegen 5 Morgen Frankenweingewachs am Westenberg, den 
Volmar (Volker?) Schotto von Alzey wegen Giiter zu Eppels- 
heim 2 , Heilmann von Bommersheim fur empfangene 10 Mark 3 . 

Der Knappe Johann von Bell und Gertrud, seine Frau, 
machen ein Haus zu Miinstereifel zum Lehn des Grafen in 
Gegenwart der dortigen Knappen und Vasallen Dietrich Mohr 
und Arnold Alfen. Das Haus, welches fortan Mann- und Weiber- 
lehn sein soil, lag neben dem des Johann von Braunsberg 4 . 

Wilhelm von Millen gelobt in demselben Jahre 1310, dass 
er dem Grafen von Jiilich von seinem Antheil an Wickrath 
Beistand leisten wolle gegen Jedermann, nur nicht gegen seinen 
Herrn, den Grafen von Geldern 5 . 

Im folgenden Jahre 1311 wurden wiederum viele ober- 
rheinische Herren Vasallen des Grafen von Jiilich; so Siegfried 
und Hermann von Hadamar fur 10 Pfund Heller, Johann Voss 
von Diepach, Ritter, fur 100 Pfund Heller der Giiter zu Manne- 
bach wegen, Johann Vogt von Hunolstein fur 20 Mark wegen 
der Giiter zu Erden in der Grafschaft Sponheim, Johann Ulner 
von Bockelheim fur 100 Pfund wegen des Hofs Furfeld, Arnold 
von Sponheim fur dieselbe Summe wegen einiger Gefalle zu 
Bacharach, Philipp von Sponheim wegen seiner Weinberge unter- 
halb des Schlosses Sponheim und der Landereien bei Ornemich, 



2 ) A. D. Chart. Ni\ 137, 126, 102, 140, 134, 118, 133, 125, 157. 

2 ) A. D. Chart. Nr. 147. 

3 ) Kremer, Akad. Beitrage III, S. 134. 

4 ) A. D. Chart. Nr. 152. 

5 ) A. D. Chart. Nr. 126. 



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198 W. Graf von Mirbach 

Konrad Specht von Sponheim wegen der Besitzungen zu Wamrae- 
rath bei Kirberg in der vordem Grafschaft 1 . 

Der Graf war auch bestrebt, einigen Zusammenhang in 
seinen Gebietstheilen an der untern Erft herzustellen, zwischen 
den Aemtern Grevenbroich und Caster lagen noch mehrere Ort- 
schaften. Am 20. Mai 1311 erwarb er nun von Franko von 
Berg, Heinrieh von der Baal, Heinrich von Eggerath, Adam 
von Dyck, Jakob von Alhoven, Heinrich von Gersdorf, Wilhelm 
vom Holz und Hermann Brogger deren Gerichte in den Dorfern 
Konigshoven, Obermorken und Alhoven 2 . Die beiden letzt- 
genannten Orte mit Berg sind jetzt Theile des grossen Dorfs 
Konigshoven, das in fruhern Zeiten zum Amt Grevenbroich 
gehort hat. Nun trennte die Aemter noch die Pfarrei Morken, 
wo ein kaiserliches Gericlit bestand, das erst des Grafen Sohn 
erworben hat. Gerhard besass bei Morken aber schon die halbe 
Miihle zu Harff, wegen welcher er sich in nicht mehr zu 
bestimmendem Jahre mit dem Herrn zu Heinsberg, der in 
Harff Grand- und Gerichtsherr war, vertragen hat. Der Jiilich- 
sche Antheil an der Miihle war damals schon als Burglehn von 
Caster untervergeben 3 . Amtmann zu Caster war urn jene Zeit 
(1311) Heinrich von Berg, Drost zu Grevenbroich, wenige Jahre 
friiher N. Bumschottel. Einen Zehnten zu Konigshoven trug von 
dem Grafen ein Johann von Berg zu Lehn, dessen Erben waren 
die Herren vom Holz 4 . Aus dem Jahre 1312 kennen wir nur ein 
Lehnsgeschaft des Grafen. Eabot Burggraf zu Odenkirchen 
hat damals dem Gerhard den Hof zu Drove abgetreten und 
dafiir den Neuhof bei Glessen nebst einer Hufe zu Busdorf als 
Mannlehn empfangen 5 . 

Am 17. November 1312 genehmigt der Graf als Landesherr 
einen Uebertrag an den deutschen Orden, welchem Gerhard 
von Nievenheim und dessen Familie eine Hufe bei Elsen, vier 
Holzgewalde und zwei Lehen in Noithausen verkauft haben. 
Er verspricht am 29. November, dass er den Orden in diesen 
Besitzungen, sowie in Bezug auf 130 Morgen bei Berghausen 

*) Kreiner a. a. 0. Ill, S. 136 und 137. 

2 ) L acorn Met a. a. 0. Ill, Nr. 106, wo aber die Namen unrichtig 
erklart sind. 

3 ) A. I). Kopiar von Heinsberg I und Urk. zu Harff nach dem Chart, 
der Grafen von Jttlich. 

4 ) A. D. Amtsrechnungcn von Caster uud Grevenbroich. 

5 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 116. 



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Beitrage zur Geschichte der Graf en von Julich. 199 

schiitzen wolle. Die Nievenheim hatten namlich auch diese 
Landereien frilber dem deutschen Orden verkauft und angegeben, 
dass sie von diesem zu Lehn gingen, der Graf aber hatte 
gemeint, sie hingen von Grevenbroich ab 1 . 

Ein anderer Gerhard von Nievenheim ist urn diese Zeit 
wahrscheinlich schon todt gewesen, wenigstens war ihm in den 
Giitern zu Doveren, die von Brabant zu Lehn gingen, der 
Bruder, Bitter Gottfried, gefolgt. Letzterer wollte sie nun 
einem dritten Bruder, Hermann, abtreten und als Graf Gerhard 
im Herbst 1313 zu Lowen war, verburgt er sich beim Lehns- 
herrn wegen dieses Hermann 2 . Der Graf ist damals in wich- 
tigen Familienangelegenheiten nach Brabant gegangen, der 
Herzog, sein Verwandter, war schuldenhalber gezwungen, die 
Begierung den Pralaten und Stadten seines Landes zu ubergeben 3 . 
Gerhard befindet sich unter den Burgen des dariiber geschlossenen 
Vergleichs. Schon vorher, am 1. Juni, hatte er den Vertrag 
seiner Neffen, der Grafen von Arnsberg, wegen der Nachfolge 
vermittelt 4 . Sonst bekundet er noch den Verkauf eines Zehnten 
bei Schaven an das Stift Miinstereifel, nachdein er die Vogtei 
in letzterer Stadt und iiber das Kloster gerade von seinem 
Vetter Walram von Bergheim geerbt hatte 5 . 

Einen neuen Vasallen erwarb der Graf im Jahre 1313 in 
der Person des Bernhard Wolf. Dieser tragt ihm einen Hof 
auf, welcher im Kartular der Grafen von Julich 6 Beldinghausen 
genannt ist. Ich vermuthe, dass im Original Liidinghausen 
gestanden hat, und dass Bernhard dem bekannten Geschlecht 
der Wolf von Liidinghausen angehorte. Dass er Westfale 
gewesen, beweisen die Zeugen der Urkunde. 

Im Jahre 1314 erwarb Graf Gerhard wieder mehrere 
Vasallen, so den Philipp von Virneburg fur 200 Mark wegen 
Einkiinfte zu Dievelich von 20 Mark 7 , den Ritter Heinrich von 
Sponheim genannt Knappe fur 10 Pfund Heller wegen eines 
Weinbergs zu Kudenklop 8 , den Wilhelm von Randeck wegen 



! ) Kopiar von Elsen Nr. 5 und 6. 

2 ) Livre des feudataircs de Jean III. de Brabant, ed. Galesloot, p. 79. 

3 ) Dynteri chronicon II, 493. 

4 ) von Klein sorgcn, Kirchengeschichte II, S. 219. 
6 ) A. D. Miinstereifel 30. 

6 ) Nr. 167. 

7 ) Kremer, Akad. Beitrage III, S. 137. 

8 ) A. D. Chart. Nr. 110. 



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200 W. Graf von Mirbach 

der Guter zu St. Elbon 1 , den Heinz von Gerolstein wegen der 
Besitzung zu Barchenroth bei Katzenellenbogen 2 , den Johann 
Quaderebbe wegen des Guts Courtbecke 3 , den Heinrich von 
Liitzingen genannt vom Stein, Wilhelms Solin, fur 50 Mark 
Kolnischer Denare wegen Einkunfte aus den Gutern zu Brun- 
heldin in dem Bezirk von Liitzingen, den Arnold von Liitzingen, 
Heinrichs und Konrads Bruder, fiir 30 Mark, den Johann von 
Liitzingen fiir 40 Mark wegen Einkunfte zu Brunheldin 4 . Her- 
mann Edelherr und Burggraf zu Stromberg erklart in zwei fast 
gleichlautenden Reversen vom 24. Marz und vom 20. Dezember 
1314, dass seine Guter zu Eversael bei Oelde in Westfalen 
Jiilichsche Lehen geworden 5 . 

Am 7. September desselben Jahres haben Gerhard und 
seine Gemahlin mit dem Kolner Severinsstift einen Erbtausch 
gemacht. Das Stift besass die Pfarreien Wesseling, Efferen, 
Immendorf und Eodenkirchen, Zelinten daselbst aber hatte der 
Graf von seinem verstorbenen Vetter Walram von Bergheim 
ererbt, er iiberliess sie jetzt den Herren von St. Severin gegen 
Besitzungen zu Froitzheim und Frangenheim 6 . 

Heinrich Herr zu Gennep bekennt sich am ersten Fasten- 
sonntag des Jahres 1315 (1316?) als Jiilichschen Vasallen wegen 
der von dem verstorbenen „Pitigen u herkommenden Giiter 7 , 
ebenso Hartmuth der Junge von Salzbach, Ritter, wegen Ein- 
kiinfte von 4 Mark 8 . Am Charsamstag 1315 (1316?) hat Sweder 
Herr zu Ringenberg den Grafen gebeten, die Belehnung mit 
den Peterlinger-Giitern seinem Sohn zu ertheilen 9 . Diese Be- 
sitzungen waren wohl alles Kirchengut, wie man aus dem Namen 
vermuthen kann. 

Alverade, Wittwe des Gerhard von Nievenheim, bittet am 
27. November 1315, der Graf moge den deutschen Orden in alien 
Besitzungen schiitzen, die derselbe von ihrer Familie erworben 10 , 



J ) Kremer a. a. 0. Ill, S. 137. 
*) Ebendas. Ill, S. 137. 

3 ) Ebendas. Ill, S. 138. 

4 ) A. D. Chart. Nr. 154, 155, 156. 
6 ) Ebendas. Nr. 97 und 69. 

6 ) A. D. Severin 66V 2 . 

7 ) Kremer a. a. 0. Ill, S. 138. 

8 ) A. D. Chart. Nr. 124. 

9 ) Ebendas. Nr. 228. 

10 ) Kopiar von Elsen Nr. 9 und A. D. Katharinen-Kommende 163. 



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Beitrage zur Geschichte der Graf en von Jiilich. 201 

unci 1317 hat Gerhard von Jiilich den Verzicht der Kinder 
Gottfrieds von Nievenheim und der Gertrud auf die Orkener 
Guter zu Gunsten des deutschen Ordens bekundet. 

Am 1. Oktober 1316 haben Kuno, Sohn des Bitters Heinrich, 
Eitter Heinrich Turn, Heinrich Knappe von Gerolstein, jeder 
fiir empfangene 3 Mark Kolnischer Denare, sich als Jiilichsche 
Vasallen bekannt, so dass Kuno und seine Erben beiderlei Ge- 
schlechts den Hof zu Radichinrod, Turn und seine Erben ebenso 
die Guter zu Rade, und der Knappe Heinrich in gleicher Weise 
den Hof Singobbin von den Grafen zu Lehn tragen sollen. 
Den Revers untersiegelt Henzelin Ritter von Gerolstein K 

In diese Zeit fallt auch ein kleines, wohl unblutiges Nach- 
spiel zum Hochstadenschen Erbfolgestreit. Nachdem Graf Gerhard 
urn 1312 den Bergheimer Vetter beerbt, hatte er die Belehnung 
mit den von Priini riihrenden, unverfallbaren Lehen desselben 
nachgesucht. Er hatte zwar in dem Anschreiben keine Stticke 
besonders namhaft gemacht, in der Belehnungsurkunde aber, 
die ihm ausgefertigt wurde, war Miinstereifel genannt, das doch 
nun Lehn von Koln sein sollte. Der Erzbischof beschwerte 
sich daruber und am 22. August 1317 musste der Abt von 
Prum bekennen, dass ein Irrthum vorgekommen, der keine 
weitern Folgen haben solle 2 . 

Aus dem Jahre 1318 habe ich hier nur mitzutheilen, dass 
der Graf damals einen Reimar zu seinem Vogt in Bergheim 
gemacht hatte 3 . 

Am Dienstag vor Palmtag (27. Marz) 1319 ist Graf Ger- 
hard als Brabantischer Vasall bei der Belehnung des Konigs 
Johann von Bohmen mit der Markgrafschaft Arlon gegen- 
wartig 4 und am Pfingstfest erkauft er in Brabant alle Giiter, 
die der Graf von Sayn zu St. Achtenrode besessen 5 . *Im 
Herbst des Jahres, im September, erliess er als gekorener 
Schiedsrichter zu Nideggen einen Spruch in der Streitsache 
zwischen Holland und Brabant wegen Heusden G . Werner Winter 



J ) A. D. Chart. Nr. 132. 

2 ) A. D. Erzstift Koln 108. 

3 ) A. D. Camp (noch nicht repertorisirt). 

4 ) Livre des feudataires de Jean III. de Brabant, ed. Galesloot, p. 151 ; 
But kens, Trophees I, preuves 155; Sehotter, Johann Graf von Luxem- 
burg und Konig von Bohmen I, S. 232, Anm. 3. 

5 ) A. D. Chart. 23. 

°) Dyntcri chronicon II, p. 498. 



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202 W. Graf von Mirbach 

von Alzey hat um diese Zeit Giiter zu Esselborn und Loden- 
heim dem Grafen Gerhard aufgetragen K 

Am 4. Februar 1320 vergiinstigt Gerhard den Inhabern 
der sogenannten Kumme-Landereien seines Hofs Petternich, 
dieselben fortan erblich zu besitzen 2 . Bekanntlich stand Petter- 
nich als Pfand von Koln, die Pfandherren erlaubten sich also 
damals schon allerhand Aenderungen am Objekt. 

Im Jahre 1321 erklart Heinrich von Hoven, Vogt zu Fries- 
heim, dass er sein Burghaus daselbst fiir empfangene 250 Mark 
zum Jiilichschen Lehn gemacht, er und seine Erben sollten es 
tragen, wie Andere ihre Schlosser und Giiter triigen 3 . 

Ludwig Spilbalg (von Nurburg) bittet damals den Grafep von 
Jiilich, er moge den Dietrich von Heyer, seinen Verwandten, mit 
dem Hof Velden (bei Dollendorf) belehnen, da er selbst darauf 
verzichtet habe 4 . Rabot, Sohn des Burggrafen von Odenkirchen, 
wird Vasall von Jiilich wegen einiger Giiter, die von Paul von 
Hiichelhoven herstammen 4 . Dann tragt noch 1321 Friedrich 
von Aldenhoven sein im Kirchspiel Brachelen gelegenes Allodial- 
gut dem Grafen auf. Zeugen sind die Vasallen desselben, Sietz 
(Zachaus) von Kerken und Gerhard von Hiilhoven 5 . Wolfram 
Vitzthum von Aschaffenburg macht in demselben Jahre seine 
Giiter bei Marpheim unweit Aschaffenburg zu Jiilichschem Mann- 
lehn 6 ; Friedrich von Neuerburg verspricht dem Grafen ein 
Lehn von 20 Mark Einkiinften anzuweisen 7 . 

Am 14. August bekoramt Ritter Gerhard von Landskron 
von dem Grafen die Vogtei zu Nierendorf, auf welche Gerhard 
von Oedingen (Oedinghoven) verzichtet hat. Nierendorf war 
eine alte Grundherrlichkeit des Klosters Corbie, die Vogtei hing 
vielleicht von dem Reichshof Sinzig ab, so dass nun der Graf 
von Jiilich sie als Pfandherr hatte. Auch die Vogtei Oedingen 
war wenige Jahre spater ein Lehn, das die Burggrafen zu 



*) A. D. Chart. 149, am Rande steht Elzebume, im Text Elzelburne. 

2 ) Stadtarchiv zu Jiilich Nr. 42. Ueber die Kummc-Landercien vgl. 
Picks Monatsschrift I, S. 394, II, S. 167 und 316. 

s ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 177. In der Folge war Streit wegen 
dieses Lehns, weshalb Johann von Morken 1376 cinen neuen Re vers aus- 
stellte, Lacomblet III, Nr. 788. 

4 ) A. D. Chart, und Kremer, Akad. Beitrage III, S. 139. 

5 ) A. D. Chart. Nr. 104. 

6 ) A. D. Chart. 158. 

7 ) A. P. Chart. 68. 



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Beitrage zur Greschichte der Grafen von Julich. 203 

Landskron von Julich trugen, wahrscheinlich war dort Korneli- 
miinster Grundherr gewesen. Die geistlichen Besitzungen hatte 
iibrigens schon im Jahre 1310 Gerhard von Landskron angekauft, 
namlich den Stadelhof von Corbie nebst den Hyemannen zu 
Nierendorf; so bildete er fur sein Geschlecht hier eine Herr- 
lichkeit, die Julich spater auf den Unterherrentag lud, wahrend 
sie sich fortwahrend zur Reichsritterschaft hielt 1 . 

Johann von Montenaken trug dem Grafen von Julich das 
Obereigenthuin der Herrlichkeit Kessenich an der Maas am 10. 
November 1321 auf, so dass, wenn er noch Kinder bekame, 
diese Kessenich als Jiilichsches Lehn besitzen sollten, andernfalls 
sollen ebenfalls die Rechte des Grafen bestehen bleiben. Johann 
wird wahrscheinlich kinderlos geblieben sein, seinem Erben Heinrich 
von Reifferscheid kaufte der Graf von Julich nachher auch den 
Besitz von Kessenich und Grevenbicht ab 2 . Dass er ihn nicht 
lange behielt, werden wir unten sehen. 

Am 7. Marz 1322 konsolidirte der Graf auch seinen Besitz 
beim Amt Bruggen ; der Wildbann zwischen Maas, Schwalm und 
Nette, also zwischen Bruggen, Boisheim, Kaldenkirchen und 
Tegelen, war frliher von den Besitzern des Amts zu Lehn ver- 
geben worden, Gerhard gelang es jetzt, diesen Wildbann von 
dem Vasallen Ritter Johann von Asenray (Asenrode) zuruckzu- 
kaufen 3 . 

Um dieselbe Zeit werden Heinrich von Ulmen und Heinrich 
von Berenbach Julichsche Vasallen, ersterer wegen 8 Ohm Weill 
zu Pommern, letzterer wegen seiner Gefalle bei Ellinghausen 4 . 

Johann von Alshoven vermehrt sein Lehn von 16 Morgen 
Wiesen bei Bergheim jetzt durch 25 Morgen Land und Jakob 
von Mirlaer, Vater und Sohn, tragen dem Grafen den Hof 
Megenzheim auf 5 . Auf Johanni (24. Juni) 1322 haben dann 
Graf Gerhard und seine Gattin den in der Grafschaft Julich 
gelegenen Hof des Klosters St. Joris bei Helrath von aller 
Schatzung, die einst Grafin Rikarda dort zu empfangen pflegte, 
fur alle Zukunft befreit 6 . 



J ) Gudcnus, Codex dipl. II, 978, 1210, 1158, 1250 und Urkunden zxiHarff. 
-') A. D. Jtilich-Berg 278; Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 292. 

3 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 190. 

4 ) Kremer a. a. 0. Ill, S. 140. 

B ) Ebendas. Ill, S. 141 und A. D. Chart, 122. 
6 ) A. D. Amtsrechnungen. 

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204 W. Graf von Mirbach 

Als Rabot von Rode seinen in der Grafschaft Julich belegenen 
Hof Dydenrode zuin Lehn von Luxemburg machen wollte, kam 
er am 14. September nach Nideggen, damit der Graf dies ge- 
nehmige und den Lehnsrevers untersiegele *. 

Ebenso genehmigte es Friedrich Herr zu Cronenburg, dass 
sein Untersass Konrad Hoilburg, Knappe, im Jahre 1324 den 
Hof Gudinrot zu einem Julichschen Lehn machte 2 . In demselben 
Jahre 1324 hat audi Arnold Herr zu Randerath das Gericht 
Setterich aufgetragen 3 ; in der Folge war Setterich eine Julich- 
sche Unterherrschaft, obgleich Arnold wahrscheinlich zu dem 
Auftrag kaum befugt gewesen, da das Gericht von seiner Frau 
hergekommen zu sein scheint 4 . Fur empfangene 80 Mark macht, 
ebenfalls 1324, Johann von Schonrath 8 Mark Einkiinfte aus 
dem Hof Ydel-Blee bei Monheim zum Lehn von Julich 5 . Dann 
iiberweist Herr Kuno von Winneburg dem Grafen fiir empfangene 
200 Mark Einkiinfte von 20 Mark als Lehn, das in der Folge 
von Munstereifel abhangig sein soil und nicht direkt vom Julicher 
Grafen 6 . Dieser Revers war wohl kein ganz freiwilliger gewesen, 
Kuno war in einer Fehde vom Grafen besiegt worden. Der 
Streit war dadurch entstanden, dass der Winneburger einen 
Julichschen Unterthan gefangen gehalten hatte, der wahrend 
der Haft gestorben war. Deshalb musste Kuno sich personlich 
entschuldigen und auf seinen Eid versichern, nicht durch iible 
Behandlung die Schuld an dem Tode des Mannes zu tragen. 
So berichtet Barsch. Eine Siihne im Coblenzer Staatsarchiv, 
welche schon am 10. Februar 1324 durch den Erzbischof von 
Trier vermittelt worden war, spricht von einem Manne, der im 
Winneburgischen hingerichtet worden ware und so die Ursache 
zur Fehde abgegeben hatte. 

Burggraf Gerhard von Hammerstein empfing in demselben 
Jahre 1325 ebenfalls 200 Mark Manngeld von dem Grafen und 
weist dafiir als Lehn Einkiinfte aus dem Westheimerhof und 
zu Krechgellenheim an 7 . Letzteres Dorf ist untergegangen und 



*) Publ. de la soc. pour la recherche et la cons, des mon. hist, dans 
le Grand-Duch6 dc Luxembourg XVIII, p. 89. 
2 ) A. D. Chart. 148. 
8 ) Fahne, Salm I, 2, 77. 

4 ) Vgl. Fahne, Salm I unter Randerath und Bocholtz I, 2, 53. 
6 ) Kremer, Akad. Beitragc III, S. 141. Der Ort heisst jetzt nur Blee. 

6 ) A. D. Chart. 225 und 234. 

7 ) Kremer a, a. 0. Ill, S. 141. 



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Beitr&ge zur Geschichte der Grafen von Jiilich. 205 

niclit mit Krehlingen bei x\ltenahr zu verwechseln. Arnold 
Snoyc (Hecht!), ein Ritter, bekennt sich vor den Schoffen 
zu Straelen als Gerhards Vasallen wegen eines Guts bei der 
Stadt. Zeuge ist Walter von Vossem, Julichscher Lehnstrager K 
Die Knappen Franko von Schmidheim und Arnold, sein Bruder, 
stellten damals dem Grafen Lehnguter zu Leutenrath, Merscheidt 
und Mermiihlen, Zeugen sind die Jiilichschen Vasallen Dietrich 
Rubesack von Schmidheim und der Ritter Gottfried (Spee ?) von 
Bolheim 2 . Aegidius Herr zu Daun, schon friiher ein Getreuer 
des Grafen Gerhard, erklart jetzt fttr empfangene 400 Mark, 
dass das Haus Nannstein (Neuenstein) zu Daun Jiilichsches 
Lehn sein soil, aus welchem er dem Grafen beistehen will gegeu 
Jedermann, nur nicht gegen das Reich 3 , dessen Vasall und 
Ministeriale der Herr Aegidius ist. Emmerich von Myhl tragt 
einen Hof Lovenich dem Grafen Gerhard auf in demselben Jahre 
1325 4 . Am 21. Dezember vermehrt dieser seine Besitzungen 
bei Grevenbroich, indem er von Elisabeth von Schwalmen, 
Abtissin des Marienstifts zu Roermond, die Giiter zu Gierath 
(Gherade) erwirbt 5 . Im folgenden Jahre 1326 versprechen 
Gerhard Vusgen c von Schwalmen und seine Frau fur den Fall, 
dass sie nicht, wie ausbedungen worden, ihr Briiggener Burglehn 
bebauen und bewohnen, oder es nicht mehr bclialten wurden, 
dann dem Grafen von Jiilich ihre Giiter zu Belfeld (an der 
Maas) aufzutragen 7 . Am 8. Juni stellt Lothar Herr zu Isen- 
burg den vierten Theil des Hauses Jaza und das halbe Dorf 
Bindsachsen zum Jiilichschen Lehn 8 . 

Lambert Ritter von Dungsdahl hat, ebenfalls 1326, 30 Morgen 
beim Hof Dungsdahl fur 100 Mark Kolnisch zu Jiilichschem Lehn 
gemacht in Gegenwart des Rutger von Geilenkirchen und des 
Dietrich von Aldenhoven, Getreuen des Grafen 9 . Das Gut ist 

J ) A. D. Chart. 130. 
*) A. D. Chart. 139. 

3 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 206. 

4 ) A. D. Julichschc Lehnsregister. 

5 ) A. D. Jiilich-Berg A. I. 311. 

6 ) Es kann zweifelhaft sein, ob Vusgen ursprttnglich Spitzname oder 
Vorname war, um 1400 nahm man letzteres an und ein Nachkomme Gerhards 
uennt sich Segerus Volsquini de Sualmen. 

7 ) A. D. Jiilich-Berg A. I. 313. 

8 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 213. Die Urk. hat Binzensassen. 

9 ) A. D. Chart. 121. 



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206 W. Graf von Mirbach 

wahrscheinlich ein bei Eanderath gelegener Sitz, welcher nach- 
her Dumstal genannt wurde und jetzt Donselen heisst. Am 
2. Oktober 1326 bekunden die Schoffen zu Beesel an der Maas, 
dass Gottfried Eofart von Kessel in Gegenwart der Julichschen 
Vasallen und Eitter Johann von Kessel und Wilhelm von Schwalmen 
sein Allodialgut in Beesel dem Grafen Gerhard und seinen Erben 
zu Lehn aufgetragen habe 1 . 

Am 23. Juni des Jahres 1327 hat Herr Heinrich von 
Sprenkelhoven, Pastor zu Wickrath, seine Guter bei Hese (Heeze) 
zum Julichschen Lehn gemacht 2 in Gegenwart der graflichen 
Vasallen Wilhelm von Millen zu Wickrath und Dietrich Wambes 
von Elvich. Hese ist wahrscheinlich Heesch bei Schlenaken. 

Am 19. Juli erklart Eitter Arnold von Bachem zu Zulpich, 
sein Burghaus zu Bachem vom Grafen Gerhard empfangen zu 
haben, wie es schon seine Vorfahren zu Lehn getragen, er gelobt 
deshalb, dass er aus diesem Offenhaus den Grafen von Jiilich 
getreu dienen werde 3 . Elf Jahre spater kam durch Kauf auch 
die Herrlichkeit zu Frechen mit Bachem an Jiilich. Arnolds 
Nachkommen besassen nunmehr als Lehen der Grafen ein Drittel 
von Frechen und die Halfte von Bachem nebst der ' Burg, die 
schon Arnolds Vorfahren getragen; aus diesen Stiicken entstand 
die Unterherrschaft Bachem 4 . 

Im Jahre 1327 bekennt sich Gerhard von Landskron, 
ausser wegen Nierendorf, auch als Julichschen Vasallen wegen 
Oedingen. Eutger von dem Boezelaer und Wessel, sein Sohn, 
trugen von dem Grafen einen Zehnten bei Orsoy als Lehn, 
welchen sie indessen dem Kloster Camp verkauften ; nun erklart 
am 26. Juli 1327 Gerhard vor seinen Getreuen, dem Herrn Otto 
von Kuyck und dem altera Jakob von Mirlaer zu Nymwegen, 
dass Eutger jetzt aus dem Euwenhof zu Boezelaer gewisse Ein- 
kiinfte als Lehn stellen wolle 5 . Schriftlich geben die Herren 
von Boezelaer dieses Versprechen erst am 5. August ab 6 . 
Hermann von Nievenheim, der dem erwahnten Verzicht seiner 
Geschwister von 1317 nicht beigetreten war, that dies nun im 



2 ) A. D. Chart. 226. 

2 ) A. D. Chart. 227. 

3 ) A. D. Chart. 210. 

4 ) Ich will dies anderswo naher zu beweisen suchen. 

5 ) A. D. Camp 2. 

6 ) A. D. Jttlich-Berg 325. 



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Beitrage zur Greschichte der Grafen von Jiilich. 207 

Oktober 1327 auf Veranlassung des Grafen 1 . Die letzte Lehns- 
. auftragung an den Grafen Gerhard ist die des Rembold von 
Landsberg vom 10. Marz 1328, fur erapfangene 40 Mark stellt 
er seine Giiter zu Sandhoven als Lehn 2 . 

Wir wissen audi, dass Johann Herr zu Reifferscheid Vasall 
des Grafen Gerhard gewesen; eines der Reifferscheider Lehn 
war die Vorburg zu Bedburg, welche, wie 1351 ein alter Julich- 
scher Getreuer, Rabot der Scheele von Fliesteden 3 , gleich als 
sie erbaut worden, dem Grafen aufgetragen ist 4 . Bedburg, 
Schloss und Herrlichkeit, war sonst bekanntlich Lehn von Koln. 

2. Die Kinder des Grafen Gerhard IX. 

Von den Kindern Gerhards IX. von Jiilich und der Elisabeth 
von Brabant kennen wir: 

1. Wilhelm, der spater behandelt werden soil. 

2. Gottfried, iiber welchen gleichfalls nachher das Nahere. 

3. Walram, der nach de Theux erst 1306 geboren ware. 
Schon in fruher Jugend sich dem Studium widmend, bezog er 
spater die Universitat zu Paris und ward zu Orleans Lizentiat 
der Rechte, denn nicht nur init theologischen, sondern auch 
mit juristischen Studien hatte er sich befasst. In der Folge 
wurde er Propst zu Mastricht, Domherr und Thesaurar zu Koln, 
1330 auch Dompropst zu Luttich und am 27. Januar 1332 
Erzbischof von Koln. Seine Geschichte kann ich hier nicht 
weiter verfolgen. Er ist am 14. August 1349 zu Paris gestorben 5 . 
Auch Domherr zu Aachen muss er geworden sein, das Nekro- 
logium der Marienkirche fuhrt wenigstens unter dem 12. April 
den Dechanten Gottfried also an: II id. (Apr.) 0. dns Godefridus 
decanus Aquensis, in cuius canonicatum et prebendam successit 
filius G. comitis Juliacensis. Die vorhergehende Eintragung war 
von 1313 6 . Gottfried scheint 1314 gestorben zu sein, am 14. 



! ) Verzicht Hermanns von Nievenheim A. D. Katharinen-Kommende 193. 
2 ) Kremer a. a. 0. Ill, S. 144. 

8 ) Wahrscheinlich gehbrt er den Scheelen von Vittinghof an, die bei 
Fliesteden Besitz hatten. 

4 ) Fahne, Salm II, 108 und 109. 

6 ) Cronica presuluin, Annalen des hist. Vereins f. d. Niederrhein IV, 
S. 222. 

6 ) Quix, Necrologium p. 22. 



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208 W. Graf von Mirbach 

Dezember 1314 kommt sein Nachfolger Karsil von Miihlenark 
als Dechant vor 1 . 

4. Ludwig. Er kommt nur einmal und zwar so friih vor, 
dass man fast versucht sein sollte zu glauben, er sei alter noch 
als Wilhelm und vielleicht aus einer fruhern Ehe des Grafen 
Gerhard gewesen. Als Bertolin, Burggraf zu Kaiserswerth, 
gestorben war, liess der Graf auf dessen Giiter zu Koln einer 
Forderung wegen Arrest legen nicht nur im eigenen Namen, 
sondern audi im Namen seines Sohnes Ludwig. Das geschah 
im Jahre 1311. Als er nun vergebens auf Begleichung der 
Schuld gewartet hatte, sprach man ilim die Giiter zu Koln 
gerichtlich zu, die Biirgerschaft liess sich aber vom Grafen 
wegen dieses Spruehes Schadloshaltung garantiren mit der Be- 
dingung, dass sie und namentlich der Schoffe Johann Overstolz 
in einen eventuellen Frieden mit Bertolins Erben eingeschlossen 
werden miissten 2 . Ludwig von Julich hat schwerlich lange 
gelebt und Nachkommen von ihm sind nicht bekannt. 

5. Johann fiel, noch sehr jung, in einem Zweikampf bei 
Stablo 3 . 

6. Heinrich. Er ist schon im Jahre 1319 Pastor zu Alrath 
bei Grevenbroich 4 . Nachher ward er Propst zu St. Andreas in 
Koln. Als soldier erwarb er fur sein Stift von dem Edelherrn 
Heinrich von Alpen 27 rittermaBige Vasallen. Erzbischof Walram 
hat am 17. Februar 1334 diese Erwerbung bestatigt 5 . Der 
Propst Heinrich tritt 1334 mehrmals in den Streitigkeiten 
zwischen Erzbischof und Stadt als Schiedsmann auf 6 . Zu Anfang 
des Jahres 1336 muss er schon gestorben sein; denn nachdem 
er am 29. Marz 1334 als Mitbiirge fiir Aufrechthaltung des 
Friedensschlusses zwischen den Biirgern und seinem Bruder 
Walram bestellt worden, tritt schon zwei Jahre spater Gerhard 
de Vivario an seine Stelle 7 . Dieser Gerhard war Dechant zu 
St. Severin und ist audi in demselben Jahre unter den Testa- 
mentsvollstreckern des Heinrich von Julich genannt 8 . 



! ) Quix, Geschichte der Schlosser Schonau und Uersfeld S. 38. 

2 ) Eunen, Quellen IV, Nr. 1. 

3 ) Butkens, Trophies I, 584; Lacorablet a. a, 0. Ill, S. X. 

4 ) Binterim und Mooren, Erzdiozese Koln IV, S. 126. 

5 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 277. 

6 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 278 und 280. 

7 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, S. 230, Anm. 1. 

8 ) Fabne, Salm I, 2, 45. 



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Beitrage zur Geschichte der Graf en von Jiilich. 209 

7. Rikarda, die ich, ihres Vornamens wegen, fur die alteste 
Tochter halte. Sie ist wohl identisch mit jener Rikarda, welche 
am 29. Oktober 1334 mit ihrem Gatten Konrad Herrn zu Dick 
Gtiter und Gerechtsame zu Aldenboven (bei Dick) dem St. 
Gereonsstift zu Koln verkauft hat. Der oben erwahnte Gottfried 
von Jiilich ist dabei als Zeuge K Konrads Sohn gleichen Namens 
nennt im Jahre 1358 den Sohn des oben unter 1 genannten 
Wilhelm von Jiilich seinen Vetter 2 . Ausdriicklich ist die Frau 
zu Dick indess nie als Tochter des Grafen Gerhard bezeichnet. 

8. Maria. Sie wurde am 7. Februar 1327 dem Heinrich 
von Virneburg, Sohn des Grafen Ruprecht, angetraut 3 . Ihre 
Mitgift von Seiten des Vaters betrug 2500 Mark, der alteste 
Bruder gab ihr 1500. Im Jahre 1335 iiberlassen die Ehegatten 
Heinrich und Maria dem Erzbischof von Trier ihre Gerichte 
und Rechte zu Munstermaifeld, Thommen und Lonnig nebst 
dem Bubenheimerberg 4 . Heinrich starb vor seinem Vater, wurde 
demnach nicht Graf und schrieb sich von der Herrschaft Monreal, 
die er von Trier zu Lehn trug. Im Herbst 1336 war Maria 
schon Wittwe und erkannte damals im Namen ihrer Kinder, 
von denen das alteste Gerhard hiess, als Frau zu Monreal die 
Trierische Lehnshoheit an 5 . Bald darauf ist sie mit dem Grafen 
Dietrich VIII. von Cleve zur zweiten Ehe geschritten. Mit 
diesem erscheint sie im Jahre 1340°. Bei Gelegenheit der 
zweiten Heirath hatte der Erzbischof Walram ihr 8000 Gulden 
gegeben und dagegen setzte der Gatte ihr eine Rente aus den 
Hofen, dem Zehnten und den Alluvionen zu Bislich und AVesel 
aus. Diese zweite Ehe ist kinderlos geblieben und am 7. Juli 
1347 7 durch des Grafen Tod aufgelost worden. Doch weilte 
Maria audi wahrend derselben noch ofters zu Monreal. Im 
Jahre 1345 iiberfiel plotzlich eine Rotte Bewaffneter das dortige 
Schloss, erpresste von der geangstigten Burgfrau eine hohe 
Geldsumme, brandschatzte audi die Herrschaft und verschwand, 
ohne dass man recht wusste wohin. Man sagte, dieser Gewalt- 
streich sei von Geisbuscli und Mayen aus verubt worden und 

') Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 285. 
») Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 582. 

3 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 220. 

4 ) Gunther, Cod. dip]. Rhcno-Mosell. Ill, no. 211. 

5 ) Vffl. Gunther 1. c. Ill, p. 334, not. 1. 

6 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 355. 

7 ) Cohn, Stammtafeln. 

14 



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210 W. Graf von Mirbach 

der Verdacht, dass Ritter Johann von Eltz, Amtmann daselbst, 
hierbei die Hand im Spiel gehabt, lag sehr nahe. Audi der 
Herr vom Geisbusch war als gewaltthatiger Mann bekannt, ihm 
war eine Betheiligung wohl zuzutrauen. Auf einem Rheinschiff 
trafen nun am 2. August Marias Schwager Adolf von Virneburg 
und Johann von Eltz bei Wallersheim zusammen. Der Virne- 
burger nannte den Johann direkt als Thater und es entstand 
ein heftiger Wortwechsel, obschon auch Erzbischof Balduin von 
Trier sich auf dem Schiffe befand. Schliesslich zog Adolf sein 
Schwert und wollte den lugnerischen Rauber, wie er den Amt- 
mann nannte, gleich niederstossen. Jetzt fiel ihm der Erzbischof 
rasch in den Arm, Andere traten hinzu und hielten den AVuthen- 
den fest. So berichteten einige Tage nachher verschiedene 
Augenzeugen. Ueber den weitern Verlauf der Sache weiss ich 
nichts 1 . Der nach dem Tode Dietrichs von Cleve entbrannte 
Erbfolgestreit machte der Maria den Aufenthalt am Niederrhein 
unsicher. Sie lebte fortan meist zu Monreal, wo sie 1353 mit 
dem Erzbischof von Trier wegen der Einlose der Pellenz-Giiter 
unterhandelte. Dies waren nicht die Julichschen zu Zulpich, 
sondern die auf dem Maifeld gelegenen, welche ihr erster 
Gatte verpfandet hatte. Erst 1372 gelang Marias Sohn der 
Riickkauf 2 . Wie Butkens sagt, hatte Maria sich noch ein 
drittes Mai, und zwar mit Konrad Herrn zu Saffenburg ver- 
mahlt. Ich kenne keine Urkunde, welche diese Annahme unter- 
stiitzt. Konrad war nach des Grafen Dietrich Tod Clevischer 
Rath und von 'grossem Einfluss im Lande. Dass das Nekrolo- 
gium von Gladbach, welches so viele Verwandte des Julichschen 
Hauses nennt, auch Konrads Todestag (14. Juni) verzeichnet, 
macht die dritte Vermahlung der Maria nicht gerade unwahr- 
scheinlich. 

9. Elisabeth, wohl die jiingste Tochter des Grafen Gerhard, 
heirathete urn 1330 den Grafen Johann von Sayn 3 . Dieser 
verkauft 1337 seinem Schwager, dem Markgrafen von Jtilich, 
einen Theil von Braunsberg nebst dem Dorf Rheinbrohl 4 . Im 
Jahre 1356 bittet er den Erzbischof von Koln, der Elisabeth 
das Witthumsrecht an Hachenburg und den iibrigen Kolnischen 

J ) Vgl. Gtint her 1. c. Ill, no. 314. 

2 ) Gunther 1. c. Ill, no. 402 und 539. 

3 ) Gunther 1. c. Ill, no. 341. 

4 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 313. 



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Beitrage zur Geschichte der Grafeu von Julich. 211 

Lehen zu gestatten 1 . Im Jahre 1351 hat sie schon einen 
erwachsenen Sohn 2 , ihr Gemahl lebte noch 1372 3 . Nach seinem 
Tode ist sie zu einer zweiten Ehe geschritten; ungefahr sechszig- 
jahrig konnte sie an keinen Standesgenossen mehr denken, sie 
nahm den Gottfried von Hatzfeldt. Als Frau zu Hatzfeldt 
bekennt sie 1380, dass ihr erster Gatte, dessen Mutter und sie 
selbst das Haupt des li. Apostels Mathias friiher in der niedern 
Burg zu Kobern aufbewahrt hatten 4 . Dass Elisabeth nicht 
direkte Ahnfrau des Hatzfeldtschen Geschlechts ist und dass 
ihre zweite Ehe kinderlos geblieben, wird wohl jetzt allgemein 
angenommen ; wenn aber noch behauptet wird, sie ware durch 
eine dritte Ehe mit Johann Herrn zu AVildenburg wenigstens 
von Mutterseite Urahnin des Hauses Hatzfeldt- Wildenburg, so 
ist das lacherlich. Wie alt miisste sie bei einer dritten Ehe 
gewesen sein? Johann von Wildenburg hatte eine Elisabeth, 
geborene Tochter zu Sayn, als Frau, daher die naheliegende 
Verwechslung. Die zweite Ehe der Schwester eines Herzogs 5 
mit dicsem Gottfried von Hatzfeldt ist ein seltenes Beispiel 
einer Alliance unter verschiedenen Standen zu jener Zeit. Daraus 
dass sie sich Frau zu Hatzfeldt schreibt, folgt in der zweiten 
Halfte des 14. Jahrhunderts nicht mehr Dynastenqualitat ihres 
Mannes, wenn auch die Hatzfeldt es manchem Edelherrn an 
Reich thum und Macht zuvorthaten. 

3. Wilhelm von Julich, Herr zu Grevenbroich. 

Wilhelm, altester Sohn des Graf en Gerhard, erscheint bei 
des Vaters Lebzeiten als Herr zu Grevenbroich. Um 1304 war 
diese Herrlichkeit an das Julichsche Haus gekommen. Ich will 
an dieser Stelle Einiges iiber die friihern Besitzer einschalten. 
Es scheint, dass schon im 11. Jahrhundert die Grafen von 
Kessel Broich innehatten, das in der Folge von seinen graflichen 
Besitzern Grevenbroich genannt ward. Die ihrem jetzt vorliegen- 
den Wortlaut nach unechte Urkunde des Erzbischofs Anno II. 
vom Jahre 1074 6 nennt als Stifter der Quirinuskirche zu Neuss 



J ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 557. 

2 ) G tint her 1. c. Ill, no. 385. 

3 ) Gttnt her 1. c. Ill, no. 539. 

4 ) Gunther 1. c. IV, p. 736. 

5 ) Wilhelm, der Elisabeth Bruder, ist seit 1356 Herzog von Julich. 
c ) Lacomblet, Archiv II, S. 326. 

14* 



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212 W. Graf von Mirbach 

den Grafen Eberhard von CI eve, Herrn zu Broich, und dessen 
Gemahlin Bertha. Sehr wahrscheinlich ist der Name aus Cesle 
korrumpirt. Die Grafen von Kessel besassen bis ins 13. Jahr- 
hundert die Vogtei des. Quirinsstifts und sind deshalb wohl als 
dessen Grander anzusprechen. Indessen glaube ich, dass um 
1114, da der Graf Heinrich von Kessel bei Andernach gefallen \ ein 
neuer Stamm, etwa durch Heirath, in Besitz von Kessel an der 
Maas und Grevenbroich gelangte, und dass Heinrich Graf von 
Krickenbeck und Kessel dessen Begrunder ist. Dieser Heinrich 
war bekanntlich aus dem Antoingschen Geschlecht. Fur dieses 
Heinrich Urenkel halte ich einen gleichnamigen Grafen von 
Kessel, der durch Vermahlung mit Alverade der Aeltern von 
Norvenich die Vogtei Gladbach erhielt. Aus dieser Ehe stammt 
wieder ein Heinrich, der Gemahl der Udelhild von Hengebach. 
Heinrichs Sohn hiess Wilhelm. Von letzterm stammen mehrere 
Kinder: Heinrich, der am 5. September 1285 kinderlos starb, 
Wilhelm, Kanonich des Apostelstifts zu Koln, Walram, erst 
Dompropst zu Munster, nachher aber Herr zu Grevenbroich 
und Hengebach, kinderlos gestorben 1304. Er war nicht mehr 
Graf von Kessel, denn sein altester Bruder Heinrich hatte dieses 
Land schon verkauft. Obgleich Heinrichs Gebiet sich bogen- 
formig in ziemlicher Breite von der Peel bis zum Rhein erstreckte, 
so waren doch seine Vermogensverhaltnisse nicht glanzend. 
Ungliicklich gefuhrte Kriege vollendeten den Euin seines Hauses. 
Tm Jahre 1271 musste er dem Erzbischof Engelbert II. die 
Neusser Vogtei und die Hochstadener Holzgrafschaft verkaufen 2 , 
sieben Jahre • spiiter, im Kampf gegen Erzbischof Siegfried 
unterliegend, die Kolnische Lehnshoheit iiber Grevenbroich an- 
erkennen und sich zum Burgmann des Siegers erniedrigen. 
Dazu sah er sich noch genothigt, Grevenbroich fur 2000 Mark 
auf drei Jahre an Siegfried zu verpfanden, nam] ich die Herr- 
lichkeit im Stadtchen, zu Barrenstein und Alrath, das Schloss, 
die Mtihle, den Wald Elsholz, den Zoll zu Barrenstein, 35 
Morgen Wiesen, 5*/ 2 Hufen Ackerland beim Schloss und 5 Hufen 
zu Barrenstein 3 . Seine Vogtei zu Laacli hat er dem deutschen 
Orden abgetreten; die Vogtei zu Elsen wusste er nicht zu 
behaupten, wie das denn freilich auch in der Folge seinen 

') Wo Iters, Becherches sur Tancien comt6 de Kessel p. 10. 
2 ) Lacomblet, Urkundenbuch II, Nr. 616. 
8 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 632. 



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Beitrage zur Geschichte der Grafen von Jttlich. 213 

Julichschen Nachfolgern nicht durchweg gelang. Doch besass 
er dort ein Latengericht. Sonst gehorten zur Herrschaft Greven- 
broich noch die Vogteien zu Gohr und Neuenhausen, wo der 
Kolner Domdechant, bezw. das Cacilienstift Grundherren waren. 
Eine der hauptsachlichsten Vogteien der Grafen von Kessel 
aber war die zu Gladbach, mit der Lehnsherrlichkeit iiber 
Rheydt, hochst wahrscheinlich dem spatern Amt Gladbach ent- 
sprechend. Hierzu kamen noch die Gerichte an andern Orten, 
wo entweder das Quirinsstift oder die Abtei Gladbach die 
Grundherrschaft besass. 

Dass ich den Grafen auch als Herrn zu Briiggen betrachte, 
habe ich oben naher auseinandergesetzt, und die Vogtei Siichteln 
wird ihm auch gehort haben. Sein Hauptbesitz, die Grafschaft 
Kessel, lag an der Maas. Schon 1279 musste er dieses Gebiet 
verkaufen *. Den Grafentitel fuhrte er aber bis zu seinem Tode, 
der am 5. September, wahrscheinlich des Jahres 1285 eintrat. 
Er kommt iibrigens im Fruhjahr des Jahres noch mit seiner 
Frau Elisabeth vor, deshalb kann Elisabeth von Kessel, die 
1284 mit Dietrich Luf von Cleve vermahlt ist, nicht seine 
Wittwe, sondern muss seine Schwester sein. Dietrich erhielt 
dann am 26. Februar 1284 die Kolnische Belehnung mit 
Grevenbroich, wobei der Erzbischof es sich vorbehielt, die 
Herrschaft, an welcher der Elisabetli die Leibzucht versichert 
ward, eventuell fiir 2000 Mark ganzlich an sich zu bringen 2 . 
Diesen Abmachungen widersetzte sich aber der noch lebende 
Walram von Kessel, Dompropst zu Munster, der sich 1289 einen 
Herrn zu Grevenbroich nennt. Vielleicht hat ihm, der seine 
kirchliche Wiirde niederlegte, der Graf von Julich zu dem 
Besitz verholfen und dann seine Vermahlung mit Katharina, 
Vortochter des Luf von Cleve, ihn darin befestigt. Die Ehe 
blieb aber kinderlos und so trat dann ein mit dem Grafen 
geschlossener Vertrag in Kraft, wie ich oben schon vermuthungs- 
weise angegeben habe. Walram nennt sich namlich bereits 1289 
auch einen Herrn zu Hengebach; dass seine Familie in schlechten 
Verhaltnissen war, ist sicher, ebenso sicher, dass der Graf von 
Julich ihm in Grevenbroich nachfolgte. Was liegt nun naher 
als die Vermuthung, Walram habe mit dem Grafen, urn dem 



J ) Der Beweis daflir bei Wolters, Recherches sur Tancien comt6 de 
Kessel p. 28 sqq. 

2 ) Lacomblet a. a. 0. II, Nr. 796. 



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214 W. Graf von Mirbach 

auf den Besitz von Grevenbroich erpichten Erzbisehof zuvor- 
zukommen, eine Einigung getroffen, wonach ihni Hengebach auf 
Lebenszeit abgetreten wurde unter der Bedingung, dass nacliher 
Grevenbroich mit allem Zubehor an Jiilich fiele? So konnte 
Walram wenigstens in ziemlich guten Verhaltnissen seine Tage 
beschliessen. Der Vertrag ward vielleicht in eine Schuldver- 
schreibung eingekleidet, so dass der Erzbischof, wenn er Greven- 
broich als heimgefallen einziehen wollte, erst den Grafen von 
Jiilich befriedigen musste. Urn dem Geschaft noch raehr Nach- 
druck zu geben, ist wahrscheinlich der Herzog von Brabant 
fur denselben eingenommen worden, welcher der machtigste 
Herr in Niederdeutschland und ein Feind des Erzbischofs war, 
und es hat denn Walram am 24. Dezember 1289 schon als Herr 
zu Hengebach und noch als Propst zu Minister sein Schloss 
und Allod zu Bruggen mit dem Ackerland und der Miihle dem 
Herzog aufgetragen 1 unter der Bedingung, dass nach seinem 
kinderlosen Absterben oder nach einem Uebertrag zu Lebzeiten 
der Lehnsherr den Rechtsnachfolger investiren solle. Auf diese 
Weise hatte der Graf von Jiilich sich denn audi in Bruggen 
die Nachfolge ziemlich gesichert. In der eben erwahnten Urkunde 
ist das Objekt allerdings nicht ausdriicklich „ Bruggen" genannt, 
es steht dort vielmehr Brucge und man konnte dies auch fiir 
Grevenbroich halten, obschon letzteres meist Bruke oder Bruche 
geschrieben wird. Indess konnte Walram einmal Grevenbroich 
nicht sein Allodium nennen und dann hat dieses auch niemals, 
Bruggen dagegen stets als Brabantisches Lehen gegolten 2 . 
Walram von Kessel besass also Bruggen, und nicht nur das 
Schloss, sondern auch ein Territorium in der Niihe, zu welchem 
z. B. Boisheim sicher gehorte 3 . Ich nehme deshalb an, er habe 
ungefahr den Landstrich besessen, welcher spater das Jiilichsche 
Amt Bruggen ausmachte. Diese Gegend, im alten Miihlgau 
gelegen, hatte bis ins 14. Jahrhundert den Namen „die Moele a , 
„ terra Mula", behalten, vielleicht weil die Miihlgaugrafen sich 
gerade diesen Distrikt beim Zerfallen der Gauverbande zu 
erhalten gewusst batten. Der Miihlgau war natiirlich viel 
umfangreicher gewesen als das Amt Briiggen; was man aber 



*) Butkens, Trophies I, preuves p. 126. 

2 ) Vgl. Butkens 1. c. II, 389 und Galesloot, Livre des feudataires 
de Jean III. de Brabant. 

8 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 33. 



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Beitrage zur Geschichte der Grafen von Jttlich. 215 

um 1300 „die Moele" nannte, umfasste Bracht, Briiggen, Bois- 
heim, Amern, Siichteln *, also die Hauptorte des Amts Briiggen. 
Zudem ist 1332 gesagt, dass Amern seit Menschengedenken 
unter Waldniel und dass dieses wieder zum Gericht Briiggen 
gehort liabe. In dieser Moele hatte das Kolnische Pantaleons- 
kloster bedeutende Besitzungen, die Vogtei iiber das Kloster 
besass der Graf von Geldern und von ihm, in der Moele und 
anderswo, trug sie der Graf von Kessel 2 . Untervogt war der 
Herr zu Wevelinghoven. Der Grundbesitz des Klosters lag 
vornehmlich zu Briiggen, Bracht, Breyell, Siichteln, Boisheim 3 , 
sonach wieder an den Hauptorten des Amts Briiggen. Also, Wal- 
ram von Kessel besass Briiggen und Boisheim, diese Orte lagen in 
der Moele, hier und an andern Orten der Moele war das Pan- 
taleonskloster stark begiitert, die Grafen von Kessel waren 
Vogte dieses Klosters 4 und Obervogt war der Graf von Geldern. 
Bald nachdem Walram von Kessel gestorben war 5 , entstanden 
Streitigkeiten zwischen den Grafen von Geldern und von Jiilich, 
audi wegen verschiedener Kesselscher Lehen. Diese wurden 
1311 beendet, indem ersterer den letztern mit der terra Mula 
belehnte und Graf Gerhard dafiir Grevenbroich zum Geldrischen 
Lehn macht 6 . Wenig spater tritt das Julichsche Amt Briiggen 
auf. Was ist also 1311 unter terra Mula zu verstehen? Wenn 
nicht das ganze Amt Briiggen, so doch wenigstens die Haupt- 
theile desselben. Indem ich dies ausspreche, verwechsle ich bei 
Leibe nicht den alten Miihlgau mit dem Amt Briiggen. Wer 
da glaubt, 1311 sei terra Mula noch gleich Miihlgau, der muss 
der Ansicht sein, bis 1311 hatte sich noch ein Gau intakt in 
seinem vollen alten Umfang erhalten und derselbe sei dann als 
Vermogensobjekt zu Lehn gegeben worden. Das ware ja ein 
Unsinn! Fahne hat 7 schon herausgefiihlt, wie die Urkunde von 
1311 verstanden werden rntisse, und ich habe gar nicht das 



*) Nijhoff, Gedenkwaardigheden I, 210; Lacomblct a. a. 0. Ill, 
Nr. 33; Fahne, Bocholtz I, 271. 

2 ) Lacomblet a. a. 0. I, Nr. 265, 270, 304, 338, 344. 

3 ) Urkunden bei Lacomblet und Amtsrechnungen von Briiggen. 

4 ) Vgl. Lacomblet a. a. 0. I, Nr. 344. 

5 ) Ueber seinen Todestag vgl. Bohmer, Fontes III, p. 361; Eckertz 
in der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins II, S. 254. 

6 ) Nijhoff, Gedenkwaardigheden I, 124. 

7 ) Fahne, Bocholtz I, 271. 



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216 W. Graf von Mirbach 

Verdienst, hier eine neue Ansicht aufzustellen K Dass das Ole- 
vische Haus, wahrscheinlich als Pfand fur den Heirathspfennig 
der Elisabeth von Kessel, noch einigen Besitz bei Bruggen auch 
nach 1311 gehabt haben konnte, dariiber will ich unten kurz 
sprechen. 

Was Dulken, das 1279 limburgisch gewesen zu sein scheint, 
betriift, so bildete dieses im 14. Jahrhundert noch ein eigenes 
Amt 2 , gehorte aber spater zu Bruggen. Die Grafen von Julich 
sollten es von Brabant tragen, es ist also wohl von den Her- 
zogen, die ja 1289 Limburg erhielten, zu Lehn gegeben worden, 
wenn nicht schon den Grafen von Kessel, so doch dem Grafen 
Wilhelm von Julich, der dort Munzen schlagen liess. Ich ver- 
muthe, dass dieser es von Kesselschen Miterben, besonders von 
Eeinhard von Cleve, Sohn der Elisabeth von Kessel, erwarb. 
Dass Dahlen und Venrath, wo die Amtsverhaltnisse ahnlich wie 
bei Diilken waren, schon aus Kesselscher Erbschaft an Julich 
gekommen, will ich nicht gerade behaupten, der Umstand, dass 
die Vogte von Dahlen auch Kesselsche Vasallen gewesen, spricht 
allerdings dafiir, indess gehorte wenigstens der vierte Theil 
des Stadtchens bis 1352 dem Herrn zu Eheydt. Dieser war 
iibrigens auch Kesselscher Lehntrager wegen der Herrschaft 
Rheydt. 

Esch, Oberembt und die Halfte von Frankeshoyen, soweit 
sich die Grundherrlichkeit des Pantaleonsklosters hier erstreckte, 
wird ebenfalls erst nach dem Erloschen der Kessel an Julich 
gekommen sein 3 . Es gehorte in der Folge nicht zum Amt 
Grevenbroich, sondern zu Caster. 

Ederen und Puffendorf, spater im Amt Julich und alter 
Besitz des Neusser Quirinsstifts 4 , sind auch wohl erst aus 
Kesselscher Erbschaft den Jiilichern angefallen. 



*) Ich bin hier ctwas wcitlaufiger gcworden, weil in Bezug anf meine 
„Territorialgeschichte des Landes Julich** ein Rezensent in dem Bonner 
Theol. Litteraturhlatt hehauptet hat, ich identifizirc Amt Brtiggen mit dem 
Mtihlgau, wahrend er z. B. iibersah, dass ich auf S. 18 auch von Juchen im 
Mlihlgau spreche. Wegen seiner Konjektur in Bezug auf Dulken, das vielleicht 
zum Amt Caster gehort habe, einpfehle ich dem Eezensenten einmal Nijhoff I, 
301 mit B interim und Moor en, Codex dipl. II, 54 zu vergleichen. 

2 ) Norrenberg, Chronik der Stadt Diilken. 

3 ) Lacomblet, Archiv III, S. 311 und VII, S. 10. 

4 ) Lacomblet, Urkundenbuch II, Nr. 720, vgl. auch die Amtsrechnungen. 



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Beitrage zur Geschichte der Grafen von Jiilich. 217 

AValrarn von Kessel lebte noch am 8. Oktober 1304 \ am 
8. April 1305 aber erscheint schon AVilhelm Rydder als Jiilich - 
scher Amtmann zu Grevenbroich 2 . Die Chronik von Gladbach 
setzt Walrams Tod nach 1312, Butkens bezeichnet als Sterbe- 
jalir 1305. 1st ersteres richtig, so ward Grevenbroich und 
Zubehor noch zu Lebzeiten des letzten Kessel an Jiilich ab- 
getreten. Bekanntlich fiihrte der Anfall zu einem Kriege mit 
dem Erzbischof von Koln, und 1307 sprach der Herzog von 
Brabant als Schiedsrichter Grevenbroich dem Grafen von Jiilich zu y . 

Im zweiten Dezennium des 14. Jahrhunderts erhielt Wilhelm 
von Jiilich, urn auf diesen zuriickzukommen, vom Vater wenn 
nicht die ganzen, so doch jedenfalls die hauptsachlichsten 
Besitzungen der Kessel und friiher schon den Dingstuhl 
Jiichen. Jiichen besass er am 7. September 1315 noch nicht, 
denn damals genehmigte der Vater von Nideggen aus, dass 
sein lieber Schneider Johann von Hasselt die Lehen zu 
Camphausen bei Jiichen, welche wegen der Felonie seines 
Schwiegervaters Meyner von Odenkirchen heimgefallen waren, 
auf Lebenszeit besitzen, dagegen dessen Gattin Agnes und 
ihre Kinder erbliches Eecht daran haben sollten. Am 3. 
November 1317 aber bestatigt der junge Wilhelm obige 
Urkunde seines Abaters, da die Giiter nunmehr in seiner 
Herrschaft lagen; er freit und allodifizirt dieselben audi fiir 
die Familie des Schneiders und fiir alle kiinftigen Besitzer. 
Seine Eltern geben hierzu, „so weit es sie angeht", die Zu- 
stimmung. Am 26. September 1318 weist Wilhelm seinen Amt- 
mann und die Schoffen zu Jiichen an, den Verkauf obiger 
Giiter zu genehmigen und die ihnen verliehenen Freiheiten auch 
in der Folge zu respektiren. Dieselben waren namlieh von den 
Eheleuten von Hasselt an das Kloster Diissern veraussert 
worden, welchen Verkauf Wilhelm und seine Eltern am 26. Oktober 
1318 gutheissen. Noch am 18. Oktober 1334, als Graf Gerhard 
langst todt war, und seine Wittwe Elisabeth zu Caster auf 
ihrem Wittwensitz lebte, genehmigte Wilhelm als Graf den 
Verkauf von 45 Morgen Ackerland bei Camphausen, welche 
Agnes von Odenkirchen, jetzt in zweiter Ehe mit Wilhelm von 



*) Lacomblot a. a. 0. Ill, Nr. 33; Binterim und Mooren, Codex 
dipl. II, p. 61. 

2 ) Binterim und Mooren 1. c. II, p. 54. 
•') Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 54, 



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218 W. Graf von Mirbach 

Heeze stehend, ebenfalls dem Kloster Diissern iibertragen hatte. 
Von diesem Lande waren namlich 35 Morgen Julichsches Lehn 
und lagen im Amt Caster, wozu also Juchen jetzt gehorte. Die 
alte Grafin Elisabeth gab ihre Zustimmung zu dem Verkauf 
und Wilhelras Frau untersiegelte gleiclifalls den Genehmigungs- 
brief 1 . 

Am 24. Juni 1317 2 haben Gerhard Graf von Jiilich und 
Wilhelm Graf von Hennegau und Holland zu Koln eine Heirath 
zwischen ihren Kindern Wilhelm und Johanna beredet. Gerhard 
verspricht seinem Sohn die Nachfolge in Jiilich fur seinen Todes- 
fall und will ihm gleich nach vollzogener Heirath Grevenbroich ? 
sowie Schloss und Herrlichkeit Briiggen nebst allem Zubehor 
abtreten. Mit diesen zwei Herrlichkeiten soil Johanna bewitthumt 
sein. Wilhelm bekommt ferner jahrlich vom Vater eine Rente 
von 600 Pfund schwarzer Turnosen, die der Graf von Hennegau 
diesem schuldig ist, Johanna erhalt sodann zu den beiden Herr- 
schaften eine Jahresrente von 1000 Pfund; der Graf von Henne- 
gau gibt dem Brautigam 35000 Pfund Turnosen, welche fiir 
Johanna und ihre Kinder in Grundbesitz anzulegen sind. Davon 
werden bezahlt 5000 Pfund zu Ostern 1318, am 1. Oktober 1318 
und 1319 jedesmal ebensoviel, am Hochzeitstag 10000 Pfund 
und binnen Jahr und Tag nachher der Rest. Fiir einen Theil 
der Summe kann aber auch ein Pfand gestellt werden. Wenn 
die Braut zu ihren Jahren gekommen, soil die Vermahlung 
stattflnden. Man scheint dieselbe auf den Winter 1319/20 
angesetzt zu haben. Wilhelm ist aber schon am 1. September 
1319 Herr zu Grevenbroich und Vogt zu Gladbach, war also 
wohl zu dieser Zeit bereits verheirathet. 

Er begab sich damals aller Rechte, die seine Vorbesitzer 
an dem Hof Bechhausen zu haben vermeint, zu Gunsten der 
Abtei Gladbach 3 . Er nannte sich freilich hierbei nur, wie auch 



*) A. D. Diissern Nr. 38. Es sind 8 Urkunden iiber diesen Hof Camp- 
hausen erhalten. An einer hangt auch das Juchener Schoffensiegel. Es zeigt 
eine hblzerne Kirche mit Gallerie und steinernem Unterbau, iiber ihr schwebt 
ein Stern. Neben ihr bcfindet sich der Schild mit dem Julichschen Lbwen 
und dariiber steht eine Mondsichel. Das Siegel von Wilhelms Frau ist dem 
seiner Mutter ahnlich, zeigt aber eine etwas reichere Ornamentik und hat 
die Umschrift: S. Johanne de Hannonia comitisse Juliacensis. 

2 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 161. 

3 ) B interim und Moor en, Cod. dipl. II, p. 125. 



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Beitrage zur Geschichte der Grafen von Jiilich. 219 

z. B. ira August 1317, einen Erstgeborenen des Grafen von Jiilich 1 , 
einen Titel, den er aber auch noch viel spater zuweilen fiihrte. 
Er hat damals auch noch kein Reitersiegel gefuhrt, worauf er 
als Ritter mit dem Schwert erschiene, sondern er ist auf seinem 
Siegel dargestellt, wie er mit Hund und Falken zur Jagd 
reitet. Im folgenden Jahre 1320 siegelt er mit dem durch 
einen Turnirkragen vermehrten Jiilichschen Wappenschild und 
der Umschrift : S. Wilhelmi domini de Broughe 2 . Seine Heirath 
brachte ihn in der Folge den wichtigsten Herrschern nahe, in- 
dem von den Sch western seiner Frau Margaretha 1324 den 
Kaiser Ludwig, Philippine 1328 den KOnig Eduard von Eng- 
land heirathete. 

Am Tage Kreuzerhohung (14. September) 1319 bekundet 
der Abt Manfred von Brauweiler, dass er auf Bitten des Erz- 
bischofs und des Wilhelm, Erstgeborenen von Jiilich, die nachst- 
fallige Prabende seines Klosters dem Sohn des Adam von Hompesch 
versprochen 3 . Am 12. Oktober 1320 verzichtet Wilhelm zu Gunsten 
der Katharinen-Kommende auf alle Rechte am sogenannten Koytz- 
gingut zu Biisdorf, das in den Hof Gohr eingehorig gewesen 4 , und 
besiegelt am 27. Oktober den Verzicht Rabots von Immelhausen 
auf die Giiter zu Noithausen, welche dessen Bruder dem deutschen 
Orden verkauft hatte 5 . Bald nachher beschloss er nach Preussen 
zu Ziehen und sein Schwert dem deutschen Orden gegen die Un- 
glaubigen zu leihen. Am 22. April 1321 verspricht er dem 
Ritter Peter von Bahsem 6 , genannt von der Ecken. 100 Pfund 
Heller, welche ganz bezahlt werden sollen, wenn er wieder „zu 
Lande kanie". Inzwischen erhalt Peter jahrlich 10 Pfund am 
1. Oktober, und wenn nachher die ganze Summe bezahlt ist, 
soil derselbe Einkiinfte von 10 Pfund als Lehn stellen und da- 
von seine Frau Agnes bewitthumen 7 . 

Einige Monate nachher muss Wilhelm wirklich nach Preussen 



*) A. D. Kommende Koln 163. 

2 ) Butkens 1. c. I, p. 210. 

Annalen d. hist. Vereins f. d. Niederrkein XVIII, S. 97. 

4 ) A. D. Kath.-Kommende Nr. 169. 

5 ) Kopiar von Elsen Nr. 33. Er ncnnt sich hier wieder nur Priinogenitus, 
steht aber vor dem Grafen von Virneburg. 

6 ) Die Urk. hat Basenheim. Das ist nicht Bassenheim, sondern Bahsem 
bei Dollendorf in der Eifel, und Peter gehorte der Sippe der Herren von 
Mirbach an. 

7 ) A. D. Jlilich-Berg A. I. 278. 



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220 W. Graf von Mirbach 

gezogen sein. x\m 7. Februar 1322 schon brach das Kreuzfahrer- 
heer, 20 000 Mann stark, von Konigsberg auf. Die Hauptanftihrer 
waren Herzog Bernhard von Schweidnitz und Herzog Bolko 
von Miinsterberg, dann sind zu nennen der Graf von Geroldseck, 
Wilhelm von Julicli und Johann von Virneburg 1 . Sie drangen 
gegen Livland vor, wo sie verschiedene Eroberungen machten 
und namentlich Pisten an der Memel gewannen. Dieser Zug 
endete schon am 2. Marz 2 . Nachher ward noch Samaiten ver- 
wustet, die Litthauer aber waren dann in Livland gliicklicher 
und gewannen dem Ordensheer manchen Vortheil ab. Wilhelm 
von Jiilich blieb nicht sehr lange in Preussen. Schon am 
26. November 1322 besiegelt er hier zu Lande den Lehnsrevers 
des Konrad von Nievenheim gegeniiber dem Herren von Heins- 
berg 3 . Dann erscheint er erst wieder am 16. November 1325, 
wo er den Unterthanen in der Herrschaft und Vogtei Gladbach 
bei Strafe von 6 Schillingen befiehlt, nur auf seinen Miihlen 
innerhalb des Bezirks mahlen zu lassen. 

Als Herr zu Grevenbroich befiehlt Wilhelm dann ain 16. Mai 
1327 seinem dortigen Drosten, die Gliter des Gereonsstifts zu 
Durselen und Wald, die er von der Vogtei befreit habe, gegen 
Jedermann zu schutzen 4 . Von Drosten zu Grevenbroich sind 
aus damaliger Zeit bekannt: Heinrich von Gevenich, Ritter, 
1297, N. Rumschottel 1306, Ritter Heinrich von Merzenhausen 
1314, Hermann von Lieventhal 1315, Mathaus von Neuenhausen 
1319 5 . 

Eine etwas spatere Urkunde 6 besagt, dass Wilhelm als 
Herr zu Grevenbroich den Gerhard von Merode mit dem Zehnten 
zu Neukirchen bei Jtichen belehnt habe. Obs,chon, wie oben 
gesagt, Juchen zum Amt Caster und zum Witthum der Elisabeth 
von Brabant geschlagen wurde, als Wilhelm die Regierung von 
Jiilich antrat, so maclite er doch, wie es scheint, der Jiilicher 
Kirche eine Zuwendung zu Juchen vor 1336, als die Mutter 



*) Nach Andern Wildenburg, vgl. aber die Publ. de la soc. pour la 
recherche et la conservation des mon. hist, dans le Grand-Duch6 de Luxem- 
bourg XVIII, p. 77. 

2 ) Chron. Sambiens., Mon. Germ. SS. XIX, 705; Voigt, Geschichte von 
Preussen IV, S. 358. 

8 ) A. D. Rep. von Heinsberg fol. 62. 

4 ) A. D. Chart. Gereon B. fol. 30. 

5 ) Kopiar von Elsen Nr. 7, 8, 15, 31, 59. 

6 ) Urkunde zu Harff. 



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Beitrage zur Geschichte der Grafen von Julieh. 221 

noch lebte. Eine stark iibertunchte, in Tuffsteia gehauene In- 
schrift in gedachter Kirche liess sich zwar nicht ganz ent- 
ziffern, man konnte aber Folgendes lesen 1 : 

H. WILMv COMES IVLIACENs' COT VLIT 
AD LVMINARIA AN . . MCCC .... XXX IVR 
NALES LIGNI IUCh' Q SOLVT . . . Ill . . . PASTOR 
HVIVS ECCLIE . . . BONA PORRIGIT 
HENRICO... DE QVOr'mONETA 
RECIPIT III SOLID. 



4. Gottfried von Julieh, Herr zu Bergheim und 
Mtinstereifel. 

Schon bei Lebzeiten des Grafen Gerhard sehen wir seinen 
jiingern Sohn Gottfried als Herrn zu Bergheim. Am 2. Dezember 
1323 erneuert er seines Vaters Bundniss mit der Stadt Koln 
fur sich und alle seine Nachfolger in der Herrschaft Bergheim 
unter den alten Bedingungen und wird fur ein Geldlehn von 
100 Mark Kolnischer Burger 2 . Als Schiedsrichter bei etwaigen 
Streitigkeiten hieriiber bestimmt er seine Getreuen Konrad Lapp, 
Drosten zu Bergheim, Gotthard von Hall und Giselbert von 
Schlenderhan. Um 1326 sollen Gottfried und sein altester Bruder 
als Mandatare des Aachener Marienstifts mit dem Bevoll- 
machtigten des Grafen von Geldern einen Vergleich bezitglich 
der Hoheitsrechte in Erkelenz vermittelt haben 3 . Am 28. 
September des Jahres ist er nebst Vater und Bruder Zeuge bei 
dem Vertrag, welcher in derselben Sache zu Aachen zwischen 
dem Propst und Dechant des Stifts geschlossen worden ist. Bei 
dieser Gelegenheit kommt unser Gottfried als Hitter vor 4 . 



') Iu einem dem Herrn Hauptmann E. von Oidtman zu Coblenz 
jetzt zugehbrigen Exemplar der Annales Juliae etc. von Brosii fand sich 
auf einem lose beiliegenden Zettel von einer Hand des 18. Jahrhunderts 
folgende Notiz: „Wilhelmus comes Iuliacensis, qui obiit 1304, videtur anno 1302 
huic ecclesiae parochiali donasse triginta ioumales ad lumina, uti in lapide 
in ecclesia posito notatur. Haec triginta agrorum iugera devenerunt ad dominos 
de Hellensberg, qui annue ecclesiae dare denebant 1 1 maldcra et 6 quartalia 
siliginis, quod onus in se suscepit capitulum canonicorum, quando praedicti 
domini aedes pro 2000 florenis et liberatione oneris agrorum suorum huic 
vendiderunt." 

2 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 120. 

3 ) Annalen des hist. Vereins f. d. Niederrhein V, S. 29. 

4 ) Ebendas. V, S. 25. 



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222 W. Graf von Mirbach 

Im Jahre 1328 befand er sich unter den Helfern des Biscliofs 
von Liittich bei der Belagerung von Tongern 1 . Am 16. Juli 1328 
vermittelt er die Urfelide seines Vasallen Johann Tesche von 
Geretzhoven, den die Stadt Koln langere Zeit gefangen gehalten 
hatte 2 . Bei diesem Urfehdebrief ist auch nocli der alte Graf 
Gerhard als Zeuge genannt, welclier 13 Tage nachher starb. 
Wenn nicht schon frulier, so flel dem Gottfried jedenfalls jetzt 
auch die Herrschaft Munstereifel zu. In der Eifel hausten 
damals verwegene Rauberbanden, gegen die sich auf Anregung 
des Erzbischofs von Trier der ritterliche Bund der „Eifler" 
bildete 3 . Diesem ist Gottfried sicher beigetreten. Da die Uebel- 
thater in vielen kleinen Burgen Schutz fanden, so waren die 
Festungen der Bundesmitglieder fiir den Kampf mit ihnen nicht 
ausreichend. Es mussten neue Befestigungen angelegt werden. 
Dies wird der Grund gewesen sein, weshalb im Jahre 1328 
eine Anzahl Herren, meist und wahrscheinlich sammtlich „Eifler a , 
dem Heinrich von Ulinen den sogenannten Spiegelberg abkauften. 
Es waren Ruprecht von Virneburg, Arnold und Gerhard von 
Blankenheim, Philipp von Wildenberg, Gottfried von Jiilich, 
Friedrich von Cronenburg, Konrad von Kerpen, Johann von 
Reifferscheid, Gerlach von Dollendorf und Friedrich von Schlei- 
den — alles Herren aus den vornehmsten Eifeler Dynasten- 
hausern. 

Am 18. Dezember 1328 iiberlasst Herr Gottfried den Hof 
zum Glockenring in Koln dem bisherigen zeitlichen Inhaber 
Konstantin von Lyskirchen als erbliches Lehn, worin er sich 
nur das Recht vorbehiilt, eventuell mit seinem Gesinde abzu- 
steigen. Lyskirchen scheint eine Art Geschaftsmann des Herrn 
von Bergheim gewesen zu sein 4 . Ausser dem Hof wurden ihm 
noch die Rottzehnten bei verschiedenen, zwischen Koln und 
Bergheim gelegenen Dorfern verliehen, namlich bei Subbelrath, 
Bickendorf, Bocklemiindt, Mengenich, Roisdorf, Waldorf, Butz- 
weiler, Heckhof, Mauenheim, Merheim, Ossendorf und Longerich. 
Dagegen tragt Lyskirchen dem Gottfried zur Vermehrung der 



') L. v. North of, Chronik der Grafen von der Mark, ed. Tross, S. 168. 

2 ) Ennen, QueUen IV, Nr. 141. 

3 ) Vgl. Zeitschrift des Aachener Geschichtsvcreins II, S. 171 f. 

4 ) Gudenus I.e. II, 1016 und undatirte Urkunde, worin Konstantin von 
Lyskirchen einen gewissen Florinus auffordert, ihm den Hafer fiir seinen 
Herrn von Bergheim so schnell als moglich nach Koln zu senden. 



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Beitr&ge zur Geschichte der Grafcii von Julich. 223 

Lehen seinen Hof Stommeln mit 80 Morgen auf und tritt ver- 
scliiedene Renten zu Poulheira ab. Die Urkunde 1 besiegelt auch 
Walrara, Gottfrieds Bruder, Propst zu Mastricht. 

Gottfried von dem Bongart genannt Schellart tragt im 
Jahre 1330 fur empfangene 100 Mark seinen halben Hof in 
Niederbolheim dem Herrn zu Bergheim auf 2 . Ira folgenden 
Jahre stellte fur empfangene 15 Mark Ritter Gotthard Winter 
von Aldenrode (Aldenrath) dem Herrn Gottfried zwei Hufen bei 
Niederaussem als erbliches Berglieimer Burglehn 3 . 

Gottfried ward um diese Zeit verheirathet, und zwar mit 
Elisabeth von Cleve, Tochter des Dietrich von Oleve zu Kerven- 
heim und der Adelheid von Born 4 . Am 10. November 1332 
vollzieht er eine zwischen seinem nun verstorbenen Schwieger- 
vater als Herrn zu Uedem und der Stadt Koln verabredete 
Siihne und wird nur fur seiner Gattin Lebensdauer wegen der 
Herrschaft Uedem Burger zu Kjjln gegen ein Lehn von 90 Mark 
und mit der Verpflichtung, der Stadt mit zwei Rittern und neun 
Knappen Hiilfe zu leisten 5 . Elisabeth hatte keine Geschwister, 
die ihres Vaters waren kinderlos und meist geistlichen Standes. 
Unter ihnen waren die Dompropste von Koln und Munster, sowie 
der Propst von St. Gereon. In dem letztgenannten Stift be- 
setzte man seit langer Zeit die Kanonichenstellen nur mit Adligen 
und nahm keinen Anstand, sich hierfur auf die Bestimmung der 
Stifterin, der h. Kaiserin Helena, zu berufen. So waren denn 
gewohnlich die Stellen mit hochgeborenen Herren besetzt, welche 
ohne Beruf und Priesterweihe sich in die fetten Pfriinden ge- 
drangt hatten. Damit iiberhaupt Gottesdienst gehalten werden 
konnte, musste man endlich die Bestimmung durchsetzen, dass 
der Scholaster und funf Canonici wirklich Priester sein mussten 
und bei diesen sail man dann nicht auf adlige Geburt. Wahr- 
scheinlich von Rom aus war man mit dieser Einrichtung noch 
nicht zufrieden, mit Recht glaubte man, dass Iiberhaupt nur 
Priester ohne Unterschied des Standes aufgenommen werden 
mussten. Der Adel aber wollte sein vermeintliches Recht nicht 
aufgeben und so haben sich schon am 20. September 1332 die 

*) Lacorablet a. a. 0. Ill, Nr. 237; Fahne, Salm I, 2, 45. 

-) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 251 und Jitlichsche Lehnsregister. 

:J ) A. D. Jul. Lehnbuch II unter N. 

4 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 293. 

5 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 261. 



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224 W. Graf von Mirbach 

Graf en von G elder n, Cleve und Berg, sowie Gottfried von Jiilich 
an den Papst Johann XXII. mit der Bitte gewandt, doch nicht 
zu dulden, dass, ausser zu den sechs erwahnten Priesterstellen, 
Kanonichen angenoramen wurden, „nisi ex utroque parente nobi- 
lium latere sint illustres ai . Wenn man auch damals nicht ohne 
Grund bei den Vorstehern und Mitgliedern reichsunmittelbarer 
Stifter selbst in Rom aus Opportunitatsgriinden eine gewisse 
Hausmacht, somit hochadlige Geburt gerne sah, und anderer- 
seits Kaiser und Reichsfiirsten die Stifter durch eine Probe 
deutsclien Adels papstlichen Gunstlingen italienischer Abkunft 
zu verschliessen bemiiht waren, so konnten fur das Gereonsstift 
doch nicht dieselben Erwagungen beim Papst mafigebend sein. 
Dennoch gelang es den Petenten, ihre Sache faktisch durch- 
zusetzen. 

Am 27. April 1333 machte Herr Gottfried eine nicht unbe- 
deutende Erwerbung, indem er dem Edelherrn Johann von 
Greifenstein das Gericht Verkeshoven abkaufte 2 . Da das Ge- 
schaft in den ausbedungenen nachsten drei Jahren nicht riick- 
gangig wurde, so blieb Verkeshoven in der Folge mit der 
Herrschaft bezw. dem Amt Bergheim vereinigt. Der genannte 
Ort bildet jetzt einen Theil von Niederembt, das Gericht war 
aus der Vogtei iiber die Grundgiiter der Abtei Kornelimiinster 
entstanden und umfasste die Ortschaften Tollhausen, Richards- 
hoven und die Hiilfte von Frankeshoven 3 . Am St. Lukastag 
(18. Oktober) 1334, nachdem Ritter Hermann von Bergerhausen 
gestorben war, entschieden zu Gymnich Graf Wilhelm von 
Jiilich und Gottfried von Bergheim als Mitglieder des Kolnischen 
Lehnhofs, dass des Verstorbenen gleichnamiges Lehngut dem 
Erzstift heimgefallen sei, nachdem den etwaigen Anwartern 
bestimmte Fristen zur Geltendmachung ihrer Anspriiche gegeben 
worden waren. Am 11. November verleiht der Erzbischof die 
Burg von Neuem an Hermann von dem Bongart 4 . 

Am 3. Mai 1335 ist Herr Gottfried auf seinem Schloss zu 
Munstereifel gestorben und dann in der Stiftskirche daselbst 
begraben worden. Er hat wohl kaum das vierzigste Jahr erreicht. 
Sein Grabmal ist in dem linken Schiff der Kirche noch heute zu 



*) A. D. Gereonsstift 109. 
2 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 269. 
a ) A. D. Bergheimer Amtsrechnungen. 
4 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 288. 



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Beitrage zur Geschichte der Graf en von Jiilich. 225 

sehen. Katzfey in seiner Geschichte der Stadt Miinstereifel * 
beschreibt dasselbe ungefahr so: „Es besteht in einer erhohten 
Tumba von Sandstein, 4 Fuss breit, 3 Fuss hoch und 8 Fuss 
lang, die Breitenwande sind in je vier, die L&ngenw&nde in je 
sechs Felder getheilt, in diesen Feldern befinden sich kleine 
mannliche Figuren en relief ausgefuhrt. Auf dem Deckel laufen 
,zu beiden Seiten der Hauptfigur drei schmale glatte Fl&chen 
hin, welche auf jeder Seite drei, auf sechseckigen Sockeln 
stehende mannliche Figuren zeigen. Von diesen Figuren tragen 
die meisten eine Schrift in der Hand. Die Hauptfigur, welche 
auf der Tumba ruht, stellt den Verstorbenen in mehr als natiir- 
licher Grosse dar. Seine Gesichtszuge sind die eines kraftigen, 
wohlwollenden Vierzigers, sein Haar ist stark gelockt und durch 
eine Binde zusammengehalten. Zur Seite liegt ihm der Wappen- 
schild mit dem gekronten Julichschen Lowen und zu seinen 
Fussen streckt ein Lowe seine linke Vordertatze liber einen 
jungen Schweisshund. Die beschadigte Kandschrift lautete gemaC 
friihern Abschriften: Anno Domini MCCCXXXV ipso die in- 
ventions sancte crucis Godefridus dominus in Bergheim, cuius 
anima per miserationem dei requiescat in pace, amen/ Das 
Grabmal wurde spater auf Kosten des Landesherrn im Stand 
gehalten; in den Munstereifeler Kellnerei-Rechnungen kehrt seit 
1499 alljahrlich die Ausgabe von 2 Siimmern Roggen wieder 
fur „den offermann, umb dat er her Goddartz steyn reyn haltet 
wie vor alters". 

Da Gottfried mannliche Erben nicht hinterliess, so fielen 
seine Hauptgiiter in der Folge dem Bruder, Grafen Wilhelm, 
heim. Gottfrieds Tochter hiess Jolanta und war 1335 noch 
klein. Wahrscheinlich hat sie auch die Mutter bald verloren, 
und zwar wohl vor 1348 2 , da damals Bergheim und Miinster- 
eifel wieder frei zu JuMch gehorten, also von einer Leibzucht 
der Elisabeth daran keine Rede mehr war. Die kleine Jolanta 
war aber Erbin der nicht unbedeutenden mutterlichen Giiter. 
Von Kervenheim behauptete der Graf von Cleve allerdings, dass 
es Mannlehn sei. Adolf Graf von der Mark, der die Nachfolge 
in Cleve pratendirte, versprach schon 1339 der Jolanta die 
Belehnung mit Kervenheim, er starb aber nicht lange nachher, 



») I, S. 85. 

2 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 464. 

15 



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226 W. Graf von Mirbach, Beitrage zur Geschichte der Grafen von Julich. 

ohne zum Besitz von Cleve zu gelangen.. Es scheint nun, dass 
es hauptsachlich dem Jiilichschen Oheira gelang, die Erbschaft 
der Jolanta zu behaupten. 

Um 1348 heirathete sie den Grafen Emich von Leiningen 
und der Markgraf von Julich als Vormund stattete sie mit 8000 
Goldschilden aus, denn dem entfernt wohnenden Brautigam war 
diese sichere Summe lieber als die unsichern Besitzungen im 
Clevischen. Am 3. November 1348 haben Emich und seine 
Gattin dann diese Clevischen Giiter dem Markgrafen fiir die 
8000 Schilde verkauft *. Genannt werden die Herrlichkeit Uedem 
(Oedt?), die Vogtei Kempen, Stadt und Burg Kervenheim, sowie 
die Anwartschaft auf andere mutterliche Giiter und auf die- 
jenigen, an welchen die noch lebende Grossmutter Adelheid von 
Born die Leibzucht hatte. Im folgenden Jahre schon erwarb 
Erzbischof Walram diese sammtlichen Besitzungen kauflich fiir 
sein Stift 2 , dessen Lehen sie ohnehin sein sollten, so dass auf 
diese Weise dem Retraktionsrecht der Clevischen Agnaten am 
besten vorgebeugt war. Der Erzbischof zahlte dem Bruder 
20 000 Goldschilde, dieser hatte also ein gutes Geschaft gemacht, 
wenn er auch fiir Verbesserungen und Befestigungen, vielleicht 
schon seit 1335, ein Merkliches von seinem Eigenthum auf die 
Giiter verwendet hatte. 

Im Jahre 1357 bewohnte Jolanta ein ihr gehoriges Haus 
in der Piitzgasse zu Koln 3 . 

Mit ihrem Gatten hatte sie vier Kinder, mit der Tochter 
ihres Sohnes Friedrich aber starb dieser Leiningensche Stamm 
aus. Letztere ist durch Vermahlung mit Eeinhard Herrn zu 
Westerburg Stammmutter der jetzigen Grafen von Leiningen- 
Westerburg geworden. 



! ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 462. 

2 ) Lacomblet a. a. 0. Ill, Nr. 464 und '465. 

8 ) Fahne, Salm I, 2, 45. 



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Die St. Sebastianus- 
und Antonius-Schutzenbruderschaft in Geilenkirchen. 

Von M. Schollen. 

Im Mittelalter fiel die Vertheidigung von Haus und Hof 
dem Burger zu. Hierbei war der Bogen und die Armbrust 1 
von ganz hcrvorragender Bedeutupg, namentlich bei einer Be- 
lagerung, indem durch gut gezielte Bogenschusse von den 
Mauern herab dem anriickenden Feind betrachtlicher Schaden 
zugefugt werden konnte 2 . Urn nun die nothige Gewandtheit 
in der Handhabung dieser Waffen zu erlangen, hielten die 
wehrpflichtigen Stadtbewohner gemeinsame Scliiessiibungen ab. 
Aus diesen Uebungen der wehrhaften Schutzen entstanden bei 
dem genossenschaftlichen Geist, der das ganze Mittelalter durch- 
drang und diejenigen zu einem Ganzen verband, welche gleiches 
Strcben beseelte, sodann aber aus dem im Burgerstand allgemein 
erwachenden Bewusstsein, dass er zu Schutz und Trutz gegen 
seine Feinde geriistet sein, dass er auch mit den Waffen bereit 
und schlagfertig dastehen miisse, urn gegen fremde Eindringlinge 
sich vertheidigen zu konnen, besondere Schiitzengesellschaften 3 . 
Diese mussten nothwendig bald zur vollen Entfaltung gelangen, 
nachdem in ihnen, wie bei alien derartigen Verbindungen des 
Mittelalters, neben dem militarisch-sozialen auch alsbald ein 
religioses Element zum Durchbruch kam. Ungefalir seit der Mitte 
des 14. Jahrhunderts 4 und vorziiglich iin Laufe des folgenden 



J ) Ucbcr die Armbrust vgl. Trautmann, Kunst und Kunstgewerbe 
S. 8. Er tritt namentlich der Annahme entgegen, dass die Annbrust durch 
die Kreuzfahrcr nach Europa gekommen sei. 

2 ) Vgl. Gengler, Deutsche Stadtrechtsalterthiimer S. 470. 

3 ) Vgl. Pfannenschmidt, Germanische Erntefeste ira heidnischen und 
christlichen Cultus S. 585; Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvercins X, S. 76. 

4 ) Als die alteste Schutzengesellschaft Deutschlands gilt die St. Johannis- 
Schutzengilde in Oldenburg, welche angeblich schon imJahre 1192 (?) gestiftet 

15* 



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228 M. Schollen 

traten die Schiitzenbruderschaften als ausserlich abgeschlossene, 
im Innern organisch geordnete Korperschaften hervor, welche 
iibrigens, ungeachtet des theilweise kirchlichen Charakters, ihrem 
uranfanglichen kriegerischen Beruf fortwahrend treu, somitstadt- 
btirgerliche Wehrverbande blieben, und daher, wenn es gait, die 
Heimathstadt vor feindlichen Angriffen zu schirmen, jederzeit 
ohne Sold, hochstens durch gewisse Erleichterungen beziiglich der 
Gemeindelasten entschadigt, zur Uebernahme der nothigen Wacht- 
und Vertheidigungsdienste sich bereit finden liessen 1 . Und so 
begegnen uns denn audi um die angegebene Zeit in jedem 
bedeutendern Ort eine oder mehrere Schutzengilden 2 , die bald 

worden sein soil. Ueber das Alter der St. Sebastianus-Schtitzengesellschaft in 
Gent bemerkt L. Minard-van Hoorebeke, Description de mereaux etc. I, 
p. 14: „Het is echter te verwonderen, dat de boogschutters niet vroeger door 
de vorsten zijn bevestigd ge worden, daar de gilde van Sint Sebastiaan te Gent 
eerst in 1322 die bevestiging bckwam, zooals het volgende stukbewijst: De 
Costumen ende Ordonnantien van den grooten Guide van mynsheeren Sent 
Sebastiaens binnen Ghend voortijds gegheven bij de edele ende moghende heer 
Lodewijc gezeijd van Crecij, Graeve van Vlaenderen (1322 — 1346) ende bij 
sinen successeur Lodewijc gezeijd van Male, gheapprobeerd ende gheconfir- 
meert. u Dass die Aachener Schiitzen nicht schon 1240 zu einer Gesellschaft 
zusammengetreten waren, wie nach Quix, Hist.-top. Beschreibung der Stadt 
Aachen S. 198 (vgl. S. 169) angenommen werden muss, hat schon Pick in 
der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins VIII, S. 156 nachgewiesen. 
Wahrscheinlich muss es bei Quix 1540 statt 1340 heissen. 

*) Gengler a. a. 0. S. 470 f. 

2 ) So gab es u. A. in Cleve um 1430 drei Schutzengesellschaften, „alde, 
myddelste ind jonge schutten" (vgl. Scholten, Die Stadt Cleve S. 559). In 
den noch ungedruckten Eheinberger Stadtrechnungen von 1554 if. kommen 
sogar vier Schutzengesellschaften vor: die St. Georgsschiitzen, die St. 
Sebastianus- und St. Evermansschiitzen, die St. Michaelsschiitzen und die 
•Tungsten Schiitzen, welche alle jahrlich von der Stadt ein Geldgeschenk in 
verschiedenem Betrag erhielten. (Gef. Mittheilung des Herrn Stadtarchivars 
Pick in Aachen.) Auch in Geilenkirchen entstand spater mit Genehmigung 
des Landesherrn die Gesellschaft der Jungen Schiitzen. Ihr Archiv ist fast 
vollstandig zerstort, Original-Urkunden besitzt sie keine, nur eine dem 
vorigen Jahrhundert angehorige Abschrift einer solchen. Danach hatten sie 
u. A. folgende Renten zu empfangen: 1 Ohm Bier vom Landesherrn fur 
Begleitung des Venerabile in der Gottestracht mit Gewehr, Trommel, fliegen- 
den Fahnen und klingendem Spiel, und 1 Ohm Bier von der Bruderschaft 
St. Sebastiani. Hierfiir hatten sie die Verpflichtung, auf Gottestracht den 
Schtitzenkonig dieser Gesellschaft abzuholen, in die Kirche zu begleiten und 
nach beendeter Prozession wieder nach Haus zu fuhren. In der Prozession 
selbst gingen sie vor den St. Sebastianus-Schiitzen. 

Den bei besondern Anlassen sich kundgebenden Zusammenhang zwischen 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Sehtitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 229 

zu hervorragender Bedeutimg gelangten, von dem Landesherrn 
und den Ortsobrigkeiten mit Gunstbezeugungen bedacht und mit 
Vorrechten ausgestattet wurden, derenFeste die grossten Kunstler 
zum Gegenstand ihrer Darstellung machten 1 , deren Pflichten 
aber auch schon Sebastian Brant 2 mit trefflichem Witz und 
Humor zu schildern wusste. 

Die Entstehung der St. Sebastianus- und St. Antonius- 
Schiitzengilde zu Geilenkirchen ist vor das Jahr 1471 zu verlegen, 
wie aus der Urkunde liber die Griindung der Bruderschaft hervor- 
geht. Die Gilde bildete namlich neben der militarischen Einheit, 
wie die Gilden des Mittelalters iiberhaupt, eine religiose Bruder- 
schaft, deren Griindung auf den 20. Januar 1471 fallt. Durch 
offenen Brief 3 von diesem Tag erkl&ren die Geilenkirchener 



mehrern an einem Ort bestehenden Schiitzengesellschaften linden wir auch 
in Gent. Das Reglement der dortigen St. Sebastianus-Gilde von 1683 bestimmte 
in den Nr. VII und X die Summe, welche bei der jahrlich stattfindenden 
Begriissung des Konigs der St. Antonius- und St. Georgs-Gilde fur Verzehr 
verausgabt werden durfte. Vgl. L. Minard-van Hoorebeke 1. c. I, p. 24. 
Warum in einem so kleinen Ort wie Geilenkirchen die Griindung einer zweiten 
Schiitzengesellschaft erfolgte und nicht vielmehr die. Zahl der Mitglieder in 
der vorhandenen dem Bediirfniss entsprechend erhoht wurde, entzieht sich 
bei dem Fehlen namentlich der Stiftungsurkunde der Gesellschaft der Jungen 
Schiitzen der Beurtheilung. Dasselbe war ubrigens auch in dem benachbarten 
Stadtchen Linnich der Fall, wo Alte und Junge Schiitzen bestanden und ein 
Hinlibertreten aus der einen in die andere Gesellschaft bfters stattfand. Vgl. 
Der Stadt- und Landbote, Linnicher Anzeiger 1890, Nr. 44. 

*) Zu den altesten Bildern dieser Art diirften das Festmahl der Bogen- 
schiitzen, 1533 von Cornells Anthoniszen in Amsterdam gemalt, vor Allem 
aber die Nachtwache von Rembrandt im dortigen Museum, sowie die daselbst 
befindlichen Schiitzenbilder von van der Heist und Govaert Flinck gehoren. 
Ferner sind im Museum zu Briissel Bilder von G. de Grayer, Sallaert und 
Karel Em. Biset. Zu erwahnen sind noch das Schiitzenmahl, die Versammlung 
des Cloveniers-Schtitzenkorps und das grosse Schiitzenbild im Rathhaus zu 
Amsterdam von Franz Hals; auch malte Jan van Ravestein Schiitzen- 
versammlungen. Von den jiingern Erzeugnissen sei das Bild von Gallait 
„Die Briisseler Schiitzengilde den Leichen Egmonts und Hoorns die letzte 
Ehre erweisend" im Rathhaus zu Tournay genannt. 

2 ) Vgl. das Gedicht „Von bosen schutzen" in Brants Narrenschiff, 
Ausgabe von Bobertag, S. 99. Es ist auch noch dadurch von Interesse, dass 
es die Kunstausdriicke fur die einzelnen Theile der Armbrust und fur deren 
Handhabung wiedergibt. S. auch „Lobspruch der Schiitzen" in Haupts Zeit- 
schrift fttr deutsches Alterthum III, S. 260. 

8 ) Dieser Brief, dessen Original verloren gegangen, befindet sich in 
einer Abschrift des Magister Johann Maul in der Sprechweise der Zeit des 



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230 M. Schollen 

Schiitzen, dass sie zu Ehren Gottes imd aller seiner lieben 
Heiligen, besonders des h. Martyrers und Marschalls Sebastian * 
wie des Bekenners und Abts St. Antonius, eine Bruderschaft 
begonnen hatten, urn durch die gottliche Gnade eine selige 
Sterbestunde zu erlangen 2 . 



letztern — urn die Mitte des vorigen Jahrhunderts — im Archiv der Schiitzen- 
gesellschaft zu Geilenkirchen. Jedoch diirfte die Abschrift vollen Anspruch 
auf Authenticity haben, da, wie sich aus einer von demselben Magister her- 
riihrenden Uebersetzung des Verzeichnisses dcr Kleinodien und Kenten der 
Bruderschaft ergibt, dieser die Originale genau zu lesen verstand. 

*) Zum Patron einer Gilde wurde vorzugsweise cin in einer gewissen 
Beziehung zu dem Zweck derselben stehender Heiliger erkoren. Vor Allem 
war es der h. Sebastian, der wegen seines Glaubens mit Pfeilen durchbohrte 
Befehlshaber der Leibwache des Kaisers Dioklotian, den sich die Schiitzen- 
gilden zu ihrem Schutzheiligen wahlten. So nahmen, als im Jahre 1551 die 
Sebastianus-Gilde zu Briissel ein Wettschiessen der Handbogensehutzen Belgiens 
veranstaltete, nicht weniger als 86 Konige von Sebastianus-Gilden daran theil. 
L. Minard-van Hoorebeke 1. c. I, p. 20. Neben dem h. Sebastian war 
es der Bitter St. Georg, unter desscn Schutz sich viele und namentlich die 
altesten Schiitzengilden stellten. Vgl. die bei Jacobs, Die Schutz enkleinodien 
und das Papageienschiessen S. 79 angefuhrteu Beispiele. Ausser den genannten 
Heiligen linden sich, sei es als Patrone oder als Mitpatrone, zu Cleve die 
hh. Antonius und Barbara (Scholten a. a. 0. S. 561), zu Straelen die 
h. Barbara (Der Niederrhein 1879, S. 45), zu Leuth der h. Lambert (Die 
Heimath 1876, S. 176), zu Wachtendonk der h. Antonius (Niederrh. Geschichts- 
freund 1880, S. 124), zu Wankum der h. Martin (Niederrh. Geschichtsfreund 
1881, S. 133), zu Kempen der h. Michael (Der Niederrhein 1878, S. 21), 
zu Duisburg die h. Barbara (Die Heimath 1877, S. 59), zu Diisseldorf die 
hh. Jodokus und Sebastian (Herchenbach, Der St. Sebastianus-Schtitzen- 
Verein zu Diisseldorf S. 11), zu Bonn die hh. Jakob und Mathias (Annalen 
des hist. Vereins f. d. Niederrhein XXVIII, S. 118), zu Andernach die Mutter 
Gottes und der h. Sebastian (daselbst VII, S. 3), zu Duren der h. Ewaldus 
(Bonn, Rumpel und Fischbach, Sanimlung von Materialien zur Geschichte 
Durens S. 140), zu Kinzweiler der h. Blasius (Beitragc zur Geschichte von 
Eschweiler und Umgegend I, S. 293), zu St. Vith die hh. Rochus und Sebastian 
(He eking, Geschichte der Stadt und ehemaligen Herrschaft St. Vith S. 243), 
zu Nottulen die seligste Jungfrau und der h. Martin (Wilkens, Die Gilden 
uud Bruderschaften der Stifts- und Pfarrgemeinden zu Nottulen S. 11), zu 
Breslau der h. Fabian (Edelmann, Schtttzenwesen und Schtitzenfeste der 
deutschen Stadte S. 7), zu Ulm der h. Franziskus (von Maurer, Geschichte 
der Stadteverfassung in Deutschland I, S. 521), zu Landshut der h. Johannes, 
zu Niirnberg die hh. Hubertus und Moritz, zu Salzburg St. Eustachius 
(Edelmann a. a. 0. S. 7). Weibliche Schutzenpatrone finden sich ausser 
den bereits genannten noch in Freising, Tblz und Benediktbeuren (Edelmann 
a. a. 0. S. 8). 

2 ) Der Zweck der in der Schutz engilde errichteten Bruderschaft war 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schtitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 231 

Sie hatten in der Kirche nicht nur einen eigenen dem h. 
Sebastian geweihten Altar 1 , den sie unterhielten 2 , sondern sie 

nicht immer der namliche. So wurde in Allrath die Sebastianus-Bruderschaft 
im Jahre 1533 zur Abwehr gegen die Pest gestiftet. Dies erzahlt ein altes 
Bruderschaf tsbiichlein : „Grassante in Aldenrath dira lue seu peste circa 
annum 1533, incolae dicti pagi sub praesidiuni B. M. V. et s. Sebastiani 
martyris confugerunt, atque sub honorem B. M. V. immaculate conceptae et 
s. Sebastiani erexerunt confraternitatem, quam ex mediis propriis, suos 
nimirum agros gravando, fundarnnt et ditarunt. a (Giersberg, Geschichte 
der Pfarreien des Dekanates Grevenbroich S. 4.) Weshaib gerade der h. 
Sebastianus als Scbutzheiliger gegen die Pest angerufen wird, diirfte wohl 
in der Symbolik seines Martertods liegen. Das Contagium der Seuche 
wurde als ein unsichtbarer Giftpfeil betrachtet. Bei Homer ist es Apollo, 
der durch das Abschiessen solcher Pfeile die Pest im Lager der Griechen 
hervorruft, wie es ja in der That die Gliihsonne der heissen Zone ist, die 
durch ihre Strahlen dort Seuchen hervorruft, wo durch ungesunde Boden- 
verhaltnisse, Menschenansammlungen und Unreinlichkeit die Vorbedingungen 
dazu gegeben sind. In ahnlicher Weise dachte sich das jtidische und christ- 
liche Alterthum die gbttlichen Strafgerichte, also namentlich die Pest, als 
Pfeile. So hcisst es in Psalm 37, Vers 3 und 4: „Deine Pfeile stecken 
tief in mir .... es ist nichts hciles mehr an meinem Fleische." Vgl. auch 
5. Moses 32, 42. Der von Pfeilen durchbohrte h. Sebastianus ist daher das 
Abbild und die Zuflucht der Pestkranken. Das Biberacher Schutzenfest soil 
ehedem auch als Gedachtnisstag an Pest und schwarzen Tod gehalten 
worden sein. Bir linger, Volksthiimliches aus Schwaben II, S. 276. In 
Honingen liesseu sich in der Erwagung, „dass nit allein der gottesdienst 
bey gewohnlichen processionen geschinalert, sondern auch die affection gegen 
arme presshafte menschen gantz und zumahl ist untergegangen", am Frohn- 
leichnamstag 1651, um „diese uralte bruderschaft wiederumb in reparation 
und wiirklichen effect zu bringen", mehrere Leu to der Sebastianus-Bruder- 
schaft einverieiben. Giersberg a. a. 0. S. 225. 

*) Vielfach besassen die Schiitzenbruderschaften eine eigene Kapelle, 
die mit Sinnbildern ihrer Patrone geschmilckt war. So in Gent, wo das 
Altarbild sinnbildlich die Pest in Mailand darstellte. Die hh. Karl Borromaus, 
Sebastian und Rochus bitten demuthig, dass Gottes Barmherzigkeit die Pest 
abwenden moge. Vgl. L. Minard-van Hoorebeke 1. c. I, p. 18. Die 
Schiltzengilde des h. Sebastian zu Modena liess 1525 von Correggio das 
unter dem Namen „Die Madonna des h. Sebastian 44 bekannte Bild fur eine 
— augenscheinlich zu ihrem Gebrauch bestimmte — Chorkapelle des dortigen 
Doms malen. Vgl. vohReber und Bayersdorffer, Klassischer Bilderschatz, 
Jahrg. I. Beziiglich der Schiitzenkapellen in Liegnitz und in Ulm s. Edel- 
mann a. a. 0. S. 4. 

2 ) Rechnung von 1 502 : Item noch hayn ich gegolden 2 koefferen luychter op 
synt Sebasteiaenyss altoer, wygen 23 pout, dat pont 6 alb. facyt 3 J / 2 g- 12 alb. 

Dieser Auszug und die folgenden sind dem bei Aniage 12 beschriebenen 
Rechnungsbuch entnommen. Die betreffenden Rechnungen sind, um Wieder- 
holungen zu vermeiden, in den Anlagen nicht mitgetheilt worden. 



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232 M. SchoUen 

besoldeten auch einen Kaplan 1 , dem es oblag, die Fruhmesse 
zu lesen; ferner besassen sie zum gottesdienstliehen Gebrauch 
ein Messgewand nebst zwei silbernen Messkannchen 2 . Die fur 
den Altar nothwendigen Wachslichter beschaffte die Bruder- 
schaft 3 und, urn das hierzu erforderliche Wachs zu erhalten, 
war die Bestimmung getroffen, dass die Siihne ftir einzelne 
Uebertretungen der Satzungen in Wachs bestehen sollte. Dieses so 
der Bruderschaft zufliessende Wachs reichte indessen nicht aus, 
weil die Kerzen bei ihrer damaligen Starke eine ganz ausser- 
ordentliche Masse von Wachs erforderten 4 . Urn daher das 
nothwendige Wachs zu erhalten, verlegte sich die Bruderschaft 
auf die Bienenzucht 5 . 

Der frorarae Sinn der Briider ausserte sich ferner in der 
Darbringung von Opfergaben zu Ehren des h. Kornelius 6 , und 
als einer ihrer Genossen im Jahr 1500 nach Rom wallfahrtete, 
erhielt er ein Weingeschenk von der Gesellschaft, sowie einen 
Geldbetrag, urn diesen dort vor dem Bilde des h. Sebastian zu 
opfern 7 . 

*) Rechnung von 1501 : Item noch vur meyster Johans totter vroyghmysse 
21 g. korrentz. Dieses Gehalt erscheint in der Ausgaberechnung von 1510 in 
Hbhe von 30V 2 £• kaerent. Daneben erhielt der Geistliche noch eine besondere 
Belohnung, welche die Rechnungen verschiedener Jahre mit den Worten: „Noch 
her Jan, onsse kapeloen, vuyr syne bonet 10 alb." auffuhren. 

2 ) Anlage 10. 

s ) Die Wachslichter, welche in der Kirche anf gemeinschaftliche Kosten 
unterhalten wurden, spielten, wie Wilda, Das Gildenwesen im Mittelalter 
S. 118 bemerkt, in alien Gilden, wo und wann diese auch bestanden, eine 
sehr grosse Rolle. Die Schiitzenrechnung von 1510 hat bezttglich der Wachs- 
lichter folgende Ausgabe: „Item noch Rytzen van der Heyden 5^2 P ont wa ss 
inde den maekloyn van 3 jaeren van den kertzen facyt 2 1 /* g. en 9 alb. 
Noch vur 3 pont wass synt Sebaesteiaenus dach eynen g. 9 alb." 

4 ) Vgl. Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter I, 1, 
S. 505. 

6 ) Schon 1499 findet sich in der Rechnung eine Ausgabe „vur eyn byen 
kayr" und in der von 1502 heisst es: „Item noch hayn ich Cleyn Erken 
gedayn vur eynen beye 1 g. 1 1 / 2 alb. inde wyr haeven by Erken vurschreven 
3 beyen gesat, sullen 3 jaer staen, dat yrste jaer gynge aene synt Remeyssmess 
anno XV C en eyn. Item noch vure 2 beyen kaere 6 alb." 

6 ) Die in verschiedenen Rechnungen in unterschiedlicher Hohe vor- 
kommende Ausgabe lautet durchgSngig: „Noch synt Koernelis heyldom 
geoeffert." 

7 ) Wie Wilda a. a. 0. S. 350 bemerkt, liessen sich viele Gilden neben 
andern Hiilfeleistungen und Begttnstigungen frommer Werke die BefOrderungen 
der Wallfahrten, besonders nach einzelnen heilig geachteten Orten, angelegen 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schiitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 233 

Der Gedenktag des h. Sebastian wurde als der Gesellschaft 
Patronstag angesehen und demgemafi festlich begangen. Die 
Mitglieder versammelten sich an diesem Tag, sobald es zur 
Messe gelautet hatte, auf dem Gewandhaus 1 , von wo sie in 
festlichem Zug unter Vorantritt des Konigs dem Alter nach sich 
zur Kirche begaben, um der h. Messe beizuwohnen. Diese 
wurde mit grossem Geprange unter Assistenz von zehn und mehr 
Geistlichen und zwei „Apslaevanten tt 2 celebrirt. Wahrend der- 
selben gingen zunachst sammtliche Schiitzen und danach ihre 
Frauen zura Opfer, um die Messe zu „loissen tt3 . 



sein, und jeder Bruder, der ohne gehoriges Vermogen sich zu einer 
solchen Pilgerfahrt entschloss, erhielt von den Genossen Beitrage. So 
bestimmten die Stat, convivii corporis Christi in Sonderhaered in Lalandia: 
nQuicunqjie convivarum limina Sanctorum Petri et Pauli vel Iacobi vel ultra 
mare visitare voluerit, quilibet convivarum suffulciat eum in solido Sterlingo- 
rum. u Und die Stat, convivii s. Gertrudis Bipis schrieben vor: „Si quis 
conviva vult peregrinari et visere limina b. Mariae Lauretanae, a qjiolibet 
fratre et sorore habebit tres Lubecenses. Et tantum si limina b. Olai vult 
visere, si egens fuerit. Etiam si vult visere limina b. Petri Bomae vel 
limina b. Iacobi, tunc V Lubecenses a quolibet habebit." Der Ausgabe 
geschieht in der Bechnung des Jahres 1500 mit folgenden Worten Erwahnung: 
Item noch Jan Syllen gheschenckt, doe hee zo Bomen ghynck, 8 quart wyns. 
Item noch den selven Jan vur die gheselscaff, dat hee tot Bomen offerte 
vur sint Sebastius (!), 2 alb. 2 morken. — Ueber die Bitt- und Pilgerfahrten 
der Sebastianus-Bruderschaft in Bonn s. Annalen des hist. Vereins f. d. Nieder- 
rhein XXVIII, S. 123. 

*) Solche Gewandhauser, in welchen die Wollenweber ihre Erzeugnisse 
zum Verkauf ausstellten' und ihre Versammlungen hielten, gab es fruher am 
Niederrhein auch in manchen kleinern Orten, z. B. zu Erkelenz, Gangelt, 
Goch, Geldern, Bheinberg u. s. w. Wahrscheinlich verbreitete sich die Kunst, 
aus der Wolle des Schafes Kleiderstoffe zu bereiten, schon in fruhmittel- 
alterlicher Zeit aus den Niederlanden in diese Gegenden. Vgl. Annalen des hist. 
Vereins f. d. Niederrhein V, S. 90 ff. und VI, S. 40 ff.; Zeitschrift des 
Bergischen Geschichtsvereins IX, S. 77. In Geilenkirchen diente das Gewand- 
haus also auch der Schiitzengesellschaft als Versammlungslokal. Letzteres 
benennen die Satzungen auch Leuve. Die Schiitzengilden hatten, wie jede 
andere Genossenschaft, allerorts ihre Trinkstube, in welcher sie sich an Sonn- 
und Feiertagen zur geselligen Unterhaltung versammelten und wo sie auch 
das Fest ihres Schutzpatrons und andere Feste feierten. Vgl. vonMaurer 
a. a. 0. 1, S. 521 ff. Ueber den Bau des Gewandhauses in Geilenkirchen vgl. 
Anlage 16. 

2 ) Observanten, wie man die nach der ursprtinglichen Begel lebenden 
Franziskaner nannte; sie kamen aus Diiren. Wegen der Bezeichnung vgl. noch 
'De Maasgouw, Jaarg. XII, p. 23. 

8 ) Eine Messestiftung ist nach gef. Mittheilung des Herrn Pfarrers 



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234 M. Schollen 

Mit der religiosen Feier stand die gesellige in engem Zu- 
sammenhang. War der Gottesdienst beendigt, so begaben die 
Schiitzen sich wieder zur Leuve, wo sie mit den Priestern, 
Junkern, sowie den gebetenen und gerufenen Freunden Mahlzeit 
hielten. Wie diese ausgerichtet, wer dazu gebeten oder gerufen 
werden sollte, hatten die Meister vorher rait der Gesellschaft 
zu besprechen. Ausser den Mitgliedern der Gesellschaft und 
den Geladenen durfte Niemand an der Mahlzeit theilnehraen, es 
sei denn, dass Jemand gekommen ware, dessen Erscheinen der 
Gesellschaft zur Ehre oder zum Nutzen gereicht hatte; diesen 
durften die Meister, ohne vorher mit der Gesellschaft berathen 
zu haben, einfuhren. Fand sich sonst Jemand auf der Leuve 
ein, so hatte der Knecht der Gesellschaft den Namen des ein- 
fuhrenden Mitglieds festzustellen, dieses verfiel in Strafe. 

Damit der Anstand und die gute Sitte bei dieser Tafelfreude 
nicht verletzt werde, bestimmten die Satzungen, dass die Theil- 
nehmer an der Mahlzeit weder selbst ungebiihrlich trinken, noch 
Andere dazu verleiten sollten. Es war ferner untersagt, von 
den aufgetragenen Speisen ohne Erlaubniss oder Befehl der 
Meister etwas von der Leuve wegzuschicken 1 . 

War die Mahlzeit beendet, so hatten sich die Geladenen 
zu entfernen, und die Mitglieder schritten nun zur Wahl von 
je zwei Meistern 2 , Beimeistern und Brudermeistern. Diese, 

Schaefer zu Geilenkirchen von der St. Sebastianus-Bruderschaft in der dortigen 
Pfarrkirche nicht gemacht worden. Den Opfergang wahrend der Messe am 
Patrociniumstag schrieben verscliiedcne Schtitzenordnungen vor, vgl. Edel- 
mann a. a. 0. S. 5; Herchenbach a. a. 0. S. 98. In Honingen musste 
bei diesem Anlass zuerst in den Bruderschaftsstock, danach auf den Altar 
geopfert werden. G iersberg a. a. 0. S. 225. Die Satzungen der St. Sebastianus- 
Schiitzenbruderschaft in Randerath geboten den Opfergang bei ciner Strafe 
von 2 Pfund Wachs. Nach eincr Absclirift dieser Satzungen von Apotheker 
Eckerts zu Randerath; spater citirt als Randerather Schutzenordnung. 

*) Zur Bereitung der Speisen hatten die Schiitzen einen Koch, der 
als Lohn eine Flasche Wein erhiclt. Das zu dem Essen nothwendige Geschirr 
entliehen sie : Noch Kuyrsten vuyr poet hide sehottelen zo lenen 3 alb. Einen 
wie kr&ftigen Appetit die Schiitzen bei eincra solchen Essen entwickelten, 
mag daraus hervorgehen, dass 1514 ausser an Stockfisch und Kase noch 200 
Haringe und 18 Pfund Butter berechnet werden. Im Jahre 1508 hatten sie 
bloss jjl 1 ^ hondert herynck und 12 pont boeteren" gebraucht. 

2 ) Die Vorsteher der Schiitzengesellschaften kommen in den Urkunden 
auch als „eldiste, alterleuthe, obermeister" vor. Gengler a. a. 0. S. 474 
In Fehmarn hiessen sic Hauptleute. Gierke, Das dcutsche Genossenschafts- 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schiitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 235 

sowie der Konig waren das Organ der Gesammtheit '. Ihnen 
lag die Leitung der Gesellschaft ob, sie batten deren Wohl zu 
berathen und Alles zu deren Besten zu lenken. 

Die Amtsdauer betrug ein Jahr. Als Eichtschnur fiir ihre 
Geschaftsfubrung dienten die Satzungen; die hier nicht vor- 
gesehenen Falle entschieden sie nach Anhorung der Gesellschaft. 

Insbesondere verwalteten die Meister das Vermogen der 
Gilde und legten iiber die Verwaltung auf der Leuve oder dera 
Gewandhaus Kechnung 2 . Ergab sich bei der Rechnungslage 
ein Einnahme-Deberschuss, so rausste er innerhalb seclis Wochen 
abgeliefert werden, liberstiegen dagegen die Ausgaben die Ein- 
nahmen, so waren die neuen Scliiitzenmeister gehalten, die 
DifFerenz an die abgehenden Scliiitzenmeister zu zahlen, die 
vorgelegte Summe konnten sie aus den ersten Gefallen entnehmen 3 . 
Wahrend der Rechnungslage durften die Mitglieder nur mit 
Erlaubniss der Schiitzenmeister sprechen 4 . Nach derselben iiber- 
reichten die abgehenden Schutzenmeister den neu erwahlten alle 
auf die Gesellschaft beziiglichen Urkunden zu fernerer Auf- 
bewahrung 5 . 



recht I, S. 452. In Eschweiler waren ausser den Bruder- und Schiitzen- 
meistern noch ein Hauptmann und Fahnrieh. Beide Aemter waren sehr 
gesucht und wurdcn gewbhnlich durch Geld angesteigert. Beitrage zur 
Geschichte von Eschweiler und Umgegend I, S. 164. 

*) Am Sonntagdjrossfastabend 1596 beschlossen die Schiitzen, „dafi hin- 
forter wie van alters zwein brodermeister und zwein beymeister zu den 
schutzenmeistren ingestelt und eders jairs erwelt werden sollen, die selbige 
beneben unsercn koninck alles, wa6 der geselschaff nottigh, beraitschlagen 
und zum besten zu behoiff der ganzen geselschaff brengen helffen". 

2 ) Von diesen sind 7 in den Anlagen mitgetheilt. Abgesehcn von dera 
wirthschaftlichcn Interesse, das diese Eechnungen darbieten, war bei der 
Veroffentlichung besonders die Ansicht von Iherings, Der Zweck im Recht, 
2. Aufl. I, S. 65, iiber das Ausgabenbuch bestimmend. 

8 ) Am 11. Februar 1740 fasste die Gesellschaft den Bcschluss, „nichts 
iiber die renthen zu zchren, im widrigen falle oder wer dariiber mit seine 
rcchnung kommen wird, wiirde die gesellschaft demselben nichts zu gut tliun". 

4 ) Wer in Randerath mit den Schiitzenmeistern zu thun oder zu schaffen 
hatte, sollte „das giitlich und ziichtiglich ausrichten mit keinen rauen, harten, 
ruffenden worten, noch mit den handen auf den tisch oder fenster ungestiim- 
lich schlagen"; wer dagegen handclte, verfiel in eine Strafe von 12 Albus. 
Randcrather Schiitzenordnung. 

5 ) Diese im Lauf der Zeit nicht mehr piinktlich gehandhabte Bestimmung 
veranlasste die Gesellschaft am 11. Februar 1728 zu beschliessen, dass, 
„so oft alB auf st, Sebastiani ncwe schiitzenmeistern erwohlt werden, die 



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236 M. Schollen 

Hirer besondern Aufsicht war der Uebungsplatz, die Klever *, 
unterstellt. So oft es nothig war, mindestens aber einmal im Jahr, 
mussten sie diese bei Vermeidung von Strafe ausbessern lassen. 
Bei Ausziigen fiihrten die Meister den Befehl, und es traf den- 
jenigen, der ihren Anordnungen nicht nachkam oder gar sie 
schmahte, Strafe. Vergingen sich die Meister in der Handhabung 
der Satzungen den Gesellen gegeniiber, so traf sie auf Beschluss 
der Gesellschaft die namliche Strafe wie die Mitglieder. 

Die Brudermeister leiteten die Angelegenheiten der Bruder- 
schaft und verwalteten deren Einkiinfte. Auch sie waren gehalten, 
Rechenschaft von ihrer Verwaltung zu legen 2 . 

Als Beamter der Gesellschaft erscheint ' endlich noch der 
Knecht. Zu seinen Dienstverrichtungen gehorte, die Mitglieder 
zu den Zusammenkunften zu bestellen, auf dem Schiessplatz die 
Pfeile zu reichen, zu dem Vogelschuss die Kerber 3 zu verfertigen 
und die Ruthe, worauf der Vogel gerichtet wurde, zu bestellen. 
Fur seine Dienstleistungen erhielt er beim Konigsschiessen eine 
Flasche Wein und die Seile, womit die Ruthe gebunden wurde, 
sowie je einen halben Gulden zu Pfingsten und St. Martin 4 . 
Fiihrte er einen Auftrag nicht aus, so traf ihn eine kleine Busse. 



abstehende denen newen schntzemneistern alfibalt den schlussel und die kast 
uberliefferen, und die regierung quittiren soUen u . 

*) Eine AnhShe in der Nahe der Waidmiihle. Heute noch hat das 
Grundstttek den Flurnamen „Hinter der Vogelstange". „Um die Klever war 
zur Vermeidung von Unglttcken durch die herabfallenden Pfeile ein als 
Weideland dienender Damm, den die Schtitzen verpachteten. Vgl. Rechnung 
von 1501: „Item noch int jaere vurschreven hait Geylis Kardoesten beschuet 
ind ayn sich behalden metter kertzen den schuytssen daeme 6 jaere lanck nae 
aynandere volghende ind sal die tuynynghe halden, dat gheyn schaede daere van 
komen en sail noch ghein beesten daere op slaen, dat sy ayn den Kleveren 
eynichen schaden doen sullen off mochten. Ind saU eyn eyder jaere daevur 
den schutssen betalen 14 marck Eyxz paye. Gait der g. golt 10 1 \ 2 marck 
ind 1 Hornsch g. 30 alb." Das im Altdorf auf einem Hiigel gelegene Haus der 
St. Sebastianus-Sehutzengesellschaft in Burtscheid, welches diese am 5. Juni 
1525 vor Gericht in Erbpacht gab, hiess gleichfalls „die Klever". Vgl. Quix, 
Hist.-topogr. Beschreibung der Stadt Burtscheid S. 259; M. F.-Sch., Zur 
Geschichte der altehrwiirdigen St. Sebastiani-Bogenschutzen-Gesellschaft zu 
Burtscheid S. 3. 

2 ) Diese Rechnungslage erstreckte sich im Jahre 1506 auf den Zeitraum 
von drei Jahren, spater wurde die Rechnung jahrlich gelegt. 

3 ) Einschnitte in das Kerbholz. 

4 ) Durch Beschluss der Gesellschaft vbm Jahre 1601 wurde „dem schiitzen- 
knecht hinfurter zwei malter roggen vor seine belohnung geweist". 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schtitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 237 

Um der Gesellschaft einen Konig zu geben, fand in jedem 
Jahre am ersten Sonntag nach Pfingsten 1 ein Schiessen nach 
dem Papagei oder Vogel statt, an welchem ein jeder Schiitze, 
der im Ort anwesend war, theilnehmen rausste. Zu dem Ende 
versammelte sich die Gesellschaft um 1 Uhr mit Bogen und 
Schiesszeug auf der Leuve. Dort machte der Knecht die Kerber, 
welche die Reihefolge beim Schiessen und die Ordnung, in 
welcher die Gesellschaft sich zum Schiessplatz begab, bestimmten. 
Hatte Jeder aus der Gesellschaft dreimal geschossen, so riefen 
die Meister Friede 2 aus. Durch dieses Gebot sollte jede Storung 
oder gar ein gewaltsames Verdrangen des Einzelnen bei dem 
nun ohne Innehaltung der bisherigen Ordnung folgenden Schiessen 
untersagt und es Jedem aus der Gesellschaft moglich gemacht 
werden, ungehindert die Wiirde des Konigs zu erringen. Diese 
erlangte, wer den Vogel oder den letzten Theil desselben 
herunterschoss. Sofort hing ihm der Knecht als ausseres Zeichen 
seiner Wiirde das Kleinod um den Hals, das er fbrtan an alien 
Fest- und Schiesstagen, auf der Leuve und dem Schiessplatz 
bei Vermeidung von Strafe unbedeckt tragen musste. Nach 
Einsetzung des Konigs in seine Wiirde schenkten die Meister 
ihm 1 j 2 rheinischen Goldgulden 3 , seiner Ehefrau ein Paar 

*) Fast an alien Orten wurde dieses Fest zur Pfingstzeit, „der Hochzeit 
des deutschen Volkslebens", gehalten. Vgl. Jacobs a. a. 0. S. 69 If.; 
Pfannenschmidt a. a. 0. S. 585; von Maurer a. a. 0. 1, S. 523; Hocker, 
Eine Eisenbahnfahrt von Koln nach Brtissel S. 62; Deckers, Der St Sebastiani- 
Schtltzen-Bruderschaft zu Eschweiler Geschichtc, Rechte und Freiheiten S. 10; 
Broix, Erinnerungen an das alte beruhmte Tolbiacum S. 110. In Colberg, 
Danzig, Liibeck, Reval u. s. w. waren Mai-, Pfingst- und Schtitzenfeste 
geradezu Eins, und die Zeit der Feier solcher Feste erstreckte sich eigentlich 
von Walpurgis bis Johannis oder vom ersten Maitag bis zur Sonnenwende. 
Edelmann a. a. 0. S. 39, wo auch liber diese Schiessen aus Braunschweig, 
Breslau u. s. w. berichtet ist. 

2 ) In den bttrgerlichen Genossenschaften ttberhaupt hatten die Meister 
oder Aelterleute das Friedensgebot in den Versammlungen. Gierke a. a. 
0. I, S. 399. 

s ) Die Geschenke an den Konig, die sich dort, wo eine Schutzengesell- 
schaft besteht, in Uebung befinden, waren schr verschieden. In Soest erhielt 
er „eyn hoken, den sal hey dregen aUe sundage, aposteldage und unser 
leyven fro wen dage, up slintte Patroklus und dey vere hochtydt und besunder 
wan man begenknisse helt in der kerken", Zeitschrift des Vereins far die 
Geschichte von Soest und der Boerde 1883/84, S. 1. Wer in Dortmund „dcn 
papegoien afschot, demgaf de raet ein guet armborst", Chroniken der deutschen 
Stadte XX, S. 236. In Eschweiler war der Kiinig von alien Hand- und Spann- 



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238 M. Schollen 



Mauen 1 von demselben Tuch, woraus die Kopfbedeckungen der 
Mitglieder gemacht wurden. Sodann begab sich die Gesellschaft zur 



diensten, sowie Kriegslasten frei, erhielt vom Vogt, dem Vertreter des Landes- 
herrn, 9 Rcichsthaler 16 Albus und durfte ein Schwein zur Mast auf den 
Eschweiler Busch treiben. Pick, Notizen zur Geschichte der Stadt Eschweiler 

5. 70; Deckers a. a. 0. S. 20. In Neuss wurde durch Rathsbeschluss vom 

6. Juni 1664 dem Schutzenkonig vergiinstigt, 2 Kuhe frei auf der Stadtweide 
zu halten. Am 29. Mai des folgenden Jahres wurde nocli 1 Morgen Gras 
(Kb'nigsmorgen) hinzugefugt. Lbhrer, Geschichte der Stadt Neuss S. 444. Zu 
Hamminkeln und Briinen bei Wesel ist der Kbnig noch heute fur sein Regierungs- 
jahr von alien Gemeindelasten frei, was fur den Besitzer eines nur etwas bedeu- 
tenden Guts einen merklichen Vortheil bildet. Diese Sitte soil in dem benach- 
barten Miinsterland eine ziemlich allgemeine sein, Annalen des hist. Vereins 
f. d. Niederrhein XI. XII, S. 242. Auch in Miinstereifel bestand derselbe 
Gebrauch, Miinstereifeler Zeitung 1887. In Hbningen war mit der Kbnigs- 
wiirde Freiheit von alien Leibs- und Pferdsdiensten das ganze Jahr hindurch 
verbuuden, Giersberg a. a. 0. S. 225. Die Gemeinde Viersen zahlte der 
Sehtttzenbruderschaft jahrlich nach ihrem Vogelschuss fur den Schutzenkonig 
ein Douceur von 4 Reichsthalern, Norrenberg, Aus dem alten Viersen S. 69. 
In Wachtendonk war der Kbnig der Sebastianus-Bruderschaft von den Hand- 
nnd Spanndiensten, die er dem Herrn von Wachtendonk sonst zu leisten 
hatte, frei; der Kbnig der St. Antonius-Bruderschaft daselbst erhielt von der 
Stadt die auf 12 Gulden regulirte Steuer zum Nutzen, Niederrh. Geschichts- 
freund 1880, S. 53 und 125. Die Satzungen der St. Martinus-Bruderschaft zu 
Wankum bestimmten in § 14: „Ende wanneer den vogel geschoeten wordt, soo 
sal dien, denwelcken alsdan den vogel angeschoeten heeft, voor dat jaer uyt 
der broederschappe renten hebben vyffthien gulden Cleefs", das. 1881, S. 140. 
In Kempen sollte bestimmungsgemaB der Schutzenkonig von alien burgerlichen 
Lasten und Diensten und von Steuern mit Ausnahme der Simpla frei sein, 
Die Heimath 1876, S. 203. Wer in St. Vith den Vogel abschoss, erhielt einen 
doppelteu Dukaten, He eking a. a. 0. S. 244. Vgl. noch Beitrage zur Ge- 
schichte von Eschweiler und Umgegend II, S. 4; Jacobs a. a. 0. S. 84 ff. 
Ueber die St. Georgsgilde zu Gent bemcrkt L. Minard-van Hoorebeke 
1. c. I, p. 7: „Deja au commencement du XIV e siecle, les confreries de St. 
Georges tiraient annuellement au Papegai ou Oiseau royal. Le vainqueur 
etait proclame roi de la confrerie et avait, durant Tannee de sa royaut6, voix 
deliberative dans le serment." 

J ) Bei diesem Geschenk muss man sich vergegenwartigen, v dass im 
Mittelalter zur Zeit der hbfischen Dichtung der anfangs enge Aermel des 
Gewands nachher sich zu einem bis fast auf die Fiisse herabhangenden Sack 
erweiterte. Dabei hing er wahrscheinlich nicht fest am Rock, sondern war 
nur angebunden. Auch bediente man sich seiner als Tuch, schlug ihn 
als Schutz gegen Kalte um Kopf und Hals und gebrauchte ihn als Tasche. 
Vgl. von Heyden, Die Tracht der Kulturvblker Europas S. 82. Ueber die 
Erwahnung der Konigin neben dem Kbnig in den alten Schiitzenordnuugen 
s. Jacobs a. a. 0. S. 86; Scholten a. a. 0. S. 559. 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schtitzenbruderschaft in Geilenkircheii. 230 

Leuve, urn Bier zu trinketi und das Konigsessen * zu besprechen. 
Nach der Besprechung schenkten die Meister im Namen der Gesell- 
schaft dem Konig 1 Viertel Wein, der Konig aber schenkte der 
Gesellschaft 1 1 j 2 Viertel Wein. Auch zu dem Konigsessen durfte 
ein Mitglied Auswartige nur mit Genehmigung der Meister ein- 
fuhren; die Meister durften mit Genehmigung der Gesellschaft 
Jeden einladen. 

Ein ferneres Vorrecht des Konigs war, dass er, wenn er 
sich in einem Wein- oder Bierhaus in Gesellschaft von mindestens 
sechs Gesellen befand, von diesen die Bezahlung seiner Zeche 
verlangen durfte. 

Um ihren eigentlichen Zweck erfiillen zu konnen, war den 
Schiitzen eine haufige Uebung in der Handhabung des Bogens 
nothwendig. Diese Uebungen fanden Sonntags 2 nach Beendigung 
der Messe auf den Klevern statt 3 . Sie begannen am ersten 



') Das Konigsessen musste vielerorts der Konig als Gcgenleistung fur 
die durch seine Wtirde erkaltenen Vorrechte geben. So in Burtscheid, wo 
er ein Stiick gesalzenes Fleisch, einen Schweinc- und einen Hammelschinken, 
einen Kalbskopf und eine Schussel Hiitzpott den Schiitzen verehrte. M. F.-Sch. 
a. a. 0. S. 7. In Nideggen musste der Konig „bei dem Essen den gemeinen 
Schiitzen zwei Schiisseln mit Hurren-Fleisch, zwei Schiisseln mit zwei Braten, 
zwei mit Butter und Kase aufsetzen, welche Schiisseln obcnan auf den Tisch 
gcsetzt werden und nach einander ordentlich bis zum Ende umgehen sollten; 
dazu musste er das Brod und Bier stellen und vier Viertel Wein; falle ihm 
dies zu schwer, so sollte ihm etwas nachgelassen werden. Jeder Schiitze sollte 
dagegen dem Konig 3 Quart Wein und 6 Albus zum Zech verehreu und eine 
Schttssel Speise nach seiner Gelegenheit." Aschenbroich, Geschichte des 
Schlosses und der Stadt Nideggen S. 85. In Honingen musste jeder der 
Schutzenbriider zu dem Konigsessen, woran nur sie und ihre Frauen 
theilnehmen durften, „nach seiner Gelegenheit" eine Portion mitbringcii. 
Der Konig hatte ein halbcs Kalb und fur 2 Gulden Weissbrod (Week), 
sowie einen Schinken beizuschaffen. Getrunken wurde eine Ohm Bier, 
welche der Konig den Briidcrn zum Besten geben musste, was mehr 
verzehrt wurde, hatten die Briider zu zahlen. Giersbcrg a. a. 0. S. 225 f. 
In Randerath musste der Konig an dem dem Schiessen folgenden Sonntag 
den Briidern 2 Tonnen gutes Bier, jedem 2 Bretzeln, Tabak und die nbthigen 
Pfeifen verschaffen. Randerather Schutzenordnung. Dagegen gab er in Neu- 
kirchen-Hulchrath bloss P/a Ohm Bier. Gicrsberg a. a. 0. S. 308. Vgl. ferner 
Herchenbach a, a. 0. S. 98, 105; Beitrage zur Geschichte von Eschweiler 
und Umgegend II, S. 4; Niederrh. Geschichtsfreund 1880, S. 53. 

2 ) Mit Ausnahme von Kirmess, Ostern, Pfingsten, Gottestracht u. s. w., 
s. Nr. 77 der Satzungen. 

3 ) Gew9hnlich hielten die Schiitzen ihre Schiessiibungen in einem 
Graben ab. Der Aachener Magistrat Uberliess den pirschschiitzen zu diesem 



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240 M. Scholleii 

Sonntag nach Ostern und dauerten bis zum Sonntag vor St. 
Kemigius (1. Oktober) 1 . 

An den beiden Tagen hatten die Meister aus dem Vermftgen 
der Gesellschaft eine Tonne Bier und Brod zu beschaffen. wel-ches 
von den Gesellen auf der Leuve verzehrt wurde. Den Uebungen 
musste jeder Geselle, den nicht Krankheit oder auswartige 
Geschafte abhielten, bei Vermeidung von Strafe beiwohnen und 
sich nach den durch die Satzungen bestimmten Kegeln an dem 
Schiessen 2 und den Schiessspielen betheiligen. Bei dem Schiessen, 



Zweck den Dahmengraben und, als dieser bebaut worden war, den nach ibnen 
benannten Hirschgraben. Die Karlsschiitzen schossen in dem sp&ter ebenfalls 
nach ihnen benannten Stadtgraben. Quix, Hist.-topogr. Beschreibung der 
Stadt Aachen S. 169. Die Bogenschiitzengesellschaft in Diiren hatte ihre 
Uebungen in dem Graben zwischen dem Ober- und KBlnthor, welchen sie 
vom Magistrat fiir 24 Florin in Erbpacht erhalten hatten. Bonn, Rumpel 
und Fischbach a. a. 0. S. 139. 

*) Diese Zeit war allgemein bei den Schtitzengilden zu den Uebungen 
bestimmt. So in Dortmund, wo es in den Satzungen hiess: „. . . sint jaerlix 
up tide als nemlich up sundaegs neegst na Paeschen und des sondaegs neegst 
na sanct Michaelis dage tosamen komen dergestalt, dat ein itlich sijn arm- 
borst und sijn schot bereit hette bij broken damp gesat a . Chroniken der 
deutschen Stadte XX, S. 236. In Sangerhausen war jeder „Montag von 
Trinitatis an bis Jacobi und dann von Bartholomei bis die Woche vor 
Michaelis zum Scheibenschiessen" angeordnet; von FOrster, Die Schtitzen- 
gilden und ihr KOnigsschiessen S. 27. 

*) Die noch ungedruckten Statuten der St. Michaels-Bruderschaft zu 
Rheinberg, deren Original sich im Besitz des Herrn Stadtarchivars Pick in 
Aachen befindet, bestimmten in Nr. 3: „Ehe und bevor mit dem schiessen 
ein anfang gemacht, sollen alle untergehflrige briidern, zwischen welche noch 
einiges unheyll, zanck, zweyspalt oder streit sich aufhalt, vorhins fretind- und 
lieblich vergleichen, und anderen gestalts sich als freiindliebende bruderen 
wohl comportiren und verhalten." 

Die Schiessiibungen scheincn schon friih ausgeartet zu sein und den 
Schiitzen zu Trunk und Muthwilligkeiten Gelegenheit geboten zu haben. 
Herzog Johann von Jiilich, Cleve und Berg schloss am 16. September 1533 
mit dem Erzbischof von Koln einen Vertrag, worin sie mit Rticksicht 
darauf, dass „ durch die schutzery, so in steden und dSrfferen gebruycht werden, 
zu wilchen der gemeyn man mit synem gewer gemeynlich kompt, und als er 
dan zom dronck sich begift, so folgen daruB zu zyden vielfeldige mutwillige 
handlungen gegen syn obericheit, und understeyt alBdann sich mehe dan 
sunst widder die obericheit zu verbinden", vereinbarten, in ihren Landen 
keine neuen Schutzengesellschaften zu gestatten, die vorhandenen aber nur mit 
Wissen der Obrigkeit bestehen zu lassen. Scotti, Sammlung der Gesetze und 
Verordnungen, welche in den ehemaligen Herzogthttmern Julich, Cleve und 
Berg ergangen sind I, S. 29. 



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Die St. Sebastianus- und Antouius-Schiitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 241 

zu welchem auch Nichtmitglieder zugelassen werden konnten, 
waren Kunstgriffe *, sowie jede Stoning des Schutzen, sobald er 
seinen Bogen gespannt hatte, bei Strafe untersagt 2 . 

Neben den Schiessiibungen wurden gleich nach dera Auf- 
kommen der Schutzengilden in den grossern Stadten und oft 
von diesen veranlasst, Schutzenfeste gehalten, die, wie friiher 
die Waffenspiele der Bitter, nunmehr die grossten Volksfeste 
der Deutschen wurden ; auch sie waren Waffenfeste, aber gefahr- 
los, weniger aufregend, urn so behaglicher. Schon im Mai 1387 
hielt die Stadt Magdeburg in einem grossen Schiitzenhaus ein 
Bogenschiessen ab, zu welchem sie die befreundeten Stadte 
einlud 3 . Spater finden sich diese Freischiessen haufiger, die 
stets mit grossern Aufwand gefeiert werden 4 . Urn die Schutzen 
anzuspornen, ging bei diesen Festen das Bestreben dahin, nach 



*) Die St. Vither Schiitzenordnung untersagte • das Laden des Gewehrs 
mit mehr als einer Kugel oder mit Drahtkugeln. He eking a. a. 0. S. 243. 

2 ) Und zwar augenscheinlich zur Vermeidung von Ungliicksfallen. In 
dieser Hinsicht bestimmte die Randerather Schiitzenordnung, dass Niemand, 
alt oder jung, wahrend des Schiessens in der Nahe auf die Baume klettern, 
ferner dass keine „ Kinder oder Jungens" den Schiitzenplatz betreten dtirften, 
die nicht zu bezahlen hatten, bei Strafe von 2 Albus, welcbe die Eltern oder 
Herrschaften zu entrichten verpflichtet waren. 

Die Dttrener Bogenschutzengilde hielt jahrlich ein Freispiel im offenen 
Felde, zu welchem sie einen Platz in der Diirener Feldflur nach Belieben 
zu wahlen berechtigt war. Wer das Ungliick hatte, Jemand bei diesem 
Freispiel zu erschiessen, war nach Zahlung eines Raderschillings von aller 
gesetzlichen Strafe frei. Die Rechte eines Freispiels nahmen aber erst ihren 
Anfang, nachdem der Gerichtsdiener Namens des Schultheissen und Kurfiirsten 
cs als solches erklart und mit dem Ausruf : „Jeder, der nicht hiehin gehQrt, 
entferne sich, dann wird er todt geschossen, so ist er mit einem Raderschilling 
bezahlt a , eroffnet hatte. Dieses Spiel, das Sonntags und Montags nach St. 
Michael gehalten wurde, bestand noch bis zur franziisischen Zeit. Bonn, 
Rumpel und Fischbach a. a. 0. S. 140. 

3 ) Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit II, 2, S. 344. 

4 ) Im Jahre 1480 fand in Mainz ein Freischiessen statt, zu welchem 
die Armbrustschutzen die Stadt KGln und die dortigen Armbrustschiitzen 
einluden. Picks Monatsschrift II, S. 481. Das Freischiessen zu Prag im 
Jahre 1565 wurde mit grosser Pracht gefeiert. Edelmann a. a. 0. S. 120. 
Zu dem Preisschiessen 1573 in Zwickau hatten 39 Orte 187 Armbrustschiitzen 
gesandt; 1576 waren auf dem Freischiessen in Strassburg 70 Orte vertreten; 
1586 kamen zu dem Regensburger Armbrustschiessen 216 Schutzen aus 35 
fremden Stadten ; die von Halle luden 1601 zum Vogelschiessen 156 Orte ein 
und zu dem Schiessen 1614 in Dresden waren von den eingeladenen Stadten 
21 erschienen, 11 nicht. Vgl. Freytag a. a. 0. II, 2, S. 301. 

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242 M. Schollen 

alien Kichturigen auszuzeichnen und so viele Schtitzen als mog- 
lich mit Preisen zu versehen, wozu Gold- oder Silbergeschirr, 
zuweilen mit Geldstiicken gefiillt. Becher und Schalen in alien 
Formen und Grossen, oft mit Zierlichkeit und dem Geschmack, 
welcher die Teclmik der Goldschmiede im 16. Jahrhundert aus- 
zeichnete, ausgefiihrt, gehorten 1 . 

Auch die Schutzengesellschaften kleinerer Stadte ahmten 
diese Feste nach und luden die Gilden benachbarter Orte dazu 
ein. So schossen die Geilenkirchener Schtitzen im Jahre 1511 
mit den Schtitzen von Gangelt, 1515 kamen die Heinsberger 
Schtitzen zum Gesellenschiessen, 1521 fanden sich die Schtitzen 
von Gangelt wieder ein. Bei diesen Veranstaltungen trug die 
Schtitzenbruderschaft von Geilenkirchen die Kosten der Be- 
wirthung 2 . 

Urn die durch die Schiesstibungen und sonst entstehenden 
Auslagen bestreiten zu konnen, verlieh der Herzog Wilhelm von 
Jtilich und Berg am 31. Mai I486 3 der Gesellschaft die in dem 
Geilenkirchener und Htinshovener Kirchspiel gelegene Waid- 
mtihle 4 , frei von alien Abgaben, sowie einen zwischen dem untern 



*) Freytag a. a. 0. II, 2, S. 317 if. In Aachen wurden zu den Schiess- 
spielen die Schtitzen der Stadte Koln, Ltittich, Mastricht, Duren u. s. w. 
eingeladen und „die alsdann", sagt der Chronist Nopp (Aacher Chronick, 
Ausg. von 1643, Th. I, S. 137), „die beste Kleinoder bekommen, selbige haben 
dessen grosse Ehr, vnd nicht kleinen Nutzen". Bei dem Freischiessen in dem 
Hirschgraben erhielt der Sieger 10 Reichsthaler. Quix, Hist. -top. Beschreibung 
der Stadt Aachen S. 169. Auch in Duren war das Hauptwettschiessen mit 
grossen Feierlichkeiten verbunden, die dortigen Schiitzen luden ihre Mit- 
sodalen von Frankfurt, Koln, Aachen, Julich, Munstereifel, Ziilpich und Eus- 
kirchen feierlichst ein, was diese mit hofiicher Einladung zu ihren Haupt- 
wettschiessen erwiderten. Bonn, Rumpel und Fischbach a. a. 0. S. 139. 

2 ) Rechnung von 1511: Item opten lesten scheyssdach, so als die van 
Gangelt bie onss waeren, haynt wyr gehayt in den yrsten 5 virdel weytz 
15 alb. Noch vuyr groyne vleysch eynen g. en 6 alb. Noch vuyr 3 gensse 
inde 2 antvoegel 23 2 / 2 a H>» Noch vuyr bier 3 g. 7 alb. en 3 h. — Doyn* 
die schuyten van Gangelt he waeren, schenckden onsse geselsschaff yn 4 quart 
wynss, macht 16 alb. — Rechnung von 1515: Noch verlacht, doyn die schuyten 
van Heynssberch hie waeren, 10 alb. en 2 h. — Rechnung von 1521 : Noch 
doyn die van Gangelt hie waeren scheyssen, aen bier l 1 /, g. 

3 ) Anlage 5. Dieser Fiirst scheint ein besonderer Gonner der Schtitzen- 
gesellschaften gewesen zu sein; durch Urkunde vom 7. September 1487 
bestatigte er auch die St. Sebastianus-Schutzenbruderschaft zu Munstereifel. 
Vgl. Munstereifeler Zeitung 1887, Nr. 32 und 33. 

4 ) Die Waid bildete im Mittelalter das wichtigste Material zum Blau- 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schtttzenbruderschaft in Geilenkirchen. 243 

Thor von Geilenkirchen und der Kornmiihle 1 getegenen Fisch- 
weiher 2 , Gottberaet genannt 3 . 

Die Waidmiihle wurde jedes Jahr, der Weiher alle 6 Jahre 
auf Sonntag Grossfastnacht bei brennender Kerze zur Ver- 
pachtung ausgestellt, wobei sich auch der Gesellschaffc nicht an- 
gehorige Personen an dem Bieten betheiligen durften. Ueber 
die Grosse der Kerze oder die Dauer ihres Brennens ist keine 
Bestimmung getroffen, das Protokoll liber die Verpachtung sagt 
kurz „nach alder gewonheit". Den Zuschlag erhielt, wer beim 
Erloschen der Kerze das hochste Gebot abgegeben hatte. Keiner 
durfte die Kerze niederstossen, zu Fall bringen oder ausblasen. 
Fur die Pachtsumme konnte wie fiir die Briichten zur Pfandung 
geschritten werden. 

Musste die Gesellschaft auf Befehl des Landesherrn aus- 
ziehen, so war der Anpachter der Miihle, falls er an dem Aus- 
zug theilzunehmen gezwungen war, seiner Verpflichtung ledig 
und er durfte einen Andern in seine Stelle einsetzen. Dieses 
Kecht iibte spater die Gesellschaft aus 4 . 

Ferner erlaubte durch die naraliche Urkunde Herzog Wilhelm 
der Gesellschaft, jahrlich vier Fuder Wein steuerfrei zu ver- 
zapfen 5 , zwei Fuder in der Zeit zwischen Pfingsten und dem 

farben und wurde bis zum vorigen Jahrhundert auch am Niederrhein yiel 
gebaut. Blau gehorte in mittelalterlicher Zeit zu den Farben der Vornehmen. 
Auf den Waidmiihlen wurden die geernteten Blatter zermalint. Vgl! Annalen 
des hist. Vereins f. d. Niederrhein V, S. 118. Die Waidmiihle ist nicht mehr 
vorhanden, an deren Stelle sind jetzt Wohuhauser getreteu. 
') Diese Kornmiihle besteht noch. 

2 ) Wo dieser Weiher sich befand, sind heute Wicsen und bebaute Grund- 
sticke. Im Volksmund heisst es „Gottbruch u . 

3 ) Godberoide (Goetberade) heisst 1447 auch eine Ortschaft im Amt 
Grevcnbroich, Zeitschrift des Berg. Geschichtsvereins XXIV, S. 41 und 49. 
Gottbrath ist ein durch Verkleinerung aus Godabert, Godebcrt — der durch 
Gott, wie Gott strahlende — entstandener Name. Vgl. Kapff, Deutsche 
Vornamen S. 40. 

4 ) Wahrend das Protokoll iiber die Verpachtung der Miihle vom Jahre 
1505 sagt: „inde oft sack were, dat die schuyten uyss muysten trecken, 
so sal inde mach Wilhem vurschreven, aff he wilt, eynen anderen goiden 
gesellen yn syn stat seten, dae der geselsschaff myt genuycht", setzt jenes 
vom Jahre 1512 hinzu: „inde est sache were dat de geselsschaff uyss muyst 
trecken, so sal Lemcken des ledich staen buyssen synen schaeden, inde die 
geselsschaff sail eynen goeden naeber bie yn nemen yn syne stat a . 

5 ) Im 17. Jahrhundert fallt der Wein weg und an Einnahmen wird 
nur noch Bier verzeichnet. Wann dies seinen An fang nahm, kann nicht 
bestimmt werden. 

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244 M. Schollen 

Tag St. Johann Baptist (24. Juni), die andern zwei zwischen 
Allerheiligen und St. Antoniustag (10. November). Jedes Quart 
Wein durften sie zwei Heller Kolnisch theurer verkaufen, als 
der Marktpreis war. Wahrend die Gesellschaft Wein verzapfte, 
durfte kein Wirth des Orts Wein verabreichen \ 

Die Beschaffung des Weins lag den Meistern ob 2 , zu der 
Einkellerung und Abfiillung in Flaschen musTste jeder Geselle 
hulfreiche Hand leisten. Nach beendigter Arbeit liessen die 
Meister von dem Wein eine Flasche auf die Leuve bringen, 
wohin sie sich nebst den Gesellen begaben, um den Preis des- 
selben festzustellen. Von den vier Fuder Wein wurden zwei 
auf Kosten der Bruderschaft, wozu diese das Eintrittsgeld der 
Mitglieder verwandte, beschafft. 

Jeder der beiden Meister hatte die Pflicht, zwei Fuder 
Wein zu verzapfen. Waren sie unter sich nicht einig, wer 
beginnen sollte, so entschied entweder das Loos oder sie mussten 
um die Wette laufen ; weigerte sich dessen einer der Meister, 
so begann der andere. Hatte dieser seinen Antheil verzapft, 
so musste der folgende beginnen, wenn er nicht in eine Strafe 
von 12 rheinischen Gulden fallen wollte. 

Ueber die Einnahme wiesen sie sich am allgemeinen Rechnungs- 
tag aus ; als Entschadigung fiir ihre Miihewaltung erhielten sie 
3 1 /* Gulden. 

Jedem Gesellen stand es frei, die Zahlung des auf der 
Leuve verzehrten Weins, oder desjenigen, den er sich hatte 
holen lassen, bis zum Eechnungstag aufzuschieben, dann aber 
musste sie bei Vermeidung der Pfandung erfolgen. 

Ausser den genannten Einkiinften musste der Amtmann zu 
Geilenkirchen der Schutzenbruderschaft zum Vogelschiessen aus 
den Briichten 20 Weisspfennige Kolnisch und zum Schiitzenfest 
eine Traglast Holz geben. Zu den bisher aufgefiihrten Ein- 
nahmen, die sie der Gunst des Landesherrn verdankte, spendeten 
auch die Burgermeister von Geilenkirchen wegen der Festung 
24 Albus, was sie jahrlich besonders gelobten 3 . 

*) In Wachtendonk war der Antonius-Bruderschaft der Genuss des 
halben Weinkaufs von Hausern und andern Erbgrunden zugestanden, welche 
binnen der Stadt lagen oder zu ihr gehorten, wofern sie verkauft wurden 
und der Verkauf durchging. Niederrh. Geschichtsfreund 1880, S. 125 ff. 

2 ) Als Orte wo der Wein eingekauft wurde, nennen die Eechnungen 
Aachen, Diiren, Koln. 

3 ) So findet sich fast in alien Rechnungen die Einnahme verzeichnet : 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schtitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 245 

Fiir die verliehenen Privilegien hatten die Schutzen die 
Verpflichtung, sich jederzeit zum Dienst des Landesherrn mit 
Armbrust und Harnisch bereit zu halten 1 . Wurden sie ausser- 
halb Geilenkirchen im Dienst des Landesherrn verwandt, so 
iibernahm dieser die entstehenden Kosten. Bei solchen Aus- 
zligen flihrten die Schlitzenmeister den Befehl. Die Gesellschaft 
musste alsdann vollzahlig sein; war ein Mitglied verhindert, 
an dem Auszug theilzunehmen, so nahm die Gesellschaft auf 
seine Kosten einen Stellvertreter. 

Auch wurden die Schutzen im 17. Jahrhundert durch den 
Vogt im Amt Geilenkirchen zur Handhabung der exekutiven 
Polizei bei Hinrichtungen und Verhaftungen verwandt 2 . 

Ueber das von der Gesellschaft erworbene Eigenthum geben 
die mitgetheilten Urkunden Auskunft 3 . 



„Item den buyrgemey stern geschenckt yn Lemmens huyss, doyn sy onss dat 
gelt geloefde van der vestonge wege, 2 cfuart." 

*) In Heinsberg, wo es im Jahre 1536 24 Bogenschtttzen und ebensoviele 
Biichsenschiitzen gab, musste der Herzog oder die Stadt die erstern, je nach- 
dem der eine oder die andere sie „zo deinst mit uirem harnesch und gezuige" 
aufbot, verpflegen. Ebenso verhielt es sich mit den Biichsenschiitzen. Wurden 
sie „buissen lands" von dem Herzog geboten, dann zog der Vogt mit 
ihnen; wenn von der Stadt, so einer der Biirgermeister. Aehnliches wird 
1634 von den Alten und Jungen Schutzen zu Ratingen berichtet. Zeitschrift 
des Berg. Geschichtsvereins XXI, S. 219, Anm. 168. 

2 ) „Wegen hinrichtung eines gefangenen", so meldet die Rechnung von 
1638, „der herr vogt den schutzenmeistern gutgethan acht g. a Einnahmen 
fiir Verhaftungen kommen in den Rechnungen von 1639—1663 haufiger 
vor. Als Orte, wo sie vorgenommen wurden, verzeichnen jene Grotenrath, 
Teveren, Waurichen. Wie erheblich die Einnahmen waren, erheUt daraus, 
dass fiir jede Verhaftung durchschnittlich 8 Gulden bezahlt wurden. 1652 
erhielten sie „wegen einhaftierung arrestierlich eingezogener personen von 
Boessweiller 36V 2 g- u Die Verwendung von Schutzen zu solcher Thatig- 
keit ist auch fiir das Erzstift Koln bekundet. Dort mussten in den Land- 
gemeinden die Schutzen gegen die auf Pliinderung und Raub umherziehenden 
entlassenen Kriegsvolker, zu den Visitationen gegen Raub- und Diebesgesindel, 
zum Transport der Gefangenen bewaffneten Beistand leisten, auch vorher- 
gehende Excesse unverziiglich zur Anzeige bringen. Vgl. Walter, Das alte 
Erzstift und die Reichsstadt Coin S. 119. Am Ende des 17. Jahrhunderts 
waren Jttchener Schutzen bei Vertreibung von Mennoniten aus Rheydt thatig 
(Giersberg a. a. 0. S. 247), und eine traurige Rolle spielte die einst so 
stolze und angesehene Siegburger Schiitzengilde bei den Exekutionen der 
vermeintlichen Hexen im 17. Jahrhundert; vgl. Dornbusch, AusdemLeben 
und Treibcn einer alten Siegstadt S. 121. 

8 ) S. die Anlagen 2, 3, 6—8. 



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246 M. Schollen 

Ausser an dem Gedenktag ihres Patrons und bei sonstigen 
offiziellen Veranlassungen der Bruderschaft fanden an gewissen 
Festtagen gesellige Zusammenkiinfte der Schutzen auf der Leuve 
statt, wobei sie sich in Wein oder Bier giitlich thaten; fiir die 
Kosten musste die Gesellschaftskasse aufkommen. Als solclie 
Tage nennen die Kechnungen Weihnachten, Maria-Lichtmess, 
Mathiastag, den Sonntag Judica, Ostern, Kirmess, Paulus- und 
Liebe Prauen-Tag. Namentlich aber zog Sclierz imd Freude 
urn Fastnacht bei den Schutzen ein, sie hielten dann das Voy- 
jagen K 

Die tiefe Eeligiositat der Schutzen und ihre Anhanglichkeit 
an die Kirche trat besonders bei dem Frohnleichnamsfest zu 



*) Unter Voyjagen ist der Gebrauch, urn Fastnacht Gaben zu erbitten, 
die dann bei frohlichein Gelage verzehrt wurden, zu verstehen. Das Wort 
ist zusammengesetzt aus dem noil, fooi, Eintritts-, Abschiedsschmaus, Trink- 
geld und jageo. Hier ist es in der Bedeutung von Abschiedsschmaus gemeint, 
weil in frlihern Zeiten von der Erlaubniss, an diesem Tag Fleisch zu essen, 
noch ausgiebiger Gebrauch gemacht wurde. Dass die Schutzen sich das zu 
diesem Schmaus Nothwendige gesammelt batten, ist unwahrscheinlich, da 
die Rechnungen die Kosten in Ausgabe nachweisen. Es ist meines Wissens 
das erste Mai, dass dieser Gebrauch so friih und als von Erwachsenen gciibt 
uachgcwiesen wird, wo er sich sonst vorfindet, ist er nur bei Kindern, stets 
aber um Fastnacht iiblich. So theilt u. A. Ferber, Geschichte der Famiiie 
Schenk von Nydeggen S. 13 mit, dass 1720 die Bewohner von Afferden fur 
ihre Kinder das Recht, die Voy zu jagen und das dabei Erbettelte in der 
Schule zu vertrinken, als eine Gerechtigkeit, welche von 100 zu 100 Jahren 
in Gebrauch gewesen, gegen den Schultheiss der Frau von Blyenbeck zu 
behaupten suchten. Vgl. Die Heimath 1876, S. 104. In Vorst gingen die 
Kinder um Fastnacht von Thur zu Thttr und erbaten sich Esswaaren, indem 
sie sangen: 

Wenn et Fastellovend ess, 

Dann jage wey de Vuy, ^ 

Eyer in de Korf, 

Lewerworsch dor tau, 

Mohn, Mbhn, geft mich een Ey, 

Gey wett wahl, dat ech Eyer mag. 
Die Heimath 1876, S. 120. In Geilenkirchen sammelte noch bis vor einigen 
Jahren der Nachtwachter um Fastnacht milde Gaben. Er tutete zu dem 
Ende an jedem Haus in sein Horn. Dieses nannte man „Vujagen u . Eine 
andere Erklarung des Gebrauchs des Voyjagens s. bei Mannhardt, Der 
Baumkultus S. 254 ff. Auch anderwarts feierten die Schutzen Fastnacht, in 
Fehmarn versammelte sich alsdann die Schutzenkompagnie zu achttagiger 
Festfeier. Gierke a. a. 0. S. 452. Auch die Sebastianus-Bruderschaft zu 
Wachtendonk hatte alljahrlich kurz vor Fastnacht gemeinschaftlich „Gelag\ 
Niederrh. Geschichtsfreund 1880, S. 52, 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schiitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 247 

Tage. Dieses Fest, welches im 13. Jahrhundert in Luttich und 
den benachbarten Bisthiimern, im 14. Jahrhundert durch Papst 
Klemens V. allgemein vorgeschrieben wurde *, fand die freudigste 
Aufnahme. Allerorts wetteiferten Obrigkeit und Ziinfte mit- 
einander, urn die an diesem Tag ausziehende Prozession zu der 
schonsten und grossartigsten zu gestalten. Und mit Eecht. Denn 
es tritt, wie Kinkel 2 bemerkt, an keinem Tag des Ja'hres das 
innige Verwachsen des katholischen Glaubens mit dem Volksthum, 
die religiose Weitie, die dieser heitere Kultus auch der Freude 
verleiht, riihrender und spurbarer hervor, als am Frohnleichnams- 
fest. Das gilt uber den Alpen und diesseits: die Religion geht 
da aus den dumpfen Kirchenmauern heraus und wird zur froh- 
lichen offenen Naturfeier 3 . 

Die Geilenkirchener Schutzen begleiteten unter Vorantritt 
von Spielleuten 4 mit ihren Waffen die Prozession, zu welcher 
ihr Konig durch die Gesellschaft der Jungen Schutzen abgeholt 
und in festlichem Zug zur Kirche gefiihrt wurde. Durch 
besoldete Personen liessen sie die aus Aachen beschafften Kerzen 5 , 
sowie die Standbilder ihrer Patrone Sebastian und Antonius 
und des h. Mathias 6 tragen, welche Bilder sorgsamst in Stand 
gehalten wurden 7 . Auch an der Hunshovener Prozession nahmen 



*) Richter-Dovo, Kirchenrecht, 8. Aufl. S. 932. 
*) Die Ahr S. 160. 

3 ) Die Begleitung der Frohnleichnams-Prozession gehSrte immerdar 
znm besondern Ehrendienst der Schtitzengilden, die Theilnahme an dersclbcn 
war tiberdies durch die Schtitzenordnungen vorgeschrieben, wobei einige den 
Zusatz enthielten, dass die Brtider sich wahrend der Prozession alles Trinkens 
zu enthalten hatten. Vgl. Edelmann a. a. 0. S. 10, Anm. 1; Der Nieder- 
rhein 1878, S. 25; Beitr&ge zur Geschichte von Eschweiler und Umgegend I, 
S. 311, II, S. 3; Hecking a. a. 0. S. 243; L. Minard-van Hoorebeke 
1. c. I, p. 23. 

4 ) In der Rechnung von 1511 heisst es : Zo gotdraege haynt die speyllude 
gekost aen loyn eynen g. inde sy haynt vertert 17 alb. Lohn und Verzehr 
wechseln in Hohe in den verschiedenen Kechnungen. 

5 ) „Noch zo Aechen vuyr 2 toertzen 1 V2 g- en 6 alb. u , heisst es in der 
Rcchnung von 1506. 

6 ) In der Rechnung von 1502 finden sich Ausgaben „voer synt Sebaesteiaenyss 
en synt Mathyss, den groiten synt Antoynys und voer den cleynen synt 
Antoynyss" zu tragen. Die Umtragung des Bildnisses des Schutzpatrons 
findet sich auch anderswo, so in Bonn, wo das Bild des h. Sebastianus bei 
Prozessionen durch zwei Mann ge tragen wurde. Annalen des hist. Vereins 
f. d. Niederrhein XXVIII, S. 127. 

^ Rechnung von 1501 : „Item an den alden synt Sebaestianyss zo 



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248 M. Schollen 

sie theil, und wenn ein Bruder oline Erlaubniss bei derselben 
nicht erschien, wurde er in Strafe genommen 1 . 

Endlich gedachten sie an diesem Tag audi der Armen, zu 
welchem Ende den Brudermeistern die Verpflichtung oblag, Brod- 
briefe 2 auszutlieilen. 

Wie jede Schiitzenbruderschaft eine eigene, mit dem Bild des 
Patrons fc oder auch bloss mit dem Wappen der Gilde oder der 
Stadt geschmuckte Fahne 3 hatte, die bei Prozessionen und fest- 
lichen Aufziigen der Gilde vorangetragen wurde 4 , so besass auch 
und besitzt noch die Geilenkirchener Schiitzenbruderschaft eine aus 
weisser und rother Seide bestehende Fahne, die in der Mitte 
mit dem Bild des h. Sebastian in Seidenstickerei verziert ist 5 . 
An einen Baum gebunden und nur mit einem Lendentuch be- 
kleidet, steht der Heilige da, in seinem Korper sind 4 Pfeile. 



maelen"; 1506: „Noch vuyr eyne nuywe hoyt synt Sebaestianus" ; 1511: „Noch 
van synt Antoenyss staff zo maechen"; 1506: „Noch hayn ich doyn machen 
an de baere, doemen de bielde op drecht." 

*) „Dass Eschenbreucher der Heunflhover prozession nicht der bruder- 
schaft und sonder erlaubnuB auBbleiben, straiff 3 g. 3 alb.", heisst es im 
Beehnungsbuch 1674. 

2 ) Rechnung von 1500: „Item noch vur broedbreyff 9 alb." 

3 ) Die altesten bekannten Schiitzenfahnen sind die der St. Georgs- und 
St. Sebastianus-Schiitzen zu Gent, beide zeigen die Glide wappen. Vgl. Jacobs 
a. a. 0. S. 88. Die Diisseldorfer St. Sebastianus-Schiitzen erhielten 1716 von 
der Hofkammer eine neue Fahne zum Geschenk. Herchenbach a. a. 0. S. 36. 

4 ) In Osterath zog die Junggesellen-Schutzengesellschaft am Kirmess- 
montag zur Pastorat, wo der Fahnrich das „Fendel" vor dem Pfarrer schwenkte 
und sonst allerlei Kunststucke machte. Vgl. Die Heimath 1876, S. 112. Dieses 
Schwenken der Fahne brachte der Herzogenrather Schiitzengilde eine neue 
Fahne. Denn als die Infantin Isabella Klara Eugenia urn 1627 das Schutzen- 
fest dieser Gilde mit ihrem Besuch beehrte, trat der Fahnrich mit seiner 
Fahne vor: 

und schwenkt sie ftber sich, 

Und vor sich hin und hinter sich, dann flog sie durch die Bein\ 
Bei diesem Schwenken verfing sich die Fahne in einem Brombeerstrauch, wo- 
durch sie derart zerriss, dass dem Fahnrich nur der Schaft blieb. Die Infantin 
lachte laut, als nun infolge dessen der Fahnrich als ein wahres Jammerbild 
voller Schrecken vor ihr stand. Sie versprach den Schiitzen eine neue Fahne, 
die auch bald darauf anlangte. Sie zeigt im Felde das goldene Vliess und 
St. Sebastian. Vgl. Bongartz in Freimuth, Aachen's Dichter und Prosaistcn 
II, S. 182. 

6 ) Auf der Fahne der Siegburger Schiitzen, welche ihnen im Jahre 1512 
die Jungfern der Stadt Siegburg schenkten, war der h. Michael iiber dem 
Drachen in Stickerei dargestellt. Dornbusch a. a. 0. S. 12, 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schtitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 249 

Links neben dem Baum liegt ein mit einem Federbusch ge- 
schmiickter Helm, rechts eine Fahne, an deren Stock mit zwei 
Schntiren ein Querstab befestigt ist, worauf sich die Buchstaben 
S. P. Q. R. beflnden. Wahrend bei andern Schutzengesellschaften 
der Fahnrich wie die iibrigen Beamten der Gesellschaft erwahlt 
wurde 1 , geschieht hier seiner keine Erwahnung. 

Die Bestimmung, dass die Schiitzen zum Dienst des Landes- 
herrn zu jeder Zeit bereit sein mussten, also einen Theil 
seiner Wehrmacht darstellten, erforderte eine besondere Aus- 
riistung und Kleidung. Sie bestand aus einem Panzer, einem 
Kragen, einem Krebs 2 , einem eisernen Hut und einem guten 
Bogen nebst Zubehor 8 . Die gewohnliche Auszeichnung bestand 
in einer Kogel, zu welcher die Meister das Tuch beschafften 4 ; 
die Farbe desselben bestimmte die Gesellschaft. Die daran 
befindliche Silberverzierung 5 , wahrscheinlich den Patron dar- 
stellend, musste der Geselle haben. 

*) Vgl. hieriiber Beitrage zur Geschichte von Eschweiler und Umgegend 
I, S. 164; Der Niederrhein 1878, S. 25; Niederrh. Geschichtsfreund 1880, S. 61. 

2 ) Aus Schienen zusammengesetztes Bruststiick der Plattenriistung. Vgl. 
M tiller und Mot he s, Archaologisches Wbrterbuch unter Krebs. 

s ) In Herzogenrath wurde ausserdem noch ein „backenwilgen a (ein das 
Gesicht schiitzendes Visir) verlangt. Zeitschrift des Aachener Geschichts- 
vereins II, S. 321. 

4 ) Rechnung vom Jahre 1511: „Item ich bayn uyssgelacht aen doyeh, 
umb die schuytcn zo kleyden, zosaemen /hondert inde elff g. inde 12 alb. 
Noch den voerknecht, der dat doich van Aechen vart, 3 alb. Des hayn ich 
Jan vurschreven ontfangen van yderen schuyt eynen g. neymlich zosaemen 
25 g. sal der geselsschaff dienen inde aeffgeslaegen werden aen dem doich 
vurschreven, so blyeft myn uytlegen als van dem doich zosaemen 86 g. 
inde 15 alb. tt 

5 ) In Cleve trugen die einzelnen Gilden an der Kogel (cucullus, cugel, 
gugel, kogel, keughel) in der Kegel das silberne Bildniss ihres Patrons. 
Scholten a. a. 0. S. 557. In Geldern mussten die Schuhmacher innerhalb 
Jahresfrist, nachdem sie in die Schustergilde eingetreten waren, ein silbernes 
Messer, das Abzeichen der Schuhmacher, auf der Kogel oder der Mutze tragen, 
im Unterlassungsfall waren sie der Zunft mit 1 Pfund Wachs verfallen. 
Henrichs, Die ehemaligen Innungen der Stadt Geldern S. 36. Auf den 
Besitz der Kogel wurde bei den Gilden strenge gehalten. So bestimmten 
die Satzungen der Dortmunder Schiitzengesellschaft : „Und wer sine kogel 
enweg gaf ader versatte, eer hie ein nige erlangde, de was der geselschop 
entweert. tt Chroniken der deutschen Stadte XX, S. 237. Ueber das „Habit", 
welches die Mitglieder der Bonner Sebastianus-Schiitzengesellschaft bei Pro- 
zcssionen und Bittwegen zu tragen verpflichtet waren, s. Annalen des hist. 
Vereins f. d. Niederrhein XXVIII, S. 122. 



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250 M. Schollen 

Diese Kogel bildete das gewohnliche Abzeichen der Schiitzen 
bei den offentlichen Zusammenkiinften an den Festtagen und 
auf dem Schiessplatz. 

Den Konig zeichnete die Ehrenkette mit einem daran hangen- 
den silbernen Vogel, dem Kleinod, aus. Zu diesem spendete, 
wahrscheinlich in Folge spaterer Uebereinkunft, jeder Konig 
eine Platte, auf welcher sein Name verzeichnet war. So kam 
es, dass die Gesellschaft am 13. Februar 1782 einundfiinfzig 
Platten 1 besass, die an dem Vogel befestigt waren. Wo sie 
verblieben sind, ist unbekannt. 

Heute besitzt die Gesellschaft das Bild des h. Sebastian, 
welches auf einer ellipsenformigen Platte von 11,8 cm Lange 
und 8,8 cm Breite befestigt ist. Die Umschrift lautet: Donne 
par La Confralrle De saint Sebastlen De GelLenklrChen. (1806.) 
Auf der Riickseite sind die Namen der damaligen Mitglieder 
verzeichnet. Dieses Medaillon wird an einer etwa 3 / 4 m langen 
Kette getragen. Unter ihm befindet sich eine 6 cm im Durch- 
messer grosse silberne Scheibe mit der Inschrift: Zum gedaechniss 
des wieder errungenen deutschen Vaterlandes. Auf der Rlickseite 
steht: Zum gedaechniss des 18 1 October 1813. 

Die Zahl der Mitglieder der Schutzengilde war ein fur 
allemal auf 25 festgesetzt. War diese Zahl nicht vorhanden, 
so wurden von den beiden Schutzenmeistern, den Beimeistern 
und dem Konig doppelt so viel Anwarter der Gesellschaft nam- 
haft gemacht, als Mitglieder fehlten; aus den Vorgeschlagenen 
wahlte die Gesellschaft die zur Erganzung nothwendige Zahl 2 . 



*) Auf „vogelschieBtagh anno 1626 hat Johan Pauwels zum vogel ver- 
ehret einen vierkantigen reiehsthaler und 1 konigsdaler, dwelche partes Petern 
Hamecher, schutzenmeister, uberliebert und ehr folgents in die schutzenkist 
eingelegt l a januarii 1627." Auszug aus dem Rechnungsbuch. Ueber die 
von den Konigen an dem Kleinod zu stiftenden Platten und deren Aufschriften 
vgl. Die Heimath 1876, S. 112 und 176, 1877, S. 26 und 59; Der Nieder- 
rhein 1878, S. 25 und 196, 1879, S. 4 und 46; Niederrheinischer Geschichts- 
freund 1880, S. 53 und 165, 1882, S. 64; Beitrage zur Geschichte von Esch- 
weiler und Umgegend I, S. 311 und 312; Giersberg a. a. 0. S. 308; 
Dornbusch a. a. 0. S. 12; Herchenbach a. a. 0. S. 23; Quix, Hist.-top. 
Beschreibung der Stadt Aachen S. 169; Heimathskunde 1882, S. 42; De 
Maasgouw, Jaarg. XII, p. 19. 

2 ) Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wird das Recht zur Anstellung 
neuer Schiitzen von dem Vogt ausgeubt, die Gesellschaft schlagt nur noch drei 
Namen vor und bittet den Vogt „aus unterschriebenen persohnen einen zu 
erwehlen und zu ihrer hochfurstlichen durchlaucht dienst und zu unserer 



j 



Die St. Sebastianus- und Antonius-Schiitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 251 

Standesunterschiede kannte man nicht; es wurde aber Niemand 
in die Gilde aufgenommen, der von bosem Namen, boser Familie 
oder unehrlich war, oder sich einer Missthat schuldig gemacht 
hatte *. Ein soldier konnte weder flir Geld, noch durch Freunde 
oder Parteischaft Mitglied werden. Mit gleicher Strenge sail 
die Gesellschaft darauf, dass keinem Mitglied ein Makel anklebte. 
Wurde ein solches einer unehrenhaften That (onfromen stucken) 
bezichtigt, die sich bei Untersuchung als wahr erwies, so er- 
folgte seine sofortige Ausweisung ohne jegliche „Remedien a 2 . 

Der zum Mitglied Gewahlte musste die auf ihn gefallene 
Wahl annehmen, lehnte er sie, gleichviel aus welcher Ursache, 
ab, so hatte er der Bruderschaft eine Abfindungssumme zu 
zahlen 3 . 



bruderschaft ahnzuhalten". Originalschreiben im Archiv der Sehlitzengesell- 
schaft zu Geilenkirchen. 

*) In alien Gilden bestand von jeher der Grundsatz, dass der, welcher 
die Mitgliedschaft wtinschte, eines reinen Wandels und unbefleckten Rufes 
war, wozu nach mittelalterlicher Anschauung auch eheliche Geburt gehorte. 
Vgl. Wilda a. a. 0. S. 117; Gierke a. a. 0. S. 365. Daneben vcrlangten 
die Satzungen in St. Vith, dass Jeder, der in die Bruderschaft aufgenommen 
wurde, „reputierlich" sein mtisse, Hecking a. a. 0. S. 243. In Straelen 
muss der in die Bruderschaft Aufzunchmende „einen christlich unbescholtenen 
Lebenswandel fuhren", Der Niederrhein 1879, S. 49. Den vorstehend an- 
gefiihrten Grundsatzen entsprechen die Bedingungen zur Aufnahme in die 
Schutzengesellschaften zu Kinzweiler und Langerwehe, Beitrage zur Geschichte 
von Eschweiler und Umgegend I, S. 293 und II, S. 4; zu Ziilpich, Broix 
a. a. 0. S. Ill; zu Dtisseldorf, Herchenbach a. a. 0. S. 97; zu Cleve, 
Scholten a. a. 0. S. 562. 

2 ) Die Grtinde flir die Ausweisung waren verschieden, vor Allem traf 
diese Mafiregel die, welche mit der Zahlung des jahrlich an die Gesellschaft 
zu entrichtendcn Betrags in Ruckstand blieben, oder die, wie in Andernach, 
„der vurschreven puncte eynych brechen myt argelist". Auifallend ist eine 
Bestimmung in Dusseldorf beziiglich der Entlassung: „Item weirt sache dat 
cynich broder of suster in den ban gedain wurde overmitz gebot der heiliger 
kirchen, der off die sail sich bynnen den naesten viertzehen nachten darna 
usser dem banne werven. Ist aver sache dat he off sy des nyet en deyt, so 
sail de broderschaft den broder off de suster affkeren van der broderschaft, 
gelych de heilige kirche de bennige lude usser der kirchen verwyst, bis so 
lange dat die broeder of de suster sich da ufi wyrft, und as he off sy da 
uB is, so sail he off sy der broderschaft gebruichen und wilkome syn, as he 
off sy vur was." Fahne, Forschungen I, 2, S. 99; Herchenbach a. a. 0. 
S. 100. 

8 ) Einen solchen Fall erzahlt das Statutenbuch mit folgenden Worten: 
„15. September 1759 ist auff sterben Henrichen Koffrath zum newen schtttzen 
angesetzt worden Arnold Jansen, losledigen stands, weilen aber selbiger sich 



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252 M. Schollen 

Der Aufgenommene musste einen Eid zu Gott und seinem 
h. Evangelium schworen, dass er alle Zeit die Ehre Gottes und 
seiner Heiligen, besonders der hh. Sebastian und Antonius best- 
moglich zu vermehren suchen und alien Artikeln der Bruderschaft 
fleissig nachleben, audi was ihm Konig und Schiitzenmeister 
befehlen, verrichten, sowie, wenn es vom gnadigsten Landes- 
herrn erfordert werde, bei Tag und bei Naclit Leib und Leben 
fur dessen Ehre und Leben dargeben wolle 1 . 

Das neue Mitglied hatte als Aufnalimegeld an die Bruder- 
schaft einen Gulden zu entrichten *. Hierzu traten in der Folge 
noch Gebiihren fiir die Eidesleistung und Zehrungskosten 3 . Auch 
Frauen 4 konnten Mitglieder der Bruderschaft sein, allerdings nur 
in passivem Sinn, weil sich nirgendwo eine Andeutung findet, 
dass sie bei den Berathungen, an den Geschaften oder den 
geselligen Zusammenkiinften der Gilde theilgenommen hatten. Sie 
wohnten nur dera Gottesdienst am Patronstag bei und gingen 
nach den Schiitzen zum Opfer ; bei ihreni Tod trug die Bruder- 
schaft die Kosten des Begrabnisses. 

wegen hohen alters bedanket, mit vorgebung die schiitzen diensten praestiren 
zu konnen nit mehr im stand ware, als hat selbiger sich bey der bruderschaft 
abgefunden und der bruderschaft zahlt 12 rthlr." 

*) Der Eid der Sebastianus-Schiitzen von Gent lautete : „Dat sweere ick 
guldebroeder te sijn van den souvereyne guide van den edelen ridder sint 
Sebastiaen binnen dese stadt Ghendt, de catholycke Roomsehe religio te 
onderhauden cnde vooren te staen, den keyser ende coninck onsen souverainen 
heere als grave van Vlaenderen, mitsgaders heere ende weth deser stede 
goedt ende ghetrauwe te sijn, de rechten, vrijheden ende praeminentien van 
den gilde te beschermen ende onderhauden, ende voorts al te doen dat een 
ghetrauwe guldebroeder schuldigh is te doen. Alsoo helpe mij Godt, alle 
sijne heijlighen, ende den edelen ridder sint Sebastiaen. u L. Minard-van 
Hoorebeke 1. c. I, p. 17. Den Wortlaut des Eidcs der Schiitzen zu 
Herzogenrath s. Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins II, S. 324. In 
St. Vith leisteten die Schiitzen den Eid, der Gesellschaft „trew und holt zu 
seyn a , in die Hand der Schiitzenmeister. Hecking a. a. 0. S. 244. 

2 ) Vgl. die in den Anlagen mitgetheilten Rechnungen, wo der von neu 
eintretenden Mitgliedern entrichtete Betrag nachgewiesen wird. 

s ) Das Statutenbuch besagt unterm 16. September 1759: „Istzum newen 
schiitzen angesetzt worden Hubertus Houben, alt 25 jahr, zehrungskosten und 
aydt bezahlt mit 7 rthlr. 40 alb. Cassa gelt zahlt." Im Jahre 1782 zahlten zwei 
Personen fiir den Eid, sowie an Zehrungs- und Cassa-Geld lSVg.Ileichsthaler. 

4 ) Ob bloss die Frauen der Schiitzen oder Frauen und Jungfrauen 
iiberhaupt die Mitgliedschaft erwerben konnten, und ob im erstern Fall die 
Wittwe beim Tod ihres Mannes aufhSrte, Gildeschwester zu sein, ergeben 
die Satzungen nicht. 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schiitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 253 

Unter den vielen Vorrechten, mit welchen der Landesherr 
die Schiitzenbruderschaft ausgestattet hatte, war auch das der 
eigenen Gerichtsbarkeit *, ein Vorrecht, welches sich bei fast 
alien mittelalterlichen Gilden findet 2 . Es schloss den Vor- 
theil in sich, dass der Verurtheilte von der Zahlung einer 
Busse an den Inhaber der Gerichtsbarkeit befreit war, und 
wurde ausgeiibt, wenn unter den Gesellen Uneinigkeit, Zwist, 
wortliche oder thatliche Streitigkeit — ausser Verwundung 8 und 
Todtschlag — entstand. Die Entscheidung lag nach der Ver- 
leihungsurkunde den iibrigen Gesellen ob, die Satzungen iiber- 
trugen zunachst den Meistern die Befugniss, im Namen tier 
Gesellschaft Recht zu sprechen 4 . Erst wenn der Geselle sich 
bei ihrer Entscheidung nicht beruhigte, mussten sie zwei oder 
drei Gesellen zu sich nehmen und den Widersprechenden einem 
Verhor unterwerfen, dann schlichtete dieses so gebildete Gericht 
nach bestem Verstand und Wissen den Streit. Der Entscheidung 
hatten die Streitenden sich zu fugen; kam der Unterlegene 
ihr nicht nach oder handelte er gar ihr ziiwider, so verfiel er 
in eine Busse von 20 Bauschen und 1 Pfund Wachs. 

Die Vollstreckung der erkannten Strafe lag ebenfalls der 
Gesellschaft ob, sie durfte zu dem Zweck in der Weise pfanden 
lassen, wie ruckstandige Steuern und Bruchten gepfandet wurden. 

Wann das Vorrecht der eigenen Gerichtsbarkeit aufhorte, 
ergeben weder die Urkunden noch die Bucher der Gesellschaft. 

*) Anlage 5. Der Schiitzenbruderschaft zu St. Vith stand das Eecht 
der Bestrafung der von Mitgliedern bei Zusammenkiinften vollfiihrten Miss- 
thaten durch die Satzungen zu, in welchen es heisst: „Falfl streith under 
einige von den bruder entstehen wurde in materia injuriarum, solle der injurirde 
verobligiert seyn, sein klags vor der bruderschafft ahnzustcllen, und derselben 
ihr different ubergeben, ohne dafi er zuvor, che er vor der bruderschafft 
gewesen, vor einige andere richter einig action ahnstellen kb'nne." He eking 
a. a. 0. S. 243. Auch in Diisseldorf hatten die Bruder bei entstehender Un- 
einigkeit sich an die Mcister zu wenden. Herchenbach a. a. 0. S. 99. 

2 ) Vgl. Wilda a. a. 0. S. 337; Gierke a. a. 0. S. 396; von Maurer 
a. a. 0. I, S. 526. 

8 ) In Soest hatte die Schiitzengesellschaft die Berechtigung, wenn einer 
von der Gesellschaft den andern „sloge blodich offte blue, dat mogen dey 
scheffer unde geselschoft scheyden under syk und neyn ander rychter darover 
rychten". Zeitschrift des Vereins fur die Geschichte von Soest 1883/84, S. 3. 

4 ) Zur Zeit des freien Zunftwesens richteten in den btirgerlichen Ge- 
nossenschaften die Meister iiberhaupt in streitigen und peinlichen Sachen, 
sei es allein, sei es mit den Amtsbrudern oder einem Ausschuss, auch lag 
ihnen die Einziehung der Bussen ob. Gierke a. a^ 0. S. 399. 



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254 M. Schollen 

Damit in den Versammlungen auf der Leuve oder an den 
Schiesstagen Ordnung, Frieden und bruderliche Eintracht unter 
den Mitgliedern herrsche, bestimmten die Satzungen, dass die 
Gesellen sicli jedes Keizens, Zanks und Streits zu enthalten 
hatten, besonders war Schworen und Fluchen 1 , der Gebrauch 
von Schmahworten, Verleumdung oder Beleidigung verboten 2 . 



*) Fand sich bei den Schiessspielen der Aachener Bogenschtitzen Jemand 
ein, der kein Mitschtitze war und den Teufel nannte, so musste er den Schuh 
vom rechten Fuss hergeben, der Aufwarter heftete denselben sofort an den 
Berg und jeder Schutze gab aus der gewOhnlichen Entfernung einen Schuss 
darauf ab; bediente sich aber ein Schutze „dieses schwarzen Namens", so 
musste er „zwei Bauschen in die Armenbiichse blasen". Vgl. Meyer, Hist. 
Abhandlung liber die Gesellschaft der Aachener Bogen-Schutzen S. 42. 
Die Diirener Bogenschiitzen-Ordnung von 1551 bestimmte: „Am anderen 
wer up dem graiffen unzuchtich, besonders also das er den duvel noompde, 
soe sal der knechte demselven sinen rechten schoen mit erlauffenis der geseU- 
schaft ufldoin und derselve sail eirst und volgens die andern schutzen darnae 
schieBen." Diirener Anzeiger 1876, Nr. 61. Das Statut der Herzogenrather 
Schutzen enthielt folgende Vorschrift: Item ordineren und gebeden wyr, 
dat ein jeder heusch sal sein van worden und werken up der baenen, der 
deis neit en deit, sal man sein en schoen op den lap hangen." Zeitschrift 
des Aach. Geschichtsvereins II, S. 322. Vgl. Nr. 96 der Satzungen. Das zwangs- 
weise barfuss Gehen als Demiithigung findet sich schon friih, vgl. z. B. Lacom- 
blet, Urkundenbuch II, Nr. 227 und 550; Grimm, Rechtsalterthtimer S. 156. 

2 ) Zucht und Ehrbarkeit, gesittetes Betragen und friedliches Verhalten 
bei alien Zusammenkiinften war Grundsatz in jeder SchiitzengeseUschaft und 
alle Schiitzenordnungen enthielten Bestimmungen liber die Bestrafung der 
Uebcrtreter der dieserhalb erlassenen Anordnungen. Die Art der Strafe war 
verschieden. So sollte bei den Diirener Bogenschtitzen der „ein pint wins 
verbrucht haven", der „mit worden ainzuglich befunden" wurde (Diirener 
Anzeiger 1876, Nr. 61); in Langerwehe hatte der Bruder sich „aUes streits, 
fluchens, auch scheltworter unter straff 40 alb. gefriedlich zu enthalten" 
(Beitrage zur Geschichte von Eschweiier und Umgegend II, S. 4). Die Statuten 
von Nothberg bestraften den, der in der Gesellschaft „gotteslasterung, 
schimpfliche, zankische und unztichtige worter, dadurch junge leut geargert 
werden", gebrauchte, mit 1 j 2 Tonne Bier (das. I, S. 312). In Kempen hatte 
der Bruder sich „zuvorderfi aller gotteslasterung, fluchen, schweeren, schmahen, 
schelten, zanken, tumultuiren, schlagen, ausschreyen" zu enthalten. Der hier- 
gegen schuldig befunden wurde, sollte „nit allein in drey rthlr. straff ahn 
statt einer ahm bier doch pro qualitate delicti halb der bruderschaft und 
halb der stadt zu geben, sondern auch das oberkeitliches interesse abzustatten 
schuldig sein" (Der Niederrhein 1878, S. 26). Die Statuten der St. Martinus- 
bruderschaft zu Wankum (Niederrh. Geschichtsfreund 1881, S. 134) bestimmten, 
dass, wenn zwischen Brudern, „alwaer die broederschap vergadert is, eenigh 
krakeel, scheldtwoorden offte riisie voorvalt, die solve geven sullen aen die 
broederschap een pondt wasch ende een kindtgen bier".. In Sangerhausen 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schiitzenbruderschaft in Geilenkircheii. 255 

Wer Kannen, Topfe, Kruge oder andere Trinkgeschirre 
zerbrach, musste den doppelten Werth zahlen, schlug er aber 
diese Geschirre muthwillig oder aus Zorn in Stucke oder warf 
er damit, so hatte er ausserdem noch Strafe zu entricliten. 
Zertriimmerte Jemand ein Fenster, einen Tisch, Stuhl oder 
eine Bank, so musste er den Schaden ausbessern lassen, ausser- 
dem verfiel er in Strafe; diese traf ihn ebenfalls, wenn er in 
die Tisclie schnitt, dass Spuren siehtbar waren. Strafe stand 
ferner darauf, wenn Einer den Andern mit der Faust oder mit 
einer beschwerten Hand schlug, im Streit das Messer zog, den 
Andern stiess, an den Haaren zog oder ihm die Kleider zerriss, 
uberhaupt bloss drohte. . Auch traf den Strafe, welcher gegen 
einen Mitgesellen eine Missthat beging, fur die er gebruchtet 
wurde \ Erschien Jemand zu den anberaumten Zusammenkiinften. 
erst, nachdem die Glocke geschlagen hatte, so verfiel er gleich- 
falls in Strafe. 

Das briiderliche Verhaltniss, in welchem die Gesellen zu 
einander standen, verpflichtete sie, in gewissen Fallen einander 
Beistand zu leisten. Wurde z. B. ein Mitglied von einem Aus- 
wartigen iiberfallen, oder geschah ihm sonst Unrecht, so war 
der ihn begleitende Geselle gehalten, sich seiner anzunehmen; 
er hatte die fernere Pflicht, zum Frieden zu rathen, wenn nach 
seiner Ansicht der Mitgeselle im Unrecht war. 

Die Hohe der wegen Zuwiderhandlung gegen die Satzungen 
angedrohten Straff war bei jedem Artikel angegeben, unter der 
dort genannten grossen Busse waren 20 Bauschen und 1 Pfund 
Wachs, unter der kleinen Busse 16 Heller verstanden. Kamen 
Uebertretungen vor, ftir welche Strafe nicht angedroht war, so 
entschied die Gesellschaft fiber die Hohe derselben. 

hatte sich jeder Schtitze „alles fluchens und schworens, vexirens und anderer 
unarth bei vermeidung nachdrttcklicher bestraffung" zu entbalten (vonForster 
a. a. 0. S. 28). In Gent bestimmte* das Reglement der Sebastianus-Schutzen 
von 1683: Item, en sal niemant van de guldebroedcrs deen d'andcr niet ver- 
moghen tinjurieeren tsij met woorden ofte met weercken, op de bocte van 
3 schellingen 4 grooten ten proffijtc van den guide." L. Minard-vanHoore- 
beke 1. c. I, p. 26. 

*) Die Statuten der Michaels-Bruderschaft zu Kempen verboten bei den 
Zusammenkunften „dobbelen, karten oder dergleichen gefahrliche spiel u bei 
Strafe von 25 Quart Bier. Der Niederrhein 1878, S. 26. Auch das neue 
Beglement der Sebastianus-SchlUzengilde zu Gent vom Jahre 173Q unter- 
sagte das Karten- und Wttrfelspiel, sowie das Tabakrauchen ohne Erlaubniss 
bei den Versammlungen. L. Minard-van Hoorebeke 1. c. I, p. 27. 



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256 M. Schollen 

Zur Eintreibung der auf der Leuve und den Klevern ver- 
wirkten Strafe pfandeten die Meister mit dem Kneclit 1 ; loste 
der Gepfandete das Pfand nicht binnen 14 Tagen ein, so konnte 
zum Verkauf geschritten werden. Die Pfandung wegen der 
Schiessbussen lag dem Knecht ob, sie erfolgte, wenn der 
Gestrafte nicht innerhalb 8 Tage die Strafe erlegte. Die Pfander 
konnten sofort, mussten aber spatestens nach 3 Tagen ver- 
kauft werden. Wer den Verkauf zu hintertreiben suchte, verfiel 
wieder in Strafe. Die Schiessbussen wurden auf der Leuve von der 
Seite der Gesellen verzehrt, auf welcher sie entstanden waren 2 , 
die iibrigen Strafen flossen in die Buchse, das Wachs wurde 
den Brudermeistern uberliefert, um es zur Ehre Gottes und der 
Patrone der Bruderschaft zu verbrennen. 

Wie es der vornehmlichste Grundsatz bei den Sehiitzen- 
gilden war, dass die Mitglieder sich stets und uberall als treue 
Briider zeigen sollten, so verlangten die Satzungen, dass diese 
Liebe auch beim Tod eines Bruders zum Ausdruck gelange. 
Starb ein Mitglied oder dessen Frau, so hatten sie die Pflicht, 
dem oder der Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen, auch 
der Todtenfeier und dem Seelenamt beizuwohnen, sowie wahrend 
desselben zum Opfer zu' gehen 3 . Ein Mitglied, das zur Erfiillung 
dieser Verpflichtungen ausser Stande war, musste sich, bei Ver- 
meidung einer Strafe von 1 Pfund Wachs, bei den Meistern 



*) Wer in Herzogenrath die verwirkte Strafe dem Knecht nicht gut- 
willig entrichtete, verfiel in eine Strafe von 4 Quart Wein. Zeitschrift des 
Aachener Geschichtsvereins II, S. 322. 

2 ) Die Gesellschaft wurde jahrlich nach der Wahl der Schiitzennieister 
in zwei Seiten eingetheilt, s. Nr. 6 der Satzungen. 

3 ) Diese werkthatige briiderliche Liebe beim Tod eines Mitglieds findet 
sich bei alien ScMtzengesellschaften. Vgi. Chroniken der deutschen Stadte XX, 
S. 236; Gengler a. a. 0. S. 477; von Maurer a. a. 0. I, S. 521; Gierke 
a. a. 0. S. 452; Giersberg a. a. 0. S. 5, 174, 225; Edelmann a. a. 0. S. 13; 
Pick a. a. 0. S. 69; Deckers a. a. 0. S. 13; Hecking a. a. 0. S. 244; 
Herchenbach a. a. 0. S. 100; Aschenbroich a. a. 0. S. 86; Zeitschrift 
des Aachener Geschichtsvereins II, S. 323; Beitrage zur Geschichte von 
Eschweiler und Umgegcnd I, S. 295. In Neuss bestimmten die Satzungen, 
dass beim Ableben eines Bruders die Meister sofort 30 Messen in den nachsten 
30 Tagen nach dem Tode fiir die Seelenruhe des Verstorbenen lesen lassen 
sollten. Tucking, Geschichte der kirchlichen Einrichtungen in der Stadt 
Neuss S. 350. In Randerath wurde alljahrlich fiir die Seelenruhe der ver- 
storbenen Briider eine Messe gclesen und vor dem Offertorium wurden die 
Namen derselben verlesen. Randerather Schiitzenordnung. 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schiitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 257 

entschuldigen 1 . Hatte die Bruderschaft keine Renten, urn das 
Seelenamt halten zu lassen, so waren die Brlider verbunden, 
durch Gebet und gute Werke des Verstorbenen zu gedenken. 

Die Vergunstigung dieses solennen Begrabnisses konnte aueli 
einem Nichtmitglied zu Theil werden, sofern hierfiir 11 Aachener 
Mark von dessen Angehorigen gezahlt wurden und sie ausserdem 
eine Kerze spendeten. Die Schiitzen waren in diesem Fall nicht 
gehalten, dem Gottesdienst beizuwohnen, es stand ihnen sogar 
ein Einspruchsrecht gegen die Abhaltung zu; die Entscheidung 
hieriiber lag bei den Brudermeistern. 

Dass diesen Bestimmungen piinktlichst nachgelebt wurde, 
ergeben die vielen Ausgabeposten fur Seelenmessen in den 
Rechnungen. Aus ihnen sei besonders eines Postens in der 
Rechnung vom Jahre 1511 gedacht, der die Liebe zuni Landes- 
lierrn in ein helles Licht stellt. Als der Herzog Wilhelm von 
Jtilich und Berg in diesem Jahre starb, liessen die Schiitzen fur 
seine Seelenruhe feierliche Exequien halten und spendeten dem 
Kiister und den Messedienern doppelte Gebtihren, was die Rech- 
nung mit folgenden Worten meldet: „Noch onss l(ieven) gh(ne- 
digen) lantheren doyn begaen myt 7 priesteren, den afferman 
dubel present ind den jongen." 

Beim Ableben eines Schiitzen fiel seine beste Armbrust der 
Gesellschaft zu; gegen Zahlung von 5 Aachener Mark war es* 
seinen Freunden gestattet, sie fur sich zu erwerben 2 . 

Frommsinn und Gottesfurcht, echte Mannestreue und gliihen- 
der Patriotismus waren die Tugenden, welche die Schiitzen seit 
ihrer Vereinigung iibten, und denen sie zu jeder Zeit Ausdruck 
verliehen. Ob auch die Kriegswirren des 16., 17. und 18. Jahr- 
hunderts Geilenkirchen nicht verschonten und es, wie Jacobs 3 
bemerkt, im eigentlichen Deutschland auch kaum einen Ort 
gibt, wo die Schiitzengesellschaften nicht wahrend des dreissig- 
jahrigen Kriegs oder nachher bei ganz veranderter biirgerlicher 



*) In Andernach musste bei Behind erung des Schiitzen dessen Frau zur 
Seelenmesse und zum Grabgeleit erscheinen : Ind oiff eynger neyt selver komen 
kunde zo den geboden, so sail doich syne huysfrauwe zo der myssen ind 
graiffeleiden komen. Annalen des hist. Vereins f. d. Niederrhein VII, S. 3. 

2 ) Diese Bestimmung findet sich auch anderwarts, nur ist der fiir die 
Armbrust zu zahlende Preis ein verschiedener. Er betragt in Hcrzogenrath 
12 Aachener Mark (Zeitsckr. des Aachener Gesckichtsvereins II, S. 323), in 
Dusseldorf 10 Wcisspfennige (Herchenbach a. a. 0. S. 100). 

8 ) A. a. 0. S. 2. 

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258 M. Sckollen 

Anschauung und Verfassung auf kiirzere oder langere Zeit ihre 
Thatigkeit eingestellt hatten 1 , so hat die Schiitzengesellschaft 
in Geilenkirchen doch alien Stiirmen widerstanden, trotzdem 
auch hier infolge der stetig sich entwickelnden Wehrverfassung 
im Herzogthum Julieh der urspriingliche Zweck der Bruderschaft 
mehr in den Hintergrund trat, und durch die Verschiebung der 
wirthschaftlichen Verhaltnisse die Einnahmen^sich verringerten. 
Nur bei der Invasion der Franzosen 2 , welche das ^igenthum 
der Schutzengilden fur Nationalgut erklarten 3 , scheint das 

*) So horte in Duren die Bogenschiitzen-Gesellschaft 1610 auf. Bonn, 
Rumpel und Fischbach a. a. 0. S. 139. In Bonn werden bei der Schiitzen- 
gesellschaft drei Perioden unterschieden, und zwar die erste von 1540—1672, 
die zweite bis 1736, in welchem Jahr sie erneuert und zeitgemaB umgestaltet 
wird und demgcmaB die dritte Periode beginnt. Annalen des hist. Vereins 
f. d. Niederrhein XXVIII, S. 118. In Kempen, wo von 1671—1681 kein 
Vogel geschossen worden war, beschloss man im letzten Jahre die Schiitzerei 
zu erneuern. Die Heimath 1876, S. 203. Dasselbe war urn die namliche 
Zeit in Wachtendonk der Fall. Niederrheinischer Geschichtsfreund 1880, S. 53. 

2 ) „L'entree des Francais en Belgique", sagt L. Minard-van Hoore- 
beke 1. c. I, p. 37, w porta le coup de grace aux corporations et metiers; 
Particle XXVIII de la Loi francaise de 5. Sept. 1791 allait leur etre applique: 
Les anciennes gardes nationales, telles que les compagnies des arquebusiers, 
archers, arbaletriers et autres, sous quelque forme que ce puisse §tre, sont 
abolies." Der Schiitzengesellschaft in Neuss drohte mit dem Einzug der 
Franzosen am 5. Oktober 1794 Verfall und ganzliche Auflosung. Die ge- 
zwungene und mit beispielloser Strenge durchgefiihrte Ablieferung aller 
Buchsen und sonstigen Schiessgewehre beraubte sie der Mittel, ihre Schiess- 
iibungen fortzusetzen, welche demnach unter der widrigen Einwirkung 
schwieriger Zeitverhaltnisse in den Jahren 1795—1798 und weiter ganzlich 
unterblieben. Erst 1803 begannen sie wieder, und es war dem damaligen 
Maire (spatern Unterprafekten) Franz Jordans vorbehalten, der gleichsam 
verstorbenen Gesellschaft neues Leben einzuhauchen und sie vor allmahlichem 
Untergang zu bewahren. Lohrer, Geschichte der Stadt Neuss S. 445. 

3 ) Und zwar durch Dekret vom 24. April 1793, welches bestimmte: 
Art. 1. Les biens meubles et immeubles qui ont ete possedes par les ci- 
devant chevaliers ou par les compagnies commes sous les noms d' arque- 
busiers, archers, arbaletriers, coulevriniers ou autres corporations, 
sous quelque autre denomination que ce soit, sont declares nationaux. Art. 2. 
Ces biens seront adjugGs de suite en la forme et avec les conditions prescrites 
pour Tadjudication des autres biens nationaux. Art. 3. Les dettes desdites 
corporations seront acquittecs en la maniere d6cret6e relativement aux autres 
biens nationaux. Bormann und von Daniels, Handbuch der fur die Kgl. 
Preuss. Rheinprovinzen verkiindigten Gesetze aus der Zeit der Fremdherr- 
schaft II, S. 344. In Gent wurde das Eigenthum der Schutzengilden im 
Jahre 1797 als Nationalgut verkauft. L. Minard-van Hoorebeke 1. c. I, 
p. 38. 



T 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schiitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 259 

Bestehen der Bruderschaft eine kleine Unterbrechung erfahren 
zu haben. 

Vom Jahr 1792 bis zum 17. Messidor Jahres XI (6. Juli 
1803) fcnthalt das Schiitzenbuch keine Eintragung mehr. An 
diesem Tag versammelten sich „mehrere wohldenkende Biirger" 
und vereinbarten, der iiber 300 Jahre riihmlichst bestandenen 
Sebastianus-Bruderschaft neuen Glanz zu verschaffen zur Ehre 
des Allerhochsten und zur Unterstiitzung diirftiger Mitglieder. Und 
als nun noch die Nachricht nach Geilenkirchen drang, dass die 
Macht der fremden Gewalthaber gebrochen sei, da herrschte 
heller Jubel und der patriotische Sinn der Schiitzen druckte 
sich aus in der Stiftung einer Erinnerungs-Medaille an dera 
Kleinod der Gesellschaft. 

Ueber die Geschichte der Schutzengesellschaft seit ihrer 
Wiederbelebung bis jetzt sei kurz erwahnt, dass die Satzungen 
mehrfach eine Abanderung erlitten. Heute treffen sie Be- 
stimmungen beziiglich der Feier des St. Sebastianustags, des 
Konigsschiessens, der Theilnahme an der Frohnleichnams-Pro- 
zession und der Beerdigung verstorbener Schiitzen. Die Zahl 
der Mitglieder, welche nicht mehr beschrankt ist, betragt 
gegenwartig 14. 

Moge die Schutzengesellschaft auch hinfort sein eine Pflege- 
statte wahrer Vaterlandsliebe und echter Religiositat 1 . 



Anlagen. 

1. Satzungen. 

Die Satzungen sind in einem Buck von 30,7 cm Hohe und 17,7 cm Breite 
eingetragen. Zum Einband ist Pappdechel verivandt, der Ueberzug besteht aus 
dem Pergamentblatt eines Missale. Das Papier hat als Wasserzeichen einen 
nach oben ettvas verjiingten Balkan, dessen Linien in einen Dreipass auslaufen. 
Der Balken wird von einer Schlange dreimal durchschnitten. Das Buch ist, 
wie aus einer auf der Ruckseite des fiinften Blattes gemachten Notiz hervorgeht, 
im Jahre 1709 durch den zeitlichen Schulmeister von Geilenkirchen, Peter Langen, 
den Worten der Tafel der Bruderschaft gleichlautend geschrieben worden, weil 



2 ) Ich kann nicht unterlassen, an dieser Stelle dem verehrlichen Vor- 
stand der St. Sebastianus-Schtitzenbruderschaft in Geilenkirchen fttr die 
freundlichc Ueberlassung der Urkunden und Bttcher und dem Biirgermeister 
daselbst, Herrn Hanptmaun a. D. Wirth, fur die mir stets bereitwilligst 
ertheilte Auskunft den verbindlichsten Dank auszusprechen. 

17* 



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260 M. Schollen 

die von dem Landesherrn gegebene Tafel wegen Alterthums theihveise rerdorbm 
war 1 . Jedem Artikel folgt eine Uebersetzung in der Sprechweise der Zeit des 
Schreibers, damit den vorhandenen Mitgliedern und deren NachJcommen Kennt- 
niss von dem Inhalt der Tafel werde. Die Uebereinstimmung der Abschrift 
mit dem Original der „uralten" SchUtzmtafel ist am ScJduss durch den Notar 
J. W. Munster bescheinigt. 

1. In Gotz naemen amen. Zo loeve ind eren syner gotlicher genaden 
ind Marien, syne gebenedidiger moder, der reyner jonffrouwen ind hemelschen 
konyngynnen, ind zo loeff ind eeren des heyligen mertelers synt Sebastianys 
ind des wirdigen heyligen abt ind confessors synt Anthonys, onsser gesel- 
sehoiffen werdigen patronen, haven wir gemeynen schutzschen ind geselschoift 
myt goiden willen ind vorraidc angenoemen guide broderliche frundliche ind 
myneliche eyndracht ind verdrach umb eyn goet frome eyrbaer reygement, 
ind synt des genslichen verdragen ind overkoemen, eyndrechtichlichen eyns 
gewoerden, ons nu vortan zo haven ind zo halden ind in alien saichen zo 
zcygeren as eyrsamen eyrbairen ind fruntlichen geselschoiffen ind eyn zo den 
anderen truwelichen as gebroderen, as wir doich vur Gott deme heren ind 
in onsser liever heiligen patronen vurgemelt broedersschoift gebruederen ind 
suysteren synt, ind in alien puncten op onsser leuven, by onssen Eleven * ind 
in geselschoiften, vort in tzerongen, in scheesspelen ind in onsser broeder- 
schoift ind in alien anderen regementen ons regeren ind halden sullen gelych 
hernae in deser taffelen geschreven steyt ind geklerdt is, sonder alle parthijsch 
oift maghschoift gunst oider ongunst. 

2. Item so asdan van aldest gewoynlichen ist, alle jayre op synt 
Sebastianys, onser geselschoiff patroyns, dach sullen wir gemeyne gesellen by 
eynanderen syn op onsser leuven ind zo myssen tzyt, asmen samen geluyt 
hait, in ordenungen eder beneven synen gesellen ind onse konynck vor ind die 
alsten dairnae affgayn in die kyrch ind aldan die myssen ind gotzdeynst zo 
horen ind zo offer tzyt in vurschreven ordinongen alle sementlichen zo offer 
gayn ind die heiligen myssen zo loissen, ind dairnae ouch onsse huysfrouwen ; 
ind ist saichen datmen asdan op dach vurgenomt op onsser leuven die tzeronge 
halden, so asdan die meysteren des goet tzyt daebevoren mytter gemeyner 
geselschoiff berait genoemen ind overkoemen synt, ind as alle myssen ind 
gotzdeynst gedayn ind overkoemen ist, wederumb op onsse leuven ghayn ind 
aldae mytten prysteren, jonchcren ind anderen- onssen gebeden ind geroffen 
frunden die tzeronge ind maltzyt zo halden eyrbairlichen ind tzuychtichlichen 



l ) Auch in Andernach sitid die Satzungen der St. Sebastianus-Bruderschaft auf 
eine wiederholt, zuletzt 1789 erneuerte Tafel geschrieben, an welcher Fliigelthilren mit 
den Biklnissen der hh. Sebastian und Georg angebracht sind. Vgl. Annalen des hist. 
Vereins f. d. Niederrhein VII, S. 2. Auf die Kenntniss der Bestimmungcn der Tafel 
legteiv die Schiitzen besondem Werth und die Meister vergewisserten sich, ob die Gesellen 
sich dieselben aneigneten. Dies ergibt sich atis der Recfuiwig des Jahres 1512: Item 
onsser gesellen haynt (!) opt gewantus gewest op synt Symon Iudon aevent inde haynt 
van Rytzen onsse taeffel oeverhoert, so is vertert 19V 2 alb. 

*; Vgl. S. 236, Anm. 1. 



A 



Die St. Sebastianus- und Antonius-Schutzenbruderschaft in Gteilenkirchen. 261 

ind niemantz mit eynieh in onredlichen drincken overladen noch dayrzo dringen 
anders dan syn eygen guet wille ind gemuede syn sail, idt sy myt wyne of 
mit beyr, wie man des asdan myt einen meysteren vor overkoemen is-, ind 
wer herweder deyt mit zodrincken, so duck verbruichen eyne kleyn boess 16 h. 1 

3. Item die meisteren die sullen sich alle jayrs goet tzyt vor onssen 
patrons dagh sich (!) mitter geselschoiff besprechen op der leuven, sowie sy sich 
halden sullen myt der kost ind tzerongen ind wie man des van staeden is, 
ind off man die kost halden wurdt, wen man dairzo van anderen frunden geroffen 
off geladen will haven, ind so wes dan dair mitter geselschoiff overmitz den 
meisteren overdragen wurdt, dairnae sullen sich asdan die meisteren regeren 
ind halden ind anders nyt, ind nemantz en sail vorder nemantz roffen noch 
laiden buissen bevell der meysteren, idt en were saichen dat dairnae eyniche 
sonderlichen frunde quemen, dairan der geselschoift ere off profyt gelegen 
were, den moegen die meisteren asdan wayll roffen, bussen vorder beraet 
dairop zo nemen mytter gemeyner geselschoiff, inde wer herweder dede, sal 
verbruichen sees buyssen ind eyn pont was. 

4. Item die kost ind tzcronge den dagh, wie man des overkomen is, 
sullen die meysteren doin ind verleggen ind op den rechendagh der geselschoiff 
rechenen. 

5. Item alle jair op synt Sebastianus dach, wanner die myddach mal- 
tzyt gedayn is, so sail eyn egelych uysswendich van die geselschoiff van der 
leuven affgayn, inde die gemeyne geselschoiff op der leuven by eynanderen 
blyvcn, ind van stont an uyss der geselschoff tzweyn meysteren kiesen in 
wysen ind manercn as hernae volgt. 

6. Item sullen die tzweyn aide meysteren, die dan noch meysteren synt, 
zo sich nemen den konynck, der dan konynck is, ind die tzweyn aide meisteren 
nest vor ene meisteren gewest synt, ind dese veyr meisteren vurgemelt ind 
der konynck moegen dan zo sich noch roeffen uyss der gemeiner geselschoiff 
tzweyn, dry oider veir off soe vuele as ene guet bedunckt, ind dese vurschreven 
sementlichen sullen die nuwe meisteren dan setzen, die aichter den dach 
vortan dat gansse jaer uyss meisteren Syn sullen, ind dan van stqnt aen 
sullen die meisteren vurgemelt mytter geselschoiff die tzwae syden setzen 
ind deyllen op den Kleveren scheyssen sullen op die boffen, die ene syde den 
qynen soindach ind die andere syde opten anderen soindach, wilge syde vor sail 
scheyssen ind wanner datmen eirst anscheyssen sail, ind as dit' gedayn is, 
soe sail die eyne gesatzte syde keysen eynen bymeyster uyss der anderen 
syden, ind die ander syde sail ouch eynen bymeyster kysen uyss der ersten 
syden, ind dese tzweyn bymeisteren sal man altzyt nemen van alsten ind ver- 
stendichsten uyss der geselschoiff ind die tzweyn schutzenmeisteren, ind diese 
tzweyn bymeisteren die sullen die gemeyne geselschoiff dat gansse jair an 
ind uyss regeren in alien puncten ind saichen, dair des zo doyn ind van noeden 
is, na eren besten verstande ind na uysswysonge deser taffelen. 

i; Heller. 

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262 M. Sehollen 

7. Item oft saichen were dat desen meisteren vurgemelt vurquemen 
einyche saichen hyinne nyt uyssgedruckt en weren, ind sy ouch by ene selfs 
des nyt waill ervaren en weren noch gevinden kunten, soe moegen sy altzyt 
die gemeyn geselschoiff by eynanderen doyn vcrgaderen op die leuve ind 
der geselschoiff die saichen vurgeven, ind wes die gansse geselschoiff dair- 
van overkomen ind verdragen wurdt, dairna sullen sich die meisteren ouch 
halden ind dairover nyt doyn, ind so wes asdan die gemeyne geselschoift 
overkoemen, ind die meisteren dairinne nyt gehorsaym syn en wulden der 
gemeyner geselschoiff ind dairover voeren, so sullen die meisteren dairumb 
eyn oder dairinne ongehorsaym vunden wurdt, geboist werden umb eyne 
grosse boys, ind nochtant sail der gemeyner geselschoiff verdrach stat haven 
ind vor sich ghayn, ind so duck off soe manychmayl as die meisteren overvaren 
in desen deyle, so duck ind manychmayl sullen sy ouch geboist werden op 
die grosse boess. 

8. Item sullen die tzweyn schutzenmeisteren eyn egelych myt synen 
geselle in eren jair opheven ind inwerven alle renten ind alle ervayl der 
geselschoiff zosteyt, anvelt oider zogehorych is, so wie ind wae die gelegen 
synt oider vallen, ind vort wederumb uyssgeven ind verleggen an alien enden 
ind orden zo notze ind in urbar der geselschoift, dair des der gesellschoift van 
doyne ind van noeden, ind dairvan der gemeyner geselschoift guide bewys- 
liche rechenschoff doyn alle jaire op den rechendach, as op deme vurgemelte 
synt Sebastianys dach den meisteren van der gemeyner geselschoiff bestympt 
sail werden, ind op denen genomten dach, asmen ene dan setzen wurdt, so 
sullen egelyche schutzenmeisteren, die dan affgangen syn, ere rechenschoiff van 
alien inheven ind uyssgeven van wegen der geselschoff gereyt haven ind 
schryftlichen vurbrengen der gemeyner geselschoift. 

9. Item ist saichen dat die meisteren vurgemelt by bevinden der rechen- 
schoift haven me ingeburt ind ontfangen off noch by anderen haven uyss- 
stayn, dan sy uyssgegeven oider der geselschoift verlaicht haven, so wes 
dan die scholt gedrecht, dat sy der geselschoiff by der rechenschoiff schuldich 
blyven, sullen dieselven alden meysteren gehalden syn, dieselven scholt den 
nuwen gekoeren schutzenmeisteren over zo hantreychen ind zo leveren bynnen 
den nesten sees wechen nest na deme gesatzten rechendaghe sonder eynich 
langer vertzoich, ind dyt myt sulcher payen na werde, as sy dat ontfangen 
ind geburt moichten haven, off as dat gelt ganckbayr was, as die scholt vellich 
wart, ind by vertzoch der rechenschoiff van den meisteren en sail die gesel- 
schoiff geynen schaide noch hynder haven. 

10. Item ist saichen die meisteren by enen schulden den gesatzten 
dach der rechenschoiff vertracken ind nyt en halden, so manychen dach, as sy 
dat vertracken, also manyche grosse boiss sullen sy daemyt verbruchen der 
gemeyner geselschoift. 

11. Item ist saich dat die alden meisteren haven me uyssgelaicht in 
behoiff der geselschoiff, dan sy ontfangen haven, ind sich by rechenschoiff bevynt, 
dat die geselschoiff ene schuldich blyft, so wes dan sulghe scholt gedreght, 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schutzenbruderschaft in Gteilenkirchen. 263 

dieselve scholt sullen die nuwe meisteren den alden betzalen van den aller- 
eyrsten ind gereytzsten ervallen oider renten, as der geselschoift anvelt oil' 
erschenen ist, sonder vertrack. 

12. Item ist saichen dat die geselschoiff die koegelen willen haven 
eyns des jairs, sullen die tzweyn meysteren verleggen ind gelden dat doich van 
sulger verven, as die gemeyne geselschoift des myt ene overkoemen wirdt, ind 
doyn die machen, ind eynen ederen gesellen mytten knecht in syn huys senden, 
dairby is eynen eder geselle gehalden, syn sylveren op syne koegelen zo haven, 
ind op alien synen scheyssdagen ind op anderen onssen festlichen dagen op 
den Kleveren ind op die leuven zo dragen, ind wer dairynne vellich wurde 
ind syne koegel mytten sylver nyt en druge oider by sich hedt op den vur- 
schreven dagen, so duck ind mannycjimayl sail verbruichen veyr h. 

13. Item in gelycher mayssen op alien onssen festlichen dagen ind 
scheyssdagen op der leuven ind op den Kleveren ist onss konynck ouch gehalden 
ind verbunden, den sylveren voegel zo dragen openbairlichen onbedeckt, ind 
so duck inde mannychmayl he des nyt en dede ind dairinne vellich wurdt, 
sail verbruichen 16 h. 

14. Item wanner as die schutzenmeisteren yre rechenschoiff doynt op 
der leuven, so sail eyn eder hoessche ind stylle syn, ind alle man en sail 
nyt dairin hadderen off bolderen, dan alleyne diegene, die dair gesait ind 
geordent synt van der geselschoiff, umb die rechenschoiff zo verhoeren ind zo 
machen, ind off emantz vorder dair zo sprechen yn hedt, der sail guetlichen 
oirloff bidden van den meysteren ind dan syne guide meynonge dairin sagen, 
ind des sullen die meysteren ene gunnen, so vern as dat reden geyft, ind 
erne hoeren, as billich iSt, ind vort sail eder hoissche syn, dairumb sullen die 
meysteren dairinne verbunden syn, yre rechenschoft in scryft over zo geven, 
wairby datmen die wayll ind nauwe * overleggen sail, also dat der geselschoiff 
noch den meisteren nyt zo kortz en geschede, ind wer hyinne mytt onhoes- 
schen word en off bolderen mysbruichten, der sail verbruichen 16 h. 

15. Item wanner as die alden meysteren asdan yre rechenschoff gedayn 
haven inde geschloissen ist, so sullen sy dan op der leuven der geselschoiff 
vor ougen brengen alle breyff ind siegelen, breveledigen 2 ind vort alle des- 
genen der geselschoiff zosteyt ind den schutzenmeysteren zo verwaren bevoelen 
ist, ind dyt allyt den nuwen meisteren over zo leveren, die dyt asdan vortan 
dat jair uyss bewaeren sullen bis wederumb zo der leverongen zo, as vur- 
schreven, wairby dat durch verwairloesonge der geselschoiff geyne schaide 
en geschede, ind off by eynichen meysteren herdurch eynichen affbroch off 
scaiden geschege by synen myswarongen oider versumenisse, dairinne sullen 
dieselven meysteren des scholt haven, gehalden syn, der geselschoff sulgs op- 
zorichten ind zo betzalen sonder alle wedersagen. 

16. Item is saichen dat emantz in onsser geselschoiff op onsser leuven 



*) genau, sorgfdltig. 
2 J Privilegien. 



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264 M. Schollen 

off in anderen plaitzen, dae die geselschoiff by eynanderen in geselschoiff 
synt, op synt Sebastianus dage ind as wir den voigell scheissen oider zo 
fastavont, as wir by mallichen frolich syn sullen, eynichen oplouff raacht myt 
worden off myt werken, myt kyfflichen saichen, derselve sail verbruichen op 
die vursckreven tzyt altyt dubbell boissen na aller mysdait. 

17. Item nemantz en sail eynichen kost op die vurschreven festdagen 
van der leuven affsenden noch dragen buyssen orloiff oider geheysche der 
meisteren, ind der dairinne mysdede, sail verbruichen 6 buissen 1 ind eyn 
pont was. 

18. Item off emantz uysswendich der gesellschoiff op onssen feest vur- 
gemelt op die leuve queme, den die meysteren nyt geladen en hedden, so 
sail der knecht denselven fraigen, wer ene gelaiden hait, ind vort stylle 
swygen, as he der weys, ind dergener, die den gelaiden haven buyssen 
orloiff der meysteren, sail gelden die boiss mit sees buissen ind eyn pont was. 

19. Item sail eyn egelich schutz in der geselschoiff syn gestalt ind 
gerust myt synen harnysch ind synen gewer ind alien getzuyge, as eynen 
schutzschen gebuirt ind zogehoirt, dat is zo wissen zom mynsten eyn pansser, 
eynen kraich, eynen krefs, eynen yseren hout ind eynen gueder boegen myt 
synen zobehoere, dairmit man over lant louffen mach, ind sail ouch syn gerust 
ind gestalt mit aller gereytschoiff zo Kleve zo scheyssen, as sich ouch dat 
geburt, ind wer nyt so gerust ind gestalt en is, den moegen die meisteren 
alltzyt doyn gebieden myt deme knecht oider selfs dairzo gebieden, he sich 
sail stellen by eynen betzemlichen dage, as sy ene dan setzen werden, so sail 
he dat reyde haven zo deme benanten daghe, ind so wer dairinne bruichlichen 
vonden wurdt, so duck ind mannychmayl sail verbruchen eyne grosse boess, 
myt namen 20 buissen ind eyn pont was. 

20. Item wer onhuessche is op onsser leuven, dat sy op onssen feestdagen, . 
op onssen scheesdagen ind alien anderen dagen, as wir van geselschoiff wegen 
op den leuven synt vergaedert, dat sy mit worden oider myt werken, dat 
sy mit vortzen, mit vysten, dat kenlichen ist, mit deme ongeburlychen sweren 
off flochgen mytter quader plaegen, oider eyn dem anderen syn moeder, suister 
off dergelychen heyssche gehyen mit sulghen versmeden 2 ind onerbaeren worden, 
so duck ind mannychmayl eyn dairby bevunden wurdt, dat man erne kan 
overtzuygen, he sy dan in der geselschoiff off eyn uysswendich, sail verbruichen 
op der leuven 6 h. Ax zo profyt der leuven in die boisse. 

21. Item wer ouch eyn deme anderen in tzorn heisscht liegen, verbruicht 
ouch die boiss, as vurschreven steyt, op onsser leuven. 

22. Item wer eyne kanne, potte, quart, gelass, krusen oider eynich 
ander drinckvass op onsser leuven breicht, der sail vur enen tzwen geven off 
dat dubbel betzalen, oider onss knecht mach denselven van stont an penden, off 
he des onwillich were zo betzalen, he sy geselle oider uysswendich. 



9 Bauschen. • 
*) Schmahworte, 



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Die St. Sebastianug- und Antonius-Schtttzenbruderschaft in Geilenkirchen. 265 

23. Item wer eynich drinckvas, as vurschreven steyt, op der leuven myt 
opsatz entzwey sleyt off wyrpt, dat sy in tzorn off in wreffel oider in wat 
ineynongen sulghs gescbuyt, so ducke ind mannychmayl der sail datselve 
dubbel betzalen ind dairzo betzalen eyne boiss van zo wissen 4 buysschen in 
die gemeyne busse zo der leuven profyt. 

24. Item wer eyne gelasse vinster, dussche, stoil oider banck off der- 
gelychen eynicher eyn zobright, der sail dat van stont an laissen machen 
ind betzalen, ind off he des nyt en deyt, soe sullen die schutzenmeysteren dat 
doyn machen ind den anderen dairvur penden, vur eyne dubbel scheysboyss 
ind vort wes dat gekost hait wederumb zo machen. 

25. Item wer mit metzeren off mit anderen instrumenten in die taffelen 
off dusschen snyt, stycht off hauwet, so dat sy kerffachtich blyft, so duck ind 
mannychmayll sail verbruchen eyner scheysboyss, zo wyssen 16 h. in die busse. 

26. Item wer eyner deme anderen woerde zospriecht, dat sy mit 
loegen oider mit wairheit, die eynen an syne ere treffen off letzen mochten, 
der sail verbruchen so duck ind mannychmayl vonff m. 1 ind tzwey pont was. 

27. Item wer eyner deme anderen sleyt myt eyne vuyst, sail ver- 
bruichen vonff m. ind tzwey pont was. 

28. Item wer eyner deme anderen sleyt myt eyner gesweirder hant, 
so duck ind mannychmayl sail verbruchen vonfftzeyn m. ind dry pont was. 

29. Item wer eyn metze tzuicht in kyfflichen saichen op eynen anderen 
geselle, sail verbruchen 15 m. 3 pont was. 

30. Item wer eyner deme anderen in kyfflichen saichen ongemechlichen 
stoist off myt synen haire tzuicht oider syne kleyder ryst, sail verbruchen 
5 m. ind eyn pont was. 

31. Item wer deme anderen druywet buyssen recht, sail verbruchen 
20 buysschen ind eyn pont wasse. 

32. Item so wat kopmanschoiff op onsser leuven onder den gcsellen 
geschuyt, as van harnyssen ind geschuitz, dat der schutzereyen angheyt off 
zobehoirt, dairvor mach men penden mytten knecht ind vor den meysteren 
umb laissen slayn. 

33. Item wer dem anderen as van gesellen woint macht, also dat sich 
der her der bruchen onderwient ind onss nyt gescreven en synt, so sail doich 
der mysdedige dairboven der geselschoiff zo eren onssen patronen verbruichen 
dry pont was. 

34. Item wanner dat die meisteren die gesellen mitten knecht doyn 
gebieden op die leuve off op anderen plaitzen, dair wir dan yrgent uyss- 
wendich liegen, op sulghen boyss as deme knecht van den meisteren bevoelen 
off geheysschen wurdt, van wegen der geselschoiff zo eynicher uren zo koemen 
zo der plaitzen, as deme knecht ouch bevoelen wurdt oider deme gesellen 
bescheyden wurdt, ind so wer dan nyt en kompt zo der uren, as erne gekun- 
diget is, ind verbeyt, bis die klock dairnae yrst sleyt, ee he zo der besceyden 

l ) Mark. 

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266 M. Schollen 

platzen kompt, der sail verbruichen ind gelden alsulge boess, as erne die 
meysteren haven laissen gebieden. 

35. Item eyne grosse boess is tzweyntzigh buysschen ind eyn pont was, 
ind eyne kleyne boess is seestzen h. 

36. Item ist saichen der knecht syne gebot oider bevell der nyt also 
en deyt, as erne die meisteren haven bevoelen ind dairinne mysbrucht, sail 
der knecht gelden eyne kleyne boiss so duck ind mannychmayl, ind off der 
knecht eynichen gesellen nyt zo heym en vynt, so sail he syn bevell synen 
wy ve off gesynne sagen op sulghen boiss, ind dan der geselle nyt en kompt, 
sail he geyne onscholt haven ind gelden die boess, dairop he geboet wurdt, 
he en brenge dan sulghen notsaichen, dat he des ontdragen syn mach, ind 
umb noetsaichen mach he ouch orloiff heisschen oider doyn gesynnen an den 
meisteren. 

37. Item ist saichen dat onder onsser geselschoff ontstont eyniche tag- 
konge, kyffonge, hadderonge oider tzweydraicht op onsser leuven, by onssen 
Kleveren off anders, wan dair die geselschoeff synt by eynanderen in uysstzien 
van wegen ind gebot des heren off legeren, so sullen die meisteren den 
gebieden van der geselschoff wegen, hoyssche ind stylle zo syn, sullen sy dan 
gehorsam syn ind off dair emantz eyniche reden hedt eyn zo den anderen, 
sullen die meisteren dan verhoeren ind tzweyn off dry zo sich nemen uyss der 
gemeyner geselschoiff ind die gebreechen vereynongen slychten na eren besten 
verstande ind wyssen, ind dairmit sail eyn egelych zofreden syn, ind vorder 
geyne kyvonghe noch tzwendracht machen, ind wer herinne nyt gehorsam en 
is den meisteren ind dairboven deyt, der sail verbueren eyne grosse boiss, 
mit namen tzweyntzich buysschen ind eyn pont was, in die busse ind zo den 
heiligen. 

38. Item ist saichen dat eynicher van der geselschoff onsse meisteren 
verspreicht myt smelichen off mit quaden woerden op onsser leuven, op onssen 
Kleveren oider an anderen enden ind platzen, dair wir van der geselschoift 
vergadert synt umb saichen willen, as den meisteren van wegen oider bevell 
zo doyn steyt oider bevoelen is, der sail verbruchen vonff m. ind tzwey 
pont wass. 

39. Item ist saichen dat eynichen geselle idt gebreech over die meisteren, 
also dat die meisteren ongeburlichen mit erne umbgangen hetten boven reden 
off boven uysswysonge disscr taffelen, derselve mach dat vurbrengen an die 
gemeyne geselschoiff, ind so sich asdan bevynt ind erkant wurdt by der 
geselschoiff, so sullen die meisteren dieselve boisse gelden, dairop dat der 
ander as dairumb gebruicht moicht haven off so wes die gemeyne geselschoiff 
dairovcr erkennen werden, off sulghs hyinne neyt erkleirt stunt, ind weren 
die meisteren des zoweder, sullen sy altyt dubbel boessen. 

40. Item ist saichen dat eynicher van onsser geselschoiff van eynen 
uysswendigen overhaeren, verhochschaff off veronrecht wurde, also wail deme 
mynsten as deme meysten, so is eyn eder geselle dairin gehalden ind ver- 
bunden, der dan dairby is, der synt dan eyn off mere, synen gesellen helfen 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schtitzenbrudersehaft in Gteilenkirchen. 267 

zo verantworden ind erne bystant doyn, so vern as erne dat moegelichen is 
ind he dat mit reden ind billicheyt gedoyn kan, gelych synen broeder in 
helfen denselven zo reden halden, ind ist saichen dat sich eynicher geselle 
hyinne nyt also wie vurschreven nyt (!) so en helt, also vern erne mogelichen 
is ind mit reden wayll doyn mocht, der sail verbruchen eyne grosse boiss, 20 
buysschen ind eyn pont was. 

41. Ind ist ouch onse geselle onrecht hedt, so sail der ander dairby 
is, eme guitlichen straffen ind onderwysen he afflaiss, ind helfen zom besten 
dairtusschen raeden, op dat vorder genn kyffonge off ongeluck dairuyss en koeme, 
so vern he dat gedoyn kan ind eme moegelichen is. 

42. Item in alien uysstzien van geboitz wegen off van geselschoiff wcgen 
sail sich eyn egelich halden nae bevel der meisteren in alien saichen ind op 
die boisse, as eme dat van denen meisteren bevoilen wurdt. 

43. Item idt is gewoinlichen, dat man alle jaire op soindach grosfastaffont 
die weymuelen ind dat Gotberaedt mitter kertzen sail uyssgeven, ind off der 
dach so nyt bequeme en were, so moegen die meisteren mytter geselschoiff op 
synt Sebastianus dairvor eynen anderen dach setzen na gelegonheit, ind wie 
man dyt van gewoinlichen is uysszosetzen mytter kertzen zo deme hoichsten 
pennynck, salmen nagayn, ind so lange as die kertz van selfs brent sonder neder- 
stoyssen, vallen off uyssblaysen, also lange mach eyn egelich geselle off uyss- 
wendich beschudden ind myt sulgher hoeggyng, as die meisteren mytter gesel- 
schoff dat in der yrsten anganck setzen, ind as die kertz uyssgebrant is, ind 
des pennynck, as dan in deme perck lygt, dem sail der schot verbleven syn vur 
die somme, also as sich dan belouft, ind soe wie dan die betzalonge vor in 
dem anheven gelont hait overmitz den meisteren ind geselschoiff, dairin 
dergene gehalden syn zo voldoyn in alien saichen ind den meisteren van stont 
an dairvor goede burgen setzen, dairmit den meisteren waill genogt sail 
syn, ind oft saichen were dat sich emant des anneme ind en voldede myt 
synen burgen zo setzen, van stont an ind ouch die dage der betzalongen nyt 
en hylt, der sail verbruichen zo eyner penen alle dage eyn ort van eynen 
cnckelen golden Rynssce g., so lange ind bys he dairinne voldayn hait, gelych 
as vurgeschreven steyt. 

44. Item van alien ervallen van der muelen ind van deme Gotberait 
mach men pcnden gelych as vur heren bruchen. 

45. Item vort van alien bruichen, boissen ind penen, kleyn ind gross, 
onder onsser geselschoift op der leuven ind op den Kleveren, dat sy zo profyt 
der geselschoiff op der leuven off zo profyt onsser patronen, dairvur moigen 
die tzweyn meisteren penden mittem deme (!) knecht, ind die pende moegen 
die meisteren scaitzen ind umbslayn bynnen 14 dagen, off sy dair en tusschen 
nyt geloist en werden, ind deme gepanten verloeren syn sonder alle wederrede, 
ind die meisteren moegen sy verkouffen vur denselven pennynck, dairop sy 
gescait synt, oider selfs behalden, off sy der nyt verkouffen en kunten. 

46. Item vur alle scheyssboissen mach der knecht penden ind bynnen 
aicht dagen umbslayn, off nyt geloist en werden, ind die scheyssboissen die 



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268 M. Schollen 

moegen egeliche syde der geselschoiff, die in yre syden ind zo eren scheyss- 
dagen vallen, op der leuven vertzeren, as geschoissen haven. 

47. Item alle ander boessen, bruichen ind pcnen, grosse boissen ind 
dairboven sullen komen in die gemeyne busse, sullen onsse meysteren inwerven, 
as vurschreven steyt, ind dairvan alle jair rechenschoiff doyn, ind ouch dat 
was zo den brodermeisteren overleveren zo geluicht zo Goitz eren ind onsser 
liever patronen in die broderschoiff. 

48. Item alle kleyn boissen her onder dese vurschreven grosse boissen 
sullen die meisteren in die busse werfen off der knecht overmitz bysyn tzweyer 
gesellen. 

49. Item in alien puncten sail onsse knecht gehorsaim syn denen 
meisteren gelych as eyn geselle, ind op alsulgen boissen in gelycher maissen. 

50. Item onsse meisteren sullen alle jaire, off so duck des van noeden 
is, onsse Klever doyn rusten ind machen goet tzyt vor onssen scheisdagen, ind 
onss rechenen, wes die gekost haven in yre rechenschoiff, ind off des nyt ver- 
stendich en weren, so moegen etzlichen uyss der geselschoiff dairby doyn 
gebieden, die sich des verstayn, ind wes sy ouch dan tzemlicher wyss dan (!) 
vertzeren myt rechenen, ind wer dairzo geboit wurdt ind nyt gehorsaim en is, 
sail verbruichen sees buisschen, so vern he geyne noetsaichen en brengt. 

51. Item ist saichen dat onsse meisteren des nyt en doynt ind die 
Kleveren ongerust laissen liggen, also dat die geselschoiff dat bekronen, so 
mennychen scheysdach, as sy die dan over laissen liggen ongerust, also 
mannyche boyss sullen sy verbruchen van 6 buysschen ind eyn pont was. 

52. Item ist saichen dat onsse geselschoiff nyt voll en is, zo wyssen zo 
vonff inde tzwentzichen zo, so sal men die gemeyne geselschoiff doyn op die 
leuve vergaderen, umb die geselschoiff volsetzen, so sullen die tzweyn schutzen- 
meisteren ind die tzweyn bymeisteren myt deme konynck tzweyn insetzen, off 
onss eyn gebreicht, veyr insetzen, off onss tzweyn gebrechen, ind so vortan, ind 
dairuyss sail die gemeyne geselschoiff eynen nemen, uyss tzweyn oider uyss 
veyren, ind so vortan, dairnae onss gebrecht, mytter meister stymmen salmen 
dan die gesellen kyesen ind by der meister stemmen sail der so gekoeren 
syn ind schutze blyven. 

53. Item nemant, der van quaden naemen off van quaden samen oider 
oneirbar van gerucht off mit eynichen boesen seyten beruchtiget is, sowie die 
dan gelegen moegen syn, der en sail in onsse geselschoiff nyt angenoemen 
werden, noch umb gelt, noch frunt oider parthyschoiff zogelaissen, gelych as 
dat alien fromen schutzereyen zogeburt ind dyt altzyt by onssen voiralderen 
also gehalden gewest is, ind oft also geburden dat Gott almechtich ind lieve 
werdigen patronen altzyt verhuyden wyllen, dyt sich eynicher uyss onsser gesel- 
schoiff also versumpten oider ontgingen in eynichen onfromen stucken, dat sich 
by wairheyden so bevunde, derselve sail asdan van stont an uyss der gesel- 
schoiff uyssgeworfen ind ontsaitzt werden, sonder alien myddel off remeydien 
dair ontghayn, ind in geyner wyss nyt zogelaissen blyven, herumb sy eyn eder 
eyrbair ind frome, der gem by fromer geselschoiff syn wilt. 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schiitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 269 

54. Item vort ist gewoinlichen, dat wir sementlichen ind gansse gemeyne 
geselschoiff alle jaire eyns die papegey sullen sceissen, nemlichen alle jair 
op den nesten sondach na pinxten, ind dairzo is verbunden eyn eder schutze 
as die mit zo scheissen, der dan op deme daghe zo heym is, ind wer dan 
nyt mit en schuyst ind sonder noetsaichen buyssen blyft, sail verbruchen 
eyne grosse boyss, tzweyntzich buysschen ind eyn pont was, idt en sy dan 
saichen dat he eynen dach daevoeren uyssgegangen were off tzweyne ind den 
scheissen nyt tzytz genoch heym en queme, ind off emant by noitsaichen dcn- 
selven dach uyssgayn moist, der sail an deme meisteren orloiff gesinnen, so 
sail he ouch asdan der boissen lediech stayn. 

55. Item eyn eder geselle sail op deme dage, asmen den voegel sail 
sceyssen, myt synen boigen ind scheissgetzuige vur eyner uren op der leuven 
syn, ind wer sich verbeytt bis na eyner uren, sail gelden ind gebruicht haven 
eyne gemeyne sceissboiss 16 h. 

56. Item asdan sail onsse knecht die kerver gemacht ind gercyt haven, 
ind die sullen die meisteren dan laissen trecken, ind nae eynen egelichen syn 
kerf velt, dairna he scheissen, ind as dan die meisteren willen, so sullen sy 
in ordenantyen ghayn zo der plaitzen, dair der vogell gericht sail syn, ind 
onsse konynck sail vor off yrst na deme vogell scheyssen, dairna onss amptman 
off eyn ander, deme dat bevylt van synen wegen, dairna der aldeste burger- 
meister ind dan vort eyn eder schutz na synen kerve zom lesten uyss, ind 
off emantz anders hyinne dede mit vursaitz, sail verbruichen sees buysschen 
ind eyn pont was. 

57. Item wanner der voigel so langc steyt, so dat die geselschoiff by 
ordynancyen drymayll umb gescoissen is, so sullen die meisteren yrst roiffen 
frede uyss, so mach dan eyn eder geselle scheyssen der yrsten reyde is off 
gesceissen kan, so lange bis der voigel ind all aff is, ind off emantz des voigels 
eyns deyls off scoin dat meyste deyll affsehuyst ind noch eyn mercklich stuck 
in der roeden blyft, so en sail der nochtan nyt konynck syn, dan dergene, der 
dat leste deyl des vogels ganss ind all affsehuyst, der sail konynck syn. 

58. Item wer den voigell affscuyst, der sail onsse konynck syn dat jair 
uyss, ind sullen die meisteren van wegen der geselschoiff deme van stont an 
geven zo verdrincken eynen halfen enckelen Rynssen golden g., ind sail erne 
onsse knecht den sylveren voigell an synen halss hangen, ind dan wederumb 
op die leuvc in ordynancien gayn ind eyne kanne beyrs oider tzwae dryncken, 
ind die mcysteren sullen sich dan mytter geselschoiff besprechen, wie sy sich 
mytter tzerongen sullen halden, ind wer dan buyssen blyft buyssen orloiff der 
meisteren, verbruicht eyne kleyne boisse. 

59. Item noch sail onss konynckx huysfrow haven eyn pair mouwen van 
denselven doich, dair wir onsse koegelen van maichen, oider van goeden engel- 
schen doich. 

60. Item wan die maltzyt des avonts nae, as wir den voigel geschoissen 
haven, gehalden ind wir gessen haven, soe sullen dan nae deme genas onsse 
meisteren van der geselschoiff wegen deme konynck scencken eyn veirdeyll 



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270 M. Schollen 

wyns, ind der konynck sail der geselschoiff scencken anderhalf veyrdeyll wyns, 
ind hymit sail mallich hoessche ind frolych syn, ind wer op desen dach opter 
leuven eyniche onhoescheyt vorkert off bedryft, der sail dubbel boissen ver- 
brnchen. 

Ind wer eynichen uysswendigen zo mailtzyt opbrengt buyssen orloiff der 
meisteren off ongelaeden van deme meisteren, die eynen ederen mit geheisch 
der geselschoff lacden moegcn, die sullen verbruchen sees buysschen ind eyn 
pont was. ^ 

61. Item onsse knecht sail des saterdaegh vor deme soindach, as wir 
den vogel sullen scheyssen, die roede, dairop der vogell gericht sail werden, 
bestellen, inde dairzo sullen eme (die) meisteren (dat) gebendts (off) seyll 
doyn, ind he sail bestellen, dat der voigell gericht sail werden, des sail der 
knecht haven van den meisteren eyne ilessche wyns ind dat gebendts off 
seyll, as he die roede afflegt. 

62. Item so wan onsse konynck sytzt in eynen gelaich in wynhuyss, 
beyrhuyse off in eynichen timmeren ind onsser schutzeu gesellen in dome selven 
gelaich by eme sytzen sees, so sullen die sees gesellen deme konynck syn 
gelaich betzalen, so vern he des gesynt, sonder wedersagen, ind off eynich 
geselle des eme zoweder were ind (nyt) betzalen en wilt, so mach der konynck 
den silveren vogel zo pande setzen, den sullen die meisteren loesen ind die 
ongehoirsamen sullen verbruichen eyn oder sees buysschen ind eyn pont was, 
ind dairzo yr andeyl betzalen. 

63. Item sullen die tzweyn schutzschenmeisteren alle jair dem (!) 
wyntzap doyn, tzwen voider vor die geselschoiff ind tzwen voeder vor onsse 
broderschoiff, zo tzweyn tzyden in dem jaire, zo wyssen zo pynxten half ind zo 
synt Mertyns missen half, na inhalt onss verscryvongen van onssen genedigen 
lievcn heren genaeden. 

64. Item so wat geltz onsser geselschoiff zogehoirt, dat sullen die 
meisteren guit tzyt nae inhalt der vurgescrevener verklerongen van den 
anderen meisteren inwerven, also dat dairdurch deme wyntzap geyn verletz 
noch hynder en koeme, ind dairumb den wyn gelden na noetz ind proffyt der 
geselschoff ind brocderschoiff, ind as sy dairumb uysstrecken willen, so moegen 
sy zo sich nemen eynen of tzweyn uyss der geselschoiff, off sy des nyt ver- 
stendich en synt, die sullen mytghayn opter geselschoiff kost, umb den wyn 
zo gelden, ind dairin sullen sy dan myt alien flyss ind truwen, gelych off dat 
selfs antreffet, ind oft sich ummermere bevunde, dat dairin anders by denselven 
geschege myt onbyllichen stucken in ontruwen, so sullen dieselven dairinne 
mysdayn haven, gestraift ind geboist werden na gelegentheyt der mysdaet 
ind goetduncken der gemeyner geselschoff. 

65. Item ist saichen dat die geselschoff geyn gelt en hait, umb denen 
wyn dairmit zo gelden, so sullen die meisteren guitz tzyt dairvoiren die 
gemeyne geselschoiff doyn vergaderen ind sich daemit besprechen ind dan 
doyn na raede der geselschoiff, as dat ouch van aldest gewoynlichen is. 

66. Item wan sy den wyn braicht haven, sail man die geselschoiff 



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Die St. Sebastianus- uiid Antonius-Schiitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 271 

doyn gebieden, umb den wyn helfen indoyn, dairzo sail eyn eder geselle 
gehoirsaem syn op eyne kleyne boiss, so vern he heym is ind dairzo helfen 
kan, ind sail den meister asdan van stont an eyne flesse van denselven wyne, 
off wanner dat tzyt geyft, op die leuve brengen, dair die gemeyne geselschoiff 
vergadert syn sail, ind laissen den kueren op eynen pennynek dairvor dat 
man den tzoppen mach, ind wie die geselschoiff den dan setzen, also sullen die 
schutzenmeisteren den geven ind vertzoppen ind nyt anders. 

67. Item sullen die meisteren mit naemen die tzweyn schutzenmeisteren 
den wyn tzoppen eyn oder tzwen voeder zo syner tzyt, ind dairvan sail eyn 
eder van den meisteren der gemeyner geselschoiff rechenschoiff doyn, eyn 
egelich van synen tzoppe zo der tzyt, asman die rechenschoiff doyn sail, ind 
dat gewyn ind profyt dairvan halff der broderschoiff ind halff der geselschoiff. 

68. Item die meisteren sullen haven vor eren tzoploen van egelichen 
voeder wyns 3V 2 g- ind der geselschoff rechenen hondert quarten vor ege- 
liche aeme. 

69. Item onsse knecht sail haven van egelichen tzop eynen halffen Rynssche 
g., zo wissen zo pynxten eynen halffen g. ind zo synt Mertyns myssen eynen 
halven g. 

70. Item so sich die meisteren gesatzt haven, oider omekomen synt 
mit dem tzoppen, also dat der eyner vor sail tzappen ind der ander nae, ind 
asdan der eyn vorgetzapt hait ind der geselschoiff gelt an sich hait, sail 
asdan deme anderen synen gesellen alsulch gelt overleveren bynnen guyder 
tzyt, zo wyssen bynnen tzweyn manden na synen tzap, ind off durch vertzoich 
dairby verletz queme, also dat der ander den wyn nyt zo guider tzyt nae 
inhalt onsser verscryvongen bestellen off krygen en kundt, oider nyt in der 
tzyt getzapt en wurde, der dairinne versumlich wurde, also dat der wyntzap 
eynich eyn nyt getzapt wurde, sail geven ind betzalen der geselschoiff ind 
broderschoiff van egelichen tzap zwelff bescheyden golden Rynssche g. ind 
nochtant sulgen gelt overleveren deme anderen meisteren off dairvur gepant 
werden vur eyn ind vur ander an synen guiden gereyt oider anderen erffguiden, 
so denen meisteren allerbequempste bedunckt, ind dieselven dairvur umbslayn 
na guetduncken ind ordenonge der anderen meisteren mit ctzlichen, die sy 
uyss der geselschoiff as dair zo sich nemen, ind off der ongehoirsamen syne pende 
nyt en loisten bynnen deme tzyde erne asdan gekundiget wurde, sullen erne 
syne pende asdan verluyslichen syn ind blieven. 

71. Item eyn egelich schutze mach in onssen wyne desgenen he dairinne 
vertzert oider hailt, burghen so lange bis der tzyt uyss, ind asdan ouch betzalen, 
off der meister mach erne dairvur penden. 

72. Item wie mann sich haven ind halden sail myttem scheissen ind 
speele ind tzerongen by deme Kleveren ind opter leuven in alier wysen ind 
maneren, as hernae bescreven ind gekleirt steyt, ind dat op sulgen boeten 
ind bruchen, as ouch hyby uyssgedragen is. 

73. Item so as van aldtz herkommen ind gewoinheit is, sullen wir onsse 
scheysdage halden altzyt angaynde op dem eirsten soindach nest nae deme 



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272 M. SchoUen 

heyligen paisschedach sail der erste scheesdach syn, ind uyssgaynde op deme 
nesten soindach vur synt Rcmeys 1 dach sail der leste scheesdach syn alle jair. 

74. Item alle jair op soindach nest nae paschdach ind op soindach vur 
synt Remeys dach, as vurgcschreven, sullen die gemeyne gesellen verhunden 
ind gehalden syn zo scheeschen op den Kleveren ind opter leuven by eyn- 
ander zo syn, eyn eder, der den dach zo heym is, idt en wer saichen he as- 
dan kranck is ind dairby nyt komen en kunt, ind wer herover buyssen blyft, 
sail verbueren dubbel scheesboissen, zo wissen tzwen mayll 15 h. 

75. Item sullen die meisteren asdan op die tzwenn dage vurgemelt 
verleggen der geselschoift op eder dach eyne tonne beirs ind broit, ind off 
wyr dan des vorder int gemeyne zo rade sitzen wurde, vorder off mere kosten 
zo doyn, dat sullen die meisteren all verleggen ind der geselschoiff rechenen 
zo syner tzit. 

76. Item vortan alle sondags sullen asdan die eyne helft off sydc van 
der geselschoiff vorn ind op den eersten scheessoindach scheissen, ind die 
ander helft off syde opten anderen soindach nest dairnae, so as die vor geloist 
off gesat synt, ind sullen scheissen veir speyll uyss, inde egelich speyll deme 
man veir Aicher h. 

77. Item op die veir hoichtzit kersmissen, paisschen, pinxten, goidracht, 
soindach, asman die papgey schuist, op kyrmisdach ind op patroynsdach ind 
op onsser liever frouwen dageu en sail nemantz verbunden syn zo scheysscn 
op ey niche boissen. 

78. Item op den scheessoindagen, as man is verbunden zo scheissen, 
ind die gesellen, den dan scheesen gebuert, die sullen zo tz welff uyren nae myss- 
tzyt myt yren scheesgetzuyge by den Kleveren syn, ind wanner as dair in der 
baenen synt veir schutzen van eyniger syden, so moegen dieselven wayll 
anheven ind inwerffen ind eyn speyll machen ind vort die veyr speyll uyss- 
scheissen, ind were saichen dat daironder nemantz mere van schutzen op en 
queme, so moegen sy den anderen alle, den scheissen geburt, boeten en bruchen, 
die nyt mit en hedden geschoissen. 

79. Item der schutzenknecht sail die pylon inwerffen van die gesellen 
ind ouch opheven ind dessen sich nemantz anders onderwenden, ind wer dair- 
bocven dede, so duck verbueren veir h. 

Item die nesten pylen sullen altzyt wyt voet, ind denselvcn, die des 
pyle zogehoert, sail der knecht myt knyt scryven op enen schoene ind die 
sullen aenscheissen. 

80. Item die wytzten sullen altzyt swart voet syn ind nascheyssen. 
1st saichen die gesellen in den inwerffen ongelich synt, so sail der knecht in den 
opheven dat meyste deyll der pylen swart voet laissen liggen off opheven, ind 
kompt dan. eyn op in den spele, der yrste sail asdan wyt voet syn ind der 
ander dairna opkompt, sail ouch wyt voet syn, ind kompt dan noch eyn op, 
der sail swart voet syn ind also vortaen zo gelycher deylongen zo, ind ist 



l ) St. Remigius (1. Oktober). 

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Die St. Scbastianus- und Antonius-Schiitzenbruderschaft in Greilenkirchen. 273 

sachen dat der gesellen zo alien syden wyt voet ind swaert gelych vuele 
synt, ind kompt dan noch eyn geselle op onder deme spele, so sail altzit 
der yrste opkompt by wyt voet syn, ind der ander dair kompt swaert 
voet syn. 

81. Item ist saichen emant opkompt, wanner eyn spyll gesehoissen is, 
der sail eyn spyll gelden ind mach vort mit scheissen inde inwerffen in dem 
tzweyden spyll gelych den anderen, ind der opkompt, as tzwey spyll gesehoissen 
synt, der sail tzwey spyll gelden ind mach vort mit inwerffen ind scheyssen, 
ind wer opkompt nae deme dry den spyll, sail he dry spyll gelden ind mach 
mit inwerffen zo dem veirden spyll. 

82. Item wer die veyr spyll all wynt, der gylt eyne veir h. fonsse int 
gelaich. 

82. Item wer buyssen blyft off nyt en scheist op den dach, as erne zo 
scheissen gebuirt, ind he zo heym is, sail gelden eyne scheyssboyss, zo wyssen 
seeszenn h. Eix. 

83. Item blyft eyniger geselle syncr scheyssdage tzweyn buyssen nae 
eynanderen he zo heym is ind nyt en schuyst, der gilt den anderen scheis- 
dach dubbel scheisboisse, zo wyssen 32 h. 

84. Item wer uyssblyft dry syner scheisdage nae eynanderen ind nyt en 
schuyst, der gylt zo deme dryden scheisdage vor eyne boyss veyr buysschen 
ind eyn pont was, also vcrn he geyne bewerde noetsaeken hernae beschreven 
stait en brengt. 

85. Item off eyner wayll zo heym were op synen scheysdach ind he 
kranck ist, also dat he nyt gescheyssen en kan, der sail nyt boyssachtich ge- 
halden werden. 

83. Item off eynighcr geselle vur deme scheysdach, as erne scheissen 
geburt, uyssgegangen were ind* ouch nyt vur deme scheysspelen weder heym 
queme, der en sail nyt geboist werden, ind ouch off he wayll nae deme speele 
heym queme, sail der boisscn ouch ledich stayn, mer kompt he vur deme 
scheysspele weder heym, is he verbunden zo scheyssen op syne boiss, as vur 
gekleirt steyt. 

87. Item off eyner syner scheyssdage drye off veyr na eynanderen uyss- 
were off noch mere, as erne scheyssen gebuyrt, des he ongeboet were dairvan, 
der sail syn verbunden, op synen nesten scheysdach, as he heym is, zo scheyssen 
op die grosse scheysboiss veyr buysschen ind eyn pont was, so vern he gesont 
is ind gescheisscn kan. 

88. Item wer op deme soindach, as emc zo scheissen gebuyrt, zo doyn 
hedt off by syne frundt syn muyst oider op deme selven dach vur deme scheys- 
spele uyss zo doyn hedt, der mach eynen van onsser gemeyner geselschoift 
bidden, dat he asdan vur erne mitscheiss, ind so wes der geselle, der vur 
erne schuyst, asdan van den spelen gelden wurdt in den scheissen as van den 
veyr gesatten spelen, dat sail der ander, der ene gebeden hadt, ouch deme 
knecht guitlichen betzalen sonder wedersagen ind dairmit syner boissen 
ledich stayn, inde dergencr, der also gebeden is, vur eynen anderen zo scheyssen, 

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274 M. Schollen 

der sail dat sagen off zo kennen geven op deme Kleveren, eer datmen in- 
geschoissen hait, anders sail der ander syne boiss gelden. 

89. Item nemants en sail eynen anderen vur erne tzweyn scheyssdage 
bidden zo scheyssen. 

90. Item off emandt uysswendich onsser geselschoiff mit onss begcrt zo 
scheissen, die sullen gutlichen aen denen meisteren oirloff bidden, so verre 
erne des gegunt wurdt, moigen asdan mit ons scheissen ind anders nyt. 

91. Item alle uysswendigen off byvellen, die mit onss op onsser leuven 
tzeren ind nyt. mit geschoissen en haven, die sullen gelden vor gelaich eyne 
buysgche, ind vort wes eyn eder schutze boven deme gewoinlich gelaich gult, 
also vuele sail der fremder ouch geven boven die buyssche, ind gelden ouch 
eyn schutze wie erne dan syn gelaich int gemeyn, also vuele sail der fremder 
ouch mye gelden beneden syne buyss. 

92 1 

93 

94. Item off emantz dat wyt off nagell versette oft verende off eynich 
pyll oich umb vurdels willen naere off wyders, so dat sich by waerheyt off 
getzuygen also bevunde anders dayn dat by deme spele, off meisteren van deme 
spelc gesatz haven, eyne in dat Kleeff geschoissen were, so duck sail eyn 
dairmit verbrucht haven eyne scheissboiss 16 h. 

95 

96. Item wer eyner deme anreyff, wannere he gespannen hait off scheissen 
sail, off myt erne zuycht oider spreche in synen scheissen, sail verbruichen 
eynen scheyssboiss off synen schoene zo setzen, umb dairnae zo scheissen, as 
nae bescreven steyt. 

97. Item wer ouch anders eynichen saichen off valscheyt gebruicht 
in synen sceissen, dat weder schutterrecht oider nyt schutterlich en were, 
also datman dat bevinden kunde, so duck verbruichen eyne scheyssboyss. 

98 

99 

100. Item ist saichen dat eynicher syden belieft op eren scheisdagen op 
der leuven zo koemen off kost zo halden, des moigen sy overkoemen mit eren 
meisteren ind mit deme knecht ind desgenen doyn gelden int reyden, wes sy 
overkoemen werden ind nyt vorder, ind also halden, as sy dat insetzen. 

101. Item wanner dat geburt der meisteren eynicher eyn opten gebur- 
lichen scheysdaigen opten Kleveren ind opter leuven nyt gesyn en konnen 
ind op yre boiss uyssblyven moegen, so sullen sy altzyt eynen anderen schuitze 
in ere stat setzen, umb alle saicheu van gebreechen, off des geburden onder 
der geselschoiff, as vur ind na gerort steyt, zo bescheyden zo helfen, ind off sy 
des nyt en deden, sullen die meisteren dubbel boyss gelden, as sy uyssblyven. 

102. Item wanner asman dat gelaich wilt rechenen, so sail der 
knecht koemen vur die meisteren eynen off die dan dair synt, ind denen 

V Die Nm. 92, 93, 95, 98 imd 99 iraren bei der Erneuerung der Tafel unleserlich. 

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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schtltzenbrudcrschaft in Geilenkirchen. 275 

meisteren dat vurleggen ind erne saigen datgene, as dan dair vertert is ind 
geholt hayn, ind dat sail der meister rechenen off eynen anderen bidden, der 
dat vur erne doyn mach, dairmit sail egelich zofreden syn, ind off emant mit 
onrecht dairweder deyt off spreicht, sail verbueren sees h. Eix so duck ind 
mannychmayll, as dat geschuyt 

103. Item ist saichen dat der meister eynicher off der knecht anders 
onrechtverdieh rechenden off vorderden dan sy geholt hedden off dairvor 
uyssgelacht hetten off sulden ind myt wysen off vursatzt, ind ouch off sulghen 
kost, spyse off dranck, vercoicht off vertzoigen wurde, eer dat vur dye geselschoiff 
queme, sullen die dairinne schuldich weren, verbruichen so ducke ind mannych- 
mayl sees buysschen zo proffyt der gemeyner geselschoiff. 

104. Item vor alle scheysboyssen sail onsse knecht verleggen ycklicher 
sydcn op eren scheisdagen opter leuven ind die bynnen aicht dagen inheven, 
ind off he der nyt dairbynnen krygen en kan, mach he dairvur penden eynen 
egelichen geselle ind die pende van stont an umbslayn off zom lengesten 
bynnen dry den nesten dagen dairnae verkouffen off selfs behalden, ind sullen 
dan deme gepanden verloeren syn, ind off emantz mit opsatz off moitwillen 
dairweder deyt, sail verbruchen eyne grosse boiss, zo wyssen 20 buysschen 
ind eyn pont was. 

105. Item in gelycher maissen vurgescreven mach ouch onsse knecht 
penden vor alle tzerongen op den scheysdagen op onsser leuven vertzert wurde. 

106. Item alle puncten vurgenant off hernae bescreven synt, dairvan 
geyn besonder boyss gekleirt steyt, off eyniche ander puncten off gebrechen, 
die straifflich weren geburt, den hyinne nyt uyssgedruckt en weren, sullen 
altzyt gestraifft ind geboisst werden nae ordelen der gemeyner geselschoift 
ind nae gelegenthcyt der mysdayt. 

Dafi gegenwartige in zwantzig sieben bletteren bestehende abschrift 
dem originali der uhralter schutzentaffel der bruderschaft des h. Sebastiani 
alhier zu Geylenkirchen nach dem inhalt deB niederteutschen textus nach vor- 
gangener ileiBiger collation concordant und gleichlautend befunden worden, 
solches thue hiermit attestiren. 

Joh. Wilh. Munster, caes. pub. et immatriculatus notarius mpia. 

Privilegien unci Urkunden. 

Die Originate der nachstehend unter Nr. 2 — 8 mitgetheilten Urkunden, 
sdmmtlich auf Pergament y befinden sich im Archiv der St. Sebastianus- und 
Antonius-SchUtzengesellschaft zu Geilenkirchen. Nr. 2, 3, 5 und 7 sind gut 
erhalten, die ubrigen beschddigt. 

2. Wilhehn Snelkens von Bauchem und seine EJiefrau Katharina bekennen, 
dem Johann Buggenum und seiner EJiefrau Heylken jahrlich drei Siiniber Roggen 
Erbpacht, lieferbar auf St. Andreas, zu verschulden und stellen hierfur Haus 
und Hof in Bauchem zum Unterpfand. — 1473, December 12. 

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276 M. Schollen 

Wir Diderich Vlocop, Johan Freeden son van Theveren, Johan Pijtzwegge, 
Heyn Duvels und vort die gemeyne scheffenen des dynckstoils zo Geylenkirchen | 
doin sementliche kont und bekennen oevermitz diesen oeffenen brieff, dat 
vur uns komen ind erschenen synt Wylhem Snelkens van Bauchem ind 
Kathrijne, syne elige huysfrauwe, in der tzyt doe sy dat waill doen mochten 
und yn yeren wijtlichen stoill sytzende waeren, ind haint gekant und gelijt voir 
sich und | ere erven, dat sy alle jaere erfflieh ind ommerme schuldich synt 
Johan Buggenum und Heylken, synre eliger huysfrauwen, und yeren rechten 
erven off helder dis brieffs mit yeren wyllen drije sumberin roggen erffpachtz der 
mayssen van Geylenkirchen, goitz pacht kornss in vier pennyncgen neest den 
besten, van nu datum dis brieffs vortan alle jaere erfflieh ind ommerme den 
vurschreven Johan ind Heylken, eluyden, eren erven off helder dis brieffs guyt- 
lichen ind waill zo betzalen und yn yr vrij sicher behalt bynnen Geylen- 
kirchen zo lieveren ind unbesweirt van alremallich, dat is zo wyssen zo 
sinte Andries missen des heligen apostels neest komende na datum dis brieffs 
sonder langer vertzoch. Dis zo mere sicherheit gueder betzalongen dis vur- 
schreven erffpachtz drye sumberin roggen mayssen vurschreven so haint die 
vurschreven eluyde Wylhem ind Kathrijne vur sich ind yere erven den vur- 
schreven eluyden Johann und Heylken und eren erven off helder vurschreven 
darvur zo eynen underpande gesat und setzen mit namen huyss ind hoeff 
gelegen zo Bauchem, zer eynre syden neest Geirlix kynder erve, zer andere 
syden ind mit den vurhoufft lanx die gemeynde, in alsulcher vurwerden, offt 
saiche were dat die vurschreven Wylhem und Kathrijne off yerre erven eynges 
jairs versuymplich off bruchlich vonden wurden an der betzalongen ind leve- 
rongen des vurschreven erffpachtz up deme vurschreven daige und termijne, 
as vurschreven is, id were yn deyle off yn all, so sail ind mach der vur- 
schreven Johan ind Heylke, eluyde, ere erven off helder vurschreven ere hant 
slain an dat vurschreven erve as vur eyn ervallen onderpant, dat keren ind 
wenden, nutzen ind vromen ind vortan dairmit doyn ind layssen gelijch anderen 
yeren properen erven ind guede, buyssen hyndernisse off wedersprechen Wylhems 
ind Kathrijnen vurschreven, yerre off yemantz anders van yeren wegen, nae 
landz gewoende ind uyssgescheiden alle argelist. Dis in kenneniss der wairheit, 
want wir scheffenen vurschreven gebeden synt, desen brieff zo besiegelen, so 
haven wir umb beden wille bey der parthijen onssen scheffendomps siegell 
zer konden an desen oeffenen brieff gehangen, beheltenisse onssen genedichen 
heren syns rechten und mallich des syns. Gegeven in deme jaere unss heren 
duysent vierhondert ind drijindseventzich, op sint Lucien avent. 

Das angehcingte beschddigte Siegel zeigt in gothischem Schild einen auf- 
rechten gelcr'onten doppeltgeschwdnzten Lowen; vor dem Kopf steht eine Lilie. 

Von der Umschrift ist nur erhalten: sigill ire he. Auf der 

Ruckseite von gleichzeitiger Hand: Lemcken Bart van Baechem 3 sumbern 
roggen, sodann eine Notiz von viel spdterer Hand. 

3. Tijsken von Gillrath und seine Ehefrau Maria bekennen, dem Johann 
Buggenum und seiner Ehefrau Heylken jahrlich drei Siimber Roggen Erbpacht, 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schiitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 277 

lieferbar auf St Andreastag, zu verschnlden und stellen hierfUr Haus und Hof 
in Geilenkirchen zum Unterpfand. — 1476, November 10, 

Wir Diderich Vlocop, Johan Freeden son van Theveren, Johan Pijtz- 
wegge f Johan Francken van Scerpensele, | scheffen, und vort die gemeyne 
scheffen des dynckstoils zo Geylenkirehen doin sementliche | kont und bekennen 
oevermitz diesen oeffenen brieff, dat vur uns komen ind erschenen synt 
Tijsken | van Geylroy ind Merge, syne elige huysfrauwe, ind haint ergiet ind 
bekant vur sich ind yere erven, dat sy alle jaere erfflich ind ommerme 
schuldich synt Johan Buggenum ind Heylken, synre eliger huysfrauwe, und 
yeren rechten erven off helder dis brieffs mit yeren willen drij sumberin roggen 
erffpachtz der mayssen van Geylenkirehen, guitz pacht korns in vier pennyngen 
neest den besten, van nu datum dis brieffs vortan alle jaire erfflich ind 
ommerme den vurschreven eluyden Johan ind Heylken und yeren erven off 
helder dis brieffs vurschreven guitlichen ind waill zo betzaelen und yn yr 
vrij sicher behalt bynnen Geylroede zo lieveren ind onbesweirt van alre- 
mallich, dat is zo wyssen zo synte Andries missen des heligen apostels neest 
komende na datum dis brieffs sonder eynich langer vertzoich, und zo mere 
sicherheit gueder betzalongen und lieverongen dis vurschreven erfflichs pachtz 
drij sumberin roggen mayssen vurschreven so haint die vurschreven eluyde 
Thijsken ind Merge vur sich ind yere erven den vurschreven eluyden Johan 
ind Heylken und yeren erven off helder vurschreven darvur zo eynen onder- 
pande gesat und setzen mit namen huyss ind hoff zu Geylrode gelegen, mit 
eynen vurhoufft op die gemeyne strate, mit den anderen vurhoufft Peter 
Slapaels erve, mit eynre syden neest Beys kamp, zer andere syden de molen- 
wech, item noch sees morgen lantz neest dairby gelegen, mit eynen vurhoufft 
ind syden Luythers kynder erve, mit den anderen vurhoufft de moelenwech, 
zer andere syden Beys erve, in alsulcher vurwerden, offt saiche were dat 
der vurschreven Tijsken ind Merge off ere erven eynges jairs versuymplich 
off bruchlich vonden wurden an der betzalongen ind lieverongen des vur- 
schreven erffpachtz up deme vuTschreven daige und termyne, as vurschreven 
is, id were yn deyle off yn all r soe sail ind mach der vurschreven Johan ind 
Heylke, eluyde, ere erven off helder vurschreven ere hant slain an dat vur- 
schreven erve as vur eyn ervallen onderpant, dat keren ind wenden, nutzen 
ind vromen ind vortan dairmit doen ind layssen gelych anderen yeren 
properen erve ind guide, buyssen hyndemisse off wedersprechen Tijskens ind 
Mergen vurschreven, yere off yemantz anders van yeren wegen, naer landtz 
gewoenden ind uysgescheiden alle argelist. Dys in kenneniss der wairheit, 
want wyr scheffen vurschreven gebeden synt, diesen brieff zo besiegelen, so 
haven wyr omb beden willen beyder parthijen unssen scheffendomps siegiell zer 
konden an diesen oeffenen brieff gehangen, beheltenisse onsen genedichen heren 
syns rechten ind mallich des syns. Gegeven in den jaeren unss heren duysent 
vierhondert ind seessindseventzich, up synt Mertens avent des heligen 
busschoffs. 

Das angehdngte Siegel wie bei UrJcunde Nr. 2 ist stark beschddigt und 



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278 M. Scholleu 

l&sst von dem Lateen nur emen llieil, von der Umschrift nichts erkennen. Auf 
der Bilckseite von gleichzeitiger Hand: drey suinbern roggen zo Gilraedt. 
Ferner ist hier vermerkt, dass diese „Verschreibung" am 23. September 1749 
von den Schiitzenmeistern dem Reinhard Heffeh fur 27 Rthlr. f die er in einer 
Prozefisache der Brudersehaft gegen Heinrich Houben, Wirth zum rothen 
Lowen, in Hunshoven vorgeschossen hatte, iibertragen und von ihm am 4. April 
1763 der Brudersehaft zuriickilbertragen worden sei. 

4. Herzog Wilhelm von Julich und Berg verleiht der Freiheit Geilenkirchen 
zur Beforderung der dort errichteten St. Sebastianus- und Antonius-Bruder- 
schaft, sotcie behufs Verst&rkung und Instandhaltung der Befestigungswerke 
das Recht, von jeder v Setze u (Sester?) Waid eine Bausche und von alien den 
Jahr- oder Wochenmarkt daselbst besuchenden Kaufleuten einen Aachener Heller 
Accise von jeder Mark zu erheben. Ausserdem schenkt er der genannten 
Brudersehaft fur seine, seiner Gemahlin und ihrer beiderseitigen Vorfahren 
Einschreibung in dieselbe vier Gulden jdhrlicher Gefcllle von dem Waidmafi zu 
Geilenkirchen. — 1485 y Juli 2. 

Wir Wilhem van Gotz gnaiden hcrtzoueh zo Guylge, zo dem Berge, 
greve zo- Ravensberg, herre zo HeynBberg ind zo Lewenberg etc. doin kunt, 
so as unse lieve | getruwen ind undersaissen unser vryheit Geylenkirchen 
eyne loefflige broderschafft in ere Goitz ind der hilligen mertelers ind cou- 
fessoirs sent Sebastianus | ind sent Anthonius angefangen, upgeheven ind 
daromme zo vollest ind up dat de vurschreven broderschafft ind gotzdienst de 
vestliger gehalden ind stanthafftiger | blyve, up iglich setze weydts durch 
unse gantze ampt van Geylenkirchen gemessen ind verkoufft sail werden, zo 
messen eyne buyssche zo geven gesat hain, as nemlich eyne halve buyssche 
dem ghieme sulch weydt verkouffen ind deBgelichen eyne halve buyssche dat- 
selve weydt geldende syn, ouch hain deselven unse undersaissen van Geylen- 
kirchen vurschreven zo vollest zo stuyre ind up dat sy unse vrijheit obgemelt 
debass befestigen ind buwich gehalden moigen, gesat den kouffluden jair- 
lichs mit yren kouffmanschaffen up jairmarcktcn ind wechenmarckte zo Geylen- 
kirchen vurgemelt komen, van yeren guderen sy daselffs up den marckten vur- 
schreven verkouffen werden, van iglygei marck zo geven eynen haller Eyxs 
zer zyCen, so bekennen wir hertzouch etc. vurschreven vur unss, unse erven 
ind nakomlinge, dat wir umb Gotz loff ind ere de vorder gebreydet, de hilligen 
geeirt ind de loefflige broderschafft ind gotzdienstz vurschreven de stanthafftiger 
blyve, up iglich setze weydtz durch unse gantze ampte van Geylenkirchen 
verkoufft ind gemessen wirdet, eyne buyssche in vurschreven maissen zo geven, 
ouch umb dat deselve unse undersaissen van Geylenkirchen sich mit gehalde 
irs buwes ind befestongen de vorder ind baB gehalden moigen, van alien 
kouffmannschaffen up den vurgemelten marckten verkoufft ind verhandelt sail 
werden, der kouffmann sulchs verkouffende van igliger marck eynen haller 
Eyxs, allet we vurschreven zo geven bewilliget, zogelaissen ind beliefft hain, 
bewilligen, zolaissen ind believen oevermitz desen brieff van nu vortan erfflich 
ind umberme gehalden zo werden, also dat deghiene dartzo gesat ind geordi- 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schiitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 279 

neirt werden. gude bescheidlige eirber rechenschafft, as men dat an yn gesynnende 
ist ind so dicke dat dit geburt, doin sullen. Want dann de vurgemelte unse 
undersaissen van Geylenkirchen miss, unse lieve huysfrauwe ind gemahell, 
unser beyder alderen ind vurfaeren zo der loeffliger broderschafft vurschreven 
ontfangen, dainne geschreven ind damit unss eyne erffliche memoria ind 
gedechtniB gemacht, des wir unss fruntligen van yn bedancken, hain daromme 
van wegen sonderlinge gnaiden ind gunsten sulgen vier ovorlentsche gulden zo 
zwentzich pcnnynck den gulden unss jairlichs an der weydemaissen nu zo Geylen- 
kirchen vurschreven erschynen ind vallen, zo der broderschafft vurschreven 
erfflich ind umberme zo heven ind zo boeren gegeven ind verschreven, geven 
ind verschreven ouch vestlich in crafft difi brieffs vur unss, unse erven ind 
nakomlinge, also dat de vurgenante unse undersaissen van Geylenkirchen de 
vier gulden van der weydemaissen vurschreven van nu vortaen erfflich ind 
zen ewigen daigen upheven ind bueren sullen, vort wenden ind keren na uren 
besten synnen, der broderschafft vurschreven meisten nutz ind urber damit 
zo doin ind vurzonemen, alrekunne argelist, hynderniB ind geverde, de in 
eyncher wyfi hyinne oeder herweder geschien mochten, gentzlich ind zomaill 
uiCgescheiden. Bevelen herombe alien unseren amptluden, oeversten ind 
understen, ind alien unsen undersaissen unss amptz Geylenkirchen nu synt ind 
hernamails komen werden, de vurgenante unse undersaissen unser vryheit 
Geylenkirchen by deser unser erffgijfft ind gnaiden van unss waill zo laissen ind 
zo behalden behulffen syn an alien den ghienen damit sy des zo doin haven 
ind sich darweder halden ind nyt geven weulden, dat willcn wir also gehadt 
haven. Dis zo urkunde der wairheit hain wir hertzouch etc. vurschreven unse 
siegele vur unss, unse erven ind nakomlinge an desen brieff doin hangen. 
Gegeven zo Heynftberg in den jaeren unsers herren duysent vierhondert vunff- 
indechtzich, up unser liever frauwen dach visitationis. 

Van bevele myns genedigen heren etc. ind oevermitz hern 
Gotschalck van Harve, ritter, lantdrost slantz van Guylge, 

Wilhem Lunynck. 

Das angehiingte Siegel ist sehr beschddigt. Auf der Riichseite von spdterer 
Hand: St. Sebastiani bruderschaft zu Geilenkirchen betreffend die collation 
der weidtmafien. 

5. Herzog Wilhelm von Julich und Berg emeuert die Abgabenfreiheit der 
Waidmiihle im Kirchspiel Geilenkirchen- Hiinshoven und die Erlaubniss zur 
Fischzucht im Gottberaet. Die Schiltzen erhalten zwanzig Kolner Weisspfennige 
und eine Traglast Holz beim Schiitpenfest ; sie diirfen im Mai oder Juni und im 
November je zwei Fuder Wein steuerfrei verzapfen,jedes Quart zwei Heller theuerer 
ivie gewohnlich ; so lange dieser Wein reicht, darf Jcein Anderer solchen verzapfen. 
Kleiner e Streitigkeiten diirfen die Schiltzen selbst entscheiden. Dafiir sollen diese mit 
Armbrust und Harnisch geriistet jederzeit zur VerfUgung stehen. — 1486, Mai 31. 

Wir Wilhem van Gotz genaden hertzouch zo Guylge, zo dem Berge, 
greve zo Eavensberg, herre zo Heynsberg | ind zo Lewenberg etc. doin kunt 
ind bekennen offentlich mit desem brieve, dat wir van unsen sunderlingen 



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280 M. Schollcn 

genaden | ind guusten unsen lieven getruwen ind uudersaissen, den schutzen 
gemeynlich unser vrijheit ind vestonge Geylenkirchen erloufft, zogelaissen 
ind gegont haven, erlcuven, zolaissen ind gonnen vestlich in crafft dis brieffs, 
dat sy de weydemoelen zo Geylenkirchen ind Hunxshoever kirspell gelegen 
vrij haven sullen van alien nutze ind profijt, gelych van alders gewoenlich 
geweist ist. Item noch moigen sy eynen wyer besetzen mit visschen, gelegen 
tuschen der portzen unser vurschreven vrijheit ind der kornmoelen, genant dat 
Gotberaidt. Item eynen dam, da de vurgcmelten schutzen Clever stain, as 
ouch gewoenlich ist. Item noch zwentzich wispennynck Koeltz, de in unse 
amptmann zor zyt zo Geylenkirchen vurschreven uyss den boessen da gefallen 
geven sail, as sy yren voegell schyessen. Item eyn sleypsell houltz, as unse 
vurschreven schutzen yre schutzenfeyst halden. Item vier voider wyns, de 
unse schutzen vurgemelt moigen zappen zysevrij, zwey voider vur de broder- 
schafft sent Sebastianus ind sent Anthonius ind zwey voider vur de schutzen, 
de vier voider wyns vurschreven sullen sy zwey voider zappen tuschen 
pinxsten ind synt Johans Baptisten dage zo mitzsoemer ind de ander zwey 
voider tuschen alrchilligen daige ind synt Andreiss daige neist darna volgende, 
ind yeder quarte des vurschreven wyns zwene haller Koltz hoeger, dan der 
gemeyne kouff ist; ind as unse vurschreven schutzen de vurgemelte vier 
voider wyns as vurschreven zappen, so en sail geyn wirt oeder wirtynne der 
vurschreven schutzen geselschafft oeder broderschafft hynderlich noch schede- 
lich syn, noch geynen wyn dabynnen upstecken noch vertzappen, so lange 
as der geselschafft oeder broderschafft wyn zo zappe leufft oeder duyrt. 
Hedden de obgenante unse schutzen ouch eynche unmynne oeder zwist under 
sich van eynchen yrer gesellen, van kyffligen saichen mit worden off mit 
wercken, buyssen wonden, doitslach oder worde, de ant lyff treffen, des 
sullen de andere gesellen under sich gemechticht syn zo slichten buyssen off 
sondcr eynche boesse unser oeder unser amptlude, off ouch yemantz gebruych- 
den oeder weder were eyncher deser vurschreven punten, de sullen ind 
moigen de vurschreven schutzen penden, gelych als men vur herren renthen 
schoult ind bruchen pleget zo penden. Dese unse genade, vrijonge ind 
zolaissonge den schutzen unser vrijheit ind vestonge Geylenkirchen vur- 
geschreven innehalt dis brieffs sail duyren ind waeren bis zo unsem weder- 
roiffen; daromme sullen sy sich ouch altzyt gerust halden mit armborster 
ind harnisch, ind wanne ind zo wilcher zyt, idt sy dach off nacht, wir 
yre gesynnen doin buyssen Geylenkirchen, sail up unse kost geschien, 
sunder argelist. Dis zo urkunde der wairheit hain wir hertzouch etc. vur- 
schreven unse siegell an desen brieff doin hangen. Gegeven zo Randenroide in 
den jaeren unss heren duysent vierhondert secssindechtzich, uff den neisten 
gudenstach na des hilligen sacramentz dag. 

Van bevele myns gnedigen heren etc. ind overmitz her Got- 
schalck van Harve, ritter, lantdrost zo Guylge. 

Diderich Lunynck, 
Das angeJicingte Siegel ist gut erhalten. 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schtitzenbruderschaft in Gcilenkirchen. 281 

6. Andreas in der Gaten und seine Ehefrau Katharhia bekennen, der 
St. Sebastianus- und Antonius-Bruderschaft j&hrlich einen\ rheinischen Gulden, 
zahlbar auf St. Andreastag, zu verschulden und stellen dafiir mehrere Grund- 
stucke zum Unterpfand. — 1493 y Februar 1. 

Wir Johan Buggenum, Symon Peter Symons son, Gcrart Olyslegers, 
Peter Jans ind vort die gemeyne scheffenen des dynckstoils zo Geylekirken | 
doin kont alien luyden ind tzugen oevermits diesen oeffenen brief, dat vur uns 
komen ind erschenen synt priess in der Gaten ind Katerina, syne clige huis- 
frauwe, in der tzyt dat sy dat waill doin moichten ind haint bekant vur sieh 
ind yere erven, dat sy erfflicher gulden ind renten | van reenter kcntliger schoult 
schuldieh synt synte Sebastianus ind sinte Anthonys broderschaff momberen 
nu zer zyt off hernamails ommerrae syn sullen, off helder dis brieffs mit yeren 
willen eynen Rynschen gulden tzwentzich stuyffer vur den gulden off seessind- 
dryssich buysschen paymentz allewege zyt der betzalingen zo Geylekirchen 
genge ind geve syn sail, dwilchen erffliehen jairlinge pacht ind rente die vur- 
sehreven eluyde Driess ind Katerina vur sich ind yre erven der vurschreven 
broderschaff momberen of holder vurschreven alle jaere erffliehen, ewelichen 
ind ommerme geloifft haint zo betzalen und yn yr vrij sicher behalt ind gewalt 
los ind vrij bynnen Geylekirchen zo lieveren op sint Andriess dach des heligen 
apostels sonder eynich langer vertzoich. Dis zo mere sicherheit wille gueder 
betzalongen so haint die vurschreven eluyde Driess ind Katerina vur sich ind 
yere erven darvur zo ondcrpande gesat ind verbonden vunff virdell lantz, 
gelegen mit eynre syden neist Pytzweggen kynder erve, mit der andere 
syden ind mit eynen vurhoufft Johan an den Kirchoff, mit den anderen 
vurhoufft neist Heylger Styls erve, item noch drije virdell lantz, mit eynre 
syden Kryn Schomechers erve, zer andere syden Johan Groeven kynder erve, 
mit eynen vurhouffde Pytzweggen kynder erve, mit dem anderen vurhoufft Heyn 
Rademechers erve, in dieser wys, offt saiche were dat die vurschreven eluyde 
Driess ind Katerina off yere erven ain betzalungen ind lieverongen des vur- 
schreven jairlichs erfflichs pachtz ind rente eynich jairs up die vurschreven 
tzyt versuymplich off bruchlich vonden wurden, dat were yn deyle off zomaile, 
so sail ind mach momber der broderschaff off helder vurschreven dat onder- 
pant anvanghen ind antasten ind dan vortan erffliehen dairmit doin ind layssen 
as mit andere erffschaff der broderschaff vurschreven, buyssen hyudernisse off 
wiedersprechen Dryess ind Katerinen vurschreven, yere off yemantz anders van 
yerent wegen, nae landtz gewoenden ind uyssgescheiden alle argelist. Ind were 
ouch saiche dat dis brieff nass, flechachtich off der siegell geqwat off gebroechen 
wurde, dairomb en sail diesse brieff nyet zo mynre macht haven, mer in synre 
gantzer macht blyven, gelych des allis egheyn en were. Dis in kenncniss der 
wairheit, want wir scheffenen vurschreven gebeden synt, diesen brief zo besiegelen, 
so haven wyr omb beden wille beyder parthyen unser scheffendomps siegell zer 
konden an diesen oeffenen brief gehangen, behcltcnisse unssen genedychen 
heren syns rechten ind mallich des syns. Datum in den jairen unss heren duysent 
vierhundert ind dryeindnuyntzich, op onsser liever frauwen avent lychtmissen. 



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282 M. Schollen; 

Von dem angehdngten sehr beschddigten Siegel 1st nur noch der bei 
Urkunde Nr. 2 beschriebene Schild mit dem Lowen erhalten. Auf der Ruckseite 
von etwas spdterer Hand: 1 Reinschen gulden oder 20 stuber oder 36 bauschen. 

7. Heinrich von der Maesen und seine Ehefrau Maria bekennen, der 
St. Sebastianus- und Antonius-Bruderschaft jahrlich anderthalben rtoinischen 
Gulden, zahlbar auf St. Andreastag, zu verschulden und stellen hierfur Haus 
und Hof auf der Heide zum Unterpfand. — 1498, Januar 17. 

Wir Johan Buggenum, Gerart Offer man, Kryne Schomechers, scheffen, ind 
vort die andere scheffenen des dynckstoils | zo Geylekirehen doin kont alien 
luyden ind tzuygen oevennits diesen oeffcnen brieff, dat vur onss komen ind 
erschenen | synt Heyn van der Maesen ind Merken, syne elige huysfrauwe, 
in der tzijt doe sy dat mit recht waill doin moehten | ind haven ergiet ind 
bekant vur Rich ind yere erven, dat sy erffliger jair gulden ind renten van 
reenter kentliger scholt schuldich synt synte Sebastianus ind synte Anthonys 
broderschaff zo Geylekirchen momberen nu zer zijt off hernamails ommerme 
syn soelen, off heldcr dis brieffs mit yeren willen anderhalffen enckelen bescheyden 
kuyrfurstcn Rynschen gulden off dat wert dairvur an anderen gueden gelde 
zijt der betzalongen genge ind geve syn sail, wilche erff jair guide ind rente 
die vurschreven eluyde geloifft haint zo betzalen und yn yere vrij sicher behalt 
ind gewalt loss ind vrij bynnen Geylekirchen zo lieveren alle jaere up shite 
Andriess dach des heligen apostels sonder eynich langer vertzoich. Dis zo mere 
sicherheit wille gueder betzalongen so haint die vurschreven eluyde Heyn ind 
Merken vur sich ind yere erven yn dairvur zo onderpande gesat ind verbonden 
huyss ind hoff gelegen op der Heyden, zer eynre syden Syben erve, zer andere 
syden Peter Utgens kynder erve, myt eynen vurhoufft op die Heyde, mit 
den anderen vurhoufft Syben vurschreven erve, item noch zwe morgen lantz, 
zer eynre syden Syben vurschreven erve, zer andere syden Fyen van Furde 
ind Francken erve, mit eynen vurhoufft Heyn Molener erve, myt den anderen 
vurhoufft Syben erve vurschreven, item noch eynen halffen morgen lantz 
gelegen neven Syben erve ind de haiffstat vurschreven, in dieser wys, offt 
saiche were dat die vurschreven eluyde Heyn ind Merge off yere erven an 
betzalongen ind lieverongen der vurschreven erffgulden ind jairrenten eynich 
jairs op die vurschreven tzijt versuymplich off bruchlich vonden wurden, dat 
were yn deylle off zomaele, so soilen ind moegen broderschaff momberen vur- 
schreven off helder dis brieffs vurschreven dat vurschreven onderpant anvangen 
ind antasten ind dan vort erfflichen dairmit doin ind layssen as myt anderen 
eygenen properen renten ind jairgulden der broderschaff vurschreven, buyssen 
hyndernisse off wiedersprechen Heynen ind Mergen eluyden vurschreven, yere 
off yemantz anders van yerent wegen, nae landtz gewoenden ind uysgescheyden 
alle argelist. Were ouch saiche dat dis brieff nass, fleckachtig, locherich off 
dat der siegell geqwat wurde, dairomb en sail dis brieff nyet zo mynre 
macht haven, mer in synre gantzcr macht blyven. Dis in kenneniss der wairheit, 
want wyr scheffen vurschreven gebeden synt, diesen brieff zo besiegelen, so 
haven wir omb beden willen beyder parthyen unssen scheffendomps siegell zer 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schutzenbruderschaft in Geilenkirchen. 283 

konden an diesen brieff gehangen, behelteniss onssen genedichen lieven heren 
syns rechts ind raallich des syns. Datum in den jaeren onss heren duysent 
vierhondart (!) aichtindnuyntzich, op sinte Anthonis dach des heyligen abtz. 

Das angeh&ngte Siegel wie bei Urhunde Nr. 2 Idsst nur rtoch den Ldwen 
erkennen. Auf der Ruchseite von gleichzeitiger Hand: Heynken Syben opde 
Heyde 1V 2 enckel gulden, und von spdterer Hand: Vj 2 ggulden uf der Heyden. 

8. Leonard Becker von Tripsrath und seine Ehefrau Christine bekennen, 
der St. Sebastianus- und Antonius-Bruderschaft j&hrlich ein Malter Korn, 
Ueferbar auf St. Andreastag, zu verschulden. — 1503, Dezember 5. 

Wir Peter Janssen, Gerart Olichsleger, Peter Louffts, Kerstgen Dassen, 
Kryn Schoemecher, Wilhem an den Kyrchoff ind | Zijtz van der Heyden, scheffen 
sementlichen des dinckstoils zo Geylekyrchen, doint kont ind tzuigen overmitz 
desen | offenen breiff, dat vor onss koemen ind erschenen synt Lenart Becker 
van Trypsraren ind Styne, syne eliche huysfrouwe, | ind haint bekant ind gelydt 
vor sich ind yre erven ind dat in der tzit doe sy des mechtig wercn, dat sy 
van reenter bekeulicher scholt ind jayrrenten schuldich sint der broeders- 
schoiff synt Sebastianus ind synt Anthonyus, die man halden is zo Geylekyrchen 
in der kyrchen, eyn malder even Geylekyreher maissen, guitz werachtig paicht 
korns in veyr pennyngen nae nest dem besten, zo betzalen alle jayr crunchen, 
ewelichen ind ummerme op sint Andreis dach des heiligen appostels aider aicht 
dage alrenest dayrnae volgende sonder eynich langen vertzoich, ind zo leveren 
bynnen die festonge Geylekyrchen altzyt denen brodermeysteren off moymbueren 
der vurgenanten broedersschoff, die dan nu sint off hernaemails zo ewegen tziden 
ummerme syn sullen, off denen helder dis breiffs myt willen der brodersschoff 
in yr vrij sicher behalt ind gewalt 1 op eynen sulre, als sy dan gewyst werden, 
ind dis zo mere sicher ind gewysheyt guider betzalongen ind levcrongen, wie 
vurgeschreven steyt, soe haint die vurschreven eluide Lenart ind Styne vor 
sich ind yre erven hervor zo onderpande gesaitz ind verbonden, setzen ind 
verbynden der vurgerorte brodcrsschoiff off helder dis breiffs vurschreven tzweyn 
morgen aickcrlantz, synt gelegen zo Veltkoeten by Trypsraren, an den buyssche 
mit eynen vurheuft, der Jacob Scroeder tobehort, mitten anderen vurheufde 
ouch op Jacobs Scrodcrs vurschreven erft aickerlant, mit eyncr syden langs 
Goetgens van den Rysden erff ind mitter anderen syden langs Huyben kynder 
erff van Trypsraren, in alsulgher maissen ind wijs, off saichen were dat Lenart 
ind Styne vurschreven off yr erven zo eynichen tziden an der betzalongen 
ind levcrongen, gclych wie vurgeschreven steyt, versumplichen off bruchlichen 
vonden wurden, idt were dan in eynen deyle off in all zomaill, so sullen 
asdan die vurgemelten broedermeysteren off moymburen der vurgemelten 
broedersschoff, die nu synt off zo eynichen tzyden umermer syn sullen, off der 
helder dis breyffs mit willen yr hant ind voyss slayn an dyt vurschreven 
ondcrpant, dat anfangen ind antasten as eyn ervallen onderpant ind dat 
nutzen ind vromen, dayrmyt doen ind laissen gelich mit anderen eygenen 
guiden der vurschreven broedersschoiff ind dat in profijt ind nutze zo der vur- 

l ) Die Vorlage hat ziceimal ind gewalt. 

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284 M. Schollen 

schreven brodersschoiff aider dcs helder dis brciffs myt willen, sonder eyniche 
indraght, wedersprechen off hindemisse Lenartz ind Stynen eluiden, yre erven 
vurschreven off suB einantz anders van yren wegen, ind dat nae lantz gewoyn- 
den, uyssgescheiden hyinne alle arglyst. Ind dys zo getzuige der wayrheyt so 
synt wyr scheffen vurgemelt gebeden van den beyden parthijen, umb desen 
breiff zo besiegelen, haven wyr umb beden willen der vurgemelten parthijen 
an beyden syden onsen gemeynen scheffendoymps siegell onden an desen offenen 
breyff gehangen, beheltenisse hyinne onsen genedichsten lieven lantheren syner 
gerechticheyt ind eynen ycklichen des synen. Gegeven in dem jaeren ons heren 
vonfftzicn hondert ind drij, op synt Nyclais a vent des heiligen buschoiffs. 

Das angehdngte Siegel wie bei Urkunde Nr, 2. Von der Vmschrift ist 

nur noch erhalten . . . Hum iudicis Geyllenkirch . . Auf der 

BUckseite von gleichzeitiger Hand: Lenart Becker broderssehoff sint Sebastianus. 

9. Erbrenten-Verzeichniss. 
Aus einem aus 8 Quartbl&ttern bestehenden Pergamentheft. 

In den jaeren unss heren duysent vierhundart (!) ind drijiudachtzich, up 
sint Johans avent zo midsomer hernae beschreven voilgt is alsulche erfftaill 
ind jairrente, als die brodcrschaff synte Sebastiaenus, des heylige mertelers, 
ind synte Anthonis, des heligen confessoris, jairlichs gelden haint, dwilche 
broderschaff die men halden is in den goitzhuyss Geylekirchen. 

1. Item in den eyrsten so hait Rutt van der Heyden ind Noell, syne 
elige huyssfrauwe \ in der tzijt doe sy dat waill mit recht doyn mochten, 
bekant ind erfflich besat alle jaere der broderschaff vurschreven twe 2 sumberin 
roggen Geylekircher maissen alle jaere zo lieveren ind waill zo betzalen 
bynnen Geylekirchcn, dis haint sy zo onderpande gesat tzwe morgen landts 
gelegen angheen Brukelken lanx den gemeynen wech, do men zo Heynsbergh 
wart geijt, zer andere syden neist der Ry sender gewanden ind ouch neist 
juncker Johans van Leyrode erve 8 . 

2. Item Peter Brunsum hait erfflich bekant eyn halff malder even Geyle- 
kircher mayssen ind eyn halff buysch der broderschaff vurschreven up Henken 
Teschen guet to Geylrode * lygende, zer eynre syden neist Maus van Beggen- 
dorp erve, zer andere syden die gemeyne strate, mit eynen vurhoufft Peter 
Utgens ind Heynen Kremers erve, mit den anderen vurhoufft Henne Reyserve 5 . 

3. Item Symon Engels hait der broderschaff vurschreven gegeven eyn 
derdeyll van eyn veirdell ryssholtz ind eyn deirdell van eyn veirdeill eyn 
derde deylz rys. 



x ) Steht uber der Zeile. 

*) An der Stelle bejindet sich eine Baswr. 

3 ) Mit anderer Tinte zugesetzt: Dit vurschreven erve hait nu Heyn Boynrevoet 
ind gilt dairvan alle jaere 4 subbere rogen. 

*) Gillrath, 8 / 4 Stunde nw. von Geilenkirchen. 

s ) Mit anderer Tinte zugesetzt: Dit vurschreven erve hait nu Heilken Beiss halff 
ind Jacob Speckhouwer. 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schtitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 285 

4. Item Johann Muyskens hait gegeven erfflich der broderschaff vur- 
schreven eyn sestedeil ryssholtz, dat he gegolden hait weder Geirlich van 
Bauchem kynder, dat comen is van Aleiden Bettendorps wegen. 

5. Item Coenrait Mummen ind Agnes, syne elige huysfrauwe, hayven bekant 
ind erfflick besat in der- tijt, doe sy dat wael met recht doen mochten, der 
broderscop vurschreven drije wyspennynck alle jaere zo bezalen, des hayven 
sy zo eynen onderpande gesat eynen morgen lantz gelegen boven den Buwel 
omtrent by den Muterstruyck, dae dW Heynsberger wech durch geyt, met eynre 
syden nest Trypssen lant gelegen, dat Heynen Mummen zohoert, zer andere 
syden Johan Schoenmechers erve, met eynen vurhoeffde Peter Wytgens erve, 
ten anderen vurhoeffde ouch Trypssen lant, dat zohoert Wylhem Francken *. 

6. Item Eeynten Luyllz van Theveren van Jan Schoenmecher weghen 
eyn malder even van 14 morgen lantz luttel me off myn gelegen boven 
Grotenraede by den paichtdreyssen, ter eynre syden Gherart Krukels erve, 
ter andere syden Jan Francken, Gherartz broder, erff, met eynen vourhouffde 
op den selven Gheratz erve, dat he synen soen gaff, dat ander vurhouffde 
op dy ghemeynde. 

7. Item noch dy weydmaess. 

8. Item anno domini duysent vierhundart (!) ind 95 zo sint Johans myssen 
zo midsomer so ist to wyssen, dat Johan van Muyshuyss in synre sterfflicher 
noit bekant hait der broderschaff sinte Sebastianus ind sinte Anthonis zo 
Geylekirchen alsulchen erff brieff ind siegell ynhaldende seess sumberin roggen 
Ubacher mayssen, die he jairlixer renten gelden hadde zo Beggendorp, in 
alsulcher vurwerden, dat die brodermeyster der broderschaff vurschreven nu 
sint off hernamails syn solen, alle jair ombtrynt sint Johans missen Jans vur- 
schreven jairgetzyt sullen doyn mit vier priesteren. 

9. Item noch hayt die broederschaff erfflichen geldende up Geylekyrcher 
gemeynden eynen koeter holtz, hait sy affgegolden halff Dreysken inder 
Gaeten ind halff Gysen van Hatterae 2 . 

10. Item noch eynen koeter inde eyn ryssholtz, hait sy affgegolden 
Lambrecht, Lysen Clayss man, anno 98. 

Kleinodien. 

Aufgezekhnet in dem unter Nr. 9 erwclhnten Pergamentheft. 
10. Kleinodien-Verzeichniss. 

Item dit synt alsulke kleynoden hernae bescreven tzohoerende der 
broderscop synt Sebastiaen, martelaere, et synt Anthonis, confessoris. 

1. Item eyn silveren overgulde pyp, dy synt Sebastiaen op syn hoeft 
drecht 8 . 



x ) Nr. 5, 6 imd 7 von anderer Hand. 
*) Hatterath, Dorf, bei Geilenkirchen. 

s ) Die Schiltzengesellschaften besassen je naeh ihrem Vernwgen mehr Oder minder 
werthvolle Standbilder ihres Schiitzheiligen. Die Sebastiamis-Bntderschaft in Leipzig tear 



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M. Schollen 



2. Item eyn geger 1 blauwe fluwel 2 met synen toebehoer, dat Johan 
Buggenum ind Symon Eyffen gaven. 

3. Item twey silveren pollen, waeghen in sylver seysindtwyntsich loet 
ind eynen stuffer. 

4. Item eyn hayntdweel ind eyn laechen. 

5. Item int iaere 1491 so haint dy broederscop vurschreven 24 inge- 
lachte gulden 8 . 



11. Verzeichniss der Silberpla-tten. 

VerzeichnuB deren silberen blatten, welche anjetzo an dem vogell seint 1764. 
Der silberne vogel sambt ketten. 
Petrus Panlus 1628 Henrich Houben 



Laurens Lentz 1632 

N. T. 0. 1652 
Theodor Growels, vogt 1685 

Andreas Wolff 1710 

Andreas Wolff 1716 

Andreas Wolff 1720 

Reinart Koppen 1721 

Adolph Scholler 1722 

Johannes Houben 1723 

Henrich Hots 1724 

Henrich Engelen 1725 

Johan Leufen 1726 

Henrich Engelen 1728 

Caspar Munster 1729 

Mathevis Francken 1731 

Johan Houben 1732 

Johan Houben 1733 

Johan Houben, kayser 1734 

Gerard Houben 1735 

Wilhelm Koffrath 1736 

Wilhelm Koffrath 1737 
Wilhelm Koffrath, kayser 1738 



1739 

Gerard Houben 1740 

Joseph Cronenberg 1744 

Matheis Hartmans 1745 

Joseph Cronenberg 1746 

Gerard Wolff 1747 

Herman Gorts 1748 

Philip Staetler 1749 

Henricus Houben 1750 

Joseph Cronenberg 1752 

Peter Fischer 1753 

Philip Staetler 1754 

Peter Grass 1755 

Leonard Schmitz 1756 

Joannes Welters 1757 
Henricus Nuss, gschbr. 1758 

Benjamin Hass 1760 

Johan SchSlgens 1761 

Andreas Engelen 1762 

Edmund Palmen 1763 

Peter Fischer 1764 
Johann Benedict von Broch 1765 

Hubertus Houben 1766 



13. februar 1782 seint die silberne platen bey der bruderschaft gezehlet 
worden und sich befunden 51 platen ohne den vogel, wovon 7 platen in cassa seint. 



im Besitz eines silbernen Standbilds, ivelches 1200 Gulden sehiceres Geld an Werfh hatte. 
Edelmann a. a. O. S. 8. 

l ) Ueber die Bedeutung dieses Worts vgl. Picks Monatsschrift III, S. 353. 

2 ; Zur ErkMrung vgl. Aimalen des hist. Yereins f. d. Niederrhein XVIII, S. 229; 
XX, S. 84; LI, S. 115. 

3 ) Zu diesen Kleinodien traten 1509 noch zwei Messgewdnder hinzu; die Rechnung 
dieses Jahres vermerkt: Item in den yrsten so hayn ich zo Trycht gegolden 2 miywe 
messgeger, dat eyn roit inde dander gruyne, so kosten sy yn all 35 g. 12 V 2 alb. 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schutzenbruderschaft in Geilenkirchen. 287 
Eechnungen tiber Einnahmen und Ausgaben. 

Das Rechnungsbuch ist ein Folioband von 39 cm H6he und 22 cm Breite. 
Es enthali die Rechnungen vom Jahre 1498 bis 1523, von da ab ist mit Aus- 
nahme einiger Jahre des 17. Jahrhunderts y wo noch eine summarische Rechnungs- 
legung verzeichnet ist, bloss beurkundet, dass die Sch&tzenmeister die Rechnung 
gelegt hatten. Ausserdem enthalt es die Protokolle tiber die Verpachtung der 
Waidmilhle und sporadische Notizen. Die letzte Eintragung ist vom 5. Mdrz 
1783. Das zu dem Buch verwandte Papier ist theils ohne Wasserzeichen, theils 
zeigt es als solches eine ausgestreckte Hand, auf deren Mittelfinger ein Kreuz 
in Form eines Vierpasses sich befindet. Der Einband des Buches besteht aus 
einem Fell mit einem Ueberzug aus gepresstem Leder ; das Spruchband, welches 
einem Vogel aus dem Munde geht f tragt die Inschrift: Deus mea spes. Die 
untere Decke schlagt bis auf die ohere tiber, quer in der Mitte befindet sich ein 
Zipfel zum Verschliessen. 

Die Urschrift der urden mitgetheilten Rechnung von 1716 1 17 ist im Archiv 
der Gesellschaft. 

12. Rechnung der Schiitzen von 1498. 

Inheven. 

Item in dem jaeren onss heren duysent vcyrhondert ind 98, up saters- 
dach na synt Sebastianus dach 1 haynt Jan Engelen van Huynshoven ind 
Richart van der Heyden gerechent as beyde schuttenmeysteren in dem jaren 
97 van alien inheven ind uyssgcven, renten, boeton ind van alien crvallen 
aldoyt ind quyt gerechent, eyn ontghen dat ander uffgeslaigen, ind so blyven 
Jan ind Richart vurschreven schuldich der geselsschoiff eyn hide dryssich 
g. ind 31 alb., 6 Aicher mcrck vur ederen g. correntz geltz. 

Item blyven noch buyten stayn 5 merck an dem drossy t 2 ongerechent. 

Item up synt Sebastianus dach anno 98 so synt schuttenmeysteren 
gekoeren Heyn Engels ind Thewus Pelsser ind haynt dyt vurschreven gelt 
van Jan ind Richart vurschreven gehaven van der geselsschoiff wegen. 

Item 3 haynt Heyn Engels ind Thewus vurschreven noch ontfangen van 
der geselsschoiff wegen van dem schuttendaeme 2 g. ind 27 alb. 

Noch van dem Grotbcraidt V\ % g. ind 9 alb. 

Noch van dem dorp 24 alb. 

Noch van dem drossyt 30 alb., blyfft buten stayn. 

Item noch van den ingelaichten g. van den inkoemenden schutten in 
der brodersschoiff Jan van dem Horych 4 eynen g., Lambrecht van Theveren 
eynen g., Peter Kremer eynen g., Jan der jeger eynen g., 6 merck eder g. 

V 27. Januar. 

*) Er irar Stattlictiter des Herzogs von Julich bei der Mannkammer zu Heinsberg. 
Vgl. Pick in den Annalen des hist Vereins f. d. Niederrliein XLV, S. 167. 

*) Bei jedem Posten ist am Rand der Name des Empf angers, Heyn oder Tliewus, 
angegeben. 

*) Zur Familiengeschichte desselben s. Quix, Gesrhichte der St. Feter-Pfarrkirche 
S. 40; iiber das liuyss van dem Hoerick vgl. Pick a. a. O. XLV, S. 164. 



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288 M. Schollen 

Item noeh ontfangen van der weytmoelen drij inde dryssich enckele 
Rynssche g. men 3 alb. ind 8 quart tarren 1 , eder enckele g. gerechent vur 
10 Aicher merck, sonima korrcntz geltz 55 g. men 3 alb. sonder den . . . 2 

Item noch haynt dese vurschreven schuttenm'eysteren Heyn ind Thewus 
ontfangen van Jan van dcm Horych dem konynck in dem jacren vurschreven 
eynen halffen enckelen g., facit 30 alb. 

Item noch ontfangen van kalck an Kerstgen van der Heggen 1 g. 6 alb. 

Item noch van den stray ken ind van sees delen 21 alb. 

Noch van delen ontfangen 16^2 alb. 

Noch ontfangen van dem hcren, doe wyr zo Karken waren, l 1 ^ g. vur 
onsse kosten. 

Item noch ontfangen van Wilhcm an dem Kyrchoff tzweyn enckele g., 
machent 3*/* g« correntz geltz, van dem dat Wilhem vurschreven eynen in 
syne stat moicht setten, der vor erne uysszouch. 

Item ontfangen van Gyelen Duvels van eyner bruchen eynen enckelen g., 
macht eynen g. ind 27 alb. 

Noch ontfangen van spenen van dem moelenholt 18 alb. 

Noch van spenen ind overholt eynen g. ind 9 alb. 

Item haynt dose vurschreven schuttenmeysteren Heyn ind Thewus ouch 
gerechent van dem wyntop zo pinxten, so haynt sy der geselsschoiff her 
over . . . s van dem top. 

Item tzwey voeder wyns zo Koelcn gegolden, eder voeder 39 g. ind 
13V 2 alb. Noch van scratgelt ind benden van all eynen g. ind 9 alb. Koch 
vertert 3*/ 2 g- ind 9 h. 

Noch van der fraicht 8 g. ind 18 alb. licop. 

Noch van voellewyne eynen g. ind 9 alb. 

Noch 4 quart scraetwyn ind 2 quart up die leuve, dy quart 3V2 alb. 
ind 3 h., macht 22V a alb. 

Noch uyssgegeven van huedelocn 30 alb. 

Noch vur dem toploen den meysteren van desem (!) tzweyn voederen 7 g. 
ind dem knecht eynen g. 

Somma in all staynt dese tzwey voeder vurschreven gegolden 
hondert 2 g. 26 alb. ind 3 h. correntz. 

Item is dyss vurschreven wyn getopt die tzwey voeder, 6 amen vur 
eder voeder, hondert quart uyss eder amen, egelich quart vur 37* alb. ind 
3 h., kompt dat overlouff vur dye geselsschoiff elff g. ind 5 alb. Vj 2 h. men 
ind ouch der broeder also voill. 

Item noch gerechent van den ander tzwey voider wyns getopt synt 
MertinB myssen in dem vurschreven jaer. 

Item gegolden zo Aichen an Gerat Olichsleger 6 1 /* aeme ind in dem 



i) Theer. Rechming von 1501 : Item noch sail der vurschreven Theus totter weyd- 
moelen stellen off hetalen 8 quart terren tot smeyr. 
*) Das Blatt ist hier am Rand zerstbrt 
s ) Das Blatt ist hier am Rand zerstort. 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schiitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 289 

Beyrboum 1 2*/ 2 aeme ind zo Duyren 3 aemen, steyt eder voeder gegolden 40 1 / 2 £• 
ind 4*/ 2 alb. Noch vertert, doemen den wyn hoelden zo Aichen, ind van scrat- 
ind roedegelt 3*/ 2 g«* 

Noch van fraicht van desen tzwey voeder en 4*/ 2 g- ind 6 alb. 
Noch van vullewyn ind scratwyn 24*/ 2 alb. iud 7 alb. 
Noch Hanssen zo Aichen gesant, dairvan gegeven 10 alb. 
Noch van dem toploen den meysteren 7 g. 

Somma staynt dese tzwey voeder vurschreven myt alien onlasten 

gegolden 97 g. ind 20V 2 alb. 

Item synt dese vurschreven tzwey voider uyssgetopt, dat voeder 6 

aemen, vur eder aeme hondert quart, dy quart vur 3*/ 2 alb., also kompt 

der geselsschoff dairvan as gewyns halven van den tzwey voederen 9 g. ind 

20 alb. ind der broederschoiff ouch also vuyll. 

Soma van desem vurschreven inheven ind ontfanck kompt 
zosamen hondert 28 g. 6 alb. ind 4*/ 2 h., 6 Aicher merck van ederen 
g. currentz geltz, gait der enckele g. 10 J / 2 Aicher merck. 

Uyssgeven. 

Item haynt Heyn Engels ind Thewus Pelsser vurschreven schutten- 
meisteren uyssgelaicht as van der geselschoiff wegen in desem jaeren 98 
vurschreven. 

Item in dem ersten up sondach grotfastaffent 14 alb. 2 h. up die leuve. 

Noch dem muyrre van dem herde gegeven 4*/ 2 alb. 

Noch Theuken Moymmen van negelen 1 alb. 

Noch Scholken ind Kreker van den holteren zo der moelen affzo- 
hauwen 5 alb. 

Noch van der fraicht 6 alb. 

Noch van kost 7 alb. 

Noch Geyrken van Trypsraren van 4 holteren 2 g. 12 alb. 

Noch Jan van Trypsraren van eyner eycken 7 alb. 

Noch Ertgen Kreker van affhauwen gegeven 4 alb. 3 h. men. 

Noch den holtsnyderen van snydeloene 2 g. 9 alb. 

Noch up grot fas tavent van den dyelen zo voren 2 g. 3 alb. 

Noch vur eyne beyrkanne ind eyn quart 4*/ 2 alb. 

Noch an Jan van Heyhoven vur die eyken gegeven 2 g. 27 alb. 

Noch den holtsnyderen gegeven 10 dage die kost, vur ederen dach 8 alb., 
facit 2 g. ind 3 alb. 

Noch Jan van der Loe van den dyelen van Heyhoven zo voren 
gegeven 13 alb. 

Item noch vur l*/ 2 subberen weytz ind eyn subberen roggen, doemen 
den voigell schouss na pinxten, 29 alb. 

Noch Theuken Moymmen van negelen 5 alb. 



l ) Das Haus zum Birribcmm, ein in friiliern Jahrhivnderten vielbesuchtes Gast- 
haus, lag auf dem Markt zu Aachen, jetzt Nr. 23. 

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290 M. Schollen 

Noch Jan van Heyhoven vur eyer 1 alb. 

Noch eyne tonne beyrs zo Karcken gevoert, gait 21 alb. 

Item noch uyssgelaicht up die leuve, doe wir van Karken quamen, 
9 alb. an beyr ind brot. 

Noch van tzweyn kammen an die weytmoelen geslaigen 3 alb. 

Noch vur 2 quarten tarren gegeven 6 alb. 

Noch van rysschen zo voren zo den Cleveren 5 alb. 

Noch zo Karken gegeven vur kertzen V\ % alb. 

Noch zo Heynsberg an beyr gegeven 4V 2 alb. 

Noch 23 quart wins, dye quart 3 1 /* alb., facit 2 g. 8V 2 alb. 

Item noch uyssgegeven up synt Sebastianus dach vur gensse ind honre 
eynen g. 

Noch vur salt 3V 2 alb. ind vur mostert 4 alb. 

Noch vur eyn brot IV2 alb. 

Noch vur kese 9 alb. ind 6 alb. 4*/ 2 b. potter. 

Noch vur beyr 12 alb. 

Noch Theuken Moymmen van yseren werck 30 alb. 

Noch up synt Sebastianus vur eyn rendt 3 g. ind 13 alb. 

Noch vur eyn kalff 16 alb. 

Noch vur kruyt 16 alb. ind vur essich 4 alb. 

Noch vur 2*/ 2 veyrdell ertzen 20 alb. 

Noch vur 2 J / 2 pont kertzen ind 1 I 2 pont 7*/ 2 alb. 

Noch vur 3 subberen roggen ind 3- subberen weytz 2 g. 

Noch vur gesalten vleyss eynen g. 

Noch vur tzwae tonnen dickbeyrs \ l \ 2 g. ind 10 alb. 

Noch dem knecht gegeven 2 quart wins van dem voegell upzorichten, 
dy quart 4 alb. men 3 h. 

Item noch vur beyr gegeven, dat men vur Syttart ind zo Karcken 
vertert, 3 g. ind 10 alb. 

Item noch Heynen Raedermecher van kaemen anzoslaen an die moelen 
ind up dat gewanthuyss gewort 8 alb. 

Noch vur negell up die leuve georbert 8 alb. 

Noch van dem moelenboum her zo voren 6 alb. 

Noch synt Karnelys heyldum 3 alb. 

Noch vur seyll, doemen die papgey uprichten, 5 alb. 

Item noch vur koegelldoich 10^2 ellen, die ellen eynen enckelen g. ind 
vertert, domen dat doich halden, 25^ alb. 

Noch vur machloen 27 alb. ind facit die kocgelen 19 g. men l 1 ^ alb. 

Item noch 4 quart wyns van koichen sint Sebastianus dach, dy quart 3 alb. 

Noch 4 quart wyns Rytzen van scryven, dy quart 3 alb. 

Item noch geschenckt der geselschoiff, doemen den voegell schouss up 
sondach nae penxten, 55 quart wyns, dy quart 3*^ alb. ind 3 h., noch 4 quart 
dem konynck geschenckt, dy quart 3*/ 2 alb. ind 3 h., kompt zosamen 6 g. 
5 alb. 3 h. 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schiitzenbruderschaft in Greilenkirchen. 291 

Noch 21 alb. vleyss. 

Item noch domen quam van Karken up synt Bartholomeus avent 26 quart 
wyns, die quart 3 alb., korapt 2 g. ind 6 alb. 

Noch an schollen ind boeteren 15 alb. 

Noch gegeven vur tzwae brantrosten up onse leuve 18 alb. 

Noch vur eyne hele up onss leuve 21 alb. 

Noch her Johan gegeven vur syne koegell 21 alb. 

Item noch Scholken gegeven van der moelen zo maichen 5*/ 2 g. ind 10 b. 

Noch Theuwus gegeven vur tzwey eyken holter eynen g. 

Noch hait Lemmen gegolden 2 gelaeser geldent 3 alb. 

Item noch gegeven Phylyppen van den taiffelen zo machen ind bencken 
up der leuven 2 g. 

Noch hait Hartman verlaicht vur beyr zo Heynsberg, doe wyr zo 
Karcken laigen, 12 alb. 

Noch uyssgelaicht zo Heynsberg vur unss vurluide 13*/ 2 ft lb. 

Somma van desem vurschreven uyssgelaichten kompt in all 75 g. 
10 ! / 2 alb. ind 4*/ 2 h., 6 merck vur ederen g. currentz geltz, gait 
der enckele g. lO 1 ^ Aicher merck. 

13. Rechnung der Bruderschaft von 1499. 

Inheven van der brodersschoiff synt Sebastianus ind synt Anthonius. 

Item indem jaeren duysent veyrhondert ind 99, up dem ersten 
donresdach in der vaisten hait Johanes Boitzen gerechent as tzertit broder- 
meyster synt Sebastianus ind Anthonys brodersschoff van alien inheven ind 
uyssgeven van dem jaeren 98 aldoyt ind quyt eyn ontgheen dat ander aiff- 
geslaigen. 

Item in dem ersten hait Johanes vurschreven ontfangen van der broders- 
schoiff scholt 9 g. ind 15^2 a l D -> 6 merck Eix eder g. currentz. 

Item noch van der brodersschoiff holt up der gemeynden 2*/ 2 hondert */ 2 
verdell schansscen, dat hondert gait 14 alb., facit 1 g. 1 alb. 

Noch ontfangen van Wilhem an dem Kyrchoiff van scholt 9 g. 

Noch 4 subberen roggen an Bonrevoit geldent eynen g. 8 alb. 

Noch ontfangen an Jan van dem Horych van Thewus Koenen wegen 
van synen begenckenysse 31 V 2 alb. 

Noch 4 subberen even geldent 20 alb. an Jacob Speckhouwer noch 1 alb. 

Noch van jayrrenten gevallen synt Andreyss myssen in dem jaeren 98. 

Item an Heylken Eeyss 5 verdeell even ind 3 h. 

Noch an Boynrevoit 4 subberen roggen. 

Noch zo Grotenrae an Herman Kremer eyn malder even Thevere maysse. 

Noch an Herper van Beggendorp van dem jaerbeganck van Jan van 
Muyshuyss 6 subberen roggen Huynshover maissen. 

Somma is dese rent vurschreven rogge ind haver geslaigen vur 
3^2 g- ind 4 alb. 3 h. men. 

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292 M. Schollen 

Item noch an Wilhem an dem Kyrchoiff eynen g. van Dreisken in der 
Gaten. 

Noch an Leytgen Jaiken van dem Byrgden eynen g. 

Noch an Heynken van der Heyden \ l \ 2 enckele g., facit 2*/ 2 g- ind 4 1 j 2 
alb. currentz. 

Noch an Wilhem Kemerlich 4*/ 2 alb. 

Noch an Hyllen Harst 2 alb. 

Item noch an Hartman van der weymaeten 5 g. currentz. 

Item noch an Heynen Engels van dem overlouff der broderschoiff van 
dem wyntop zo pinxten 11 g. ind 5 alb. men 1V 2 h. 

Item noch an Thewus Pelsser van dem wyntop synt Mertyns myssen der 
overlouff der broderschoiff 9 g. ind 20 alb. 

Somma van alien vurschreven ontfangen 56 g. ind 8Va alb. ind 
1V 2 h. currentz geltz, gait der goltg. IOV2 merck. 
Uyssgeven. 

Item hayt Johanes vurschreven verlaicht ind uyssgegcven van desem 
vurschreven in behoiff ind van wegen der broederschoiff vurschreven. 

Item an tzwae tortzschen in die kyrch l 1 ^ g. 2 h. 

Noch vur vonff ryss holtz up der gemeynden erfflichen gcgolden an 
Lambrecht, Lysen Clayss man, 21 g. 

Noch van licop Johanes betzalt van desem holt 23 1 / 2 alb. 

Noch sail meyster Johannes haven synt Johanss myssen nest kompt van 
der vrochmyssen 21 g., sail Johannes uyssleggen. 

Noch den abservanten van Duyren gegeven eyn malder spelten, gait 

31 */> alb. 

Somma van desem vurschreven uyssleggen kompt zosamen 45 g. 

ind 1 alb. 2 h. 
Item aldinck doyt ind quyt gerechent van alien vurschreven inheven 
ind uyssgeven overmytz Johanes eyn ontgheen dat ander affgeslaigen ind 
affgerechent, also blyfft Johanes Boitzen vurschreven schuldich der broeder- 
schoiff vurschreven 11 g. ind 7V 2 alb. currentz, 6 Aicher merck vur ederen 
g., gait der goltg. IOV2 merck Eix. 

Item hayt Wylhem an dem Kyrchoff, ouch brodermeyster synt Sebastianus 
ind synt Anthonys, gehaven ind intfangen van wegen der brodersschoiff vur- 
schreven van der alder scholt, so he noch schuldich is, 27 1 / 2 alb. l 1 ^ h- 

Item noch van dem roggen van der broederschoiff van dem jaeren 97 
2 g. ind 15 Vi alb. 

Noch van even ontfangen 30 alb. 

Noch van 7 pont wollen ontfangen 31V 2 alb. 

Somma van desem vurschreven inheven van Wilhem vurschreven 
4 g. ind 82 V« alb. 1V 2 h. 

Uyssgeven. 
Item dyss hait Wilhem vurschreven uyssgegcven ind verlaicht van der 
brodersschoiff wegen van dem holt zo machen up der gemeynden 12 alb. 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schutzenbruderschaft in Geilenkirchen. 293 

Noch zo gotdragen gegeven van synt Anthonys byldt zo dragen 4 alb., 
noch van synt Sebastianus byldt 3 alb. 

Noch 1^2 alb. van dem kleynen byldt synt Anthonyus. 

Noch van tortzschen zo dragen Vl 2 alb. 

Noch vur spangen gegeven 1 alb. 

Noch van eynen jaeyrgetzyde vur Jan van Muyshuyss 22*/ 2 alb. 

Noch van lycop van dem holt up der gemeynden gegolden 33*/ 2 alb. 
ind 3 h. 

Noch up synt Sebastianus dach uyssgegeven den prystercn 31 J / 2 alb. 
Somma uyssgegeven 3 g. 2 1 / 2 alb. ind 3 h. 

Item dyt vurschreven aldoit ind quyt gercchent van inheven ind uyss- 
geven overmytz Wilhem vurschreven gedayn, also blyfft Wilhem vurschreven 
schuldich der brodersschoiff eynen g. ind 30 alb. gerechent up donresdach dem 
ersten in der faisten, anno etc. 99. 

14. Rechnung der Schutzen von 1499. 

Anno Domini duysent veyrhondert ind 99. 

Item up synt Sebastianus dach anno 99 so synt schuttenmeysteren 
gekoeren overmytz die gemeine geselsschoiff myt naemen Thewus van Dryn- 
huysen ind Wilhem Kemerlich ind havent gehaven ind ingeburt alle vur- 
schreven scholt ind renten herna bescreven myt naemen. 

Hait Thewus van Drynhuysen vurschreven gehaven ind ontfangen van 
denen vurschreven alden meysteren dryindvonfftzich g. men 4*/ 2 alb. van 
der scholt angande der geselschoff die aide meysteren vurschreven der 
geselsschoiff schuldich blcven. 

Item noch hait Thewus vurschreven ontfangen van dem drossy t 30 alb. 

Item noch hait he ontfangen van dem Gotberaidt eynen enckelen g. 

Item noch hait Thewus vurschreven getzopt dy tzwey voder wins halff 
vur die broedersschoiff ind halff vur die geselschoiff, eder voedcr steyt gegol- 
den myt den onkosten 41 g. ind Vl 2 alb. ind 3 h. correntz. 

Noch vur toploen 7 g. correntz. 

Noch dem knecht eynen g. 

Item is eder quart van desem vurschreven wyne gotopt vur 3*^ alb., 
eder voeder 6 amen ind eder ame hondert quarten, also is eder voeder uyss- 
getopt 58 g. ind 12 alb. 

Item also kompt der geselschoiff gewyns halven van desem vurschreven 
tzop as van erem angedeylt 13 g. 10 alb. ind 3 h. ind der brodersschoiff ouch 
also veyll sail Thewus betzalen. 

Somma van alien vurschreven ontfangen overmyt Thewus vur- 
schreven 68^2 g« correntz ind 9 alb. men 3 h., 6 Aicher merck 
vur ederen g., gait der goltg. 10 1 /* marck. 

Item so ist dye weytmoelen uyssgegeven na gewoenheyt myt der 
kertzen ind die hait Wylhem Kemerlich vurschreven geschuet ind an sich 



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294 M. Schollen 

behalden ind sail der geselschoiff van betzalen vau alien nuetze ind profyteu 
van desem jaer vurschreven 337 a enckele Rynssche g. ind 19 alb. 

Ind also voell tarrcn ind smeyrs assy behoifft. 

Item hait Wilhem Kemerlich vurschreven noch ontfangen van dem 
Daem van Nyss, portener, dae die Klever staynt, 2 g. ind 27 alb. 

Item ontfangen van dem konynck Lambrecht van Theveren eynen halffen 
enckelen g. 

Item ontfangen van der festongen van Geylekyrchen 24 alb. 

Item ontfangen van den ingelachten g. zo der brodersschoiff van den 
nuwen inkoemenden gesellen myt naemen Theuken van Bachem ind Otten 
Dynantz, Jenne Didden man, zosamen 2 g. 

Item noch ontfangen van Lemmen Engels ind Thys Wolsack, dat steyt in 
der brodermeyster rechenschoiff. 

Item hait Wilhem Kemerlich getzopt die tzwey voider wins sint Mertins 
myssen vnr die geselsschoiff ind broderschoiff, staint zosamen gegolden mytter 
fraicht 77 1 j a g. ind vur tzeronge zo tzweyn reysen zo Durcn 2 g. ind 15 alb. 
ind 9 h., noch vur vollewyn 7 quart, dy quart 3 alb. 3 h. 

Noch 4 quart ind schraitwyn, noch 2 l j 2 quart up dy leuve, domen den 
wyn kurden, noch zo roeden 4 ! / 2 alb., noch zo scraytgelt 18 alb. 

Noch 7 g. zo tzoploen, noch Nys van huedeloen 12 alb. 

Somma staint dese tzwey voeder vurschreven zosamen myt alien 
onkosten, as vurschreven steyt, 89 g. 2 alb. ind V\ 2 h. 

Item is dese wyn vurschreven getzopt dy quart 3 alb. ind 3 h., hondert 
quart die ame, as ouch vurschreven steyt, also bcloufft sich dat gewyn van 
desem vurschreven tzop der geselschoff zo erem aingedeylt 9 g. ind 10 1 /* 
alb., ind der broedersschoiff ouch also voyll. 

Somma van desem vurschreven inhevcn overmitz Wilhem vur- 
schreven kompt 74 g. ind 16 1 j 2 alb. 

Uyssgeven Wilhem anno 99. 

Item hayt Wilhem Kemerlich vurschreven uyssgegevon ind verlaicht van 
der geselschoiff wegen, doemen dy weytmoelen uyssgaiff, up der leuven an beyr 
ind brot ind an fleyss 28 alb. 

Item noch up sint Sebastianus dach zo avent na. doe die schutten- 
meysteren ind die diener assen, 6 quart wyns, dy quart 3 alb. ind 3 h. 

Noch 34 quart wyns, dy quart 3 alb. ind 3 h., noch in Kardois huyss 
geholt 4 quart wyns ind dem knecht 1 quart, dy quart 3 alb. 3 h. 
Somma van desem wyne vurschreven 4 g. 2 alb. 3 h. 

Item noch hait Wilhem vurschreven verlaicht up sondach na sint 
Sebastianus dach an beyr 7 alb. 

Item noch hait Wilhem vurschreven verlaicht zo Heynsbergh, doemen 
zo Remunde hadt gewest, 3 quart wyns, dy quart 3 alb., facyt 9 alb. 

Item noch Wilhem verlaicht up groisfastavent an beyr ind brot up onsser 
leuven 21 alb, 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schtitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 295 

Item Wilhem noch verlaieht an beyr ind brot up.onsser leuven, doe wyr 
onsse geselsschoiff volkoeren myt naemen Otten ind Theuken van Bachem, 16 alb. 

Item noch hait Wilhem vurschreven gegeven Daemen van Frelenberg, doe 
he die trappe machte, eynen dach die kost, dairvur gerechent 3^2 alb. ind 3 h. 

Item noch hait Wilhem vurschreven uyssgegeven Heynen Raedermecher 
van Bachem, dat he an die moelen hait gewort, so vor ind nae an eyn ind 
anderen 24 alb. 

Noch drye dage die kost, vur ederen dach 3V 2 alb. ind 3 h., kompt up 
11 alb. ind 3 h. 

Item noch derselve Wilhem vurschreven uyssgegeven vur holt an dy 
weytmoelen ind kefferen an den scoersteyn up onsser leuven 24 alb. 

Item noch derselve vur yseren werck ind negell up der leuven vurschreven 
ind an schenen in den moelenboum 24 alb. 

Item derselve uyssgegeven, doemen die Klever machte, an rysschen zo 
stechen ind die Klever zo machen 10 V 2 alb- 
Item noch derselve uyssgegeven Erntgen Kreker, dat he den mantell 
an dem schoeresteyn up der leuven kleynden, 27 alb. 

Item noch vur gerden an dem scorsteyn 4*^ alb. 

Item noch Phylippen hait an der banck gewort, gegeven 1 alb. 

Item noch vur tzwey verken up sint Sebastianus dach op onssen festen 
gekost, dairvur gegeven 4 g. ind 13 1 I 2 alb. 

Item noch vur 35 pont rentfleyss, vur gesalten vleyss 1 g. ind 3 alb. 

Item noch vur 5 honre 12 alb. 

Item noch vur eyn kalff 13^2 alb- 
Item noch vur 3 subberen roggen 22 alb. 

Item noch vur 3V 2 subberen weytz kleyn masse 31^2 alb. 

Item noch 2*^ veyrdell ertzen vur 12 alb. 

Item noch vur eyn veyrdell saltz 4 alb. 

Item noch vur olich ind mostert 6 alb. 

Item noch vur 3 tonnen beyrs 1 g. ind 15 alb. 

Item noch up sint Angneten dach 5 kenken beyrs van dem licop van 
den holt zo der moelen gegolden, eder kenken 7 quart, facit 9 alb. ind 3 h. 

Item up sint Sebastianus dach zo avent eyn brot vur IV2 alb. 

Item noch van kochen up sint Sebastianus dach eyn verdell wins 12 alb. 

Item noch van den verken vurschreven zo beseyn 4 alb. 

Somma van desem vurschreven uyssgeven overmytz Wilhem 
vurschreven kompt 20 g. ind 12^2 alb. 

Uyssgeven Thewus van Drynhuysen anno 99. 

Item hait Thewus van Drynhuysen as schuttenmeyster uyssgegeven van 
der geselsschoiff wegen zo Heynsberg vur die geselsschoiff, doe sy hadden 
gewest by Remunde up dem dyck, vur eyn gelaich 2 g. ind 14 alb. 

Item noch hait Thewus vurschreven uyssgegeven, doemen die papegey 
schoiss up sondach nae pinxten, P/2 subberen roggen vur 18 1 [ 2 alb. 



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296 M. Schollen 

Noch Vj 2 subberen wcitz vur 22 1 /* alb. 

Noch eyne tonne beyrs vur 31 1 I 2 alb. 

Noch 61 quart wins ind vur die diener 7 quart ind dem konynck 
geschenckt 4 quart, eder quart gait 3*/i alb., facit zosamen 7 g. 

Item noch dem knecht van den voigell upzorichten 1 flessen wins 
vur 7 alb. 

Item noch vur seyll den voigell upzorichten 5 alb. 

Item noch hait Thewus vurschreven uissgegeven van kost, doenien den 
wyn weder Lemmen EDgels gegolden hait, die geselsschoiff hait verdoeu 
eynen g. 

Item hait Thewus vurschreven uyssgegeven vur dryhondert pyle der 
gemeynen geselsschoff anghaint 3 l / 2 £• ind 7 alb. 

Item noch up gotdragen verlaicht eyn tonne beyrs, gait 18 alb. 

Item noch hait Thewus vurschreven verlaicht van der trappen an Kryn 
Schomecher 24 alb. 

Item noch hait Thewus uyssgegeven van dem koegelldoich l 1 ^ enckele g. 

Item noch vur doich zo der kleydonge vur dy geselsschoiff 36 g. 

Item noch vur des knechtz kleydonge IV2 g- 

Item noch van den verken vurschreven up sint Sebastianus dach gebrech 
21 alb. 

Ind noch vertert, docmen die verken halde zo Aichen, 10 alb. 

Noch vur kruyt ind essich up sint Sebastianus dach ind vur kese zosamen 
1 g. ind 9 alb. 

Noch vur vyff honre gegeven 20 alb. 

Noch van rysschen zo voeren zo den Kleveren 9 alb. 

Noch vur eyn veyrdell laitzen zo dem schoeresteyn up der leuven 16 alb. 

Noch van leym zo voren zo dem scorsteyn 18 alb. 

Noch vur kertzen sint Sebastianus dach 2 pont vur 6 alb. 

Somma van desem vurschreven uissgeven van Thewus vur- 
schreven 61 ! / 2 g- ind 10 alb. correntz geltz. 

Item up huide sint Pauwels dach convercio anno 15 hondert hait Thewus 
van Drynhuysen as schuttenmeyster van dem jaeren 99 gerechent mytter 
gemeyner geselsschoiff van alien synen inheven ind uyssgeven, gelych as vur- 
schreven steyt, all quyt ind doit, ind Thewus vurschreven blyfft schuldich der 
geselsschoiff vurschreven seven g. men 15 h. correntz, 6 merck Eix vur 
eder en g., gait der goltg. lOVa merck. 

Item dys hait Thewus vurschreven noch uyssgegeven van der gesel- 
schoff wegen meyster Johannes vur syne koegell 18 alb. 

Item hait Wilhem Kemerlich up huide sint Pauwels dach anno vur- 
schreven gerechent myt der geselsschoiff as schuttenmeyster van dem vur- 
jaeren van alien inheven ind uyssgeven all doit ind quyt, gelych vurschreven 
steyt, ind Wilhem vurschreven blyfft schuldich der geselschoiff vurschreven 
veyrindvoufftzich g. ind 4 alb. correntz geltz, 6 Aicher merck vur ederen g., 
gait der goltg. 10 V 3 merck, 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Sehiitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 297 

Item hait Wilheui vurschreven hyvan uyssgegevcn eyn veyrdell wyns 
vur den schryveloen, facit 12 alb. 

Item zo wyssen, dat Wylhem vurscbreven */a g* affghainde is, dat 
heme overgherechent was. 

15. Rechnung der Bruderschaft von 1503 — 1506. 

Ontfanck oevermytz myr Lambrecht van Teveren als broedermeyster der 
tyt synt Anthonys inde synt Sebasteiaenus, als van den jaer anno 15 hondert 
inde 3 byss int jaer 15 hondert ende 6 etc., dat synt 3 jaer nyst nae eyn- 

ander volgende. 

Item in den yrsten so hayn ich Lambrecht vurschreven ontfangen aene 
Wilhem Kemerlynck alder scholt he schuldich bleyff der broeschaff (!) vur- 
schreven, neymlich 65 V 2 g. lVa a l°. en 3 n - kaerent lichtz geltz, gait eyn 
hoersschg. 3IV2 alb. inde eyn mullemer 2 J / 2 alb. inde voert alle gelt daernae etc. 

Noch eyn geroeve wollen aen Plompen facyt 9 alb. 

Noch aen Lemcken Vrietenss dat gewyn van synen wyntapt der broeders- 
schaff dcyle facyt 18 horsg. en 6 alb. 

Noch aen Jan Pytzwege dat gewyntap facyt 10 horssg. men 4*^ a tt>. 

Noch van wynvasseren synt verkoeft facyt 32*/ 2 a lb* I 1 /* n - 

Noch eynss van vasseren facyt P/2 g- 6V2 a l°« en 3 h. 

Noch voer Schuylkenss aermboerst 30^2 alb. 

Noch van Joccke Schroeder van Trypssraederen 1 g. kaerent. 

Noch vur Wilhem Luytgenss armborst, haynt wy verkoecht, 3 horsg. 

Noch aen Hartman van der weydemaessen 5 g. kaerent. 

Noch eynss aen Hartman van der weydemaessen 3^2 g* kaerent. 

Noch van vasseren 1V 2 g« m en 1^2 alb. kaerent. 

Noch van holtz opter gemeynden, dat geslaegen is in den jaer anno 
15 hondert en 3, neymlich 3 jaer, ind 2*^ hondert lese schanssen oever, facyt 
3 g. en 9 alb. kaerent. 

Noch eynss van den holtz vurschreven, dat geslaegen is anno 15 hondert 
en 4 etc., neymlich 6 hondert grontschanssen en 1 verdel, facyt 3 horschg. 

Noch van Jen Aecker van Baechen eynen g. kaerent, haede he besat, 
doyn he staerff, eynss zo geven etc. 

Noch hayt Gerit Aefferman besat, doyn he staerff, eynen g. kaerent. 

Noch hayt Juyten van Vrelenberch besat eynen g. kaerent. 

Item aen Pauwels van Tryps, haide he besat, doyn he starff, 4 
subberen rogen groite maet facyt * 

Noch van schuytenwyne ich Lambrecht van Teveren vurschreven 
getapt hayn int jaer anno 15 hondert en 4 zo pensten, facyt der broeders- 
schaeff deyll IIV2 g. en 1 alb. kaerent swaer gelt, gait eyn horssg. 30 
alb. etc. 

V Der Betrag fehlt, 

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298 M. Schollen 

Noch van den schuyttenwyne, den ich Lambrecht vurschreven getapt 
hayn zo synt Mertenss messen van Schuylkens wegen van Huynssoven, luypt 
der broedeschaff diel op 9 g. 3 alb., 4V 2 h. kaerent ouch swaer gelt, als 
vurschreven is. 

Item opten Byrckden aen Lieten Joecken 1 g. jaerss, hayn ich 3 jaer 
nyst nae eynander gehaeven, facyt 3 g. kaerent. " 

Aen Heynten Syben op der Heyden 3 horssg. jaerss, facyt 3 jaer 
vurschreven 9 hoerschg. 

Aen Wilhem aen den Kyrchoff 1 gulden jaerss, facyt 3 g. kaerent. 

Noch aen Wilhem Kemerlynck, hayt nu Symon Mommen, 4 1 j 2 alb. jaers, 
facyt 3 jaer vurschreven 13 1 / 2 alb. 

Noch aen Hillen Harst 2 alb. jaerss, facyt 3 vurschreven 6 alb. 

Noch aen Heylken Reyess inde Jocop Spcckhoeuwer 1 j 2 malder even 
inde l / 2 alb. jaerss, facyt diese 3 jaer vurschreven l 1 ^ malder en Vj 2 alb. 

Noch toe Groetenraede aen Herman Cremer eyn malder even jaers, facyt 
3 jaer 3 malder even. 

Noch aen Heyn Buynrevoit 4 subberen rogen jaerss, facyt yn 3 jaeren 
12 subberen rogen. 

Noch zo Begendoerp aen Herper 6 subberen rogen jaerss, facyt yn 3 
jaeren vurschreven 18 subberen rogen Ubyger maet. 

Noch van Bugenems wegen 6 subberen rogen jaers, facyt yn 3 jaeren 
vurschreven 18 subbere rogen. 

Noch aen Symon Jensson aen den Kyrchoff 2 horssg. jaers, hayt onss 
broedersschaff 2 jaer gehait, facyt 4 horssg. 

Item noch aen eyn malder rogen hayn ich Lambrecht vurschreven 
Gielen Duvels affgegolden, hayt unss broedeschaff 2 jaer gehait, facyt 2 
malder rogen. 

Noch aen Haertman eyn halffe malder rogen, hayn ich Lambrecht vur- 
schreven ouch gegolden, hayt onss broederschaff 2 jaer gehait, facyt 1 
malder rogen. 

Noch aen Lcnert den Doyr eyn malder even, haynt wyr 2 jaer gehait, 
facyt 2 malder even. 

Noch aen Heynen Voite Vl 2 malder even, haynt wyr 2 jaer gehait, 
facyt 3 malder even. 

Noch van Henssen van Emendoerp eynen g. kaerent, dat he inde syne 
huyssfrauwe in de broederschaff synt inde synt aire guyder wercken deyl- 
afftich etc. 

Noch vuyr 2 wynssvass V\ 2 g. men 1 alb. 

Item dat koeren vurschreven, so roge inde even, is gerechent inde 
gesompt zosaemen op 20 1 j 2 g. en 4 */ 2 alb. 

Item dis gelss vurschreven is vuyll gewest lycht gelt, so haynt wyr 
gerechent, haynt vuyr yderen gulden lichtz gels 22 alb. swaer gelt, so dat 
it drecht yn verluyse 7 g. en 9 alb. kaerent. 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schtitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 299 

Noch hayn ich ontfangen vuyr Pruymerss haernysch eynen g. en 12 alb. 

Soma van dcsen vurschreven inheven inde ontfanck kuympt 

zosaemen anderhalff hondert en twyentych g. inde 14 b. men 3 h., 

gait der goltg. van gewycht 11 Aecher merck en l l [ 2 alb. etc., vuyr 

ederen g. vurschreven gerechent 6 Aecker merck. 

Uyssgeven oevermytz myr Lambrecht van wegen synt Antoynys inde synt 
Sebasteiaenus broederschaff tertyt broedermeyster van den jaer anno 15 hondert 
en 3 byss int jaer anno 15 hondert ende 6 etc., dat synt 3 jaer nyst nae 

eynander. 

Item anno 3 etc. op doynrissdach nyst nae synt Giertruden dach hayn 
ich Heylken Bugnems huyssfrauwe doyn begaen myt 4 priester, yder eyn 
4 */ a alb., den aefferman 2 en 3 h., den jongen eyne alb., facyt 21 alb. en 3 h. 

Item op goisdach nyst nae halffasten hayn ich eyn jaerbeganck laessen 
doyn vuyr Peter Symons syne huyssfrauwe, her Wilhem, pastoer zo Gangelt, 
inde yr alderen inde Jan van Bugenem syne huyssfrauwe inde yr alderen, 
facyt 21 alb. 

Item op palmaevent hayn ich Meten Hartmanss doyn begaen 21 alb. 

Item op saterdach nyst nae paisschen hayn ich Tzyllcn, Tewen Pelssers 
huyssfrauwe, doyn begaen, facyt 21 alb. 

Item op frydach nyst nae onss heren opfartzdach hayn ich Nesen 
Koynkenss doyn begaen, facyt 21 alb. 

Item op doynrissdach nyst nae penstcn hayn ich doyn begaen Lyssken 
in den Boissch, facyt 21 alb. 

Item op goissdach nyst daernae hayn ich doyn begaen Mercken Lemckens 
huyssfrauwen, facyt 21 alb. 

Item op goissdach nae synt Johanss mess hayn ich laessen doyn eyn 
jaerbeganck vur Jencken van Muyssus, facyt 21 alb. 

Item op goisdach synt Coernellis aevent hayn ich eyn jaerbeganck 
laessen doyn vuyr Jan van Bugnem en syne alder, facyt 20 alb. 

Item op maendach nyst nae synt Mertynss dach hayn ich laessen begaen 
Hcynrich Pruymer, facyt 21 alb. 

Item op synt Sebasteiaenus dach haynt wyr gehait 9 priester en yder 
eyn 4*/ 2 b., den aefferman 2 alb. en 3 h. inde den jongen 1 alb., facyt eynen g. 
8 alb. men 3 h. 

Noch haynt wyr gehayt 2 aepslaevanten, den hayn ich gemessen eyn 
groiss malder spelten, facyt eyn horssg. 

Item noch hayn ich Gyerken van Hatrae doyn begaen, facyt 21 alb. 
swaer gelt. 

Noch hayn ich Wilhem Luytens doyn begaen, facyt 21 alb. swaer gelt. 

Noch hayt onssc broederschaeff doyn begaen Ruyten van Tryps myt 
onsser lyever vraewen broederschaeff, facyt onsse diell 10 alb. 

Noch haynt wyr Jen Crecker doyn begaen, facyt 21 alb. 

Noch hayn ich eyn jaerbeganck laessen doyn vuyr Jencken van Muyssus 
op goissdach nyst nae synt Johanss messe, facyt 20 alb. 



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300 M. Schollen 

Noch hayn ich Bugnem eyn jaerbeganck laessen doyn 20 alb. 

Noch haynt wyr Juyten Tan Vrelenberch doyn begaen 20 alb. 

Ich hayn uch Driesser gedoyn umb brieve he gemackt hait, 4*/ 2 alt>« 

Noch hayn ich Schuylken doyn begaen, facyt 20 alb. 

Noch hayn ich Schuylkenss huyssfraewe doyn begaen 21 alb. 

Noch hayn ich Joeck Schruyr van Trypssraederen doyn begaen 21 alb. 

Ich hayn noch eynss doyn begaen Buy ten van Trypss myt onsscr liever* 
vraewen broerderschaff (!), facyt onss diel 10 alb. 

Item anno 15 hondert en 5 etc. op synt Sebasteiaenus dach haynt wyr 
gehait 8 priester en yder eyn haede 4*/ 2 alb., den aefferman 2 alb. en 3 h. 
inde den jongen eyne alb., facyt eynen g. 3 alb. en 3 h. 

Inde noch 2 apslaevantcn eyn groiss malder spelten, facyt eynen g. 

Noch hayn ich betaelt den mackloyne van den holt opter gemeynden, 
dat gevallen is in den jaer anno 15 hondert en 3, 30 alb. men 3. h. 

Item noch hayn ich betaelt den mackloyn van den hoelt opder gemeynden, 
dat gevallen is in den jaer 15 hondert en 4, facyt 27 alb. 

Item anno 5 etc. op goisdach nyst nae synt Johanss mess hayn ich 
laessen eyn jaerbeganck doyn vuyr Jencken van Muyssus, facyt 20 alb. 3 h. 

In de wceck nae synt Bertolmewus dach hayn ich laessen eyn jaer- 
beganck doyn vuyr Bugenem en syne alderen, facyt 21 alb. 

Item op saeterdach synt Koernellyss aevent hayn ich Kaerle van Vrymer- 
schet yrstwerff doyn begaen, facyt 21 alb. 

Op saeterdach synt Maetewus avent hayn ich Kaerle vurschreven ander- 
wcrff doyn begaen, facyt 21 alb. 

Op saeterdach nyst daernae hayn ich Kaerle vurschreven derdewerff 
doyn begaen, facyt 21 alb. 

Anno 5 etc. in de week vuyr synt Aendriess dach hayn ich Gerit Affer- 
man doyn begaen, want he eyn waess van den 11 mercken etc., 21 alb. 

Noch hayn ich Gerit vuyrschreven noch eynss doyn begaen, want he 
besat haede, doyn he staerff etc., facyt 20 alb. 3 h. 

Noch hayn ich Pauwels van Tryps doyn begaen, facyt 20 alb. en 3 h. 

Noch hciyn ich Peter Broynssem doyn begaen, facyt 21 alb. 

Item anno 15 hondert en 6 op synt Sebasteiaenus dach haynt wyr 
gehayt 7 pryester, en yder eyn haede 4 r / 2 alb., den aefferman 2 alb. 3 h. 
ende den jongen eyne alb., facyt eynen g. men 15 h. 

Noch 2 apslaevanten haeden eyn groiss malder spelten, facyt eynen g. 
kaerent. 

Anno 6 etc. opten 2den maendach in der vasten hayn ich eyn jaer- 
beganck laessen doyn vuyr Bugen inde Symon Euen inde yr alderen, facyt 
20 alb. en 3 h. 

Item zo gotdraegen aen 4 toertzen umb zo dragen 4 alb. 

Noch vuyr 2 toertyss zo draegen 4*/ 2 alb. 

Noch vuyr synt Aenthoynyss zo draegen 6 alb. 

Vuyr synt Sebaesteiacnus inde synt Mathyss 6 alb. 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schtttzenbruderschaft in Geilenkirchen. 801 

Vuyr den cleynen synt Aentoynyss 2 alb. 

Vuyr den cleynen Sebastiaenus 2 alb., facyt 24*/ 2 alb. 

Item dit nyste vurschreven zo gotdragen hayn ich dry jaer nyst nae 
eynander uyssgerycht, facyt yn all 2 g. en l 1 ^ alb. 

Noch hayn ich 3 jaer nyst naen eynander zo Aechen gegolden 2 toertzen 
inde yder jaer vuyr 2 horssg., facyt 6 horssg. 

Noch hayn ich dry jaer nyst nae eynander gedoyn den aefferman aeff 
den schoylemeyster eynen enckel g., hayn ich betalt alle jaer myt 2 hoerschg., 
facyt 6 horssg. 

Item ich hayn gegolden yn behoeff der broesschaif vurschreven weder 
Gielen Duvels eynen brieff van eynen erff malder rogen vuyr 30 hoerssg., 
koest dyss brieff uyter kyrcken te doyn 3 alb. 

Voert so lycop inde goytzpcnnynck 18V 2 alb. 

Voert koest der brieff zo segelen 14 alb. 

Item noch hayn ich gegolden eyn erff malder even weder Lenert van 
Wassenberch vuyr 14 horssg., kost uyter kyrcken 3 alb. inde der brieff 
koest zo segelen 14 alb. 

Item noch hayn ich gegolden Vl 2 erff malder even aen Heynen Boyn- 
revoit, gylt dat malder 14 horschg., 21 horssg. 

Inde Heyn aff syne erven salss 3 jaer loess hayn nae datcm dess brieffs 
aeff syne erven etc., ich gaff zo goetzpennynck Vl 2 alb. 

Dit kost 3 alb. uyter kyrcken te doyn inde wyr sullen den brieff alleyne 
doyn macken, koest der brieff zo schryven inde zo segelen 28 alb. 

Item ich hayn onsse kaepelaene, her Jaen aen den Kyrchoff, gedaen in den 
yrsten, gelich als he vuyr plaech zo hayn, 21 g. kaerent. 

Item zo 2den maele, so als wyr her Jaene vurschreven synen loyne 
gegruyt haynt inde he solde hayn 13 goltg. aeff de werde yn tyt der 
betaelongen etc., facyt yn kaerenten gelde 24 g. lS 1 ^ alb. 

Item noch zo den derden maele 13 goltg., facyt yn kaerenten gelde, alss 
vurschreveu steyt, 24 g. en 13^2 alb. 

Noch hayn ich Ruyten van Tryps doyn begaen myt onsser vrauwen 
broderschoff, facyt onss deyll 10 alb. 

Op saeterdach nyst nae synt Joeriss dach anno 6 etc. 

Item noch hayn ich laessen begaen Tyss huyssfrauw van der Haegen 
21 alb. 

Item doyn wyr gerechent haent myter broederschaff vurschreven, is 
vertert 1 g. en 1 alb. 

Soma van desen vurschreven uyssgeven kuympt zosaemen ander- 
halff hondert en 15 g. inde 5 alb., 6 Aecher merck vuyr ederen 
g. gerechent, gait des goltg. van gewycht 11 merck en l 1 /* alb. 
inde der horsschg. 5 merck vurschreven etc. 

Item hayn ich Lambrecht van Teveren vurschreven gerechent op fry- 
dach nyst nae synt Joeriss dach anno 15 hondert en 6 etc. als broeder- 
meyster vurschreven myt der geselsschaff als van alien inheven inde uyssgeven 



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302 M. Schollen 

van wegen der broederschaff vurschreven, gelich as vurschreven steyt, aldoyt 
inde quyt, dat eyn ontgegen dat ander affgeslaegen inde ich Lambrecht vur- 
schreven blyve schuldich der broederschaff vonff g. en 9 alb., 6 merck vur den 
g. kaerent geltz, gait der horssg. 5 merck inde eyn mullemer 2 alb. en 3 
h. inde voert. Item noch vur den schryver synen loyn van den jaeren facyt 
1 l a g., sal mych Lambrecht varschreven dienen intgeyne die schout ich schul- 
dich blyve, neymlich 5 g. 9 alb. 

Item noch hayn ich Lambrecht vurschreven gegeven zo Trycht umb 
brieve 27 alb. 

Noch vuyr eyn beyenkaer 3 alb. 

Noch vuyr eyne halve quart hoynychs 4 alb. 

Noch vuyr spanghen 1 alb. 

Somae somaerum so hayn ich Lambrecht vurschreven gerechent 
op frydach vuyrschreven van wegen der broederschaff alle dynck 
doit inde quyt, gelich alss vurschreven steyt, dat eyn intgegen 
dat ander affgeslaeghen, so blyve ich Lambrecht vurschreven der 
broederschaff schuldich 3^2 g. inde 10 alb. kaerentz gels, gelich alss 
vurschreven steyt. 

16. Rechnung der Schtltzen von 1504—1505. 

Ontfanck mynss Lambrechtz van Teveren als schuytenmeyster der tzyt van 

synt Sebastciaenus dach anno 15 hondert en 4 byss op synt Sebasteiaenus 

dach anno 15 hondert en 5 etc. 

Item in den yrsten so hayn ich Lambrechtz vurschreven ontfangen aen 
Jan Pytzwege alder scholt Jan vurschreven schuldych bleyff nae synre rcchen- 
schaff, die Jan vurschreven dede op goissdach nyst nae paisschen, anno 15 
hondert ende 4, neymlich hondert ende 3 hoerschg. men 4*^ alb., gait eyn 
horschg. 5 Aecher merck. 

Item noch aen weydemullen gelde van der geselsschaff wegen van den 
jaer 15 hondert ende 3 etc., dat sy Tewe Pelsser haede, so stont sy erne op 
45V 2 enckel goltg. aff de werde yn tyt der betaelongen inde 9 g. men l 1 /* alb. 
kaerent. Dyss gelss vurschreven hayt Lemken Vryctenss als schuytenmeyster 
vuyr mych etc. opgehaeven 12 goltg. vurschreven, gait eyn goltg. 2 horssg. 
en Vj 2 alb. 

Item noch aen weydemullen gelde van der geselsschaff wegen van den 
jaer anno 15 hondert inde 4 etc., dat sy Claes Pelsser haede behalden vuyr 
36 1 / 2 enckel goltg., gait eyn goltg. 2 hoersschg. inde Vj 2 alb. etc. inde noch 
daertzo 12 g. kaerent. 

Item noch van deme Gotberaede an Kaerdoyss l l \ 2 g. karent. 

Item van der vestongen 24 alb. 

Item noch van den koenynck Peter Bugnems 30 alb. 

Item van den aelden mullenraede 30 alb. 

Item vur 2 wynvass IV 2 g- men l*/ 2 alb. 

Item vuyr dat oeverholtz zo Heyenoven van eynre eycken eynen g. 6 alb. 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Sehiitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 303 

Item noch aen Wilhem Kemerlynck van weydemullen gelde, so als Wilhem 
die mullen aen sich haede dat jaer anno 5 etc., neymlich 12 g. kaerent. 

Item noch hayn ich ontfangen aen Gelis Kaerdoyss 12 g. kaerent. 

Item hayn ich Lambrecht vurschreven op penxten getapt van wegen 
der geselsschaff tzwey voeder wynss, tzo Duyren gegolden, inde yder voeder 
vuyr 35 hoersschg., gait eyn horssg. 30 alb. Die vraecht van desen wyne 
yder oeme 18 alb. inde 2 subberen even in den koeff, facyt zosaemen 6 g. 14 alb. 

Noch vur schraetgelt 27 alb. 

Noch vur teronge, doyne wyr den wyn golden, eynen g. 14 alb. 

Noch zo Byrckenstrop halven toll 9 alb. 

Noch vur Nyss huydeloyne 27 alb. 

Noch vuyr taployne yder voeder 3V 2 g-> facyt 2 voeder 7 g. karent. 

Noch onssen knecht Hanss eynen g. 

Doyn wyr den wyn ynlachten, so vulwyn inde schraetwyn 7 quart. 

Doyn wyr oeverlaechten, wat der wyn gelden solde, vertert 2 quart. 

Item daer bevoerens haeden wyr yn eynen koeff gestanden myt Claes 
Wynhoede, so haeden wyr 5 quart roywekoyffs, yder quart 3 alb. 

Facit zosaemen steynt dese 2 voeder vurschreven myt alien 
onlast yngegolden 77 g. men 2 alb. kaerent. 

Item yss deyss vurschreven wyn uyssgetapt die tzwey voeder, 6 oemen 
voer yder voeder, hondert quart vuyr yder oeme, yder quaert vur 3 alb., 
so kuympt der wyn uytvertapt op hondert g. kaerent, so brenckt der wyn 
vurschreven gewienss uyt 23 g. en 2 alb. kaerent, halff der geselsschaff inde 
halff der broedersschaff etc. 

Item hayn ich Lambrecht vurschreven zo synt Mertenss mess getapt 
van wegen der geselsschaff tzwey voeder wynss, tzo Duyren gegolden, yder 
voeder vuyr 28 g. kaerent. 

Die vraecht yder oeme 18 alb., facit 6 g. kaerent. 

Noch vur schraetgelt 25 alb. 

Noch zo roeden 3 alb. 

Noch vur tzyse bynnen Duyren 18 alb. 

Noch vuyr teronge inde lycop Vl 2 g. en 6 alb. 

Doyn wyr den wyn ynlachten, vur vulwyn, schraetwyn 7 quart. 

Noch vuyr taployn yder voeder 3^2 g-> facyt die 2 voeder 7 g. 

Noch vuyr Nysse huydeloyn 27 alb. 

Noch tzo Byrckestrop halven toll 9 alb. 

Facit zosaemen als vurschreven steyt, so steyt diess wyn, neymlich 
tzwey voeder vurschreven, yngegolden yn kaerenten gelde 73 g. 
17 alb. inde 3 h. 

Item yss dyss vurschreven wyn uytvertapt die tzwey voeder, 6 oemen 
vuyr yder voeder, hondert quart vuyr yder oeme, yder quart vuyr 3 alb. 
men 3 h., so luypt der wyn die tzwey voeder vurschreven op 91*/ 2 g- inde 
6 alb. kaerent etc., so brenckt der wyn ge wynss uyt 18 g. 6V 2 alb. en 3 h. 
karent, halff der geselsschaff inde halff der broederschaff etc. 



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304 M. Schollen 

Soma van desen vurschreven inheven inde ontfanck knmp 

zosaemen twehondert nuynentechtychsten halven g. 15 b. men 1V 2 n -» 

6 Aecher merck vuyr yderen g. kaerentz geltz, gait der goltg. van 

gewyeht 11 merck en l*/ 2 alb. en der hoerschg. 5 merck etc. 

Item noch hayn ich Lambrecht vnrschreven ontfangen van dennen boert 

inde voert alle ander holt, dat geoevert is, facyt 4 g. kaerent. 

Uyssgeven oevermytz myr Lambrecht van Teveren, schuytenmeyster der 

tzyt, anno 15 hondert en 4 van synt Sebasteiaenus dach aen byss op synt 

Sebasteiaenus dach anno 15 hondert inde 5 etc. 

Item in den yrsten des aenderen dach nae synt Sebasteiaenus dach an 
bier 13 alb. 

Noch vur 2 biergelaeser 3 alb. 

Noch op denssdach nyst vur synt Valentyns dach haynt die schuytzen die 
voy gejaecht, so haynt wyr gehayt in den yrsten aen wyne 4 g. men l 1 /^ alb. 

Noch aen roegenbroit inde weggen 33 alb. 

Noch aen dick bier eynen g. en 13^2 alb. 

Facyt zosaemen op denssdach vurschreven 6 g: 9 alb. kaerent. 

Item op sondach groitvastaevent haynt wyr die weydemullen uyss- 
gegeven, so haynt wyr gehayt aen wyne eynen g. en 13 alb. 

Noch aen bier inde broit 22*/ 2 alb. 

Noch sal ich Lambrecht vurschreven als schuytenmeyster tzyt van der 
geselsschaff wegen to der mullen doyn tarre vuer eynen g. 

Facyt op sondach vurschreven 3 g. men 1 j i alb. 

Item op goistach nyst nae paisschen haynt die aide schuytzenmeyster 
gerechent, neymlich Lemken Vrietenss inde Jan Pytzwege, so ys vertert aen 
wyne 11 alb. inde aen bier inde broit 11 alb., facyt op goissdach vurschreven 
22 alb. 

Item op sondach nyst nae paisschen, so alst was eyn oprychtich dach 
etc., so haynt wyr vertert tsaemen eynen g. men 2 alb. 

Item op sper en der croenen dach doyn gaeven wyr dat Gtotberaet uyss 
inde verkoefften dat aelde mullenraet etc., vertert aen bier 12 alb. 

Op goissdach in de penxtheylge daege schenckde onsse geselschaff den 
lantdroyssent 16 quart wynss, yder quart 3 alb., facyt eynen g. en 12 alb. 

Item op sondach nyst nae penxsten, doyn wyr den voegel schoissen, 
haynt wyr gehait opt gewantus aen wyne 41 quart inde den koynynck 
geschenckt 4 quart inde den knecht vur den voegel zo rychten 2 quart, yder 
quart 3 alb., facyt aen wyne vurschreven 4 g. men 3 alb. 

Noch aen roegenbroit inde wegen 30*/ 2 alb. 

Noch vuyr eyn vierdell lams gebraeden 7 alb. 

Noch aen bier 30 alb. inde vur bentsseyl tzo den vogel 4 J / 2 alb. 
Facit op sondach vurschreven 6 g. men 3 alb. 

Item op gotdragen dach zo moergen etzlige schuytzen zo der tzaepen 
2 quart wynss gedroncken, facyt 6 alb. 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schutzenbruderschaft in Geilenkirchen. 305 

Item doyn dat gerycht onsse geselsschaff inde Gielen Duvels zo vreden 
sat inde geleych etc., woerden vertert zosaemen H 1 ^ g. inde 3 alb., facyt 
onsse deyll l 1 ^ g. inde 10V 2 alb. inde Giel vurschreven ouch so vil. 

Item op denssdach nyst nae synt Mycheels dach toegen onss geselsschaff 
eyn deyls myt ons gnedigen heren mulen nae Gulch, tuysschen wege vertert 
15 alb. Inde doyn sy heym quaemen, droncken sy yn Rytzen huyss 10 quart 
wynss, die quart 3 alb. men 3 h., macht der wyn 27 J / 2 alb., facyt yn all 
1 g. 6V 2 alb. 

Item op doynrissdach vur synt Katrynen dach haede ich die geselsschaff 
bie eynander geboedt, inde des anderen dachs hoy ten sy die vestonge inde 
machden dat gewantus schoyne, haeten sy vertert aen bier 10*/ 2 alb. 

Item op synt Tomaes maerdach zo nacht haeden die haelve geselschaff 
die eyne syde, neymlich van Peter Sloetmeckers huyss byss aen Oten huyss, 
opt gewanthuyss gewackt in den haruysch, so haeten sy vertert 13 alb. 
men 3 h. 

Item noch hayn ich die schuytzcn gecleydt, so haynt wyr gegolden 3 
wysse doech inde haynt sy laessen swartz verwen inde scheren etc., so steyt 
ons yder elen yn all 25 alb. en 2 h. etc., so haynt wyrt verdeylt onder dye 
gemeyne schuytze geselsselsschaff (!), neymlich hernae beschreven steyt, yder eyn 
3 J / 2 elen, yn den yrsten item Hartman, Heylger Engels, Lemmen Engels, Heyne 
Engels, yder 3 J / 2 eleu, Tewken in den Boisch 4 elen, die halve elen wass vur der 
konynckynnen mouwen, wass vergessen dat verleden jaer, Claes Pelsser, 
Geryt Scholle, Peter Sloetmecker, Jan Syllen, Heynrych Olyschsleger, Tewe 
Pelsser, Tewus van Drynhuysen, Lambrecht van Theveren, Peter Bugnem, 
Gelys Kaerdois, Wilhem Kemerlynck, Lemken Vrietens, Engel Fyen, Ot Eynartz, 
Per (!) Cremer, Jan Pytzwegge, Reyncken Radermecker, Jan van den Horich, 
Jan in de Nyerderstraesse, onss knecht Hanss, yder 3*/ 2 elen. 

Item macht zosaemen dese cleydonge vurschreven 88 elen en yder elen 
vur 25 alb. en 2 h., sommae zosamen 61 1 I 2 g. en 8 h. kaerent. 

Noch vur eyne elen swartz engels doech vur 3 kogelen, neymlich den 
droesset, den vaedt inde Peter Baede etc., facyt l*/ 2 g- 12 alb., 3 alb. vur 
den mackloyn. 

Noch vur her Johanss bonet 24 alb. 

Noch den konynck vur der konynckynen mouwen 16^2 alb. 

Facyt aen doech inde bonet vurschreven 64^2 g- 2 alb. en 2 h. kaerent. 

Item noch gedoyn Tewen Pelsser, dat he uytgelacht hayt an der banck, 
doyn he te recht stont tegen Heynen van Hommersscn als van muylengels 
halven inde yt wart gesoont oevermytz etzlige schuytzen etc., facyt 1 g. 6 alb. 

Noch hayt onsse geselsschaff geschenckt Oten broder Karle 4 quart 
wynss, yder quart gait 2V 2 alb., facyt 10 alb. 

Doyn dat holtz opt gewantus gedraegen wart yntgeyne synt Sebastei- 
aenus dach, wart vertert aen bier 5 alb. 

Op synt Sebasteianus aevent vertert opt gewantus aen bier 14 alb. 

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306 M. Schollen 

Item op synt Sebasteiaenus dach vertert yn den yrsteu aen gruyn 
vleysch 15 alb. 

Noch aen roegenbroit 27 alb. 

Noch aen weggen vur 18 alb. 

Noch vur 2 vyerdel keckeren 15 alb. 

Noch gesalssen vleysch, eyne schynck, 3 stuck rentvleyssch inde eyne 
broitwoert facit 30 alb. 

Noch 2 capoyne, 2 hennen ende 1 vete gainsse facyt 20 alb. 

Noch eyn halff loit saefferaens 3*/ 2 alb. 3 h. 

Noch 2 loit peffers vur 2 J / 2 alb. 

Noch vur eyn pont kertzen 3 alb. 

Noch 2 tonnen dicks biers vur l'/s g. en 12 alb. 

Noch vur essych l 1 ^ alb. 

Noch aene wyne vertert 2 g. 9 alb. en Vl 2 h- 

Facyt op synt Sebasteiaenus dach vurschreven vertert 7'/ 2 g» 
13 alb. l*/ 2 h. men. 

Item anno 5 etc. op doynrissdach nyst vuyr vastaevent so haynt wyr die 
voye gejaecht etc., so haynt wyr vertert in den yrsten aene roegenbroit 12 alb. 

Noch aene dick bier eynen g. 9 alb. 

Noch vuyr eyn halff pont kertzen l ! / 8 alb. 

Noch aen wyne vertert 2*/ 2 g. en 4*/ 2 alb. 

Doyne dit vurschreven gcschach, was schuytenmeyster Gelis Kaerdoiss 
inde Ot. Nochtant hayn ich Lambrecht yn myne* rechenschaff genomen myt 
willen der tweyer schuytzenmeyster vurschreven, facyt op doynrissdach 
vurschreven 4 g. en 9 alb. 

Item anno 5 etc. op sondach groitvastaevent, doyn wyr die weyde- 
lmillen uyssgaeven nae alder gewoynheyt, so haynt wyr gehait aen wyne 
eynen g. 13V 2 alb. 

Noch aen bier inde broit 17 alb. 

Dit vurschreven geschach ouch yn Kaerdoiss tyde vurschreven etc., 
facyt op sondach vurschreven Vl 2 g- 12V 2 alb. 

Uyssgeven van den grontkandel ant Gotberact oevermytz mych Lambrecht 

vurschreven. 

Item in den yrsten so hayn ich Lambrecht vurschreven Wilhem Tzanders 

van Ubach vort gedoyn opten kandel, den Kaerdoiss gegolden haede vur 

2 g., want wyr eyn ander holt cregen, dat besser wass etc., facyt 12 alb. 

Doyn wyr den kandel haynt gehaelt, haynt wyr vertert mytcn lederen, 

voyrluen (!) inde perden facyt 29 alb. 

Der kandel kost zo snyden, so kost inde loyne, 12 alb. 

Noch 2 temmerman eynen dach an den kandel gehoelt, facyt kost inde 
loyn 17 alb. 

Noch eyn man 1 / 2 dach gewoert, doyn he den tap ynmachde, koest inde 
loyn 4 J / 2 alb. 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schtitzenbruderschaft in Geilenkirchen. 307 

Der aide Aecker en syn son Ercken haynt gewoert, doyn men den 
kandel legen solde, mallich 2 1 j 2 dach, yde eyn des dachs aen loyn 4 alb. 
inde vur de kost 4 alb., facyt 1 g. 4 alb. 

Noch Ercken opten Berge en Ercken Aecker, yder eyn 1 1 I 2 dach gewort, 
so kost en loyn 24 alb. 

Doyn wyr den kandel opt Gotberaet droegen, verdroncken aen bier 4 alb. 

Doyn wyr den kandel tolachten, haynt gewoert 3 man 1V 2 dach, facyt 
so kost en loyn 1 g. 

Facyt alss vurschreven steyt so kost der kandel 5 g. men Vl 2 alb. 

Uyssgeven oevermytz myr Lambrecht vurschreven als van den bouwe ich 
Lambrecht verbouwet hayn an den schuytzen gewantus van der schuytzen 

wegen. 

Item in den yrsten so hayt Schulken gewort aent gewantus an den vuyrsten 
ende 21^2 dach inde an dat nuwe gebont 53 dage, facyt Schulken altesaemen 
74^2 dage, inde yder dach aen loyne 5 alb. inde vur de kost ouch 5 alb., 
so kost inde loyn van Schulken luypt op 20 1 l 2 g. en 7 alb. 

Item Hartman Schulkens knecht hayt gewoert ant gewantus an dat 
vurste ende vurschreven 24 1 / 2 dach inde an dat nuwe gebont 62 daege, 
facyt so hayt Hartman vurschreven gewoert altesaemen 86V2 dach, yder 
dach aen loyne 5 alb. inde vur de kost 5 alb., so kosst so loyn aen Hartman 
24 g. 1 alb. 

Item noch so hayt Jen Babben gewoert an den gewantus an den nuwen 
gebonde 36^2 dach, yder dach aen loyne 5 alb. inde vur de kost 5 alb., facyt 
Jen vurschreven so kost en loyne 10 g. en 5 alb. 

Item noch hayt Schuylken vurschreven verdient myten spillen he an 
den gewantus onden inde oeven vuyr inde nae facyt 4 g. kaerent. 

Item Jan Houtsnyder inde Claes Haen van Baechen haynt onder huyn 
beyden gesneden an den vursten werck ant gewantus 12 dage, inde des dages 
mallich 5 alb. aen loyn inde vur de kost 5 alb., facyt so kost inde loyn die 
2 vurschreven 6 g. 24 alb. 

Item noch hayt der Tuynbrecker inde Kuyle Jan an den gewantus 
gesneden an dat nuwe gebont 25 1 /* dach mallich, inde des dages yder eyn 
5 alb. aen loyne inde vur de kost 5 alb., facyt die 2 vurschreven so kost 
en loyn 14 g. 16 alb. 

Item noch hayt meyster Ruytger der muyre an den gewantus gemuyrt 
19 dage inde syn knecht Lewe hayt dae aen gewoert 22 dage, inde sy 
haynt onder huyn beyden des dachs 9 alb. inde vur de kost 9 alb., facyt die 
2 vurschreven so kost en loyne 10 g. en 9 alb. 

Item noch hayt Johannes Sonnen van Teveren den muyre vurschreven 
geopert 5 dage vuyr Uytrae kyrmiss inde des dages 3 alb., inde noch nae 
Uytrae mart 17 dage inde des dachs 2*^ alb., inde vur de kost yder dach 
4 alb., facyt Johannes vurschreven so kost ende loyn 4 g, en Vj 2 alb. 

Item noch hayt Sille inde Lenert van Teveren gedeckt an den vur- 

20* 

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308 M. Schollen 

schreven ende van den gewantus 2 dage, yder dach die 2 vurschreven 9 aen 
loyn inde 9 alb. vur de kost, facyt die 2 vurschreven so kost ende loyn eynen g. 

Item nock hayt Jan Decker an den gewantus gedeckt 9 J / 2 dach, en 
yder dach aen loyne 5 alb. inde vur de kost 5 alb., facyt 2 g. en 23 alb. 

Item noch hayt Cleyn Ercken van Baechen an den gewantus gewoert 
9 dage, inde yder dach 3 alb. aen loyn inde vur de kost 4 alb., inde noch 
2 dage leym gestecken yn synre kost inde yder dach 6 alb., facyt 2 g. en 3 alb. 

Item noch hayt Ercken Aeeker gewoert 20 dage, inde yder dach 3 alb. 
aen loyn inde 4 alb. vur de kost, facyt so kost ende loyn Ercken vurschreven 
3V 2 g. en 14 alb. 

Item noch hayt Ercken opten Berge inde Toynyss Keuyten aenden 
gewantus gekleynt eynen dach, inde mallich 4 alb. aen loyn inde 4 alb. aen 
kost, facyt 16 alb. 

Item noch haynt wyr gehait eyn hondert latten aent gewantus, facyt 

Item noch vuyr wantgerden to hauwen inde vuyren facyt 12 alb. 

Item noch vur dat steygerholt zo Vrelenberch zo hoeleu inde weder 
zo voeren 16 alb. 

Noch vur sant inde leyme zo voeren Vj 2 dach, kost, loyne, houwe inde 
haever facyt zosaemen 28 alb. 

Noch vur bentseyll umb zo steygeren 3 alb. 

Noch anderhalve quart vetz, umb de spyllen zo smeren, 6 alb. 

Item in den yrsten so haynt wyr gegolden weder Goyten van den Reysch- 
den 6 bloeter eycken vur 3 g. en VJ 2 alb., noch zo gotzpennynck inde 
lycop 6 alb. 

Dat holt vurschreven kost heym zo voeren, so kost inde loyn, eynen g. 

Die dit holt haynt helpen lacden, haynt vertert yn dicken bier 12 alb. 

Dit holt hait affgehauwen Cleyn Vaes so kost inde loyn facyt 1 j 2 g. 

Item noch haynt wyr gegolden weder Heynen Tewus 3 bloeter eycken, 
so hoeftgelt inde vraecht 2^ g. en 12 alb. 

Noch eyne eyck weder Heynen Tewus kost onss heym 27 alb. 

Noch eyne eyck weder Jane van den Reyschden vuyr 1 g. 1 1 / 3 alb. 

Dese eyck vurschreven kost ter vraecht 13 alb. 

Item noch 2 eycken weder Goyten van den Reyschden vuyr 34Vo alb. 

Dese 2 eycken nyst vurschreven koesten tcr vraecht 15 alb. inde die 
leder haynt vertert yn bier 8 alb. 

Item noch haynt wyr gegolden weder Goyten van den Reyschden 5 
bloyter eycken, so hoeftgelt hide lycop facyt 4 g. en 3 alb. 

Dit holt vurschreven hayt heym gcvoert Tewus Struyck, facyt eynen g. 
en 12 alb. 

Noch 4 pert hoewe inde haever en 2 1 dach die kost 15 alb. 

Doyn dese 5 holter vurschreven gehaelt woerden, haent de leder ver- 
droncken yn dycken bier den dach zo 2 maelen, facyt eynen g. en 2 alb. 



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Die St. Sebastianus- unci Antonius-Schiitzcnbruderschaft in Geilenkirchen. 309 

Inde Peter Wever hayt 2 daige die kost gehait, doyn he sy affhcwe, 9 alb. 

Noch eyn holt weder Jan van Heyenoven vur 6 horssg. en 6 alb. zo lycop. 

Inde ieh gaff den hoewer eynen dach die kost facyt 4*/ 2 alb. 

Inde Pauwels van Heyenoven haevent onss heym gevoert zo 3 maelen, 
facyt Va £• 

Noch aen Heynen Voit 9 eycksken vur l 1 /^ g. on 4*/ 2 alb. inde den 
hoewer eyne raaltzit l*/ 2 alb. 

Noch weder joncker Daeinen van Tryps 2 eycken vur 5 g., inde joncker 
Daeme gaff onss eyne eyck, wass wert umbtrent l*/ 2 8- 

Dese 3 eycken vurschreven hayt der lioeche Helper affhauwen, des hayt 
he 5 alb. 

Dit holt vurschreven aen joncker Daemen inde aen Voiten hayt heym 
gevort Gyse yn Eyserhoff, facyt ter vraecht inde eyn subberen even inde 4 
pert eynen dach houwe inde 2 voerman 1 dach die kost, inde 2 hoewer 1 
dach die kost inde voert my ten lederen vertert facyt yn alle P/a g« en 
13 1 /* alb. 

Noch hayt onss der proest van Heynssberch eyn holt gegeven, des 
schenckden wyr erne 4 quart wynss, die quart 4 alb., facyt 16 alb. 

Noch hayt onss her Derich Bugenems eyn holt gegeven, was wert umb- 
trent 1 horssg. 

Diese 2 holter nyst vurschreven hayt heym gevoert der halffwen van 
der Lo op l \ 2 dach, facyt die vracht 13 1 /* alb. inde eyn subberen eve inde 
hocwe inde 2 voerman eyne maltzit inde die leder vertert facyt 14 alb., facyt 
so vraecht inde teronge 27*/ 2 alb. 

Item wyr haynt gerechent myt Peter Wever van alien holteren Peter 
onss affgehauwen hayt, so dat ich Peter daevan hayn gedoyn eynen g. en 
12 alb. 

Item noch hayn ich zo Uytrae gegeven omb ruylsteyne 2 alb. en 3 h. 

Noch zo Aechen 2 dusent schuytnegel, yder honder (!) 4 alb., facyt 
2 g. 8 alb. 

Noch zo Aechen eyn dusent vynsternegel, yder hondert 2*/ 2 alb., facyt 
25 alb. 

Noch 6 hondert negel, dae Dreysscher dat gewantus van bennen myt 
cleyde, gait yder hondert 2 alb. en l 1 /* h., facyt 12 alb. en 9 h. 

Item noch hayn ich zo Koelen gegolden dennen boert zo den gewantus, 
so gait dat hondert stuyck 9 enckel goltg. van gewycht, hayn ich betaelt 
vur yderen goltg. vurschreven 1V 2 g. en 13^2 alb. kaerent etc. Deser boert 
vurschreven waes hondert inde 26 stuyck, facyt 21 g. 9*/ 2 alb. kaerent. 

Inde ich Lambrecht vurschreven hayn tuysschen Koellen vertert 27 alb. 

Dese boert vurschreven steynt onss ter vracht van Koelen heym, der 
waes tweyne goider waene, hayt gevoert Fryn van Brielden, facyt 10 g. 

kaerent. 

Facyt dese dennen boert vurschreven so hoeftgelt, teronge inde 
vracht, alss vurschreven steyt, loepen yn koerenten gelde 32 g. 1 j i alb. 



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310 M. Sehollen 

Item op synt Aendriess dach haynt wyr gerechent myt Jan Smyt In der 
Gaten van alien yseren werck Jan vurschreven aen den gewantus gemackt 
hait van desen daege achterwart, so luypt het op V\ 2 g. kaerent. Hey waes 
bye als schuytzen Schulken van Huynssoven, Tewe Pelsser, Lemken Vryetenss 
inde Hanss, onss knecht, etc. 

Item noch haynt wyr gehayt 33 1 / 2 hondert schoeve, yder liondert kost 
myter vracht 5 alb., facyt yn kaerenten gelde die schoeve vurschreven 9 g. 
11 alb. 

Noch vur lyme hayt Jan Dresscher verwoert opt gewantus 6 alb. 

Noch zo Sugraede 4 dusent tegelsteyue inde yder dusent vuyr 2 g. en 
9 alb., facyt 9 g. kaerent. 

Die steyne vurschreven steynt onss heyme so vracht inde teronge 3 g. 
lBVa alb. 

Facyt die steyne vurschreven in all 12 g. en 16V 2 alb. korrentz. 

Item noch haynt wyr gehayt 2 voder kalcks, yder voder gait 20 alb., 
inde zo der Wyden vertert 6 alb., den perden 2 sumberen even inde hoewe, 
inde vertert, doyne wyr myten kalck heym quaemen, \§ l \ 2 alb., vuyr de 
vracht van Elendoerp heym aen Tewus Struyck 1 g. 

Facyt kost der kalck vurschreven yn all 2 1 j 2 g. en IIV2 alh. 
kaerent. 

Item noch hayn ich zo Aechen 2 blaewe stoertsteyne opt gewantus, 
koesten in all so hoeftgelt inde vracht facyt 3 g. kaerent. 

Item noch so hayt Peter Sloetmecker gemacht in den yrsten 2 wympelen 
oeven opt gewantus, facyt 3 horssg. 

Noch hayn ich Peter vurschreven doyn machen 2 nuwe brantroist, wygen 
40 pont, kost yder pont gemackt l J / 2 alb., facyt 2 horssg. Dese 2 brantroit 
vurschreven haynt wyr verbuyt aen Claes Pelsser vuyr 2 groesse gegoessen 
brantroist etc. 

Noch hayt Peter vurschreven gemackt 5 groisse yseren negel in den 
boerstboym aen de schiessvynsteren, wygen 20 pont, yder pont vur l*/ 2 alb., 
facyt eynen horssg. 

Noch 3 duybel cleyncken myt yren zobehoer en 2 paer langer gehenger 
oevertzient inde 2 yseren pynne op de schiessclever, facyt Vl 2 horsschg. en 
SVa alb. 

Facyt aen Peter vurschreven 6 g. 12*^ alb. kaerent, vuyr 
yderen hoerschg. gerechent 30 alb. 

Item noch hayt Jencken Driesscher die schiessvynsteren gemackt opt 
gewantus inde voert die slachvynsteren rontumb, die eyne nuwe gemackt unde 
die anderen hermackt etc., noch 2 duyren nuwe gemackt, inde aen den dack 
zo beyden syden gekleydt, facyt 3*/ 2 g« 

Item noch hayt Nelys van Baechen en syn son gewoert an den clever- 
schepken onder yn beyden 5*/ 2 dach, dat synt 1 1 eynletzyge dachge inde yder 
dach aene loyn 4 alb. inde vuyr de kost 4 alb., facyt so kost en loyn 2 g. 
en 16 alb, 



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Die St. Sebastianus- und Antonius-Schiitzenbruderschaft in Geilenkirchcn. 311 

Noch hayn ich gegolden zo den cleverschoepen 2 belckssken vur 15 alb. 
Item noch hayt nieyster Acritt, gelaesemeker van Aechen, vertert so 
vuyr inde nae 1 I 2 g. 

Item noch den schryver vuyr synen loyn van 3 jaeren nyst vurschre- 
ven 1 g. • 

Somae van desen vurschreveu uyssgheven kuympt zosaemen dry- 

hondert en sessyndriessich g. 9 1 /* alb. inde 3*/ 2 h. kaerentz gelss, 

6 Aecher nierck vuyr yderen g. gerechent, gait der goltg. van 

gewycht 11 merck en l 2 / 2 alb. inde der hornschg. 5 merck etc. 

Item hayn ich Lambrech van Theveren as schuyttenmeyster vurschreven 

gerechent opten 7den dach in den meye anno 15 hondert en 6 my ter geselsschaff 

as van alien inhcven inde uytgheven van wegen der geselsschaff vurschreven, 

gelych as vurschreven steyt, aldoyt inde quyt, dat eyn tegen dat ander aff- 

geslaegen inde die geselsschaff vurschreven blyft mych Lambrecht vurschreven 

dryenviertych g. 7y 2 b. en 3 1 /* h. kaerentz gels, 6 merck vuyr yderen g., gait 

der goltg. van gewycht 11 merck en l 1 ^ alb. etc. 

17. Rechnung der Schiitzen von 1688 — 1689. 

Rechnung waB wir schutzenmeister Merten Preuss und Everhard ClaBen de 

anno 1688 den 20. Januarii biB 1689 den 20. Januarii inclusive empfangen 

und in nahmen der st. Sebastiani geselschaft auBgelagt haben 1 . 

g. alb. h. 

Erstlich auf st. Sebastiani tag alfi ahngesetzt dahmahlen ahn 

karten und kertzen thosammen — 15 6 

A1B die schutzenmeister, so abgestanden, gerechnet, dahmahlen 

ein tohn 6 6 — 

Auf ostertag ahn weiBbrod gethan 15 — 

Item ahn pfeffer, essig, salz und mostart — 22 — 

Item ein tohn bier ad 6 6 — 

A1B Adam Friederichs begraben, ein tohn biers auftragen 

laBen ad 6 6 — 

Item auf gottestragt bey Peter Boest verzehrt 6 quart 

bier, facyt — 15 — 

Auf Hunfihover gottestragt den jungen schutzen geliebert ein 

tohn bier ad 6 6 — 

Item Jacob Fischer mit gelt nacher Gangelt getragen, den- 

selben geben 2 bl. — 10 — 

Item alfi Jacob Fischer schriebens abgeholt zu Gangelt, den- 

selben ahn zehrgelt mitgeben — 5 — 



V Das Protokoll iiber die Reehmmgslage lautet: Anno 1689 den 23. Martii haben 
dem alten brauch nach die abgestandenen schutzenmeister alfi Mertens Preuss und 
Evert Clasen ihre rechnung abgelegt, so befindt sich nach guter gehaltener rechnung, 
daB aufigab und empfang, ein gegon daB ander abgezogen, daB die abgestandenen 
schutzenmeister der geselschaft schuldig verpleiben 23 g. 17 1 / 8 alb. 



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312 M. Schollen 



alb. 



A1B dafi schreibens bey herrn vogten getragen, dahmahlen 

verzehrt 6 quart, facyt — 15 

Zu ostern den herfn vogten sein iura zahlt ad 2 2 

Item de anno 87 ahn steur wegen des schutzenlands ein 

mahl zahlt ad 
Noeh de anno 88 ahn stewrn wegen des schutzenlands zahlt 
Item ahn erbschatz zahlt ad 

Noch wegen des schutzenlands ahn Francosen stewrn zahlt 
Item bey Peter Boest vor und nach verzehrt, so der gesel- 

schaft gnugsamb bewust, und ahn die wohllwag er laBen 

machen thosammen 7 quart, facyt 
Auf christag ahn bier geliebert 
Ein kertz ad 2 fetm. facyt 
Auf st. Sebastiani tag zu Geylenkirchen auf der pfortzen 

gehabt ahn bier 6 6 

Zu Hunfihoven bey Johannen Hauben verzehrt, weilen nicht 

nacher Geylenkirchen kommen konnen, thosammen 6 6 

Noch den herrn vogten zwey mahl sein iura zahlt ad 4 4 

Item den ehrwurdigen herrn pastoren wegen meefi und 

predigt zahlt 1 13 

Item bey burgermeistern Emundten vor und nach, daB die 

geselschaft wegen der streitigkeit mit Niclafien bey ein- 

ander gewesen, verzehrt thosammen 18 quart, facyt 1 21 

Item den schutzenschrieber vor sein gebuhr 3 — 



5 


17 6 




6 


11 — 






21 — 




9 


9 — 


! 

V 




lVj 2 - 


■1 


5 


5 — 
1 8 


1 



Summarum 84 2 2 

Eolgt der empfang. 

Erstlich ein hew holz auf der gemeinden ad 3 12 — 

Zu Tripsrahren empfangen 1 1 j 9 malder und 6 viertel 

roggen, daB malder jedes — — — 

Einen rthlr. von der weyden empfangen. 
Bei Steinen zu Tripsrahren ein malder habern, daB malder 

7 sch., facyt 3V 2 3V 2 — 

Zu HeinBberg ein malder roggen ad — — — 

Zu Teveren 10 20 — 

Der zeitlicher burgermeister Hartzigh 17 J / 2 — 

Auf den Birgden 16 — 

Item bey Andreifien Wolff, Diederichen Hall und Niclafien 

Henrichs thosammen 3 sumbern roggen. 
Item ist die wollwag eingesatzt vor 16 g. einsatz und hat 

ahn beschutt 93. 
Die weidt und wohllwag anno 1689 ad 31 6 — 



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Die St. Sebastianus- and Antonius-Schutzenbruderschaft in Geilenkirchen. 313 

" 18. Redlining der Schtitzen von 1716-1717. 

Specificatio 

wafi wir abgestandene schutzenmeistere, nemblich Everhard Claassen und 

Wilh. Kopfferatk, der bruderschaft st. Sebastiani verscbossen und dagegen 

empfangen auBm jahr 1716 biB im jahr 1717. 

rthl. alb. Coin. h. 



Erstlich auf st. Sebastiani tag ahn kertzen, karten, toback 

und pfeifen ad — 
Auf rechentag geliebert ein tonn bier vor 14 sch. und ahn 

mehrmaaB 16 alb., fucyt 1 
Und ahn kuerbier getrunken vor 

Denen biertrageren geben — 

Ahn kertzen und karten auBgeben — 

Item auf ostertag geliebert ein tonn bier ad 1 

Ahn kuerbier getrunken vor — 

Vor traglohn geben — 

Ahn weifibrod, essig, pfeffcr, salz und mostart ad — 

Item weilen man den vogel hat aufgesetzt — 
Item vor die schieve handschue auBgeben 

Item dem fahndrager geben 1 paar handschue ad — 
Item alfi die schieff geschossen worden, geliebert zwey tonnen 

bier, jede tonn 14 sch., facyt 3 

Ahn platz und britzelen geliebert vor 14 sch. 1 

Item dem tambaur geben — 

Item denen jungen schutzen geliebert ein tonn bier, kost 1 

Item vor den schievenvogel geben — 

Item die stang und wollwaagstein lassen repariren, kost — 
Item haben wir schutzenmeistere, bey- und brudermeistere 

die obligation laBen authentisiren, verzehrt 

Item die jungen, welche s. Sebastiany bild getragen haben — 
Item alB wir die victoria gehalten, ahn kertzen und karten 

auBgeben — 

Item die dafi bier getragen haben, geben — 

Item dem herrn vogten geben 1 

Dem herrn pastoren geben — 

Item auf christtag geliebert ein tonn bier ad 1 

Item ahn kuerbier getrunken vor — 

Denen biertrageren geben — 

Item ahn kertzen, pfeifen und toback vor — 

Item auf st. Sebastiani abend ahn kuerbier getrunken vor 2 

Item geliebert drey tonnen bier, jede tonn 14 sch., facyt 5 

Ahn denen biertrageren geben — 

Item daB eyser, so vor st. Sebastiani bild stehet, kost — 

Dem schreiber wie von alters 3 g. ad — 



44 

76 
32 

8 
17 
60 
32 

8 
74 

8 
16 
12 

40 
60 
30 
40 
6 
15 

12 
10 

23 
16 
40 
30 
60 
32 
8 



20 

24 

6 

58 



Summarum allinge auBgab 27 46 



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314 M. Schollen, Die St. Sebast.- u. Anton.-Schiitzenbrudersch. in Geilenkircben. 



rthl. alb. Coin. h. 



Empfang. 

Anno 1716, den 13. Februarij ist Wilh. Kopfferath vom uber- 

empfang uberliebert — 78 — - 

Zu Bauchem bey Peter Peters wittib 6 fiertel roggen. Item 
bey Dierichen Hall wittib und wittib AndreeB Wolff 6 
viertel roggen und zu Heinfiberg ein malder roggen, thut 
zusamen ein malder und zwolf viertel roggen, daB 
malder 2 rtbl. — alb., facyt 

Item zu Tripfirahren ein malder haber ad 

Item von Johann Gordts empfangen ad 

Item von Johann Boest zu TripBrahren cmpfangeu ad 

Vom zeitlichen burgermeister zu Geilenkircben empfangen 

Item von Johannes Durmans von dor Heydt empfangen 

Item von Wilm Wilms von Tevcren empfangen ad 

Von weydt und wohlwaag ad 

Vom Gottberath 1 g. leicht. 

Auf der gemeinden l*/ 2 haw holtz und 1 ryB, wegen der stuben 
zu stochen gehet ab 1 j 2 haw, so bleibt ein haw und ein 
ryB, gerechnet ad — 57 

Summarum allinger empfang 25 19 



3 


— 


1 


10 


2 


40 


2 


40 


4 


IB 


1 


00 


2 


48 


5 


70 



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Kleinere Mittheilungen. 



1. Die Schreibkiinstler der karolingischen Hofschnle zu 

Aachen. 

In der VI. Publikation der Gesellschaft fur rheinische Geschichtskunde 
wird die prachtige Ada-Handschrift behandelt, welche urn die Wende dieses 
Jahrhunderts aus der Trierer Abtei St. Maximin in die dortige Stadtbibliothck 
gelangte. Besprochen werden darin tiberdies mehrere Dinge, die auch fiir Aachen 
nicht ohne Interesse sind und auf die deshalb hier hinzuweisen ist. Der 
Bibliothekar der Abtei hatte den Prachtkodex 1794 nacji Mainz gefltichtet, 
von wo er nach Paris kam. In Folge der Siege der Verbtindeten wurde er 
der Pariser Bibliothek wieder genommeu und nach Aachen gebracht, wo er 
drei Jahre blieb. Zuletzt ward er wegen dringender Bitten der Trierer 
Patrioten von Friedrich Wilhelm III. der Bibliothek der Stadt Trier iiber- 
wiesen, die ihn audi heute noch besitzt. 

Die Untersuchung des Ursprungs der Ada-Handschrift veranlasst sowohl 
Professor Menzel bei Behandlung ihres Schriftcharakters als Professor Janit- 
schek bei Wtirdigung ihrer ktinstlerischen Ausstattung zu einer Besprechung 
der Palastschule Karls des Grossen. Beide nehmen nicht nur an, eine 
solche Schule habe am Hofe des grossen Kaisers bestanden, sondern auch, sie 
sei ihm auf seinen Zttgen gefolgt und habe „in der spatcrn Regierungszeit 
Karls d. Gr. mit dem Hofe zugleich ihren dauernden Sitz in Aachen" gehabt 
(S. 4, 64, 72, 74). Alcuin redet in seinem 112. Brief (Jaffe, Bibl. rer. Germ., 
Mon. Alcuiua p. 458 sq.) von einem Magister Peter, welcher in Karls Palast 
Grammatik lehre, und stellt die Knaben jener Palastschule iiber diejenigen 
seiner Schule zu Tours. Durch anderweitige Nachrichten ist eine Sanger- 
schule der Aachener Palastkapelle bezeugt (Abel-Sinison, Jahrbiicher des 
frankischen Reiches unter Karl dem Grossen II, S. 555 f. und 278). Es haben 
demnach entweder zu Aachen zeitweilig zwei Schulen nebeneinander bestanden 
oder die Palastschule ist mit der Sangerschule vereint gewesen und folgte 
dann nicht den Wanderungen des Hofes. 

Die beiden genannten Gelehrten setzen auch voraus, dass an der Palast- 
schule kunsterfahrene Schreiber und Buchmaler wirkten, gehen aber weit 
auseinander in der Bestimmung, welchem Stil diese huldigten und was von 
ihren Kunstleistungen sich bis in unsere Zeit erhalten hat. K. Menzel meint 



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316 Kleinere Mittheilungen. 

(S. 5 und 9): „Die Hofschreiber bildetcn sich an altern Handschriften, die 
sie in Italicn kennen lcrnten oder von da mitbraehten und seitdem init 
findigeni Eifer in den Kirchou und Klostcrbibliothekcn des Frankenreiches 
aufsuchten." Als ihre Arbeiten sieht er die Ada-Handschrift an, dann das 
auf Befehl Karls geschriebene Evangelienbuch des Godescalc, sowie die 
Evangelienbiicher von Soissons und London (Harley Nr. 2788). „Nur am 
kaiserlichen Hofc konnte in jener Zeit den Handschriften die Pracht und 
Sorgfalt der kalligraphischen und malerischen Ausstattung zugewandt werden, 
nur dort warcn die Schrciber und Kiinstler vorhanden, welche sich im Auftrag 
des Kaisers oder anderer ibm nahcstehender vornehmer Personeu zu Leistungen 
so hohen Ranges verbandcn. u 

Janitschek weist dagegen die eben genannten Handschriften nebst einem 
Evangelienbuch von Abbeville und andern (S. 85) der Schule von Metz und 
zwar dem Kloster des h. Martin zu, ohne jedoch dafiir durchschlagende 
Griinde zu liefern. Aus der Palastschule sollen dagegen nach ihni hervor- 
gegangen sein: das zu den Kronungsinsignien gehorende, aus dem Aachener 
Miinster nach Wien entfiihrte Evangelienbuch, ein noch im Aachener Dom 
aufbewahrtes karolingisches Evangelienbuch und ein Evangelienbuch, das aus 
Xanten in die Briisseler Bibliothek kara. „In keiner Gruppe wird eine solche 
Lauterkeit antiker Formenempfindung anzutreffen sein, wie in der jetzt 
beschriebenen, auch in keiner mehr jenes reife Verstaudniss fur die mensch- 
liche Gestalt wie hier. Wenn irgend welchen Werken karolingischer Malerei 
gegcniiber das Wort von einer Renaissance antiker Kunst angewendet werden 
darf, so ist das hier der Fall. Darum liegt es auch nahe, ihren Ursprung 
in den Mittelpunkt der Renaissancebestrebungen des Hofes, in die Schola 
Palatina sclbst zu verlegen. Letztere hatte, wie erwahnt, in der spatern 
Regierungszeit Karls d. Gr. mit dem Hofe zugleich ihren dauernden Sitz in 
Aachen; dazu stimmt es nun, dass sammtliche drci Evangeliare auf den 
Niederrhein, das in Aachen und das in Wien unmittelbar auf Aachen selbst 
als Ursprungsort zurilckweisen." (S. 74.) 

Die Thatsache, dass „es damals in der Aachener Pfalz mehrere Bibliothek- 
beamte gegeben zu haben scheint" (Abel -Sim son a. a. 0. II, S. 556), und 
die testamentarische Verfiigung Karls liber „die von ihm gesammelte grosse 
Bibliothek", d. h. wohl iiber seine Privatbibliothek, neben der noch eine Hof- 
bibliothek bcstanden haben dtirfte (a. a. 0. II, S. 457), beweisen, dass das 
Biicli3rwe8en sicherlich zu Aachen in karolingischer Zeit bliihte. Benedikt 
von Aniane, welcher zu Comelimiinster „eine grosse Zahl Biieher gesammelt 
haben soil" (a. a. 0. II, S. 579), wird jedenfalls auch eine Schreibstube ein- 
gerichtet haben und mit der Aachener Schule in engere Beziehung zu setzen 
sein, wenigstens zur Zeit Ludwigs d. Fr. 

Bei Beurtheilung der Leistungen der Aachener Schreibkuhstler und ihres 
Verhaltnisses zur Palast- und Sangerschule siud die Diplome nicht ausser 
Acht zu lassen. Nach Sick el (Die Urkunden der Karolinger I, S. 101) stand 
das Personal der Kanzlei, wenigstens in soweit es aus Angehorigen des 



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Kleinere Mittheilungen. 317 

geistlichen Standes zusammengesetzt war, unter Aufsicht und Leitung des 
Hofkapellans. Die der Obhut des Kanzlers anvertrauten Urkunden wurden 
urspriinglich in der Kapelle aufbewahrt 1 . Wenn zwar andererseits der Hof- 
kapellan in die Geschafte der Kanzlei nicht unmittelbar eingriif, so muss 
doch zwischen dem unter ihm stehenden geistlichen Personal dicser Kanzlei 
und den ihm ebenfalls untergebenen geistlichen Lehrern der kaiserlichen 
Schulen em Verkehr und eine Wechselwirkung stattgefunden haben, welche 
ihren Einfluss auch auf die Schrift der Schule, der Biicher und Urkunden iiben 
musste. Die karolingische Buchschrift fand darum nach Sickel (a. a. 0. I, 
S. 303) „auch in koniglichen Schriftstucken bis zu einem gewissen Grade 
Eingang". „Von jeher war fiir die Datirungszeile eine minder gedrangte 
Schrift (in den Urkunden) zugelassen worden. Da ward denn von den 
jiingern Schreibern Ludwigs und namentlich von Hirminmaris geradezu die 
neue Minuskel angewandt." Man wird, ura zu sichern Ergebnissen zu kommen, 
die Schrift der von Menzel einerseits, von Janitschek andererseits der Aachener 
Hofschule zugewiesenen Evangelicnbiicher mit derjenigen der zu Aachen 
geschriebenen Urkunden zu vergleichen haben. Vielleicht iindet man so, 
trotz der versehiedenen Leistungen der theils aus Tours stammenden Kanzlei- 
beamten, neue Mittel und Wege zur Aufhellung der versehiedenen Ansichten. 

Die Verfasser des Textes der in Rede stehenden VI. Publikation der 
Gesellschaft fiir rheinischc Geschichtskunde haben ohne Zweifel weder Mlihe 
noch Arbeit gescheut und eine hervorragende Leistung vollendet. Dass nicht 
nach alien Seiten hin voile Klarheit und Sicherheit gewonnen ward, liegt 
in der Schwierigkeit der Sache selbst. Achtunddreissig vorztiglich aus- 
gefuhrte Tafeln begleiten und erlautern den Text. Tafel 18 bis 21 bringen 
Abbildungen aus dem dem Aachener Minister entfremdeten, jetzt in Wien 
ruhenden Evangelienbuch, Tafel 22 und 23 solche aus dem noch zu Aachen 
beiindlichen, etwas spater entstandenen, iiber das ich in der Zeitschrift fiir 
christliche Kunst 1888, Sp. 53 If. einige Mittheilungen gemacht habe. 

Exaeten. St. Beissel S. J. 



2. Die Wolfin des Aachener Ministers. 

Schon eine Aachener Urkunde vom J. 1424 thut des am Munstcr auf- 
gesteliten Erzbilds eines Wolfs Erwahnuug. Als Noppius 1632 seine „Aacher 
Chronick" verbffentlichte, stand dies Bild zur linken Seite des westlichen 
Eingangs zum Miinster auf einer gemauerten Saule. Der Chronist bemerkt, 
dass das Gusswerk richtiger als „Wolfin" zu deuten sei und dass die Thur, 
neben der es aufgestellt sei, mit den Namcn w Wolfsthtir tt bezeichnet werde. 
Zugleich verhalt cr sich ablehuend gegen die Deutung, wonach es eine Barin 
oder gar eine Lowin vorstellen soil, „ welche mit breiter Wunde in ihrcr 

l ) Ueber das Arclriv der Aachener Pfalz vgl. Bresslau, Handbuch der Urkunden- 
lehro T, S. 133 f.. iiber die Kanzlei seit Karl d. Gr. das. I, S. 277-300. 



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318 Kleinere Mittheilungen. 

Brust fiir ihre Jungen oder Barenbrut, die man ihr geraubt, im Tode noch 
zu kampfen" scheine, wodurch angedeutet werde, ebenso mtisse der Kaiser 
bis zum letzten Athemzug fur seine Unterthanen Sorge tragen. 

Spater wurde die Wolfin mit einem ebenfalls in Erz gegossenen Pinien- 
apfel auf einem auf dem Fischmarkt' angebrachten Springbrunnen aufgestellt. 
Aus dem Loch, das sich in ihrer Brust befindet, floss Wasser. Wurde dieses 
verschlossen, so quoll das Wasser aus den Oeffnungen hervor, welche sieli 
zwischen den Blattern des auf der Spitze des Brunnens stehenden Pinieii- 
apfels befanden. Die Franzosen entffihrten beide Erzwerke nacb Paris. Als 
sie von dort zuriickkamen, wurden sie vor der Westfacade des Miinsters 
aufgestellt. 

Man bat nun das Bild dieser Wolfin in neuerer Zeit auf verschiedene 
Art zu deuten versucht. Eine Erklarung 1 will es mit dem Pinienapfel ver- 
einen. Sie behauptet, in alter Zeit babe sich beim Munster, vielleicht im 
Vorhof, ein grosser Brunnen erhoben, auf 'dem vier Erzbilder die Paradieses- 
flusse versinnbildet hatten. Zwei dieser Figuren seien verloren, Wolfin und 
Pinienapfel aber seien gerettet. Diese Auslegung ist indessen ohne Zweifel 
unhaltbar. Fiinf Griinde sprecben dagegen. 

Erstens sind die vier Paradiesesflusse im Mittelalter zwar sehr haufig' 
dargestellt worden, nie aber unter den Bildern von Pinienapfel, Wolfin und 
dergleichen. Zweitens sind auf einer Seite der Inschrift des ehedem als 
Wasserquelle benutzten Pinienapfels zwei Paradiesesflusse genannt, die beiden 
ubrigen werden auf der zerstorten Flache der vierten Seite erwahnt worden 
sein. Ware der Apfel das Sinnbild eines der vier Paradiesesflusse, so miisste 
nur dieser eine in der Inschrift genannt, oder letztere wenigsteus ganz anders 
abgefasst sein. Drittens sind an den Ecken des Pinienapfels unten die vier 
Paradiesesflusse durch kleine Figuren schon symbolisirt. Viertens sind die 
beiden Gusswerke aus weit auseinanderliegenden Perioden, konnen also nicht 
als Theile einer einheitlichen Anlage entstanden sein, in der vier Fliisse dar- 
gestellt werden. Fiinftens endlich ist die Wolfin ein rb'misches^Gusswerk, 
muss also zur Sage tiber die Grundung Boms in Beziehung gesetzt werden, 
hat demnach mit den Paradiesesfliissen nichts gemein. 

In Aachen geht die Sage, der Baumeister des Miinsters habe dem 
Teufel das erste lebendige Wesen versprochen, welches in das vollendete 
Gebaude kommen wiirde. Der Teufel habe eine Menschenseele erwartet, aber 
einen Wolf erhalten. Daran solle das Erzbild der Wolfin erinnern. 

Grimm hat in seiner Mythologie unter dem Artikel „ Teufel" ahnliche 
Sagen zusammengestellt 2 . Sie mogen ganz hiibsch sein, haben aber jeden- 
falls mit dem aus der klassischen Kunstepoche stammenden Erzguss der 
Aachener Wolfin nichts zu thun. 

Sucht man nach einer archaologisch haltbaren Deutung, so ist vor Allein 
zu beach ten, dass Karl seinen Aachener Palast oder wenigstens einen Theil 

1 ) Aiinalen des hist. Vereins f. d. Niederrhein VIII, S. 230. 
*) Deutsche Mythologie, 3. Aufl. II, S. 948; vgl. I, S. XVI. 



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Kleinere Mittheilungen. 319 

davon „Lateran" nannte 1 , und zwar offenbar in Anlehnung an den latera- 
nensischen Palast zu Rom. Auch die centrale Anlage seiner Aachener 
Marienkirche wird von der Bauart des runden, der Gottesmutter geweihten 
Pantheon beeinflusst gewesen sein. In vielen Dingen ahmte er romische 
Einrichtungen nach. Nun befand sick an der Tiber im lattfranensischen 
Palast zur Zeit Ludwigs d. Fr. die Gerichtsstatte an einem Ort, welcher 
nach einer Wolfin, dem Erinnerungszeichen an die Amme des Romulus und 
Remus, a Lupa hiess 2 . 

Sollte es nun nicht wahrscheinlich sein, dass die beim Aachener Lateran 
aufgestellte Wolfin ebenso wie die beim Romischen Lateran stehende den 
Gerichtsplatz sinnbildete oder bezeichnete? Ein Grund, der eine solche 
Deutung empfiehlt, liegt in dem Umstand, dass viele alten Kirchthiiren mit 
den Bildern von Lowen verziert waren. Diese Lowenbilder wird man aber 
mit den im Mittelalter an den Kirchthiiren oder in den Vorhallen abgehaltenen 
gerichtlichen Verhandlungen in Beziehung zu setzen haben 3 . Hat man in 
spaterer Zeit den Gerichtsort bei der Kirche mit LOwenfiguren bezeichnet, 
weil diese der christlichen Symbolik naher standen als WOlfe oder Baren, 
so konnte man leicht in karolingischer Zeit, als die klassischen Erinnerungen 
besonders zu Rom noch so lebendig waren, den Gerichtsort mit einer Figur 
verzieren, welche an die Grtindung der Stadt und an ihren ersten Gesetz- 
geber und Richter erinnerte. Es ist wahr, dass schon Hartmann Maurus 
und P. a Beeck bemerkten, das Aachener Erzwerk stelle vielleicht keine 
Wolfin, sondern eine Barin dar. Man darf aber Angesichts des alten, durch 
Tradition feststehenden Namens wohl als sicher annehmen, dass es im frtthen 
Mittelalter, als man auf zoologische Unterschiede nicht viel achtete, als Wolfin 
angesehen und behandelt wurde. 

Ist die Aachener Wolfin als Analogon zur erwahnten Romischen und 
als. Gerichtszeichen zu deuten, so fragt es sich, wo sic in karolingischer Zeit 
aufgestellt gewesen sein mag. 

Wie H. Loersch 4 dargethan hat, befand sich die Aachener Gerichts- 
statte wahrend des Mittelalters w in der slidlichen Halfte des alten karolingischen 
Verbindungsbaus, anstossend einerseits an die Wohnungen der Stiftsgeistlich- 



*) Mon. Germ. LL. sect. II. Cap. reg. Franc. I, p. 344. Anno incarnationis domini 
nostri Jesu Christi DOCCXVII . . . cum in domo Aquisgrani palatii, quae Lateranis 
dicitur, abbates cum quam pluribus una suis residerent monacliis. SS. I, p. 303. Chro- 
nicon Moissiacense ad a. 798. (Karolus) fecit autem ibi (ad Aquis palatium) et pala- 
tium, quod nominavit Lateranis. 

2 ) Benedicti Chronicon c. 24. Der barbarische Text lautet: Romani etenim impo- 
suerunt ad imperatore Loduicus Pius, unde memoria eius permanet usque in eternum. 
Imperator Loduicus in tanta virtus in Italia estitit, tit sanguinium pontificis Romani a 
legibus non potuisset erueret. Abebat autem in palatio Lateranensis iudices pre- 
ordinati, per singulos dies, a locus ubi dicitur a Lupa, quod est mater Rbmanorum, 
ut populum Romani per districtum placitum a dux Spolitinus, Aciprandum nomine, 
discutiendum. Mon. Germ. SS. Ill, p. 712. 

3 ) Die sinnbildliclie Bedeutung des Lowen, Stimmen aus Maria-Laacli XXIV, 
S. 167. 

4 ) Picks Monatsschril't fiir die Gescliichte Westdeutschlands V, S. 559 f. 



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320 Kleinere Mitthcilungen. 

keit und andrerseits an die Stelle, wo in frtihern Zeiten das grosse mehr- 
fach erwahntc Eingangsthor den ganzen Gebaudecomplex in zwei Theile 
schied". In der Nahe liegt noch heute die Nikolaus- oder Kreuzkapelle, wo 
in al ten Zeiten die das Aachener Stift betreffenden Akte der Gerichtsbarkeit 
vollzogen wurden. 

Die Wolfin diirfte demnach wohl ehedem als Gerichtszeichen den Kaks- 
oder Katschhof zu Aachen geziert haben. Da der heute Chorusplatz genannte 
ehemalige Palasthof in Biilde in monumentaler Art ausgebaut werden soil, 
so wiirde es sieh lohnen, die hier vorgelegte Deutung der Wolfin naher zu 
untersuchen. Sollte sie sich als rich tig erweisen lassen, so wtirde der Wunsch 
wohl gerechtfertigt sein, das kostbare Denkmal auf dem „ Katschhof" auf- 
zustellen und so alte Erinnerungen wach zu rufen und lebendig zu erhalten 1 . 

Eraeten. St BeisseJ S. J. 



3. Zur Geschichte der Burgen und Rittergiiter in der 
Aachener Oegend. 

i. 

Wohl wenig Landstriche gibt es, die vormals so reich an Burgen und 
adligen Sitzen waren, wie Aachen und seine Umgebung. Man denke beispicls- 
weise, was den heutigen Stadtbezirk und dessen nachste Nahe angeht, an 
den Berenstein, an die Schervielsburg, an Siistern, Frankenberg, Se.hbnforst, 
Margraten, Kalkofen, in der weitern Umgebung an Bernsberg, Schonau, die 
Emmaburg, Wilhelmstein, Schwarzenburg, an die Burgen zu Stolberg, Kinz- 
weiler, Diirwiss, Eschweiier and Rothgen, an die Nothberger Burg, Palant, 
Bongarden, die Lauvenburg und an die zahlreichen Burgen der benachbarten 
Eifel. Bloss von einzelnen haben sich grbssere Reste erhalten, die Mehrzahl 
ist vbllig oder doch bis auf geringe Trummer untergegangen. Je mehr aber 
die aussern Spuren unsern Augen entschwinden, am so dringender tritt die 
Mahnung an die lokale Forschung heran, das Andenken an die ve\-gangene 
Herrlichkeit bei den Nachlebenden wachzuhalten. Ueber manche jener Burgen 
ist nur ausserst wenig bekannt. Bei den meisten gilt es, das zerstreut vor- 
handene Material zu sammeln. Von diesem Gesichtspunkt aus erfolgt in 
diesen Blattern die Veroffentlichung einer Reihe von urkundlichen Zeugnissen, 
die, sei es in Briefform oder anders, in den Sammlungen des Aachener Stadt- 

*) Ueber die Wolfin findet man Nachrichten bei Nop pins, Aacher Chroniek (1632) 
Th. I, S. 20; Hart man. Maurus, Pompa eeleberrima (Beschreibnng der Kronung 
Karls V.), Coloniae 1550; P. a Beeck, Aqiiiagraniim p. 45 sq.; Quix, Historische Be- 
schreibung der Mtinsterkircbe S. 24 nnd 148 ; Jansen, Gedicbte, Aachen 1815 ; S i m r o c k , 
Rbeinsagen, Bonn 1850, S. 132; Grimm, Deutsche Sagen I, S. 269; Bock, Karls des 
Grosson Pfahzkapelle S. If.; Jahrbucher des Voreins von Alterthumsfreunden im B.hein- 
lande XII, S. 108 nnd XXVII. S. 100 f.: Annalen des hist. Vereins f. d. Niederrhein VIII, 
& 230 und XIII, S. 276; in diesor Zeitschrift VIII, S. 46 und 58. Die meisten Handbttcher 
der Kunstgeschichte besprechen die Aachener Wolfin wenigstens kurz, ohno jedoch 
Neucs zu bringen. 



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Kleinerc Mittheilungen. 321 

archivs uns uberkomraen sind. Den Anfang machen zwei Briefe des 15: 
Jahrhunderts, welche an die Stadt Aachen gerichtet sind und die Schlosser 
zu Montjoie und Schonforst nebst der Herrlichkeit Stolberg betreffen. Die 
beigefiigten Kegesten geben liber den Inhalt weitlauiige Auskunft. 

Schreiber des einen Briefs ist der „Kolnische Rath und Marschall" 
Anton von Palant, ein Sohn zweiter Ehe des Johann von Palant, des „Stifters 
des Hauses Ruland", der in erster Ehe mit Barbara von Moircke, Tochter des 
Aachener Schoffen Reinhard von Moircke (f 1412) und der Sibylla von Punt, 
verheirathet war. Barbara hatte vorher, seit 1413 oder 1414, Johann von 
Petersheim, Herrn zu Stevensweert, zum Manne, der vor Sonntag nach Ostern 
1418 gestorben zu sein scheint. Am 26. Oktober 1419 und 2. Oktober 1422 
wird Barbara urkundlich als Frau des Johann von Palant erwahnt 1 . Ihr 
Todesjahr ist unbekannt, man vermuthet 2 , (lass sie am 3. Mai 1424 bereits 
verstorben war, als Johann von Palant „fiir sich und seine Erbeu" dem Sattler 
(sadelmecher) Heinrich von Haymboiche „seinen a Antheil an dem spater 
„zum Papagei" genannten Ha use in der Jakobstrasse zu Aachen verkaufte, 
der seiner Frau Barbara von Moircke von deren Tante Katharina von Dobach, 
Nonne in Burtscheid, durch Erbgang uberkommen war 8 . Johann verm&hlte 
sich zum zweiten Mai 4 mit Agnes von Pyrmont, die ihm drei Kinder: Anton, 
Gerhard und Margaretha gebar 6 und zwei Jahre nach seinem Tode — er fiel 
in der Schlacht bei Linnich .am 3. November 1444 — Wilhelm von Sombreff, 
Herrn zu Kerpen und Reckheim, Wittwer von Gertrud von Saffenberg, hei- 
rathete. Am 29. September 1446 erfolgte die Eheberedung 6 zwischen letzterm 
und Kuno von Pyrmont, dem Vater der Agnes, in wclcher beziiglich der 
Pfandschaft an dem Schloss zu Montjoie vereinbart wurde : „ Were auch sache 



J ) De Maasgouw, Jaarg. XII, p. 38 und 39. 

«; Der deutsche Herold, Jahrg. XV, S. 86. 

s ) Urkunde im Stadtarchiv zu Aachen. Vgl. Der deutsche Herold a. a. O., wo die 
Urkunde im Auszug, indess unkorrekt, abgedruckt ist. Auffallend hleibt immerhin, dass 
Johann von Palant seine Frau nicht als verstorben erwahnt. Das Hans zum Papagei 
ist jetzt Jakobstrasse Nr. 23 (Postamt). 1453 war es im Besitz des Johann Hoire, Schoffe 
zu JUlich, dessen Erben es 1462 an Mathias Bestoltz verkauften. Nach dem Tode des 
letztorn kam das Haus am 9. Milrz 1502 an seinen Sohn Peter Bestoltz, der es noch 
1523 im Besitz hatte. (Urkunden im Stadtarchiv zu Aachen.) In Peter Bestoltz, der 
im Anfang des 16. Jahrhunderts wiederholt die Stelle eines Biirgerbiirgermeisters in 
Aachen bekleidete (vgl. Bonner Jahrbucher LXVI, S. 132; Brewer, Vaterlandische 
Chronik I, S. 423), wiire auoh die bisher dem Namen nach unbekannte Personlichkeit 
im Haus zum Papagei gefunden, deren das Spottgedicht von 1513, Vers 92—96 (Loersch 
bei Haagen, Geschichte Achens II, S. 625) Erwahnung thut. Vgl. Loersch a. a. O. II. 
S. CUB, Nr. 5. 

4 ) Unrichtig: Geschichte der Herren, Freiherren und Graf en von Pallant S. 13 und 
Strange. Beitrllge znr Genealogie der adligen Geschlechter I, S. 9. 

ft ) Anton von Palant spricht freilich in seinem Brief wiederholt von „susteren u 
(dij wijle myn broider, susteren ind ich noch unmundighe kindere waeren), aber sollte 
hier nicht „susteren" in der Einzahl gebraucht sein? Bei der Erbtheilung der Gebrttder 
von Palant vom Jahre 1456 werden nur die drei oben genannten Kinder aufgefuhrt 
(Strange a. a. O. I, S. 68). Beim Tode ihres Vaters fiel die gesetzliche Vormundschaft 
an don Grossvater Werner II. von Palant, Herrn zu Breidenbend, der zwischen 1455 und 
1456 starb. 

«; Gudenus, Cod. dipl. II, p. 1297, no. 330. 

21 



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822 Kleinere Mittheilungen. 

dat soliche pantschafft, dat sloss Monjaue . . in unsir beider leven affgeloist 
worde, solche sieben dusent gulden Angnese . . (in pactis dotal, cum Palantio) 
verschriehen sint, . . . sollen unser beider frunde sementlich intfangen ind 
fort anhelegen, dor zu gehruchen, na lude der bilicbs verschryffonge. Forter 
so ist heredt, dat ich Wilhem van Sombreff ... die vorscbr. pantschafft dat 
slofi Montjauwe in kcynorley wyse nit besweren noch zu andren henden . . 
komeii sal lassen (praeterquain in pactis condictum). Ind ich Wilhem hid 
Angnese . . sollen . . init solichem sloB ind pantschafft Monjauwe . . der 
loesunge daran nyemants andirs gewarten noch gehorsam sin noch darzu 
komen lassen dan den hochgeboren fursten . . hern Geridt van Gots gnaden 
hertzoge zu dem Berge, zu Guylch ind grave zu Ravensberch etc. ind sin 
erven." Am namlichen Tage (29. September) fand die Eheberedung * zwischen 
Anton von Palant, dem Schreiber unseres Briefs, und der Tochter seines 
nachherigen Stiefvaters, Gertrud von Sombreff, statt. Beide waren damals zu 
ihren miindigen Tagen noch nicht gelangt und es wurde verabredet, dass 
bis zu diesem Zeitpunkt bezw. bis zum Abschluss der Ehe Wilhelm von 
Sombreff das Vermogen des Anton von Palant in Verwahr haben solle. Zu 
der Heirath scheint es aber nicht gckommen zu sein. da Gertrud von Som- 
breff 1473 (nach auderer Angabe schon 1460) Abtissin zu Thorn wurde und 
am 14. Marz 1486 starb, wahrend Anton von Palant mit Agnes von Neersen 
(f vor 1489), Tochter Heinrichs und der Jutta.von Hiils, verheirathet und 
1495 noch am Leben war 2 . In diesem Jahre iibertragt er niimlich mit Agnes 
(t 1524), seiner Tochter (urn 1502 mit Ambrosius von Virmond vermahlt), 
auf sechs Jahre die Vogtei zu Uerdingen und den bei Neersen liegenden 
Oemshof an Friedrich von Hills \ 

Der zweite hier mitgetheiltc Brief ist von Ritter Wilhelm von Nessel- 
rode, Herrn zu Stolberg, geschrieben; er ist nach einer im Mittelalter viel 
geiibten Unsitte nicht datirt, doch darf man, wenngleich der Vorname Wilhelm 
im 15. und 16. Jahrhundert mehrfach in der Familie von Nesselrode vertrcten 
ist, uubedenklich annehmen, dass hier des Ritters Heinrich Vlecke von Nessel- 
rode Sohn, Wilhelm von Nesselrode, gemeint ist, der seit 1447 als Herr zu 
Stolberg, frither noch als Amtmann zu Schonforst, Grcvenbroich und Randerath 
auftritt und 1471 verstorben war 4 . In einer Beschwerdeschrift, die er 1467 
„up maeudach nae sent Pauwels daige tt (6. Juli) liber den Vogt Gerhard von 
Haren, Schoffe zu Aachen, an den Magistrat dieser Stadt richtete 5 , nennt er 
sich nur „Wylhem van Nesselroide, ritter etc." Wilhelm war in erster 

»; Gudenus 1. c. II, p. 1299, no. 331. 

2 ) De Maasgouw, Jaarg. XII, p. 40, not. 1, wo die Red. der im Text ausgesprochenen. 
Ansiclit, dass die .Ehe zwischen Anton von Palant und Gertrud von Sombreff (lurch 
Scheidung aufgelost worden sei, mit triftigen Grllnden entgegentritt. 

3 ) Lentzen und Verres, Geschichte der Herrlichkeit Neersen und Anrath S. 274. 

4 ) Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins IX, S. ISO, Anm. 5; Strange a. a. 
O. VIII, S. 3; Haagen a. a. O. II, S. 39; Brosii, Annales II, p. 50. [Wie lange wird 
der Name des Verf. dieser Annales noch unrichtig Brosius geschrieben werden? Man 
vgl. hieruber doch die Dedicatio zu Tom. I, II und III.] 

5 ) Originalschreiben im Stadtarchiv zu Aachen. 



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Rleinere Mittheilungen. 323 

kinderloser Ehe mit Kunigunde von Merode, in zweiter Ehe mit Margaretha 
von Merode-Frankenberg vermahlt, mit welch letztercr er zwei Sohne und 
zwei Tochter hatte. Sein Sohn Heinrich heirathete 1471 in erster Ehe Agnes 
von Zievel, Frau zu Reinardstein. Aus dieser Ehe entstammte Adrian von 
Nesselrode, Herr zu Wylre, aus dessen zweiter Ehe mit Maria von Elderen 
Anna von Nesselrode, die spatere , Gattin des Hicronyinus von Efferen, Herrn 
zu Stolberg und Amtmcinns zu Wassenberg und Heinsbcrg, entspross. Der 
Vater des letztern, Vincenz von Efferen, wurde 1496 mit „Sehloss" und Herr- 
lichkeit Stolberg belehnt. Er war verheirathet mit Johanna von Merode zu 
Schlossberg (f 1532) und erhielt bei seinem 1518 erfolgten Tode im Kloster 
Schwarzenbroich die letzte Ruhestatte 1 . Die Geschichte der Herrschaft 
Stolberg, die sich bei der Abfassung des vorliegenden Briefs im Pfandbesitz 
des Ritters Wilhelm von Nesselrode befand, ist dunkel. Jedenfalls nahm sie 
ihren Anfang von dem Stolberger „ Schloss", das mit hoh em Wartthurm und 
eigener Kapelle auf steilem Felsen um 1 100, wie man annimmt, erbaut wurde 2 . 
Nach Professor Schneiders Vermuthung 3 stand hier in rOmischer Zeit eine 
Warte zum Schutze der am Fuss der Anhohe voruberziehenden Strasse. Die 
Sage macht das Schloss wie so inanche Burg der Aachener Gegend zu einem 
Jagdschloss Karls d. Gr. Der Schlosskapelle geschieht in der Ausgaberechnung 
der Stadt Aachen von 1349/50 Erwahnung 4 : „Item domine de Stoilberg datum 
in subsidium sue capelle 4 scutos novos, valent 9 marcas." Wer mit dieser 
„domina a , die in den Aachener Stadtrechnungen von 1338—1350 (tfters wieder- 
kehrt, gemeint ist, bleibt zu ermitteln. Ein Schlosskaplan Johannes (capellanus 
in Stoylburch) wird als Zeuge in zwei Urkunden des Jahres 1304 genannt 5 . 
Nach dem Aussterben der Herren von Stolberg (Stalburg), der ersten Besitzer 
des „Schlosses tf , hatte 1364 Johann von Reifferscheid, als Erbe der alten 
Dynasten, die kleine Herrschaft inne 6 . Schon vierzig Jahre friiher, am 18. 
Marz 1324, hatten Arnold von Randerath und dessen Frau Hedwig (sic nennt 
sich 1335 Hedwigis de Sthailburg) der Edelfrau Richardis von Reifferscheid 
auf Lebenszeit das Schloss iiberlassen 7 . Von einem spatern Kaufer oder Pfand- 
herrn, dem Bergischen Marschall Bertram von Gevertzhain genannt von 
LUtzcrode, erwarb Herzog Wilhelm von Julich-Berg am 24. Juni 1496 „dat 
sloss ind herlicheit van Stailberg" 8 und belehnte damit Vincenz von Efferen 
(s. oben). Seitdem blieb das Schloss Julichsches Offenhaus. Durch Heirath 

>) Strange a. a. O. VIII, S. 3 f.; Richardson, Geschichte der Familie Merode 
I, S. 67; Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins I, S. 271 und 275, II, S. 107. 

2 ) Quix, Geschichte der ehemaligen Reichs-Abtei Burtscheid S. 189 ff. Hiernach 
Kaltenbach, Der Regierungsbezirk Aachen S. 190 f. Stolberg bestand um 1500 nur 
aus 2 oder 3 Hilusern, um die Mitte des 16. Jahrhunderts war ihre Zalil auf 14—16 
angewachsen; vgl. Lncomblet, Archiv III, S. 342. 

s ) Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins VII, S. 174. 

4 ) Laurent, Aachener Stadtrechnungen aus dom XIV. Jahrhundert S. 203,34. 

•"') Quix, Geschichte der ehemaligen Reichs-Abtei Burtscheid S. 300 f. 

G ) Graf von Mir bach, Zur Territorialgeschichte des Herzogthums Jiilich I, S. 7. 

7 ) Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins I, S. 198. 

8 ) Lacomblet, Urkundenbnch IV, S. 583, Nr. 172. 

21* 



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324 Kleinere Mittheilungen. 

der „sch<5ncn a Odilia Maria von Efferen, einer Tochter des Hans Dietrich und 
der Gertrud von Mettcrnich zu Zievcl, mit dem Kolnischen Erbkaminerer 
Ferdinand Freiherrn von Frentz fiel Stolberg dieser Familie zu. Die Braut- 
werbung Ferdinands hat ein grosses Familiengemaldc des 17. Jahrhunderts 
auf dem Schloss Frenz bei Bergheiin zum Gegenstand, an das sich eine 
anmuthige Sage kniipft 1 . Spater gelangte Stolberg durch Heirath an die 
Familie Beissel von Gymnich zu Schmidtheim, dann an die Reichsgrafen von 
Kesselstatt, in deren Besitz sich das „Schloss u , das inzwischen langst zur 
Ruine geworden war, bis vor weuigen Jahrzehnten erhielt. 

1. Anton von Palant, Herr zu Reuland, an Biir germeister, Schoffen, 
Rath und Burgerschaft der Stadt Aachen: Es sei zu seiner Kenntniss gekommen, 
dass Junker Wilhelm ron Sombreff, Herr zu Kerpen und Reckheim, bei der Stadt 
fahche Anschuldigungen gegen ihn vorgebracht habe wegen des Verfahreus 
mit ihm in Betreff des Schlosses Montjoie. Sein Voter Johann von Palant sei 
am Hubertustag 1444 in dem Kriege Jiilichs mit Geldem gef alien; kurz vor 
seinem Tode habe dies em der Herzog von Julich fur 14100 Gulden Schloss und 
Land Montjoie verpfdndet, wovon die Ildlfte seiner Wittwe (Agnes von Pyrmont) 
zur Nutzniessung verbleiben solle. Sombreff habe darauf letztere geheirathet 
und nunmehr das ganze Schloss in Anspruch genommen, ohne ihm, Anton von 
Palant, und seinen Geschwistern den ihnen gehorigen Antheil zukommen zu 
lassen. Werner (II.) von Palant, Herr zu Breidenbend, habe wcihrend ihrer 
Minder jahrigkeit deswegen an Sombreff geschrieben und ihn ersucht, seinen 
Mundeln ihren Antheil auszufolgern. Darauf hdtten viele Verhandlungen, jedoch 
ohne Erfolg, stattgefunden, auch er selbst habe nach Werners Tode von Som- 
breff nichts erlangen konnen; zuletzt sei vor dem Herzog von Julich und seinen 
Rdthen ein Kompromiss zwischen ihnen geschlossen worden. Hiernach moge 
die Stadt die von Sombreff wider ihn erhobenen Anklagen beurtheilen. — (14)60, 
Dezember 20 (up synt Thomas avent des heilgen apostels). 

Uch den eirberen wysen herren burgermeistercn, scheffenen, raedt ind 
gemcynen burgeren der konninclieher stat Ache untbieden ich Toenys van 
Palant, herre zu Rulant, mynen willigen bereiden dienst ind wat ich altzijt 
liefs ind guetz vermach zuvor ind begeren uirre eirberheit zo wijssen, wie 
dat ich verstanden hain, dat joncker Wilhem van Sombreff, herre zo Kerpeu 
ind zu Reeken, uirre eirberheit geschreven have, in wilchen synen brieve he 
vast vyl onwairachtiger unwair wort ind punten over mich clagende luden leist, 
mich myn ere ind gelymp hoege antreffende, wie ovel, boislich ind verreitlich 
ich ind anderen mit em antreffende Monjaw umbgegangen sulde haven, des he, 
off Got wilt, nummer in der wairheit noch mit wairheit up mich noch over 
mich en sal kunnen bij gebrengen, dan as ir in vurtzijden zo goeder maissen 
wail verstanden hait ind hoeren sagen, so wie dat eyn tzijt leden ys, dat her 
Johan von Palant, myn vader selige, in den lande van Guylge in den strijde 

*) Mat hieux, Malerische Beschreibung der Eisonbahn zwischen Coin und Lutticli 
S. 14. 



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Kleinere Mittheilungen. 325 

tusschen mynen genedigen herren hertzogen zo Guylge ind zo den Bcrge etc. 
ind den Gelresscu etc. up sint Huprechtz dach was doit bleiff, da myn vader 
selige vurschreven Monjaw slos ind lant seir kurtz vur syme dode in pant- 
gewijse van myme genedigen herren hertzogen zo Guylge etc. in krcgen hadde 
vur veirtzicndusent ind "hundert Rijns gulden vur sich ind syne erven nae 
lude des pantbriefs myn vader vurschreven van myn gnedigen herren hertzogen 
vurschreven darup sprechende hait. So was myn moider nae lude der hijlichs- 
brieve tusschen mynen vader selighe ind yre gemaicht an seven dusent gulden 
des vurschreven geltz bewedompt, der zo gebruychen yre leven lanck nae 
lude der hijlichsbrieve vurschreven. So hait id sich nae dode myns vader 
vurschreven also gevoegt, dat der van Sombreff vurschreven myn moeder zo 
der heilger ee ind eyme wijve genomen hait ind sich doe van stont aen slos 
ind lant van Monjaw annomen ind vur voll ind mit eyn anderen guide ind 
rente mit alle syme zobehoere vur sich gehalden ind des zo syme nutz ind 
urber gebruycht, mir, mynen broider noch susteren van onsem deile neit 
gegeven. No der van Sombreff vurschreven myn moeder also genomen hadde 
ind sich slos ind lantz vurschreven mit eyn anderen annam, vorder dan die 
sevendusent gulden em van mynre moider yrs wedomps wegen geboirde ind 
dat unse aldae mit eyn anderen beheilte, so hait her Wernher, here zo 
Palant ind zo Breidenbendt, myn anchhere selighe, den van Sombreff vur- 
schreven darumb geschreven, dij wijle myn broider, susteren ind ich noch 
unmundighe kindere waeren ind he uns recht momber was nae lantrecht des 
lantz van Guylge, ind van em begert, uns zo unsen geboir zo komcn laissen 
ind em ouch des sijuen, as vijll em des van mynre moeder yrs wedomps 
wegen geboirde, zu verwijsen, zo bewijsen ind zo vernoegen, ind sint des 
umb der vurschreven sachen willen zo vast vijl dagen geweist ind ouch in 
etzliche compromisse gegangen an yere frunde, gestalt darover zo erkennen 
laissen, wes den van Sombreff vurschreven zo syme deyle van mynre moider 
wedomps wegen geboeren sulde ind ouch uns zo den unsen, dat der van 
Sombreff vurschreven vast hyn gelaicht hait ind van henden gestalt ind also 
uisser dem compromisse gegangen ind uns dat unse also mit gewalt ind 
wiederrecht vurunthalden, als sich in der wairheit erfynden sal. Ind als dan myn 
aenchhere, herWernher van Palant selighe, aflivich worden ind vervaren ys 
ind in hait der sachen vurschreven mit den van Sombreff vurschreven neit zo 
ende noch uBdrage konnen komen, ich in hains ouch geyn endtschaff van 
eme moegen krijgen ind id sich sus tusschen den vurschreven van Sombreff 
ind mynen acnchheren vur ind mich nae eyn Iange tzijt wail veirtzien jaire 
gedreven ind gehandelt hait, so dat mirs noit gedaen ind darzo braicht hait, 
van myns broider, susteren ind mynen wegen darnae zo gedencken, dat wir 
zo den unsen komen moichten, ind byn also ind umb sulcher gebreche willen 
vurschreven zu Monjaw upkomen, darvur des hoegeboeren vursten hertzoch 
zu Guylge ind zo den Berge etc. myns gnedigen herren reede ind frunde komcn 
sint ind haynt tusschen den van Sombreff vurschreven ind mir gedadingt, 
dat wir der sachen ind gebreche vurschreven in eyme compromisse gegangen 



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326 Kleinere Mittheilungen. 

ind des rcchten bleven sint aen etzlichen reed en ind frunden myns genedigen 
herren hertzogoti zo Guylghe ind zo den Berge etc. .vurschreven nae lude des 
coinpromisse daraff gemaicht, dat wir ouch beide parthijen vurschreven seir 
vestlichcn verschreven, geloift ind besiegelt haynt zo halden ind darwieder 
neit zo doen. Sullichs as vurschreven ys aengesien mach uir eirberheit wail 
mirken, wat sunderlingen noit mich darzo gedrongen hait as vurschreven ys 
zo doyn, dan so wes der van Sombreff vurschreven anders over mich schrijft 
oft" sait van verrederijen off anders myn ere ind gelyinp antreffende, dat 
denckt ind luycht he oevel ind boyslich over mich, as sich in der wairheit, 
off Got wilt, ervynden sal, ind wijl mich sulcher oveldait he over mich ind 
anderen schrijft ind sait, mit der gnaden ind hulpen Goitz eirberlich ind 
uprcchtich vcrantwerden, gelich inynre eren des noit ist ind mir zo geboirt, 
ind bidden uir eirberheit vurschreven darumb dienstlichen, diese sachen vur- 
schreven wail zo vers tain ind zo unthalden ind mich der oveldait zo unt- 
schulden, die der vurschreven van Sombreff over mich ind anderen schrijft, 
gelich sich, off Got wilt, in der wairheit ervynden sal, dat ich der unschuldich 
byn. Des wille ich altzijt willentlichen umb uch verdienen mit my me dienste 
ind vermoegen, dat kenne Got, der uir eirberheit gesparen wille starck ind 
gesont zu langen seilgen tzijden over mich gebiedende. Gegeven under myme 
siegel up synt Thomas avent des heilgen apostels, anno etc. lx°. 

Orig. Papier. Das unten aufgedriickte Siegel ist abgef alien. Wasserzeichen : 
Anker. 

2. Bitter Wilhelm von Nesselrode, Herr zu Stolberg, an Bur germeister, 
Schoffen und Bath der Stadt Aachen: Ihm sei von dem Ilerzog von Jiilich fur 
eine diesem und dessen Vorfahren geliehene Summe Geldes Schloss und Land 
Schonforst nebst der Vogtei Kornelimiinster als Pfand und die Herrlichkeit 
Stolberg zur Sicherung einer Erbrente ilbergeben worden mit der Bedingung, 
dass der Herzog das Kapital, ivenn es schriftlich gekundigt werde, binnen der 
vereinbarten Frist abtragen solle. Ferner sollten die etivaigen Anspruche der 
Herren von Heinsberg an genanntes Schloss, Land und Vogtei von dem Herzog 
beseitigt und er, Nesselrode, im Besitz von Stolberg geschutzt werden. Nun habe 
er schon vor 11 Jahren dem Herzog das Kapital gekiindigt, sich audi an die 
Herzogin y Bitterschaft und StMte des Jiilicher Landes gewandt, namentlich 
ivegen Beseitigung der vom Herrn von Blankenheim an die Pfandschaft und 
an Stolberg geltend gemachten Anspruche. Alles habe nichts gefruchtet, so dass 
er glaube, der Herzog milsse seine Zusagen und Brief e vergessen haben, wdhrend 
ihm selbst durch Instandsetzung und Beivachung der Platze gegeniiber den 
erhobenen Anspruchen grosser Schaden entstanden sei und noch fortwtihrend 
entstehe. Er bittet die Stadt, den Herzog und die Herzogin anzugehen, sie 
mochten ihm seine Briefe halten. Geschehe dies von letztern nicht, so sei er 
genothigt, andere Mapregeln zu ergreifen, wobei er von der Stadt ivunsche, 
dass sie seiner bisher vergeblich gemachten giitlichen Versuche, zu seinem Bechte 
zu gelangen, eingedenk sein moge. Er empfiehlt sich schliesslich nochmals der 
Fursprache der Stadt. — 0. D. (1U7—U71). 



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Kleiner e Mittheilungen. 327 

Myne fruntliche gruisse ind wat ich altzijt leiffs ind goitz vermach zo 
voeren. Eirsaeme ind eirbaere besondere lieve heren ind goede frunde. Uch 
gelieve goitlich zo verstain, so wie ich deme hoegeboeren durghluchtigen 
fursten ind heren hertzoegen zo Guilghe, zo deme Berge etc. ind greven zo 
Raevenssbergc, mynen gnedigen lieven heren, ind sijnre gnaeden vurvederen 
eyne somme van gelde goitlich gehantreekt ind geleint hain, darvur myr 
syne gnaede dat sloss inde lant van Schoenforst mit der vaeghdien van sint 
Cornells Munster in pantzgewiss inde die heirlicheit van Staelbcrge vur 
andere myne crffrente in slechtem wyssell zo mynen henden gestalt hait mit 
breven ind siegelen mir van der selven synre gnaeden daroever gegeven, yn 
wilghen breven under anderen punten geschreven steit, wanne dat ich off 
myn erven derre pantschaff vurschreven neit langer haeven noch behalden 
willen inde dat myme gnedigen heren vurschreven mit mynen offenen breve 
besiegelt verkundige, so solde mir myn gnedige here vurschreven myn gelt 
bynnen eynre benoemter tzijt widder doin geven; ouch so solde mir myn 
gnedige here alle rechte ansprache, die die heren van Heynssbergh an deme 
sloss, lande ind vaeghdien vurschreven meynten zo haeven off hedden, aff- 
stellen inde vort bij der heirlicheit van Staelberge behalden widder alremallich, 
nyemantz uissgescheiden. Haen ich myme gnedigen heren vurschreven die 
pantschaff vur 11 jaeren upgeschreven inde myns geltz doemit gesonnen, dat 
ich synre gnaeden ind synre gnaeden vuralderen an good en gereiden gelde 
geleint hain, as sich dat cleirlich ervynden sail, off des noit gcboerde, inde 
shit derre zijt duck ind zo vill tzijden mynen gnedigen heren ind mynre 
gnediger frauwen ind eirre gnaeden rijtterschaffen ind steeden des lantz van 
Guilghe darumb geschreven, muntlich ersoicht, angeroeffen ind gebeden, as 
un waell kundich is, off sijt hant willen unthalden, as ich hoffen; me dan 
zo eynre zijt dit versoeck gescheit ijs myr myn gelt van mynre pantschaff 
vurschreven zo geven ind sulghe sweirliche anspraiche, as myn gnedige here 
van Blanckenhem antreffende die selve pantschaff ind Staelberge an mich 
langkt, affzostellen, as sich dat nae ynhalde ind uisswysongen mynre breve 
ind siegell geboerde, dat mir allet neit geholfen hait, so dat mich bedunckt, 
dat myn gnedige here vurschreven synre gnaeden geloeffden, breve ind siegell 
vurschreven an mir mit eyn vergessen sij. Inde haen eyne lange zijt her 
Schoenforst ind Staelberge umb sulgher anspraichen wille vurschreven mit 
groesser trefiiicher ind sweirlicher kost ind hoeden bestalt ind gehoit ind 
noch daeghelichs stellen ind hoeden mois, so dat ich deshalven ind ouch want 
mir myn gelt neit hait kunnen werden as vurschreven, zo groessen verderff- 
lichen schaeden koemen bijn inde noch van dage zo daghe koemen, des ich 
in egeynre wys neit langer so beherden noch gelyden kan. Roeffen uch darumb 
an, so ich deinstlichste ind fruntlichste mach, dat ir dach mynen gnedigen 
heren ind ouch mynre gnediger frauwen, want ere gnaede nu die lant vcr- 
steit, as dat nae gelegenheit moeghlich ind geboerlich is, hye ynne vur mich 
bidden wylt, dat mich ere gnaede myn breve ind siegell halde inde disse 
gebrech vurschreven affstelle, as dat eirre gnaeden nae ynhalde derselver 



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328 Kleinere Mittheilungen. 

breve geburt; inde wao rair des van crre gnacden dan neit in geschcge, des 
ich uuimcrs neit in meynen, inde ich dan eit anders van noede doegen mit 
raede mynre frunde inde nae ynhalde mynre breve ind siegell herzo doin 
woerde, id weir mit claegen off anders, so wie sich dat machen woerde in 
eyncher wys, so wilt doch all saenien disse schrift ind ersoick indencklich 
halden inde daebij verstaen, wat noit mich darzo dwenge. Eyrsaeme lieve 
heren ind frunde, bidt vur mich mynen gnedigen heren ind mynre gnediger 
frauwen, dat ich mynen truwen deinst neit in verliese unde neit lantrumich 
in wcrde umb des mynen will inde wat ich uirre goitlicher bedeii hye ynne 
geneissen mach, begeren ich van uirre leyffden eyn goitliche beschreven ant- 
wert zo Schoenforst, darnae ich mich wisse zo rijchten. Inde doit hcrin, 
as ich dis ind alles goeden eyn sunderlinge getruwen zo uch hain. Dat kenne 
Got, dor uch all saemen zo langen froeligen zijden gespaeren will. Gegeven 
under myme siegell. Wylhem van Nesselroede, 

heren zo Staelberge, rijtter. 

Or iff. Papier. Das brief schliessende Siegel ist abgef alien. Adresse: Den 
eirsaemen ind wysen burgermeisteren, scheffen hid rait des koniglichen stoels 
der stat Ache, mynen besonderen goeden frunden. Dar fiber der Registratur- 
vermerk: Klaigeschrift hern Wilhems van Nesselroede, ritters, tgain mynen 
gnedigen herren hertzouch zo Guylghe, zo dem Berghe etc. Wasserzeichen : 
Anker. 

Aachen. It. Pick. 



4. Schutteltag? 

In Laurents Aachener Stadtrechnungen aus dem XIV. Jahrhundert 
kommt diese bisher nicht erklarte Bezeichuung eines Tages des 11. Monats 
vor, und zwar auf derselben Seite, wo auch das viel besprochenc Wort 
„helusen" mehrmals stent. Es werden dort S. 332 als Geschenke aufgefuhrt: 
Den scheffenen up schutteldach 2 (veirdel). Den werckmeisteren up schuttel- 
dach 2 ; femer (nachdem ohne diese Bezeichnung des Tages die Geschenke fur 
das stadtische und burgermeisterlichc Gesinde, sowie fur den Herrn von Grons- 
feld, seinen Bruder und seine Genossen angefuhrt worden) wieder: Up der 
loeven up schutteldach. Noch viermal in deinselben Monat wurden die 
Stadtdiencr beschenkt; auch die Schoffen um Kleinfastnacht und wieder mit 
den Werkmeistern um Grossfastnacht. Letztere war am 1. Sonntag der 
Fasten (altc Eastnacht); die erstgenannte ist wohl die sog. junge am heutigen 
Fastnachtdienstag oder die Herren-Fastnacht am Sonntag Quinquagesima, an 
welchem Sonntag auch die „schutzen a beschenkt wurden, nachdem sie vorher 
Geld fur die Pfeile erhielten. Daraus ist zunachst ersichtlich, dass man in 
damaliger Zeit schon ganz gehorig Fastnacht feierte. Da im Hollandischen 
die Schiitzen „Schutter" genannt werden, konnte man auf den Gedanken 
kommen, es sei ciner der Fastnachttage als Schiitzentag bezeichnct; aber 



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Kleinere Mittheilungen. 329 

eben die hicr gegebene Verschiedenhcit iin Ausdruck (schutzen und schuttel) 
gestattet dieser Vcrmuthung keinen Rauin: Oder war es der sonst wohl 
„Schurtag" genanntc Aschermittwoeh, an dem die Schottelen, d. h. die Schiisseln 
gescheucrt und von aller Fleischspeise gereinigt wurden? Auch dies nicht, da 
dieser Tag gewiss nicht Anlass zu vielfachen Geschenken hot 1 . Zu einer 
andern Erklarung fiihrt mich eine Stelle im Calendrier Beige par de Beinsberg- 
Duringsfeld I: Le mercredi de la semaine sainte s'appelle „schorsselen-, 
scbortelen- ou schortekloks-woensdag", mercredi qui suspend les cloches, e'est- 
a-dire la sonnerie des cloches du motflamand „schorsen, schorten", suspendre. 
Ce nom lui vient de ce que les cloches cessent de sonner le mercredi 
saint „t>our aller a Borne". Der Aachener Schutteltag fallt aber jedenfalls 
nicht in die Charwoche, sondern wahrscheinlich noch vor die Fastenzeit. Doch 
scheint die Ableitung vom hollandischen Worte „schutten u , d. i. vorschliessen, 
hemmen, verhindern, z. B. de gebode, die Aufgebote, beibehalten werden zu 
konnen. Soil nun der Schutteltag nicht derselbe Tag sein, der „ sun tag als 
man die meyde verbutet", wie es in einem Schriftstiick vom J. 1355 hcisst, 
oder „so man das alleluja leget und hochzeitverbeut", d. i. nach Brinckmeier 
der Sonntag Septuagesima als Anfang der „verbotenen Zeit a ? 1st doch der 
lateinische Ausdruck „ Alleluja clausum" mit Bezug auf den Sonntag Septua- 
gesima, nach welchem Gloria und Alleluja nicht mehr gehort werden durfen, 
dem w sehutten" = schliessen entsprechend 2 . 



1 ) Scliuttele, im jetzigen Aachener Piatt Schottele, hochdeutsch Schiisseln, werden 
in den Aachener Stadtrechnungen oft erwahnt: S. 280 schuttelen ind poete, S. 284 
schuttelen, plateille, S. 286 schuttelen ind troege, S. 405 schuttelen in Verbindung mit 
kercen, iseren scheten, wimpeln, hude, theils . bemalt, fUr den Sakramentstag (ahnlich 
S. 119), S. 410 schuttelen des Biirgermeisters. Letztere beide sind aber als Schilde aufzu- 
fassen, gleich den S. 241 erwfthnten pili, scultelli et kuechelen (?) ad candelas in die 
sacramenti, welche S. 296 als hude, schuttelen, moelen (bemalte Fahnen ?) fur denselben 
Tag wiederkehren, und vielleicht identisch mit den S. 408 vom Gesandten iiberbrachten 
scultellae sind. "Was mOgen die S. 298 erwahnten schuttelen gewesen sein, deren Binden 
bezahlt wird? Angebundene Wappenschilde? bemalte Schiisseln? (Bemalte Wimpel 
und Schilde im Feldlager werden S. 289.29 erwahnt.) Wiisste man von einem Jahrmarkt 
fiir Topfwaaren im 11. Monat zu Aachen, etwa wie der „glazemerct van den groten 
vastolavend" zu Briissel, dann kdnnte die Erklarung des Schutteltags beim Wortlaut 
stehen bleiben. [Von altern Leuten wird allerdings erzahlt, dass vormals an einem 
bestimmten Tage des Jahres, und nur an diesem Tage, auswartige Topfer berechtigt 
gewesen, mit ihren Waaren den hiesigen Markt zu beziehen. Ob aber diese Erzahlung 
richtig ist und ob jener Tag der Schutteltag war, ware noch festzustellen. Red.] 

2 ) Da das Wort „heluysen, heilussen u u. dgl. in der Rechnimg des 11. Monats 
mehrmals wiederkehrt und dem Laut nach nicht weit von „Halleluja u bleibt, war ich 
geneigt, diesen Ausdruck, den schon Laurent fur „begriissen u , dann Loersch (Zeit- 
schritt des Aach. Geschichtsveroins IV, S. 152 — 156) fiir „begliickwunschen u erklart, ftir 
ein letztmaliges haufiges Alloluja-Rufen zu nehmen. Es ware dann aber einfach eine 
laute Begriissung holier Personen. 

Damit ist aber die Sache nicht abgemacht. Ich mochte bei dieser Gelegenheit 
eine andere Erklarung dem Urtheil der Leser unterbreiten. Sie ist in den hier folgen- 
den Erorterungen gegeben, welche ich vor Jahren niederschrieb. — Im 9. Monat des J. 
1385 verbieten die Wachter das „helusen u , wie sie im 8. Monat die Lewerke (Steinbriiche) 
verboten hatten. Sollte man nun nicht glauben, es sei das Werfen mit Steiuen gemeint, 
wovon auch in diesem Jahro Rede ist? „Sie wurpen siich dae mit steynen, als man 
opter Lewerke n pliet zu doin (Stadtrechnungen S. 93). Es bekommen im 11. 



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330 Kleinere Mittheilungen. 

Rechnen wir einmal nach, ob Septuagesima im J. 1385/86, dem die 
Rechnung, worm der Schutteltag genannt wird, angehort, dem 11. Monat 
entspricht. In den alien Aachener Stadtrechnungen sind die Monate gezahlt, 
und zwar geht ihre Zahl, da jeder genau vier Wochen umfasst, bis 13, ja bis 14. 
Da in friihern Zeiten als Jahresanfang Ostersonntag oder der vorhergehende 
Sainstag gait, gab es Jahre, die mehr als 365 oder 366 Tage zahlten, welcher 
Ueberschuss dann als ein 13. Monat genommen werden konnte; dies war 
1385/86 der Fall, da 1385 Ostern am 2. April, 1386 am 22. April war. Aber es 
kommt aueh ein 13. Monat beim J. 1394/95 vor, obwohl Ton Ostern zu Ostern 
nur 357 Tage wareu. Es erklart sich diese kalendarische Absonderlichkeit 
eines 13. Monats in andcrer Weise, indem der Rechner 365 Tage = 52 
Wochen und 1 Tag in Monate von je 4 Wochen theilte, wobei ihm noch 
1 Tag fur eine 14. Abtheilung als Sammelposten verschiedener, nicht an 
andcre feste Termine gebundener Einnahmcn und Ausgaben zu Gebote stand. 
Den festen Jahresanfang bestimmte die Vereidigung der Burgenneister am 
25. Mai, dem St. Urbanstag. 

Warum gerade der 25. Mai zur Installirung des neuen Magistrats aus- 
ersehen war, ist nicht bekannt, ebenso wenig, wie wir wissen, warum zur Wahl 
oder Einfuhrung der neuen Obrigkeit in ge wissen S tad ten Belgiens (Aerschot 
1321, Ath, Briissel, Lowen 1267) der 24. Juni (Sonnenwende) oder wie zu 
Mons der 23. Juni, zu Liittich 1343 der 25. Juli, oder zu Dinant der 22. 
Januar, zu Antwerpen der 23. April bezw. 11. November bestimmt war. Es 
scheint, dass man vorztiglich solche Tage wahlte, in deneu die Sonne in 

Monat d. J. die Vicarioli eine Belohnung fur ihr „helusen" und im 12. Monat thun es 
nacheinander das stadtische Gesinde. die Kneclite, zwei Meister mit ihren Gesellen, 
endlich die Schoffen selbst und alle bekommen dafiir aus der stadtischen Kasse eine 
Geldbelohnung oder Weinspende. Es scheint also ein Spiel (lusus?) oder eine gym- 
nastische, wenn nicht kriegerische Uebung gewesen zu sein, an welcher Jung und Alt 
theilnehmen konnte — vielleicht das Werfen mit Blidensteinen. Man nndet auch ander- 
warts das Stein werfen als ein ritterliches Spiel erwahnt. (Nurnberg, Chron. ad a. 1485.) 
So gab es auch in Augsburg urns Jahr 1550 ein ahnliches Spiel unter ahnlichem 
Namen, welches Hurnaussen genannt wurde. Mit einem zugespitzten, einer Birne 
ahnlichen Spielwerkzeug wurde nach drei gleichen in einem Kreise liegenden geworfen. 
(Scheible, Die gute alte Zeit, 1847.) In den stadtischen Rechnungen begegnet man dem 
Wort auch in den Schreibweisen : heluysen, hei- oder heylusen. Von demselben Stamm 
(mit dem irischen aill, Stein verwandt?) kommt wohl S. 105 in der Rechnung des J. 1334/35 
das Wort helkule fur Steingrube : de lapidibus in helkule, erklart durch Lewerke, d. i. 
Ley-Werk von Ley, Schiefer, aber wohl nicht auf schieferiges Gestein beschrankt. Wurden 
vielleicht in den stadtischen Steingruben Wurfkugeln verfertigt, mit denen man zeit- 
weise Uebungen im Werfen anstellte? Freilich scheint die bessere Sorte der Bussen- 
und Blidensteine von Nideggen her gekommen zu sein; aber warum soil man nicht 
auch hierorts solche verfertigt haben? Es werden die „weychtere van der Lewerken" 
(Stadtrechnungen S. 302 und 304) erwahnt und eben diese Wachter scheinen das „helusen w 
verboten zu haben. 

In den alten Stadtrechnungen werden u. a. mehrere Steingruben erwahnt, deren 
Lage jetzt schwer zu bestimmen sein diirfte: ausser der fovea lapidea extra portam s. 
Adalberti, der jetzt verschwundenen „Steenkull", fovea supra montem (auf der Berg- 
strasse'?), fovea lapidea supra magnum montem, fovea in nemore, fovea lapidea supra 
Hosyg (Holzit bei Frankenberg oder Holset hinter VaelsV), fovea supra Meysenberg. 
Wo lag dieser Meysenberg? wo das an andern Stellen genannte Mayssen oderMoyssen? 
(Stadtrechnungen S. 358 und 367.) « 



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Kleinere Mittheilungeu. 331 

gewisse Himmelszeichen eingetreten war oder bald eintretcn sollte. Urbans- 
tag gait als Friihlingsanfang („Ver figit Urbanus"). 

Es beghmt also unsore ftechnung, gleich der des J. 1333/34 mit dein 
25. Mai; im J. 1385 war dies Donnerstag. Messen wir danach die vierwbchent- 
Hchen Monatc ab, so erhalten wir folgende Anfange; die nebenbemerkten 
Tage werden im betreffenden Monat erwahnt. 
3. Monat: 20. Juli — Hundstage. 

5. „ 15. Sept. — (Kreuzerhbhung, 14. Sept) 

6. „ 12. Okt. — Allerheiligen (St. Martinsabend und Martini mehrmals). 

7. „ 9. Nov. — St. Martin, Conceptio, St. Nikolaus. 

8. „ 7. Dez. ---- Neujahr, Dreikonige. 

9. „ 4. Jan. - - Karlsfest. 

10. „ 1. Febr. — Parificatio, Karls Oktav. (Fastnacbt S. 329 und 330.) 

11. , 1. Marz — Fastnacbtsonnt l 4.Marz, Verkiindigung Maria 25. Marz. 

12. „ 29. Marz - Ostern (22. April). 

13. „ 26. April — FreitagnachWalburgis 1. Mai, Servaz 13. Mai (Urban). 
Alles dies passt ziemlich in 'die Grenzen der Monate, wenn man kleine 

Versehen annimmt; nur wtirde Septuagesima (18. Februar) dem 10. Monat 
angehoren. Dies ware zwar kein vollwichtiger Grund, diesen Tag als 
„Schutteltag u zu verwerfen, da solche naehtr&gliche Eintragungcn in die 
Monatsrechnungen ofters vorkommen, z. B. S. 344 im 13. Monat: „Vrouwen 
zu vastovent gingen as munche, 2 (vergessen)". Immcrhin kann aber, da 
eine weitere Bestatigung fehlt, die obige Erklarung des Schutteltags als 
Schlusstag der ungebundenen Zeit nicht auf voile Sicherheit Anspruch machen, 
zumal auch andere Schlusstage nicht weit abstehen. Fast damit zusaminen- 
fallend im J. 1386 ist das Winterende, da man den 19. oder auch den 23. 
oder 24. Februar vielfach als Friihlingsanfang nahm und selbst als Anfang 
des Kalenderjahrs, wie Vincenz von Beauvais erwahnt. Besser sogar wiirde es 
zu unserer stadtischen Rechnung stimmen, wenn ein anderer Schlusstag des 
Winters um die Zeit der Friihjahrs-Tagnachtgleiche oder diese selbst (die 
tibrigens in demselben Monat als annunciatio genannt ist) als Schutteltag 
festzustellen ware. Dann waren Schuttel aber die scutulae, Stocke oder die 
scutella, kleine Schilde, wenn nicht die Schiisseln der Wage, als des Zeichens 
der Nachtgleiche ; als Turnierwaffen und Zeichen des Kampies zwischen Licht 
und Finsterniss, des behordium — spatlateinische Bezeichnung fur Kampf, 
von behoorden, frz. heurter, stossen — woher die flamische Bezeichnung des 
1. oder 2. Sonntags in der Fasten „behourdich-zontag a , bei welchem Kainpf- 
turnier dann an die Stelle der Stocke, Lanzen, Schilde die Fackeln, brandones, 
bordae, burae in den vielen Bezeichnungen des 1. Sonntags der Fasten traten 
als Sinnbilder des beim Aequinoctium das Uebergewicht erlangenden Lichts. 
Wohl anstatt eines Sonnenrads wird am 2. Sonntag der Fasten, dem 
Craecke-Sondag zu Brugge und zu Ypern eine mannhohe Bretzel pro- 
zessionsweise herumgefiihrt, die dem besten Schiitzen als Preis zufallt. Hat 
man vielleicht cinst auch zu Aachen Fackelsonutag oder den folgenden oder 



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332 Kleinere Mittheilungen. 

das Fruhjahrs-Aeguinoctium in ahnlicher Weise gefeiert? Oder war der S. 333,7 
crwahnte Wahltag vor Fastuacht auf Scite 327, hier gegen 2. Februar, 
Kampf- und Schutteltag? 

Aachen, B. M. Lersch. 



5. Zu dem Aufsatz „Albrecht Diirer in Aachen 1520". 

(Vgl. Bd. IX, S. 149.) 

Zu meiner Abhandlung „Albreeht Diirer in Aachen 1520" (Bd. IX, S. 
149, Anin. 4) sei nachgetragen, dass die Stelle aus Diirers Tagebuch (Leit- 
schuh S. 64): „Ich hab 7 sttiber mit heren Hans Ebner in spiegel verspielt" 
rich tiger so zu erklaren ist: Ich habe 7 Sttiber mit Herrn Hans Ebner im 
Wirthshaus zum Spiegel verspielt. Denn dass in Aachen ein Wirthshaus 
„Im Spiegel" bestanden hat, bestatigt das Tagebuch des Aachener Stadt- 
syndikus Melchior Klocker 1 von 1602 — 1608, mit dessen Veroffentlichung 
K. Wieth in der Zeitschrift „Aus Aachens Vorzeit" begonnen hat. Dort 
heisst es namlich Jahrg. Ill (1890), S. 39: Eodem der her Zourss, amptman 
zu Caster, alhie zu Ach gewesen, und haben folgenz ahm abendt ihm Spiegel 
ein guten drunck samen gethain. 

Kohi. A. Curtius. 



6. Zum Leben des Schulmanns Leonhard Schmitz. 

Am 28. Mai 1890 starb zu London im hohen Alter von 83 Jahren der 
friih nach England tibergesiedelte Gelehrte und Schulmann Dr. Leonhard 
Schmitz, ein geborener Eupener. The illustrated London News widmen in 
vol. XLVI, no. 2668 vom 7. Juni 1890 dem verdienstreichen Manne unter 
Beigabe seines Bildes folgenden Nachruf: 

„Ein hervorragender klassischer Philologe, Lehrer und Verfasser von 
gelehrten Abhandlungen, Dr. Leonhard Schmitz, eine Zeit lang Vorsteher des 
Spring Grove International College zu Isle worth, starb in diesen Tagen im 
Alter von 83 Jahren. Er wurde geboren zu Eupen bei Aachen ; in der Kind- 
heit verlor er seinen rechten Arm durch einen Unfall. Seine wissenschaft- 
liche Ausbildung erhielt er an der Universitat zu Bonn unter Niebuhrs 
Leitung, zu dessen eifrigsten und treuesten Schiilern er zahlte; ein Theil der 
Vorlcsungen Niebuhrs tiber Rbmische Geschichte wurde nach des letztern 
Tode von Dr. Schmitz 1844 herausgegeben. Der KSnig von Preussen verlieh 
ihm die goldene Medaille fur Literatur; Schmitz hatte sich jedoch in 
England niedergelassen, wo er die Gunst des Prinzgemahls und die Freund- 
schaft von Baron Bunsen, Bischof Thirlwall, Mr. Grote, Sir George Cornewell 



*) Ob der Name wirklich so in dem Original steht, ist uns unbekannt ; der Aachener 
Stadtsyndikus hiess aber nicht Melchior Klocker, sondern Michael Klocker. Red. 



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Kleinere Mittheilungen. 333 

Lewis und andern Gelebrten von fthnlichen Bestrebungen genoss. Er wurde 
Rektor der Hochschule (Gymnasium) von Edinburg 1 846 und verwaltete dieses 
Anit zwanzig Jahre lang. Besondern Unterricbt ertheilte er dem Prinzen von 
Wales,, dem Herzog von Edinburg und franzcteischen Orleans-Prinzen. Seine 
Hauptwerke sind Griechische und R9mische Geschicbte fur Studirende, Leit- 
fadeu der alten Geograpbie und eine Abbandlung iiber die Geschichte des 
Mittelalters. Er war der Begriinder und Herausgeber des ^Classical Museum" 
und ein Hauptmitarbeiter an Dr. William Smiths „Classical Dictionary" und 
der „ Encyclopaedia Britannica". Nachdem er sich 1874 von der Vorsteher- 
schaft des College zu Isleworth zuriickgezogen hatte, wurde er zum Exaini- 
nator fur die klassischen Sprachen an der Universitat zu London ernannt; 
in der letzten Zeit seines Lebens nothigte ihn Krankheit, seine Thiitigkeit 
cinzustellen." 

Der oben erwahnte Unfall, wodurch Dr. Schmitz seinen recbten Ann 
verlor, ereignete sich in der Fabrik von Kelleter hierselbst, wo Schmitz als 
jugendlicher Arbeiter beschaftigt war. Auf Veranlassung und auf Kosten 
des Besitzers der Fabrik wandte er sich dann dem Studium zu; so brachte 
ihn das grosse Ungluck der korperlichen Verstummelung in die Laufbabn, 
in der er Hervorragendes zu leisten berufen war. 

Aachen. F. Oppenhoff. 



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Literatur. 



Die Karmelitenkloster der Niederdeutschen Provinz. 13. bis 
16. Jahrhundert. Grossentheils nach ungedruckten Quellen bearbeitet von 
Heinrich Hubert Koch, Divisionspfarrer der 21. Division in Frankfurt a. M. 
Freiburg im Breisgau, Herdersche Verlagshandlung. 1889. X.VI und 208 S. gr. 8°. 

Urn die Mitte des JL3. Jahrhunderts begannen die Karmeliten, iiber deren 
hervorragende Verdienste um die Seelsorge und das Unterrichtswesen bisher 
nur eine ziemlich durftige Literatur bestand, in den rheinischen Gegenden 
ihre segcnsreiche Wirksamkeit zu entfalten. Die Bluthezeit des Ordens in 
den Rheinlanden fallt in das 14. und 15. Jahrhundert, spater wurde ihra die 
Kirchenspaltung vielfach verhangnissvoll. Bis etwa zum J. 1318 bildete ganz 
Deutschland rait Belgien und den Niederlanden eine Ordensprovinz, dann 
entstanden aus dem grossen Bezirk mehrere Provinzen, von denen die nieder- 
deutschc die rheinischen und einige benachbarte Kloster, sowie die Kloster 
in den Niederlanden und dem bstlichen Belgien umfasste. Zur Zeit der 
Sakularisation im J. 1802 befand sich das Ordensarchiv der niederdeutschen 
Provinz in den Handen des Karmeliten-Provinzials zu Frankfurt a. M., aus 
dessen Besitz es nachher an die Stadt Frankfurt kam. Hauptsachlich auf 
dieses Archiv stiitzen sich die Angaben des Kochschen Werks. 

Auf das Vorwort, die namhaft gemachten archivalischen und literarischen 
Quellen und eine kurze Einleitung folgen in fiinf Abschnitten eine Abhand- 
lung (S. 5—24) iiber den Karmelitcnorden im Allgemeineu, eine kurze Ge- 
schichte der deutschen Kloster der niederdeutschen Provinz (S. 25—74), die 
Geschichte des Diirener Karmelitenklosters (S. 76—112), Auszttge aus den 
Akten und Protokollen des Provinzialarchivs (S. 113—128) und schliesslich 
ungemein viele Namen von Ordenspersonen, Todtenregister u. dergl. (S. 
129—163) aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Der Anhang, an den sich 
einige Schlussbemerkungen und ein zweifaches Register reihen, bringt den 
Wortlaut von 51 bis jetzt grosstentheils ungedruckten Urkundcn aus der Zeit 
von 1256—1467 und zweier Urkunden von 1509 und 1630. 

Das Gebiet des Aachener Geschichtsvereins ist im 2. und 3. Abschnitt 
durch die Namen Aachen, Diiren und etwa noch Geldern und Moers vertreten. 



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Literatur. 335 

Zur Geschichte der Kloster in Geldern und Moers * liegen nur sparliche An- 
gaben vor, fur Aachen und Diiren dagegen fliessen die Quellen sehr reichlich. 
Unzweifelhaft gehort unter den tiber deutsche Kannelitenkloster erschienenen 
Monographien die von Quix iiber die Aachener Niederlassung herausgegebene 
Schrift zu den besten. Koch, dem die einschlagigen Urkunden vorlagen, 
beatatigt die Richtigkeit der Quixschen Angaben und bezeichnet nur die bei 
Quix, Karmelitenkloster S. 6 fur Aachen verzeichnete Rangnummer 10 als 
irrig. Weit iiberholt, sowohl in Bezug auf Vollstandigkeit wie auf Gediegen- 
heit des Inhalts, wird Quix durch die hier im 3. Abschuitt gebotene Geschichte 
des Durener Karmelitenklosters. Wie ausserordentlich reichhaltig das Material 
ist, geht schou daraus hervor, dass nicht weniger als 100 Urkunden theils 
vollstandig, theils dem Hauptiuhalt nach wiedergegeben werden. Fiir die 
altere Geschichte der Stadt sind diese Urkunden um so wichtiger und werth- 
voller, als sie ungefahr sammtlich aus der Zeit vor der den stadtischen Archiven 
so verhangnissvollen Zerstorung Dttrens (1543) durch Karl V. stammen. Allein 
die enggedruckten Namen der Richter und Schoifen von 1317—1536 fallen 
etwa anderthalbe Seite. Den weitaus grossern Theil dieser Namen sucht man 
in den anderweitig ttber Dttren erschienenen Schriften vergeblich. Eine wort- 
liche Veroffentlichung sammtlicher Durener Urkunden ware gewiss sehr 
crwiinscht. Da Herr Pfarrer Koch die Urkunden alle gelesen und vielleicht 
auch abgeschrieben hat, so bedarf es wohl nur einer Anregung von zustan- 
diger Seite, um ihn zur Drucklegung jener Urkunden in einer besondern 
Schrift zu veranlassen. 

Unter den benutzten Druckwerken fehlt Bonns ziemlich seltcn gewordc- 
nes Schriftchen: Marcodurum religiosum. In einzelnen unwesentlichcn Punkten 
weicht Bonn von Koch ab, hat indess anschcinend nach minder zuverlassigen 
Quellen gearbeitet. 

Oppendorf (S. 83), was mit cinem Fragezeichen bcgleitct wird, ist jeden- 
falls der Hof Obbendorf in der Biirgermeisterei Hambach bei Jiilich, zu dem 
einst die Familien von Schellard und von Hammerstein in nahen Beziehungen 
stand en. 

Der 4. Abschnitt ist allzu knapp. Leicht hattc der zu einer etwas 
ausfiihrlichern Abhandlung nothige Raum ohne jede Vergrosserung des Umfangs 
des Buchs gewonnen werden konnen, wenn bei den Namensverzeichnissen 
(S. 129 — 164) nicht jedem Namen eine neue Zeile eingeraumt worden ware. 
Sogenannte durchgehende Zeilen, wobci ausserdem Wiederholungen desselbcn 
Vornamens durch nur einen Buchstaben angedeutet werden konnten, durfteu 
hier, des guten Doppelregisters wegen, unbedenklich gewahlt werden und 
hatten eine betrachtliche Raumersparniss zur Folgc gehabt. Uebrigens ist 
in den fast zahllosen Personalnotizen und Todtenregistern so ziemlich jeder 



1 ) Die Niederlassung in Geldern entstand im J. 1306 und tiberdauerte die Sturme 
der Kirchenspaltung, wahrend in Moers das erst um 1442 gegrimdete Karmelitenkloster 
schon im zweiten Jalirzehnt des 17. Jahrhunderts einging. I T eber die Kltister der Karme- 
literinnen in Geldern und Neukirchen ist Naheres nicht bekannt. 



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336 Literatur. 

bedeutendere rheinische Ort vertreten, was fur den Werth des Ganzen schwer 
in die Wagschale fallt. 

Dass bei den dem Wortlaut nach gebrachten Urkunden des 13. bezw. 
14. Jahrhunderts (S. 165 if.) die zuwcilen nbthige Reduktion der Jahreszahl 
unterblieben ist, darf nicht zu streng beurtheilt werden. Die einzelnen 
Urkunden sind namlieh in sehr verschiedenen Landern und Bisthiiniern aus- 
gestellt; es kann daher der Spezialforschung fiir den Einzelfall die Arbeit 
der Reduktion ttberlassen bleiben, 

Sicherlich gebiihrt dem Herausgeber fur seinen recht werthvollen Bei- 
trag zur altera rheinischen Provinzial- und Klostergeschichte der Dank der 
Geschichtsfreunde. Moge sein fleissiges Werk zu vielen ahnlichen Verbffent- 
lichungen in weiten Kreisen anrogen. Je mehr derartige deutsebe Kloster- 
biicher aus berufener Feder erscheinen, um so helleres Licht wird sicb iiber 
die Geschichte jener Zeiten verbreiten, in denen lange vor der Erfindung der 
Buchdruekerkunst Deutschlands Kloster ihre bohe Kulturaufgabe der Ftfrderung 
von Religion, Kunst und Wissenschaft in glanzender Weise gelost haben. 

Bedbnrg. E. Pauls. 



Memoirc historique sur le eulte ecclSsiastique du bienheu- 
reux empereur Charlemagne depuis les temps les plus recules jusqu'a 
nos jours par l'abbe* J. M. Curie que, cure* de Haute-Kontz. Metz 1888, II, 
60 u. II S. gr. 8°. (Extrait des Memoires de l'Acad6mie de Metz, 1885—1886.) 

Der Verf. wttnscht mit Gueranger und Dupanloup die Verehrung Karls 
des Grossen auf die ganze Kirehe ausgedebnt zu seheii und stellt zur Be- 
griinduiig seines Wunsches die Nacbrichten zusammen, welcbe von dicser 
Verehrung Kunde geben. Von Interesse ist der Hinweis darauf, dass die 
Jungfrau von Orleans Karl stets als Heiligen bezeiebnete, dass in den Diozesen 
von Paris, Reims und Rouen die kirchliche Verehrung des Kaisers sich bis 
in die neuere Zeit erbalten hat. Zu Metz feierte die Abtei von St. Arnould 
sein Fest am 28. Januar, wahrend am gleichen Tage im Dom, wo freilich 
an hohen Festen die in neuerer Zeit oft besprochene Reiterstatuette offent- 
lich ausgestellt war, ein Trauergottesdienst fiir ihn abgehalten wurde. Der 
Verf. erklart diesen seltsaracn Zwiespalt dadurch, dass der zur Zeit der 
Beatifikation regierende Bischof Dietrich einer der heftigsten Gegner des 
Gegenpapstes Paschal gewesen ist und deshalb von der Einfiihrung des Kultus 
in seine bischofliche Kirehe abgesehen hat. Die neuere deutsche Literatur 
iiber Karls Leben und Bestattung ist nicht benutzt, kritiklos verbindet der 
Verf. die Nacbrichten Einhards und Ademars liber die letztere. 

Bonn. H. Loersch. 



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Aus Zeitschriffcen. 

1. Neues Archiv der Gesellschaft fur altere deutsche Geschichtskunde, 
Bd. XIII (1887), S. 217—222: F. Lieberraann, Zur Geschichte Friedrichs II. 
und Richards von Cornwall, theilt aus einer Handschrift (um 1265) der 
Bodleyschen Bibliotbek zu Oxford den am 18. Mai 1257 von Aachen aus an 
seinen Stiefsohn erster Ehe Richard von Clare, Grafen von Hertford und 
Gloucester, geschriebenen Brief Konig Richards iiber seine Reise nach Aachen, 
Einholung und Kronung daselbst u. s. w. mit. — S. 591—602: F. W. E. Roth, 
Mittheilungen aus Darinstadter Handschriften, bcrichtet u. A. iiber drei auf 
Burtscheid bezuglichc Handschriften: einen Folioband des 15. Jahrhunderts 
aus dem Chorherrenstift von Niederwerth mit der vita des h. Gregorius, des 
ersten Abts von Burtscheid, und Nachrichten iiber die Stiftung der Abtei, 
ein Antiphonar aus Burtscheid mit Abschrift eines Briefs o. D. (Hand des 
13. Jahrhunderts), worin „W. divina miseracione Mutinensis episcopus", als er 
„in partibus Aquisgrani quibusdam exigentibus causis" sich aufhielt, „litteras 
domini 0. sancti Nicolai in cacere (!) Tulliano diaconi cardinalis apostolice 
sedis legati" empfing, „quod consecrantes altare sancti Benedicti in monasterio 
de Porceto Cysterciensis ordinis" etc. 40 Tage Ablass verlieh, und ein Mar- 
ty rologium des 13. Jahrhunderts mit Eintragungen fiber Todestage der 
Abtissinnen von Burtscheid. Nach einer Eiutragung zum 15. Kal. Octobris 
bestand zwischen Burtscheid, Molismes, Cluny, der Karthaus, Montecassino 
Gebetsgemeinschaft. Eine Kolner Handschrift des 13./14. Jahrhunderts ent- 
halt von einer Hand des 14. Jahrhunderts die Eintragung: m°. cc. lxxvii 
occisus est comes Iuliacensis Aquis. — S. 603—622: A. Schmidt, Mit- 
theilungen aus Darmstadter Handschriften, weist in dem Auniversarienver- 
zeichniss eines wahrscheinlich aus dem Mariengradenstift zu Koln stammenden 
Evangeliars aus dem Ende des 11. oder Anfang des 12. Jahrhunderts den 
Grafen Bruno von Hengebach und seine Gattin Mechthild nach. — Bd. XIV, 
S. 623: H. Bresslau, Ein Brief des Erzbischofs Anno von Koln. (Der 
Erzbischof fordert eine Abordnung der Monche der Abtei Malmedy auf, am 
8. September 1065 nach Koln zu kommen.) — Bd. XVI, S. 223, Nr. 91 : 
Anzeige von P. Clemen, Die Portr&tdarstellungen Karls des Grossen. (Sonder- 
abdruck aus Bd. XI und XII der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins.) 
Ob die S. 24 von Clemen erwahnten angeblichen Bleibullen Karls d. Gr. 
diesem wirklich angehb'ren, wird als durchaus zweifelhaft bezeichnet, da 

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338 Aus Zeitschriften. 

bekanntlich der Branch der Bullirung von Urkunden erst fiir die Zeit 
Karls des Kahlen, Karls III. und Ludwigs II. nachgewiesen werden konne. 

2. Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins, Bd. XXIII (1887), 
S. 1 — 29: W. Crecelius, Urkundliche Beitrage zur Krankheitsgeschichte 
der Herzoge Wilhelm und Johann Wilhelm von Jtilich, Cleve und Berg. — 
S. 50—155: W. Crecelius, Der Geldrische Erbfolgestreit zwischen Kaiser 
Karl V. und Herzog Wilhelm von Jtilich, Berg und Cleve (1538—1543), mit 
Beilagen. — S. 166—177: W. Crecelius, Letzte Tage und Begrabniss des 
Erbherzogs Karl Friedrich von Jiilich, Berg und Cleve in Rom. — S. 186-194: 
W. Crecelius, Die Kinder des Herzogs Wilhelm von Jiilich, Cleve und Berg. 
— S. 195—202: G. von Below, Zur Geschichte der Stadte in Jiilich und 
Berg. Von den hier meist nach Kopien im Diisseldorfer Staatsarchiv mit- 
getheilten sechs „bisher ungedruckten stadtischen Urkunden" betrifft cine 
bereits bei Aschenbroich, Geschichte des Schlosses und der Stadt Nideggen 
S. 181 f. nach dem Original verbffentlichte vom 25. Dezember 1313 die Stadt 
Nideggen (Privileg des Grafen Gerhard von Jiilich fiir diese Stadt), eine 
andere vom 26. Juni 1490 die Stadt Jiilich (erhalt die Accise in mehrern 
Dorfern der Umgegend), eine dritte endlich vom 8. April 1492 die Stadt 
Bergheim (Gesuch des dortigen Baths um Gewahrung der Accise in den 
Dorfern des Amts Bergheim). — S. 222: G. Forst, Lied auf den Tod des 
Grafen Wilhelm von Blankenheim bei Wichterich 1468. — S. 260: Aus dem 
Trauungsritual der Herzoge von Jiilich-Berg, Ende des 15. Jahrhunderts. — 
Bd. XXIV (1888), S. 39—55: G. von Below, (Zwei) Aktenstiicke iiber die 
Steuer im Herzogthum Jiilich vom Jahre 1447. — S. 56: Wetterglocke auf 
dem Hause Reinartstein (unse husonge upme Reynart) in der Eifel, 1515. — 
S. 94: Kammergeld fiir die Herzogin Antoinette von Lothringen (zweite 
Gemahlin des Herzogs Johann Wilhelm von Jiilich, Cleve und Berg), 27. 
August 1601. 

3. Annalen des historischen Vereins fiir den Niederrhein, Heft XL VIII 
(1889), S. 181—182: J. Hansen, Anzeige von F. J. Kelleter, Die Landfriedcns- 
biinde zwischen Maas und Rhein im 14. Jahrhundert. Vgl. unten S. 340, Nr. 11. 

4. Monatsblatt der Kais. Kim. Heraldischen Gesellschaft „Adler tt , Bd. 
II (1889), Nr. 37, S. 164—167: J. Th. de Raadt, Einige Ausziige aus den 
Lehnsbiichern des Herzogthums Brabant, darunter Belehnung des Johann 
Wilhelm Alfons Freiherrn von Palant mit „dcn huyse ende casteele van 
Bredenbeempt" (Breidenbend bei Linnich), „gelegen in den lando van Gulich 
op de Roere met XXI morgen beemps by de hoeve te Kunckel gelegen" nach 
dem Tode seines Vaters Ferdinand von Palant, d. d. 27. Juni 1675; Belehnung 
der Briider Wilhelm Friedrich und Franz Theodor Freiherren von Beissel, 
Herren von „Suntheim" (jedenfalls verlesen statt Smitheim), mit der Herr- 
schaft Alsdorf (het buys van Alstoif als thertogen open huys metten dorpe 
ende gerechten, bosschen, beempden, broecken, kuermonde, cappuynen, coren- 
gelde, erffcheinsen (!), accysen, pennincxgelt, panhuyse, molen, mangelt, tollen, 



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U 



Aus Zeitschriften. 839 

kercken ende altaer giften oft collatie) nach dera Tode ihres Grossvaters 
Wilhelin Freiherrn von Harff, d. d. 23. Mai 1680. — Nr. 47, 48 mid 
49, S. 214—217, 223 f. und 238 f.: J. Th. de Raadt, Regesten aus den 
brabantischen Lehnsregi stern im konigl. Allgemeinen Staatsarchiv zu Brussel, 
darunter mehrere auf die Familie von Vlatten und von Harff beziiglicke, die 
tibrigeu betreffen fast alle die Familie von Merode. 

5. Mittheilungen des Vereins fiir Liibeckische Geschichte und Alter- 
thumskunde, Heft III (1888), Nr. 11, S. 188—192: W. Brehmer, Statius 
von Diiren (stammt vom Niederrhein und betrieb urn 1550—1566 mit dem 
Topfer Gerhard Rutcr von Ltibeck eine Steinbrennerei, in welchcr im Auftrag 
des Herzogs Johann Albrecht von Mecklenburg die thonernen Verzierungen 
fiir die Schlossbauten zu Wismar, Schwerin und Gadebusch modellirt und 
hergestellt warden. Der Beiname „von Diiren" wird hier im Gegensatz zu 
Lisch, Jahrbticher des Vereins ftir mecklenburgische Geschichte und Alter- 
thiimer V, der darin den Heimathsort des Meisters erblickte, fiir dessen 
Nachnamen (Familienuamen) erklart. Das Todesjahr des Statius ist unbekannt. 
|Ein Johannes Statius, der sich als „Belga u bezeichnet, lebte 1580—1590 als 
Kupferstecher in Rom; vgl. Herquet, Die Renaissancedecke im Schloss 
zu Jever S. 53. Der Kiinstler der Decke zu Jever hat nur ein Monogramm 
E. S. hinterlassen, was Herquet auf einen Everdt Statius deutet, der zwischen 
1590 und 1610 in einem dortigen Taufbuch als Meister und „Zimmermann u 
vorkommt. Vgl. auch diese Zeitschrift VIII, S. 317, Nr. 11.] 

6. Hettner und Lamprecht, Korrespondenzblatt der Westdeutschen 
Zeitschrift fiir Geschichte und Kunst, Jahrg. IX (1890), Nr. 7, Sp. 152—154: 
Hr., Besprechung von G. Wolfram, Die Reiterstatuette Karls d. Gr. aus dor 
Kathedrale zu Metz. Uebersehen ist hier, was schon R. Pick in einem 
Vortrag liber die Statuette in der Monatsversammlung des Aach. Geschichts- 
vereins vom 21. Mai 1890 hervorhob, dass das Datum der Kapitels-Protokolle 
„die Martis septima decima ipsius mensis Novembris" (Wolfram S. 22) fiir das 
Jahr 1507 unmSglich ist. [Fiir die Provenienz der Statuette aus karolingischer 
Zeit haben sich jiingst auch A. Springer undH. Janitschek ausgesprochen.] 

7. Zeitschrift fiir vaterlandische Geschichte und Alterthumskunde West- 
falens, Bd. XL VII, S. 33— 48: Sauerland, Ausziige aus dem liber annalium 
et annotationum conventus fratrum capucinorum Paderbornensium ab anno 1612. 
„A. 1794. In Augusto ad nos confugerunt cum ecclesiae pretiosis et reliquiis 
sanctorum et insignibus imperii reverendissimus decanus Aquensis cum aliquot 
canonicis et suo syndico." (Bd. XL, S. 150 derselben Zeitschrift: Ahlemeyer, 
Bericht iiber die KrSnungs-Insignien der deutschen Kaiser im Kapuziner- 
kloster zu Paderborn.) — Vgl. Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins XI, 
S. 160 ff. 

8. Stimmen aus Maria-Laach, Jahrg. 1889, Bd. II, S. 326: Die Verluste 
der Rheinprovinz wahrend der franzosischen Revolution (Mittheilungen aus 
einer 1796 von Aachen nach Paris gesandten Denkschrift, worin ausgerechnet 

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340 Aus Zeitschriften. 

ist, wieviel die Gegcnden zwischen Maas und Rliein wahrend zehn Monaten 
fiir die Armeen der Republik zu zahlen hatten; es ergibt sich die enorme 
Summe von 206 Millionen Mark). 

9. Brieger, Zeitschrift fiir Kirchengeschichte, Bd. XI, S. 158—161: 
G. v. Below, Zwei Aktenstucke zur Geschichte des Landeskirchenthums in 
Jiilich. 1. Befehl des Herzogs Wilhelm an Johann von Palant (1478, August 2), 
„die paffenmede in unsem ampt van Wilhemstein ind ouch zo Pirre up zo 
doin brechen of si in gefenckniss zo setzen". 2. Gutachtcn der SchSffen zu 
Jiilich (prasentirt 1522, Mai 21) iiber die Mafiregeln zur Verminderung der 
grossen Zahl arraer Geistlichen. 

10. Neues Archiv fiir Sachsische Geschichte und Altertumskunde, Bd. X 
(1889), S. 177—215: G. Ermisch, Die sachsischen Stadtbiicher des Mittel- 
alters, erwahnt S. 207 der Abschrift einer Urkunde Heinrichs, Herrn zu 
Plauen, und des Raths wegen der Schuld von drei Plauenschen Biirgern gegen 
zwei Aachener Burger vom Jahre 1392 in einem (1388). angelegten Stadtbuch 
der Stadt Plauen i. V. im Rathsarchiv daselbst. 

11. Krieg, Literarische Rundschau, Jahrg. XV (1889), Nr. 11, Sp. 341 f. : 
Tucking, Anzeige von F. J. Kelleter, Die Landfriedensbiinde zwischen Maas 
und Rhein im 14. Jahrhundert. Bemerkt wird hier, dass im Stadtarchiv zu 
Neuss, das iiber 1000 (nicht 11, wie es in Ilgens Rheinischem Archiv S. 177, 
Nr. 151 heisst) Urkunden besitze, audi eine solche iiber den Anschluss der Stadt 
Neuss an den Landfrieden vom 30. Juni 1366 sich vorfinde. Ueber Kelleter s 
Schrift vgl. auch J. Schwalm, Die Landfrieden in Deutschland unter Ludwig 
dem Baiern (!) S. 12, Anm. 1. 

12. Berichte des Freien deutscheh Hochstiftes zu Frankfurt am Main, 
N. F., Bd. V (Jahrg. 1889), Heft 1, S. 1—10: V. Valentin, Alfred Rethel. 
Mit Originalzeichnung Rethels: Gebet der Schweizer .vor der Schlacht bei 
Sempach. 

13. Studien und Mittheilungen aus dem Benedictiner- und dem Cister- 
cienser-Orden, Jahrg. X (1889), S. 486—494: H. Hofer, Die Benedictiner- 
stiftungen in den Rheinlanden. Zusatze und Nachtrage, betreffen u. A. 
Kornelimunster und Stablo. (Vgl. diese Zeitschrift X, S. 266, Nr. 15.) 

14. Mittheilungen des K. K. Oesterr. Museums fiir Kunst und Industrie, 
N. F., Jahrg. Ill (1888), S. 262: Fr(immel), Anzeige von Bd. IX der Zeit- 
schrift des Aachener Geschichtsvereins. — Jahrg. IV (1889), S. 444: Franz 
Ewerbeck (f 17. Juni 1889). Kurzer Nekrolog. 

15. Architektonische Rundschau, 1888, Lief. 8: F. Ewerbeck, Kon- 
kurrenzprojekt fiir die Wiederherstellung des Rathhauses in Aachen. 

16. Meyer und Paris, Romania. Recueil trimestriel consacre a l'etude 
des langues et litteratures Romanes, t. XVII, p. 542, t. XVIII, p. 209 und 
t. XIX, p. 73: M, Wilmotte, Etudes de dialectologie wallonne, 



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Aus Zeitschriften. 341 

17. Bijdragen en mededeclingen van het Historisck Genootschap geves- 
tigd te Utrecht, deel XI (1888), p. 1—69: S. Muller, Gedenkschriften van 
Ihr. Herberen van Mijnden (f urn 1552), enthalt (S. 63 ff.) Nackriekten tiber 
die Verwtistungen des Jlilicker Lands (Jiilick, Heinsberg, Sittard, Hambach) 
in dem Kriege Karls V. mit Frankreick, 1542 und 1543. 

18. Dietscke Warande, Tijdsckrift voor Kunst en Zedegesckiedenis, 
N. R., Jaarg. I (1887/88), p. 583—594: R. Pick, Hoe vroolijk een officieel 
verblijf te Brussel was, omtrent 1781; naar ket kandsckrift van eenen oog- 
getuige, besckreibt die Rcise einer Aackener Deputation (sie bestand aus den 
beiden Biirgermeistern Xaver Josepb von Rickterick und Heinrick Josepk von 
Tkimus nebst dem Stadtsyndikus J. J. Denys) nack Brussel und ikren Empfang 
bei der Herzogin Maria Ckristine und deren Gemakl Prinz Albert von Sacbsen- 
Tescken, sowie bei dem damals dort auf der Durckreise verweilenden Kaiser 
Josepk II. 

19. De Maasgouw, Orgaan voor Liraburgscbe Gesckiedenis, TaaU en 
Letterkunde, Jaarg. XII (1890), No. 10, p. 38—40: E. Rosenkrantz, Eenige 
stukken betrekking kebbende op Limburg zick bevindende in ket arckief der 
stad Keulen, mit Nackriekten liber die Aackener Sckbffenfamilie von Moircke, 
insbesondere Barbara v. M. (Tockter des Sckoffen Reinkard v. M. [f 1412] 
und Bella von Punt), die in erster Eke mit Jokann von Peterskeim, Herrn 
von Stevensweert (f vor Sonntag nack Ostern 1418), und in zweiter Eke 
(um 1419) mit Jokann von Palant verkeiratket war. 

20. Sckniitgen, Zeitsckrift fur ckristlicke Kunst, Jakrg. Ill (1890/91), 
S. 202 f.: Ckr. Sckneiders, Spatgotkisckes Glasgemalde in der Pfarrkircke 
zu Drove. Mit Abbildung. 

21. Jabrbiicber des Vereins von Altertkumsfreunden im Rkeinlande, 
Bd. LXXXIX, S. 243: Das Reiterstandbild Karls des Grossen. Spater Abdruck 
eines Artikels aus der Kolniscken Zeitung vom 10. April 1890, Bl. II, worin 
der in jungster Zeit erkeblick ersckutterten Ansickt Wolframs tiber die Zeit 
der Anfcrtigung des Reiterbilds beigepflicktet wird. (Vgl. oben S. 339, Nr. 6.) 

22. Brendicke, Der Sammler, Jakrg. XII (1890), Nr. 11, S. 124—126: 
Br., Die Portratdarstellungen Karls des Grossen. Bespreckung der unter 
diesem Titel ersckienenen Sckrift von P. Clemen (Sonderabdruck aus Bd. XI 
und XII der Zeitsckrift des Aackener Gesckicktsvereins). 

23. Berickt uber die Verwaltung und den Stand der Gemeindeangelegen- 
keiten in der Stadt Linnick pro 1889/90 (erstattet durck Biirgermeister 
Rotkkekl), mit Besckreibung der am dortigen Ratnkaus befindlicken zwei 
Wappen und Verzeickniss der dem stadtiscken Arckiv sckenkungsweise zu- 
gewandten (26) Urkunden. 

24. Der Stadt- und Landbote (Linnicker Anzeiger), Jakrg. 1890, Nr. 
42—45, 49, 55, 57, 59 und 61: Die St. Sebastianus-Brudersckaften und ikre 



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342 Aus Zeitschriften. 

Geschichte, berttcksichtigt insbesondere die St. Sebastianus-Bruderschaft in 
Linnich. 

25. Miinstereifeler Zeitung, Jahrg. 1887, Nr. 27—35, 37—41 und 43: 
J. P(ohl), Zur Geschichte der St. Sebastianus-Bruderschaft oder Schiitzen- 
gesellschaft der Stadt Miinstereifel, wurde am 7. September 1487 durch 
Herzog Wilhelm III. von Jiilich-Berg bestatigt. (Die beztigliche Urkunde 
ist nach dem Original in Nr. 32 und 33 mitgetheilt.) 

26. Aus Aachcns Vorzeit, Jahrg. II, Nr. 2—8, S. 17—20, 33—37 und 
49—53: S. Planker, Die Pfarrcr von St. Peter in Aachen. — S. 21—26: 
E. Pauls, Zur Granussago. — S. 26—30: C. Rhoen, Die Aachener Stadt- 
plane. (Schluss.) — S. 31—32: R. Pick, Eine Aachener Silbermiinze von 
1419; Die Bruderschaft der Wollenweber-Gesellen in Aachen. — S. 37—42: 
K. Wieth, Zur Erklarung des Namens Marschierstrasse. — S. 43—44: A. 
Cur tins, Die Rethelschen Fresken im Rathhaussaale zu Aachen. — S. 44: 
R. Pick, Heinrich Copzoo. — S. 44—45: E.Pauls, Eine Bescheinigung des 
Vorstands der Aachener Backerzunft 1647. — S. 53—60: E. Pauls, Der 
Luftschiffer Franz Blanchard zu Aachen im Jahre 1786. — S. 61: B. M. 
Lersch, Der erste Buchdrucker in Aachen; Meteorstein oder Hagelstein? 
Aachener Tuch; Karl d. Gr. im Bade. — S. 61—62: H. Schnock, Eine 
Aachener Wachtordnung aus dem Jahre 1759. — S. 65—74: B. M. Lersch, 
Aquisgrani? — S. 75—77: E. Pauls, Ein Aachener Schuldrama des 18. Jahr- 
hunderts. — S. 77—80: H. Schnock, Nachgrabungen in Cornelimiinster nach 
dem Grabe des h. Benedikt von Aniane. — S. 80: K. Wieth, Der Vogelfang 
bei Maxen, den 20. und 21. November 1759. — S. 81—89: C. Rhoen, Zur 
Baugeschichte des Grashauses. — S. 89—91 : C. W. Menghius, Zur Geschichte 
der Aachener Patrizierhauser. — S. 91—94: C. Boehmer, Kornpreise in 
Aachen in den Jahren 1560—1628 und 1708—1713. — S. 94—96: K. Wieth, 
Ausgrabungen auf dem Stephanshofe, der Prinzenhofkaserne und in der 
Korneliusstrasse. (Mit Skizze.) — S. 96—108: H. Kelleter, Namen in Aachen. 
— S. 108 — 112: C. Boehmer, VerhaltungsmaBregeln in Pestzeiten. — S. 
113—123: K. Wieth, Das Landschiff von Cornelimiinster im Jahre 1133. — 
S. 123—124: K. Wieth, Der Rodensteiner. — Jahrg. Ill, Nr. 1—5, S. 1—11, 
17—24 und 33 — 41: K. Wieth, Das Tagebuch des Aachener Stadtsyndikus 
Helchior Klocker von 1602—1608. (Vgl. oben S. 332, Anm. 1.) — S. 11—12: 
B. M. Lersch, Grani und die Granier. — S. 13: B. M. Lersch, Porcetum 
Eorseti's Cultusstatte? — K. Wieth, Schutzbrief des General-Feldmarschalls 
Johann von Werth fur das Gut Schonau bei Richterich (1642). — S. 14: K. 
Wieth, Eine Chirurgenrechnung aus dem Jahre 1764. — B. M. Lersch, 
Die romischen Bader zu Bath in England; Schiffer in Aachen; DasBadekalb; 
Die Grabschrift des Gerhard Chorus. — S. 25—31, 41—46 und 71—78: H. 
Kelleter, Namen in Aachen. - S. 31— 32: K. Wieth, Die Belagerung von 
Lille. — S. 47: H. Kelleter, Arnold Merkator. — K. Wieth, Buschordnung 
von Broich bei Jiilich. — S. 48: Schollen, Aachener Raths-Edikt (1669) 



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Aus Zeitschriften. 343 

betreffend die Arbeitszeit der „Werkleute". — S. 49—54: H. Schnock l Der 
Beguinenconvent „Stefanshof". — S. 54—61: C. Wacker, Zur Geschichte 
der Stadt Aacben im Jahre 1793. (Stepban Beissel und General Dampierre.) — 
S. 61 — 63: C. Wacker, Ein republikanisches Siegesfest in Aacben (16.Febr. 
1795). — S. 63—64: B. M. Lersch, Kockerellstrasse? Kompbausbadstrasse ? 
Druffnas; Bendelstrasse. — S. 65 — 68: C. Wacker, Die Bevolkerung Aachens 
seit deni Ausgange des vorigen Jahrhunderts. — S. 68— 71: M. Schollen, 
Eine Recbnung der Aacbener Kupferschlager-Zunft fiir das Jahr 1770. — 
S. 79-80: H. Scbnock, Nachgrabungen in Cornelimiinster nach dem Grabe 
des h. Benedikt von Aniane. (Schluss.) — S. 80: H. Schnock, Fund 
auf dem Dabmengraben (in Aacben). 

27. Aachener St. Josepbs-Kalender, Jabrg. VI (1890), S. 135-151: 
(J. Pschinadt,) Die Aachener Arbeiterunruhen vora Jabre 1830. [Am 11. 
April 1831 ubersandte Kbnig Friedrich Wilhelm III. der Aachener Burgerschaft 
sein Bildniss „als ein dauerndes Denkmal seiner Erkenntlichkeit fiir das 
riihmliche und muthvolle Beuehmen, womit sie den am 30. August 1830 aus- 
gebrochenen Aufruhr unterdriickt und die bffentlicbe Ruhe und Ordnung 
hergestellt habe".] 

28. Echo der Gegenwart, Jabrg. 1890, Nr. 87, Bl. I: Das Reiterbild 
Karls d. Gr. — Nr. 105, Bl. IV: Die Kreuzgange des Aachener Ministers 
und ihre bevorstehende Wiederherstellung. — Nr. 114, Bl. I und II: Aachen 
und seine Bauwerke aus alter und neuer Zeit. — Nr. 150, Bl. Ill: Die Aus- 
stellung des Zeitungsmuseums gelegentlich des 450jabrigen Jubilaums der 
Buchdruckerkunst ; unter den aufgelegten Schriften eine Ausgabe des neuen 
Testaments gedruckt zu Aachen bei Hans de Braker 1573, der alteste bisher 
bekannte Aachener Druck, und Carolus imperij et fidei propagatione Magnus 
von 1699, das alteste bis jetzt bekannte Aachener Schuldrama. — Nr. 154, 
Bl. I: Stepban Horchem (seit 1639 Prior des Klosters Eeichenstein, f 1686). 
— Nr. 183, Bl. II: (Pauls,) Das Reiterstandbild Karls d. Gr. — Nr. 246, 
Bl. Ill: B., Johannes Schulz und sein Werk iiber den „byzantinischen 
Zellenschmelz". Letz teres wurde auf Kosten des russischen Staatsraths von 
Swenigorodskoi in 300 numerirten Exemplaren gedruckt. 

29. Literarische Beilage zura „Echo der Gegenwart", Jahrg. 1890, 
Nr. 17: Anzeige von Bd. XI der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins. 

Loersch. Pick. 



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Fragen. 



1. In Bd. VI, S. 60 dieser Zeitschrift wird das jetzt mit Nr. 41 
bezeichnete Eckhaus auf dern Markt zu Aachen als dasjenige genannt, in 
welchem die im Gaffelbrief von 1450 erwahnte Zunft „Pontort" sich zu 
versammeln pflegte, wahrend bei H. A. von Ftirth, Beitrage und Material 
zur Geschichte der Aachener Patrizier-Familien I, S. 393 das gegeniiber 
liegende Eckhaus (Markt Nr. 43, vormals Wilder Mann) neben dem Schwarzen 
Adler (jetzt Nr. 45) als solches angegeben wird. Was ist richtig? P. 

2. Wann ist der Aachener Geschichtschreiber Johann Noppius gestorben? 
Gibt es ein Bild von ihm? P. 

3. Auf dem Titelblatt seiner 1783 zu Kbln erschienenen „Encyclopadie 
oder Saramlung von Schriften liber verschiedeue Theile der Gelehrsarakeit" 
neniit sich der bekannte Kunst- und Alterthiimer-Sammler J. W. C. A. Frei- 
herr von Hupsch „Herr zu Krickelshausen und auf der Motte". Krickels- 
hausen ist das jetzige „Kleine-Haus" zu Lontzen im Kreis Eupen, wo liegt 
aber die Motto? P. 

4. Im Jahre 1430 schreibt die Aachener „gaffel ind geselschaff van 
Leewenstcyn" (nicht zu verwechseln rait der von Lbwenberg) an Konig 
Sigismund. liber den zwei Jahre vorher daselbst stattgehabten Auf stand der 
Burger gegen den Rath (Original im Stadtarchiv zu Aachen; vgl. H. A. von 
Furth a. a. 0. I, S. 52). Dieser Zunft geschieht im Gaffelbrief von 1450 
keine Erwahnung. Haben sich sonstwo Nachrichten iiber sie erhalten? P. 

5. Welcher Tag ist mit dem „weissen Freitag" gemeint? P. 

6. In Jiilich fiihrt eine Strasse angeblich von einem vormals darin 
gelegenen „grunen Haus tt den Namen „Grunstrasse". Auch in Diirwiss bei 
Eschweiler heisst so eine Strasse, die nach der Sage ihre Benennung daher 
erhalten haben soil, dass sie im 16. Jahrhuudert infolge der Pest ganzlich 
ausgestorben und langere Zeit von Niemand betreten Avorden sei, so dass 
Gras daselbst gewachsen ware (Kaltenbach, Der Regierungsbezirk Aachen 
S. 213). Wahrscheinlich kehrt dieser Strassennamc auch noch anderwarts 
wieder. Wie ist er zu erklaren? P. 

7. Woher stammt der beriihmte Schulmann „Mathias Paludanus Veu- 
radensis" ? Aus dem Dorf Venrath bei Erkelenz odor aus Veuraai im Bezirk 
Roermond? Wie lautet dor deutsche Name dieses Mannes? P. 

8. Wann und wie gelangten die Aachener Bader im Mittelalter in das 
Eigenthum der Stadt? P. 



Druck von Herm. Kaatzer in Aachen. 



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